psycholography

Warum schreibt er nicht zurück? – "Ghosting" aus Sicht eines Psychotherapeuten

Vor einiger Zeit habe ich auf Anfrage des Mannschaft Magazins ein Interview zum Thema „Ghosting“ gegeben. Falls Ihnen dieser Begriff bislang noch unbekannt ist, so kann ich, denke ich, versprechen, dass in dem folgenden Artikel alle Unklarheiten beseitigt werden. Der von Martin Busse dazu verfasste Magazinartikel soll voraussichtlich im Mai in der Printausgabe des Magazins erscheinen. Da ich in psycholography schon lange keinen inhaltlichen Artikel mehr veröffentlicht habe, habe ich mich entschlossen, vorab schon einen eigenen Beitrag mit meinen Interview-Antworten zu verfassen. Vielleicht ist es ja für den einen oder anderen eine willkommene Abwechslung in dieser von Corona dominierten Zeit. Ich weise vorab darauf hin: Meine Antworten basieren auf einer Mischung aus psychotherapeutischem Wissens- und Erfahrungsschatz, gepaart mit dem von mir so hochgehaltenen gesunden Menschenverstand. Wer hierzu wissenschaftliche Fachartikel lesen möchte, möge bitte an anderer Stelle suchen.

Warum kommt es zu „Ghosting“?

Wenn wir uns darauf einigen, dass „Ghosting“ beschreibt, dass man, ohne dies zu kommunizieren, den Kontakt zu Menschen abbricht (früher hätte man es wahrscheinlich „eine Beziehung einschlafen lassen“ genannt), dann dürften die wesentlichen Beweggründe wohl folgende sein: Erstens möchte die ghostende Person offenbar nichts mehr mit der anderen Person zu tun haben, z. B. weil sie bemerkt, dass sie sie eigentlich nicht mag, oder sie findet diese nicht mehr interessant genug (für welchen Zweck auch immer). Zweitens möchte die ghostende Person wahrscheinlich entweder (aus Angst, die andere Person zu verletzen und im Gegenzug selbst verletzt zu werden) vermeiden, der anderen Person ihr Desinteresse oder ihre Antipathie ehrlich mitzuteilen – oder aber die andere Person ist ihr schlichtweg nicht wichtig genug, um es ihr mitzuteilen. In beiden Fällen ist das Ergebnis dasselbe: Der anderen Person wird nicht mehr geantwortet, der Kontakt wird über schwammige Floskeln („Wir schreiben dann noch mal…“) ausgeschlichen – die Person wird „geghosted“

Ghosting im zeitlichen und gesellschaftlichen Kontext

Ich halte „Ghosting“ nicht per se für ein Phänomen der Neuzeit, denn wie schon oben beschrieben, hat es meiner Ansicht nach diese konfrontationsvermeidende Art, Beziehungen zu beenden, die einem unlieb geworden sind, schon früher gegeben. Sowohl meine eigene Erziehung als auch die Biographien vieler meiner Patient*innen sind voll mit expliziten und impliziten (d. h., am Modell gelernten) Erziehungsbotschaften der Art „So was kann man nicht einfach direkt sagen“, „Vermeide Auseinandersetzungen“ und „Pass auf, niemanden zu verletzen“. Letztere Botschaft hat aus meiner Sicht allerdings einen wichtigen Subtext, denn, wie oben schon angedeutet, hat diese Strategie auch zum Ziel, selbst nicht verletzt zu werden (weil das abgelehnte Gegenüber vielleicht aus seiner Kränkung heraus „zurückschießt“) und sich vor allem nicht mit der emotionalen Reaktion der abgelehnten Person auseinander setzen zu müssen – was wiederum Stress für einen selbst bedeutet. Aus der Perspektive der ghostenden Person könnte man somit „Ghosting“ durchaus als effiziente Gefühlsvermeidungsstrategie bezeichnen.

Ich wäre damit vorsichtig, mich so weit aus dem Fenster zu lehnen, dass Ghosting etwas über die Entwicklung unserer Gesellschaft aussagt, weil es eben ein altes Phänomen ist. Allerdings muss man einwenden, dass das Phänomen in unserer Zeit durch die sozialen Medien eine andere Qualität bekommen hat. Das liegt aus meiner Sicht daran, dass zwischenmenschliche Interaktionen in sozialen Medien, vor allem in Dating-Apps wie Grindr und Tinder erstens anonymer, zweitens oberflächlicher und drittens schnelllebiger geworden sind. Besonders gefährlich finde ich in diesem Kontext, dass durch die vermeintliche „Überauswahl“ an potenziellen Partner*innen (einmal wischen, und man kommt zum nächsten Kandidaten) erstens der Sinn für den Wert jedes einzelnen Menschen verloren geht und zweitens  sich der vor allem in der Generation Y omnipräsente Gedanke manifestiert: „Vielleicht findet sich ja doch noch was Besseres – also bloß keine Verbindlichkeiten eingehen“. Dies ist natürlich Wasser auf die Mühlen des o. g. Beweggrunds für Ghosting, der letztlich beinhaltet, dass die andere Person einem nicht wirklich wichtig ist. Warum sollte man sich also die Mühe machen, ihr zu sagen, dass und warum man sich gegen sie entscheidet.

Die Folgen von Ghosting für Betroffene

Während „Geghostet Werden“ für Menschen mit einem gefestigten Selbstwertgefühl und einer grundlegenden Selbstsicherheit aus meiner Sicht wenige bis keine Auswirkungen hat, kann es für Menschen, die hierüber eben nicht verfügen, durchaus drastische negative Effekte haben. Ich denke hierbei an Jugendliche und junge Erwachsene und noch einmal in besonderer Weise an junge Menschen aus der LGBTQI-Community, die aufgrund ihres Andersseins nicht selten in kritischen Entwicklungsphasen Ablehnungserfahrungen einer Qualität gemacht haben, die gender- und heteronormativ aufgewachsenen Menschen weitgehend fremd sein dürften. Diese Menschen verfügen überzufällig häufig eben nicht über ein stabiles Selbstwertgefühl und Selbstkonzept, sodass sie eine Ablehnung, wie sie beim Ghosten geschieht, schnell als Beleg dafür bewerten, dass sie selbst als Mensch nicht gut genug, inakzeptabel oder nicht liebenswert sind. Die Folgen können sozialer Rückzug und Depression oder die Entwicklung einer sozialen Angststörung sein – wobei ich betonen möchte, dass die Erfahrung des Ghostings dabei nicht die alleinige Ursache, sondern eher der Tropfen in einer langen Kette aus Ablehnungserfahrungen ist, der das Fass zum Überlaufen bringt. Insofern ist Ghosting sicherlich als problematisch einzustufen. Es bleibt die Frage, ob es für das Gegenüber besser ist, wenn es, anstatt geghostet zu werden, eine ehrliche Rückmeldung erhält. Ob sich diese schlimmer oder besser als Ghosting auswirkt, hängt wohl davon ab, wie diese formuliert ist: „Sorry, du bist nicht mein Typ“ ist sicher leichter zu verdauen als „Ich steh nicht auf Tunten“ oder „Du bist viel zu fett“. Ich persönlich tendiere dazu, dass jegliche Rückmeldung besser ist als keine. Denn so verletzend Aussagen die „Du bist mir zu fett“ sind – man weiß wenigstens, woran man ist. Die Erfahrung des Ghostings hingegen wirft viele Fragen, Unsicherheiten, Selbstzweifel auf, und eine Antwort auf diese bleibt aus.

Tipps für Geghostete

Menschen, die geghostet werden, würde ich dazu raten, ihre Bewertung dessen in eine bestimmte Richtung zu verändern. Anstatt das Geghostet Werden als Beleg dafür zu interpretieren, dass man selbst nicht okay ist, würde ich auf das altbewährte Kommunikationsmodell nach Schulz von Thun verweisen und in diesem Verhalten der anderen Person nicht die Beleidigung der eigenen, sondern die Selbstoffenbarung der anderen Person sehen. Man sollte sich fragen, was die Person über sich selbst aussagt, die jemanden ghostet, anstatt die ehrliche Konfrontation mit ihr zu suchen. Wahrscheinlich steckt dahinter entweder, wie oben beschrieben, eine große Selbstunsicherheit oder eine ausgeprägte Oberflächlichkeit. Insbesondere wenn letzteres zutrifft, könnte man sich ja auch denken, dass man eine solche Person nun wirklich nicht in seinem Leben braucht. Und dann hat man den Spieß auch schon umgedreht – frei nach dem Motto: Wer mich ghostet, den sortiere ich aus.

Appell an Ghostende

Der folgende Appell an alle Ghostenden ergibt sich aus dem, was ich bisher beschrieben habe: Man sollte sich bewusst machen, 1) wie sehr man die andere Person ggf. verletzt, 2) was man von sich selbst für ein Bild zeichnet und, (3) ob man nicht lieber ein anderes Bild von sich zeichnen möchte. Und dann sollte man vielleicht den Mut aufbringen, ihr so viel Respekt entgegen zu bringen, dass man ihr eine ehrliche Rückmeldung gibt – um unser Miteinander, auch auf gesellschaftlicher Ebene, wieder ein wenig freundlicher zu machen.

© Dr. Christian Rupp 2020

Nächster Artikel angenommen

Es ist bereits ein Grund zur Freude, dass tatsächlich noch dieses Jahr der vierte und vorerst letzte Artikel, der aus dem gemeinsamen Forschungsprojekt von Charlotte Falke und mir entstand, von der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Clinical Psychology and Psychotherapy angenommen wurde. Ein besonderer Grund zum Feiern besteht jedoch darüber hinaus deshalb, weil, anders als üblich, vom Journal nur minimale Änderungen gefordert wurden und (und das ist eine Rarität) der Artikel, wohlgemerkt an einem Sonntag (!) nur 25 Minuten nach der Neu-Einreichung vom Herausgeber der Zeitschrift akzeptiert wurde.

Die finale Literaturangabe (aktualisiert 02.04.2020) lautet:

Rupp, C., Gühne, D., Falke, C., Doebler, P., Andor, F., & Buhlmann, U. (2020). Comparing effects of detached mindfulness and cognitive restructuring in obsessive-compulsive disorder using ecological momentary assessment. Clinical Psychology and Psychotherapy, 27, 193-202. https://doi.org/10.1002/cpp.2418

Promotion erfolgreich abgeschlossen

Ich freue mich, mitteilen zu können, dass das Praxisschild nicht ohne Grund ausgetauscht wurde: Mit der Disputation und anschließenden Veröffentlichung meiner Doktorarbeit habe ich heute, am 30.08.2019, meine Promotion zum Doktor der Naturwissenschaften (Dr. rer. nat.) erfolgreich angeschlossen und trage somit fortan den Doktortitel. Gefeiert wurde mit der ganzen Familie, und anbei findet sich ein gemeinsames Foto mit meiner herzensguten Doktormutter Prof. Dr. Ulrike Buhlmann.

Weiterer Artikel veröffentlicht

Es freut mich, bekannt geben zu können, dass ein weiterer Artikel unter meiner Erstautorschaft zur Publikation angenommen wurde, diesmal von der Fachzeitschrift Clinical Psychology and Psychotherapy. Der Artikel trägt den Titel „A study on treatment sensitivity of ecological momentary assessment in obsessive-compulsive disorder“ und beschreibt die Anwendung einer elektronischen Tagebuchmethode, mit der wir vor und nach der Behandlung mit entweder kognitiver oder metakognitiver Therapie bei den Betroffenen die Symptome der Zwangsstörung sowie die Anwendung der neuen, hilfreichen Bewältigungsstrategien erfasst haben.

Die vollständige Literaturangabe lautet:

Rupp, C., Falke, C., Gühne, D., Doebler, P., Andor, F., & Buhlmann, U. (in press). A study on treatment sensitivity of ecological momentary assessment in obsessive-compulsive disorder. Clinical Psychology and Psychotherapy.

Neuer Artikel in Fachzeitschrift veröffentlicht

Gestern, also am 20.03.19, war es nach über einem halben Jahr mühevoller Arbeit (neben der Praxiseröffnung) soweit: Der Artikel „A randomized waitlist-controlled trial comparing detached mindfulness and cognitive restructuring in obsessive-compulsive disorder“, den ich zusammen mit meiner Kollegin Charlotte Jürgens und drei weiteren Forschern verfasst habe, ist in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift „PLOS ONE“ erschienen.

Der Artikel präsentiert die Ergebnisse unserer Therapiestudie, in der wir von 2017 bis 2018 zwei verschiedene innovative Behandlungsansätze für Personen mit Zwangsstörungen erprobt haben. Mit der Veröffentlichung dieses Artikels sind nun endlich, nach langem Warten und sehr viel Arbeit, die Voraussetzungen dafür erfüllt, dass ich meine Dissertation fertig schreiben und somit im kommenden Sommer meine Promotion abschließen kann. Die Freude über diese gelungene Veröffentlichung könnte daher kaum größer sein!

Den Artikel können Sie hier herunterladen. Da er in einem so genannten Open Science-Journal erschienen ist, ist er der gesamten Öffentlichkeit ohne Einschränkung zugänglich.

Praxisteam komplett

Ich freue mich, mitteilen zu können, dass ich für meine neue Praxis in Kropp zwei wunderbare Mitarbeiter gefunden habe. Herr Block und Frau Geisler, beide fortgeschrittene Studierende der Psychologie an der Universität Kiel, unterstützen mich im Rahmen eines halbjährigen Praktikums seit Mitte November beim Aufbau in der Praxis und werden nach der Praxiseröffnung überwiegend Tätigkeiten am Empfang der Praxis übernehmen. Sie sind unter anderem für die Betreuung der Patienten per Telefon und E-Mail und die telefonischen Vorgespräche vor Aufnahme auf die Warteliste für einen Therapieplatz zuständig.

Im Norden angekommen

Nachdem meine Familie und ich am vergangenen Mittwoch in unserem neuen Zuhause direkt an der Ostsee angekommen sind, haben wir nun gestern begonnen, meine neue Praxis aufzubauen. Bis zum Start des Praxisbetriebs am 26.11.2018 ist noch einiges zu tun, aber wir blicken zuversichtlich auf die noch zu erledigenden Schritte.

Durch eine zukünftige Patientin wurde ich auf einen wichtigen Fehler hingewiesen: Bis vor Kurzem waren in meiner E-Mail-Signatur die Telefon- und Faxnummer falsch angegeben. Korrekt sind folgende Nummern, die auch ab heute freigeschaltet sind:

Telefon: 04624 423 98 90
Fax: 04624 423 98 91

Aus organisatorischen Gründen möchte ich jedoch darum bitten, für Therapieplatzanfragen ausschließlich das Kontaktformular zu verwenden, da ich noch keine Empfangsmitarbeiter*innen habe und selbst aktuell zu viel zu erledigen habe, um selbst ans Telefon zu gehen. Vielen Dank für Ihr Verständnis!

Kassenzulassung & Umzug meiner Praxis in den Norden

Mit dem Beschluss des Zulassungsausschusses für Ärzte in Schleswig-Holstein ist es nun offiziell: Ein lang gehegter persönlicher Wunsch wird sehr viel früher wahr, als ich das erwartet oder je für möglich gehalten hätte. Seit letzten Donnerstag steht fest, dass ich eine der für Psychotherapeuten äußerst heiß begehrten Kassenzulassungen in meinem Wunsch-Bundesland Schleswig-Holstein, genauer gesagt in der schönen Kleinstadt Kropp, erhalten habe. In Zukunft bin ich also befugt, gesetzlich Versicherte zu behandeln und mit den Krankenkassen abzurechnen, somit also nicht mehr auf die Behandlung von Privatversicherten und Selbstzahlern beschränkt.

Ab dem 1. November lautet meine Praxisadresse Hauptstraße 22, 24848 Kropp. Die Kassenzulassung habe ich von meiner hoch geschätzten Vorgängerin Renate Mohaupt übernommen, mir jedoch andere Praxisräume gesucht und diese in der alten Konditorei Bielenberg gefunden.

Da ich einen Monat für die Einrichtung der Praxis und die Organisation aller Abläufe benötigen werde (Gott sei Dank bin ich nicht allein, sondern werde von meinem großartigen Ehemann und tatkräftigen Helfern aus Kropp unterstützt), werde ich den Praxisbetrieb voraussichtlich zum 26.11.2018 aufnehmen.

Therapieplatzanfragen nehme ich sehr gerne bereits über das Kontaktformular entgegen. Die Website werde ich dann im Laufe der nächsten Wochen an die neue Praxisadresse anpassen und neue Informationen hier im Blog psycholography kundgeben.

Allerbeste Grüße

Ihr Christian Rupp