Liebe Abonnentinnen und Abonnenten,
vielleicht erinnern Sie sich an meinen Blogpost vom 4. Februar. Trauriger Anlass dieses neuen Beitrags ist, dass am 11.03.26 tatsächlich vom Erweiterten Bewertungsausschuss, in dem sich der GKV-Spitzenverband durchsetzen konnte, beschlossen wurde, die Vergütung für alle psychotherapeutischen Leistungen pauschal um 4,5 % zu kürzen, und zwar ab dem 01.04.26. Und das, während in sämtlichen anderen Branchen die Löhne um einen vergleichbaren Faktor steigen und vier Jahre Inflation hinter uns liegen, in denen das Leben insgesamt um 16 % teurer wurde. Wie fänden Sie es, wenn man Ihnen ab nächstem Monat einfach 4,5 % Ihres Gehalts streichen würde?
4,5 % Kürzung mag im Vergleich zu den angedrohten 10 % nach einem glimpflichen Ausgang klingen (und genau das war auch sicherlich die Taktik) – aber so ist es nicht. Zum einen lautet die Botschaft der Krankenkassen somit ganz klar: „Psychotherapie ist nicht so wichtig, da muss man nicht so viel für zahlen“. Es bedeutet aber auch sehr konkret, dass die Wirtschaftlichkeit vieler psychotherapeutischer Praxen auf der Kippe steht, Jobs von Praxisangestellten gefährdet sind – und letztlich gesetzlich Versicherte in Zukunft noch schlechtere Chancen auf einen Psychotherapieplatz haben werden, als sie es jetzt schon haben.
Denn der Hintergrund des Ganzen ist wirklich unfassbar: Ausgerechnet der Verband, der die Interessensvertretung der gesetzlich Versicherten sein soll (der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen, kurz „GKV-Spitzenverband“, Leser meines Buchs kennen ihn schon gut), beschließt nach Jahren der Inflation und der Krisen, zu deren Bewältigung Psychotherapeuten maßgeblich beigetragen haben, nicht nur eben dieser Berufsgruppe – die ohnehin schon seit jeher das Schlusslicht unter den Facharztgruppen hinsichtlich der Vergütung darstellt – den Mittelfinger zu zeigen. Sondern sie kehrt sogar ihren eigenen Versicherten den Rücken zu und verrät sie genau so wie die Leistungserbringer, d. h. die Psychotherapeuten. Denn (was viele nicht wissen): Während Psychotherapeuten lange Zeit die einzige Facharztgruppe waren, die für gesetzlich und privat Versicherte ähnlich gut vergütet wurden, sodass es im Bereich der Psychotherapie quasi keine Diskriminierung zwischen gesetzlich und privat gab, gehört das mit dieser Entscheidung ab sofort der Vergangenheit an.
Warum ist das so? Ganz einfach: Wenn Psychotherapeuten sich nun vor dem finanziellen Kollaps retten wollen, geht das angesichts der abgesenkten Vergütung für gesetzliche Versicherte aus wirtschaftlicher Sicht nur, indem Therapieplätze an privat Versicherte vergeben werden – mit der Konsequenz, dass gesetzlich Versicherte in Zukunft noch länger warten werden als ohnehin schon. Als Psychotherapeut mit Kassenzulassung, der seinen Versorgungsauftrag sehr ernst nimmt und somit seinen Teil des „Deals“ erfüllt, habe ich das Vertrauen in die gesetzlichen Krankenkassen ehrlich gesagt nachhaltig verloren, nachdem diese offenkundig nicht mehr bereit sind, ihren Teil des Deals – eine faire Vergütung – zu erfüllen. Und wäre ich gesetzlich krankenversichert, würde ich mir in der Patientenrolle ähnliche Fragen stellen. Ob das wiedergutzumachen ist? Gesetzliche Versicherte können ihr herzliches Dankeschön für diese Entscheidung gerne direkt an Ihre angebliche Interessensvertretung richten, d. h. den GKV-Spitzenverband. Es gibt sogar ein Kontaktformular:
https://www.gkv-spitzenverband.de/kontakt/kontakt
Übrigens: Ich möchte gar nicht in Abrede stellen, dass das System der gesetzlichen Krankenkassen ungefähr so marode ist wie eine durchschnittliche deutsche Schultoilette – und gespart werden muss. Fair enough – aber ganz sicher nicht in dem Bereich, der bereits seit Jahren von Mangel gekennzeichnet ist und auf dessen einer Seite eine hochgradig verletzliche Patientengruppe steht, während auf der anderen Seite eine Berufsgruppe zu finden ist, die gegenüber allen anderen Facharztgruppen schon immer finanziell das Nachsehen hatte, über die schwächste Lobby verfügt und sich somit am schlechtesten gegen solche Maßnahmen wehren kann. Man fragt sich dabei doch tatsächlich, was das für Menschen in diesem Gremium sind, die allen Ernstes denken, sie träfen eine „gute Entscheidung“, wenn sie sich gegen diese Berufsgruppe und diese Patientengruppe wenden. Es ist nicht schwer, sich auszurechnen, dass in anderen Bereichen deutlich mehr einzusparen wäre. Nichts an dieser Entscheidung ist „gut“: Sie ist hochgradig ungerecht, sie stößt Patienten ebenso wie Leistungserbringer vor den Kopf, sie zerstört Vertrauen- und sie beinhaltet ein fatales Signal über den Wert, der der Arbeit von uns Psychotherapeuten zugesprochen wird.
Die gute Nachricht: Da wir in einer Demokratie leben, können wir etwas dagegen tun, indem wir unsere Stimme erheben und die vollkommen angemessene Empörung hierüber in die Öffentlichkeit tragen. Deshalb meine große Bitte an Sie alle: Bitte machen Sie so viele Menschen wie möglich auf das Problem aufmerksam und unterschreiben Sie diese neue Petition. Unsere Berufsverbände, die tapfer für unsere Interessen kämpfen (weitaus besser, als das der GKV-Spitzenverband für die gesetzlich Versicherten tut), prüfen derzeit die Möglichkeit einer Klage sowie einer Beschwerde beim Bundesgesundheitsministerium. Je größer der öffentliche Druck, desto eher kann dieses Vorhaben am Ende noch gestoppt werden. Und wenn Sie Freude dran haben, dann schicken Sie ruhig auch eine Dankeskarte an den GKV-Spitzenverband.
Hier geht es zur Petition:
Bitte leiten Sie diese Petition an so viele Menschen wie möglich in Ihrem Umfeld weiter und teilen Sie sie, so oft Sie können.
Im Namen aller hiervon Betroffenen erneut ein ganz herzliches DANKESCHÖN.
Ihr
Dr. Christian Rupp
