Wie in Teil 1 angekündigt, soll es in diesem zweiten Teil des Artikels um die beiden weiteren Kritikpunkte an der inflationären Verwendung von Formulierungen gehen, die das Wort „Trigger“ enthalten.
Problem 2: Der fehlende Informationsgehalt
Das zweite Problem mit Formulierungen wie „XYZ hat mich getriggert“ ist ebenso offensichtlich wie frustrierend: Aussagen wie diese haben einen Informationsgehalt, der gegen Null geht. Wenn Sie so etwas hören, wissen Sie weder, was genau am Verhalten der anderen Person etwas ausgelöst hat, noch (und das ist das Schlimmste), WAS für ein Gefühlszustand denn eigentlich ausgelöst wurde. Kurzum: Sie wissen auf Basis einer solchen Aussage rein GAR NICHTS. Den gleichen Informationsgehalt haben übrigens (auch überzufällig häufig in sozialen Berufen verwendet) Äußerungen wie „Das hat etwas mit mir gemacht“ – auch hier zwingt sich unweigerlich die Gegenfrage auf: „Ja, und WAS?“. Vor nicht einmal zehn Jahren, so meine Erinnerung, waren Menschen da noch deutlich differenzierter unterwegs und waren in der Lage, sich präziser auszudrücken. Da verwandte man noch so altmodisch-eindeutige Formulierungen wie „Das hat mich traurig gemacht“, „Da habe ich mich geschämt“, „Das hat mich auf die Palme gebracht“ oder „Das hat mich richtig geärgert“. Selbst Formulierungen wie „Das hat mich berührt“, „Das hat mich aufgebracht“ oder „Das ging mir nahe“ sind immer noch um einiges klarer als irgendeine, die das Wort „Trigger“ enthält.
Problem 3: Die inadäquate Verwendung des Begriffs „Trauma“
Das dritte und letzte Problem an der nun viel zitierten Äußerung ist, dass der Begriff „Trigger“ quasi untrennbar mit dem Konzept des Traumas verwandt ist und aus der wissenschaftlichen Erforschung der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) herrührt. Als „Trigger“ wird in den aktuell etablierten Erklärungsmodellen der PTBS nämlich ein Reiz (alle Sinnesqualitäten können betroffen sein, also z. B. ein Geräusch, etwas Sichtbares oder auch ein Geruch) bezeichnet, der neuronal in besonders starker Weise mit der Trauma-Erinnerung (z. B. an eine Vergewaltigung) assoziiert, d. h. verknüpft ist, weil, z. B. bei einer Vergewaltigung, der Täter jenen Geruch an sich hatte und währenddessen bestimmte Geräusche zu hören waren. Aufgrund der neuronalen Besonderheiten einer Trauma-Erinnerung (starke Verknüpfungen innerhalb der Elemente der Erinnerung, dabei aber vom restlichen Gedächtnis auffällig „abgekapselt“) kann ein solcher Trigger-Reiz dann, und zwar unmittelbar und weitgehend ohne bewusste Verarbeitung der betroffenen Person, die gesamte Trauma-Erinnerung aktivieren. Das wiederum bedeutet: Es kommt zu einer Form des Wiedererlebens, d. h. es können 1:1 dieselben Gefühlszustände wie während des Traumas inkl. der assoziierten Körperempfindungen auftreten, aber natürlich auch bildhafte Erinnerungen an das Trauma schlagartig ins Bewusstsein treten (bei statischen Bildern spricht man von „Intrusionen“; werden hingegen ganze Szenen des Traumas in bewegten Bildern und „wie im Hier und Jetzt“ erlebt, nennt man dies „Flashback“). Zusammengefasst spricht man hierbei, wie schon erwähnt, von „Wiedererleben“, was das wichtigste Diagnosekriterium einer PTBS ist. Oft, (nämlich dann, wenn die Wucht der Gefühle zu heftig wird), kommt es bei einem Trigger-Ereignis auch dazu, dass die betroffene Person nicht mehr ansprechbar und scheinbar vom Hier und Jetzt abgekoppelt ist. Das nennt man „Dissoziation“ und ist nach aktueller Lesart der Wissenschaft als Schutzmechanismus des menschlichen Organismus zu begreifen, der, evolutionsbiologisch eingeordnet, einer „Freezing-Reaktion“ (als dritte Option neben „Fight“ und „Flight“, also neben Kampf und Flucht) gleichkommt.
DAS, und nur das, ist gemeint, wenn Fachleute sagen: „Die Patientin wurde getriggert“. Wenn man nun aber anfängt, sämtliche unschönen biographischen Prägungen, von denen wohl die Mehrheit der Menschheit welche haben dürfte und die bei uns allen andauernd das gegenwärtige emotionale Erleben mitbeeinflussen, „Trauma“ zu nennen, ist das nach meiner Auffassung gegenüber Betroffenen mit einer PTBS respektlos und unsensibel. Und es ist auch überhaupt nicht nötig, denn wenn im Laufe einer Therapie deutlich wird, dass bestimmte biographische Prägungen eine relevante Rolle in der vorliegenden Störung spielen, war auch schon vor der Social Media-getriebenen Ausweitung des Traumabegriffs allen Psychotherapeut:innen völlig klar, dass man diese psychotherapeutisch bearbeiten sollte. Und nicht zuletzt hat es ja einen sehr guten Grund, warum die Diagnosesysteme (namentlich das DSM-5 und das ICD-10 bzw. sein werdender Nachfolger ICD-11) ziemlich klar definieren, was ein Trauma ist. Das wurde und wird zwar auch immer weiter aufgeweicht (und ja, ich bin mit der Liste auch nicht ganz einverstanden, was sicher auch daran liegt, dass ich in der mündlichen Gruppenprüfung meines Staatsexamens mit dieser Frage kalt erwischt wurde), aber noch immer listet das DSM-5 letztlich nur tatsächlichen oder drohenden Tod, schwere Verletzung und sexuelle Gewalt, entweder selbst erlebt oder bei einer anderen Person beobachtet, als mögliche Erlebnisse, die ein Trauma sein können – mehr nicht. Es wäre also durchaus klug und außerdem respektvoll ggü. PTBS-Betroffenen, hier verbal etwas abzurüsten, anstatt alle Arten von unschönen Erinnerungen in einen Topf zu werfen und den „Trauma“-Aufkleber draufzupappen. Meine Vorschläge für eine das Wort „Trauma“ umgehende Formulierung wären übrigens, ganz schlicht, „negative biographische Prägung“, etwas malerischer, „wunder Punkt aus der eigenen Geschichte“ oder, noch einfacher, „belastende Erinnerung“. Klingt doch eigentlich viel hübscher als die T-Wörter, oder?
Fun fact am Rande: Anders als mache selbst ernannten „Mental Health-Influencer:innen“ Sie vielleicht glauben machen wollen, ist eine PTBS sehr wohl ein Anlass für eine Psychotherapie, das alleinige Erleben eines Traumas (auf das in nur in einer Minderheit (!) der Fälle überhaupt eine PTBS folgt) aber nicht. Tatsächlich wäre es enorm schädlich und somit zutiefst unethisch, Menschen, die zwar ein Trauma erlebt haben, aber keine PTBS-Symptome und auch sonst keine Anzeichen für eine psychische Störung zeigen, einzureden, dass ihnen „ganz Schreckliches widerfahren“ sei, das man „doch nicht ohne Hilfe verarbeitet haben“ kann. So schafft man ein Problem, ohne dass es je eins gab, und tut es meistens, um die eigene, natürlich selbst zu zahlende „Behandlung“ zu verkaufen. Die meisten echten Psychotherapeut:innen würden das nicht tun und dürfen es aufgrund der Vorgaben ihrer Berufsordnung auch nicht. Aber für nicht geregelte, „unechte“ Pseudoheilberufe wie „Trauma-Coaches“ und Co. gibt es eben keine Berufsordnung und somit auch kaum Regeln, was traurig und bedenklich, aber leider der Stand der Dinge ist. Daher ist hier größte Vorsicht geboten!
Ich hoffe, ich konnte hiermit zumindest ein wenig dazu beitragen, für die unangemessene Verwendung jener T-Wörter zu sensibilisieren und für die Rückkehr zu wunderbaren Alternativformulierungen, die gar nicht neu erfunden werden müssen, zu werben. Und sollte Sie etwas an meinem Artikel verärgert haben, dann benennen Sie es bitte auch so und sagen Sie nicht einfach „Der Rupp hat mich getriggert“. Vielen Dank.
© Dr. Christian Rupp 2026
