ADHS im Erwachsenenalter – Teil 6: Über Sinn und Unsinn von Behandlungsansätzen, den Begriff der Neurodiversität & Stärken von Menschen mit ADHS.

In diesem letzten Teil der Artikelreihe erfahren Sie, welche Behandlungsansätze für Erwachsene mit ADHS tatsächlich sinnvoll sind, welche Vor- und Nachteile das Konzept der Neurodiversität mit sich bringt und welche spezifischen Stärken Menschen mit ADHS auszeichnen.

In diesem letzten Teil der Artikelreihe möchte ich gerne der in Teil 5 aufgeworfenen Frage auf den Grund gehen, wie Betroffene denn nun, ohne die Diagnose der ADHS als selbstaufwertendes Etikett oder als Universalentschuldigung für unangemessenes Verhalten zu verwenden, Verantwortung für sich und ihre Probleme übernehmen können. Nun, die Antwort ist per se nicht schwer und lautet: „Indem sie sich behandeln lassen“ – in der Praxis ist das aber gar nicht so leicht. Zum einen ist es, wie in den Teilen 2, 3 und 5 beschrieben, schwierig, an einen kompetenten und zugewandten Behandler zu geraten, der einem tatsächlich hilft, anstatt einem sinngemäß zu sagen, dass man sich seine Probleme einbildet. Zum anderen sind die Behandlungsempfehlungen, die man für ADHS oft liest, ziemlich inkonkret und im Grunde nicht mehr als professionell klingende Worthülsen.

„Medikamentöse Behandlung und Verhaltenstherapie“

So lautet die gängige Empfehlung, was die Behandlungsstrategie für ADHS im Erwachsenenalter angeht. Der Informationsgehalt dieser Empfehlung läuft asymptotisch gegen Null, weshalb ich sie für Sie gerne mit Leben füllen möchte. Zunächst einmal muss man so ehrlich sein, klarzustellen, dass diese Empfehlung größtenteils zu übersetzen ist mit „Ursache bekämpfen und Symptome kompensieren“ – was bedeutet, zwei grundsätzlich verschiedene Ansätze in einen Topf zu schmeißen.

Was den einen oder anderen vielleicht verwundern wird, ist, dass ich, obwohl ich Psychologischer Psychotherapeut bin, im Falle der ADHS die medikamentöse Behandlung, am besten mittels Stimulanzien, für die primäre, ursächliche, mit Abstand wirksamste und zudem sowohl einfachste als auch kostengünstigste Methode zur Behandlung der ADHS erachte. Warum das so ist? Das ist relativ einfach: Stimulanzien gleichen, während sie wirken, meist sehr effektiv den (vereinfacht gesagt) bei ADHS vorliegenden Mangel an Dopamin in kritischen Gehirnregionen aus, der dem Inhibitionsdefizit und somit den meisten ADHS-Symptomen zugrunde liegt – was bedeutet, dass ein Großteil der (sowohl die Betroffenen selbst als auch deren Angehörige) störenden Phänomene wie gereiztes Explodieren, Abgelenktheit und emotionale Achterbahnfahrten durch Stimulanzien deutlich verringert oder sogar ganz beseitigt wird. Diesen Effekt erzielt bei einer ADHS keine Psychotherapie der Welt. Und das bedeutet, dass durch eine medikamentöse Behandlung in der Regel ein Zustand geschaffen wird, in dem gar keine Probleme mehr auftreten, die dann noch verhaltenstherapeutisch verändert werden müssen. Schon alleine deswegen ist die pauschale Empfehlung „Medikation plus Verhaltenstherapie“ de facto unsinnig.

Ein in diesem Kontext oft gehörtes, meist von Laienseite geäußertes Argument gegen die Medikation, das im Endeffekt keine Substanz hat, lautet: „Ja, aber es kann ja keine Lösung sein, dauerhaft Tabletten zu nehmen, die nur ein paar Stunden wirken“. Es ist richtig, dass Stimulanzien bei ADHS nach der Einnahme maximal 12 Stunden wirken und es somit immer Phasen am Tag und in der Nacht gibt, in der keine medikamentöse Wirkung besteht. Anders als z. B. Antidepressiva versprechen diese Stimulanzien auch gar nicht, über die Dauer der Einnahme hinaus zu wirken und dauerhaft das Gehirn „umzubauen“. Das ist aber nicht weiter schlimm. Erstens kann mit den verfügbaren Medikamenten somit die Zeit des Tages abgedeckt werden, in denen Betroffene kognitiv und emotional „funktionieren“ müssen, z. B. im Beruf – was oft ausreichend ist. Denken Sie zweitens bitte an das zurück, was ich in Teil 2 hinsichtlich „high performance ADHD“ beschrieben habe: Das, was bei hochleistenden ADHS-Betroffenen zum „Verschleiß“ führt und Leiden verursacht, ist in erster Linie die kräftezehrende Kompensation der Symptome, die diese Betroffenen hervorragend beherrschen, die aber wegen der daraus resultierenden Erschöpfung auf lange Sicht die Brücke in die Depression darstellt. Genau deswegen (man erinnere meinen Appell an die Fachkollegen: Bitte behandelt die Grunderkrankung!) profitieren auch hochleistende Betroffene meist enorm von einer Medikation, weil ihr Gehirn zumindest für die Hälfte des Tages biologische Unterstützung erhält, indem es auf das Funktionsniveau eines „Nicht-ADHS-Gehirns“ gehoben wird. Das ist deshalb ein Gamechanger, weil das bedeutet, dass die Betroffenen für die Hälfte des Tages keine Energie dafür aufbringen müssen, ihre Kompensations- bzw. Unterdrückungsmechanismen anzuwenden – sodass die vorhandene Energie für genau die Phasen ausreicht, in denen das Medikament nicht mehr wirkt, und der Verschleißeffekt durch zunehmende Erschöpfung minimiert wird. Diese Logik zu verstehen, ist gerade für diejenigen Behandler wichtig, die davon ausgehen, dass Betroffene, die objektiv betrachtet „klarkommen“, keine medikamentöse Unterstützung benötigen – was weit gefehlt ist. Wenn man sich dann noch klarmacht, dass es kaum Medikamente gibt, die weniger Nebenwirkungen verursachen oder Folgeschäden produzieren können als Stimulanzien, wird die Argumentationsbasis gegen eine medikamentöse Behandlung sogar noch dünner.

Wozu dann noch Verhaltenstherapie?

…ist deswegen eine sehr berechtigte Frage, übrigens gerade in der Arbeit mit hochleistenden ADHS-Betroffenen. Denn genau bei denen wäre es nicht nur überflüssig, sondern sogar schädlich und kontraindiziert, ihnen „noch mehr“ Kompensations- bzw. Unterdrückungsstrategien beizubringen, weil das den Druck zu noch besserem „Funktionieren“, den diese Betroffenen schon zu genüge verspüren, nur noch verstärken würde. Also bitte keine Organisations- oder Gefühlsregulationstrainings mit Menschen, die das schon gut beherrschen! Grundsätzlich muss man sich klarmachen, dass Verhaltenstherapie, anders als die Medikation mit Stimulanzien, eben nicht an der Ursache ansetzt, sondern, zumindest was die ADHS-Symptome per se angeht, nur Symptombewältigungsstrategien vermittelt, die unter einer Behandlung mit Stimulanzien meist unnötig werden.

Es gibt jedoch ein paar Aspekte, wie tatsächlich auch eine Verhaltenstherapie Menschen mit ADHS helfen kann. Natürlich kann man Betroffenen, die nicht gerade zur High-Performance-Gruppe gehören, Organisationstechniken und Methoden zur Alltagsstrukturierung „beibringen“ – denn wenn Betroffene das in ihrer Lebensgeschichte nie gelernt haben, werden sie es nicht plötzlich beherrschen, sobald sie Methylphenidat einnehmen. Wenn ich hierbei allerdings ehrlich bin, muss ich auf Basis meiner nicht unerheblichen praktischen Erfahrung einräumen, dass diese Versuche, zumindest ohne parallele medikamentöse Behandlung, nicht selten ins Leere laufen. Meiner Erfahrung nach passiert das meist aus zwei Gründen: Erstens weil Betroffene oft eine ziemliche Aversion gegenüber jeglichen „Ordnungsmaßnahmen“ verspüren (meist haben Dutzende Leute im Verlauf ihres Lebens versucht, ihnen das beizubringen, sodass das Thema negativ verknüpft ist) und zweitens weil das eigentliche Problem der Betroffenen nicht primär das Etablieren eines Ordnungssystems, sondern dessen tägliche Anwendung ist. Sprich: Im Grunde bräuchte es hier bei manchen Betroffenen, damit es etwas bewirkt, eine intensive Unterstützung vor Ort, wie beispielsweise ein Soziotherapeut es leiten könnte – aber nicht ein ambulanter Psychotherapeut.

Neben dem Thema „Organisation“ kann man mit verhaltenstherapeutischen Methoden natürlich an Strategien zur Gefühlsregulation arbeiten, um die Selbstkontrolle v. a. bzgl. Wutanfällen zu verbessern. Das tut man z. B. mit Hilfe so genannter Skills, d. h. praktischer Fertigkeiten zum Abschwächen starker Gefühle. Skills wurden ursprünglich für Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung entwickelt, funktionieren aber natürlich unabhängig von der Diagnose, also auch bei ADHS-bedingten „Atombomben“-Ereignissen. Für ADHS-Betroffene sind Skills in der Regel ab dem Moment überflüssig, ab dem sie medikamentös eingestellt sind. Dennoch haben sie natürlich ihre Berechtigung für jene Situationen oder Phasen, in denen Betroffene längere Zeit ohne medikamentöse Unterstützung sind – um auch dann einem „Explodieren“ entgegenzuwirken und das Selbstwirksamkeitserleben bzgl. der Kontrolle von schädlichen Impulsen zu steigern.

Ferner eröffnet sich in der Arbeit mit ADHS-Betroffenen, die medikamentös eingestellt sind und folglich ihre Emotionen nicht mehr ausschließlich als überfordernden Wut-Tsunami erleben, natürlich ein riesiges Fenster der Möglichkeiten, die eigenen Gefühle „unterhalb der Wut“ zu erleben und zu verstehen – z. B. Traurigkeit, Minderwertigkeit, Scham, Schuld oder Kränkung. Und sobald diese „auf dem Tisch liegen“, kann man damit wie in jeder guten Psychotherapie „intelligent“ arbeiten, d. h. erstens biographisch vorgehen und die Herkunft der Gefühle verstehen. So findet sich bei ADHS-Betroffenen nicht selten ein Unzulänglichkeitsschema der Art „Ich bin falsch/nicht genug“, weil Eltern, Lehrkräfte & Co. ihnen dies aufgrund ihrer ADHS-bedingten Auffälligkeiten immer wieder vermittelt haben. Zweitens kann man diese Schemata samt der damit assoziierten Gefühle dann auch verändern, indem man z. B. traumatherapeutisch arbeitet oder/und neue Verhaltensweisen (z. B. zur Kommunikation von Gefühlen und Bedürfnissen oder zum gewaltfreien Lösen von Konflikten mit Bezugspersonen) trainiert. Und letztlich können natürlich auch viele der Folgestörungen der ADHS – wie Angst- und Zwangsstörungen sowie depressive Episoden – durchaus verhaltenstherapeutisch behandelt werden, wenn (!) man dabei die Besonderheiten berücksichtigt, die die ADHS mit sich bringt (siehe Teil 3).

Hat ADHS auch irgendetwas Gutes?

Wer Teil 5 der Artikelreihe gelesen hat, weiß, dass ich dem Trend in den sozialen Medien, ADHS als eine Aufwertung der Person zu „vermarkten“, sehr kritisch gegenüberstehe – und zwar deshalb, weil das letztlich den Betroffenen, die unter ihrer ADHS leiden und professionelle Hilfe suchen, schadet. Aus demselben Grund blicke ich auch tendenziell verhalten auf den Trend, ADHS unter dem Begriff der Neurodiversität (meist zusammen mit Autimusspektrumsstörungen, siehe Teil 5) zu entpathologisieren, auch wenn der Grundgedanke hierbei (Betroffenen die Möglichkeit zu geben, sich als eine Variation des Normalen anstatt als krankhafte Abweichung vom Normalen zu identifizieren) natürlich viele Vorzüge hat. Gleichzeitig ist es so: Wenn man (natürlich mit der guten Absicht, ein Stigma abzuschaffen) beginnt, eine psychische Störung als „Variation des Normalen ohne Krankheitswert“ zu verstehen, kann das leider zur Folge haben, dass auch infrage gestellt wird, ob diese „Variation des Normalen“ eigentlich behandlungsbedürftig ist. Warum sollte man den Betroffenen noch ein betäubungsmittelpflichtiges Medikament wie Methylphenidat verschreiben dürfen, wenn ADHS nicht mehr als krankheitswertig und behandlungsbedürftig eingestuft ist? Die Leidtragenden wären dann wieder einmal die ADHS-Betroffenen, die unter ihrer Symptomatik wirklich leiden. Daher mein dringender Appell: Vorsicht mit den gut gemeinten Entpathologisierungskampagnen – sie könnten Betroffenen am Ende mehr schaden als nützen.

Gleichwohl möchte ich diese Artikelreihe natürlich nicht abschließen, ohne auch die Aspekte gewürdigt zu haben, die ADHS an positiven Nebeneffekten bzw. spezifischen Stärken mit sich bringt. So kann man sicherlich anführen, dass Menschen mit ADHS Vorteile im Bereich Kreativität bzw. dem haben, was man „Thinking out of the box“ nennt: Sie denken oft qualitativ anders als Menschen ohne ADHS und erkennen Zusammenhänge und Querverbindungen, die anderen verborgen bleiben – werden von anderen aber auch leider oft nicht verstanden, was frustrierend sein kann. Die emotionalen Besonderheiten der ADHS führen im positiven Sinne dazu, dass die Betroffenen oft sehr empathisch mit ihren Mitmenschen umgehen, sich stark in sie hineinfühlen und schnell die nötige Nähe für tiefergehende Gespräche herstellen können. Das schnelle Denken und die vieles durchziehende Impulsivität führen außerdem typischerweise zu einer sehr direkten Art, die zwar auch andere vor den Kopf stoßen, aber ebenso der Einstieg in eine ehrliche, authentische Kommunikation sein kann. Was im Falle von Wut und Überforderungserleben hinderlich ist, nämlich das schnelle „Hochfahren“, ist ferner in puncto Begeisterungsfähigkeit und Spontanität durchaus von Vorteil. Und während ADHS-Betroffene zwar bei Dingen, die sie nicht interessieren, schnell mit der Aufmerksamkeit abgereist sind, so können sie in Dinge, für die sie sich begeistern, mit extremem Aufmerksamkeitsfokus (sie sind dann von außen quasi nicht mehr ansprechbar) sowie großer Ausdauer und Beharrlichkeit eintauchen.

Von evolutionspsychologischer Seite betrachtet, scheint ADHS mit Blick auf die Menschheitsgeschichte somit nicht primär ein Selektionsnachteil gewesen zu sein. Oder mit anderen Worten: Brächte es nur Nachteile mit sich, hätte die Evolution wohl dafür gesorgt, dass ADHS als genetisch verankertes Merkmal in den zigtausenden Jahren, die hinter uns liegen, aussortiert worden wäre. Tatsächlich gibt es wissenschaftliche Hinweise darauf, dass die genetischen Merkmale, deren Ergebnis wir heute „ADHS“ nennen, zumindest in der frühen Menschheitsgeschichte sogar einen evolutionären Vorteil dargestellt haben. Macht man sich klar, dass dies die Epoche war, in der wir Menschen uns als Jäger und Sammler durchgeschlagen haben, ergibt das auch Sinn, denn zu dieser Zeit waren Eigenschaften wie leichte Ablenkbarkeit, Impulsivität und rastloser Tatendrang eine ideale Anpassung an die Anforderungen des täglichen Lebens. Ähnlich wie jene Gene, die dafür sorgen, dass wir überschüssige Kohlenhydrate in Form von Fettpolstern so wunderbar für „schlechte Zeiten“ einlagern können, sind, aus dieser Perspektive betrachtet, die genetischen Grundlagen der ADHS aber eben leider nicht mehr besonders kompatibel mit der modernen Welt und den Anforderungen, die diese an die heute lebenden Menschen stellt. Das soll bitte nicht als fatalistische Schlussfolgerung der Art „Menschen mit ADHS sollen für die Gesellschaft passend gemacht werden“ missverstanden werden – sondern eher, nachdem ich weiter oben sehr deutlich die Nachteile desselben beschrieben habe, noch einmal die Vorteile des Konzepts „Neurodiversität“ beleuchten. Die Frage, ob eine Behandlung angezeigt ist oder nicht, sollte weiterhin nicht anhand der Tatsache, dass Menschen von der Norm abweichen, entschieden werden, sondern alleine davon abhängen, ob die betroffene Person unter der Symptomatik leidet.

Für alle, die bis hierher gelesen haben

Der einen oder anderen Person mag beim Lesen der Artikel dieser Themenreihe aufgefallen sein, wie lebhaft ich das Erleben von ADHS-Betroffenen beschrieben habe. Daher möchte ich allen, die so fleißig und interessiert waren, bis hierher zu lesen, die nicht gänzlich unwichtige Information nicht vorenthalten, dass das Thema ADHS insofern eine Ausnahme in diesem Blog darstellt, als ich hierüber nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht und aus meiner praktischen Erfahrung als Psychotherapeut schreibe, sondern auch aus der Perspektive eines selbst Betroffenen, der dies jedoch erst als Erwachsener herausfand.

© Dr. Christian Rupp 2025

Typische Missverständnisse rund um die Psychotherapie – Teil 4: „Wer zum Psychotherapeuten geht, ist bekloppt“

Über die Ursachen und Lösungsmöglichkeiten für die Stigmatisierung psychischer Störungen – und warum wir als Therapeuten oft die Falschen behandeln.

Vor Kurzem wurde ich damit konfrontiert, dass in der Bevölkerung, zumindest im Einzugsgebiet meiner Praxis, offenbar doch auch noch ab und zu die Annahme in den Köpfen der Leute anzutreffen ist, zum Psychotherapeuten gingen nur „Bekloppte“, was natürlich zur Stigmatisierung von Menschen führt, die mich oder meine Kolleg:innen aufsuchen. Und weil ich in Teil 3 viel Wert darauf gelegt habe, u. a. deutlich zu machen, dass die Diagnose einer psychischen Störung vorliegen muss, um in Deutschland Psychotherapie machen zu können, ist es mir ein Anliegen, auch zu erklären, warum die Menschen, die mich aufsuchen, durchaus nicht „bekloppt“ sind.

Hier bietet es sich an, mit einer Statistik zur Häufigkeit psychischer Störungen einzusteigen. Tatsächlich ist es so, dass nach einer repräsentativen, methodisch guten Untersuchung von 2004 (Jacobi et al.) in Deutschland 42 von 100 Menschen im Laufe ihres Lebens irgendeine psychische Störung entwickeln – man spricht hierbei von der so genannten „Lebenszeitprävalenz“. Mit am häufigsten vertreten sind dabei depressive Störungen, woran rund 17% der Deutschen zwischen dem 18. und 65. Lebensjahr irgendwann mindestens einmal erkranken. Zum Vergleich: Einen Herzinfarkt erleiden im Verlauf ihres Lebens durchschnittlich 4,7 % der Menschen (Gößwald et al., 2013), einen Schlaganfall 2,9 % (Busch et al., 2013). Wahrscheinlich gehen Sie beim Lesen jetzt auch im Kopf ihren Bekanntenkreis durch und kommen zu dem Ergebnis, dass das nicht sein kann, weil „die doch alle ganz normal sind“ bzw. man „keinem was anmerkt“. Und hiermit liegen Sie falsch, und zwar aus zwei Gründen, die miteinander verbundenen sind. Erstens, weil man psychische Störungen den meisten Menschen nicht anmerkt, und zweitens, weil im privaten Umfeld noch zu wenige Menschen hiervon (sowie davon, dass sie eine Behandlung beginnen) erzählen.

Diese beiden Gründe sind deshalb miteinander verbunden, weil der Grund für das Nicht-Anmerken und das Nicht-Erzählen in der Regel derselbe ist: Scham. Scham, die bedingt ist durch eben solche gesellschaftlichen Stigmata wie „Nur Bekloppte gehen zum Psychotherapeuten“ und die dazu führt, dass Menschen sich verstellen, eine „fröhliche Maske“ aufsetzen, all ihr Leid weglächeln und somit gar nicht erst den Verdacht aufkommen lassen, dass sie vielleicht unter Depressionen oder übermäßigen Ängsten leiden. Bei den meisten Betroffenen sind diese Gedanken verbunden mit der Fehlannahme, dass ihr Problem sehr selten ist und sie mit diesem somit allein sind, weil ja auch „alle anderen total normal“ wirken und scheinbar „mühelos“ mit dem Leben klarkommen (was, wie ich berufsbedingt weiß, definitiv nicht der Fall ist). In der Folge begeben sich diese Menschen dann nicht oder „nur heimlich“ in Behandlung, was wiederum verstärkt, dass Menschen mit psychischen Störungen nicht sichtbar werden – und der Teufelskreis (siehe Abbildung) sich schließt.

Dass man psychische Störungen den meisten Menschen in der ambulanten Psychotherapie nicht anmerkt, hat allerdings außerdem noch den Grund, dass in einer ambulanten psychotherapeutischen Praxis solche Störungsbilder klar überwiegen, die man den Betroffenen von Natur aus nicht anmerken kann (so, wie Sie ja auch nicht bei jemandem, den sie auf der Straße treffen, sagen können, ob er Nierensteine hat), weil die psychischen Funktionen, die es erfordert, sich „nach außen hin unter Kontrolle zu haben“, bei den meisten Betroffenen noch gut funktionieren. Übrigens – wir erinnern uns an Teil 3 – ist das Vorhandensein guter geistiger Fähigkeiten eine der Voraussetzungen für Psychotherapie. Störungsbilder, die bei mir wie auch in den meisten anderen psychotherapeutischen Praxen den größten Anteil ausmachen, sind leichte bis mittelgradige depressive Episoden, Angststörungen und somatoforme Störungen – allen ist gemeinsam, dass man sie von außen nicht einfach so sieht, sondern man die Betroffenen genau fragen muss.

Das, was meiner Wahrnehmung nach viele Menschen unter „bekloppt“ oder „verrückt“ (im Sinne von „nicht mehr Herr der eigenen Sinne“) verstehen, lässt sich am ehesten einem diffusen Verständnis von geistiger Behinderung, einer Demenz oder einer psychotischen Erkrankung (wie der Schizophrenie) zuordnen. Menschen mit solchen Problematiken wird man in der Regel nicht in einer psychotherapeutischen Praxis antreffen, weil Psychotherapie hierfür überwiegend nicht das geeignete Behandlungsverfahren ist. Die drei genannten Gruppen werden eher ambulant oder stationär von Psychiater:innen behandelt, da die Behandlungsansätze vorwiegend medikamentös sind, und leben häufig in betreuten Wohngruppen oder Einrichtungen, da sie mit einem eigenständigen Leben oft aufgrund ihrer Einschränkungen überfordert sind.

An dieser Stelle möchte ich jedoch noch einen weiteren Aspekt ergänzen und dabei den Titel des Buchs von Manfred Lütz aus dem Jahr 2009 aufgreifen, der bereits die Kernthese aufstellt, dass wir im Bereich der Psychiatrie und Psychotherapie eigentlich „die Falschen behandeln“ (d. h., salopp gesagt, die „Nicht-Bekloppten“). Ich gebe Herrn Lütz insofern Recht, als ich es tagtäglich erlebe, dass eben nicht die Person vor mir sitzt, die das eigentliche Problem hat, sondern die Person, die zum Opfer ersterer geworden ist. Dies gilt insbesondere für die Angehörigen von Menschen mit schweren (z. B. narzisstischen) Persönlichkeitsstörungen, die in der Regel nicht wahrnehmen, dass nicht das Umfeld, sondern sie selbst das Problem sind, und infolgedessen ihr Umfeld bewusst oder unbewusst tyrannisieren. Zu mir kommt in der Regel nicht der alkoholabhängige Ehemann, der betrunken zuschlägt, sondern die Ehefrau, die nicht mehr weiterweiß, und es kommt auch nicht der narzisstisch persönlichkeitsgestörte Chef, der seine Mitarbeiterinnen wie Vieh behandelt und sexuell belästigt, sondern es kommt die Mitarbeiterin zur Therapie. Natürlich haben die „Opfer“ in diesen Beispielen auch ihren Anteil (weil sie es zulassen, so behandelt zu werden), aber ich denke, es ist offensichtlich, wo jeweils das eigentliche Problem liegt. Genau wie Manfred Lütz sehe auch ich es so, dass unser Problem in der Gesellschaft nicht diejenigen sind, die sich psychotherapeutische oder psychiatrische Hilfe suchen. Im Gegenteil: Diese Menschen sind in der Regel sehr reflektiert, haben ein Problembewusstsein, sind (da sie entgegen einem Stigma handeln müssen) mutig und übernehmen dadurch Verantwortung für sich und andere. All diese Aspekte unterscheiden diese Menschen von jenen, die uns gesellschaftlich wirklich Sorgen bereiten sollten: Menschen mit teils gravierenden Persönlichkeitsstörungen, die in der Vorstellung leben, dass ihr Umfeld an allem schuld ist, und die deshalb zu tickenden Zeitbomben werden, weil sie sich eben keine Hilfe suchen. Die Menschen, die sich bei mir in Behandlung befinden, sind im Schnitt meinem Urteil nach auf jeden Fall um einiges „normaler“ und meinem Ermessen nach psychisch „intakter“ als so manche Person, die mir im letzten Jahr in einem Geschäft, im Zug, als Kollege, „Dienstleister“ oder am anderen Ende einer Telefonhotline begegnet ist.

Sollten Sie als Leserin oder Leser dieses Artikels also demnächst wieder einmal jemanden in meine Praxis gehen sehen, so sollten Sie sich bewusst machen, dass dieser Mensch nicht bekloppt ist, sondern Verantwortung übernimmt und mutiger als die meisten anderen ist. Übrigens hat es einen Grund, warum ich weder in Kropp noch in Groß Rheide darauf aus war, einen versteckten Praxiseingang in irgendeinem Hinterhof zu haben, wo die Menschen, die zu mir kommen, „nicht so gesehen werden“. Der Grund ist derselbe wie der, aus dem ich vor Kurzem einer Patientin widersprochen habe, die sich wünschte, dass ich ihr einen Brief ohne Absenderangaben schicke, und er ergibt sich aus der obenstehenden Abbildung. Wenn ich einen versteckten Hinterhofeingang hätte und den Absender auf Briefen weglassen würde, würde ich den beschriebenen Teufelskreis nur weiter befeuern, weil ich erstens dadurch vermitteln würde, dass man sich zu schämen hat, wenn man zum Psychotherapeuten geht, und zweitens dazu beitragen würde, dass Menschen mit psychotherapeutischem Anliegen weiter ungesehen bleiben und sich dadurch die Fehlannahme zementiert, psychische Störungen seien „selten“ (denken Sie an die 42 %!). Beides würde gewaltig dem entgegenstehen, was mein erklärtes Ziel ist, nämlich den Besuch bei mir genau so „normal“ zu machen wie den beim Zahnarzt, Gastroenterologen, der Fußpflege oder der Physiotherapie. Und deshalb liegt meine Praxis gut sichtbar an der Hauptstraße genau richtig.

© Dr. Christian Rupp 2022

Die mobile Version verlassen
%%footer%%