Die Psychologie hinter Schmerz – Teil 3: Warum eine Psychotherapie bei Schmerzen helfen kann

Um zu verstehen, was neben dem Einfluss auf das Tor im Rückenmark (siehe Teil 1) und dem Schmerzgedächtnis (siehe Teil 2) noch Gründe sind, mit einem Schmerzproblem einen Psychotherapeuten aufzusuchen, muss man sich vor Augen führen, welche Faktoren alle einen Einfluss auf das Erleben von Schmerzen haben.

Nun, da wäre zunächst der Umstand ins Feld zu führen, dass einer der Schmerz verarbeitenden Bereiche im Gehirn das so genannte limbische System ist. Kurz und vereinfacht gesagt ist das limbische System vor allem dafür zuständig, Gefühle und Stress zu verarbeiten. Nun haben wissenschaftliche Untersuchungsmethoden wie die funktionelle Magnetresonanztomographie zeigen können, dass das Aktivitätsmuster des Gehirns beim Verarbeiten von Gefühlen kaum von dem Aktivitätsmuster des Gehirns beim Verarbeiten von Schmerz zu unterscheiden ist. Hierin liegt eine für die psychologische Behandlung von Schmerzen immens wichtige Erkenntnis, nämlich dass Stress und (vor allem negative sowie unterdrückte und nicht verarbeitete) Gefühle Schmerzen verstärken oder sogar verursachen können. Es ist also tatsächlich keineswegs esoterischer Unfug, dass Gefühle wie Trauer als Schmerzen erlebt werden, wobei es hierzu durchaus Befunde gibt, dass dieser Ausdruck von Gefühlen kulturell geprägt ist und häufiger in Gesellschaften vorkommt, in denen Gefühlsäußerungen als Schwäche, Schmerzen jedoch als akzeptiertes Symptom gelten.

Für die Psychotherapie von Schmerzen bedeutet dies konkret, am Ausdruck und der Verarbeitung von Gefühlen sowie an der Reduktion von Stress zu arbeiten – klassische Domänen jeder modernen Psychotherapie. Reduktion von Stress kann übrigens sowohl den Abbau äußerer Stressfaktoren (Wechsel des Arbeitsplatzes, Arbeitsstunden reduzieren, die nervige Schwiegermutter seltener einladen) bedeuten als auch eine Veränderung innerer Stressfaktoren wie überhöhter Ansprüche an sich selbst und damit einhergehender Muss-Gedanken („Die Wohnung muss tadellos aussehen, wenn Schwiegermutti kommt“). Zum Stressabbau können in einer Psychotherapie auch Entspannungsverfahren wie die Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen zum Einsatz kommen. Diese sind sogar doppelt hilfreich, weil sie erstens zur Stressreduktion beitragen und zweitens einen körperlichen schmerzverstärkenden Faktor beeinflussen, nämlich die bei Schmerzpatienten oft vorzufindende Muskelverspannung.

Dem limbische System kann, vereinfacht gesprochen, auch die Funktion der Aufmerksamkeitslenkung zugeordnet werden. Aufmerksamkeit ist ein weiterer psychologischer (also im Gehirn beheimateter) Mechanismus, den Sie sich wie ein Spotlight auf einer Theaterbühne vorstellen können und der dafür sorgt, dass jede Empfindung, auf die sie gerichtet wird, stärker wahrgenommen wird – was natürlich auch für Schmerzen gilt. Noch so ein das Erleben des Schmerzes sogar sehr stark beeinflussender psychologischer Faktor ist die Bewertung des Schmerzes. Hierfür ist vor allem die vordere Großhirnrinde, auch präfrontaler Cortex genannt, zuständig. Gemeint ist, was wir uns im Kopf ständig über den Schmerz sagen. Wer seine Schmerzen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verstärken möchte, der sollte sich Mühe geben, ordentlich mit den Schmerzen zu hadern, indem er Dinge denkt wie „Das muss doch mal aufhören“, „Das soll und darf so nicht weitergehen“, „Ich bin nur noch ein Wrack“ oder „Das wird nie besser werden“ und „Ich bin so hilflos und ausgeliefert“. Schmerzlindernd hingegen wirken sich akzeptanzorientierte Bewertungen wie z. B. „Es ist so, wie es ist, und ich mache das Beste draus“ aus. Mit den beiden Faktoren „Aufmerksamkeit“ und „Bewertung“ haben wir somit zwei weitere Dinge, über die man, indem man an ihrer Veränderung und bewussten Kontrolle arbeitet, Schmerzen ziemlich gut beeinflussen und lindern kann.

Und da wäre noch ein interessanter Mechanismus. Erinnern Sie sich bitte zurück an das „Tor“ im Rückenmark, das ich in Teil 1 beschrieben habe und das die Weiterleitung von Schmerzsignalen ans Gehirn unterbinden kann – und zwar u. a. dadurch, dass endogene Opioide freigesetzt werden. Diese sind synthetisch hergestellten Opiaten, d. h. starken Schmerzmitteln, chemisch sehr ähnlich und fungieren als Botenstoffe, die die Schmerzweiterleitung dämpfen. Dieser körpereigene Schmerzdämpfungsmechanismus erklärt z. B., dass schwer verletzte Menschen nach einem Unfall oft kaum Schmerzen verspüren und dadurch zu Dingen in der Lage sind, die sonst gar nicht möglich wären – wie z. B. sich aus einem verunglückten Auto zu befreien. Das Interessante ist nun, dass genau diese endogenen Opioide in hohem Ausmaß dafür verantwortlich sind, dass Schmerzen nach der Einnahme von Scheinmedikamenten, die gar keinen Wirkstoff enthalten (genannt „Placebos“), weniger werden. Auch hier kommt der Impuls wieder „von oben“, also aus dem Gehirn: Dort entsteht nämlich aufgrund der gelernten Assoziation „Tablette = Schmerzreduktion“ die Erwartung, dass die Schmerzen weniger werden, was weiter unten im Rückenmark zur Freisetzung der endogenen Opioide und somit zur Schmerzlinderung führt. Die endogenen Opioide sind somit einer der Mechanismen, durch die sich die Wirkung von Erwartungen auf körperliche Vorgänge, d. h. der so genannte Placeboeffekt, erklären lässt. Hier und hier können Sie noch mehr über den Placeboeffekt erfahren.

Nun ist also klar, dass an Schmerz nicht nur ein bisschen, sondern das allermeiste psychologisch ist, ohne dass Schmerz jemals eingebildet ist. Die psychologische, also von der Gewebeschädigung Abstand nehmende Perspektive auf Schmerz ist nicht nur enorm wichtig, um zu verstehen, wie sich nach einer ursprünglichen organischen Verletzung chronische Scherzen entwickeln können. Die Vielzahl an beteiligten Gehirnregionen und psychologischen Faktoren beim Erleben von Schmerz macht es viel verständlicher, dass emotionale Konflikte vorher vorhandene Schmerzen verstärken oder Schmerzen sogar kausal verursachen können. Und es wird klarer, warum beim Vorhandensein anderer psychischer Störungen wie beispielsweise einer Depression Schmerzen verstärkt wahrgenommen oder sogar durch die Depression hervorgerufen werden.

Ich habe in diesem Artikel bewusst nur einen Teil von dem dargestellt, was es in puncto Schmerz und seiner psychologischen Einflussmöglichkeiten zu erzählen gibt. Wenn ich hiermit Ihr Interesse geweckt habe, so kann ich Ihnen zum weiteren Lesen sehr die beiden Ratgeber zum Thema Schmerz empfehlen, die ich auf meiner Website unter der Rubrik „Selbsthilfe“ vorgestellt habe.

© Dr. Christian Rupp 2021

Autor: Dr. Christian Rupp

Psychologe (M. Sc.) Psychologischer Psychotherapeut