psycholography

Die Psychologie hinter Schmerz – Teil 1: Warum Schmerz nicht da entsteht, wo es wehtut

Wenn man verstehen möchte, was Schmerz mit Psyche zu tun hat (ich nehme vorweg: Eine ganze Menge!), muss man sich zunächst darüber klar werden, dass Schmerz eine Empfindung ist, die nicht da entsteht, wo es wehtut, sondern im Gehirn. Wie unsere so genannte „Schmerzbahn“ funktioniert, kann man am ehesten an einem Beispiel verdeutlichen. Stellen wir uns vor, Sieglinde läuft barfuß durch die Küche und tritt auf eine mit der Spitze nach oben zeigenden Reißzwecke. Die Hornhaut hat Sieglinde sich natürlich im Streben nach schöner glatter Haut an den Füßen entfernt, sodass die Reißzwecke sich bis zum Anschlag durch die Haut und tief in das darunter liegende Gewebe bohrt.

Schauen wir uns nun an, was in puncto Schmerz binnen Millisekunden passiert, bevor Sieglindes Mund ein „Aua“, gefolgt von diversen Flüchen, verlässt: Zunächst wird die Gewebeverletzung durch Schmerzrezeptoren in der Haut registriert. Schmerzrezeptoren kann man sich vorstellen wie elektronische Sensoren, die das Ende eines sehr langen Kabels markieren. Sensor und Kabel bilden zusammen die Nervenzelle, wobei das Kabel (der korrekte Begriff wäre „Axon“) nun dazu dient, den Schmerzreiz in die erste Schaltzentrale weiterzuleiten. Die liegt im Rückenmark, also dem dicken weißen Nervenstrang, der unserer Wirbelsäule aufliegt und als Teil des zentralen Nervensystems das Gehirn mit dem Rest des Körpers, auch genannt „Peripherie“, verbindet. Im Rückenmark passiert nun das erste Interessante: Und zwar kann bereits hier dafür gesorgt werden, dass der Schmerzreiz nicht weitergeleitet wird, somit nie im Gehirn eintrifft – und gar kein Schmerz bewusst erlebt wird. Möglich gemacht wird dies durch hemmende Nervensignale, die ihrerseits „von oben“, also vom Gehirn selbst kommen und die mal stärker und mal schwächer sind. Körpereigene schmerzhemmende Stoffe, so genannte endogene Opioide, spielen hierbei eine Rolle. Da man sich durch diese Hemmfunktion das Rückenmark wie ein mal mehr und mal weniger offenes Tor vorstellen kann, spricht man hier auch von der „Gate Control“-Funktion des Rückenmarks. Und da dieses Tor vom Gehirn gesteuert wird, wird sein Grad des Geöffnet Seins maßgeblich durch eine Reihe psychologischer Variablen beeinflusst: Dominieren im Gehirn aktuell eher Anspannung, Stress oder Angst, wird es sich weiter öffnen und mehr Schmerzsignale zum Gehirn durchlassen als in dem Fall, wenn Entspannung und ausgeglichene Stimmung vorliegen. Bei Menschen mit Fibromyalgiesyndrom, welches vorrangig durch überall im Körper verteilt auftretende Schmerzen ohne erkennbare organische Ursache gekennzeichnet ist, hat die Forschung zudem die Erkenntnis erbracht, dass die Hemmung (die bei gesunden Menschen übrigens 98 % aller Schmerzreize „aussortiert“, also gar nicht bewusst werden lässt) bei den hiervon Betroffenen zu gering ausgeprägt ist und somit auch kleinste Schmerzreize, z. B. durch leichte Berührungen, ins Gehirn weitergeleitet – und somit bewusst als Schmerz erlebt werden. Man spricht in diesem Fall von „Hyperalgesie“.

In Sieglindes Fall (die Reißzwecke war für sie heute eher nur die Spitze des Eisbergs nach einem bescheidenen Vormittag) ist das Tor dank ihres hohen Stresspegels großzügig geöffnet, sodass der Schmerzreiz das Tor im Rückenmark ohne Probleme passiert, d. h. auf die nächste Nervenzelle umgeschaltet wird. Das Kabel dieser Nervenzelle leitet das Schmerzsignal nun ins Gehirn, wo es im Zwischenhirn an einer weiteren Schaltzentrale vorbeikommt, die sich Thalamus nennt. Hier wird ein zweites und letztes Mal darüber entschieden, ob das Signal durch hemmende Einflüsse blockiert wird (in dem Fall würde Sieglinde trotz Reißzwecke im Fuß keinen Schmerz spüren) oder nicht. Wenn nicht, wird es schließlich in diejenigen Gehirnbereiche weitergeleitet, die erst dafür sorgen, dass Sieglinde bewusst Schmerz im Fuß wahrnimmt, „Aua“ ruft und anfängt zu fluchen. Ich schreibe bewusst von „Gehirnbereichen“, weil es nicht das eine Schmerzzentrum im Gehirn gibt. Vielmehr sind zahlreiche Strukturen an der Verarbeitung von Schmerz beteiligt – und genau darin liegt (neben den schon beschriebenen Einflüssen von Stress auf die Hemmung im Rückenmark) die Antwort auf die Frage, was alles psychologisch am Schmerz ist. Ich komme auf diese Antwort zurück, nachdem wir einen sehr wichtigen Abstecher gemacht haben, und zwar dazu, wie eigentlich chronische Schmerzen entstehen. Hiervon sowie vom Konzept des Schmerzgedächtnisses wird der zweite Teil der Trilogie zum Thema „Schmerz“ handeln.

© Dr. Christian Rupp 2021

Was Dankbarkeit mit Glück zu tun hat

In dieser besonderen Zeit, gekennzeichnet einerseits durch das herannahende Weihnachtsfest und eine erneut angespannte Corona-Lage möchte ich mich, auch in persönlicher Weise, gerne dem wichtigen Thema „Dankbarkeit“ widmen.

Ich möchte Dankbarkeit gerne als einen Wert betrachten, d. h. als etwas, das für sich genommen wertvoll und sinnstiftend ist. Aus psychotherapeutischer Sicht kann man Dankbarkeit als eine Facette von Akzeptanz auffassen – vielleicht erinnert sich noch jemand an meinen im März 2020 verfassten Artikel zu dem Thema, wie am Beispiel der Corona-Situation Akzeptanz und sinnvolles Handeln Hand in Hand gehen. Dankbarkeit beschreibt insofern eine Haltung, die dadurch geprägt ist, dass man die Dinge so annimmt, wie sie sind – und (das ist die Ergänzung zur rein akzeptierenden Haltung) in diesen Dingen diejenigen sucht und findet, die positiv und nicht selbstverständlich sind. Dies können ganz kleine Dinge sein (z. B. eine schöne zwischenmenschliche Begegnung), aber auch alltägliche Umstände (z. B. die Tatsache, dass wir in einem Land mit einem vergleichsweise guten Gesundheitssystem leben und uns die Pandemie weniger schwer getroffen hat als viele andere Staaten) ebenso wie Komplimente und Unterstützung, die wir von anderen erhalten. Das Wichtige dabei ist: Gelegenheit zur Dankbarkeit gibt es immer – nicht nur in Zeiten, in denen es „gut läuft“. Im Gegenteil: Dankbarkeit führt zu einer inneren Haltung, die gerade in schweren Zeiten den Fokus der Aufmerksamkeit wegführt von all dem, was schiefläuft und nicht so ist, wie wir es gerne hätten. Durch Dankbarkeit schafft man sich quasi ein Gegengewicht zu Unzufriedenheit, Frustration und Groll über Dinge und Menschen, die wir in der Regel ohnehin nicht ändern können. Und damit stellt Dankbarkeit eine wichtige Voraussetzung für das da, was wir in unserer Alltagssprache Zufriedenheit nennen – bzw. „Glück“. Das Schöne daran ist, dass Dankbarkeit in beide Richtungen funktioniert: Es kann, gerade in schweren Zeiten wie diesen, unser Herz sowohl dann erfüllen, wenn wir selbst Dankbarkeit verspüren und diese gegenüber der betreffenden Person äußern, als auch, wenn andere Menschen uns selbst gegenüber Dankbarkeit zeigen.

Ich z. B. bin u. a. deshalb so gerne in meinem Beruf als Psychotherapeut tätig, weil mir bei meiner Arbeit seitens der Patient*innen in einem Ausmaß Dankbarkeit zuteilwird, das den meisten anderen Berufsgruppen wahrscheinlich leider verwehrt bleibt. Natürlich verdiene ich durch meine Arbeit auch Geld, aber am Ende macht es den entscheidenden Unterschied, ob nur der Quartalsumsatz stimmt oder ob man die Praxis abends mit dem sinnstiftenden und herzerfüllenden Gefühl verlässt, Menschen geholfen zu haben. Tatsächlich würde ich die vielen besonderen Momente, in denen Menschen mir am Ende der Therapie mit Freudentränen in den Augen dafür danken, mit meiner Hilfe ihr Leben verändert zu haben, als die schönsten in meinem beruflichen Alltag beschreiben – ähnlich wie die oft sehr persönlichen, teils aufwendig selbst gebastelten Abschiedsgeschenke, die ich häufig erhalte. Solche Worte und Gesten berühren auch mich, und auch bei mir kann dann schon einmal eine Träne fließen.

Umgekehrt versuche ich mich selbst stets in Dankbarkeit zu üben – gerade in belastenden Zeiten wie denen, die meinem Praxisumzug nach Groß Rheide vorausgingen und in denen wirklich bemerkenswert viele Probleme auftraten, die mein Team und mich viele Nerven gekostet haben. Und ja, ich habe mich weiß Gott über viele Dinge wie die fehlende Serviceorientierung und Gleichgültigkeit gewisser Telefon“dienstleister“ geärgert und wurde von Menschen enttäuscht, die sich als ebenso wenig integre wie zuverlässige Kooperationspartner entpuppten. Umso dankbarer bin ich jedoch darüber, wie gut und beinahe reibungslos das Projekt „Praxisumzug“ letztlich geklappt hat, weshalb es mir sehr am Herzen lag, all den Helfer*innen, insbesondere den beteiligten Betrieben aus der Region, ein großes Dankeschön für die hervorragende Arbeit auszusprechen (zu finden in einem separaten Artikel hier). Wie manch ein Dienstleister aus der Umgebung vielleicht schon bemerkt hat, versuche ich, wann immer ich mit der getanen Arbeit zufrieden war, dies auch anschließend kundzutun und ein Lob auszusprechen – um dem im Dienstleistungsbereich leider häufig anzutreffenden Teufelskreis aus Beschwerde und Frustration auf beiden Seiten bewusst etwas entgegen zu setzen.

Aber auch in meiner Arbeit als Psychotherapeut empfinde ich häufig tiefe Dankbarkeit, z. B. darüber, dass Menschen mir oft nach nur kurzer Zeit Dinge anvertrauen, die sie nie zuvor jemand anderem erzählt haben. Ebenso empfinde ich Dankbarkeit für das, was wiederum ich von den Menschen, die meine Hilfe in Anspruch nehmen, lernen kann – ich denke da z. B. an zwei Patientinnen jenseits der 80, die mich mit all dem, was sie in ihrem Leben erlebt haben, immer wieder berühren und mich mit Bewunderung erfüllen.

In der Hoffnung, vielleicht einige Leser*innen mit diesem Artikel erreicht zu haben, wünsche ich Ihnen allen ein frohes und dankbares Weihnachtsfest.

© Dr. Christian Rupp 2020

Dieser Beitrag ist in leicht geänderter Fassung in der Dezember-/Januar-Ausgabe 2020 des Amtsblatts Kropp-Stapelholm erschienen.

Praxisumzug geschafft

Es neigt sich eine Woche dem Ende zu, die äußerst ereignisreich, stressig und in vielen verschiedenen Facetten emotional war. Es traten viele Probleme auf, aber dank guter Organisation und der Unterstützuung von vielen kompetenten und hilfsbereiten Menschen konnten fast alle binnen sieben Tagen gelöst werden. Ich bin, zusammen mit meinem Team, erleichtert und glücklich, dieses Projekt hinter uns und in nur sieben Tagen eine, wie ich finde, wunderschöne neue Praxis ins Leben gerufen zu haben. Hier geht es zur neuen Fotogalerie mit frischen Bildern aus der fertig eingerichteten Praxis.

Es ist mir sehr wichtig, an dieser Stelle all den Menschen zu danken, ohne die dieses Projekt nicht in so großer Zeit zum Erfolg geworden wäre. Hier möchte ich als allererstes meinem Mann sowie Herrn Block und Frau Geisler danken, die mir viel Arbeit abgenommen, wichtige Aufgaben übernommen, mich bei Bedarf vertreten und somit für viel Entlastung gesorgt haben. Ein großes Dankeschön und Lob für die hervorragende Arbeit geht außerdem an:

  • Die Elektriker und Netzwerktechniker von Elektro Hansen in Kropp
  • Die Firma Safecor aus Hamburg
  • Das Gärtner-Team von Max Bech aus Owschlag
  • Die Mitarbeiter*innen vom Teppich-Hof Knutzen in Büdelsdorf
  • Den Haus- und Montageservice Becker (Marcel Becker & Mitarbeiter) aus Groß Rheide
  • Die Möbelspedition Staats aus Flensburg

sowie an Herbert Plähn für die stets zuverlässige und entgegenkommende Zusammenarbeit, an Ute Plähn und Monika Sommer für die gründliche Endreinigung – und an Jörg Dell Missier für den gut durchdachten Bau des schönen neuen Praxishauses.

Ich freue mich darauf, meine Arbeit am neuen Standort wieder aufzunehmen und die zahlreichen Belastungen, die mit der alten Praxis in Kropp verknüpft sind, hinter mir lassen zu können.

Umzug meiner Praxis nach Groß Rheide im November 2020

Wie schon bereits im Amtsblatt Kropp-Stapelholm berichtet wurde, gibt es eine wichtige Neuigkeit zu verkünden: Zu Anfang November ziehen wir in neue Räumlichkeiten in Groß Rheide, was einen weiteren Hintergrund des neuen Praxis-Logos erklärt.

Aufgrund des Umzugs wird die Praxis in der ersten Novemberwoche geschlossen sein und am Montag, den 09.11.2020 neu eröffnen. E-Mail-Adresse, Fax- und Telefonnummer bleiben dabei komplett gleich, da Groß Rheide über dieselbe Vorwahl wie Kropp verfügt.

Die neue Adresse meiner Praxis ab November lautet: Hauptstraße 38b, 24872 Groß Rheide. Mein Team und ich freuen uns, alle unsere derzeitigen und künftigen Patient*innen am neuen Standort zu begrüßen, und hoffen auf einen möglichst reibungslosen Umzug.

Die Welt der Ängste – Teil 2: Warum es so viel Sinn macht, sich seinen Ängsten zu stellen.

In Teil 1 dieses Artikels habe ich beschrieben, wie eine Angststörung sich aufrechterhält und warum Vermeidung das Problem langfristig nicht löst, sondern schlimmer macht. Es könnte also eine ganz gute Idee sein, den Mechanismus umzukehren und sich seinen Ängsten zu stellen, anstatt vor ihnen zu flüchten. Tatsächlich ist dies das grundlegende Prinzip der so genannten Expositionstherapie, für die auch häufig das Synonym Konfrontationstherapie verwendet wird, weil sie auf der Konfrontation mit der angstbesetzten Situation beruht – also darauf, sich dieser Situation auszusetzen (auf Lateinisch „exponere“). Dass Expositionstherapie in Sachen Wirksamkeit ein wahrer Hit ist, ist durch eine Fülle von Studien ebenso belegt wie durch die kollektive jahrelange Erfahrung derjenigen Psychotherapeut*innen, die mit ihr arbeiten. In der psychologischen Forschung streitet man sich allerdings nun seit Jahrzehnten darüber, warum Expositionstherapie wirkt – 2014 habe ich mit meiner Masterarbeit und der daraus hervorgegangenen wissenschaftlichen Publikation zur Überprüfung der so genannten Emotionalen Verarbeitungstheorie auch an diesem Diskurs teilgenommen. Das Problem dieser Debatte ist aus meiner Sicht, dass irrsinnigerweise andauernd versucht wird, den einen Wirkmechanismus zu finden, der über alle Menschen hinweg die Wirkung von Expositionstherapie erklärt. Das Problem dabei (und leider das Grundproblem der Psychotherapieforschung) lautet: Menschen sind nicht gleich, sondern hochgradig unterschiedlich – hinsichtlich des genauen Problems, z. B. der zentralen Befürchtung, die hinter ihrer Angst steckt, und hinsichtlich ihrer Vorerfahrungen und Voreinstellungen. All das bestimmt, ob und wie eine Therapieform wie Exposition wirkt – und dabei haben wir die Eigenschaften des Therapeuten noch völlig außen vorgelassen.

Leider aber kann die Wissenschaft mit ihren Methoden dieser Komplexität nicht gerecht werden. Dafür kann sie nichts, denn die Eigenschaft, dass Wissenschaft Aussagen über Menschen hinweg macht und dafür notwendigerweise für alle Menschen einen Mittelwert berechnet und nicht in erster Linie die Abweichungen von diesem Mittelwert betrachtet, wohnt ihr quasi inne. Es ist Teil der wissenschaftlichen Objektivität, dass sie sich eben nicht jeden Menschen einzeln anschaut. Genau das ist aber der Kern einer guten Psychotherapie. Und darin liegt meiner Meinung nach das Dilemma: Grundsätzlich sollte Psychotherapie natürlich auf ihre Wirksamkeit hin untersucht werden. Die Ergebnisse solcher Studien sind dann aber wegen der Besonderheiten von Psychotherapie kaum aussagekräftig. Kaum irgendwo sonst klaffen Forschung und Praxis deswegen so auseinander wie im Bereich der Psychotherapie.

Um zum Thema zurückzukehren: Wenn ich meine Erfahrung, mein Fachwissen und meinen eigenen Verstand kombiniere, gelange ich zu der gut begründeten Ansicht, dass Expositionstherapie immer über mehrere Wege wirkt – bei dem einen mag der eine Faktor überwiegen, bei dem anderen ein anderer. Es ist also vom Einzelfall abhängig. Bevor wir uns diese Wirkfaktoren nun anschauen, möchte ich, dass Sie sich eine grundlegende Sache klarmachen: Wenn Menschen, die Situationen und somit das Empfinden von Angst immer nur vermeiden, plötzlich um 180 Grad ihr Verhalten ändern und sich mit der angstbesetzten Situation konfrontieren, ist das für deren Gehirn wie „Durchgerüttelt Werden“. Das, was in der Psychotherapie allgemein gilt – nämlich dass Veränderung im Denken und Fühlen oft durch eine Veränderung eingefahrener Verhaltensmuster angestoßen wird, was wiederum mit Umstrukturierungsprozessen auf Nervenzellebene einhergeht (stellen Sie es sich als eine Art „Neu-verdrahtet-Werden“ vor) – gilt für das Sich-Konfrontieren mit Ängsten in ganz besonderem Maße. Durch die Verhaltensänderung kommt frische Information in Gehirn, und es bilden sich zwangsläufig neue Verbindungen auf Nervenzellebene, wo es vorher nur ausgetretene Pfade in die Trostlosigkeit gab. Auch wenn es viele Verhaltenstherapeuten gibt, die der Auffassung sind, dass man Exposition „genau richtig“ machen und ganz viel beachten müsse, läuft es meiner Erfahrung nach im Endeffekt immer nur auf eines hinaus, und zwar auf das Unterlassen der Vermeidung. Diese Verhaltensänderung wirbelt in unserem Gehirn so viel (konstruktiv) durcheinander, dass ein Umstrukturierungsprozess unausweichlich ist. Diese Umstrukturierungsprozesse nennen wir auch „Lernen“, weil unser Gehirn dabei lernt, neue Dinge miteinander zu verknüpfen, z. B. eine Situation mit „keine Angst haben“. Was das Gehirn jeweils lernt, werde ich bei der nun folgenden Beschreibung der Wirkmechanismen jeweils beschreiben.

Habituation

Habituation ist ein hochtrabender Fachbegriff für ein ziemlich schnödes Phänomen und lässt sich am ehesten mit „Gewöhnung“ übersetzen. Es ist ein fast allen Organismen gemeinsamer Grundprozess, der im Grunde besagt, dass ein Organismus, quasi aus einem reinen Effizienzprinzip her, neue Reize von außen nur kurze Zeit interessant findet – und dann ziemlich schnell langweilig, weil man sich dran gewöhnt hat. Physiologisch drückt sich dieser Prozess dadurch aus, dass der Organismus beim ersten Auftreten des neuen Reizes stark reagiert, z. B. durch einen schnelleren Herzschlag, und diese Reaktion dann, wenn der Reiz konstant bleibt, kontinuierlich abnimmt. Man sagt dann: „Der Organismus habituiert“. Das ist, auch wenn sie kein Herz haben, sogar bei Einzellern beobachtbar.

Auf Angst bezogen bedeutet dies: Wenn es sich um akute Angst, also die, die entsteht, wenn wir uns wirklich mit der angstbesetzten Situation direkt konfrontieren, handelt, dann kommt diese durch eine evolutionär sehr alte Reaktion unseres vegetativen Nervensystems zustande: Dieses sorgt dafür, dass Herzschlag und Blutdruck in die Höhe gehen, wir schwitzen, uns ggf. übel wird, wir uns verspannen, usw. Jetzt muss man nur noch wissen: Dieses evolutionäre Programm war nie dafür ausgelegt, die Angst lange aufrecht zu erhalten, sondern nur, um entweder zu flüchten oder zu kämpfen („fight or flight“). Weil das so ist – und weil diese Angstreaktion so anstrengend für den Körper ist, dass er sie gar nicht lange aufrechterhalten kann, wird die Angst, wie in Abbildung 2 die grüne Linie zeigt, von selber nachlassen, ohne dass man irgendetwas gegen sie tun muss. Und dann hat das Gehirn jede Menge Neues gelernt, also neue Assoziationen auf Nervenzellebene geknüpft – allem voran 1) „Ich kann in der Situation sein, ohne Angst zu haben“ (Entkopplung von Situation und Angstreaktion) und 2) „Die Angst lässt nach, und zwar ganz von selbst“. Diese neu gelernten Assoziationen machen dann fortan den alt eingesessenen Verknüpfungen („Situation = Angst“ und „Angst vergeht nicht, also musst du flüchten“) Konkurrenz. Oder anders gesagt: Die neuen Verknüpfungen hemmen die alten, denn wirklich ausradieren kann man die alten nicht. Man spricht in diesem Kontext daher auch vom „Inhibitionslernen“ („inhibieren“ bedeutet „hemmen“). Wichtig: Damit die neuen Verknüpfungen die alten wirklich dauerhaft hemmen können, muss das Gehirn wiederholt und in möglichst vielen verschiedenen Kontexten die neue Erfahrung machen – der Schlüssel für die dauerhafte Wirksamkeit liegt also wie so oft in der Wiederholung des neuen Verhaltens.  Es gibt jedoch zwei wichtiger „Aber“ bei der Habituation.

Erstes „Aber“

Habituation läuft in der Regel nur dann so ab, wenn die Situation wirklich konstant bleibt (man z. B. in einem engen Raum eingeschlossen ist und sich nichts an der Situation verändert) – andernfalls kann die Angst, weil ja ein „neuer Reiz“ da ist, auch wieder hochschnellen. Schnell veränderliche Situationen, wie z. B. der Spaziergang aus Abbildung 1, führen derweil oft nicht so einfach zur Habituation, zumindest nicht innerhalb einer Übung. Wenn man die Übung jedoch oft wiederholt, ist es gut möglich, dass man eine so genannte „Habituation über die Übungen hinweg“ merkt – wie unten in Abbildung 2 dargestellt: Von Mal zu Mal werden die Angstkurve und die maximale Angst weniger.

Zweites „Aber“

Es wird keine Habituation eintreten, wenn man sich durch Ablenkung der konstanten Konfrontation mit der angstauslösenden Situation entzieht. Dazu zählt auch schon bereits das Sich-gut-Zureden, mit dem man sich so schön über die Zeit rettet. Oder die „Ich denke an was Schönes“-Strategie. Nein, bitte lassen Sie das. Sie tun sich keinen Gefallen, denn Sie verhindern, dass sie eine wirklich heilsame neue Erfahrung machen – sonst lernt ihr Gehirn wieder nur „Ich muss mich ablenken, sonst halte ich die Angst nicht aus“. Dabei sollen Sie doch erfahren, dass die Angst von selbst nachlässt, wenn Sie sie nur zulassen. Zudem zeigt die Abbildung, dass man sich im Fall von Ablenkung nur mit einem Wellenverlauf über die Zeit rettet.

Wie verläuft Angst unter welchen Bedingungen?

Widerlegte Befürchtungen: „Überraschung!“

Ein weiterer ganz wichtiger Weg, auf dem Exposition wirkt, ist die Überraschung – anders gesagt: Die Widerlegung von Erwartungen bzw. Befürchtungen ist eine ganz zentrale neue Lernerfahrung. Die wohl größte Überraschung hängt mit der Habituation zusammen – denn hierdurch werden gleich mehrere Befürchtungen widerlegt: 1) dass die Angst einen z. B. via Herzinfarkt umbringt, 2) dass die Angst einen ohnmächtig macht oder man die Kontrolle verliert und 3) dass sie für immer anhält und ohne unser Zutun immer schlimmer wird. Auch kann überprüft (und in der Regel widerlegt werden), dass weitere befürchtete Katastrophen eintreten. So kann jemand, der sich traut, einen Vortrag vor anderen zu halten, die Erfahrung machen, dass (Surprise!) er das viel besser hinbekommt als erwartet und keiner ihn auslacht, und jemand, der eine Spinne auf die Hand nimmt, kann miterleben, dass diese ihn nicht beißt.

Bewältigungserfahrung: „I can do it“

Hier spielt das Überraschungsmoment auch eine Rolle, und zwar selbst dann, wenn Befürchtungen (teilweise) eintreten. Sagen wir mal, jemand bekommt in der angstbesetzten Situation wirklich starke akute Angst und muss sich deswegen übergeben (Befürchtung eingetroffen). Dann kann er trotzdem stolz auf sich sein, es durchgehalten und bewältigt zu haben. Manchmal ist das sogar die noch bessere Lernerfahrung bei der Exposition, denn sie vermittelt einem dahingehend Selbstvertrauen, dass man merkt, dass man selbst mit dem befürchteten Horrorszenario zurechtkommt – was man nie erfahren hätte, hätte man nur vermieden.

Veränderte Grundhaltung: „Dann komm doch!“

Meiner Erfahrung nach wirkt Exposition tatsächlich dann besonders gut, wenn ab und an mal eine Befürchtung eintritt. Das hat nichts mit Sadismus meinerseits zu tun, sondern damit, dass solche Erfahrungen einem helfen, erstens mehr Selbstvertrauen (siehe letzter Abschnitt) aufzubauen und zweitens eine ganz wichtige Grundhaltung für das Leben vermitteln: Nämlich, dass es nie und nirgends hundertprozentige Sicherheit gibt, dass nichts Schlimmes passiert. Es ist beispielsweise sehr viel weniger wahrscheinlich, bei einem Spaziergang an einem Herzinfarkt zu sterben, als beim Überqueren der Straße überfahren zu werden. Dennoch tun Menschen mit Angststörungen letzteres in der Regel, ohne Angst zu haben. Wichtig ist dabei: Wie auch für den Herzinfarkt beim Spazierengehen gilt für alle schlimmen Dinge: Das Risiko ist in der Regel sehr viel kleiner, als Sie denken – aber es ist eben auch immer größer als 0 %. Was also Menschen ohne Angststörung im Kern anders machen, ist, dass sie bewusst oder unbewusst in Kauf nehmen, dass es immer ein Restrisiko gibt – und es darum geht, ob man sein Leben wirklich darauf vergeuden will, dieses ohnehin kleine Restrisiko noch ein kleines bisschen näher an 0 heranzubringen, oder ob man mit seinem Leben andere Dinge anstellen will. Erstere Vorgehensweise wird einen sehr wahrscheinlich zum Gefangenen der eigenen Angst machen – und eher nicht glücklich. Oder wie eine Patientin von mir es einmal großartig ausgedrückt hat: Man kann sich aus Angst vor dem Tod auch prophylaktisch erschießen.

Wenn man also nun weiß, dass Angst, wenn man sie zulässt, auch wieder von selbst nachlässt und dass man gleichzeitig nicht allen Gefahren zu 100% aus dem Weg gehen kann, ist es nicht mehr weit bis zu einer neuen Haltung gegenüber Angst, und zwar einer akzeptierend-einkalkulierenden. Stellen Sie sich die Angst als Gegner vor: Wenn Sie vor ihr flüchten, wird sie ebenso stärker, wie wenn Sie sinnlos gegen sie kämpfen (mit Ablenkung und Sicherheitsverhalten), obwohl sie ohnehin nicht gewinnen können. Daher mein Rat: Entwaffnen Sie die Angst, indem Sie ihr ins Auge schauen und sie mit den Worten „Dann komm doch!“ herausfordern. Anstatt „Hoffentlich bekomme ich keine Angst“ gehen Sie in die angstbesetzten Situationen bitte mit dem Leitspruch „Natürlich wird die Angst mit im Gepäck sein – möge sie kommen!“. Denn dann wird die Angst Sie nicht aus dem Hinterhalt überrollen. Sie dürfen dabei auch gerne „Du kannst mich mal“ zu Ihrer Angst sagen – und dabei daran denken, warum Sie sich nicht mehr das Leben von der Angst bestimmen lassen wollen. Denken Sie an Ihre Ziele und an das, was Ihnen wichtig ist. Erinnern wir uns an Gertrud aus Teil 1: Sie entschließt sich vielleicht unter Inkaufnahme Ihres Angstgegners und aller Risiken deshalb dafür, doch spazieren zu gehen, weil ihr im Grunde Freiheit als Wert sehr wichtig ist und sie darüber hinaus jenen ganz bestimmten Wald über alles liebt.

Fazit

Sie werden wie die meisten meiner Patienten mit Angststörungen merken, dass alleine diese veränderte Grundhaltung einen riesigen Unterschied macht: Allem voran macht sie nämlich frei und öffnet den Blick für das, was Ihnen im Leben wirklich etwas bedeutet. Insofern kann man festhalten: Ein Leben ganz ohne Angst ist weder möglich noch überlebensförderlich. Ein Leben ohne unangemessene Angst hingegen ist möglich – aber nicht dadurch, dass man vor dieser flieht oder sie bekämpft, sondern indem man sie durch Akzeptanz, mutige Inkaufnahme und die Berücksichtigung der eigenen Ziele entwaffnet.

Die Welt der Ängste – Teil 1: Warum Vermeidung Probleme schafft und nicht löst.

An Angst an sich ist überhaupt nichts falsch. Sie ist sogar überlebenswichtig für uns. Ihre ursprüngliche Funktion war uns ist es aus evolutionärer Sicht, und vor realen Gefahren zu warnen und uns zu befähigen, entweder zu fliehen oder zu kämpfen. Angststörungen entstehen dann, wenn sich die Angst erstens auf etwas bezieht, das keine wirkliche Gefahr darstellt (z. B. Spinnen, geschlossene Räume, das Halten eines Vortrags, Zugfahren…) und sie ein solches Ausmaß annimmt, dass die betroffene Person entweder deutlich unter ihr leidet oder sie ihr Leben derart einschränken muss, dass man nicht mehr wirklich von Lebensqualität sprechen kann. Nur wenn letzteres der Fall ist, darf eine Angststörung überhaupt diagnostiziert werden. Hier finden Sie ein Zeitungsinterview mit mir zu dem Thema „Wie viele verschiedene Angststörungen gibt es eigentlich?“.

Ich werde hier auf zwei Dinge ganz bewusst nicht eingehen. Erstens werde ich, weil das alles nur verkomplizieren und dem Ziel dieses Artikels, ein Grundprinzip anschaulich zu vermitteln, nicht auf die Unterschiede zwischen den ganzen verschiedenen Angststörungen wie z. B. die Agoraphobie, die spezifische Phobie oder die soziale Angststörung (auch genannt soziale Phobie) eingehen. Zweitens werde ich komplett auf einen Abschnitt zu dem Thema „Woher kommen Angststörungen?“ verzichten. Das hat zwei Gründe. Zum einen findet man, auch wenn man lange sucht, oft keine zufriedenstellende Erklärung für eine Angst. Ja, ein angeborenes ängstlich-gehemmtes Temperament erhöht das Risiko für eine spätere Angststörung, und ja, eine Angst kann durch eine einschneidende Erfahrung ebenso konditioniert wie sich am Vorbild von ängstlichen Eltern abgeschaut werden. Aber im Endeffekt, und das führt zum zweiten Grund, ist es bei den meisten Angststörungen (nicht allen) äußerst zweitrangig, woher sie kommen. Denn anders als bei Depressionen oder tiefgreifenden Persönlichkeitsstörungen ist es für die Therapie nicht von Bedeutung, die Entstehung nachzuvollziehen. Für die Therapie ist bei Angststörungen in allererster Linie eines wichtig: Verstehen, wie die Angststörung, wenn sie erst einmal da ist, aufrechterhalten wird. Denn die Mechanismen, die hier am Werk sind und in der Therapie verändert werden müssen, haben meist herzlich wenig mit der Entstehung der Angststörung zu tun – man könnte auch sagen: die Aufrechterhaltung ist von der Entstehung abgekoppelt. Ist die Angststörung erst einmal da, hält sie sich durch Prozesse, die wir jetzt näher betrachten werden, wunderbar selbst aufrecht.

Schauen Sie sich nun bitte die Abbildung weiter unten an, denn auf diese werde ich mich im Folgenden beziehen. Mir ist wichtig, deutlich zu machen, dass ein zentraler Dreh- und Angelpunkt einer jeden Angststörung die jeweilige Befürchtung ist. Die Person aus meinem Beispiel, nennen wir sie Gertrud, hat Angst, dass sie eine Panikattacke bekommt. Eine Panikattacke ist definiert als eine akute Welle von Angst, die aus vielen körperlichen Symptomen (z. B. Herzrasen, Atemnot, Schwitzen, Schwindel, Stuhldrang) besteht und, wenn man sie geschehen lässt (!), binnen 10 Minuten ihren Höhepunkt erreicht und dann wieder vergeht. Insofern sind Panikattacken zwar wirklich sehr unangenehm, aber ungefährlich. Das weiß Gertrud aber wie die meisten Menschen mit einer so genannten Panikstörung nicht, weshalb Gertrud eine Befürchtung in Form eines wahren Horrosszenarios im Kopf hat (s. u.).

Angenommen, Gertrud steht in dem u. g. Beispiel vor der Entscheidung, alleine spazieren zu gehen (sie würde eigentlich gerne mal wieder in ihren Lieblingswald an der Schlei), kann man sich leicht vorstellen, dass ihr eben diese Befürchtung in den Kopf kommt. Durch diese Befürchtung entsteht dann Angst, genau genommen aber keine akute Angst (sie ist ja noch nicht im Wald, also in der angstbesetzten Situation), sondern so genannte Erwartungsangst (weil sie durch die Erwartung zustande kommt, dass die Befürchtung eintritt). Erwartungsangst ist nicht so stark wie akute Angst, aber dennoch unangenehm. Was Gertrud nun tut, ist: Sie vermeidet. Vermeidung hat viele Gesichter. Gertrud könnte sich ihre Jacke wieder ausziehen und einfach zu Hause bleiben. Das ist wohl am fatalsten. Sie könnte aber auch in den Wald fahren, los spazieren, dann akute Angst bekommen und wieder umkehren.

Etwas schwieriger nachzuvollziehen, warum es sich dabei um Vermeidung handelt, ist, wenn Gertrud so genanntes Sicherheitsverhalten anwendet. Darunter versteht man alles, was einem das Gefühl von Sicherheit vermittelt und die Angst drosselt, wenn man sich dann doch in die angstbesetzte Situation begibt. Z. B. könnte Gertrud eine Begleitperson mitnehmen oder statt in ihren Lieblingswald irgendwo hinfahren, wo sie leichter gefunden wird, sollte sie ohnmächtig werden (was übrigens, das nur am Rande, bei echten Panikattacken rein physiologisch bedingt gar nicht passieren kann), oder wo ein Krankenhaus ganz in der Nähe ist. Oder (und das wird viele wahrscheinlich am meisten überraschen) sie könnte vermeiden, indem sie sich von der Angst ablenkt – z. B. indem sie beim Laufen Musik hört, sich die ganze Zeit gut zuredet („Alles ist gut!“), sich auf ihren Atem konzentriert oder auf alles andere achtet, nur nicht auf das, was ihr Angst macht. Sie haben richtig gelesen: Der Fehler besteht darin, nicht auf das zu achten, was Angst macht. Warum ist das so? Schauen wir uns wieder die Abbildung an.

Wie sich eine Angststörung selber aufrecht erhält

All die genannten Vermeidungsstrategien, d. h. gar nicht erst die Situation aufsuchen, die Situation beim Auftreten von Angst verlassen, Sicherheitsverhalten anwenden und sich ablenken (auch wenn es noch so gut gemeint ist), haben eines gemeinsam: Sie lösen das Problem nur kurzfristig (weil sie die Angst drosseln, sowohl die Erwartungs- als auch die akute Angst). Leider liebt unser Körper bzw. unser Gehirn kurzfristige positive Konsequenzen (im Endeffekt entstehen so auch Süchte), auch wenn sie nur im Wegfall von negativen Gefühlszuständen wie Angst bestehen (für Interessierte: Das nennt man negative Verstärkung). Das Ergebnis: Das Gehirn speichert ab „Vermeidung lindert Angst“, und fortan werden wir diese Strategie immer wieder anwenden. Je öfter, desto mehr brennt sich diese Erfahrung in unser Gehirn ein, wie bei einem Trampelpfad, der immer mehr ausgetreten wird. Das Problem bei der Sache: All die genannten Strategien eignen sich leider nicht dazu, die ausschlaggebende Befürchtung zu überprüfen und zu widerlegen. Wenn Gertrud gar nicht erst in den Wald fährt, kann sie nicht die Erfahrung machen, dass sie vielleicht gar keine Panikattacke bekommt – oder dass sie eine bekommt, aber nicht ohnmächtig wird und die Angst ohne ihr Zutun nachlässt. Dass die Angst ohne ihr Zutun nachlässt und sie die Situation bewältigen kann, lernt sie auch nicht, wenn Sie beim Aufkommen von Angst sofort umkehrt.

Und wenn sie Sicherheitsverhalten anwendet oder sich ablenkt? Nun ich gebe zu, das ist immer noch besser als gar nicht in den Wald zu gehen. Aber auch hier lauert ein Trugschluss: Denn Gertruds Gehirn speichert dadurch ab „Ich kann die Situation bewältigen – aber nur, wenn ich mir mit X behelfe“ (z. B.: „wenn jemand anderes mit dabei ist“). Das hat zwei Nachteile: Erstens kann so auch nicht die Befürchtung widerlegt werden, dass, würde sie gar nichts tun und ohne doppelten Boden spazieren gehen, eine Panikattacke auftritt und sie ohnmächtig wird. Gerade diese Erfahrung wäre aber so wichtig für Gertruds (abhanden gekommenes) Gefühl von Freiheit und Selbstvertrauen. Zweitens wird Gertrud von ihrem Sicherheitsverhalten und der Ablenkung abhängig. Wo soll da noch Lebensfreude herkommen, wenn die ganze Ausflugsplanung auf die Angst ausgerichtet ist? Sicherheitsverhalten und Ablenkung machen daher genau so unfrei wie das Vermeiden der Situation im engeren Sinne. Und weil man durch Sicherheitsverhalten und Ablenkung eben auch dem Gefühl der Angst ausweicht und sich ihm nicht wirklich stellt, nenne ich sie ebenso „Vermeidung“.

Das Ergebnis ist fatal: Bei den Betroffenen wie z. B. Gertrud bestimmen Angst und deren Vermeidung das ganze Leben, es fallen durch die Vermeidung viele angenehme Unternehmungen oder z. B. Urlaube weg, nicht selten kommt es zur sozialen Isolation, weil Betroffene sich „aus allem rausziehen“. Und weil der Gegner namens „Angst“ damit immer übermächtiger wird, verlieren Menschen wie Gertrud zunehmend an Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen. Wer mitgedacht hat, wird erkannt haben, dass nur eine Aufgabe des Vermeidens aus der Misere herausführen kann. Wie das genau aussieht – und wie die so genannte Expositionstherapie wirkt, wird Gegenstand des zweiten Teils dieses Artikels sein.

Depression – Teil 3: Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Dieser Artikel ist der dritte und letzte Teil der Trologie zum Thema Depression. Den ersten Teil (Wie man eine Depression erkennt) finden Sie hier, den zweiten (Welche Ursachen einer Depression zugrunde liegen) können Sie hier nachlesen.

Psychotherapie (und was man selbst schon mal probieren kann)

Die Depression als Störung ist sehr gut mittels Psychotherapie behandelbar. Da eine gute Psychotherapie aus meiner Sicht immer ein auf den Patienten individuell zugeschnittenes Vorgehen bedeutet und es deshalb wenig Sinn ergibt, die verschiedenen Psychotherapieverfahren hier im Detail zu beschreiben (was ich auch bereits woanders getan habe – nachzulesen hier), gehe ich hier bewusst nicht auf die vermeintlichen Unterschiede zwischen verschiedenen Formen der Psychotherapie ein. Viel sinnvoller ist es aus meiner Sicht, sich das oben beschriebene Vulnerabilitäts-Stress-Modell ins Gedächtnis zu rufen und sich grundsätzlich bewusst zu machen, dass allgemein bei fast allen psychischen Störungen und speziell bei der Depression eine gute Psychotherapie zwei Säulen haben sollte: Erstens die Unterstützung bei der Bewältigung von Stress bzw. Belastungen, also die so genannte Ressourcenaktivierung, und zweitens die Verringerung der vorhandenen Vulnerabilität, in dem man mit verschiedenen Methoden z. B. ein Schuldschema verändert bzw. „auflöst“, das Selbstwertgefühl stärkt, neue Verhaltensweisen wie z. B. das Setzen von Grenzen erlernt und übt oder Traumata aus der Vergangenheit bearbeitet. Man erkennt: Ersteres bezieht sich vor allem auf die Gegenwart (das Feld der klassischen Verhaltenstherapie), letzteres hingegen auf die Vergangenheit (das Feld der klassischen psychodynamischen Therapierichtungen). Wenn Sie mich fragen, genügt ein bisschen gesunder Menschenverstand, um zu erkennen, dass am besten beides, also Vergangenheit und Gegenwart, in eine Psychotherapie mit einbezogen werden sollten. Denn Prägungen oder unverarbeitete Traumata aus der Vergangenheit können die Bewältigung von Belastungen im Hier und Jetzt erschweren oder blockieren – und umgekehrt kann eine Arbeit an biographischen Prägungen von zu starker aktueller Belastung durch äußere Stressfaktoren unmöglich gemacht werden, sodass es erst einmal Ressourcen braucht.

Tatsächlich gibt es allerdings dank der Psychotherapieforschung ein paar Ansätze, die man guten Gewissens insofern als allgemein hilfreiche „Rezepte“ gegen Depression empfehlen kann, als sie der überwiegenden Zahl der Betroffenen (jedoch nicht unbedingt allen) helfen. Diese „Rezepte“ sind:

Aktivität, soziale Kontakte & stimmungsentgegengesetztes Handeln.

Depressive Menschen verhalten sich oft passiv, gehen nicht mehr aus dem Haus und meiden soziale Kontakte. Das Problem daran ist, dass dieses Verhalten nur schlimmer macht, weil es immer weniger Ereignisse gibt, die die Stimmung aufhellen könnten. Das Rezept lautet daher: Entgegen der niedergeschlagenen Stimmung handeln. Weil der Antrieb meist schlecht ist, ist es wichtig, mit kleinen, manchmal mit ganz kleinen Dingen anzufangen, die nicht lästig, sondern nur angenehm sind und einem gut tun (das ist wichtig, denn sonst wird es mit dem Aufraffen nicht klappen). Man spricht in diesem Kontext deshalb auch von Selbst- oder Eigenfürsorge. Wenn man das geschafft hat und die Stimmung vielleicht sogar ein kleines bisschen weniger schlecht geworden ist, kann man die nächstgrößere Aktivität in Angriff nehmen, als nächstes vielleicht jemanden anrufen, mit dem man lange nicht gesprochen hat, und als überübernächstes vielleicht eine kleine lästige Erledigung im Haushalt machen, die man stolz ist geschafft zu haben. Wenn einige dieser Aktivitäten nach draußen führen, ist das übrigens aus zwei Gründen zusätzlich gut: Erstens, weil man dann vielleicht sogar eine sportliche Aktivität daraus machen kann (nachgewiesenermaßen sehr gut gegen Depression) und zweitens, weil das Tageslicht unsere innere Uhr synchronisiert, die Vitamin D-Produktion vorantreibt und über diverse Prozesse in unserem Gehirn die Stimmung weiter aufhellen kann. Dies gilt übrigens auch an trüben Tagen: auch wenn der Himmel bedeckt ist, ist es draußen noch immer deutlich heller als in der künstlich beleuchteten Wohnung.

Reden.

Fast jeder kennt es: Wenn man erst einmal darüber reden konnte, was einen beschäftigt und wie es einem geht, bringt das schon ein Stück Entlastung. Und diese Person muss und sollte in erster Instanz auch kein Psychotherapeut sein, sondern besser eine Freundin, jemand aus der Familie, oder bei manchen vielleicht auch das Haustier.

Achtsamkeit.

Ja, es gibt einen großen Hype um das Thema Achtsamkeit, aber dieser ist auch nicht ganz unbegründet. Im Kern geht es darum, zu lernen, erstens die Welt um einen herum bewusster wahrzunehmen und zweitens zu lernen, unsere innere Welt aus Gefühlen und Gedanken lediglich aus einer Beobachterposition wahrzunehmen. Das Schöne an Achtsamkeit ist, dass man hierfür nicht unbedingt eine Psychotherapie machen muss, sondern z. B. von Volkshochschulen entsprechende Kurse angeboten werden. Ebenso gibt es natürlich heutzutage eine große Zahl an entsprechenden Apps zum Download. Halten Sie Ausschau nach den Begriffen „MBSR“ (Mindfulness-Based Stress Reduction) und „MBCT“ (Mindfulness-Based Cognitive Therapy“). Ein wichtiger Autor in diesem Bereich ist Jon Kabat-Zinn.

Entspannungstechniken.

Die Forschung hat gezeigt, dass Entspannungsverfahren gegen Depression helfen, was nicht verwunderlich ist, wenn man sich die Rolle von Stress und dem Stresshormon Cortisol bei der Entstehung von Depression vor Augen führt. Da sie kaum schaden können, spricht im Grunde nichts dagegen, sie auszuprobieren. Viele Achtsamkeitsübungen sind unweigerlich gleichzeitig Entspannungsübungen. Die beiden am besten auf ihre Wirksamkeit hin untersuchten Entspannungsverfahren sind darüber hinaus das Autogene Training und die Progressive Muskelentspannung (bzw. Muskelrelaxation) nach Jacobsen, kurz PME oder PMR. Letztere basiert auf dem Wechsel zwischen muskulärer Anspannung und Entspannung, die sich auf die mentale Entspannung ausweitet. PMR bzw. PME findet man ebenfalls im Kursangebot von Volkshochschulen & Co. und darüber hinaus in zahlreichen Varianten und kostenlos als Audio-Anleitung im Internet, sowohl bei Youtube als auch auf den Seiten mancher Krankenkasse wie der TK. Sehr wichtig bei Methoden wie der PMR ist allerdings (und das wird viel zu wenig betont): Sie sind nicht zu verstehen als etwas, das man wie eine Kopfschmerztablette anwendet, wenn es einem akut schlecht geht. Nein, die gesamte Forschung zu PMR zeigt, dass diese Methode ihre Wirksamkeit in Form einer Reduktion der Grundanspannung erst dann entfaltet, wenn man sie über mehrere Wochen jeden Tag durchführt. Somit sind Entspannungsmethoden eher als Dauermaßnahme zu verstehen und sollten am besten täglich geübt werden.

Das Grübeln in den Griff kriegen.

Das typische, sich im Kreis drehende Denken, bei dem am Ende nichts herauskommt (siehe Teil 1), kann Depressivität wunderbar aufrechterhalten, weil es zur dauerhaften Ausschüttung von Cortisol beiträgt und einen zudem davon abhält, mitzubekommen, was Positives um einen herum passiert. Aktiv zu werden, wie oben beschrieben, ist daher schon super gegen Grübeln. Was darüber hinaus noch hilft, ist das Grübeln auf eine halbe Stunde pro Tag zu begrenzen, jeden Grübelgedanken außerhalb dieser Zeit auf diese halbe Stunde zu „vertagen“ und in dieser halben Stunde am Tag das Grübeln aufzuschreiben. Und zwar wortwörtlich, genau so sich-im-Kreis-drehend, wie es ihnen in den Sinn kommt. Sie können hierfür ein so genanntes Grübeltagebuch anlegen, das nur in dieser halben Stunde pro Tag zum Einsatz kommt und danach irgendwo gut nicht-sichtbar verstaut wird. Ab dem zweiten Tag lesen Sie sich bitte zuerst durch, was sie am Vortag an Grübeleien aufgeschrieben haben (sie werden merken, es wiederholt sich und klingt am Folgetag schon nicht mehr ganz so belastend) und grübeln dann schriftlich weiter. Mein Tipp: Stellen Sie sich einen Wecker, der Sie nach Ablauf der halben Stunde aus der Grübelei rausholt. Und: Genau wie bei der PMR wirkt diese Technik erst, wenn man sie ein paar Wochen am Stück durchführt. Dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass das Grübeln und die emotionale Belastung weniger werden. Diese Technik wirkt mehrfach: Erstens fördert das Schreiben die emotionale Verarbeitung, zweitens schafft es Abstand von den sonst nur im Kopf stattfindenden Grübelprozessen. Und drittens schafft es Freiraum für nicht problembehaftete, sondern angenehme Aktivitäten, passt also hervorragend zu der oben beschriebenen ersten Strategie.

Medikamentöse Behandlung

Alternativ oder ergänzend zu einer Psychotherapie können bei einer mindestens mittelgradigen depressiven Episode auch Antidepressiva gegeben werden. Diese sind kurzfristig ähnlich wirksam wie KVT, führen aber nachweislich zu mehr Rückfällen, haben diverse Nebenwirkungen und wirken besonders bei denjenigen Patienten, bei denen die Ursache hauptsächlich biologisch, d.h. organisch bedingt ist. Zudem liegen Hinweise vor, dass Antidepressiva eigentlich nur bei schweren Depressionen eine Wirkung aufweisen, die tatsächlich über den Placeboeffekt hinausgeht. Über die Wirkung von Antidepressiva und die damit verbundenen Kontroversen habe ich einen separaten Artikel verfasst, den Sie hier finden können. Zu der Frage, ob Antidepressiva bei Kindern und Jugendlichen das Suizidrisiko erhöhen, finden Sie außerdem hier einen ausführlichen Artikel.

Probiotika

Wie in Teil 2 bereits beschrieben, kann die Einnahme von bestimmten Probiotika, d. h. lebenden Bakterienstämmen aus dem Bereich der Bifido- und Milchsäurebakterien, die Stimmung und das Stressempfinden beeinflussen und auch Depressivität lindern. Die Forschung ist jedoch leider noch nicht soweit, dass man genaue Empfehlungen geben könnte, welche Bakterien man einnehmen sollte. Interessierte seien auch hier wieder an das hervorragende Buch „Darm mit Charme“ von Giulia Enders verwiesen.

Weitere Optionen bei chronischen Depressionen: Schlafentzug, Lichttherapie, Elektrokrampftherapie

Schwere Depressionen (die vor allem durch akute Suizidneigung und weitgehende Funktionsunfähigkeit der Patienten gekennzeichnet sind) müssen in der Regel zunächst mit Antidepressiva behandelt werden, bevor eine Psychotherapie überhaupt möglich ist. Bei chronisch und schwer depressiven Patienten, die auf Medikamente und Psychotherapie nicht ansprechen, werden auch noch weitere „Register gezogen“, die zunehmend invasiv sind. Neben harmloseren therapeutischen Maßnahmen wie Lichttherapie (vor allem kurzwelliges blaues Licht mit mindestens 10.000 Lux Helligkeit wirkt stimmungsaufhellend und wachmachend) und Schlafentzug (beides hellt die Stimmung auf und widerspricht somit der Überzeugung vieler Patienten, es könne ihnen nie wieder besser gehen) gibt es auch noch die Elektrokrampf-Therapie (EKT), bei der das Gehirn des Patienten unter Narkose mit gezielten elektrischen Impulsen behandelt und dadurch ein künstlicher epileptischer Krampfanfall ausgelöst wird. Das klingt grausam, ist aber bei vielen Patienten, bei denen nichts anderes hilft, oft eine sehr effektive Maßnahme. Die Wirkweise der EKT ist immer noch nicht geklärt, aber eine Hypothese ist die, dass durch das elektrische „Durchrütteln“ des Gehirns eine Art Reset-Taste gedrückt und die Produktion von Nerven-Nährstoffen stimuliert wird, die wiederum Mangelzustände ausgleichen und das Zellwachstum anregen. Die Nebenwirkungen sind allerdings nicht zu unterschätzen; so kann es z.B., wenn auch in sehr seltenen Fällen, zu einer globalen oder partiellen Amnesie kommen, die sich in der Regel aber binnen einiger Tage zurückbildet.

Fazit

Um den Bogen zu den zu Beginn von Teil 1 beschriebenen Vorurteilen zu schlagen, kann man also folgendes Fazit ziehen: Depression ist, wenn man die Diagnose korrekt stellt (!), eine ernst zu nehmende und vergleichsweise häufige Erkrankung, die sich niemand aussucht, für die man sich nicht schämen muss und die gut therapierbar ist. Es lohnt ich also alle Male, eine Behandlung aufzusuchen!

© Dr. Christian Rupp 2020

Depression – Teil 2: Was sind ihre Ursachen?

Dieser Artikel ist die Fortsetzung des ersten Teils, in dem ich beschrieben habe, was eine Depression kennzeichnet, wie man sie richtig diagnostiziert und was es mit dem Begriff „Burnout“ auf sich hat. Nun soll es um die Frage gehen, wie eine Depression eigentlich entsteht.

Ein hilfreicher Ansatz zur Erklärung, wie eine Depression zustande kommt, ist das so genannte Vulnerabilitäts-Stress-Modell. Ganz vereinfacht gesagt geht dieses Modell davon aus, dass es zwei Komponenten gibt: Auf der einen Seite die Vulnerabilität, also die Anfälligkeit einer Person, und auf der anderen den „Stress“, den man sich als Summe aktueller oder über die letzte Zeit angesammelter Belastungen vorstellen kann. Zu solchen „Belastungen“ zählen negative Ereignisse wie eine Trennung, der Tod einer geliebten Person oder der Verlust des Jobs ebenso wie „chronische“ Zustände in Form von Konflikten, Überforderung am Arbeitsplatz oder die Pflege eines Angehörigen. Ob nun eine Depression entsteht oder nicht, hängt davon ab, ob die Summe aus beidem (Vulnerabilität und Stress bzw. Anfällgikeit und Belastung) eine bestimmte Grenze überschreitet. D.h., ein gleichermaßen belastendes Ereignis kann bei Person A eine Depression bewirken, aber bei Person B nicht, weil B ein geringeres Ausmaß an Vulnerabilität hat. Dieses geringe Ausmaß an Vulnerabilität kann sowohl dadurch bedingt sein, dass z. B. Person B in ihrer Biographie bessere, nämlich selbstwertstärkende Erfahrungen gemacht hat oder „bessere“ Gene mit sich bringt, als auch darin, dass sie aus verschiedenen Gründen einfach besser darin ist, Probleme zu bewältigen. Anders ausgedrückt kann es sein, dass B bessere Bewältigungsstrategien hat, die ihr helfen, das Ereignis zu verarbeiten, ohne depressiv zu werden. Dazu zählen auch z.B. der soziale Rückhalt durch Partner, Freunde und Familie – was man dann wiederum als „Ressourcen“ von B bezeichnen würde. Das folgende Schaubild aus einer alten Präsentation, die ich 2013 an der Uni gehalten habe, verdeutlicht diese Denkweise. Es heißt hier „Additives Vulnerabilitäts-Stress-Modell“, weil man hier (was streng genommen nicht ganz korrekt ist, wie wir weiter unten sehen werden) davon ausgeht, dass Vulnerabilität und Stress sich wie die beiden Teile eines Balkens aufaddieren.

Vulnerabilitäts-Stress-Modell

Wir fassen zusammen: Vulnerabilität besteht also aus dem Vorhandensein bestimmter Risikofaktoren und dem Fehlen von Ressourcen. Aber was sind nun diese Risikofaktoren?

Biologische Faktoren

Vererbung?

Die unipolare Depression (also die, um die es in diesem Artikel geht und die nicht im Rahmen einer bipolaren Störung auftritt) ist zu einem gewissen Teil vererbbar, aber dieser so genannte Erbfaktor (auch Heritabilität genannt) ist viel niedriger als z.B. bei Schizophrenie oder auch Bipolaren Störungen. Kinder depressiver Eltern haben ein dreifach erhöhtes Risiko, an Depression zu erkranken (das bedeutet allerdings bereits 30-45%!) Es konnten bestimmte Gene ausgemacht werden, die wahrscheinlich eine Rolle spielen. Allerdings konnte auch gezeigt werden, dass diese oft erst in Verbindung mit bestimmten Umwelteinflüssen (wie Traumata in der Kindheit) im späteren Leben zu Depression führen – man spricht dann von einer „Gen-Umwelt-Interaktion“, und das ist dann nämlich mehr als ein einfaches Sich-Aufaddieren, wie das Modell oben es annimmt.

Serotonin, Cortisol & Stress

Ferner ist ein Zusammenhang von Depression mit einem relativen Mangel an Serotonin (ein Neurotransmitter des Gehirns) naheliegend, jedoch alles andere als eindeutig bewiesen, da die Befunde ziemlich widersprüchlich sind. Zudem ist ein Zusammenhang zwischen Depression und einem erhöhten Cortisolspiegel („Hyperkortisolismus“)  nachgewiesen, woraus sich eine Theorie darüber entwickelt hat, wie dieser Hyperkortisolismus mit Stressfaktoren zusammenhängen könnte (das so genannte Modell der biologischen Narben). Über dieses Modell und die Rolle von Cortisol bei Depression können Sie hier mehr erfahren. In jedem Fall gilt die Erkenntnis als relativ gesichert, dass, wenn unser Körper durch äußere Faktoren unter Dauerstress steht (zu unterscheiden von akutem Stress, der durch ein Ereignis ausgelöst wird, aber schnell wieder vergeht), sich unser Stoffwechsel zum Negativen hin verändert, vermehrt Cortisol ausgeschüttet wird und die Funktionen des autonomen (= vegetativen) Nervensystems gestört werden.

Unser Darm, sein Gehirn & seine Bakterien

Stichwort autonomes Nervensystem: Hier findet sich zudem einer der wichtigen Zusammenhänge mit unserem Darm, der, wie wir inzwischen wissen, auf zweierlei Weise eine sehr wichtige Rolle für unser psychisches Wohlbefinden spielt. Zum einen, weil er, anders als alle anderen Organe, über ein hochkomplexes eigenes Nervensystem verfügt und, z. B. über die Nervenstränge des autonomen Nervensystems (u. a. den Vagusnerv) mit Gehirnarealen verknüpft ist, die, grob gesagt, Stress verarbeiten und unsere Stimmungslage regulieren. Es leuchtet dadurch nicht nur ein, warum wir Dinge wie Stress oder Angst so stark in Form von Verdauungsbeschwerden (wie dem berühmten Angstdurchfall) erleben, sondern es wird auch deutlich, warum chronische Erkrankungen des Darms, wie Morbus Crohn, Colitis ulcerosa oder das lange Zeit nicht ernst genommene Reizdarmsyndrom, oft mit Depressivität einhergehen. Zum anderen spielt es laut aktueller Forschung für unsere Stimmung eine durchaus nicht zu vernachlässigende Rolle, von welchen Bakterien unser Dickdarm besiedelt ist, und es gibt erste, jedoch noch nicht eindeutige Hinweise darauf, dass die Gabe bestimmter förderlicher Bifido- und Milchsäurebakterien unser subjektives Stressempfinden, unsere emotionale Stabilität und unsere Stimmung beeinflussen und Depressivität reduzieren können. Wer hier mehr wissen will, sollte unbedingt bei Giulia Enders in der aktualisierten Ausgabe von „Darm mit Charme“ (11. Ausgabe, 2019) nachlesen- vor allem im letzten Kapitel.

Biographische Erfahrungen

Der für die Psychotherapie relevanteste Bereich ist die Frage, in wie fern unsere biographischen Erfahrungen, vor allem die in der Kindheit und diejenigen mit unseren primären Bezugspersonen (i. d. R. den Eltern) ungünstige Prägungen hinterlassen haben, die dann wiederum unser Verhalten im Erwachsenenalter in einer Weise mitbestimmen, die uns anfälliger für Depressionen macht.

Ein anschauliches und überaus typisches Beispiel hierfür ist, dass eine Person, nennen wir sie Gaby, in einem Elternhaus aufwächst, in dem sie vernachlässigt, abgelehnt, abgewertet und immer wieder zu Unrecht zur Schuldigen gemacht wird. Es kommen also die wichtigen Grundbedürfnisse nach Zuwendung und Anerkennung (i. S. von Ernstgenommen Werden) zu kurz. Diese Erfahrungen prägen Gaby insofern, als sie hierdurch kein stabiles Selbstwertgefühl entwickeln kann (man spricht dann von einem „Minderwertigkeitsschema“) und zudem lernt, sich selbst grundsätzlich als die Schuldige zu sehen (das nennt man dann „Schuldschema“, und es tritt meistens zusammen mit dem Minderwertigkeitsschema auf). Im Verlauf des Lebens entwickelt Gaby dann, durchaus auch am Beispiel von Bezugspersonen (man spricht dann von „Lernen am Modell“), zur Erfüllung der immer noch unerfüllten Bedürfnisse Strategien, die diese Bedürfnisse jedoch nur scheinbar erfüllen. Z. B. wird Gaby dazu tendieren, sich für andere massiv aufzuopfern, alles möglichst perfekt zu machen, viel zu leisten und die eigenen Bedürfnisse stets hinter die der anderen zurückzustellen – in der Partnerschaft, gegenüber den Kindern, im Beruf als Krankenschwester, usw. Mit anderen Worten: Sie wiederholt ungesunde Beziehungsmuster aus der Kindheit und wird sich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit einen Partner suchen, der ähnlich dominant ist wie ihr Vater es auch war.

All die beschriebenen Strategien dienen dazu, irgendwie an Anerkennung zu gelangen und gemocht zu wenden – was Gaby aber kaum bewusst ist. Was passiert? Erstens erliegt Gaby spätestens, wenn Stressfaktoren (s. o.) dazukommen, der Belastung, weil sie es ja immer allen recht machen will und das natürlich irgendwann nicht mehr geht und sie damit überfordert ist. Zweitens merkt sie, dass das mit ihren unerfüllten Bedürfnissen (v. a. nach Zuwendung) und den entwickelten Selbstaufgabe-Strategien ungefähr so ist, wie wenn man Hunger hat und ein Glas Wasser bekommt: Besser als nichts, aber langfristig nicht das, was man sucht. Und das macht auf lange Sicht sehr unzufrieden. Drittens wird das Umfeld, dem Gaby es in zuvorkommender Weise ja immer recht gemacht hat, sich natürlich nach all den Jahren daran gewöhnt haben. Die Extra-Aufopferung bringt also mit der Zeit immer weniger Anerkennung, sondern ist für die faule Kollegin, den meckernden Chef oder die aufmüpfige Tochter vom Prinzessin-Typus längst selbstverständlich geworden, weshalb diese mit der Zeit immer unverschämter und respektloser mit Gaby umgehen. Dies endet oft in Mobbing – übrigens auch deswegen, weil die Personen mit ihrer Selbstaufopferung durchaus bei anderen anecken (man steht als Kollege nicht unbedingt gut da neben so jemandem). Wegen des eigenen Minderwertigkeitsschemas fehlt Gaby aber der Mut, sich zu wehren, weil sie befürchtet, dann abgelehnt bzw. nicht mehr gemocht zu werden. Die Folge: Es wird immer mehr von Gaby erwartet, der Druck und der Gegenwind, wenn sie mal nicht wie gewohnt abliefert, nehmen zu, und Gaby wird immer mehr ausgenutzt. Man stelle sich vor, jetzt kommt noch ein Tropfen Stress von außen dazu, z. B. weil Gabys Mutter zum Pflegefall wird. Ich glaube, es dürfte klar geworden sein, warum Gaby depressiv wird. Und ich hoffe auch, damit ganz gut verdeutlicht zu haben, wie Vulnerabilität und Stress eben nicht ganz unabhängig voneinander sind und streng genommen nicht einfach aufaddiert werden dürfen. In diesem Fallbeispiel wird schön deutlich, dass Gaby die Belastungen wegen ihrer biographischen Prägungen (also wegen ihrer Vulnerabilität) entweder selbst erzeugt (z B., wenn sie bei der Arbeit überfordert ist) oder die Bewältigung durch die Vulnerabilität erschwert wird (z. B., weil sie denkt, sie muss die Pflege der eigenen Mutter alleine übernehmen).

Auch wenn diese Biographie eine wirklich sehr typische und daher beinahe ein Klassiker in meiner Arbeit ist, so ist dieser Weg natürlich nicht der einzig Denkbare. Was auch sehr gut wissenschaftlich bestätigt ist, ist, dass Traumatisierungen in der Kindheit (v. a. körperlicher und sexueller Missbrauch) und eine Missachtung der Gefühle und Bedürfnisse des Kindes (man spricht hier von „Invalidierung“) ziemlich sicher die Vulnerabilität für Depression erhöhen.

In Teil 3 werde ich schließlich auf die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten eingehen, die uns bei der Depression zur Verfügung stehen.

© Dr. Christian Rupp 2020

Artikel zum Thema „Ghosting“ im Mannschaft Magazin

In der 101. Ausgabe des Mannschaft Magazins ist nun der von Martin Busse verfasste und von Sascha Düvel illustrierte Artikel zum Thema „Ghosting“ erschienen, zu dem ich vor einigen Monaten ein Interview aus psychotherapeutischer Sicht gegeben habe. Den gesamten Artikel von Martin Busse finden Sie hier, meinen Blogbeitrag zu dem damaligen Interview können Sie hier nachlesen.

Über das neue Praxis-Logo

Den ersten Tag meines Urlaubs habe ich als Anlass dafür genommen, das schon vor einigen Wochen entwickelte neue Praxis-Logo zu veröffentlichen, worüber ich mich sehr freue.

Das neue Logo bringt nicht nur Farbe ins Spiel, es hat auch direkt mehrere gut durchdachte Bedeutungsebenen, die letztlich alle etwas mit meiner Arbeit als Psychotherapeut, dem Design meiner Praxis – und damit zu tun haben, wie ich in den letzten 19 Monaten Schleswig-Holstein kennen und lieben gelernt habe.

Wer das neue Logo lieber selbst deuten möchte, sollte nun besser nicht weiterlesen, denn nun kommt das, was ich mir dabei gedacht habe…

  1. (Sonnen-)Gelb und (Petrol-)Blau sind nicht umsonst die leitenden Farben in der gesamten Praxis, denn sie sind 1) meine Lieblingsfarben, 2) die Farben der Wappen des Kreises Schleswig-Flensburg und des Amts Kropp-Stapelholm und stehen 3) symbolisch für Sonne und Meer – was mich vor knapp zwei Jahren nach Schleswig-Holstein gebracht hat.
  2. Das Logo zeigt zwei Eichenblätter. Eichen stehen für Stabilität, ihr Holz ist langlebig und robust. Als mein Lieblingsbaum und als Symbol für das, worum es in einer Psychotherapie fast immer geht (nämlich Stabilität) hat die Eiche nicht nur in Form von Möbeln Eingang in die Praxis gefunden, sondern auch in das neue Praxislogo. Und dann wäre da noch die Verbindung zu den Eichenblättern: Sie zieren nämlich auch das Wappen von Groß Rheide, meinem neuen Praxisstandort ab November 2020.
  3. Der Raum zwischen den Eichenblättern zeigt in stark verfremdeter Form die Silhouette Schleswig-Holsteins, eingerahmt von Nord- und Ostsee. Dies war mir nicht nur wichtig, weil ich das Bundesland zwischen den Meeren und seine Menschen so sehr in mein Herz geschlossen habe, sondern auch, weil die Praxis so ziemlich genau in der Mitte zwischen Nord- und Ostsee liegt.
  4. Die Form des Logos sollte bewusst ein Kreis sein, denn Kreise symbolisieren gleichzeitig Ganzheit und Dynamik – worin sich wiederum die Ziele und der Prozess einer Psychotherapie widerspiegeln.
  5. Wen das Logo an Yin & Yang erinnert, liegt auch nicht völlig falsch, denn Blau und Gelb sind Komplementärfarben und ergänzen sich ebenso, wie mitunter scheinbare Widersprüche innerhalb einer Person zusammenfinden und zu etwas Neuem (etwas Ganzem) werden.

Der Rest der Interpretation obliegt jedem persönlich – was war Ihre spontane Assoziation?