In diesem Teil der Artikelreihe widme ich mich den beiden noch fehlenden Wender-Utah-Kriterien, nämlich Desorganisation und Impulsivität. Während letztere als Phänomen in ähnlicher Weise bei der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung sowohl vom Borderline-Typ (kurz „Borderline-Störung“, F60.31) als auch vom impulsiven Typ (F60.30) auftritt, gilt dies nicht in gleichem Maße für das Thema Desorganisiertheit, das eher typisch für die ADHS ist. Beiden Wender-Utah-Kriterien ist gemeinsam, dass sie im Grunde keinen eigenständigen, primären Symptombereiche darstellen, sondern vielmehr aus anderen, primären Symptomen resultieren – vor allem den Aufmerksamkeitsstörungen und der Überaktivität/Rastlosigkeit (siehe Teil 2) sowie der affektiven Labilität (siehe Teil 3) – oder aber als Bewältigungsversuche der Primärsymptome aufgefasst werden können.
Desorganisation
Dieser Symptombereich resultiert einerseits direkt aus den Aufmerksamkeitsstörungen (Ablenkbarkeit, schnelles Wechseln des Fokus, etc.) und aus der affektiven Labilität (Instabilität der Gefühls- und der Motivationslage) – und stellt andererseits eigentlich Bewältigungsstrategien für eben diese dar. Mit „Desorganisation“ ist gemeint, dass Betroffene typischerweise große Schwierigkeiten haben, sich zu organisieren, den Tag zu strukturieren und realistisch einzuschätzen, wie viele Aufgaben Sie an einem Tag schaffen – was dann nicht selten vor allem in der zweiten Tageshälfte zu Stress aufgrund von Zeitdruck und dann (wir erinnern uns an das Symptom der Stressintoleranz) gerne mal in eine emotionale Krise führen kann, wenn Dinge nicht funktionieren. Neuerer Forschung zufolge scheint es zudem so zu sein, dass ADHS-Betroffene tatsächlich über eine andere Zeitwahrnehmung als Nichtbetroffene verfügen, was dazu führt, dass sie zu falschen Einschätzungen darüber gelangen, wie lange bestimmte Dinge dauern, wie viel Zeit sie noch haben und wofür sie vielleicht (meistens aber eher nicht) noch Zeit haben – mit dem Ergebnis, dass Betroffene nicht selten dauerhaft unter Zeitdruck stehen, vieles „auf den letzten Drücker“ erledigen und dadurch noch mehr Stress erzeugen, als sie ohnehin schon haben. Eine direkte Folge der Aufmerksamkeitsstörungen ist außerdem die Vergesslichkeit, die sowohl Termine als auch Gegenstände (Handy, Schlüssel, etc. verlegen und sie laufend suchen, etc.) betreffen kann und natürlich ebenfalls das Stresserleben steigert.
Prototypisch ist, dass Betroffene, zumindest für Außenstehende (aber interessanterweise nicht aus der Eigenperspektive heraus) ihre Aufgaben in scheinbar erratischer Weise erledigen, d. h. mehrere Dinge gleichzeitig erledigen und halb erledigte Dinge stehen lassen, um etwas anderes anzufangen. Macht man sich das Symptom der Aufmerksamkeitsstörungen bewusst, ist das allerdings sofort nachvollziehbar, denn: Im Kopf der Betroffenen ploppen ja ständig neue Ideen der Sorte „Ach ja, ich muss ja auch noch die Wäsche abhängen“ auf – und da sie selbst wissen, dass sie sonst Gefahr laufen, diese genauso so schnell wieder zu vergessen, machen sie es direkt und lassen das liegen, was sie gerade tun – sprich: Es handelt sich eigentlich um eine Bewältigungsstrategie. Passiert jedoch dasselbe beim Abhängen der Wäsche („Ach ja, ich muss noch die Polster reinholen, weil Regen angesagt ist“), kann es sein, dass auch die Wäsche liegengelassen wird, um dann nach draußen zu gehen, wo man dann wiederum die Polster vergisst, weil man feststellt, dass die Lieblingspflanze gerade wieder von Nacktschnecken heimgesucht wird, die man erst mal entfernen muss. Und kommt man dann als Betroffener wieder rein, sucht man auch noch sein Handy, das man halbbewusst mit in den Garten genommen und dort irgendwo abgelegt hat, weil man ja eigentlich beim Reinholen der Polster noch die Sprachnachricht der Freundin abhören wollte, aber dann das Handy auf der Buchsbaumhecke abgelegt hat, um eine Hand für Nacktschnecken frei zu haben. Sprich: Aus der Sicht der Betroffenen ist dieses scheinbar erratische Vorgehen durchaus logisch, aber für Außenstehende sieht es nach purem Chaos auf. Man erkennt also ganz gut, wie sich die Desorganisation einerseits aus den Aufmerksamkeitsproblemen, d. h. den ständig neu aufploppenden Gedanken und der (sich aus diesem Gedankenchaos ergebenden) Vergesslichkeit ergibt.
Die „andere Hälfte“ der Desorganisation ergibt sich relativ geradlinig aus der affektiven Labilität, d. h. aus der schnell wechselnden Stimmungs- und Motivationslage. Das bedeutet, dass das „Liegenlassen“ von Arbeit, mit der man gerade beschäftigt ist (also dasselbe nach außen sichtbare Symptom wie oben beschrieben), auch zur Ursache haben kann, dass diese Arbeit einem zu langweilig wird und man zu etwas anderem übergeht, weil es interessanter ist. Mit anderen Worten: Zur Desorganisation gehören auch Probleme, Begonnenes konsequent zu Ende zu führen und beharrlich „dran zu bleiben“ – ebenso wie Schwierigkeiten damit, überhaupt erst „in die Gänge zu kommen“ und eine wenig Spaß machende Arbeit anzufangen. Letzterer Punkt beschreibt im Wesentlichen das Thema Prokrastination, d. h. übermäßiges Aufschiebeverhalten, das bei ADHS-Betroffenen häufig anzutreffen ist und sich aus jenen motivationalen Besonderheiten ergibt. Es ist nicht zuletzt vor allem dieses Symptom, das dafür sorgt, dass Betroffene oft schulische Leistungen erbringen, die weit unter ihren intellektuellen Fähigkeiten liegen (denn: ADHS hat absolut nichts mit Intelligenz zu tun!), Ausbildungen abbrechen, im Studium scheitern und im Leben nichts so richtig „auf die Kette kriegen“.
Bei jenen in Teil 2 beschriebenen Menschen mit „high performance ADHD“ ist es hingegen so, dass sie vordergründig kein Organisationsproblem haben, weil sie, z. B. dank hoher Intelligenz oder einem Elternhaus, in dem ihnen beigebracht wurde, sich zu disziplinieren (ja, Disziplin ist nicht nur schlecht), gelernt haben, ihr „inneres Chaos zu zähmen“, sich zusammenzureißen und trotz der ganzen inneren Hürden gute Leistungen zu erbringen. Die Nachteile dessen sind, wie Sie aus Teil 2 vielleicht erinnern, einerseits der Verschleiß, der sich aus der fortlaufenden Erschöpfung ergibt, den diese Kompensationsstrategien mit sich bringen, und andererseits häufig eine chronische Angst davor, zu versagen. Es ist übrigens nicht selten so, dass Menschen mit „high performance ADHD“ ganz besonders organisierte Menschen sind, denen man in Sachen ToDo-Listen, Zeitmanagement und Tagesstruktur nichts vormachen kann. Schaut man bei diesen Menschen hinter die Kulissen und fragt genau nach, erfährt man mitunter auch, dass hinter dieser bisweilen zwanghaft anmutenden Art eine Angst steht – und zwar davor, zurück in das innere Chaos (inkl. Lethargie und Prokrastination) zu rutschen, von dem man genau weiß, dass es als Grundveranlagung „tief unten“ in einem schlummert und von dem man immer nur eine Haaresbreite entfernt ist. Diese Angst vor dem Abrutschen ins innere Chaos bleibt auch diesen Betroffenen meist erhalten, egal wie gut sie sich organisieren.
Impulsivität
Auch dieses Symptom ist letztlich ein Ergebnis anderer Primärsymptome: Der Affektlabilität, der Überaktivität/Rastlosigkeit und der Aufmerksamkeitsstörungen bzw., auf ganz grundlegender Ebene, ein Effekt des der ADHS insgesamt zugrundeliegenden Inhibitionsdefizits per se. Dieses führt nämlich auch dazu, dass Handlungsimpulse weniger gut unterdrückt und somit eher umgesetzt werden. Die hier gemeinte Impulsivität äußert sich zum einen in der Art zu sprechen: ADHS-Betroffene „platzen“ schon mal in Gesprächen mit ihren Äußerungen heraus (manchmal passt es zudem thematisch nicht, weil sie im Kopf schon ganz woanders sind als das Gespräch), unterbrechen ihr Gegenüber oder beenden dessen Sätze – nicht aus Unhöflichkeit oder Desinteresse, sondern weil der Impuls, dies zu tun, nicht unterdrückt wird und weil außerdem (wenn man genau nachfragt) die Betroffenen implizit wissen, dass sie die Idee, die sie äußern wollen, gleich wieder vergessen haben werden (das betrifft den Symptombereich „Aufmerksamkeitsstörungen“). Ebenfalls eine Folge der Aufmerksamkeitsstörungen ist, dass Betroffene (wenn sie zur Kompensation dessen nicht extra gewissenhaft arbeiten und sich dahingehend kontrollieren) Ihre Arbeit häufig etwas zu schnell und somit oberflächlich erledigen und wichtige Details vergessen, was zu Fehlern und daraus folgenden Problemen führen kann. Und wie man es sich denken kann: Menschen mit „high performance ADHD“ erkennt man derweil eher daran, dass sie übermäßig perfektionistisch ihre Arbeit erledigen und viel Zeit, Mühe und somit Stress für deren Kontrolle aufwenden.
Eine weitere Facette von Impulsivität ist das für ADHS sehr typische Symptom der massiven Ungeduld, was wiederum auf den in Teil 3 beschriebenen Umstand zurückzuführen ist, dass Betroffene unangenehme emotionale Zustände (auf eine Belohnung zu warten, ist per se emotional unangenehm, und mit den ADHS-typischen Besonderheiten des Belohnungssystems noch viel unangenehmer) schlechter aushalten können. Darüber hinaus umfasst das Symptom der Impulsivität auch das vorschnelle Treffen von Entscheidungen, was im schlimmsten Fall auch unüberlegtes und voreiliges Kaufverhalten betrifft, das zu finanziellen Problemen, Schulden, etc. führen kann. Daneben äußert sich Impulsivität bei ADHS- Betroffenen auch gerne mal darin, dass Betroffene sich spontan umentscheiden und eine „Rolle rückwärts“ machen, weil sich der innere emotionale Zustand oder das Bedürfnis geändert hat. Und natürlich gehören sie auch im Straßenverkehr eher zu den impulsiveren Autofahrern, was kaum jemanden überraschen dürfte.
Sichere Unterscheidung von Borderline & Co.
Wie schon in Teil 3 beschrieben, gleichen die meisten Symptome der adulten ADHS denen einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung, die allerdings in zwei Subtypen untergliedert wird – den impulsiven Subtyp (ICD-10 F60.30) und den sehr viel bekannteren und leider stark stigmatisierten (obwohl gut behandelbaren) Borderline-Subtyp (ICD-10 F60.31). Den impulsiven Subtyp von adulter ADHS zu unterscheiden, ist etwas schwieriger, weil die Symptome zu 80-90% überlappen. Wenn man sich aber klarmacht, dass die Aufmerksamkeitsstörungen (ganz klar) und auch die Desorganisation (relativ klar) spezifisch für die ADHS sind, ist die Unterscheidung nicht allzu schwer. Die Differenzierung zwischen dem Borderline-Subtyp und adulter ADHS ist derweil vergleichsweise einfach. Natürlich finden sich auch beim Borderline-Subtyp affektive Instabilität, Neigung zu emotionalen Explosionen und Impulsivität, aber auch beim Borderline-Subtyp gehören Aufmerksamkeitsprobleme nicht zu den Diagnosekriterien, was sie von der adulten ADHS eindeutig abgrenzt. Die Unterscheidung wird dadurch noch einfacher, dass beim Borderline-Subtyp diverse weitere Symptome zu den Diagnosekriterien gehören, die bei der adulten ADHS kaum auftreten. Dazu gehören das Empfinden von innerer Leere, die meist stark ausgeprägte Angst vor dem Verlassenwerden und das daraus resultierende ungesunde Verhalten in zwischenmenschlichen Beziehungen, in denen Borderline-Betroffene gerne mal zwischen Idealisierung („Ich liebe dich, bleib bei mir!“) und Entwertung („Ich hasse dich, verschwinde!“) pendeln. Und auch „exotischere“ Symptome wie Dissoziation (Entkopplung vom Hier und Jetzt), paranoide Ideen und Selbstverletzung, die bei der Borderline-Störung sehr typisch sind, wird man bei der adulten ADHS eher selten bzw. sehr viel schwächer antreffen.
So, damit kennen Sie nun alle sieben Wender-Utah-Kriterien für ADHS im Erwachsenenalter und wissen sowohl, wie man die Störung von den Subtypen der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung und bipolaren Störungen unterscheidet, als auch, wie und warum aus der adulten ADHS so oft Folgeprobleme wie depressive Episoden sowie Angst- und Zwangsstörungen resultieren. Im nächsten Teil möchte ich mich noch der Frage widmen, warum die ADHS heutzutage nicht nur einfach, sondern gleich doppelt stigmatisiert ist – und wie TikTok und Instagram dazu beigetragen haben.
© Dr. Christian Rupp 2025
