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„Mama, du hast mich traumatisiert“: Meine Botschaft an die konfrontierten Elternteile (Teil 3/3)

In diesem dritten und letzten Teil der Artikelreihe wende ich mich nun an die Elternteile, die von ihren erwachsenen Kindern mit Fehlern der Vergangenheit konfrontiert werden. Interessierte erwartet eine genaue Anleitung inklusive zu vermeidender No-Gos und konkreter Formulierungshilfen.

Nachdem ich mich im letzten Teil überwiegend an die erwachsenen Kinder gerichtet habe, wende ich mich nun an all jene in der Rolle eines Elternteils, die von einem erwachsenen (oder jugendlichen) Kind damit konfrontiert werden, dass sie in dessen Kindheit Fehler begangen hätten – insofern, als das betreffende Kind laut eigener Aussage hierdurch negativ geprägt wurde und bis heute emotionale Probleme hierdurch verspürt. Der Einfachheit halber spreche ich Sie als Elternteil ab jetzt direkt an.

Natürlich ist es nicht schön (für kein Elternteil), sich nach Jahrzehnten Vorwürfe der eigenen Kinder anzuhören, was man angeblich falsch gemacht habe. Die Verteidigungsmechanismen (Abstreiten, Herunterspielen, Gegenvorwürfe, etc.) springen schnell an, und das ist sehr nachvollziehbar, denn keiner möchte sich gerne mit dem Schuldgefühl auseinandersetzen, das durch diese Vorwürfe ausgelöst wird – schließlich kann man 30 Jahre später die „Fehler“ ja nicht mehr ungeschehen machen. Und wie ich im letzten Teil bereits beschrieben habe, fällt zu Ihren Gunsten aus, dass Sie damals vermutlich nach bestem Wissen und Gewissen auf Basis des damaligen „common sense“ und nicht mit böser Absicht handelten. Da ich mich im vorherigen Teil aber bereits stark dafür eingesetzt habe, dass erwachsene Kinder genau deswegen gegenüber Ihren Eltern Wohlwollen walten lassen, werde ich die Elternteile in diesem Teil nicht weiter in Schutz, sondern eher etwas in die Mangel nehmen. Wenn Sie davon nichts hören wollen, lesen Sie bitte nicht weiter. Wenn doch, dann möchte Ihnen zwei Grundprinzipien dafür nahelegen, wie Sie auf Ihr Kind reagieren können.

Prinzip 1: Hören Sie zu, und zwar wohlwollend.

Das Wichtigste überhaupt: Bitte unterdrücken Sie in den ersten Momenten, nachdem Ihr Kind gesprochen hat (und erst recht währenddessen, d. h. unterbrechen Sie bitte nicht!), sämtliche Impulse, sich zu verteidigen – egal wie schwer es fallen mag. Denn wenn Sie dies tun, wird Ihr Kind sich ziemlich sicher zurückgewiesen, nicht ernst genommen und abgewertet fühlen. Oder wie wir Psychotherapeuten sagen: Ihr Kind erlebt eine Invalidierung, d. h. die Botschaft, dass seine Gefühle falsch, übertrieben, irrelevant, lächerlich usw. sind. Und da die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass Ihr Kind Ihnen genau diesen Vorwurf (den der Invalidierung) auch hinsichtlich Ihres Verhaltens in seiner Kindheit macht, wäre es fatal, so zu reagieren, denn Ihr Kind würde es (zurecht) als Bestätigung dessen ansehen, was es Ihnen gerade mitgeteilt hat – und es ist gut möglich, dass es Sie danach dann nur vielsagend anblickt und auf dem Absatz kehrt macht.

Stattdessen, liebe Elternteile: Hören Sie Ihrem Kind zu, und zwar vollständig. Und nehmen Sie dazu bitte die wohlwollende (ja, gilt auch für Sie!) innere Haltung ein, dass Ihr Kind Sie nicht primär verletzten will (ja, das gibt es in seltenen Fällen auch, aber es ist die Ausnahme), sondern es ein emotionales Bedürfnis nach Wiedergutmachung hat, die es benötigt, um weiter ein gutes Verhältnis zu Ihnen zu haben. Wenn Sie das also auch wollen, dann hören Sie um Himmels Willen zu und nehmen Ihr Kind erst einmal ernst! Es geht hierbei nicht primär darum, wer von Ihnen beiden „recht hat“, sondern darum, dass es aus der Perspektive Ihres Kindes (um Ihre wird es auch noch gehen, aber später) etwas gibt, was rückblickend nicht in Ordnung war. Sprich: Auch für Sie gilt der Grundsatz mit der Perspektivübernahme. Denn wenn Sie die Sichtweise Ihres Kindes nicht anerkennen, gehen Sie ein hohes Risiko ein, Ihr Kind zu verlieren – egal ob Ihr Kind aus Ihrer Sicht „recht hat“ oder nicht. Was Sie sich außerdem bewusst machen sollten, ist, dass Sie es durchaus wertschätzen können, dass Ihr Kind überhaupt den Mut aufbringt, Ihnen gegenüber so etwas Heikles anzusprechen, denn vermutlich hat es enorme Angst davor, dass Sie mit Invalidierung reagieren. Dass es sich trotzdem traut, das Gespräch zu führen, können Sie als Zeichen dafür werten, dass Ihr Kind offenbar den Draht zu Ihnen nicht verlieren, sondern verbessern will – sonst hätte es sich einfach wortlos abgewendet. Wenn Ihr Kind fertig gesprochen hat, wäre es hilfreich, in Ihren eigenen Worten zusammenzufassen, was Sie verstanden haben (und zwar, liebe Eltern, bitte ohne polemische, passiv-aggressive Zuspitzungen wie „Ah ja, ich war also immer schon eine schlechte Mutter, verstehe“) und dabei mit Ihrem Gesichtsausdruck und Ihrer Körperhaltung Offenheit und Zugewandtheit auszustrahlen. Natürlich dürfen Sie auch sagen, wie Sie sich fühlen (z. B. „Oh, das überrollt mich gerade etwas“), oder um etwas Bedenkzeit bitten, bevor Sie weiter miteinander sprechen. Sehr gut ist es auch, weitere Fragen zu stellen, wenn Sie noch nicht ganz verstanden haben, was Ihr Kind meint. Und wenn Sie in der Königsklasse spielen wollen, dann fragen Sie Ihr Kind direkt: „Was brauchst du jetzt von mir?“ oder „Was könnte ich tun, damit es dir damit besser geht?“.

Prinzip 2: Übernehmen Sie angemessen Verantwortung.

Nun geht es um Ihre eigentliche Reaktion. Natürlich kommt es dabei ein bisschen darauf an, was Ihr Kind auf die o. g. Frage geantwortet hat. Generell geht es aber darum, validierend und nicht invalidierend zu reagieren. Übersetzt heißt das: Machen Sie deutlich, dass Sie die Sichtweise Ihres Kindes anerkennen, und machen Sie sie auf gar keinen Fall lächerlich, denn damit machen Sie ganz schnell ganz viel kaputt. Die höchste Form der Validierung ist in diesem Fall eine Entschuldigung und/oder Wiedergutmachung – d. h. die Übernahme von Verantwortung. Das, was erwachsene Kinder in solchen Fällen meistens für Ihr Seelenheil benötigen (und das ist eigentlich nicht viel, wenn wir mal ehrlich sind), ist vor allem ein Eingeständnis des Fehlers, den sie Ihrem Elternteil vorwerfen. Sprich, schon ein (ernst gemeinter und entsprechend rübergebrachter) Satz wie „Du hast recht, das war falsch/nicht gut von mir“ kann bereits helfen oder sogar ausreichen. Danach (besser nicht davor) können Sie natürlich hinzufügen, dass (wie ich einmal wohlwollend unterstelle) Sie nichts davon mit böser Absicht getan haben und Ihnen damals nicht klar war, dass Ihr Verhalten ungünstig ist – oder Sie einfach überfordert waren. Damit es aber nicht wie eine Rechtfertigung rüberkommt, sollten Sie abschließend noch einmal wiederholen: „Trotzdem weiß ich jetzt, dass dir das nicht gutgetan hat, und übernehme die Verantwortung dafür“. Dann, so würde ich sagen, haben auch Sie als Elternteil Ihr Bestes gegeben, und die Chancen auf eine Versöhnung sollten recht gut stehen.

Und noch eine positive Botschaft für Sie als Elternteil: Wenn Sie es schaffen, so zu reagieren, dann haben Sie den besten Beweis erbracht, dass Sie eben keine „schlechte“ Mutter oder kein „schlechter“ Vater sind – denn seien wir ehrlich, genau um diesen Gedanken im Kopf geht es doch, wenn Sie solch ein Vorwurf Ihres Kindes trifft. Das sind Sie aber auch ziemlich sicher ganz grundsätzlich nicht, denn: Kein Elternteil egal welcher Epoche war jemals perfekt oder hat „alles richtig“ gemacht (zugegeben: Eltern früherer Epochen haben allerdings auch sehr viel weniger darüber nachgedacht, was vielleicht nicht ausschließlich schlecht war). Fehler gehören dazu und belegen, dass Sie ein Mensch sind. Und das mit der Fehlerfreiheit geht ja bereits rein logisch nicht, wenn sich das, was als „richtig“ gilt, alle paar Jahre ändert – denken Sie an das Beispiel mit dem Rasensprenger aus Teil 2. Ein nicht unkluger Umgang hiermit ist sicherlich, dass man sich stattdessen etwas mehr auf die eigene Intuition und den eigenen gesunden Menschenverstand verlässt.

Zoomen wir also noch einmal heraus und blicken auf das Gesamtkonzept: Um Eltern-Kind-Konflikte der Art, wie ich sie beschrieben habe, zu lösen, braucht es von beiden Seiten den Willen zur Perspektivübernahme und die Bereitschaft zu einer wohlwollenden Haltung dem anderen gegenüber. Erwachsene Kinder sollten aufpassen, nicht den Fehler zu machen, das Handeln ihrer Eltern in der Vergangenheit nach moralischen Standards der Gegenwart zu verurteilen, und Eltern sind gut beraten, ihren Kindern zuzuhören, allen Impulsen des sich-Verteidigens zu widerstehen und für das, was ihnen vorgeworfen wird, Verantwortung zu übernehmen. Wenn somit beide Seiten Zugeständnisse machen und aufeinander zugehen, kann die Beziehung danach sogar besser und inniger sein als vor dem Konflikt.

Ich hoffe, damit dazu beigetragen zu haben, dass der eine oder andere Eltern-Kind-Konflikt somit vielleicht auch ohne professionelle Hilfe gelöst werden kann.

© Dr. Christian Rupp 2026

„Mama, du hast mich traumatisiert“: Meine Botschaft an die erwachsenen Kinder (Teil 2/3)

In diesem zweiten Teil der Artikelserie wende ich mich an die erwachsenen Kinder, die vorhaben, ein Elternteil mit Fehlern in der Vergangenheit zu konfrontieren. Dazu beschreibe ich mein Konzept der wohlwollenden Perspektivübernahme und lege dar, welchen Denkfehlern man bei diesem Unterfangen besser nicht erliegen sollte.

Wie in Teil 1 angekündigt, soll es nun darum gehen, wie man derartige Eltern-Kind-Konflikte lösen kann, und zwar mittels wohlwollender Perspektivübernahme. Denn der Schlüssel dazu, das Problem zu lösen, liegt meiner Erfahrung nach darin, zwei Dinge miteinander zu kombinieren: Erstens, sich in die Perspektive des jeweils anderen hineinzuversetzen (d. h. je nach Rolle in die des Elternteils oder des Kindes), und zweitens, dabei eine wohlwollende Haltung einzunehmen. Was meine ich damit? Gehen wir das einmal nacheinander für die beiden möglichen Konstellationen durch und beginnen mit der Perspektive des erwachsenen Kindes.

„Perspektivübernahme“ bedeutet hier zuallererst, sich in die Lage des Elternteils hineinzuversetzen – und zwar zu der Zeit, als die „Fehler“ passiert sind, die man dem Elternteil vorwirft – und nicht in der Gegenwart. In der Rolle des erwachsenen Kindes sollte man sich durchaus bewusst machen, welche Lebensumstände (z. B. finanzielle Knappheit, Status als alleinerziehendes Elternteil, Überforderung, somit chronischer Dauerstress, etc.) oder auch elterlichen Defizite (z. B. in der Gefühlsregulation oder hinsichtlich sozialer Fertigkeiten dahingehend, auf Bedürfnisse und Gefühle des Kindes einzugehen – die sich wiederum aus dessen eigener Lerngeschichte ergeben) das Verhalten des Elternteils bedingt haben könnten. Insbesondere, wenn das erwachsene Kind heute selbst eigene Kinder hat, kann es vielleicht ganz gut nachvollziehen, wie menschlich es ist, unter Stress auch mal die Nerven zu verlieren und unfair gegenüber den eigenen Kindern zu sein – was mich zu dem Aspekt des Wohlwollens bringt.

Sicherlich gibt es – in sehr seltenen Fällen – Elternteile, die z. B. reale psychopathische Persönlichkeitszüge haben, über keinerlei Empathie verfügen und gegenüber ihren Kindern tatsächlich und bewusst bösartige Absichten verfolgen. Das ist aber, wie gesagt, die absolute Ausnahme, und bei dem, was ich im Folgenden beschreibe, beziehe ich mich ganz explizit nicht auf solche Fälle. Abseits dieser seltenen Fälle ist es meistens eher so, dass Elternteile sich nicht aus bösartiger Absicht ungünstig gegenüber ihren Kindern verhalten haben, sondern weil sie aufgrund der oben beschrieben Umstände nicht anders konnten oder es nicht besser wussten. Mit anderen Worten: Weil sie selbst als Eltern Menschen – und somit nicht perfekt sind. Und das führt zu einer fundamental anderen Grundlage, auf der ein erwachsenes Kind sein Elternteil (moralisch) beurteilen kann. Denn wenn es sich mit Hilfe der wohlwollenden Perspektivübernahme in das Elternteil hineinversetzt, bedeutet das, nicht von der schlimmstmöglichen, sondern von der wahrscheinlichsten Absicht des Elternteils auszugehen – zumindest bis das Gegenteil bewiesen ist (auch bekannt als „im Zweifel für den Angeklagten“). Das ist insbesondere dann von hoher Relevanz, wenn eine Aussöhnung mit dem jeweiligen Elternteil angestrebt wird und wenn das erwachsene Kind z. B. durch mangelnde elterliche Fürsorge und Aufmerksamkeit eine Grundannahme der Art „Ich bin nicht wichtig“ oder „Ich bin nicht wertvoll“ entwickelt hat. Denn durch die wohlwollende Perspektivübernahme wird sowohl eine Korrektur dieser wenig hilfreichen Grundannahme möglich (Neue Sichtweise: „Ich war und bin wichtig und wertvoll, aber Mama war damals nicht in der Lage, mir das ausreichend zu zeigen“) als auch ein Verzeihen leichter, sodass ein Loslassen des frustrierten Grolls auf das Elternteil in greifbare Nähe rückt. Denn dieser Groll, glauben Sie mir bitte, macht Sie auf Dauer psychisch weitaus mehr krank als die biographische Erfahrung per se. Mit anderen Worten: Ein mögliches Verzeihen erfolgt auch – oder sogar vor allem – im Interesse Ihrer eigenen psychischen Gesundheit.

Vorsicht bei der Wahl der moralischen Maßstäbe

Ein in der aktuellen Gegenwart wichtiger zusätzlicher Appell, den ich an die erwachsenen Kinder richten möchte, ist folgender: Bitte machen Sie nicht den Fehler, das damalige Handeln Ihrer Eltern vor dem Hintergrund dessen zu moralisch zu bewerten, was heutzutage in Sachen Kindererziehung als „richtig“ und gut gilt. Wenn Sie das tun, können Ihre Eltern natürlich nur verlieren, aber die Beziehung zu Ihren Eltern verliert dabei gleichermaßen. Meine Überzeugung dazu ist, dass ein solcher Vergleich ebenso unfair wie sinnlos ist. Stellen Sie sich vergleichsweise vor, es würde, nachdem im Jahr 2024 das Benutzen von Rasensprengern per Gesetz unter Strafe gestellt wurde, im Jahr 2026 jemand dafür verurteilt, dass er im Jahr 1990 regelmäßig im Sommer seinen Rasensprenger benutzt hat – in der zum damaligen Zeitpunkt berechtigten Annahme, das sei völlig in Ordnung. Fänden Sie das fair? Wenn ja, bringt es nichts, wenn Sie weiterlesen.

Wenn nein, dann machen Sie sich bitte klar, dass Sie dasselbe tun, wenn Sie Ihre Eltern nach heutigen Maßstäben dafür verurteilen, dass Sie Ihnen 1990 mehrmals eine Ohrfeige verpasst, Sie angeschrien oder als Strafe ignoriert haben. Nein, das war nicht schön und hat möglicherweise zu negativen Prägungen von Wertlosigkeit etc. beigetragen – gar keine Frage. Aber: Erstens nützt es Ihnen rein gar nichts, wenn Sie nun angesichts der heutigen Maßstäbe eine Erzählung von sich selbst entwickeln, in der als zentrales Element vorkommt, dass Ihnen (Achtung, ich spitze zu) „schreckliche Gewalt widerfahren“ ist. Im Gegenteil: Ein solches Selbstkonzept wird Ihrer psychischen Gesundheit nicht guttun. Und zweitens: Ihre Eltern haben das, wenn sie keine Psychopathen sind, höchstwahrscheinlich nicht gemacht, damit Sie sich wertlos fühlen(!), sondern erstens, weil sie überfordert waren, und zweitens, weil es damals gesellschaftlich völlig normal und nicht geächtet war, sich seinen Kindern ggü. so zu verhalten. Man könnte auch sagen: „Sie konnten es nicht besser wissen“, wobei das so klingt, als wäre man heutzutage am Gipfel der Erkenntnis dessen angelangt, was in Sachen Kindererziehung „richtig“ ist. Von dieser Überheblichkeit würde ich jedoch ganz klar abraten, denn: Zum einen basiert kein geringer Teil dessen, was heute als „pädagogisch richtig“ angesehen wird, nicht auf empirischer Forschung, sondern letztlich auf weltanschaulichen Trends (die sich seit jeher wandeln), und zum anderen ist der Teil, der auf empirischer Forschung basiert (welcher jedoch im Bereich von „Welche Erziehungsmethoden sind wie gut“ aus methodischen Gründen mit größter Vorsicht zu genießen ist!), natürlich, weil dies das Wesen von Wissenschaft ist, nicht statisch – was bedeutet: Alles andere als in Stein gemeißelt und ständiger Veränderung unterzogen.

Eine Erweiterung der Perspektive hilft hier enorm: Genau wie 1990er-Eltern sicher empört auf die grausamen Strafen geblickt haben, die Kinder in den 1940er-Jahren zuteilwurden, und genau wie heutige Eltern empört auf eine 1990er-Ohrfeige blicken und sie als ebenso schlimme Gewalt brandmarken, so werden natürlich auch im Jahr 2050 Menschen zurückblicken und sich vielleicht angesichts von dann 30jährigen Menschen, die über keinerlei Resilienz oder Frustrationstoleranz verfügen und nicht damit umgehen können, wenn ihnen etwas abverlangt wird, kritisch fragen, ob es eine kluge Idee war, den Gewaltbegriff so weit auszudehnen, Kinder vor allen widrigen Erfahrungen abzuschirmen und sie alles selbst entscheiden zu lassen. Und vielleicht bereut man dann rückblickend auch die Entscheidung, sein Kind, weil der Erziehungsratgeber dies als Gewaltausübung klassifiziert hat, im Auto nicht angeschnallt zu haben, weil das Kind nicht angeschnallt werden wollte. Wie so oft gilt hier das Prinzip: Hinterher ist man immer schlauer – und das gilt für Ihre Eltern ebenso wie für Sie selbst.

Schritt-für-Schritt-Anleitung: How to confront a parent

Und wie genau sollte man, wenn man sich dazu entschieden hat, ein Elternteil konfrontieren? Nun, von der Formulierung hängt durchaus ein Stück weit ab, ob Ihr Elternteil zugewandt reagiert oder ablehnend-abstreitend. Wovon ich, zumindest wenn Ihr Ziel Klärung und Versöhnung ist (und es nicht um wirklich harte Erfahrungen von Missbrauch und Gewalt geht), abraten würde, wären globale, moralisch verurteilende Formulierungen wie „Du hast mir als Kind Gewalt angetan“ oder „Du hast mich traumatisiert“. Es ist unwahrscheinlich, dass ein Elternteil darauf zugewandt reagiert, weil Eltern Menschen sind, Menschen nicht gerne solche Dinge hören und sie hierauf schnell im Verteidigungsmodus reagieren werden, d. h. mit Abstreiten, Lächerlich Machen oder auch Gegenvorwürfen („Du hast es uns als Kind auch nicht leicht gemacht“). Was ich immer empfehle, um die Chancen auf eine zugewandte Reaktion des Elternteils zu erhöhen, ist, eine differenzierte Aussage zu machen, die das Verhalten des Elternteils möglichst objektiv beschreibt und nicht mit der subjektiven emotionalen Wirkung dieses Verhaltens auf das (heute erwachsene) Kind vermischt. Übersetzt wäre das folgende Formel: „Als ich Kind war, hast du oft [A, B, C] gemacht, das hat mir das Gefühl gegeben, dass […] und hat mich bis heute dahingehend geprägt, dass […]“. Oder an einem Beispiel: „Als ich Kind war, hast du mich öfters geohrfeigt, das hat mir das Gefühl gegeben, dass du mich verachtest, und hat mich bis heute dahingehend geprägt, dass ich mich häufig wertlos fühle“. Damit Ihrem Gegenüber zudem direkt klar wird, was nun von ihm verlangt wird, könnten Sie außerdem noch hinzufügen, was Sie sich von Ihrem Elternteil wünschen bzw. was Sie von ihm brauchen – sei es eine Entschuldigung oder eher ein Eingeständnis der Verantwortung bzw. des Fehlers. Machen Sie sich hierzu am besten vorher Gedanken, was es für Sie an Wiedergutmachung braucht, damit die Beziehung zum Elternteil wieder „geheilt“ werden kann. Wenn Sie die Sache so angehen, dann haben Sie als erwachsenes Kind Ihr Bestes gegeben. Denken Sie aber bitte daran: Garantiert werden kann eine positive Reaktion Ihres Elternteils durch nichts, das in Ihrer Macht steht, denn wie das Elternteil Ihre Aussage verarbeitet, liegt immer noch letztlich bei ihm.

Pluspunkt Gruppentherapie

Ein spezieller Joker, den ich bei solchen Eltern-Kind-Konflikten übrigens in meinen Gruppentherapien ziehen kann, ist, dass dort in der Regel beide Generationen bzw. beide Rollen vertreten sind und die Bereicherung um die Gegenperspektive somit oft in grandioser Weise gelingt. Manchmal stelle ich, wenn die gesamte Gruppe sich einseitig auf die Perspektive des Betroffenen einschießt, auch die etwas piksende, aber hilfreiche Frage, wie der Meinung der Teilnehmer nach der Konfliktpartner (z. B. die nicht anwesende Mutter) die Situation schildern würde, wenn nicht ihre Tochter, sondern sie selbst Teil der Gruppe wäre und den Konflikt dort bearbeiten würde. Dann hört man meistens eine Weile lang die Gehirne in der Stille rattern, wonach es dann in der Regel konstruktiv weitergeht – was eine sehr gute Überleitung zum nächsten Teil ist, in dem ich mich an die Elternteile widmen werde.

© Dr. Christian Rupp 2026

„Mama, du hast mich traumatisiert“: Das Grundproblem bei nachträglichen Eltern-Kind-Konflikten (Teil 1/3)

In diesem ersten Teil einer dreiteiligen Artikelreihe beleuchte ich typische Konflikte zwischen erwachsenen Kindern und ihren Eltern und gehe speziell auf eine Ursache für vermehrte „Anklagen“ erwachsener Kinder gegenüber ihren Eltern ein: Den stark erweiterten Gewaltbegriff und dessen ungünstige Folgen.

In meiner Rolle als Psychotherapeut habe ich regelmäßig mit beiden Seiten eines Konflikts zwischen einem erwachsenen Kind und einem Elternteil zu tun. Das bedeutet, ich kenne die Menschen in der Elternrolle, die massiv dadurch belastet sind, dass ihr erwachsenes oder jugendliches Kind sie scheinbar aus dem nichts mit Vorwürfen konfrontiert, in seiner Kindheit Fehler in der Erziehung gemacht, sie schlecht behandelt oder gar „traumatisiert“ zu haben. Und ich kenne ebenso die Menschen in der Kinderrolle, die bei mir in Behandlung sind und mit denen ich im Rahmen der Entwicklung eines Störungsmodells natürlich auch nach den biographischen Erfahrungen suche, die zu relevanten Prägungen und bis heute wirksamen Denk- und Verhaltensmustern geführt haben – was schlichtweg nicht geht, ohne das Verhalten der zentralen Bezugspersonen, in der Regel der Eltern, zu beleuchten.

Und weil das so ist, muss ich direkt zu Beginn einräumen, dass dem Klischee „Das hat dein Therapeut dir eingeredet“ natürlich durchaus ein Stück Wahrheit innewohnt – und zwar insofern, als es vermutlich ohne Psychotherapie nicht dazugekommen wäre, dass dem betreffenden Menschen in der Kind-Rolle bestimmte Zusammenhänge bewusst geworden wären. Inzwischen muss man hierbei allerdings einräumen, dass erwachsene Kinder heutzutage auch komplett ohne Psychotherapie zu solchen (scheinbaren) Erkenntnissen kommen können, und zwar über Plattformen wie Instagram und TokTok, auf denen selbst ernannte „Mental Health Influencer“, selten mit entsprechender Qualifikation, jede Menge vermeintliche „Informationen“ verbreiten, von denen ein erschreckend großer Anteil völliger Unsinn ist.

Stammen jene Erkenntnisse tatsächlich aus dem therapeutischen Prozess, haben wir es derweil wahrhaftig mit einer der vielen Nebenwirkungen von Psychotherapie zu tun, über die wir Psychotherapeuten aufklären müssen (was nur leider meiner Wahrnehmung nach kaum geschieht) – und zwar bevor wir mit der Therapie beginnen und diese Zusammenhänge ans Licht kommen. Denn je nachdem, welche Zusammenhänge deutlich werden, kann sich natürlich auch die Sichtweise auf ein Elternteil ändern – und damit auch die Beziehung. Und eben weil immer die Gefahr besteht, dass Beziehungen zu Elternteilen durch eine Therapie Schaden nehmen, ist es so wichtig, den Prozess als Psychotherapeut gut zu moderieren und der Patientin deutlich zu machen, dass das Ziel nicht darin besteht, das Elternteil zu dämonisieren, es für all ihre Probleme verantwortlich zu machen und anzuklagen. Daher verfolge ich hierbei stets einen konsequenten Kurs des dialektischen „Sowohl als auch“-Denkens, was letztlich bedeutet: Wie der Patient die Welt, in dem Fall seine Kindheit, betrachtet, ist subjektiv genauso legitim, wichtig und zulässig wie die Sichtweise des Elternteils auf die Kindheit des Patienten – was objektiv geschah, ist dabei in den meisten Fällen gar nicht ausschlaggebend.

Das Problem des stark erweiterten Gewaltbegriffs

Zu wissen, was objektiv geschah, ist derweil selbstverständlich wichtig bei handfesten Gewalt- und Missbrauchserfahrungen, die z. B. tatsächlich die Definition eines Traumas gemäß unserer Diagnosesysteme erfüllen oder so massiv waren, dass Einigkeit darüber besteht, dass ein solches Elternverhalten zu verurteilen und ggf. zu bestrafen ist – worunter z. B. jegliche Form von sexuellem Missbrauch oder auch extreme, überdauernde (und nicht etwa die Ausnahme darstellende) Formen von körperlicher Gewalt und Vernachlässigung fallen. Das ist enorm wichtig zu betonen, weil es auf gesamtgesellschaftlicher Ebene in den letzten Jahrzehnten zu einer enormen Ausweitung des Begriffs „Gewalt“ gekommen ist, die, ohne dieses (tendenziell bodenlose) Fass hier aufmachen zu wollen, aus meiner Sicht mindestens so viele Nachteile wie Vorteile mit sich bringt. Einer der großen Nachteile ist folgender: Wenn Menschen, denen als Kind Dinge widerfahren sind, die heute geächtet sind, aber damals völlig normal waren (die viel zitierte Ohrfeige z. B.), 30 Jahre später darauf stoßen, dass „man“ das heutzutage als Ausübung von „Gewalt“ bezeichnet, passiert es schnell, dass sie – ohne jeden Nutzen für die psychische Gesundheit – nachträglich ein Opfer-Selbstkonzept von „Mir wurde Gewalt angetan, ich bin traumatisiert“ entwickeln. Denn dieses Selbstkonzept lässt sie fortan denken, sie müssten nun „unbedingt irgendetwas tun“ – es in einer Therapie aufarbeiten, den Kontakt zu den Eltern abbrechen, etc. Ein weiterer Nachteil davon, auf alles, was nicht zu 100 % frei von Aggression ist, das Etikett „Gewalt“ zu kleben und eben nicht mehr zu differenzieren, besteht natürlich darin, dass die Opfer tatsächlicher Gewalt gemäß der o. g. Definition Gefahr laufen, weniger ernst genommen zu werden, weil der Begriff sich mehr und mehr abnutzt – ganz analog zu dem, was ich vor einiger Zeit hinsichtlich der inflationären Verwendung des Begriffs „Trauma“ beschrieben habe.

Die Lösungsstrategien, die ich im Folgenden darlege, beziehen sich daher ganz klar nicht auf Fälle, in denen Elternteile ihren Kindern tatsächlich handfeste Gewalt im engeren Sinne angetan haben, denn dabei wurden Grenzen überschritten, die so massiv waren, dass die Strategien, die ich vorstellen werde, nicht ausreichen. Ebenso greifen die Strategien natürlich nicht für den Fall, dass einer der beiden Akteure (Kind oder Elternteil) verstorben ist und man nachträglich „auf unausgesprochenen Dingen herumkaut“ – auch dafür gibt es andere Methoden, die nicht Teil dieser Artikelserie sind. Worauf ich mich beziehe, ist der klassische, hundertfach stattgefundene Fall, dass ein erwachsenes Kind, z. B. im Rahmen einer Therapie oder leider vermittelt durch soziale Medien, die Sichtweise entwickelt, dass in seiner Kindheit irgendetwas schiefgelaufen sei und den Eltern daraufhin Vorwürfe zu Fehlern in ihrer Erziehung macht. Im nächsten Teil werde ich daher das Prinzip der wohlwollenden Perspektivübernahme einführen und dabei zunächst die Seite der erwachsenen Kinder ansprechen, bevor ich mich im dritten Teil der Perspektive der Elternteile widmen werde.

© Dr. Christian Rupp 2026

Zu Gast „im Psychotop“: Podcast-Folge mit Gitta Jacob veröffentlicht

Wie am 12. Mai 2026 angekündigt, erschien heute die 10. Folge des Podcasts „Im Psychotop“ der Beltz Verlagsgruppe, in der ich zu Gast sein und mich mit der Gastgeberin Dr. Gitta Jacob über das wichtige, aber viel zu wenig beachtete Thema unterhalten durfte, in welchen Fällen eine Psychotherapie tatsächlich kontraindiziert, d. h. nicht sinnvoll ist.

Die Podcast-Folge mit unserem, wie ich finde, durchaus bereichernden und auch unterhaltsamen Gespräch findet man hier (Spotify) oder hier (Apple Music) – sowie überall, wo es sonst Podcasts gibt.

Passend zu der Folge habe ich zusammen mit Gitta Jacob unter psychotherapie.tools auch einen Blog-Beitrag für die Beltz Verlagsgruppe verfasst (Vorschau siehe Fotos unten links), der hier zu finden ist und all denen dienen soll, die lieber lesen als hören.

Der QR-Code rechts unten führt außerdem zum Instagram-Post der Beltz Verlagsgruppe, der zum Erscheinen der Podcast-Folge erstellt wurde. Ich freue mich auf viele interessierte Hörerinnen und Hörer!

Einladung in den Podcast „Im Psychotop“ mit Gitta Jacob: Folge erscheint am 3. Juni

Mitte April war ich zu Gast im Podcast „Im Psychotop“ der Beltz Verlagsgruppe, gehostet von der großartigen Gesprächspartnerin Dr. Gitta Jacob, die bestimmt der einen oder dem anderen durch ihre Buchveröffentlichungen (aktuellste Erscheinung: „Leben geht nur vorwärts: Wann es Zeit ist, das innere Kind in Ruhe zu lassen und durchzustarten“, Beltz-Verlag, 2024) bekannt ist.

Unser Thema war die auch in meinem Buch „Blackbox Psychotherapie“ aufgegriffene, sehr wichtige, aber viel zu selten beachtete Frage: Wann ist Psychotherapie eigentlich kontraindiziert und sollte somit gar nicht stattfinden?

Ich bedanke mich für ein sehr bereicherndes und inspirierendes Gespräch und freue mich schon darauf, wenn die Folge am 03.06.2026 veröffentlicht wird. Am selben Tag wird auch ein dazugehöriger Blogbeitrag von mir auf den Seiten der Beltz Verlagsgruppe erscheinen.

Bis dahin kann ich alle bereits veröffentlichten Folgen von „Im Psychotop“ wärmstens empfehlen (Verlinkung für alle, die Podcasts über Apple hören, hier, ansonsten überall auffindbar, wo’s Podcasts gibt) – insbesondere Folge 9 mit meiner psychiatrischen Kollegin Dr. Regine Johannsen aus Rendsburg!

Hier geht es direkt zum Instagram-Beitrag (linker QR-Code) bzw. zu meinem Profil und somit meinen Beiträgen bei Instagram, wo ich künftig vorhabe, mehr berufsbezogene Dinge zu teilen (rechter QR-Code):

„Das hat mich getriggert“: Warum Sie darauf verzichten sollten, so zu sprechen (Teil 2)

Wie in Teil 1 angekündigt, soll es in diesem zweiten Teil des Artikels um die beiden weiteren Kritikpunkte an der inflationären Verwendung von Formulierungen gehen, die das Wort „Trigger“ enthalten.

Problem 2: Der fehlende Informationsgehalt

Das zweite Problem mit Formulierungen wie „XYZ hat mich getriggert“ ist ebenso offensichtlich wie frustrierend: Aussagen wie diese haben einen Informationsgehalt, der gegen Null geht. Wenn Sie so etwas hören, wissen Sie weder, was genau am Verhalten der anderen Person etwas ausgelöst hat, noch (und das ist das Schlimmste), WAS für ein Gefühlszustand denn eigentlich ausgelöst wurde. Kurzum: Sie wissen auf Basis einer solchen Aussage rein GAR NICHTS. Den gleichen Informationsgehalt haben übrigens (auch überzufällig häufig in sozialen Berufen verwendet) Äußerungen wie „Das hat etwas mit mir gemacht“ – auch hier zwingt sich unweigerlich die Gegenfrage auf: „Ja, und WAS?“. Vor nicht einmal zehn Jahren, so meine Erinnerung, waren Menschen da noch deutlich differenzierter unterwegs und waren in der Lage, sich präziser auszudrücken. Da verwandte man noch so altmodisch-eindeutige Formulierungen wie „Das hat mich traurig gemacht“, „Da habe ich mich geschämt“, „Das hat mich auf die Palme gebracht“ oder „Das hat mich richtig geärgert“. Selbst Formulierungen wie „Das hat mich berührt“, „Das hat mich aufgebracht“ oder „Das ging mir nahe“ sind immer noch um einiges klarer als irgendeine, die das Wort „Trigger“ enthält.

Problem 3: Die inadäquate Verwendung des Begriffs „Trauma“

Das dritte und letzte Problem an der nun viel zitierten Äußerung ist, dass der Begriff „Trigger“ quasi untrennbar mit dem Konzept des Traumas verwandt ist und aus der wissenschaftlichen Erforschung der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) herrührt. Als „Trigger“ wird in den aktuell etablierten Erklärungsmodellen der PTBS nämlich ein Reiz (alle Sinnesqualitäten können betroffen sein, also z. B. ein Geräusch, etwas Sichtbares oder auch ein Geruch) bezeichnet, der neuronal in besonders starker Weise mit der Trauma-Erinnerung (z. B. an eine Vergewaltigung) assoziiert, d. h. verknüpft ist, weil, z. B. bei einer Vergewaltigung, der Täter jenen Geruch an sich hatte und währenddessen bestimmte Geräusche zu hören waren. Aufgrund der neuronalen Besonderheiten einer Trauma-Erinnerung (starke Verknüpfungen innerhalb der Elemente der Erinnerung, dabei aber vom restlichen Gedächtnis auffällig „abgekapselt“) kann ein solcher Trigger-Reiz dann, und zwar unmittelbar und weitgehend ohne bewusste Verarbeitung der betroffenen Person, die gesamte Trauma-Erinnerung aktivieren. Das wiederum bedeutet: Es kommt zu einer Form des Wiedererlebens, d. h. es können 1:1 dieselben Gefühlszustände wie während des Traumas inkl. der assoziierten Körperempfindungen auftreten, aber natürlich auch bildhafte Erinnerungen an das Trauma schlagartig ins Bewusstsein treten (bei statischen Bildern spricht man von „Intrusionen“; werden hingegen ganze Szenen des Traumas in bewegten Bildern und „wie im Hier und Jetzt“ erlebt, nennt man dies „Flashback“). Zusammengefasst spricht man hierbei, wie schon erwähnt, von „Wiedererleben“, was das wichtigste Diagnosekriterium einer PTBS ist. Oft, (nämlich dann, wenn die Wucht der Gefühle zu heftig wird), kommt es bei einem Trigger-Ereignis auch dazu, dass die betroffene Person nicht mehr ansprechbar und scheinbar vom Hier und Jetzt abgekoppelt ist. Das nennt man „Dissoziation“ und ist nach aktueller Lesart der Wissenschaft als Schutzmechanismus des menschlichen Organismus zu begreifen, der, evolutionsbiologisch eingeordnet, einer „Freezing-Reaktion“ (als dritte Option neben „Fight“ und „Flight“, also neben Kampf und Flucht) gleichkommt.

DAS, und nur das, ist gemeint, wenn Fachleute sagen: „Die Patientin wurde getriggert“. Wenn man nun aber anfängt, sämtliche unschönen biographischen Prägungen, von denen wohl die Mehrheit der Menschheit welche haben dürfte und die bei uns allen andauernd das gegenwärtige emotionale Erleben mitbeeinflussen, „Trauma“ zu nennen, ist das nach meiner Auffassung gegenüber Betroffenen mit einer PTBS respektlos und unsensibel. Und es ist auch überhaupt nicht nötig, denn wenn im Laufe einer Therapie deutlich wird, dass bestimmte biographische Prägungen eine relevante Rolle in der vorliegenden Störung spielen, war auch schon vor der Social Media-getriebenen Ausweitung des Traumabegriffs allen Psychotherapeut:innen völlig klar, dass man diese psychotherapeutisch bearbeiten sollte. Und nicht zuletzt hat es ja einen sehr guten Grund, warum die Diagnosesysteme (namentlich das DSM-5 und das ICD-10 bzw. sein werdender Nachfolger ICD-11) ziemlich klar definieren, was ein Trauma ist. Das wurde und wird zwar auch immer weiter aufgeweicht (und ja, ich bin mit der Liste auch nicht ganz einverstanden, was sicher auch daran liegt, dass ich in der mündlichen Gruppenprüfung meines Staatsexamens mit dieser Frage kalt erwischt wurde), aber noch immer listet das DSM-5 letztlich nur tatsächlichen oder drohenden Tod, schwere Verletzung und sexuelle Gewalt, entweder selbst erlebt oder bei einer anderen Person beobachtet, als mögliche Erlebnisse, die ein Trauma sein können – mehr nicht. Es wäre also durchaus klug und außerdem respektvoll ggü. PTBS-Betroffenen, hier verbal etwas abzurüsten, anstatt alle Arten von unschönen Erinnerungen in einen Topf zu werfen und den „Trauma“-Aufkleber draufzupappen. Meine Vorschläge für eine das Wort „Trauma“ umgehende Formulierung wären übrigens, ganz schlicht, „negative biographische Prägung“, etwas malerischer, „wunder Punkt aus der eigenen Geschichte“ oder, noch einfacher, „belastende Erinnerung“. Klingt doch eigentlich viel hübscher als die T-Wörter, oder?

Fun fact am Rande: Anders als mache selbst ernannten „Mental Health-Influencer:innen“ Sie vielleicht glauben machen wollen, ist eine PTBS sehr wohl ein Anlass für eine Psychotherapie, das alleinige Erleben eines Traumas (auf das in nur in einer Minderheit (!) der Fälle überhaupt eine PTBS folgt) aber nicht. Tatsächlich wäre es enorm schädlich und somit zutiefst unethisch, Menschen, die zwar ein Trauma erlebt haben, aber keine PTBS-Symptome und auch sonst keine Anzeichen für eine psychische Störung zeigen, einzureden, dass ihnen „ganz Schreckliches widerfahren“ sei, das man „doch nicht ohne Hilfe verarbeitet haben“ kann. So schafft man ein Problem, ohne dass es je eins gab, und tut es meistens, um die eigene, natürlich selbst zu zahlende „Behandlung“ zu verkaufen. Die meisten echten Psychotherapeut:innen würden das nicht tun und dürfen es aufgrund der Vorgaben ihrer Berufsordnung auch nicht. Aber für nicht geregelte, „unechte“ Pseudoheilberufe wie „Trauma-Coaches“ und Co. gibt es eben keine Berufsordnung und somit auch kaum Regeln, was traurig und bedenklich, aber leider der Stand der Dinge ist. Daher ist hier größte Vorsicht geboten!

Ich hoffe, ich konnte hiermit zumindest ein wenig dazu beitragen, für die unangemessene Verwendung jener T-Wörter zu sensibilisieren und für die Rückkehr zu wunderbaren Alternativformulierungen, die gar nicht neu erfunden werden müssen, zu werben. Und sollte Sie etwas an meinem Artikel verärgert haben, dann benennen Sie es bitte auch so und sagen Sie nicht einfach „Der Rupp hat mich getriggert“. Vielen Dank.

© Dr. Christian Rupp 2026

„Das hat mich getriggert“: Warum Sie darauf verzichten sollten, so zu sprechen (Teil 1)

Viele meiner Patient:innen, insbesondere die Mitglieder meiner Gruppentherapien, wissen, dass ich relativ vehement darin bin, korrigierend einzugreifen, wenn eine Variante des Wortes „triggern“ fällt. Nun könnte man meinen, dass ich einfach grundsätzlich pedantisch bin, was einen präzisen Gebrauch von Sprache angeht (was definitiv der Fall ist), aber das allein ist nicht der Grund, warum ich mich weigere, diesen Begriff in der Form, wie er inzwischen in der Alltagssprache verwendet wird, zu übernehmen. In diesem Artikel möchte ich daher gerne darlegen, warum die Verwendung des Begriffs, in den allermeisten Fällen, einerseits sinnlos und unnötig sowie andererseits unsensibel und respektlos ist.

Sätze wie „XYZ hat mich getriggert“ fallen in meinen Therapieräumen ebenso häufig wie in privaten Gesprächen unter Menschen und in, im weitesten Sinne mit „mentalen Themen“ assoziierten Social Media-Blasen. Insbesondere fällt dieser Begriff in Gesprächen zwischen Menschen (überzufällig häufig solchen aus sozialen Berufen), die sich eine psychologische Fachkenntnis zusprechen, die unterm Strich jedoch meist nicht über Küchenpsychologie hinausgeht. Was diese Menschen damit jeweils zum Ausdruck bringen möchten, ist letztlich nichts anderes, als dass die Äußerung oder das Verhalten einer anderen Person bei ihnen, und das zumindest scheinbar plötzlich, ein starkes Gefühl ausgelöst hat. Der Begriff („trigger“ bedeutet auf Englisch nichts anderes als „Auslöser“, und hierin liegt bereits eine gravierende Absurdität hinsichtlich des nicht vorhandenen Informationsgehalts) impliziert aber auch, dass das Gefühl dadurch ausgelöst wurde, dass eine eigene, nennen wir es einmal „biographische Wunde“, durch einen äußeren Auslöser aktiviert bzw., wenn wir beim Bild der Wunde bleiben, „aufgerissen“ wurde. Spätestens hier wird sehr klar, dass der Begriff „Trigger“ ein traumatherapeutischer Begriff ist, der suggeriert, dass eine „traumatische“ Erinnerung (keine Sorge, um diesen Begriff wird es gleich auch noch gehen) durch einen externen Auslöser reaktiviert wird, was in Form heftiger, plötzlich auftretender Gefühle deutlich wird.

Um das etwas anschaulicher zu machen, soll ein kleines Beispiel herhalten: Man stelle sich vor, eine Person, die in ihrer Biographie durch wiederholte Lernerfahrungen mit einer abwertenden, demütigenden Mutter eine Prägung (je nach Therapieschule würde man an dieser Stelle auch von „Schema“, „Grundannahme“, „Glaubenssatz“ oder „innerem Konflikt“ reden – was im Grunde alles dasselbe meint) dahingehend erworben hat, sich selbst für klein, unfähig und wertlos zu halten, geht in Berlin zum Bäcker und wird dort, als sie an der Reihe ist und sie nicht sofort sagen kann, was für ein Brot sie haben möchte, von der (Berliner) Bäckereifachverkäuferin mit den Worten angesprochen: „Een bisschen schneller, wenn’s jeht, annere Kunden wollen och noch watt ham“. Dies wiederum aktiviert bei der Person jene Prägung („Ich bin klein, unfähig und wertlos“), was sich in einem dazu passenden, aber durchaus diffusen Gefühlszustand äußert, der sich u. a. aus Angst und Scham sowie einer geduckten Körperhaltung zusammensetzt. In jener küchenpsychologischen Pseudofachsprache würde die Person, wenn sie beruflich entsprechend sozialisiert ist oder ausreichend viele Reels bei Instagram und TikTok zu angeblichen „Trauma-Typen“ gesehen hat (in denen man sich natürlich immer irgendwo wiederfindet, genau wie in Horoskopen), den Vorfall dann folgendermaßen beschreiben: „Die Bäckereifachverkäuferin hat mich getriggert“, und vielleicht würde sie noch hinterherschieben: „Sie hat mein Demütigungstrauma aufgerissen“, wenn nicht sogar der noch gewaltigere und ebenso falsche sowie vollkommen sinnlose Begriff der „Retraumatisierung“ fallen würde (ich gehe hier nicht ins Detail und sage nur: Vergessen Sie diesen Begriff bitte einfach). So, und nun beschreibe ich, welche drei gewichtigen Probleme es mit dieser Art der Formulierung gibt:

Problem 1: Die Verschiebung der Verantwortung

Das erste, was an Formulierungen der Art „XYZ hat mich getriggert“ problematisch ist, ist, dass damit die Verantwortung für die Auslösung des Gefühls dem Gegenüber zugeschoben wird. Und obwohl es aus psychotherapeutischer Sicht, ganz im Sinne des Ziels, Patient:innen zur Selbstwirksamkeit im Umgang mit ihren Gefühlen zu verhelfen, ein katastrophaler Fehler wäre, primär andere Menschen für die eigenen Gefühle verantwortlich zu machen, ist das leider ein weit über den psychotherapeutischen Bereich hinausgehender gesellschaftlicher Trend, den ich mit großer Sorge betrachte. Das tue ich deshalb, weil durch dieses Andere-verantwortlich-Machen leider das Gegenteil von Selbstwirksamkeit erreicht wird (was konkret hieße: Verantwortung für das eigene Gefühl übernehmen und damit den Jackpot einheimsen, dass man sich dadurch auch aus dem Leid befreien kann), nämlich die Zementierung eines Selbstbilds als hilfloses Opfer, dem „Böses angetan“ wurde. Und das, so viel kann ich Ihnen als Psychotherapeut versichern, ist quasi eine Garantie für langanhaltende psychische Nicht-Gesundheit und zudem ein ideales Sprungbrett in chronifizierte psychische Probleme, u. a. deshalb, weil die eingenommene Opferrolle mit dem Anspruch an die Menschen im eigenen Umfeld einhergeht, dass diese gefälligst Rücksicht auf die eigenen „Triggerpunkte“ zu nehmen haben – was, wenngleich als Haltung immer weiter verbreitet, ein völlig überhöhter und unrealistischer Anspruch ist und einzig und allein zu Enttäuschung führt, weil (Überraschung!) kein normaler Mensch so etwas leisten kann. Und übrigens hilft diese Identifizierung mit einer Opferrolle auch nicht im Entferntesten dabei, solch einer barschen Berliner Bäckereifachverkäuferin souverän irgendetwas zu entgegnen. Und es hilft erst recht nicht in Situationen, in denen nicht nur eine (auf aktivierten Prägungen basierende) gefühlte, scheinbare Demütigung, sondern eine tatsächliche, eindeutige Demütigung stattfindet (wie z. B. „Du dumme F*tze, wie hässlich bist du eigentlich?“). Ein Vorschlag dazu, was man anstelle von „Die Bäckereifachverkäuferin hat mich getriggert“ sagen könnte, wäre z. B.: „Das Verhalten der Bäckereifachverkäuferin hat bei mir Scham ausgelöst und mich klein fühlen lassen, weil mich ihr Tonfall an das herabwürdigende Verhalten meiner Mutter erinnert hat“. Kein Hexenwerk, ganz normale Sprache, keine unnötigen Anglizismen, und sehr klar. Zudem: Die sprechende Person macht klar, woran sie selbst ansetzen kann, wenn sie das Gefühl bewältigen möchte – nämlich an der eigenen biographischen Prägung, für deren Entstehung im Elternhaus sie (um es ganz klar zu sagen) natürlich keine Schuld trägt. Die Verantwortung für den Umgang mit dieser Prägung in der Gegenwart obliegt ihr derweil sehr wohl, ob sie nun will oder nicht.

Im zweiten Teil des Artikels werde ich mit den beiden weiteren Kritikpunkten befassen, d. h. mit dem Problem des fehlenden Informationsgehalts und dem inadäquaten Bezug zum Begriff des „Traumas“.

© Dr. Christian Rupp 2026

ADHS im Erwachsenenalter – Teil 6: Über Sinn und Unsinn von Behandlungsansätzen, den Begriff der Neurodiversität & Stärken von Menschen mit ADHS.

In diesem letzten Teil der Artikelreihe erfahren Sie, welche Behandlungsansätze für Erwachsene mit ADHS tatsächlich sinnvoll sind, welche Vor- und Nachteile das Konzept der Neurodiversität mit sich bringt und welche spezifischen Stärken Menschen mit ADHS auszeichnen.

In diesem letzten Teil der Artikelreihe möchte ich gerne der in Teil 5 aufgeworfenen Frage auf den Grund gehen, wie Betroffene denn nun, ohne die Diagnose der ADHS als selbstaufwertendes Etikett oder als Universalentschuldigung für unangemessenes Verhalten zu verwenden, Verantwortung für sich und ihre Probleme übernehmen können. Nun, die Antwort ist per se nicht schwer und lautet: „Indem sie sich behandeln lassen“ – in der Praxis ist das aber gar nicht so leicht. Zum einen ist es, wie in den Teilen 2, 3 und 5 beschrieben, schwierig, an einen kompetenten und zugewandten Behandler zu geraten, der einem tatsächlich hilft, anstatt einem sinngemäß zu sagen, dass man sich seine Probleme einbildet. Zum anderen sind die Behandlungsempfehlungen, die man für ADHS oft liest, ziemlich inkonkret und im Grunde nicht mehr als professionell klingende Worthülsen.

„Medikamentöse Behandlung und Verhaltenstherapie“

So lautet die gängige Empfehlung, was die Behandlungsstrategie für ADHS im Erwachsenenalter angeht. Der Informationsgehalt dieser Empfehlung läuft asymptotisch gegen Null, weshalb ich sie für Sie gerne mit Leben füllen möchte. Zunächst einmal muss man so ehrlich sein, klarzustellen, dass diese Empfehlung größtenteils zu übersetzen ist mit „Ursache bekämpfen und Symptome kompensieren“ – was bedeutet, zwei grundsätzlich verschiedene Ansätze in einen Topf zu schmeißen.

Was den einen oder anderen vielleicht verwundern wird, ist, dass ich, obwohl ich Psychologischer Psychotherapeut bin, im Falle der ADHS die medikamentöse Behandlung, am besten mittels Stimulanzien, für die primäre, ursächliche, mit Abstand wirksamste und zudem sowohl einfachste als auch kostengünstigste Methode zur Behandlung der ADHS erachte. Warum das so ist? Das ist relativ einfach: Stimulanzien gleichen, während sie wirken, meist sehr effektiv den (vereinfacht gesagt) bei ADHS vorliegenden Mangel an Dopamin in kritischen Gehirnregionen aus, der dem Inhibitionsdefizit und somit den meisten ADHS-Symptomen zugrunde liegt – was bedeutet, dass ein Großteil der (sowohl die Betroffenen selbst als auch deren Angehörige) störenden Phänomene wie gereiztes Explodieren, Abgelenktheit und emotionale Achterbahnfahrten durch Stimulanzien deutlich verringert oder sogar ganz beseitigt wird. Diesen Effekt erzielt bei einer ADHS keine Psychotherapie der Welt. Und das bedeutet, dass durch eine medikamentöse Behandlung in der Regel ein Zustand geschaffen wird, in dem gar keine Probleme mehr auftreten, die dann noch verhaltenstherapeutisch verändert werden müssen. Schon alleine deswegen ist die pauschale Empfehlung „Medikation plus Verhaltenstherapie“ de facto unsinnig.

Ein in diesem Kontext oft gehörtes, meist von Laienseite geäußertes Argument gegen die Medikation, das im Endeffekt keine Substanz hat, lautet: „Ja, aber es kann ja keine Lösung sein, dauerhaft Tabletten zu nehmen, die nur ein paar Stunden wirken“. Es ist richtig, dass Stimulanzien bei ADHS nach der Einnahme maximal 12 Stunden wirken und es somit immer Phasen am Tag und in der Nacht gibt, in der keine medikamentöse Wirkung besteht. Anders als z. B. Antidepressiva versprechen diese Stimulanzien auch gar nicht, über die Dauer der Einnahme hinaus zu wirken und dauerhaft das Gehirn „umzubauen“. Das ist aber nicht weiter schlimm. Erstens kann mit den verfügbaren Medikamenten somit die Zeit des Tages abgedeckt werden, in denen Betroffene kognitiv und emotional „funktionieren“ müssen, z. B. im Beruf – was oft ausreichend ist. Denken Sie zweitens bitte an das zurück, was ich in Teil 2 hinsichtlich „high performance ADHD“ beschrieben habe: Das, was bei hochleistenden ADHS-Betroffenen zum „Verschleiß“ führt und Leiden verursacht, ist in erster Linie die kräftezehrende Kompensation der Symptome, die diese Betroffenen hervorragend beherrschen, die aber wegen der daraus resultierenden Erschöpfung auf lange Sicht die Brücke in die Depression darstellt. Genau deswegen (man erinnere meinen Appell an die Fachkollegen: Bitte behandelt die Grunderkrankung!) profitieren auch hochleistende Betroffene meist enorm von einer Medikation, weil ihr Gehirn zumindest für die Hälfte des Tages biologische Unterstützung erhält, indem es auf das Funktionsniveau eines „Nicht-ADHS-Gehirns“ gehoben wird. Das ist deshalb ein Gamechanger, weil das bedeutet, dass die Betroffenen für die Hälfte des Tages keine Energie dafür aufbringen müssen, ihre Kompensations- bzw. Unterdrückungsmechanismen anzuwenden – sodass die vorhandene Energie für genau die Phasen ausreicht, in denen das Medikament nicht mehr wirkt, und der Verschleißeffekt durch zunehmende Erschöpfung minimiert wird. Diese Logik zu verstehen, ist gerade für diejenigen Behandler wichtig, die davon ausgehen, dass Betroffene, die objektiv betrachtet „klarkommen“, keine medikamentöse Unterstützung benötigen – was weit gefehlt ist. Wenn man sich dann noch klarmacht, dass es kaum Medikamente gibt, die weniger Nebenwirkungen verursachen oder Folgeschäden produzieren können als Stimulanzien, wird die Argumentationsbasis gegen eine medikamentöse Behandlung sogar noch dünner.

Wozu dann noch Verhaltenstherapie?

…ist deswegen eine sehr berechtigte Frage, übrigens gerade in der Arbeit mit hochleistenden ADHS-Betroffenen. Denn genau bei denen wäre es nicht nur überflüssig, sondern sogar schädlich und kontraindiziert, ihnen „noch mehr“ Kompensations- bzw. Unterdrückungsstrategien beizubringen, weil das den Druck zu noch besserem „Funktionieren“, den diese Betroffenen schon zu genüge verspüren, nur noch verstärken würde. Also bitte keine Organisations- oder Gefühlsregulationstrainings mit Menschen, die das schon gut beherrschen! Grundsätzlich muss man sich klarmachen, dass Verhaltenstherapie, anders als die Medikation mit Stimulanzien, eben nicht an der Ursache ansetzt, sondern, zumindest was die ADHS-Symptome per se angeht, nur Symptombewältigungsstrategien vermittelt, die unter einer Behandlung mit Stimulanzien meist unnötig werden.

Es gibt jedoch ein paar Aspekte, wie tatsächlich auch eine Verhaltenstherapie Menschen mit ADHS helfen kann. Natürlich kann man Betroffenen, die nicht gerade zur High-Performance-Gruppe gehören, Organisationstechniken und Methoden zur Alltagsstrukturierung „beibringen“ – denn wenn Betroffene das in ihrer Lebensgeschichte nie gelernt haben, werden sie es nicht plötzlich beherrschen, sobald sie Methylphenidat einnehmen. Wenn ich hierbei allerdings ehrlich bin, muss ich auf Basis meiner nicht unerheblichen praktischen Erfahrung einräumen, dass diese Versuche, zumindest ohne parallele medikamentöse Behandlung, nicht selten ins Leere laufen. Meiner Erfahrung nach passiert das meist aus zwei Gründen: Erstens weil Betroffene oft eine ziemliche Aversion gegenüber jeglichen „Ordnungsmaßnahmen“ verspüren (meist haben Dutzende Leute im Verlauf ihres Lebens versucht, ihnen das beizubringen, sodass das Thema negativ verknüpft ist) und zweitens weil das eigentliche Problem der Betroffenen nicht primär das Etablieren eines Ordnungssystems, sondern dessen tägliche Anwendung ist. Sprich: Im Grunde bräuchte es hier bei manchen Betroffenen, damit es etwas bewirkt, eine intensive Unterstützung vor Ort, wie beispielsweise ein Soziotherapeut es leiten könnte – aber nicht ein ambulanter Psychotherapeut.

Neben dem Thema „Organisation“ kann man mit verhaltenstherapeutischen Methoden natürlich an Strategien zur Gefühlsregulation arbeiten, um die Selbstkontrolle v. a. bzgl. Wutanfällen zu verbessern. Das tut man z. B. mit Hilfe so genannter Skills, d. h. praktischer Fertigkeiten zum Abschwächen starker Gefühle. Skills wurden ursprünglich für Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung entwickelt, funktionieren aber natürlich unabhängig von der Diagnose, also auch bei ADHS-bedingten „Atombomben“-Ereignissen. Für ADHS-Betroffene sind Skills in der Regel ab dem Moment überflüssig, ab dem sie medikamentös eingestellt sind. Dennoch haben sie natürlich ihre Berechtigung für jene Situationen oder Phasen, in denen Betroffene längere Zeit ohne medikamentöse Unterstützung sind – um auch dann einem „Explodieren“ entgegenzuwirken und das Selbstwirksamkeitserleben bzgl. der Kontrolle von schädlichen Impulsen zu steigern.

Ferner eröffnet sich in der Arbeit mit ADHS-Betroffenen, die medikamentös eingestellt sind und folglich ihre Emotionen nicht mehr ausschließlich als überfordernden Wut-Tsunami erleben, natürlich ein riesiges Fenster der Möglichkeiten, die eigenen Gefühle „unterhalb der Wut“ zu erleben und zu verstehen – z. B. Traurigkeit, Minderwertigkeit, Scham, Schuld oder Kränkung. Und sobald diese „auf dem Tisch liegen“, kann man damit wie in jeder guten Psychotherapie „intelligent“ arbeiten, d. h. erstens biographisch vorgehen und die Herkunft der Gefühle verstehen. So findet sich bei ADHS-Betroffenen nicht selten ein Unzulänglichkeitsschema der Art „Ich bin falsch/nicht genug“, weil Eltern, Lehrkräfte & Co. ihnen dies aufgrund ihrer ADHS-bedingten Auffälligkeiten immer wieder vermittelt haben. Zweitens kann man diese Schemata samt der damit assoziierten Gefühle dann auch verändern, indem man z. B. traumatherapeutisch arbeitet oder/und neue Verhaltensweisen (z. B. zur Kommunikation von Gefühlen und Bedürfnissen oder zum gewaltfreien Lösen von Konflikten mit Bezugspersonen) trainiert. Und letztlich können natürlich auch viele der Folgestörungen der ADHS – wie Angst- und Zwangsstörungen sowie depressive Episoden – durchaus verhaltenstherapeutisch behandelt werden, wenn (!) man dabei die Besonderheiten berücksichtigt, die die ADHS mit sich bringt (siehe Teil 3).

Hat ADHS auch irgendetwas Gutes?

Wer Teil 5 der Artikelreihe gelesen hat, weiß, dass ich dem Trend in den sozialen Medien, ADHS als eine Aufwertung der Person zu „vermarkten“, sehr kritisch gegenüberstehe – und zwar deshalb, weil das letztlich den Betroffenen, die unter ihrer ADHS leiden und professionelle Hilfe suchen, schadet. Aus demselben Grund blicke ich auch tendenziell verhalten auf den Trend, ADHS unter dem Begriff der Neurodiversität (meist zusammen mit Autimusspektrumsstörungen, siehe Teil 5) zu entpathologisieren, auch wenn der Grundgedanke hierbei (Betroffenen die Möglichkeit zu geben, sich als eine Variation des Normalen anstatt als krankhafte Abweichung vom Normalen zu identifizieren) natürlich viele Vorzüge hat. Gleichzeitig ist es so: Wenn man (natürlich mit der guten Absicht, ein Stigma abzuschaffen) beginnt, eine psychische Störung als „Variation des Normalen ohne Krankheitswert“ zu verstehen, kann das leider zur Folge haben, dass auch infrage gestellt wird, ob diese „Variation des Normalen“ eigentlich behandlungsbedürftig ist. Warum sollte man den Betroffenen noch ein betäubungsmittelpflichtiges Medikament wie Methylphenidat verschreiben dürfen, wenn ADHS nicht mehr als krankheitswertig und behandlungsbedürftig eingestuft ist? Die Leidtragenden wären dann wieder einmal die ADHS-Betroffenen, die unter ihrer Symptomatik wirklich leiden. Daher mein dringender Appell: Vorsicht mit den gut gemeinten Entpathologisierungskampagnen – sie könnten Betroffenen am Ende mehr schaden als nützen.

Gleichwohl möchte ich diese Artikelreihe natürlich nicht abschließen, ohne auch die Aspekte gewürdigt zu haben, die ADHS an positiven Nebeneffekten bzw. spezifischen Stärken mit sich bringt. So kann man sicherlich anführen, dass Menschen mit ADHS Vorteile im Bereich Kreativität bzw. dem haben, was man „Thinking out of the box“ nennt: Sie denken oft qualitativ anders als Menschen ohne ADHS und erkennen Zusammenhänge und Querverbindungen, die anderen verborgen bleiben – werden von anderen aber auch leider oft nicht verstanden, was frustrierend sein kann. Die emotionalen Besonderheiten der ADHS führen im positiven Sinne dazu, dass die Betroffenen oft sehr empathisch mit ihren Mitmenschen umgehen, sich stark in sie hineinfühlen und schnell die nötige Nähe für tiefergehende Gespräche herstellen können. Das schnelle Denken und die vieles durchziehende Impulsivität führen außerdem typischerweise zu einer sehr direkten Art, die zwar auch andere vor den Kopf stoßen, aber ebenso der Einstieg in eine ehrliche, authentische Kommunikation sein kann. Was im Falle von Wut und Überforderungserleben hinderlich ist, nämlich das schnelle „Hochfahren“, ist ferner in puncto Begeisterungsfähigkeit und Spontanität durchaus von Vorteil. Und während ADHS-Betroffene zwar bei Dingen, die sie nicht interessieren, schnell mit der Aufmerksamkeit abgereist sind, so können sie in Dinge, für die sie sich begeistern, mit extremem Aufmerksamkeitsfokus (sie sind dann von außen quasi nicht mehr ansprechbar) sowie großer Ausdauer und Beharrlichkeit eintauchen.

Von evolutionspsychologischer Seite betrachtet, scheint ADHS mit Blick auf die Menschheitsgeschichte somit nicht primär ein Selektionsnachteil gewesen zu sein. Oder mit anderen Worten: Brächte es nur Nachteile mit sich, hätte die Evolution wohl dafür gesorgt, dass ADHS als genetisch verankertes Merkmal in den zigtausenden Jahren, die hinter uns liegen, aussortiert worden wäre. Tatsächlich gibt es wissenschaftliche Hinweise darauf, dass die genetischen Merkmale, deren Ergebnis wir heute „ADHS“ nennen, zumindest in der frühen Menschheitsgeschichte sogar einen evolutionären Vorteil dargestellt haben. Macht man sich klar, dass dies die Epoche war, in der wir Menschen uns als Jäger und Sammler durchgeschlagen haben, ergibt das auch Sinn, denn zu dieser Zeit waren Eigenschaften wie leichte Ablenkbarkeit, Impulsivität und rastloser Tatendrang eine ideale Anpassung an die Anforderungen des täglichen Lebens. Ähnlich wie jene Gene, die dafür sorgen, dass wir überschüssige Kohlenhydrate in Form von Fettpolstern so wunderbar für „schlechte Zeiten“ einlagern können, sind, aus dieser Perspektive betrachtet, die genetischen Grundlagen der ADHS aber eben leider nicht mehr besonders kompatibel mit der modernen Welt und den Anforderungen, die diese an die heute lebenden Menschen stellt. Das soll bitte nicht als fatalistische Schlussfolgerung der Art „Menschen mit ADHS sollen für die Gesellschaft passend gemacht werden“ missverstanden werden – sondern eher, nachdem ich weiter oben sehr deutlich die Nachteile desselben beschrieben habe, noch einmal die Vorteile des Konzepts „Neurodiversität“ beleuchten. Die Frage, ob eine Behandlung angezeigt ist oder nicht, sollte weiterhin nicht anhand der Tatsache, dass Menschen von der Norm abweichen, entschieden werden, sondern alleine davon abhängen, ob die betroffene Person unter der Symptomatik leidet.

Für alle, die bis hierher gelesen haben

Der einen oder anderen Person mag beim Lesen der Artikel dieser Themenreihe aufgefallen sein, wie lebhaft ich das Erleben von ADHS-Betroffenen beschrieben habe. Daher möchte ich allen, die so fleißig und interessiert waren, bis hierher zu lesen, die nicht gänzlich unwichtige Information nicht vorenthalten, dass das Thema ADHS insofern eine Ausnahme in diesem Blog darstellt, als ich hierüber nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht und aus meiner praktischen Erfahrung als Psychotherapeut schreibe, sondern auch aus der Perspektive eines selbst Betroffenen, der dies jedoch erst als Erwachsener herausfand.

© Dr. Christian Rupp 2025

ADHS im Erwachsenenalter – Teil 5: Über ein doppeltes Stigma, die Rolle von TikTok und die unschönen Arten, wie die Diagnose missbraucht wird.

Der Artikel behandelt die Stigmatisierung von ADHS in der aktuellen Zeit und die Rolle, die Social Media dabei spielt. Auf TikTok und Co. verbreiten sich teils falsche Informationen über ADHS rasant, was zu Missverständnissen führt. Manche (vermeintliche) Betroffene nutzen die Diagnose zudem entweder zur Selbstaufwertung oder als Ausrede, was die Vorurteile zusätzlich verstärkt und „echten“ Betroffenen schadet.

Wie in Teil 4 angekündigt, möchte ich mich nach der Beschreibung der Symptome von ADHS im Erwachsenenalter, der Zusammenhänge von ADHS mit anderen Folgestörungen und der Abgrenzung der ADHS von verwandten Störungen nun abschließend noch dem Thema widmen, inwieweit ADHS heutzutage stigmatisiert ist und welche Rolle Social Media sowohl bei der Auflösung alter als auch der Erschaffung neuer Vorurteile bzgl. ADHS spielt. In diesem Kontext finde ich es hilfreich, zwischen einem primären und einem sekundären Stigma zu unterscheiden.

Das erste bzw. primäre Stigma der ADHS (das Kinder deutlich mehr betrifft als Erwachsene) besteht darin, dass die Betroffenen als nervig, störend und anstrengend bewertet werden – Zuschreibungen, die nicht selten Eingang in das Selbstkonzept der Betroffenen finden und sich noch im Erwachsenenalter als negative Grundannahmen über die eigene Person wiederfinden. Das zweite bzw. sekundäre Stigma hingegen ist komplexer und hat auf zwei Ebenen etwas mit dem Anzweifeln der Diagnose per se zu tun. Auf der Laien-Ebene umfasst dieses sekundäre Stigma, dass die Existenz einer ADHS als Störungsbild generell angezweifelt und ins Lächerliche gezogen wird – bzw. den Betroffenen (oder bei Kindern: deren Eltern) unterstellt wird, eine Rechtfertigung für nicht tolerable unangemessene Verhaltensweisen zu suchen und ggf. einer Sanktionierung zu entgehen, weil „man ja nicht anders kann“.

Jenes sekundäre Stigma existiert jedoch auch (und das ist sehr wichtig) auf der Experten-Ebene, d. h. unter Psychiatern und mitunter auch unter Psychotherapeuten. Das bedeutet: Entgegen starken wissenschaftlichen Befunden wird die Existenz des Störungsbilds entweder gänzlich geleugnet – oder aber diese Experten begegnen Menschen, bei denen ein Verdacht auf eine ADHS besteht, mit spöttischem Augenrollen und nehmen sie in einer Weise nicht ernst, die ich in Teil 2 bereits beschrieben habe. Doch woher kommt dieses Augenrollen? Nun, fehlende Fachkenntnis und Fortbildung sowie das unter ärztlichen Kollegen nicht selten eingeschränkte Grundverständnis für Wissenschaft sind ein Teil der Erklärung. Der andere Teil wiederum ist eher jüngeren Datums und hat viel mit bestimmten Entwicklungen in Social Media-Blasen zu tun.

TikTok: Ein Springbrunnen der Falschinformation

Was ich damit meine, ist die schiere Omnipräsenz des Themas ADHS (sowie des Themas „Autismus“, das fälschlicherweise mit ADHS immer wieder in einen gemeinsamen Topf mit der Aufschrift „Neurodiversität“ geworfen wird) auf TikTok und Instagram. Dort findet sich eine atemberaubende Fülle an Posts und Reels (meist von Laien, die meinen, sich selbst diagnostiziert zu haben) zu den angeblichen Symptomen von ADHS (und natürlich Autismus, was, wenn man TikTok glauben mag, eigentlich dasselbe ist). Das Problem: Ein Großteil dieser Informationen ist falsch, aber die Informationen verbreiten sich dennoch rasant – mit dem Ergebnis, dass Laien sie am Ende alleine deshalb glauben, weil sie sie oft genug gehört oder gelesen haben. Und das wiederum liegt daran, dass fast alle in diesen Social Media-Blasen voneinander „abschreiben“ und den gleichen Unsinn weiterverbreiten – einer der Gründe, warum ich diese Artikelreihe geschrieben habe. So kursiert auf TikTok z. B. die ursprünglich von einem Influencer in die Welt gesetzte Falschinformation, ADHS gehe mit mangelnder Objektpermanenz einher, wobei es sich um einen Begriff von Jean Piaget handelt, der beschreibt, dass einem Kind, wenn eine Bezugsperson z. B. das Haus verlässt, die Vorstellung fehlt, dass die Person immer noch existiert und zurückkehren wird – worüber dann vermeintlich Verlustängste erklärt werden. Tatsächlich ist diese Behauptung in jedem einzelnen Detail völlig unzutreffend und überdies an den Haaren herbeigezogen. Wer außerdem Teil 4 gelesen hat, weiß, dass ausgerechnet Verlustängste dasjenige Symptom sind, das eine ADHS am klarsten von einer Borderline-Störung unterscheidet.

Missbrauch der Diagnose als wertsteigerndes Etikett

Was aber nun seit einigen Jahren gehäuft passiert, ist, dass Menschen bei Psychiatern vorstellig werden, die sich auf Basis von TikTok-Reels eine Selbstdiagnose bzgl. ADHS gestellt haben. In Anbetracht des durch TikTok ausgelösten Hypes reden wir von wirklich sehr vielen und meist sehr jungen Menschen – und wenn man sich vorstellt, mit welcher Attitüde von auf Falschinformationen beruhender Pseudogewissheit diese einem Psychiater (oder Psychotherapeuten – auch mir ist das schon passiert) begegnen, kann man das Augenrollen schon viel besser nachvollziehen. Damit aber nicht genug: Wenn diese vermeintlich Betroffenen sich wenigstens aufgrund eines Leidensdrucks melden und sich eine Behandlung wünschen würden, wäre das ja noch vertretbar. Leider aber wird der Großteil nur vorstellig, um offiziell das Diagnose-Etikett zu bekommen – weil ADHS durch seine „lustige“ Darstellung in den sozialen Medien zu einer Art „Gimmick“ geworden ist, d. h. einer „coolen Zierde“, die zur Aufwertung der eigenen Person nach dem Motto „Ich bin etwas Besonderes – ich bin neurodivers“ genutzt wird. Das bedeutet, dass das primäre und das sekundäre Stigma in interessanter Weise verknüpft sind: Die Nutzung des Stempels „ADHS“ als Aufwertung der eigenen Person als „cool“ ist natürlich als krasse Gegenbewegung zum primären Stigma (ADHS = anstrengend, nervig, etc.) zu sehen, erweist dem Störungsbild sowie den real Betroffenen, die einen Leidensdruck haben (fun fact am Rande: Ohne Leidensdruck darf man die Diagnose gar nicht stellen) aber einen Bärendienst. Denn: Der Social Media-Hype führt über den beschriebenen Umweg leider wieder zu Vorurteilen und einer negativen Reaktion von sowohl Experten/Behandlern als auch Laien (die mit der Zeit von der Zurschaustellung der vermeintlichen ADHS-Betroffenen genervt sind), sodass die Betroffenen, die unter ihrer Symptomatik mehr leiden als dass sie sie toll finden, die Benachteiligten sind. Und zwar deshalb, weil sie wegen des riesigen Andrangs von Menschen, die „auf der Suche nach einem Etikett“ sind, keinen Facharzttermin mehr bekommen und weil sie, wenn sie dann mal einen ergattert haben, zu häufig einem Behandler gegenübersitzen, der ihnen aufgrund der beschriebenen Vorurteile mit Misstrauen sowie Hohn begegnet und mit den Augen rollt.

Wie in Teil 3 bereits deutlich geworden ist, führt diese relativ typische Reaktion von insbesondere Psychiatern allzu häufig dazu, dass tatsächlich Betroffene eine katastrophale Erfahrung (oft sogar die allererste) mit der „Psych-Abteilung“ des Gesundheitssystems machen, die darin mündet, dass ihnen eine adäquate Behandlung und oft auch eine gründliche Diagnostik verwehrt werden. Anders gesagt: Die Erleichterung, als Betroffener nach langer Suche und meist vielen falschen Diagnosen eine plausible und logische Erklärung für all die Probleme in der eigenen Lebensgeschichte (z. B. „Warum fiel mir alles immer so unglaublich schwer und fühlte sich so überfordernd an?“) gefunden zu haben und sich dadurch endlich „rückwirkend“ zu verstehen, trifft auf harte Enttäuschung über das ärztliche Gegenüber, welches all das nach drei Minuten Gespräch zunichtemacht. Und das ist nicht zuletzt deshalb tragisch, weil ADHS im Erwachsenalter in wirklich nicht wenigen Fällen lange unerkannt bleibt, obwohl es eigentlich diejenige Grunderkrankung ist, ohne die die Depression oder die Panikstörung kaum entstanden wäre. Daher mein nicht endender Appell an die Fachkollegen: Bitte behandelt den Ursprung der Problematik – und nicht nur mittels Antidepressiva die daraus folgende Angststörung, Zwangsstörung oder Depression. Das ergibt schlichtweg keinen Sinn.

Die Diagnose als Universalentschuldigung

Was ich wiederum mit psychiatrischen Kollegen teile, ist neben dem Augenrollen über Menschen auf der Suche nach einem Etikett auch der Ärger darüber, wenn vermeintlich Betroffene die Diagnose deshalb „wollen“, weil sie sie als Universalentschuldigung für unangemessenes Verhalten (Menschen aus Wut körperlich angehen, immer zu spät zur Arbeit kommen, die Rücklagen der Familie im Casino verprassen…) benutzen wollen. Damit verbunden ist oft eine unangebrachte Anspruchshaltung der Betroffenen dahingehend, dass ihr Umfeld (Ehepartner, Kollegen, Vorgesetzte oder auch die ganze Welt), weil sie ADHS haben, auf sie und ihre Eigenarten Rücksicht zu nehmen hat. In solchen Fällen liegt eine Funktionalität der Diagnose vor, der mit größter Vorsicht zu begegnen ist, weil die Gefahr besteht, dass Betroffene die Diagnose letztlich missbrauchen, um ihr Umfeld zu steuern, Regeln zu umgehen und sich Anforderungen zu entziehen. Meine klare Haltung hierzu lautet: Eine Diagnose dient immer dazu, eine Behandlung zu begründen und nicht dazu, von der Verantwortung für das eigene Leben und Handeln entbunden zu werden. Ja, ADHS bedeutet, dass Betroffenen viele Dinge schwerer fallen als Nichtbetroffenen, und zwar ohne dass sie daran schuld sind, weil die Störung größtenteils genetisch bedingt ist. Genau deswegen gibt es „Nachteilsausgleiche“ durch z. B. medikamentöse Behandlung oder alternativ z. B. die Erlaubnis, während einer Klassenarbeit schallisolierende Kopfhörer zu tragen, um sich vor ablenkenden Reizen zu schützen, die die Konzentration gefährden. Aber in genau gleicher Weise, wie ich es auch meinen Patienten mit ADHS sage, schreibe ich es auch hier: Man hat als Betroffener keine Schuld daran, die Störung zu haben, aber es obliegt einem die Verantwortung dafür, mit dieser so umzugehen und sein Handeln so in den Griff zu bekommen, dass andere davon nicht in Mitleidenschaft gezogen werden. Sprich: Mit der Diagnose gilt es, Verantwortung zu übernehmen – nicht, sich dieser zu entledigen. Betroffene, die dies nicht tun, bestätigen und befeuern leider genau die Vorurteile, die ich zu Beginn des Artikels beschrieben habe und die genau deswegen leider eine reale Basis haben und nicht von der Hand zu weisen sind.

Wie wiederum Betroffene Verantwortung für ihre ADHS übernehmen können, werde ich im sechsten und letzten Teil dieser Artikelreihe beantworten.

© Dr. Christian Rupp 2025

ADHS im Erwachsenenalter – Teil 4: Von Desorganisation, Impulsivität sowie der Abgrenzung von Borderline & Co.

In diesem Artikel erfahren Sie, wie sich die Problembereiche Desorganisation und Impulsivität in die Symptomatik der adulten ADHS einfügen und wie man ADHS im Erwachsenenalter von den beiden Subtypen der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung unterscheiden kann.

In diesem Teil der Artikelreihe widme ich mich den beiden noch fehlenden Wender-Utah-Kriterien, nämlich Desorganisation und Impulsivität. Während letztere als Phänomen in ähnlicher Weise bei der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung sowohl vom Borderline-Typ (kurz „Borderline-Störung“, F60.31) als auch vom impulsiven Typ (F60.30) auftritt, gilt dies nicht in gleichem Maße für das Thema Desorganisiertheit, das eher typisch für die ADHS ist. Beiden Wender-Utah-Kriterien ist gemeinsam, dass sie im Grunde keinen eigenständigen, primären Symptombereiche darstellen, sondern vielmehr aus anderen, primären Symptomen resultieren – vor allem den Aufmerksamkeitsstörungen und der Überaktivität/Rastlosigkeit (siehe Teil 2) sowie der affektiven Labilität (siehe Teil 3) – oder aber als Bewältigungsversuche der Primärsymptome aufgefasst werden können.

Desorganisation

Dieser Symptombereich resultiert einerseits direkt aus den Aufmerksamkeitsstörungen (Ablenkbarkeit, schnelles Wechseln des Fokus, etc.) und aus der affektiven Labilität (Instabilität der Gefühls- und der Motivationslage) – und stellt andererseits eigentlich Bewältigungsstrategien für eben diese dar. Mit „Desorganisation“ ist gemeint, dass Betroffene typischerweise große Schwierigkeiten haben, sich zu organisieren, den Tag zu strukturieren und realistisch einzuschätzen, wie viele Aufgaben Sie an einem Tag schaffen – was dann nicht selten vor allem in der zweiten Tageshälfte zu Stress aufgrund von Zeitdruck und dann (wir erinnern uns an das Symptom der Stressintoleranz) gerne mal in eine emotionale Krise führen kann, wenn Dinge nicht funktionieren. Neuerer Forschung zufolge scheint es zudem so zu sein, dass ADHS-Betroffene tatsächlich über eine andere Zeitwahrnehmung als Nichtbetroffene verfügen, was dazu führt, dass sie zu falschen Einschätzungen darüber gelangen, wie lange bestimmte Dinge dauern, wie viel Zeit sie noch haben und wofür sie vielleicht (meistens aber eher nicht) noch Zeit haben – mit dem Ergebnis, dass Betroffene nicht selten dauerhaft unter Zeitdruck stehen, vieles „auf den letzten Drücker“ erledigen und dadurch noch mehr Stress erzeugen, als sie ohnehin schon haben. Eine direkte Folge der Aufmerksamkeitsstörungen ist außerdem die Vergesslichkeit, die sowohl Termine als auch Gegenstände (Handy, Schlüssel, etc. verlegen und sie laufend suchen, etc.) betreffen kann und natürlich ebenfalls das Stresserleben steigert.

Prototypisch ist, dass Betroffene, zumindest für Außenstehende (aber interessanterweise nicht aus der Eigenperspektive heraus) ihre Aufgaben in scheinbar erratischer Weise erledigen, d. h. mehrere Dinge gleichzeitig erledigen und halb erledigte Dinge stehen lassen, um etwas anderes anzufangen. Macht man sich das Symptom der Aufmerksamkeitsstörungen bewusst, ist das allerdings sofort nachvollziehbar, denn: Im Kopf der Betroffenen ploppen ja ständig neue Ideen der Sorte „Ach ja, ich muss ja auch noch die Wäsche abhängen“ auf – und da sie selbst wissen, dass sie sonst Gefahr laufen, diese genauso so schnell wieder zu vergessen, machen sie es direkt und lassen das liegen, was sie gerade tun – sprich: Es handelt sich eigentlich um eine Bewältigungsstrategie. Passiert jedoch dasselbe beim Abhängen der Wäsche („Ach ja, ich muss noch die Polster reinholen, weil Regen angesagt ist“), kann es sein, dass auch die Wäsche liegengelassen wird, um dann nach draußen zu gehen, wo man dann wiederum die Polster vergisst, weil man feststellt, dass die Lieblingspflanze gerade wieder von Nacktschnecken heimgesucht wird, die man erst mal entfernen muss. Und kommt man dann als Betroffener wieder rein, sucht man auch noch sein Handy, das man halbbewusst mit in den Garten genommen und dort irgendwo abgelegt hat, weil man ja eigentlich beim Reinholen der Polster noch die Sprachnachricht der Freundin abhören wollte, aber dann das Handy auf der Buchsbaumhecke abgelegt hat, um eine Hand für Nacktschnecken frei zu haben. Sprich: Aus der Sicht der Betroffenen ist dieses scheinbar erratische Vorgehen durchaus logisch, aber für Außenstehende sieht es nach purem Chaos auf. Man erkennt also ganz gut, wie sich die Desorganisation einerseits aus den Aufmerksamkeitsproblemen, d. h. den ständig neu aufploppenden Gedanken und der (sich aus diesem Gedankenchaos ergebenden) Vergesslichkeit ergibt.

Die „andere Hälfte“ der Desorganisation ergibt sich relativ geradlinig aus der affektiven Labilität, d. h. aus der schnell wechselnden Stimmungs- und Motivationslage. Das bedeutet, dass das „Liegenlassen“ von Arbeit, mit der man gerade beschäftigt ist (also dasselbe nach außen sichtbare Symptom wie oben beschrieben), auch zur Ursache haben kann, dass diese Arbeit einem zu langweilig wird und man zu etwas anderem übergeht, weil es interessanter ist. Mit anderen Worten: Zur Desorganisation gehören auch Probleme, Begonnenes konsequent zu Ende zu führen und beharrlich „dran zu bleiben“ – ebenso wie Schwierigkeiten damit, überhaupt erst „in die Gänge zu kommen“ und eine wenig Spaß machende Arbeit anzufangen. Letzterer Punkt beschreibt im Wesentlichen das Thema Prokrastination, d. h. übermäßiges Aufschiebeverhalten, das bei ADHS-Betroffenen häufig anzutreffen ist und sich aus jenen motivationalen Besonderheiten ergibt. Es ist nicht zuletzt vor allem dieses Symptom, das dafür sorgt, dass Betroffene oft schulische Leistungen erbringen, die weit unter ihren intellektuellen Fähigkeiten liegen (denn: ADHS hat absolut nichts mit Intelligenz zu tun!), Ausbildungen abbrechen, im Studium scheitern und im Leben nichts so richtig „auf die Kette kriegen“.

Bei jenen in Teil 2 beschriebenen Menschen mit „high performance ADHD“ ist es hingegen so, dass sie vordergründig kein Organisationsproblem haben, weil sie, z. B. dank hoher Intelligenz oder einem Elternhaus, in dem ihnen beigebracht wurde, sich zu disziplinieren (ja, Disziplin ist nicht nur schlecht), gelernt haben, ihr „inneres Chaos zu zähmen“, sich zusammenzureißen und trotz der ganzen inneren Hürden gute Leistungen zu erbringen. Die Nachteile dessen sind, wie Sie aus Teil 2 vielleicht erinnern, einerseits der Verschleiß, der sich aus der fortlaufenden Erschöpfung ergibt, den diese Kompensationsstrategien mit sich bringen, und andererseits häufig eine chronische Angst davor, zu versagen. Es ist übrigens nicht selten so, dass Menschen mit „high performance ADHD“ ganz besonders organisierte Menschen sind, denen man in Sachen ToDo-Listen, Zeitmanagement und Tagesstruktur nichts vormachen kann. Schaut man bei diesen Menschen hinter die Kulissen und fragt genau nach, erfährt man mitunter auch, dass hinter dieser bisweilen zwanghaft anmutenden Art eine Angst steht – und zwar davor, zurück in das innere Chaos (inkl. Lethargie und Prokrastination) zu rutschen, von dem man genau weiß, dass es als Grundveranlagung „tief unten“ in einem schlummert und von dem man immer nur eine Haaresbreite entfernt ist. Diese Angst vor dem Abrutschen ins innere Chaos bleibt auch diesen Betroffenen meist erhalten, egal wie gut sie sich organisieren.

Impulsivität

Auch dieses Symptom ist letztlich ein Ergebnis anderer Primärsymptome: Der Affektlabilität, der Überaktivität/Rastlosigkeit und der Aufmerksamkeitsstörungen bzw., auf ganz grundlegender Ebene, ein Effekt des der ADHS insgesamt zugrundeliegenden Inhibitionsdefizits per se. Dieses führt nämlich auch dazu, dass Handlungsimpulse weniger gut unterdrückt und somit eher umgesetzt werden. Die hier gemeinte Impulsivität äußert sich zum einen in der Art zu sprechen: ADHS-Betroffene „platzen“ schon mal in Gesprächen mit ihren Äußerungen heraus (manchmal passt es zudem thematisch nicht, weil sie im Kopf schon ganz woanders sind als das Gespräch), unterbrechen ihr Gegenüber oder beenden dessen Sätze – nicht aus Unhöflichkeit oder Desinteresse, sondern weil der Impuls, dies zu tun, nicht unterdrückt wird und weil außerdem (wenn man genau nachfragt) die Betroffenen implizit wissen, dass sie die Idee, die sie äußern wollen, gleich wieder vergessen haben werden (das betrifft den Symptombereich „Aufmerksamkeitsstörungen“). Ebenfalls eine Folge der Aufmerksamkeitsstörungen ist, dass Betroffene (wenn sie zur Kompensation dessen nicht extra gewissenhaft arbeiten und sich dahingehend kontrollieren) Ihre Arbeit häufig etwas zu schnell und somit oberflächlich erledigen und wichtige Details vergessen, was zu Fehlern und daraus folgenden Problemen führen kann. Und wie man es sich denken kann: Menschen mit „high performance ADHD“ erkennt man derweil eher daran, dass sie übermäßig perfektionistisch ihre Arbeit erledigen und viel Zeit, Mühe und somit Stress für deren Kontrolle aufwenden.

Eine weitere Facette von Impulsivität ist das für ADHS sehr typische Symptom der massiven Ungeduld, was wiederum auf den in Teil 3 beschriebenen Umstand zurückzuführen ist, dass Betroffene unangenehme emotionale Zustände (auf eine Belohnung zu warten, ist per se emotional unangenehm, und mit den ADHS-typischen Besonderheiten des Belohnungssystems noch viel unangenehmer) schlechter aushalten können. Darüber hinaus umfasst das Symptom der Impulsivität auch das vorschnelle Treffen von Entscheidungen, was im schlimmsten Fall auch unüberlegtes und voreiliges Kaufverhalten betrifft, das zu finanziellen Problemen, Schulden, etc. führen kann. Daneben äußert sich Impulsivität bei ADHS- Betroffenen auch gerne mal darin, dass Betroffene sich spontan umentscheiden und eine „Rolle rückwärts“ machen, weil sich der innere emotionale Zustand oder das Bedürfnis geändert hat. Und natürlich gehören sie auch im Straßenverkehr eher zu den impulsiveren Autofahrern, was kaum jemanden überraschen dürfte.

Sichere Unterscheidung von Borderline & Co.

Wie schon in Teil 3 beschrieben, gleichen die meisten Symptome der adulten ADHS denen einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung, die allerdings in zwei Subtypen untergliedert wird – den impulsiven Subtyp (ICD-10 F60.30) und den sehr viel bekannteren und leider stark stigmatisierten (obwohl gut behandelbaren) Borderline-Subtyp (ICD-10 F60.31). Den impulsiven Subtyp von adulter ADHS zu unterscheiden, ist etwas schwieriger, weil die Symptome zu 80-90% überlappen. Wenn man sich aber klarmacht, dass die Aufmerksamkeitsstörungen (ganz klar) und auch die Desorganisation (relativ klar) spezifisch für die ADHS sind, ist die Unterscheidung nicht allzu schwer. Die Differenzierung zwischen dem Borderline-Subtyp und adulter ADHS ist derweil vergleichsweise einfach. Natürlich finden sich auch beim Borderline-Subtyp affektive Instabilität, Neigung zu emotionalen Explosionen und Impulsivität, aber auch beim Borderline-Subtyp gehören Aufmerksamkeitsprobleme nicht zu den Diagnosekriterien, was sie von der adulten ADHS eindeutig abgrenzt. Die Unterscheidung wird dadurch noch einfacher, dass beim Borderline-Subtyp diverse weitere Symptome zu den Diagnosekriterien gehören, die bei der adulten ADHS kaum auftreten. Dazu gehören das Empfinden von innerer Leere, die meist stark ausgeprägte Angst vor dem Verlassenwerden und das daraus resultierende ungesunde Verhalten in zwischenmenschlichen Beziehungen, in denen Borderline-Betroffene gerne mal zwischen Idealisierung („Ich liebe dich, bleib bei mir!“) und Entwertung („Ich hasse dich, verschwinde!“) pendeln. Und auch „exotischere“ Symptome wie Dissoziation (Entkopplung vom Hier und Jetzt), paranoide Ideen und Selbstverletzung, die bei der Borderline-Störung sehr typisch sind, wird man bei der adulten ADHS eher selten bzw. sehr viel schwächer antreffen.

So, damit kennen Sie nun alle sieben Wender-Utah-Kriterien für ADHS im Erwachsenenalter und wissen sowohl, wie man die Störung von den Subtypen der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung und bipolaren Störungen unterscheidet, als auch, wie und warum aus der adulten ADHS so oft Folgeprobleme wie depressive Episoden sowie Angst- und Zwangsstörungen resultieren. Im nächsten Teil möchte ich mich noch der Frage widmen, warum die ADHS heutzutage nicht nur einfach, sondern gleich doppelt stigmatisiert ist – und wie TikTok und Instagram dazu beigetragen haben.

© Dr. Christian Rupp 2025