ADHS im Erwachsenenalter – Teil 6: Über Sinn und Unsinn von Behandlungsansätzen, den Begriff der Neurodiversität & Stärken von Menschen mit ADHS.

In diesem letzten Teil der Artikelreihe erfahren Sie, welche Behandlungsansätze für Erwachsene mit ADHS tatsächlich sinnvoll sind, welche Vor- und Nachteile das Konzept der Neurodiversität mit sich bringt und welche spezifischen Stärken Menschen mit ADHS auszeichnen.

In diesem letzten Teil der Artikelreihe möchte ich gerne der in Teil 5 aufgeworfenen Frage auf den Grund gehen, wie Betroffene denn nun, ohne die Diagnose der ADHS als selbstaufwertendes Etikett oder als Universalentschuldigung für unangemessenes Verhalten zu verwenden, Verantwortung für sich und ihre Probleme übernehmen können. Nun, die Antwort ist per se nicht schwer und lautet: „Indem sie sich behandeln lassen“ – in der Praxis ist das aber gar nicht so leicht. Zum einen ist es, wie in den Teilen 2, 3 und 5 beschrieben, schwierig, an einen kompetenten und zugewandten Behandler zu geraten, der einem tatsächlich hilft, anstatt einem sinngemäß zu sagen, dass man sich seine Probleme einbildet. Zum anderen sind die Behandlungsempfehlungen, die man für ADHS oft liest, ziemlich inkonkret und im Grunde nicht mehr als professionell klingende Worthülsen.

„Medikamentöse Behandlung und Verhaltenstherapie“

So lautet die gängige Empfehlung, was die Behandlungsstrategie für ADHS im Erwachsenenalter angeht. Der Informationsgehalt dieser Empfehlung läuft asymptotisch gegen Null, weshalb ich sie für Sie gerne mit Leben füllen möchte. Zunächst einmal muss man so ehrlich sein, klarzustellen, dass diese Empfehlung größtenteils zu übersetzen ist mit „Ursache bekämpfen und Symptome kompensieren“ – was bedeutet, zwei grundsätzlich verschiedene Ansätze in einen Topf zu schmeißen.

Was den einen oder anderen vielleicht verwundern wird, ist, dass ich, obwohl ich Psychologischer Psychotherapeut bin, im Falle der ADHS die medikamentöse Behandlung, am besten mittels Stimulanzien, für die primäre, ursächliche, mit Abstand wirksamste und zudem sowohl einfachste als auch kostengünstigste Methode zur Behandlung der ADHS erachte. Warum das so ist? Das ist relativ einfach: Stimulanzien gleichen, während sie wirken, meist sehr effektiv den (vereinfacht gesagt) bei ADHS vorliegenden Mangel an Dopamin in kritischen Gehirnregionen aus, der dem Inhibitionsdefizit und somit den meisten ADHS-Symptomen zugrunde liegt – was bedeutet, dass ein Großteil der (sowohl die Betroffenen selbst als auch deren Angehörige) störenden Phänomene wie gereiztes Explodieren, Abgelenktheit und emotionale Achterbahnfahrten durch Stimulanzien deutlich verringert oder sogar ganz beseitigt wird. Diesen Effekt erzielt bei einer ADHS keine Psychotherapie der Welt. Und das bedeutet, dass durch eine medikamentöse Behandlung in der Regel ein Zustand geschaffen wird, in dem gar keine Probleme mehr auftreten, die dann noch verhaltenstherapeutisch verändert werden müssen. Schon alleine deswegen ist die pauschale Empfehlung „Medikation plus Verhaltenstherapie“ de facto unsinnig.

Ein in diesem Kontext oft gehörtes, meist von Laienseite geäußertes Argument gegen die Medikation, das im Endeffekt keine Substanz hat, lautet: „Ja, aber es kann ja keine Lösung sein, dauerhaft Tabletten zu nehmen, die nur ein paar Stunden wirken“. Es ist richtig, dass Stimulanzien bei ADHS nach der Einnahme maximal 12 Stunden wirken und es somit immer Phasen am Tag und in der Nacht gibt, in der keine medikamentöse Wirkung besteht. Anders als z. B. Antidepressiva versprechen diese Stimulanzien auch gar nicht, über die Dauer der Einnahme hinaus zu wirken und dauerhaft das Gehirn „umzubauen“. Das ist aber nicht weiter schlimm. Erstens kann mit den verfügbaren Medikamenten somit die Zeit des Tages abgedeckt werden, in denen Betroffene kognitiv und emotional „funktionieren“ müssen, z. B. im Beruf – was oft ausreichend ist. Denken Sie zweitens bitte an das zurück, was ich in Teil 2 hinsichtlich „high performance ADHD“ beschrieben habe: Das, was bei hochleistenden ADHS-Betroffenen zum „Verschleiß“ führt und Leiden verursacht, ist in erster Linie die kräftezehrende Kompensation der Symptome, die diese Betroffenen hervorragend beherrschen, die aber wegen der daraus resultierenden Erschöpfung auf lange Sicht die Brücke in die Depression darstellt. Genau deswegen (man erinnere meinen Appell an die Fachkollegen: Bitte behandelt die Grunderkrankung!) profitieren auch hochleistende Betroffene meist enorm von einer Medikation, weil ihr Gehirn zumindest für die Hälfte des Tages biologische Unterstützung erhält, indem es auf das Funktionsniveau eines „Nicht-ADHS-Gehirns“ gehoben wird. Das ist deshalb ein Gamechanger, weil das bedeutet, dass die Betroffenen für die Hälfte des Tages keine Energie dafür aufbringen müssen, ihre Kompensations- bzw. Unterdrückungsmechanismen anzuwenden – sodass die vorhandene Energie für genau die Phasen ausreicht, in denen das Medikament nicht mehr wirkt, und der Verschleißeffekt durch zunehmende Erschöpfung minimiert wird. Diese Logik zu verstehen, ist gerade für diejenigen Behandler wichtig, die davon ausgehen, dass Betroffene, die objektiv betrachtet „klarkommen“, keine medikamentöse Unterstützung benötigen – was weit gefehlt ist. Wenn man sich dann noch klarmacht, dass es kaum Medikamente gibt, die weniger Nebenwirkungen verursachen oder Folgeschäden produzieren können als Stimulanzien, wird die Argumentationsbasis gegen eine medikamentöse Behandlung sogar noch dünner.

Wozu dann noch Verhaltenstherapie?

…ist deswegen eine sehr berechtigte Frage, übrigens gerade in der Arbeit mit hochleistenden ADHS-Betroffenen. Denn genau bei denen wäre es nicht nur überflüssig, sondern sogar schädlich und kontraindiziert, ihnen „noch mehr“ Kompensations- bzw. Unterdrückungsstrategien beizubringen, weil das den Druck zu noch besserem „Funktionieren“, den diese Betroffenen schon zu genüge verspüren, nur noch verstärken würde. Also bitte keine Organisations- oder Gefühlsregulationstrainings mit Menschen, die das schon gut beherrschen! Grundsätzlich muss man sich klarmachen, dass Verhaltenstherapie, anders als die Medikation mit Stimulanzien, eben nicht an der Ursache ansetzt, sondern, zumindest was die ADHS-Symptome per se angeht, nur Symptombewältigungsstrategien vermittelt, die unter einer Behandlung mit Stimulanzien meist unnötig werden.

Es gibt jedoch ein paar Aspekte, wie tatsächlich auch eine Verhaltenstherapie Menschen mit ADHS helfen kann. Natürlich kann man Betroffenen, die nicht gerade zur High-Performance-Gruppe gehören, Organisationstechniken und Methoden zur Alltagsstrukturierung „beibringen“ – denn wenn Betroffene das in ihrer Lebensgeschichte nie gelernt haben, werden sie es nicht plötzlich beherrschen, sobald sie Methylphenidat einnehmen. Wenn ich hierbei allerdings ehrlich bin, muss ich auf Basis meiner nicht unerheblichen praktischen Erfahrung einräumen, dass diese Versuche, zumindest ohne parallele medikamentöse Behandlung, nicht selten ins Leere laufen. Meiner Erfahrung nach passiert das meist aus zwei Gründen: Erstens weil Betroffene oft eine ziemliche Aversion gegenüber jeglichen „Ordnungsmaßnahmen“ verspüren (meist haben Dutzende Leute im Verlauf ihres Lebens versucht, ihnen das beizubringen, sodass das Thema negativ verknüpft ist) und zweitens weil das eigentliche Problem der Betroffenen nicht primär das Etablieren eines Ordnungssystems, sondern dessen tägliche Anwendung ist. Sprich: Im Grunde bräuchte es hier bei manchen Betroffenen, damit es etwas bewirkt, eine intensive Unterstützung vor Ort, wie beispielsweise ein Soziotherapeut es leiten könnte – aber nicht ein ambulanter Psychotherapeut.

Neben dem Thema „Organisation“ kann man mit verhaltenstherapeutischen Methoden natürlich an Strategien zur Gefühlsregulation arbeiten, um die Selbstkontrolle v. a. bzgl. Wutanfällen zu verbessern. Das tut man z. B. mit Hilfe so genannter Skills, d. h. praktischer Fertigkeiten zum Abschwächen starker Gefühle. Skills wurden ursprünglich für Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung entwickelt, funktionieren aber natürlich unabhängig von der Diagnose, also auch bei ADHS-bedingten „Atombomben“-Ereignissen. Für ADHS-Betroffene sind Skills in der Regel ab dem Moment überflüssig, ab dem sie medikamentös eingestellt sind. Dennoch haben sie natürlich ihre Berechtigung für jene Situationen oder Phasen, in denen Betroffene längere Zeit ohne medikamentöse Unterstützung sind – um auch dann einem „Explodieren“ entgegenzuwirken und das Selbstwirksamkeitserleben bzgl. der Kontrolle von schädlichen Impulsen zu steigern.

Ferner eröffnet sich in der Arbeit mit ADHS-Betroffenen, die medikamentös eingestellt sind und folglich ihre Emotionen nicht mehr ausschließlich als überfordernden Wut-Tsunami erleben, natürlich ein riesiges Fenster der Möglichkeiten, die eigenen Gefühle „unterhalb der Wut“ zu erleben und zu verstehen – z. B. Traurigkeit, Minderwertigkeit, Scham, Schuld oder Kränkung. Und sobald diese „auf dem Tisch liegen“, kann man damit wie in jeder guten Psychotherapie „intelligent“ arbeiten, d. h. erstens biographisch vorgehen und die Herkunft der Gefühle verstehen. So findet sich bei ADHS-Betroffenen nicht selten ein Unzulänglichkeitsschema der Art „Ich bin falsch/nicht genug“, weil Eltern, Lehrkräfte & Co. ihnen dies aufgrund ihrer ADHS-bedingten Auffälligkeiten immer wieder vermittelt haben. Zweitens kann man diese Schemata samt der damit assoziierten Gefühle dann auch verändern, indem man z. B. traumatherapeutisch arbeitet oder/und neue Verhaltensweisen (z. B. zur Kommunikation von Gefühlen und Bedürfnissen oder zum gewaltfreien Lösen von Konflikten mit Bezugspersonen) trainiert. Und letztlich können natürlich auch viele der Folgestörungen der ADHS – wie Angst- und Zwangsstörungen sowie depressive Episoden – durchaus verhaltenstherapeutisch behandelt werden, wenn (!) man dabei die Besonderheiten berücksichtigt, die die ADHS mit sich bringt (siehe Teil 3).

Hat ADHS auch irgendetwas Gutes?

Wer Teil 5 der Artikelreihe gelesen hat, weiß, dass ich dem Trend in den sozialen Medien, ADHS als eine Aufwertung der Person zu „vermarkten“, sehr kritisch gegenüberstehe – und zwar deshalb, weil das letztlich den Betroffenen, die unter ihrer ADHS leiden und professionelle Hilfe suchen, schadet. Aus demselben Grund blicke ich auch tendenziell verhalten auf den Trend, ADHS unter dem Begriff der Neurodiversität (meist zusammen mit Autimusspektrumsstörungen, siehe Teil 5) zu entpathologisieren, auch wenn der Grundgedanke hierbei (Betroffenen die Möglichkeit zu geben, sich als eine Variation des Normalen anstatt als krankhafte Abweichung vom Normalen zu identifizieren) natürlich viele Vorzüge hat. Gleichzeitig ist es so: Wenn man (natürlich mit der guten Absicht, ein Stigma abzuschaffen) beginnt, eine psychische Störung als „Variation des Normalen ohne Krankheitswert“ zu verstehen, kann das leider zur Folge haben, dass auch infrage gestellt wird, ob diese „Variation des Normalen“ eigentlich behandlungsbedürftig ist. Warum sollte man den Betroffenen noch ein betäubungsmittelpflichtiges Medikament wie Methylphenidat verschreiben dürfen, wenn ADHS nicht mehr als krankheitswertig und behandlungsbedürftig eingestuft ist? Die Leidtragenden wären dann wieder einmal die ADHS-Betroffenen, die unter ihrer Symptomatik wirklich leiden. Daher mein dringender Appell: Vorsicht mit den gut gemeinten Entpathologisierungskampagnen – sie könnten Betroffenen am Ende mehr schaden als nützen.

Gleichwohl möchte ich diese Artikelreihe natürlich nicht abschließen, ohne auch die Aspekte gewürdigt zu haben, die ADHS an positiven Nebeneffekten bzw. spezifischen Stärken mit sich bringt. So kann man sicherlich anführen, dass Menschen mit ADHS Vorteile im Bereich Kreativität bzw. dem haben, was man „Thinking out of the box“ nennt: Sie denken oft qualitativ anders als Menschen ohne ADHS und erkennen Zusammenhänge und Querverbindungen, die anderen verborgen bleiben – werden von anderen aber auch leider oft nicht verstanden, was frustrierend sein kann. Die emotionalen Besonderheiten der ADHS führen im positiven Sinne dazu, dass die Betroffenen oft sehr empathisch mit ihren Mitmenschen umgehen, sich stark in sie hineinfühlen und schnell die nötige Nähe für tiefergehende Gespräche herstellen können. Das schnelle Denken und die vieles durchziehende Impulsivität führen außerdem typischerweise zu einer sehr direkten Art, die zwar auch andere vor den Kopf stoßen, aber ebenso der Einstieg in eine ehrliche, authentische Kommunikation sein kann. Was im Falle von Wut und Überforderungserleben hinderlich ist, nämlich das schnelle „Hochfahren“, ist ferner in puncto Begeisterungsfähigkeit und Spontanität durchaus von Vorteil. Und während ADHS-Betroffene zwar bei Dingen, die sie nicht interessieren, schnell mit der Aufmerksamkeit abgereist sind, so können sie in Dinge, für die sie sich begeistern, mit extremem Aufmerksamkeitsfokus (sie sind dann von außen quasi nicht mehr ansprechbar) sowie großer Ausdauer und Beharrlichkeit eintauchen.

Von evolutionspsychologischer Seite betrachtet, scheint ADHS mit Blick auf die Menschheitsgeschichte somit nicht primär ein Selektionsnachteil gewesen zu sein. Oder mit anderen Worten: Brächte es nur Nachteile mit sich, hätte die Evolution wohl dafür gesorgt, dass ADHS als genetisch verankertes Merkmal in den zigtausenden Jahren, die hinter uns liegen, aussortiert worden wäre. Tatsächlich gibt es wissenschaftliche Hinweise darauf, dass die genetischen Merkmale, deren Ergebnis wir heute „ADHS“ nennen, zumindest in der frühen Menschheitsgeschichte sogar einen evolutionären Vorteil dargestellt haben. Macht man sich klar, dass dies die Epoche war, in der wir Menschen uns als Jäger und Sammler durchgeschlagen haben, ergibt das auch Sinn, denn zu dieser Zeit waren Eigenschaften wie leichte Ablenkbarkeit, Impulsivität und rastloser Tatendrang eine ideale Anpassung an die Anforderungen des täglichen Lebens. Ähnlich wie jene Gene, die dafür sorgen, dass wir überschüssige Kohlenhydrate in Form von Fettpolstern so wunderbar für „schlechte Zeiten“ einlagern können, sind, aus dieser Perspektive betrachtet, die genetischen Grundlagen der ADHS aber eben leider nicht mehr besonders kompatibel mit der modernen Welt und den Anforderungen, die diese an die heute lebenden Menschen stellt. Das soll bitte nicht als fatalistische Schlussfolgerung der Art „Menschen mit ADHS sollen für die Gesellschaft passend gemacht werden“ missverstanden werden – sondern eher, nachdem ich weiter oben sehr deutlich die Nachteile desselben beschrieben habe, noch einmal die Vorteile des Konzepts „Neurodiversität“ beleuchten. Die Frage, ob eine Behandlung angezeigt ist oder nicht, sollte weiterhin nicht anhand der Tatsache, dass Menschen von der Norm abweichen, entschieden werden, sondern alleine davon abhängen, ob die betroffene Person unter der Symptomatik leidet.

Für alle, die bis hierher gelesen haben

Der einen oder anderen Person mag beim Lesen der Artikel dieser Themenreihe aufgefallen sein, wie lebhaft ich das Erleben von ADHS-Betroffenen beschrieben habe. Daher möchte ich allen, die so fleißig und interessiert waren, bis hierher zu lesen, die nicht gänzlich unwichtige Information nicht vorenthalten, dass das Thema ADHS insofern eine Ausnahme in diesem Blog darstellt, als ich hierüber nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht und aus meiner praktischen Erfahrung als Psychotherapeut schreibe, sondern auch aus der Perspektive eines selbst Betroffenen, der dies jedoch erst als Erwachsener herausfand.

© Dr. Christian Rupp 2025

ADHS im Erwachsenenalter – Teil 5: Über ein doppeltes Stigma, die Rolle von TikTok und die unschönen Arten, wie die Diagnose missbraucht wird.

Der Artikel behandelt die Stigmatisierung von ADHS in der aktuellen Zeit und die Rolle, die Social Media dabei spielt. Auf TikTok und Co. verbreiten sich teils falsche Informationen über ADHS rasant, was zu Missverständnissen führt. Manche (vermeintliche) Betroffene nutzen die Diagnose zudem entweder zur Selbstaufwertung oder als Ausrede, was die Vorurteile zusätzlich verstärkt und „echten“ Betroffenen schadet.

Wie in Teil 4 angekündigt, möchte ich mich nach der Beschreibung der Symptome von ADHS im Erwachsenenalter, der Zusammenhänge von ADHS mit anderen Folgestörungen und der Abgrenzung der ADHS von verwandten Störungen nun abschließend noch dem Thema widmen, inwieweit ADHS heutzutage stigmatisiert ist und welche Rolle Social Media sowohl bei der Auflösung alter als auch der Erschaffung neuer Vorurteile bzgl. ADHS spielt. In diesem Kontext finde ich es hilfreich, zwischen einem primären und einem sekundären Stigma zu unterscheiden.

Das erste bzw. primäre Stigma der ADHS (das Kinder deutlich mehr betrifft als Erwachsene) besteht darin, dass die Betroffenen als nervig, störend und anstrengend bewertet werden – Zuschreibungen, die nicht selten Eingang in das Selbstkonzept der Betroffenen finden und sich noch im Erwachsenenalter als negative Grundannahmen über die eigene Person wiederfinden. Das zweite bzw. sekundäre Stigma hingegen ist komplexer und hat auf zwei Ebenen etwas mit dem Anzweifeln der Diagnose per se zu tun. Auf der Laien-Ebene umfasst dieses sekundäre Stigma, dass die Existenz einer ADHS als Störungsbild generell angezweifelt und ins Lächerliche gezogen wird – bzw. den Betroffenen (oder bei Kindern: deren Eltern) unterstellt wird, eine Rechtfertigung für nicht tolerable unangemessene Verhaltensweisen zu suchen und ggf. einer Sanktionierung zu entgehen, weil „man ja nicht anders kann“.

Jenes sekundäre Stigma existiert jedoch auch (und das ist sehr wichtig) auf der Experten-Ebene, d. h. unter Psychiatern und mitunter auch unter Psychotherapeuten. Das bedeutet: Entgegen starken wissenschaftlichen Befunden wird die Existenz des Störungsbilds entweder gänzlich geleugnet – oder aber diese Experten begegnen Menschen, bei denen ein Verdacht auf eine ADHS besteht, mit spöttischem Augenrollen und nehmen sie in einer Weise nicht ernst, die ich in Teil 2 bereits beschrieben habe. Doch woher kommt dieses Augenrollen? Nun, fehlende Fachkenntnis und Fortbildung sowie das unter ärztlichen Kollegen nicht selten eingeschränkte Grundverständnis für Wissenschaft sind ein Teil der Erklärung. Der andere Teil wiederum ist eher jüngeren Datums und hat viel mit bestimmten Entwicklungen in Social Media-Blasen zu tun.

TikTok: Ein Springbrunnen der Falschinformation

Was ich damit meine, ist die schiere Omnipräsenz des Themas ADHS (sowie des Themas „Autismus“, das fälschlicherweise mit ADHS immer wieder in einen gemeinsamen Topf mit der Aufschrift „Neurodiversität“ geworfen wird) auf TikTok und Instagram. Dort findet sich eine atemberaubende Fülle an Posts und Reels (meist von Laien, die meinen, sich selbst diagnostiziert zu haben) zu den angeblichen Symptomen von ADHS (und natürlich Autismus, was, wenn man TikTok glauben mag, eigentlich dasselbe ist). Das Problem: Ein Großteil dieser Informationen ist falsch, aber die Informationen verbreiten sich dennoch rasant – mit dem Ergebnis, dass Laien sie am Ende alleine deshalb glauben, weil sie sie oft genug gehört oder gelesen haben. Und das wiederum liegt daran, dass fast alle in diesen Social Media-Blasen voneinander „abschreiben“ und den gleichen Unsinn weiterverbreiten – einer der Gründe, warum ich diese Artikelreihe geschrieben habe. So kursiert auf TikTok z. B. die ursprünglich von einem Influencer in die Welt gesetzte Falschinformation, ADHS gehe mit mangelnder Objektpermanenz einher, wobei es sich um einen Begriff von Jean Piaget handelt, der beschreibt, dass einem Kind, wenn eine Bezugsperson z. B. das Haus verlässt, die Vorstellung fehlt, dass die Person immer noch existiert und zurückkehren wird – worüber dann vermeintlich Verlustängste erklärt werden. Tatsächlich ist diese Behauptung in jedem einzelnen Detail völlig unzutreffend und überdies an den Haaren herbeigezogen. Wer außerdem Teil 4 gelesen hat, weiß, dass ausgerechnet Verlustängste dasjenige Symptom sind, das eine ADHS am klarsten von einer Borderline-Störung unterscheidet.

Missbrauch der Diagnose als wertsteigerndes Etikett

Was aber nun seit einigen Jahren gehäuft passiert, ist, dass Menschen bei Psychiatern vorstellig werden, die sich auf Basis von TikTok-Reels eine Selbstdiagnose bzgl. ADHS gestellt haben. In Anbetracht des durch TikTok ausgelösten Hypes reden wir von wirklich sehr vielen und meist sehr jungen Menschen – und wenn man sich vorstellt, mit welcher Attitüde von auf Falschinformationen beruhender Pseudogewissheit diese einem Psychiater (oder Psychotherapeuten – auch mir ist das schon passiert) begegnen, kann man das Augenrollen schon viel besser nachvollziehen. Damit aber nicht genug: Wenn diese vermeintlich Betroffenen sich wenigstens aufgrund eines Leidensdrucks melden und sich eine Behandlung wünschen würden, wäre das ja noch vertretbar. Leider aber wird der Großteil nur vorstellig, um offiziell das Diagnose-Etikett zu bekommen – weil ADHS durch seine „lustige“ Darstellung in den sozialen Medien zu einer Art „Gimmick“ geworden ist, d. h. einer „coolen Zierde“, die zur Aufwertung der eigenen Person nach dem Motto „Ich bin etwas Besonderes – ich bin neurodivers“ genutzt wird. Das bedeutet, dass das primäre und das sekundäre Stigma in interessanter Weise verknüpft sind: Die Nutzung des Stempels „ADHS“ als Aufwertung der eigenen Person als „cool“ ist natürlich als krasse Gegenbewegung zum primären Stigma (ADHS = anstrengend, nervig, etc.) zu sehen, erweist dem Störungsbild sowie den real Betroffenen, die einen Leidensdruck haben (fun fact am Rande: Ohne Leidensdruck darf man die Diagnose gar nicht stellen) aber einen Bärendienst. Denn: Der Social Media-Hype führt über den beschriebenen Umweg leider wieder zu Vorurteilen und einer negativen Reaktion von sowohl Experten/Behandlern als auch Laien (die mit der Zeit von der Zurschaustellung der vermeintlichen ADHS-Betroffenen genervt sind), sodass die Betroffenen, die unter ihrer Symptomatik mehr leiden als dass sie sie toll finden, die Benachteiligten sind. Und zwar deshalb, weil sie wegen des riesigen Andrangs von Menschen, die „auf der Suche nach einem Etikett“ sind, keinen Facharzttermin mehr bekommen und weil sie, wenn sie dann mal einen ergattert haben, zu häufig einem Behandler gegenübersitzen, der ihnen aufgrund der beschriebenen Vorurteile mit Misstrauen sowie Hohn begegnet und mit den Augen rollt.

Wie in Teil 3 bereits deutlich geworden ist, führt diese relativ typische Reaktion von insbesondere Psychiatern allzu häufig dazu, dass tatsächlich Betroffene eine katastrophale Erfahrung (oft sogar die allererste) mit der „Psych-Abteilung“ des Gesundheitssystems machen, die darin mündet, dass ihnen eine adäquate Behandlung und oft auch eine gründliche Diagnostik verwehrt werden. Anders gesagt: Die Erleichterung, als Betroffener nach langer Suche und meist vielen falschen Diagnosen eine plausible und logische Erklärung für all die Probleme in der eigenen Lebensgeschichte (z. B. „Warum fiel mir alles immer so unglaublich schwer und fühlte sich so überfordernd an?“) gefunden zu haben und sich dadurch endlich „rückwirkend“ zu verstehen, trifft auf harte Enttäuschung über das ärztliche Gegenüber, welches all das nach drei Minuten Gespräch zunichtemacht. Und das ist nicht zuletzt deshalb tragisch, weil ADHS im Erwachsenalter in wirklich nicht wenigen Fällen lange unerkannt bleibt, obwohl es eigentlich diejenige Grunderkrankung ist, ohne die die Depression oder die Panikstörung kaum entstanden wäre. Daher mein nicht endender Appell an die Fachkollegen: Bitte behandelt den Ursprung der Problematik – und nicht nur mittels Antidepressiva die daraus folgende Angststörung, Zwangsstörung oder Depression. Das ergibt schlichtweg keinen Sinn.

Die Diagnose als Universalentschuldigung

Was ich wiederum mit psychiatrischen Kollegen teile, ist neben dem Augenrollen über Menschen auf der Suche nach einem Etikett auch der Ärger darüber, wenn vermeintlich Betroffene die Diagnose deshalb „wollen“, weil sie sie als Universalentschuldigung für unangemessenes Verhalten (Menschen aus Wut körperlich angehen, immer zu spät zur Arbeit kommen, die Rücklagen der Familie im Casino verprassen…) benutzen wollen. Damit verbunden ist oft eine unangebrachte Anspruchshaltung der Betroffenen dahingehend, dass ihr Umfeld (Ehepartner, Kollegen, Vorgesetzte oder auch die ganze Welt), weil sie ADHS haben, auf sie und ihre Eigenarten Rücksicht zu nehmen hat. In solchen Fällen liegt eine Funktionalität der Diagnose vor, der mit größter Vorsicht zu begegnen ist, weil die Gefahr besteht, dass Betroffene die Diagnose letztlich missbrauchen, um ihr Umfeld zu steuern, Regeln zu umgehen und sich Anforderungen zu entziehen. Meine klare Haltung hierzu lautet: Eine Diagnose dient immer dazu, eine Behandlung zu begründen und nicht dazu, von der Verantwortung für das eigene Leben und Handeln entbunden zu werden. Ja, ADHS bedeutet, dass Betroffenen viele Dinge schwerer fallen als Nichtbetroffenen, und zwar ohne dass sie daran schuld sind, weil die Störung größtenteils genetisch bedingt ist. Genau deswegen gibt es „Nachteilsausgleiche“ durch z. B. medikamentöse Behandlung oder alternativ z. B. die Erlaubnis, während einer Klassenarbeit schallisolierende Kopfhörer zu tragen, um sich vor ablenkenden Reizen zu schützen, die die Konzentration gefährden. Aber in genau gleicher Weise, wie ich es auch meinen Patienten mit ADHS sage, schreibe ich es auch hier: Man hat als Betroffener keine Schuld daran, die Störung zu haben, aber es obliegt einem die Verantwortung dafür, mit dieser so umzugehen und sein Handeln so in den Griff zu bekommen, dass andere davon nicht in Mitleidenschaft gezogen werden. Sprich: Mit der Diagnose gilt es, Verantwortung zu übernehmen – nicht, sich dieser zu entledigen. Betroffene, die dies nicht tun, bestätigen und befeuern leider genau die Vorurteile, die ich zu Beginn des Artikels beschrieben habe und die genau deswegen leider eine reale Basis haben und nicht von der Hand zu weisen sind.

Wie wiederum Betroffene Verantwortung für ihre ADHS übernehmen können, werde ich im sechsten und letzten Teil dieser Artikelreihe beantworten.

© Dr. Christian Rupp 2025

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