Homöopathie & Co.: Von Placebo, Nocebo und einem paradoxen Dilemma

Vorab: Was ist eigentlich Homöopathie?

Diese Frage ist deshalb ganz zentral, weil im Volksmund häufig eine ganz bestimmte Verwechslung vorgenommen wird: nämlich die von homöopathischen und pflanzlichen Mitteln. Denn diese beiden Kategorien sind keineswegs dasselbe! Weder sind alle pflanzlichen Mittel homöopathisch, noch sind alle homöopathischen Mittel pflanzlich. Ein Beispiel für ein nicht-homöopathisches, aber pflanzliches Mittel ist z.B. Johanniskraut, dessen Wirksamkeit in Bezug auf Depressionen als gut belegt gilt, wenngleich der Effekt nicht so groß ist wie der klassischer Antidepressiva. Zudem ist Johanniskraut ein sehr gutes Beispiel dafür, dass auch pflanzliche Medikamente erhebliche Nebenwirkungen haben können – aber das nur nebenbei. Derweil enthalten homöopathische Mittel oft keinerlei pflanzliche Substanzen, sondern anorganische chemische Stoffe, wie z.B. Quecksilber.

Aber was ist nun der Unterschied? Im Wesentlichen liegt dieser in der Wirkstoffkonzentration. Überspitzt gesagt ist es nämlich so, dass pflanzliche Medikamente Wirkstoffe enthalten, homöopathische hingegen nicht. Warum das so ist? Das liegt in der Herstellung und den meiner Meinung nach als esoterisch zu bezeichnenden Annahmen bezüglich der Wirkung. Denn homöopathische Mittel beruhen auf dem Prinzip der extremen Verdünnung, die ein Verhältnis von bis zu 1 : 50000 annehmen kann (wobei der Wirkstoff entweder in Wasser oder Alkohol gelöst wird). Das Ergebnis dessen ist, dass in einem 50ml-Fläschchen rein rechnerisch oft kein einziges Wirkstoffmolekül mehr enthalten ist. Nun kann man sich zurecht fragen, wie dann noch eine Wirkung eintreten soll. Die Antwort der Homöopathen lautet in etwa so: Dadurch dass die Lösung zusätzlich auf eine ganz bestimmte Weise geschüttelt wird („Dilutation“), überträgt sich die Wirkung auf die Wasser- oder Alkoholmoleküle. Ferner sei es so, dass sich die Wirkung durch die Verdünnung nicht verringere, sondern gar vergrößere („Potenzierung“). Wie genau das geschehen soll, lassen sie derweil offen. Die wissenschaftliche Forschung hat derweil ein paar andere Antworten parat.

Homöopathie trifft auf wissenschaftliche Realität

Der durch zahlreiche Studien belegte wissenschaftliche Konsens bezüglich homöopathischer Medikamente ist der, dass sie zwar wirksam sind, aber eben nicht wirksamer als eine Zuckerpille, die das häufigste Beispiel für eine so genannte Placebo-Behandlung darstellt. Dieser Befund gilt für alle Formen von Erkrankungen, die bisher in solchen Studien betrachtet wurden. Untersucht werden Fragestellungen der Wirksamkeit von Medikamenten in der Regel in randomisierten kontrollierten Studien, in denen verschiedene Behandlungsgruppen miteinander verglichen werden, die jeweils mit nur einem Präparat über eine gewisse Zeit behandelt werden. So könnte man sich z.B. eine Studie vorstellen, in der vier Bedingungen miteinander verglichen werden: ein Medikament mit klassischem Wirkstoff, ein homöopathisches Mittel, eine Zuckerpille (Placebo) – und eine Gruppe von Patienten, die gar keine Behandlung erfährt. Das Ergebnis in einer solchen Studie sieht typischerweise so aus (Beispiel: Reduktion von Schmerzen bei Arthritis): Das klassische Medikament führt zu einer deutlichen Abnahme der Schmerzen, die Patienten ohne Behandlung verändern sich kaum hinsichtlich ihres Schmerzniveaus. Die Schmerzen in der homöopathisch behandelten Gruppen lassen auch signifikant nach (d.h. die Reduktion kann nicht auf einen Zufall zurückgeführt werden) – aber, und das ist das Wichtige: Die Schmerzen in der Placebo-Gruppe reduzieren sich ebenfalls signifikant um einen ähnlichen Betrag. Wie kann das sein?

Von Placebo- und Nocebo-Effekten

Die Antwort lautet „Placeboeffekt“. Abgeleitet von dem lateinischen Verb „placere“ (= „gefallen“) beschreibt dieser in der Psychologie sehr gut erforschte Effekt das Phänomen, das bloße Wirkungserwartungen schon Berge versetzen können. So weiß man sowohl aus der Forschung zur Wirksamkeit von Medikamenten als auch von Psychotherapie, dass am Ende eine stärkere Wirkung resultiert, wenn der Patient auch eine Verbesserung erwartet. Oder mit anderen Worten: an eine Besserung glaubt. Hierzu müssen diese Wirkungserwartungen allerdings in ausreichendem Maße ausgelöst werden (z.B. indem der Patient eine nach echter Tablette aussehende Pille schluckt), aber das genügt dann auch schon. Da man sich dieses Effekts bewusst ist, ist das, was Heilmethoden liefern müssen, um zugelassen zu werden, der Nachweis einer Wirkung, die über eben diesen Placeboeffekt hinausgeht. Und genau dieser fehlt bei homöopathischen Mitteln leider – sie zeigen keine größere Wirkung als eine Zuckerpille, von der Patienten denken, es sei eine „echte“ Pille.

Es gibt allerdings auch den bösen Zwillingsbruder des Placeboeffekts – genannt Nocebo-Effekt. Er beschreibt das Phänomen, dass negative Wirkungserwartungen auch einen negativen Effekt auf die tatsächliche Wirkung haben. Konkret bedeutet das: Sagt man Patienten, die eine echte Pille einnehmen, es handle sich hierbei um eine Zuckerpille ohne Wirkstoff, dann lässt sich tatsächlich eine geringere objektive Wirkung nachweisen als bei Patienten, die eine echte Pille einnehmen und dies auch wissen. Was man hieran also erkennt, ist: Jede Form von Therapie, sei es ein Medikament, ein wissenschaftlich fundiertes psychotherapeutisches Verfahren – oder aber homöopathische Globuli, Reiki und Akupunktur – sind von solchen Erwartungseffekten betroffen. Bedeutet das also, dass es eigentlich egal ist, welche Behandlungsform wir wählen, Hauptsache der Patient glaubt an ihre Wirkung?

Das paradoxe Dilemma

Zunächst einmal: Nein. Denn der zentrale Unterschied liegt nun einmal darin, dass sich wissenschaftlich fundierte Behandlungsmethoden, wie oben beschrieben, eben genau dadurch auszeichnen, dass sie wirksamer sind als eine entsprechende Placebo-Behandlung. Dennoch ist es natürlich, wie bereits dargelegt, unverkennbar, dass die Erwartung des Patienten an die Wirksamkeit und die Wirkweise einer Behandlung großen Einfluss auf seine Genesung oder Nicht-Genesung haben kann. Die bedeutsame Rolle dessen, dass derartige Erwartungen durch eine glaubwürdige „Coverstory“ aber überhaupt erst erzeugt werden müssen, wird an dem Dilemma deutlich, dass ein Placebo zwar ohne Wirkstoff (bzw. als wirksam erachtete Elemente) wirkt – aber eben auch mehr als nichts ist (und somit klar von dem Effekt abzugrenzen ist, dass mit der Zeit „von selbst“ eine Besserung eintritt). Daher macht es z.B. im Kontext einer Psychotherapie Sinn, dem Patienten ein Störungs- sowie ein Veränderungsmodell zu vermitteln, welches er nachvollziehen und mit dem er sich zudem identifizieren kann – in anderen Worten: ein Modell, an das er glauben kann – um sich den Placeboeffekt zunutze zu machen.

Erwartungseffekte in der Psychotherapie

Zumindest in Bezug auf die Wirkung von Psychotherapie lässt sich der Befund, dass Wirkungserwartungen und die Passung zwischen dem subjektiven Patientenmodell und dem Veränderungsmodell der Therapie den Therapieerfolg maßgeblich bestimmen, durchaus mit dem aktuellen Forschungsstand der Psychotherapieforschung vereinbaren. Letzterer nämlich lässt sich am ehesten dadurch zusammenfassen, dass die Wirksamkeitsunterschiede zwischen den verschiedenen Therapieformen bestenfalls gering ausfallen (siehe auch mein Artikel zum Dodo-Bird-Verdict). Allerdings haftet dieser Forschung meiner Meinung eine reduzierte Aussagekraft an, da ihre externe Validität sowohl im Hinblick auf die Repräsentativität der Patienten (Patienten in klinischen Studien sind eher untypisch für die große Masse der Patienten in der Bevölkerung) als auch bezüglich der schulenspezifischen Reinheit der Therapie (die dem in der Praxis üblichen eklektischen Mix sehr fern ist) stark hinterfragt werden muss. Zudem ist die viel interessantere Frage, der sich die klinisch-psychologische Forschung zum Glück inzwischen vermehrt widmet, die nach den Prozessen bzw. Mediatoren, über die Psychotherapie wirkt. Ein sehr heißer Kandidat hierfür ist z.B. schulenübergreifend die therapeutische Beziehung, auch working alliance genannt. Zwar wurden in diesem Sinne bereits (z.B. von Klaus Grawe, der leider verstorben ist) integrative Ansätze zu Wirkmechanismen von Psychotherapie vorgeschlagen, jedoch herrschen in den Köpfen der meisten Forscher und Praktiker noch immer kategoriale Denkweisen vor.

Hierbei handelt es sich allerdings um ein mir weitgehend unverständliches Phänomen, da die Quintessenz, die ich aus meinem Studium in klinischer Psychologie mitnehme, die ist, dass im Grunde, wenn man einmal die Dinge zu Ende denkt, alle psychotherapeutischen Verfahren weitgehend dasselbe beinhalten und lediglich unterschiedliche Begriffe verwenden oder Perspektiven einnehmen. Und ich könnte mir in der Tat sehr gut vorstellen, dass es letztlich hauptsächlich darauf ankommt, ob der Patient diese Begriffe und Perspektiven für sich annehmen kann – sodass etwaige Wirksamkeitsunterschiede zwischen verschiedenen Therapieverfahren am Ende vielleicht genau darauf zurückzuführen sein könnten. Ich weiß nicht, ob Erwartungseffekte in der Psychotherapie bereits dahingehend untersucht wurden, ob eine generelle Wirkungserwartung bzw. ein allgemeiner Glaube an Psychotherapie eine notwendige Bedingung für Veränderung darstellen; so ließe sich in der Tat eventuell Licht ins Dunkel der Frage bringen, ob etwaige weitere Wirkmechanismen der Therapie im Sinne eines Interaktionseffekts erst dann wirksam werden, wenn diese notwendige Bedingung erfüllt ist.

Egal warum – Hauptsache, es wirkt?

Doch rechtfertigt dies die (oft in Bezug auf Homöopathie gehörte) Aussage: „Egal warum es wirkt – Hauptsache, es wirkt“? In Bezug auf psychotherapeutische Verfahren und Medikamente, deren Überlegenheit gegenüber einem Placebo belegt wurde, würde ich ganz klar sagen: Ja – aber mit dem Zusatz, dass es aber durchaus wünschenswert wäre, den Wirkmechanismus genauer zu kennen. Hinsichtlich Medikamenten und Therapien, für die diese Überlegenheit nicht gilt (z.B. Homöopathie), würde ich hingegen sagen: Bevor man hierfür Geld ausgibt, sollte man lieber die günstigere Zuckerpille schlucken – wenngleich die schwierige Crux natürlich gerade darin besteht, bei einer solchen Zuckerpille die notwendigen Wirkungserwartungen auszulösen. Dennoch wäre meine persönliche Empfehlung, dass man bei Zugrundelegung der Nicht-Überlegenheit homöopathischer Mittel gegenüber einem Placebo, deren fragwürdiger Herstellungsweise – und dem oft exorbitant hohen Preis – eher die Finger davon lassen sollte. Ein Ratschlag, den ich auch einigen deutschen Krankenkassen geben würde, von denen, wie ich vor Kurzem voller Entsetzen feststellen musste, eine große Zahl die Kosten für homöopathische Mittel übernimmt, während bei anderen Behandlungsformen, deren Wirksamkeit weitaus besser belegt ist, gerne gegeizt wird. Geht es djedoch nicht um die Frage des Geldes (angenommen, der Referenzwert ist der Preis einer Zuckerpille), sehe ich derweil keinerlei Nachteil darin, den Placeboeffekt voll auszunutzen. Nur leider ist es in der Regel so, dass am anderen Ende des Verkaufstisches, der Massageliege oder des Akupunkturnadelkissens meist kein altruistischer Kommunist steht, sondern in der Regel eine Person, die Geld verdienen möchte.

© Christian Rupp 2014

Couch & Klemmbrett: Wie Film & Fernsehen die Psychologie zu einem Heilberuf mach(t)en

Anders als bei den drei zurückliegenden Einträgen bilden die Grundlage von diesem mehrere Diskussionsrunden, an denen ich im Rahmen einer mit dem schrecklichen Namen „World Café“ titulierten Lehrveranstaltung teilgenommen habe. Es ging weder um die Welt, noch gab es Kaffee, aber trotzdem kamen wir gut ins Gespräch, und es war interessant, Erfahrungen und Sichtweisen auszutauschen. Die erste dieser Diskussionsrunden beschäftigte sich mit der Frage, wie man als Psychologe auf Vorurteile bzgl. dieses Berufsbilds reagiert und welches öffentliche Bild der Psychologie wir uns wünschen bzw. erzeugen möchten. Neben den Punkten, auf die ich in vorherigen Einträgen bereits eingegangen bin (Aufklärung in der Schule über Psychologie als Naturwissenschaft) gab es hierbei einige weitere, meiner Meinung nach interessante Denkanstöße. Zum einen haben wir uns – mit Bezug auf den sehr häufigen Kommentar: „Oh, du studierst Psychologie, dann muss ich ja jetzt aufpassen, was ich sage“ – längere Zeit darüber unterhalten, ob dieses „Analysieren-Couch-Image“ und die damit verbundene Angst der Menschen, von ihrem Gegenüber „durchschaut“ zu werden, eventuell typisch für Deutschland sind, da hier (anders z.B. als in den USA, wo immer schon Lerntheorien dominierten) der Einfluss der Psychoanalyse sensu Freud überproportional groß war.

Direkt damit einher geht natürlich das Missverständnis, das sich in der Gleichsetzung von Psychologie und klinischer Psychologie wiederfindet und somit gleichermaßen die Verwechslung dieser Wissenschaft mit einem Heilberuf erklärt. Im Zuge dessen erschien uns aber hinsichtlich der Ursache des verzerrten öffentlichen Bildes vor allem die Rolle von Film, Fernsehen und Nachrichtenmedien als zentral. Zum einen, da Psychologen in Filmen und Fernsehserien typischerweise mit immer wiederkehrenden äußerlichen (Brille, Klemmbrett, obligatorisches Couch-Mobiliar), charakterlichen (weitgehende Skurrilität bis hin zum selbst stark ausgeprägten Neurotizismus) und Verhaltensmerkmalen (analytischer Blick, analytische Interpretationen, Rolle des Ratgebers, dem man seine Probleme schildert) ausgestattet werden. An dieser Stelle sei übrigens angemerkt, dass in der Regel hierbei keine Unterscheidung vorgenommen wird zwischen Psychologen, Psychiatern und Psychotherapeuten, was der beschriebenen Verzerrung noch überdies zuträglich ist. In Nachrichtenformaten hingegen findet sich ein anderes Phänomen: Wann immer (mehr oder weniger seriös und angemessen) von (an den jeweiligen Themen deutlich als solchen erkennbaren) psychologischen Forschungsergebnissen berichtet wird, wird grundsätzlich unterschlagen, dass es wissenschaftlich tätige Psychologen waren, die diese Studie durchgeführt haben. Stattdessen, so fast immer der Wortlaut, heißt es: „Forscher der Universität XY haben herausgefunden, dass…“ (wenn nicht sogar noch das Wort „bewiesen“ anstelle von „herausgefunden“ Verwendung findet). Woher sollen Laien also wissen, dass diese Wissenschaftler Psychologen sind und dass Psychologen nicht nur analytisch ausgerichtete Psychotherapeuten sind? Man kann ihnen im Grunde keinerlei Vorwurf machen.

In Bezug auf die Frage, wie man bei Konfrontation mit diesen enorm hartnäckigen Fehlvorstellungen reagieren kann/sollte/möchte, reichte die Spannbreite der diskutierten Möglichkeiten von der geduldigen, gebetsmühlenartigen Erläuterung der Unangemessenheit dieser Vorstellungen über die (je nach Sympathie zum Gegenüber) Nutzung der beschriebenen Angst vor dem Analysiertwerden – bis hin zum einfachen Umdrehen und Gehen. Ich selbst muss sagen, dass ich es mittlerweile mehr als leid bin, meinen Freunden und Verwandten (nicht meinen engeren Familienangehörigen, die durch meine ältere Schwester und mich bereits genügend „Psychoedukation“ erfahren haben) immer und immer wieder zu erklären, dass mein Studium nicht das Erlernen von Gedankenlesen beinhaltet und sich in unserem Institutsgebäude kaum eine einzige Couch befindet. Noch mehr stören mich aber tatsächlich zwei weitere Dinge, und zwar zu allererst die Tendenz eben solcher Mitmenschen, mein gesamtes Verhalten (von der Art der Fragen bis hin zur Sitzhaltung auf einem handelsüblichen Stuhl) im Lichte meines (angestrebten) Berufes zu deuten – oder sollte ich lieber sagen: im Lichte des Berufsbilds, das auf mich projiziert bzw. mir unterstellt wird?

Der zweite Aspekt ist derweil noch direkter mit jenen verzerrten Vorstellungen verbunden und schließt im Grunde nahtlos an die Gleichsetzung von Psychologie und klinischer Psychologie an. Was ich hiermit meine, ist die radikale Unterschätzung der Vielfalt dieses Fachs und die damit verbundene Nicht-Zuschreibung von Kompetenzen und Wissen, die Psychologen in Wirklichkeit aber gerade auszeichnen und sie von anderen Disziplinen wie z.B. der Pädagogik, aber auch der Medizin, abgrenzen. Oft habe ich bei mir persönlich sogar den Eindruck, dass mich diese Nicht-Zuschreibung noch mehr stört als die geschilderten (falschen) Zuschreibungen. Die Bereiche, auf die ich mich hier explizit beziehe, umfassen einerseits methodische Kenntnisse (insbesondere statistisch-mathematischer Art und solche bzgl. des Designs von Untersuchungen im Allgemeinen) und zum anderen eine Reihe von Wissensbereichen, die genuine Domänen der Psychologie darstellen, z.B. das Thema Intelligenz. Am Beispiel der Intelligenzforschung wird ganz besonders anschaulich, wie groß die Diskrepanz zwischen dem Experten- und dem Laienbild der Psychologie tatsächlich ist – ist es doch so, dass die Intelligenzforschung von Expertenseite als eines der größten Flaggschiffe der Psychologie angesehen wird, während der durchschnittliche Laie einen Intelligenztest (aber auch allgemein das Thema Testkonstruktion) in der Regel nicht mit der Psychologie in Verbindung bringen würde. Ähnliches gilt für den großen Bereich der Neurowissenschaften bzw. der Biologischen/Allgemeinen Psychologie, der, obgleich er ein interdisziplinäres Forschungsfeld darstellt, einen bedeutenden Teil des Psychologiestudiums ausmacht, was kaum ein Laie für gewöhnlich bedenkt.

Doch, wie im vorherigen Eintrag bereits im Fazit formuliert: Da sich die Situation mittelfristig eher wenig ändern wird, sind Gelassenheit und vielleicht auch ein Stück Gleichgültigkeit gefragt. Bis dahin werde zumindest ich, sollte mir nicht irgendwann doch der Geduldsfaden reißen, weiter versuchen, meine Freunde sowie (über diesen eigens zu diesem Zweck eingerichteten Blog) die Öffentlichkeit zumindest ein Stück weit darüber aufzuklären, was Psychologie ist – und was nicht.

© Christian Rupp 2014

 

Über die Frustration im Psychologiestudium – und wie sie sich verhindern ließe

Welche Auffassungen von und Einstellungen zur Psychologie als Natur-, Geistes- oder Sozialwissenschaft findet man bei Schüler_innen der Oberstufe? Und in wieweit hängen diese korrekten oder inkorrekten Auffassungen mit dem Wunsch zusammen, nach dem Abitur tatsächlich Psychologie zu studieren? Hierzu möchte ich auf zwei Studien der Erstautorin Dr. Sabine Fischer eingehen, die sich erstens mit den bei Schüler_innen vorliegenden konzeptuellen Vorstellungen bezüglich der Psychologie und zweitens mit Prädiktoren des Wunsches, Psychologie zu studieren, beschäftigten. Die vorgestellten Ergebnisse zur ersten Studie deuteten zum einen darauf hin, dass die befragten Schüler eine weniger naturwissenschaftliche, dafür aber stärker qualitativ-sozialwissenschaftliche Auffassung der Psychologie aufwiesen (im Vergleich zu befragten Experten). Zum anderen schätzten jene Schüler_innen psychologisches Forschungswissen als eher weniger relevant für die Berufspraxis ein. Die zweite Studie ergab derweil, dass das Wissen über den empirisch-experimentellen Charakter der akademischen Psychologie bei Schüler_innen mit starkem gesellschaftswissenschaftlichen Interesse den Wunsch, Psychologie zu studieren, abschwächte – und dass naturwissenschaftliches Interesse sich hingegen nicht auf den Studienwunsch „Psychologie“ auswirkte.

Ich finde diese Ergebnisse zugleich interessant und enorm wenig überraschend. Schließlich ist es auch in meinem Fall noch nicht so viele Jahre her, dass ich den Entschluss fasste, ein Psychologiestudium zu beginnen, sodass ich mich noch gut in die Lage der befragten Oberstufenschüler_innen hineinversetzen kann. Das verzerrte Image der Psychologie macht eben auch vor den Schulen keinen Halt. Woher sollen Oberstufenschüler_innen wissen, dass die akademische Psychologie (um sie einmal von der Alltagspsychologie zu unterscheiden) eine Naturwissenschaft ist, wenn Ihnen im Pädagogik-Leistungskurs Sigmund Freud als Lichtgestalt der Psychologie vorgestellt wird und der Großteil der unterrichtenden Lehrer selbst weder über ein adäquates Konzept der Psychologie noch über eine wissenschaftliche Ausbildung verfügt? Ich erachte dies als ein grundsätzliches Problem in der deutschen Schullandschaft, auf das ich aber an dieser Stelle nicht weiter eingehen möchte, da ich dies bereits in den vorigen zwei Einträgen getan habe.

Die Ergebnisse geben meiner Meinung jedoch noch weitere wichtige Impulse. Der Befund, dass das Wissen um die „wahre Gestalt“ der Psychologie bei geisteswissenschaftlich interessierten Befragten den Studienwunsch schmälerte, ist der Schlüssel zu der Frage, wie man die allgegenwärtige Frustration im ersten Semester des Psychologiestudiums vermeiden könnte. Da ich das große Glück hatte, eine zum damaligen Zeitpunkt schon „fertige“ Psychologin als große Schwester zu haben, hatte ich das Privileg, mit realistischen Erwartungen ins Studium zu starten. Gut, dass es aufgrund des Leistungsdrucks und des extremen Lernaufwands die für mich persönlich schlimmsten fünf Jahre meines Lebens werden würden, habe ich zu Beginn nicht geahnt – dass mich zu Beginn viel Mathematik und Neurophysiologie erwarten würde, wusste ich hierdurch aber immerhin. Ganz im Gegensatz zu den meisten meiner Kommiliton_innen, denen die blanke Enttäuschung nur so ins Gesicht geschrieben stand. So äußerte im zweiten Semester beispielsweise eine Kommilitonin mir gegenüber ihre ausufernde Enttäuschung darüber, dass sie in der Vorlesung zur Allgemeinen Psychologie nichts über Traumdeutung nach Freud erfahren hatte. Dies alles ließe sich vermeiden, wenn man angehende Studierende früh genug so weit informieren würde, dass sie vor Beginn des Studiums wissen, worauf sie sich einlassen (eine Art „informed consent“ also). So könnte man einerseits geisteswissenschaftlich Interessierte eine Enttäuschung und viel unnötige Frustration ersparen und andererseits naturwissenschaftlich Interessierte für die Psychologie begeistern, die andernfalls vielleicht in die Biologie oder die Physik abwandern würden. Allerdings sollte man hierbei auch den (relativ einzigartigen) Umstand positiv hervorheben, dass man als Psychologe sowohl Wissenschaftler als auch Praktiker sein kann (scientist-practioner-Modell). Letzteren Aspekt kann und darf man einfach nicht unter den Tisch kehren, wenn man bedenkt, dass die allermeisten Psychologen nach dem Studium eben – auch wenn sie sicherlich im Beruf von ihrer wissenschaftlichen Ausbildung profitieren – tatsächlich nicht als Wissenschaftler arbeiten, sondern klassischerweise therapeutischen oder beratenden Tätigkeiten nachgehen, weshalb ich hier auch festhalten möchte, dass das verzerrte Image (Psychologe = jemand, dem man seine Probleme erzählt) durchaus nicht völlig aus der Luft gegriffen ist.

Neben solchen schulischen Informationsangeboten (die dringend notwendig sind, da die Psychologie im Schulunterricht in der Regel nicht oder falsch repräsentiert ist) ist es meiner Ansicht nach aber auch Aufgabe der Hochschullehrer und Dozenten – die über all diese Fehlkonzepte schließlich Bescheid wissen – etwas sensibler auf diese zu reagieren. Darunter verstehe ich vor allem, diese Diskrepanzen offen anzusprechen und die Studierenden da abzuholen, wo sie stehen, und sie nicht direkt zu Beginn mit Begriffen, Theorien und Denkweisen zu überschütten, zu denen sie keinerlei Bezug haben und auch nicht haben können. Und letztlich muss es vielleicht ja auch nicht das Ziel sein, geisteswissenschaftlich Interessierte „abzuschrecken“: Warum nicht ein bisschen Energie darauf verwenden, solche Schüler_innen für die Psychologie zu begeistern, indem man ihnen zeigt, was sie alles kann? Denn zu bieten hat sie wahrlich genug.

Ich möchte nun noch kurz eine andere Perspektive beleuchten, und zwar die der Relevanz dieser Vorstellungen über die Psychologie in der beruflichen Praxis. Ich denke nämlich, dass die oben beschriebenen Fehlkonzepte (Psychologe = jemand, der einem zuhört und einen analysiert, etc.) für Psychologen in fast allen beruflichen Bereichen von größter Relevanz sind, da sowohl Klienten, Patienten, Kunden & Co. einen mit von der Realität abweichenden Erwartungen konfrontieren, als auch Kollegen anderer Berufsgruppen (Ärzte, Betriebswirte, Juristen…) oft fehlerhafte Erwartungen an einen hegen. Zentral sind hierbei sicherlich vor allem die Reduktion des Psychologenberufs auf einen Heilberuf und die mangelhafte Kenntnis über die wissenschaftlichen Kenntnisse von Psychologen, worauf sehr wahrscheinlich auch die teilweise geringe Anerkennung oder das Belächeln dieses Berufs zurückzuführen sind. Hierbei handelt es sich zweifelsohne um einen Umstand, der Änderungsbedarf birgt. Da man aber leider in absehbarer Zeit keine für alle psychologischen Laien verpflichtende Grundausbildung in Psychologie wird durchsetzen können, ist man, denke ich, als Psychologe gut bedient, wenn man mit der Zeit eine gewisse Gelassenheit entwickelt, die es einem erlaubt, zumindest jede zweite Couch-Anspielung im Sinne der Achtsamkeit wahrzunehmen, nicht zu bewerten und einfach wie die Wolken am Himmel vorbei ziehen zu lassen.

Sendung mit der Maus & Co.: Was ist und tut Wissenschaft wirklich?

In diesem und in den folgenden Artikeln werde ich auf verschiedene Themen eingehen, mit denen ich mich im Rahmen einer Vorlesung zum Thema „Wissenschaft & Öffentlichkeit“ beschäftigt habe, die ich in meinem – sich nun dem Ende zuneigenden – letzten Studiensemester besucht habe. Es ist daher das erste Mal, dass ich Texte, die auch Teil meiner Studienleistung waren (einem so genannten „Lerntagebuch“) quasi für dieses Blog recycle. Aber da die Vorlesung sich thematisch einfach genau mit den Themen beschäftigte, um die sich auch psycholography dreht, drängte sich diese Option förmlich auf.

In diesem ersten Eintrag soll es darum gehen, was unter dem Begriff der Wissenschaftskommunikation zu verstehen ist und in welchen Fällen es sich im Grunde nicht um Wissenschaftskommunikation per se, sondern vielmehr lediglich um eine Art der Reflexion über die Natur als solches handelt. Als Beispiel für letzteres können z.B. kindgerechte Fernsehformate wie die „Sendung mit der Maus“ und „Wissen macht Ah“ gelten, ebenso wie sich an Erwachsene richtende Formate wie „Quarks & Co.“ oder die Zeitschrift „Geo Wissen“. Was ich an dieser Unterscheidung zwischen „Kommunikation über Wissenschaft“ und „Kommunikation über die Natur“ für so wichtig erachte, ist die Tatsache, dass hiermit unmittelbar die Frage nach dem Bild der Wissenschaft in der Öffentlichkeit bzw. nach der Laien-Definition von „Wissenschaft“ verbunden ist.

Um zu verstehen, warum diese Unterscheidung keineswegs belanglos ist, sollte man sich vor Augen führen, welches Bild die meisten populärwissenschaftlichen Fernseh- und Zeitschriftenformate von der Wissenschaft zeichnen: nämlich das einer Fabrik fertigen Wissens. „Wissenschaftlich belegt“, „wissenschaftlich überprüft“ oder gar „wissenschaftlich bewiesen“ gelten als Aushängeschilder in den Medien ebenso wie in der Produktvermarktung und stellen in den Köpfen der meisten Laien das höchste Qualitätssiegel dar. Im Grunde kann man sich als Wissenschaftler natürlich über ein derartiges Kompliment freuen – werden einem so doch die Rolle der verlässlichsten Quelle von Wissen und nahezu grenzenlose Kompetenz zugeschrieben. Und in einem Punkt trifft diese (implizite) Definition ja auch durchaus zu: In der Tat kann man mit Recht behaupten, dass die empirischen Wissenschaften wohl mit Abstand die verlässlichsten Quellen von Wissen in unserer Welt darstellen – vergleicht man sie z.B. mit esoterischen Lehren oder den verschiedenen Religionen, bei denen das vermeintliche „Wissen“ immer ideologisch determiniert und somit nie objektiv ist. Aber – und das ist der springende Punkt: Auch die Wissenschaft liefert keine fertigen und unumstößlichen Aussagen über die Welt, sie ist keine Produzentin ultimativer Wahrheiten. Noch kann sie (zumindest der Wissenschaftstheorie Carl Poppers folgend) jemals irgendetwas beweisen – ein Punkt, der wohl einen der größten Irrtümer im öffentlichen Bild der Wissenschaft darstellt und dem gleichzeitig das größte Frustrationspotenzial zu Beginn eines naturwissenschaftlichen Studiums innewohnt.

Doch wie erklärt sich eben dieses Frustrationspotenzial? Wenn ich an meinen nun schon viereinhalb Jahre zurückliegenden Studienbeginn zurückdenke, erinnere ich mich gut an eben dieses Gefühl der Frustration und die omnipräsente Frage: „Wozu das ganze?“. In der Tat ist dieses Gefühl der enttäuschten Erwartung und der Verwirrung noch sehr gegenwärtig, wenn ich an die Lektüre von Zeitschriftenartikeln und Lehrbüchern in den ersten Semestern meines Bachelorstudiums zurückdenke. Darüber lesen, was Wissenschaftler X in Studie Y herausgefunden hat, wonach dann aber Forscher A in Studie B das Gegenteil zeigte, sodass die einzige Quintessenz lautet: „Es könnte so sein, es könnte aber auch anders sein – man weiß es nicht“.

In der Schule aber wurde einem durch Lehrer und Schulbücher nun einmal leider vorgegaukelt, dass Wissen über die Natur sich lediglich aufkumuliert, sich aber nicht verändert oder gar widerspricht – eine, wie ich finde, grandiose Veranschaulichung des Unterschieds zwischen „Kommunikation über die Welt“ und „Kommunikation über Wissenschaft“. Eine gelungene Wissenschaftskommunikation besteht meiner Ansicht nach nämlich gerade darin, der Öffentlichkeit – in der Schule beginnend – zu vermitteln, dass Wissenschaft nicht zaubern kann und sich vielmehr als dynamischer Prozess der Wissensgenerierung und Wissensveränderung beschreiben lässt – und dass vermeintlich etabliertes, „festes“ Wissen auch in der Regel nur einen momentan geltenden Konsens unter Wissenschaftlern darstellt. Ein Konsens, der sicherlich fundiert ist, aber keineswegs unantastbar.

Eine weitere Folge des schulischen Lehrplans ist zudem das unvollständige Bild naturwissenschaftlicher Disziplinen, das dadurch vermittelt wird, dass man als Schüler in seiner Laufbahn maximal mit der Mathematik, der Physik, der Chemie, der Biologie – und eventuell noch mit der Informatik konfrontiert wird. Und sollte man mit der Psychologie in Kontakt kommen, dann in der Regel meist doch nicht wirklich, da sich diese leider i.d.R. auf die Freud’schen Lehren beschränkt, die einem im Pädagogik-Leistungskurs präsentiert werden – traurigerweise meistens, ohne die dringend notwendige Kritik an diesen Theorien zu beleuchten. Diese Form von „Bias“ führt unweigerlich zu einer verzerrten Sicht von „Wissenschaft“ in den Köpfen derjenigen Menschen, die nicht gerade ein naturwissenschaftliches Studium hinter sich bringen. Und sie ist gleichsam die Ursache dafür, warum so viele Studienanfänger von der Psychologie zu Beginn (und manchmal noch weit darüber hinaus) so fürchterlich enttäuscht sind: Woher sollen sie denn auch wissen, dass es gar nicht um verdrängte Triebe und Traumdeutung, sondern vielmehr um Regressionsmodelle und Signifikanztests geht?

Das verzerrte Bild von „Wissenschaft“ zu korrigieren, hat in meinem Fall sicherlich mehr als zwei Semester in Anspruch genommen. Und auch, wenn ich bis heute die Meinung vertrete, dass gute Wissenschaft nur eine solche sein kann, die nicht nur sich selbst, sondern allen Menschen in einer gewissen Weise nützt und die sich nicht (wie es in der Psychologie vielerorts der Fall ist) in Belanglosigkeiten verliert, habe ich die Wissenschaft und ihre Möglichkeiten inzwischen definitiv schätzen gelernt. Mein Psychologiestudium hat mir daher nicht nur eine ganz neue Perspektive auf die Erklärung von menschlichem Erleben und Verhalten eröffnet (inklusive der sehr zufriedenstellenden Fähigkeit, besser zu verstehen, warum Menschen so handeln, wie sie handeln), sondern es hat mich noch etwas anderes sehr Wichtiges und Fächerübergreifendes gelehrt: nämlich, woher unser Wissen kommt, wie ich Quellen von Wissen beurteile – und was der Unterschied ist zwischen Glauben und Wissen.

© Christian Rupp 2014

Wirken alle Formen von Psychotherapie eigentlich gleich gut? Das Dodo-Bird-Verdict.

Zu dem folgenden Artikel wurde ich inspiriert durch einen am 3. Juni diesen Jahres in der taz veröffentlichten Zeitungsartikel zum Thema Psychotherapie. Eigentlich handelte er von den zahlreichen Hindernissen, die Patienten, die eine Psychotherapie in Anspruch nehmen möchten, in Deutschland überwinden müssen (aufgrund der chronischen Unterversorgung). Mitten im letzten Abschnitt fand sich aber dann eine These, die so, wie sie dort dargestellt wurde, definitiv nicht zutrifft. Diese lautete:

„Das am besten belegte Ergebnis der Psychotherapieforschung, auch als ‚Dodo Bird effect‘ bekannt, ist nämlich, dass alle Therapien gleich gut wirken. Eine Überbetonung der Methode ist sogar eher kontraproduktiv.“

Zunächst einmal: Der Name „Dodo-Bird-Effect“, in der Forschung meist als „Dodo-Bird-Verdict“ bezeichnet, ist, so seltsam er klingen mag, tatsächlich noch das Korrekteste in diesen ganzen zwei Sätzen. Der Begriff, der ursprünglich als Satire gemeint war, hat tatsächlich seinen Ursprung bei „Alice im Wunderland“, wo in einer Geschichte ein Dodo den Vorschlag macht, ein Rennen zu veranstalten, bei dem am Ende alle gewinnen, weil es kein Ziel gibt und auch die Zeit nicht gemessen wird. In der Psychotherapieforschung bezeichnet die Metapher derweil tatsächlich die These, dass alle Formen von Psychotherapie (eine Beschreibung der wichtigsten finden Sie hier) eigentlich gleich wirksam sind und es deshalb nicht auf spezifische Therapieinhalte (so genannte Interventionen) wie z.B. Konfrontationsübungen, kognitive Umstrukturierung (Veränderung von Denkmechanismen) oder ein Training sozialer Kompetenzen ankommt, sondern Psychotherapie ausschließlich über so genannte „unspezifische“ Faktoren wirkt. Zu letzteren zählen vor allem die Qualität der therapeutischen Beziehung und das Ausmaß, in dem der Therapeut dem Patienten gegenüber empathisch ist, eine akzeptierende Haltung einnimmt und ihn  allgemein unterstützt.

Belege dafür

Dass eine nicht unwesentliche Zahl von Therapieforschern und praktisch tätigen Therapeuten die Sichtweise des Dodo-Bird-Verdict teilt, kommt nicht von ungefähr. Vermeintliche Belege hierfür stammen aus den Untersuchungen von Luborsky und Kollegen aus den Jahren 1975 und 2002. In beiden Artikeln trägt die Forschergruppe eine große Zahl von Studien zusammen, die systematisch jeweils zwei Therapieformen miteinander verglichen haben, z.B. kognitive Verhaltenstherapie und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. In solchen Studien wird dann der Unterschied der Wirksamkeit meist in der Einheit „Cohen’s d“ (einem statistischen Effektstärkenmaß) angegeben. Zur Orientierung: Hierbei spiegeln d-Werte von 0,2 einen kleinen, solche von 0,5 einen mittleren und von 0,8 einen großen Unterschied wider. Schon 1975 konnte die Forschergruppe um Luborsky durch das Zusammentragen solcher Studien zeigen, dass bei den meisten dieser Studien nur sehr kleine und zudem statistisch nicht signifikante Unterschiede zwischen verschiedenen Therapieformen resultieren. 2002 berechnete dieselbe Forschergruppe dann im Rahmen einer Metaanalyse den mittleren Unterschied über sämtliche solche direkten Vergleichsstudien hinweg und kam auf einen Wert von 0,2. Die Schlussfolgerung war: Die Unterschiede zwischen verschiedenen Therapieformen sind so gering, dass sie zu vernachlässigen sind.

Kritik an den Luborsky-Studien

Allerdings kann man an sehr vielen Punkten Kritik an der Vorgehensweise dieser Forschergruppe üben. Die wesentlichsten Punkte seien hier kurz genannt:

  • Die Autoren differenzierten die Ergebnisse nicht nach der jeweiligen Störung, die behandelt wurde, sondern mittelten über alle Störungen hinweg.
  • Unterschiede innerhalb einer Therapieform (z.B. der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie) wurden ignoriert.
  • Es wurden viele Studien eingeschlossen, die die Therapieformen nicht an klinisch kranken Probanden verglichen, sondern an gesunden Probanden mit leichten psychischen Auffälligkeiten (so genannte Analogstichproben) – dies mindert die Aussagekraft.
  • Die Autoren schlossen viele Studien mit kleinen Stichprobenumfängen ein, was es aus statistischen Gründen stark erschwert, etwaige Unterschiede zwischen den Therapieformen überhaupt signifikant nachweisen zu können.
  • Durch die Einschränkung auf Studien, die zwei Therapieformen direkt miteinander verglichen haben, bleiben viele wichtige Befunde aus randomisierten kontrollierten Studien unberücksichtigt.

Belege dagegen

Spezifische Interventionen wirken über unspezifische Wirkfaktoren hinaus

Die Psychotherapieforschung hat zwei wesentliche Befunde vorzuweisen (die aber nicht mit der im taz-Artikel aufgestellten Behauptung übereinstimmen): Erstens, dass die oben beschriebenen unspezifischen Wirkfaktoren (vor allem die Qualität des therapeutischen Arbeitsbündnisses bzw. der therapeutischen Beziehung sowie Empathie & Akzeptanz auf Seiten des Therapeuten) tatsächlich stark mit dem Erfolg der Therapie zusammenhängen. Der Effekt dieser Faktoren auf den Therapieerfolg liegt, statistisch ausgedrückt, immerhin bei einem d-Wert von 0,5 (mittlerer Effekt), wie sich aus einer Vielzahl von Studien ergeben hat. Vor allem sind dies randomisierte kontrollierte Studien mit einer Placebo-Kontrollgruppe, wo die Behandlung in der Placebo-Gruppe eben ausschließlich darin besteht, dass der Therapeut diese unspezifischen Wirkfaktoren umsetzt. Diese Placebo-Behandlung zeigt gegenüber Kontrollgruppen ohne jegliche Behandlung bereits gute Therapieeffekte, aber: Sie sind gleichzeitig meist der Experimentalgruppe, die die Behandlung mit der spezifischen Intervention erhält, unterlegen. Um das ganze mit Leben zu füllen, soll ein kleines Beispiel herhalten: So könnte man z.B. bei Angststörungen drei Therapiebedingungen vergleichen: Eine Gruppe erhält gar keine Behandlung, die zweite eine Placebo-Behandlung (empathischer, aktiv zuhörender Therapeut, Vermittlung von Informationen über Angst, allgemeine Unterstützung) und die dritte eine Konfrontationstherapie (spezifische Intervention zusätzlich zu den auch hier vorhandenen unspezifischen Faktoren). Der Vergleich mit der Gruppe ohne Behandlung ergibt den Effekt wieder in der Einheit „Cohen’s d“: Es ergibt sich z.B. ein Effekt von 0,5 für die Placebogruppe, aber einer von 1,2 für die Konfrontationsgruppe (was durchaus realistische Zahlen sind). Fazit hier wäre (und dies entspricht der Realität): Unspezifische Faktoren verbessern die Angst, aber spezifische Interventionen verbessern sie mehr.

Wenn man nicht nur direkte Vergleiche betrachtet…

Und wenn man eben solche Studienergebnisse mit betrachtet und sich nicht auf direkte Vergleichsstudien einengt, dann ergeben sich durchaus betachtliche Unterschiede zwischen Therapieformen. So konnte z.B. in einer Metaanalyse von Hoffman und Smits (2008) gezeigt werden, dass bei der posttraumatischen Belastungsstörung eine traumafokussierte Psychotherapie (ebenso wie Eye Movement Desensitisation and Reprocessing, kurz EMDR) einer nicht-traumafokussierten Psychotherapie, die auf die Konfrontation mit dem Trauma verzichtet, deutlich überlegen ist. Anders als in den Luborsky-Studien beruhte dieses Ergebnis derweil nicht auf dem gemittelten Unterschied zahlreicher direkter Vergleichsstudien, sondern auf einer großen Zahl von pro Therapieform zusammengetragenen einzelnen randomisierten kontrollierten Studien.

Auf die Störung kommt es an

Dieser Aspekt ist der wohl wichtigste und für die Praxis relevanteste. Ob Therapieformen gleich gut wirken oder nicht, hängt ganz maßgeblich davon ab, welche Störung wir betrachten. Dies konnte sehr eindrucksvoll von Tolin (2010) gezeigt werden, der interessanterweise die gleiche Methode wie die Gruppe um Luborsky verwendete, sich also nur auf direkte Vergleiche beschränkte, und zwar auf direkte Vergleiche jeweils zwischen kognitiver Verhaltenstherapie (KVT) und anderen Therapieformen. Gemittelt kommt Tolin auch auf einen gemittelten Unterschied von 0,2. Aber: Der Unterschied ist für verschiedene Störungen unterschiedlich hoch (auch wieder gemessen in d-Einheiten). Während die Art der Therapie z.B. bei Essstörungen und Substanzabhängigkeiten tatsächlich kaum eine Rolle spielt (d=0,15 bzw. 0), liegt der gemittelte Unterschied bei der Depression im mittleren Bereich von 0,2, während er bei Persönlichkeits- und Angststörungen deutlich höher ausfällt, nämlich bei 0,34 bzw. 0,43 liegt. Letzteres Ergebnis stützt den Befund aus Therapiestudien, dass bei Angststörungen generell Therapien mit Konfrontationselementen solchen ohne bezüglich der Wirksamkeit überlegen sind. Die Ergebnisse sind also insgesamt so zu verstehen, dass andere Therapieformen der KVT entweder ebenbürtig (d=0) oder unterlegen (d>0) sind.

Die Unterschiede zeigen sich in der langfristigen Wirkung

Ein weiteres Ergebnis der Metaanalyse von Tolin betrifft die Unterschiede in der langfristigen Wirkung. Der gemittelte Unterschied von 0,2 bezieht sich lediglich auf den Vergleich der Symptomverbesserung direkt im Anschluss an die Therapie („post-treatment„). Legt man hingegen die Messungen der Symptomschwere 6 bzw. 12 Monate nach Ende der Therapie zugrunde (so genannte follow-up-Messungen), so ergeben sich über alle Störungen hinweg gemittelte Unterschiede von 0,47 bzw. 0,34. Hieraus kann man den wichtigen Schluss ziehen, dass sich die Unterschiede in der Wirkung verschiedener Psychotherapieformen vor allem auf die nachhaltige Wirkung beziehen, wo gemäß der Metaanalyse von Tolin die KVT nachweislich besser abschneidet als andere Verfahren.

Spezifische Psychotherapie wirkt nicht bei jedem Problem gleich

Anhänger des Dodo-Bird-Verdicts führen, wie oben beschrieben, das Argument an, dass Psychotherapie alleinig über unspezifische Wirkfaktoren wirkt. Dass das nicht stimmt, belegen zwar bereits sämtliche randomisierten kontrollierten Studien mit einer Placebo-Kontrollgruppe (siehe oben), es spricht aber noch ein anderer konsistenter Befund dagegen: Nämlich der, dass eine Psychotherapie im intendierten Störungsbereich stärkere Effekte erzielt als in anderen. Konkret bedeutet dies, dass sich z.B. ein depressionsspezifisches Therapieelement stärker auf Depressivität als beispielsweise auf Angst auswirkt, was nicht so sein sollte, wenn laut Dodo-Bird-Anhängern jede Therapie gleich gut bei allem wirkt.

Fazit

Pauschal zu sagen, dass alle Therapieformen gleich wirken, ist gemäß der Befundlage nicht möglich. Es gibt unspezifische Wirkfaktoren, die nahezu bei jeder Therapieform gleich sind und die auch bereits einen nicht zu vernachlässigenden Effekt bewirken. Aber: Spezische Interventionen sind diesen bei vielen Störungen und vor allem bezüglich der Nachhaltigkeit der Wirkung überlegen, was erklärt, dass eben nicht alle Psychotherapieformen als gleich gut einzustufen sind. Und übrigens: Für den zweiten Teil der Aussage aus dem taz-Artikel („Eine Überbetonung der Methode ist sogar eher kontraproduktiv.„) liegen noch viel weniger Belege vor. Mit anderen Worten: Auch bei der taz ist man vor nachlässiger Rechercheleistung nicht sicher.

© Christian Rupp 2013

Warum Psychologie mehr mit Mathematik als mit einer Couch zu tun hat

Die landläufige Ansicht ist die, dass man, wenn man Psychologie studiert, vor allem lernt, andere Menschen zu analysieren und dass man in beruflicher Hinsicht grundsätzlich nur mit psychisch Kranken („Verrückten“) zu tun hat. Nun, liebe Leserin bzw. lieber Leser – dies könnte nicht weiter an der Realität vorbei gehen. Was jedoch zutrifft, ist, dass auch ein sehr großer Teil derjenigen, die sich nach dem Abitur für ein Psychologiestudium entscheiden, diese Entscheidung auf Basis eines ähnlich falschen Bildes trifft und sich dann im ersten Semester wundert, warum irgendwie niemand ihnen etwas von Traumdeutung von verdrängten Bedürfnissen erzählt.

Wenn man sich die Inhalte des Psychologiestudiums ansieht, stellt man fest: Knapp die Hälfte der Lehrinhalte besteht aus Methodenlehre, Statistik, experimentellen Forschungspraktika und Dingen wie Testtheorie, Fragebogenkonstruktion und wissenschaftlicher Datenanalyse – mit anderen Worten: aus jeder Menge Mathematik und Computerarbeit. Zudem muss man das Studium mit einer eigenen wissenschaftlichen Arbeit (der Bachelor- und Masterarbeit oder im alten Diplomstudiengang der Diplomarbeit) abschließen, für die jeweils eine eigene empirische Untersuchung durchgeführt und ausgewertet werden muss. Wozu nun das ganze? Nun, wie schon im vorausgehenden Artikel beschrieben, ist die Psychologie eine empirische Naturwissenschaft, und ein wesentliches Hauptziel des Studiums besteht darin, die Studierenden zu Naturwissenschaftlern auszubilden – mit allem, was dazu gehört. Konkret bedeutet dies zweierlei: die Kenntnis wissenschaftlicher Methoden und Kenntnisse in der statistischen Datenanalyse.

Erstens gilt es (grob gesagt), sich Expertise darüber anzueignen, wie man welchen Forschungsfragen auf den Grund gehen kann. Hierzu gehört die komplette Gestaltung einer solchen Studie bzw. eines solchen Experiments, aus dem man dann am Ende auch tatsächlich aussagekräftige Schlussfolgerungen ziehen kann. Und das tatsächlich hinzubekommen, ist alles andere als leicht und rechtfertigt durchaus, dass nicht nur in den Methodenfächern selbst (die dann so schöne Namen haben wie „Forschungsmethoden der Psychologie“, „Versuchsplanung“ oder „experimentelles Forschungspraktikum“), sondern in allen Fächern Wert darauf gelegt wird, die Prinzipien guter psychologischer Forschung deutlich zu machen. Im Hinblick auf das, was man bei der Planung eines psychologischen Experiments alles falsch machen kann, sind vor allem die interne und externe Validität zu nennen. Nehmen wir als Beispiel ein Experiment, in dem der Einfluss der Arbeitsbelastung auf das Stressempfinden von Probanden untersucht werden soll (eine ganz typische psychologische Fragestellung: Was ist der Einfluss von X auf Y?).

Interne Validität: Welchen Einfluss untersuche ich?

Die interne Validität ist gegeben, wenn Veränderungen in der abhängigen Variablen (Stressempfinden) ausschließlich auf die experimentelle Manipulation (also vom Versuchsleiter gesteuerte Veränderung) der unabhängigen Variablen (Arbeitsbelastung) zurückzuführen sind. Wenn aber in der Situation des Experiments noch andere Einflüsse vorhanden sind (so genannte Störvariablen), z.B. zusätzlicher Druck durch andere Probanden im selben Raum, dann weiß man ganz schnell schon nicht mehr, worauf etwaige Veränderungen der abhängigen Variablen (Stressempfinden) zurückzuführen sind: auf die experimentell kontrollierte Arbeitsbelastung oder auf die Anwesenheit der anderen Probanden? In diesem Fall ist die Lösung einfach: Jeder Proband muss einzeln getestet werden. Danach wären jedoch immer noch Einflüsse von anderen Störvariablen möglich: So könnte es z.B. eine Rolle spielen, ob der Versuchsleiter sich den Probanden gegenüber eher kühl-reserviert oder freundlich-motivierend verhält (ein so genannter Versuchsleiter-Effekt). Die Lösung hierfür wären standardisierte Instruktionen für jeden Probanden. Was ich hier beschreibe, sind, an einem sehr einfachen Beispiel dargestellt, typische Vorüberlegungen, die man vor der Durchführung einer psychologischen Studie unbedingt durchgehen sollte, um nicht am Ende ein Ergebnis ohne Aussagekraft zu haben. Wie ihr euch sicher vorstellen könnt, wird das ganze umso komplizierter, je schwieriger und spezifischer die Forschungsfrage ist. Besonders in der kognitiven Neurowissenschaft, wo es um die Untersuchung von Prozessen im Gehirn geht, kann dies schnell extreme Komplexitätsgrade annehmen. Was man daher unbedingt braucht, ist das Wissen aus der Methodenlehre, kombiniert mit spezifischem Wissen über dasjenige Fachgebiet, in dem man gerne forschen möchte.

Externe Validität: Gilt das Ergebnis für alle Menschen?

Die externe Validität ist derweil gegeben, wenn (die interne Validität vorausgesetzt), das Ergebnis der Studie verallgemeinerbar ist, d.h. repräsentativ. Dies ist vor allem eine Frage der Merkmale der Stichprobe (die Gruppe von Probanden, die man untersucht). Vor allem interessiert dabei deren Größe (bzw. Umfang), die insbesondere aus statistischer Sicht zentral ist, sowie deren Zusammensetzung. So leuchtet einem ziemlich gut ein, dass das Ergebnis einer Studie nur dann Aussagen über alle Menschen ermöglicht, wenn die Stichprobe auch repräsentativ für die Gesamtbevölkerung ist – also z.B. nicht nur weibliche Studierende einer bestimmten Altersklasse und einer bestimmten sozialen Schicht enthält. Tatsächlich konnte allerdings für sehr viele psychologische Merkmale gefunden werden, dass sie überraschend unabhängig von solchen Unterschieden sind, sodass die externe Validität häufig eine untergeordnete Rolle spielt (was allerdings auch mit daran liegt, dass es sehr aufwändig und teuer ist, repräsentative Stichproben zusammenzusetzen – Psychologiestudierende sind aufgrund der guten Verfügbarkeit einfach dankbare Versuchspersonen:-)).

Die operationale Definition: Messe ich, was ich messen will?

Neben interner und externer Validität ist auch die operationale Definition ein Punkt, an der sich gute Forschung von schlechter trennt. Gemeint ist hiermit die Übersetzung der abstrakten Variablen (unabhändige und abhängige) in konkrete, messbare Größen. Um zu meinem Beispiel von oben (Einfluss von Arbeitsbelastung auf Stressempfinden) zurückzukehren, müsste man sich also überlegen, wie man die Arbeitsbelastung und das Stressempfinden misst. Dies ist ein Punkt, der auf den ersten Blick vielleicht trivial erscheint und der einem Laien, wenn er über die Logik der Studie nachdenkt, wahrscheinlich auch nicht auffallen wird, der aber ebenfalls von zentraler Bedeutung für die Aussagekraft der Studie ist. Ebenso wie die Stichprobe repräsentativ für die Bevölkerung sein sollte, sollten die gemessene Größe (abhängige Variable) und die manipulierte Größe (unabhängige Variable) repräsentativ für das Konstrukt (Arbeitsbelastung, Stress) sein, das sich dahinter verbirgt. Die Arbeitsbelastung lässt sich noch recht einfach operational definieren – als Menge an Arbeitsaufträgen pro Stunde zum Beispiel. Aber wie sichert man, dass alle Aufträge auch wirklich gleich aufwändig sind und den Probanden gleich viel Zeit kosten? Dies ist eine Herausforderung für die Versuchsplaner. Das Stressempfinden stellt eine noch größere Herausforderung dar. Man könnte natürlich eine Blutprobe nehmen und die Konzentration des Cortisols (eines unter Stress ausgeschütteten Hormons) bestimmen. Das gibt aber nicht unbedingt den subjektiv empfundenen Stress wieder. Man könnte eben diesen mit einem eigens dafür konstruierten Fragebogen messen, der natürlich auf seine psychometrischen Gütekriterien hin überprüft werden muss (mit wie viel Aufwand und wie viel Rechnerei das verbunden ist, können sie hier nachlesen). Oder aber man lässt Fremdbeobachter den Stress der Probanden anhand deren Verhaltens einschätzen. Hierfür muss wiederum gesichert werden, dass die verschiedenen Beobachter ihre Bewertungen anhand desselben, auf beobachtbaren Verhaltensweisen basierenden Systems vornehmen und nicht irgendwelche subjektiven Einschätzungen vornehmen (das Kriterium der Objektivität). Was ich hoffe, hieran veranschaulicht zu haben, ist, dass psychologische Forschung weder trivial noch einfach ist, denn der Teufel liegt im Detail. Und von diesen kleinen Teufeln gibt es jede Menge, die man nur mit der nötigen wissenschaftlichen Expertise umgehen kann.

Statistik: Zufall oder nicht?

Die Statistik als Teilgebiet der Mathematik verdient sehr viel mehr, mit „Psychologie“ in einem Atemzug genannt zu werden, als das Wort „Couch“. So komplex das Thema ist, mit dem Psychologiestudierende sich eine ganze Reihe von Semestern herumschlagen müssen, so kurz und verständlich lässt sich der Zweck erklären. Denken Sie zurück an die typischen Forschungsfragen, die die Psychologie bearbeitet. Meistens geht es darum, den Zusammenhang zwischen zwei Variablen (z.B. Intelligenz & Arbeitserfolg, siehe vorheriger Artikel) zu berechnen, eine Variable durch eine andere vorherzusagen oder im Rahmen eines Experiments systematisch den Einfluss einer unabhängigen auf eine abhängige Variable zu untersuchen. Auch hier hinterfragt der Laie typischerweise nicht, wie das geschieht – wie Forscher z.B. darauf kommen, zu behaupten, „Killer“-Spiele würden die Aggression des Spielers erhöhen. Nun, dies ist einerseits eine Frage der wissenschaftlichen Methode, wie ich oben ausführlich beschrieben habe. Doch nach dem Durchführen der Studie hat man einen Haufen Daten gesammelt – und der muss ausgewertet und analysiert werden. Zum Analysieren werden die Daten derweil nicht auf die Couch gelegt, sondern in den Computer eingegeben, konkret in typischerweise eines der beiden Programme „SPSS“ oder „R“. Diese Programme ermöglichen es, für alle möglichen Formen, in denen Daten vorliegen können (und das sind sehr viele), statistische Maße zu berechnen, die den Zusammenhang zweier Variablen oder den Einfluss von einer Variablen auf die andere abbilden. Zum Fachjargon gehören bei Psychologen unter anderem (um einfach mal ein paar Begriffe ungeordnet in den Raum zu werfen) die Korrelation (von allen noch das nachvollziehbarste Maß), die multiple, logistische, hierarchische oder Poisson-Regression, das odds ratio, Kendall’s Tau-b, die Varianzanalyse oder ANOVA, das allgemeine und generalisierte lineare Modell, Faktorenanalysen, Strukturgleichungsmodelle, Survivalanalysen und viele, viele mehr.

Die Berechnung all dieser Maße ist der eine Zweck der Statistik. Der andere ist die Überprüfung der statistischen Signifikanz, die auf der Wahrscheinlichkeitstheorie und der Kenntnis ganz bestimmter Wahrscheinlichkeitsverteilungen beruht. Platt übersetzt ist ein Ergebnis einer Studie dann statistisch signifikant, wenn es nicht durch den Zufall zu erklären ist. Hierzu stellen wir uns einmal die allereinfachste Form eines psychologischen Experiments vor: den Vergleich von zwei Gruppen A und B, die sich nur anhand eines einzigen Merkmals unterscheiden – der experimentellen Manipulation der unabhängigen Variablen (z.B. Therapie ja oder nein), deren Einfluss auf eine abhängige Variable (z.B. Angst vor Spinnen) untersucht werden soll. Nach der Therapie vergleicht man A und B hinsichtlich ihrer Angst vor Spinnen und stellt fest, dass Gruppe A, die die Therapie erhalten hat, weniger Angst hat als Gruppe B, die keine Therapie erhalten hat (einen ausführlichen Artikel über die Art und Weise, wie die Wirksamkeit von Psychotherapie untersucht wird, finden Sie hier). Ein Laie würde jetzt wahrscheinlich sagen, dass die Therapie wirksam ist, vielleicht in Abhängigkeit davon, wie groß der Unterschied zwischen A und B ist. Das Tolle, das uns die Statistik ermöglicht, ist nun, zu überprüfen, ob der gefundene Unterschied zwischen den Gruppen signifikant ist, d.h. nicht durch den Zufall erklärt werden kann, der ja mitunter so einiges erklären kann. So berechnet man die konkrete Wahrscheinlichkeit dafür, dass das gefundene Ergebnis (z.B. der Gruppenunterschied zwischen A & B) durch reinen Zufall zustande gekommen ist, ohne das ein wahrer Unterschied (bzw. Effekt) vorliegt. Beträgt diese Warscheinlichkeit unter 5% (manchmal auch unter 1%), schließt man den Zufall als Erklärung aus. Achtung: Diese Festlegung der 5% oder 1%-Grenze (des so genannten Signifikanzniveaus) ist eine Konvention, keine naturgegebene Regel. Wenn der Stichprobenumfang groß genug ist (ein wichtiger Faktor bei der Überprüfung der Signifikanz), können übrigens auch schon kleine Effekte (z.B. Gruppenunterschiede) statistisch signifikant sein. Ob ein solcher kleiner Unterschied dann jedoch wirklich von Bedeutung ist, ist eine andere (inhaltliche) Frage. Wie ihr seht, erweist die Statistik uns sehr wertvolle Dienste – und auch, wenn ich sie in meinem Studium sehr häufig verflucht habe, bin ich rückblickend doch sehr froh, mit ihr jetzt vertraut zu sein.

Warum Ahnung von Wissenschaft Gold wert ist

Das allgemeine Wissen über die Prinzipien wissenschaftlicher Forschung (die nämlich in jeder Naturwissenschaft nahezu gleich sind) erachte ich als extrem wertvoll, weil es einem etwas unglaublich Wichtiges ermöglicht: zu beurteilen, welchen Quellen von Wissen man trauen kann und welchen nicht. Mit den Merkmalen von „guter“, d.h. aussagekräftiger Forschung im Kopf, ist es einem wissenschaftlich ausgebildeten Menschen möglich, zu beurteilen, ob er einer beliebigen Studie (egal, ob veröffentlicht in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift oder erwähnt in der Brigitte) Glauben schenken möchte. Ein solcher Mensch kann die angewandte Methode der Studie genau daraufhin überprüfen, ob die Voraussetzungen dafür geschaffen sind, dass man hieraus tatsächlich gültige Schlussfolgerungen ziehen kann (z.B. interne Validität gegeben, vernünftige operantionale Definition…). Man fällt nicht so schnell darauf rein, wenn es bei RTL in den Nachrichten heißt, Forscher von der Universität XV hätten „herausgefunden, dass…“ (oder noch schlimmer: „bewiesen, dass…“), sondern fragt sich erstmal, wie die Forscher das überhaupt untersucht haben könnten und ob eine solche Aussage auf Basis der verwendeten Forschungsmethode überhaupt zulässig ist. Nicht zuletzt lernt man hierdurch, vermeintliches „Wissen“, das einem im Alltag so begegnet, dahingehend zu hinterfragen, woher es stammt bzw. worauf es basiert – eine Kenntnis von meiner Meinung nach unschätzbarem Wert, ermöglicht es einem doch z.B., der ein oder anderen bunt-schillernden esoterischen Weltanschauung etwas Handfestes entgegen zu setzen und diese als substanzlos zu entlarven. Und eben diese grundsätzliche naturwissenschaftliche Expertise ist das, was Psychologen den Vertretern anderer Fächer (Medizin und Pädagogik eingeschlossen) voraushaben, was sie wiederum aber mit der ebenfalls empirisch orientierten Soziologie verbindet. Darüber, wovon Psychologen darüber hinaus noch so Ahnung haben, wird es im nächsten Artikel gehen.

© Christian Rupp 2013

Warum Psychologen im Studium nicht lernen, ihr Gegenüber zu analysieren

Es ist das Cliché schlechthin, das in der breiten Gesellschaft über Psychologen und Psychologiestudierende kursiert, und damit verbunden ist eines der größten Irrtümer überhaupt, mit dem dieses Fach zu kämpfen hat. In diesem und im nächsten Artikel soll es darum gehen, kurz und bündig darzustellen, was man im Studium der Psychologie wirklich lernt, was beispielhafte Inhalte psychologischer Forschung sind, was fertige Psychologen tatsächlich können und worüber sie Bescheid wissen – und womit sie auf der anderen Seite nichts zu tun haben.

Psychologie, eine empirische Naturwissenschaft

Psychologie hat in der Gesellschaft oft einerseits den Ruf eines Heilberufes wie die Medizin, manchmal auch den eines „Laber-Fachs“ ohne Substanz, weil Psychologen ja angeblich immer nur reden. Gleichzeitig haben Psychologen für viele Laien etwas Unheimliches an sich, geht doch das Gerücht um, sie würden ihr Gegenüber wie eine durchsichtige Figur analysieren und in jedem Wort etwas finden, was man doch eigentlich verbergen wollte. Nicht zuletzt hat Psychologie, ebenso wie Medizin, den Ruf eines Elite-Studienfachs, da man, um es zu studieren, aufgrund der wenigen Studienplätze und der hohen Nachfrage meist einen Abiturdurchschnitt von mindestens 1,5 aufweisen muss. Doch was erwartet einen nun wirklich im Studium?

Psychologie an sich ist weder ein Heilberuf wie die Medizin, noch eine Geisteswissenschaft wie Philosophie oder Pädagogik, noch beinhaltet es die Vermittlung von übernatürlichen Fähigkeiten. Psychologie ist eine Naturwissenschaft, die, grob gesagt, menschliches Verhalten und Erleben dahingehend untersucht, dass sie versucht, es vorherzusagen und zu erklären. Sie ist derweil eine empirische, keine theoretische Wissenschaft, d.h., sie sucht nach Erkenntnissen nicht durch die logische Herleitung von Theorien, sondern durch die systematische Untersuchung des menschlichen Verhaltens und Erlebens. Dies tut sie durch das Aufstellen und das darauf folgende Testen von Hypothesen. Basierend auf empirischen Befunden (also den Ergebnissen aus wissenschaftlichen Studien) werden dann wiederum Theorien formuliert, die diese Ergebnisse erklären können – und die dann durch darauf folgende Studien entweder bestätigt oder widerlegt werden. Die Psychologie folgt dabei weitgehend der Wissenschaftstheorie Carl Poppers, die besagt, dass man in der Wissenschaft nie etwas schlussendlich beweisen kann, sondern nur weitere Bestätigung für eine Theorie oder Hypothese sammeln kann. Das einzige, was endgültig möglich ist, ist, eine Theorie oder Hypothese zu widerlegen (d.h., zu falsifizieren). Mehr zum Thema Wissenschaftstheorie finden sie hier.

Da die Psychologie ein unglaublich weites Feld darstellt, kann dies sehr, sehr viele verschiedene Formen annehmen. Besonders gern wird mit Experimenten gearbeitet, bei denen typischerweise zwei Gruppen von Probanden (d.h. Versuchtsteilnehmern) miteinander verglichen werden, die sich nur dadurch unterscheiden, dass bei der einen eine experimentelle Manipulation stattgefunden hat und bei der anderen nicht. Unterscheiden sich die beiden Gruppen danach hinsichtlich eines bestimmten Merkmals (das abhängige Variable genannt wird), kann man sicher sein, dass dieser Unterschied nur auf die experimentelle Manipulation zurückzuführen ist. Zudem werden sehr oft Zusammenhänge zwischen Merkmalen (d.h. Variablen) untersucht, z.B. zwischen Intelligenz und späterem Berufserfolg. Dies erfolgt in der Regel durch die Berechnung von Korrelationen. Wenn die eine Variable zeitlich deutlich vor der anderen gemessen wird, kann man zudem Aussagen darüber treffen, wie gut die eine Variable (z.B. Verlustereignisse in der Kindheit) die andere (z.B. Entwicklung einer Depression im Erwachsenenalter) vorhersagen (oder prädizieren) kann. Um einen Eindruck von typischen Sorten von psychologischen Studien zu vermitteln und die ganzen kursiv gedruckten Begriffe ein wenig mit Leben zu füllen, seien im Folgenden vier Beispiele aus verschiedenen Bereichen der Psychologie genannt.

1. Arbeits- & Organisationspsychologie: Wie kann man Berufserfolg vorhersagen?

Dies ist ein Beispiel für eine Korrelationsstudie, bei der anhand der Intelligenz der Berufserfolg mehrere Jahre später vorhergesagt werden soll. Eine solche Erkenntnis ist von großem Wert für Psychologen, die in der freien Wirtschaft in der Personalauswahl tätig sind und die natürlich ein Interesse daran haben, solche Bewerber für einen Job auszuwählen, von denen erwartet werden kann, dass sie dem Unternehmen in Zukunft Geld in die Kasse spülen. Man geht hierbei so vor, dass man zu einem ersten Zeitpunkt die allgemeine Intelligenz einer Gruppe von Personen misst, die sich z.B. in dieser Gruppe zwischen 90 und 125 bewegt. Hierzu muss natürlich ein psychologischer Test gewählt werden, der präzise misst und gültige Aussagen über die Personen erlaubt. Zu einem späteren Zeitpunkt (z.B. 3 Jahre später) wird dann der Berufserfolg derselben Personen gemessen. Das kann man auf verschiedene Weise tun: Man kann das Einkommen oder die Berufszufriedenheit von den Probanden selbst erheben, oder man kann die jeweiligen Vorgesetzten bitten, die Leistung der Probanden zu bewerten. Die Übersetzung des recht allgemeinen Begriffs „berufliche Leistung“ in konkret messbare Variablen nennt man derweil die operationale Definition.

Wenn man dann beides gemessen hat, kann man den Zusammenhang der beiden Variablen (Intelligenz & Berufserfolg) berechnen, was mittels einer Korrelation erfolgt. D.h., man möchte wissen, ob im Mittel über alle Probanden hinweg höhere Intelligenzwerte mit höherem Berufserfolg einhergehen. Achtung: das bedeutet, dass diese Aussage nicht für jeden Probanden gelten muss: Es wird immer Ausnahmen geben, die dem generellen Trend widersprechen – aber dieser generelle Trend ist von Bedeutung. Wie stark dieser Trend ist, kann man am Korrelationskoeffizienten ablesen, der zwischen -1 und +1 variieren kann. -1 stünde für einen perfekten negativen Zusammenhang (je intelligenter, desto weniger erfolgreich im Beruf), +1 für einen perfekten positiven Zusammenhang (je intelligenter, desto erfolgreicher) und 0 für keinen Zusammenhang (Berufserfolg hat nichts mit Intelligenz zu tun).

Im Falle des Zusammenhangs zwischen Intelligenz und Berufserfolg wurde in Metaanalysen (das sind statistische Verfahren, mit denen die Ergebnisse vieler Studien zum gleichen Thema zusammengefasst werden) herausgefunden, dass Intelligenz späteren Berufserfolg mit durchschnittlich 0,5 vorhersagt. Das ist in der Psychologie ein verdammt hoher Wert – und es ist von allen Variablen, die man zur Vorhersage von Berufserfolg herangezogen hat (u.a. Leistung in Assessment Centern, Persönlichkeitsmerkmale, Arbeitsproben, Referenzen früherer Arbeitgeber…) diejenige, die am allerbesten Berufserfolg vorhersagt (man sagt auch, Intelligenz stellt den besten Prädiktor für Berufserfolg dar). Zum Vergleich: Die bei Unternehmen sehr beliebten Assessment-Center zur Bewerberauswahl, die das Unternehmen gerne mehrere zehntausend Euro kosten, haben mit späterem Berufserfolg nur einen Zusammenhang von ungefähr 0,3, sagen diesen also sehr viel weniger verlässlich vorher. Dass Unternehmen in der Bewerberauswahl dennoch die viel teureren Assessment-Center einsetzen, hat einerseits mit der mangelhaften Kenntnis wissenschaftlicher Befunde zu tun, andererseits aber auch mit den beiden Tatsachen, dass die Anbieter von Assessment Centern gut daran verdienen und Intelligenztests trotz ihrer erwiesenen Vorteile oft angstbesetzt und daher verschrien sind.

2. Kognitive Neurowissenschaft: Wie unser Gehirn sich Gedächtnisinhalte einprägt

Hierbei handelt es sich ein Experiment aus einem vergleichsweise jungen Teilgebiet der Psychologie, der kognitiven Neurowissenschaft, die sich mit der Frage befasst, welche Prozesse im Gehirn unseren kognitiven Funktionen (Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Denken, Problemlösen, Entscheiden etc.) sowie auch unseren Emotionen zugrunde liegen. Viele psychologische Studien haben sich damit beschäftigt, wie unser Gedächtnis funktioniert. Die Studienart, die ich vorstellen möchte, widmet sich der Frage, wie unser Gehirn es schafft, dass wir uns Gedächtnisinhalte einprägen (d.h. enkodieren) können. Hierbei handelt es sich um eine Leistung des so genannten Arbeitsgedächtnisses, das früher als Kurzzeitgedächtnis bezeichnet wurde und eine begrenzte Menge von Material für maximal wenige Minuten aufrechterhalten kann. Dies ist abzugrenzen von unserem Langzeitgedächtnis, in das Gedächtnisinhalte eingehen, die aufgrund häufiger Wiederholung so weit gefestigt (d.h., konsolidiert) sind, dass sie dauerhaft gespeichert sind. Für diese Konsolidierung ist eine evolutionär alte und innen liegende Gehirnstruktur, der Hippocampus notwendig. Für das Einprägen bzw. das Enkodieren von Gedächtnisinhalten (eine Funktion, die konzeptuell Arbeits- und Langzeitgedächtnis verbindet) sind wiederum andere Gehirnareale verantwortlich.
Um herauszufinden, welche, haben sich Psychologen eines sehr eleganten Designs (so wird generell der Aufbau eines Experiments bzw. einer Studie bezeichnet) bedient, das folgendermaßen aussah: Während Versuchspersonen in einer fMRT-Röhre lagen (mit dem fMRT kann recht präzise die Aktivität einzelner Gehirnareale untersucht werden), wurden sie gebeten, sich in vorgegebener Reihenfolge eine Liste mit Wörtern so gut wie möglich einzuprägen. Außerhalb der Röhre wurden sie dann einige Zeit später gebeten, so viele Wörter wie möglich zu erinnern. Typischerweise berichten Probanden dann zwischen 50 und 75% der Wörter. Was dann kommt, ist wirklich außerordentlich clever und elegant: Man vergleicht die im fMRT gemessene Gehirnaktivität während des Einprägens derjenigen Wörter, die anschließend erinnert wurden, mit der Gehirnaktivität während des Einprägens von Wörtern, die anschließend nicht erinnert werden konnten. Wenn sich dann eine bestimmte Gehirnregion findet, die in den beiden Fällen unterschiedliche Aktivität aufweist, ist sie offenbar an dem oben beschriebenen Einpräge-Prozess beteiligt: Hohe Aktivität führt zu einer höheren Erinnerungswahrscheinlichkeit für Wörter und spiegelt eine intensivere Enkodierung wieder. Genau das wurde für verbale Gedächtnisinhalte (Wörter) für ein kleines Areal im frontalen Cortex gefunden, den linken inferioren frontalen Gyrus – auch bekannt als Broca-Areal. Dieses Areal ist auch essentiell für unsere Fähigkeit, zu sprechen, was darauf hinweist, dass das Einprägen von Wörtern eine Art „innere Stimme“ nutzt, mit der die Wörter immer wieder wiederholt werden. Für visuelle Stimuli (z.B. Bilder) wurden währenddessen andere Gehirnareale gefunden, die für die Enkodierung wichtig sind.

3. Klinische Psychologie: Interaktion von Genetik und frühen Traumata bei Depression

In der klinischen Psychologie interessiert man sich neben der Untersuchung der Wirksamkeit von Psychotherapie im Rahmen kontrollierter Studien vor allem für die Frage nach der Ursache von psychischen Störungen. Bezüglich Depression weiß man, dass sowohl Stress in Form einschneidender und traumatischer Lebensereignisse (z.B. früher Verlust enger Bezugspersonen) als auch bestimmte Varianten eines Gens (des so genannten 5HTT-LPR-Polymorphismus) einen Risikofaktor für die Entwicklung einer späteren Depression darstellen. Was man hingehen lanfe Zeit nicht wusste, ist, wie genau diese Faktoren sich zueinander verhalten. Um dies zu untersuchen, führten die Wissenschaftler Caspi und Kollegen eine im Jahr 2003 veröffentlichte Längsschnittstudie durch. Das bedeutet, dass sie Probanden über mehrere Jahre begleiteten und im Zuge dessen einerseits durch Genanalysen die Ausprägung des oben genannten Gens und andererseits die im Laufe der Jahre aufgetretenen einschneidenden Lebensereignisse sowie die Zahl der Probanden, die eine Depression entwickelten, erfassten.

Das Ergebnis war verblüffend und schlug in der klinischen Psychologie wie eine Bombe ein: Sowohl die kritische Variante des Gens erhöte das Risiko für die Entwicklung einer Depression als auch die Anzahl der kritischen Lebensereignisse im Sinne einer „je mehr, desto höher“-Verbindung. Das ist an sich wenig überraschend, aber interessanterweise fanden die Autoren auch, dass der Einfluss der Zahl der Lebensereignisse sehr viel größer war, wenn die kritische Genausprägung (d.h. der unkritische Genotyp) im Gegensatz zur unkritischen vorlag. Und auch das Gegenteil war aus den Daten ersichtlich: Der Einfluss des Genotyps auf das Depressionsrisiko war erst von Bedeutung, wenn zwei oder mehr kritische Lebensereignisse vorlagen, vorher nicht. Man spricht in diesem Fall von einer Gen-Umwelt-Interaktion. Diese Ergebnisse haben eine sehr weitreichende Bedeutung für das Verständnis der Depression und die Art und Weise, wie sich genetische Ausstattung und Umweltfaktoren zueinander verhalten.

4. Sozialpsychologie: Saying-is-Believing – Ich glaube, was ich sage

Hierbei handelt es sich um ein klassische Sorte von Experimenten (ein so genanntes Paradigma) der Sozialpsychologie, die sich mit dem Verhalten von Menschen in sozialen Situationen beschäftigt. Der Saying-is-Believing-Effekt besagt, dass wir, wenn wir wissen, dass unser Gegenüber eine bestimmte Einstellung oder Meinung vertritt, ihm gegenüber auch hauptsächlich Dinge erwähnen, die mit dessen Meinung übereinstimmen – und in der Folge sich unsere eigene Einstellung der unseres Gegenübers angleicht. Dies weiß man aus Experimenten, in denen Versuchspersonen z.B. per Chat mit einer meist fiktiven (d.h. in die Studie eingeweihten) Person kommunizierten, über die sie entweder die Information erhielten, dass diese hinsichtlich eines bestimmten Themas ihrer Meinung oder anderer Meinung waren. Diese Information stellt hier die experimentelle Manipulation dar. So könnte die Information z.B. darin bestehen, dass das unbekannte Gegenüber ein Fan von Lady Gaga ist, während der Proband selbst zu Beginn die Information gegeben hat, dass er diese überhaupt nicht gut findet oder ihr neutral gegenüber steht. In der Kommunikation erwähnt der Proband dem fiktiven Gegenüber dann typischerweise tendenziell positive Dinge über Lady Gaga, was dazu führt, dass sich seine Einstellung dieser gegenüber ins Positive hin verändert – was man sehr gut nach der Kommunikationsphase anhand eines eigens dafür entwickelten Fragebogens erfassen kann.

Das war ein kleiner Einblick in verschiedene Forschungsthemen aus unterschiedlichen Fächern der Psychologie, mit dem ich hoffe, deutlich gemacht zu haben, wie facettenreich dieses Fach ist und wie wenig es mit dem zu tun hat, was die meisten Menschen generell im Kopf haben, wenn sie das Wort „Psychologie“ hören. In den folgenden Artikeln wird es darum gehen, warum das Psychologiestudium so voller Statistik und Mathematik ist, mit wie vielen verschiedenen Themen Psychologen sich tatsächlich auskennen und warum Sigmund Freud weder der Begründer der Psychologie ist noch in dieser eine bedeutende Rolle spielt.

Esoterik vs. Wissenschaft: Von Glauben, Wissen und der Fähigkeit, beides zu unterscheiden.

Ich habe zwar angekündigt, dass das nächste Thema „Intelligenz“ sein wird, jedoch befand ich mich vor wenigen Tagen plötzlich in Mitten einer Diskussion zum Thema „Wirksamkeit von alternativen Heilmethoden“ bzw. „Wissenschaft versus Esoterik“, die ich euch, weil mir dieses Thema so unglaublich am Herzen liegt, auf keinen Fall vorenthalten wollte. Daher gibt es jetzt einen Abstecher in ein Gebiet, dass ein großes Steckenpferd von mir geworden ist und einer der Hauptanlässe dafür war, vor fast einem Jahr diesen Blog zu starten. Falls euch der Text, den ich ungerne zerstückeln wollte, zu lang ist, um ihn direkt zu lesen – lest ihn entweder später oder scrollt ans Ende und lest die letzten fünf Abschnitte. Das Thema ist wichtig, und ich finde, es sollte jeden interessieren.

Dazu vorab schon der Hinweis, dass ich mich im Folgenden bei dem Begriff „Esoterik“ auf dessen Bedeutung im Alltag, d.h. auf das gesamte Spektrum spiritueller, mystischer und okkulter Lehren und Verfahren beziehe, die gegenwärtig existieren. Ich beziehe mich dabei nicht auf die ursprüngliche Bedeutung des aus dem Altgriechischen stammenden Wortes, das eine philosophische Lehre bezeichnet, die nur einem begrenzten Personenkreis zugängig war („eso“ = innen / nach außen begrenzt). Auf Vertreter dieser Lehren und Praktiken werde ich mit dem Begriff „Esoteriker“ verweisen, der, was ich betonen möchte, nicht abschätzig gemeint ist.

In der Diskussion, die online in einem bekannten sozialen Netzwerk (was könnte das wohl sein…?) stattfand, ging es ursprünglich um das Thema Reiki. Reiki ist eine dem esoterischen Bereich zuzuordnende, aus Japan stammende Heil- und Entspannungsmethode; die Lehre geht wahrscheinlich auf Mikao Usui zurück und bedeutet übersetzt so viel wie „geistige Lebensenergie“. Im Wesentlichen geht es darum, dass ein „Reikilehrer“ (d.h. jemand, der sich mit Usuis Lehren auskennt, eine gewisse Form der „Ausbildung“ hinter sich gebracht hat und sich oft für einen besonders feinfühligen und sensiblen Menschen hält), einem anderen Menschen die Hand auflegt (daher ist Reiki auch als „Handauflegen“ bekannt) und dadurch jene Lebensenergie überträgt (= „Reiki gibt“).

Die im Folgenden sinngemäß wiedergegebenen (nicht wörtlich zitierten) Diskussionspartner besitzen eine ausgeprägte Affiliation zum gesamten Feld der Esoterik; einer von beiden beschäftigt sich seit einigen Wochen mit Reiki und wendet es immer häufiger bei anderen an, bisher vor allem bei Familienmitgliedern. Die zweite Person wiederum kennt die erste gut und ist von deren Arbeit begeistert.

Also, los ging es (nachdem eine hier irrelevante dritte Person geschrieben hatte, wie gut sie nach einer „Reiki-Anwendung“ geschlafen habe) nach einem kurzen Kommentar meinerseits, dass ich Reiki aufgrund meines Wissens über seine wissenschaftlich erforschte Wirksamkeit ablehne. Ich werde nun versuchen, alles so objektiv wie möglich darzustellen. Mein Ziel ist es nicht, meine Diskussionspartner in den Dreck zu ziehen oder mich über sie lustig zu machen. Ich möchte anhand dieser Diskussion anschaulich deutlich machen, warum ich eine so kritische Einstellung gegenüber Esoterik & Co. habe und außerdem aufzeigen, auf welchen typischen gedanklichen Fehlern esoterische Weltanschauungen oft beruhen. Dazu möchte ich darauf hinweisen, dass ich meine Beiträge in der Hinsicht überarbeitet und ergänzt habe, dass ich persönliche Ansprachen herausgenommen, einiges umformuliert und ergänzt habe. Die beiden Diskussionspartner nenne ich der Einfachheit halber A und B.

Thesen des Diskussionspartners A:

  • Es gehe bei Reiki nicht darum, den Verstand zu benutzen, sondern darum, sich seinen Gefühlen hinzugeben (Ziehen einer Grenze zwischen Emotion und Kognition).
  • Zu viel Wissenschaft tue der Welt nicht gut, weil sie in der Vergangenheit unzähligen Menschen das Leben gekostet habe (Hexen, Heiler, etc.).
  • Es gebe Dinge zwischen Himmel und Erde, die mit dem Verstand nicht zu erklären seien.
  • Andere Beispiele: Yoga, autogenes Training, Meditation: Hier lerne man, seine Gedanken fließen zu lassen und loszulassen. Das täten sehr viele Menschen jeden Tag.

Daraufhin meine Antwort:

Ja, das ist ja auch alles nicht falsch, aber man muss dennoch differenzieren. Natürlich gab es (in der Vergangenheit!) dunkle Kapitel der Wissenschaft (Tier- und Menschenversuche – scheußlich), aber das ist kein Grund, die Befunde der modernen Wissenschaft anzuzweifeln, denn deren Aussagekraft ist eine Frage der Methodik. Zumal der weitaus größere Feind von Heilern, Hexen und Co. sicherlich die Kirche war, die ebenfalls die Wissenschaft bekämpft hat (siehe z.B. Leonardo Da Vinci, Nikolaus Kopernikus, etc.), aber das ist eine andere Geschichte.

Die moderne Wissenschaft hat auf vielen Gebieten eine Menge Licht ins Dunkel gebracht und auch Meditation, Yoga & Co. untersucht – es gibt da sehr viele spannende Studien, vor allem aus dem neurowissenschaftlichen Bereich, z.B. mit buddhistischen Mönchen als Probanden. Nur die alltägliche Unterscheidung zwischen „Verstand“ und „Gefühlen“ ist in Wahrheit kaum zu vertreten, weil die beiden untrennbar miteinander vernetzt sind, was Sie auch hier nachlesen können. Und in der Tat wurde und wird die Wirksamkeit von alternativen Heilmethoden (von Akupunktur und „Chakrenarbeit“ über Reiki und Bioenergetik bis hin zu „Geistheilung“ und „Energiearbeit“) intensiv untersucht. Und zwar geschah und geschieht dies in Doppelblindstudien, die die stärksten kausalen Schlüsse zulassen, die in der Wissenschaft möglich sind und die den Teilnehmern ganz bestimmt nicht schaden – eine entsprechende Erklärung findet sich hier.

Das allerhäufigste Ergebnis in Studien, die die Wirksamkeit jener Verfahren untersucht haben, ist, dass die Wirkung nicht von dem Heilverfahren an sich ausgeht, sondern entweder davon, dass die Betroffenen an die Wirkung glauben (= Placebo-Effekt) oder davon, dass die Wirkung auf irgendwelche anderen, meist trivialen Faktoren zurückzuführen ist. Dies ist knallharte wissenschaftliche Realität.

So, nun bin ich der folgenden Meinung: Ich finde einerseits, dass es im Prinzip egal ist, warum etwas wirkt, weil es für den Betroffenen entscheidend ist, dass es wirkt. Ebenfalls wissenschaftlich untersucht wurden nämlich auch die Selbstheilungskräfte des Menschen, die durch den Glauben an die Wirkung eines Verfahrens erheblich gestärkt werden können.

Weshalb ich diesen Verfahren jedoch trotzdem skeptisch gegenüber stehe, liegt daran, dass es unter den Vertretern dieser Verfahren (und allgemein unter Menschen mit starker Neigung zur Esoterik) zwei Typen gibt, die mich stören. Die einen sind die Quacksalber und Halsabschneider, die ihr Geld damit verdienen, dass sie verzweifelten Patienten Heilung versprechen (was ein seriöser Vertreter eines Heilberufs nie tun würde) und beispielsweise Krebspatienten von einer dringend nötigen Chemotherapie abraten und somit deren Tod besiegeln. (Alternative Therapien und/oder psychotherapeutische Begleitung bei Krebs sind zusätzlich sinnvoll, aber die alleinige Anwendung ist verantwortungslos). Genauso finde ich es einfach nur unverantwortlich, wenn mancher selbsternannter „Heiler“ völlig unzulässige und nachweislich unvalide diagnostische Methoden (d.h. solche, die keine korrekten Aussagen erlauben und deshalb ziemlicher Quatsch sind: Hierzu wird es bald einen eigenen Blogeintrag geben), wie z.B. den „kinesiologischen Muskeltest“ anwenden und ihren Patienten schreckliche Angst mit der Aussage einflößen, sie seien von „Erdstrahlen“, Quecksilber oder Ähnlichem belastet. In diesem Sektor wird unglaublich viel Unfug getrieben, und ich habe mehrere Freunde und Bekannte, die auf solche Menschen reingefallen sind und es bitter bereuen.

Der andere Typ sind diejenigen, die zwar kein Kapital aus ihrer Überzeugung schlagen, aber sich zu Missionaren erklärt haben. Die ihre Überzeugung als einzige Wahrheit betrachten und Gegenmeinungen oder abweichende Standpunkte mit der Äußerung abtun: „Du bist nicht offen dafür“. Was solche Leute gut können, ist, alles, was andere machen, zu kritisieren, nur nicht die eigene Überzeugung. Das Problem, dass bei diesen Menschen oft vorliegt, ist, dass sie ihr vermeintliches „Wissen“ nicht hinterfragen: Was ist die Quelle von dem, was ich weiß (Buch, Vortrag, Zeitung, Reportage auf Fernsehsender XY…)? Noch viel wichtiger ist aber die Frage: Woher hat der Buchautor, der Journalist oder der Vortragende sein Wissen? Und ist diese Quelle von Wissen glaubwürdig? Und wenn ja, warum? Meistens stammt „Wissen“ im esoterischen Bereich letztendlich von irgendwem ab, der sich das irgendwann einmal ausgedacht hat, oder aber von uralten mystisch-spirituellen Schriften, die in ihrer Bedeutung oft reichlich verdreht wurden. Jedenfalls liegt so gut wie nie eine empirische (Erklärung folgt sofort) Fundierung dieses vermeintlichen Wissens vor, oder wenn, dann nur in Form von methodisch so schlechten Studien, dass gültige Aussagen hieraus nicht abgeleitet werden können.

In der Wissenschaft, die sich deratigen Themen beschäftigt, stammt das Wissen aus kontrollierten Studien (das bedeutet „empirisch“), die idealerweise mit verschiedenen Methoden und an verschiedenen Probanden dasselbe herausfinden (was natürlich bedeutet, dass es Wissensarten verschiedener Güte gibt). Jenen „Missionaren“ fehlt aber oft die Bildung, um ihr Wissen kritisch zu hinterfragen, was jeder gute Wissenschaftler, der sich der Wissenschaftstheorie Carl Poppers bewusst ist, hingegen tut. Ich betrachte die Fähigkeit, Wissen und dessen Quellen kritisch hinterfragen und deren Glaubwürdigkeit einschätzen zu können, als eine der wichtigsten Kompetenzen, die mir mein Studium vermittelt hat.

D.h., um den Bogen zu schließen, könnte ich jemandem, der mir vorwirft, nicht „offen“ für Reiki, „Energiearbeit“, den kinesiologischen Muskeltest usw. zu sein, genau so gut entgegnen, dass er bzw. sie nicht offen ist für wissenschaftliche Erklärungen, und diese Behauptung wäre wesentlich fundierter. Natürlich wäre es vermessen, zu behaupten, dass die Wissenschaft alles auf der Welt erklären kann, und diesen Eindruck will ich auch gar nicht vermitteln. Kein seriöser Wissenschaftler würde dies jemals behaupten. Aber: Die moderne Wissenschaft kann eine gewaltige Menge von Dingen erklären und sehr viele (esoterische) Behauptungen als haltlos entlarven. Und eben, weil ich die Eigenschaften moderner und seriöser Wissenschaft so sehr schätze, sehe ich einen immensen Anlass dazu, ihr mehr zu trauen als Theorien und Erklärungen, denen jede empirische Fundierung fehlt. Wozu brauche ich aus der Luft gegriffene Theorien, wenn es auch wissenschaftlich fundierte, d.h. solche mit „Substanz“, gibt?

Darauf die Thesen desselben Diskussionspartners (A):

  • Argumentation, dass Handauflegen hilft, da jeder dies intuitiv bei sich selbst und anderen tue (Hand auf Bauch bei Bauchschmerzen, kühle Hand an Kopf bei Kopfschmerzen, Mutter legt Hand auf Kind, um es zu beruhigen).
  • Reiki sei eine Form des Energieaustauschs.
  • Besonders sensible Menschen seien in der Lage, Blockaden in Menschen zu spüren und diese durch Handauflegen zu lösen.
  • Reiki schade nicht und diene nur der Entspannung.

Meine erneute Antwort:

Das ist das, was ich meine. Intuitiv ist das alles nachvollziehbar, aber es setzt zwingend voraus, dass man daran glaubt. Natürlich verspüren wir positive Emotionen, wenn uns nahestehende Menschen uns berühren. Das liegt daran, dass angenehme Berührungen einen (größtenteils durch die Evolution bedingten und daher angeborenen) Belohnungswert für uns haben, der im Gehirn über das limbische System und verwandte Strukturen vermittelt wird. Die Folge dessen kann ein tiefer Entspannungszustand sein. Das ist die wissenschaftliche, auf intensiver Forschung basierende Erklärung für unser Empfinden.

Dafür, dass dabei irgendwelche „Energien fließen“, gibt es hingegen keine Hinweise – mit Ausnahme von Infrarotstrahlung (oder mit anderen Worten: Wärmeenergie), wenn die Hand warm ist. Das heißt, es handelt sich um zwei verschiedene Sichtweisen derselben Sache. Nur während die eine auf wissenschaftlichen Befunden basiert, setzt die andere einen Glauben voraus, weil sie ansonsten durch nichts gestützt wird. Natürlich kann das, was bei Reiki gemacht wird, Entspannung erzeugen und z.B. dadurch, dass angespannte Muskeln sich entspannen, Schmerzen reduzieren. Aber dazu braucht es keine „schillernde Story“ von irgendwelchen fließenden Energien und einem scheinbar besonders feinfühligen Menschen. „Innere Blockaden“ sind wieder ein Teil dieser „Story“ bzw. „Legende“, die aufgrund der Schwammigkeit des Begriffs natürlich nie gefunden werden konnten. Esoteriker, denen nicht selten eine entsprechende Bildung fehlt, können einem auch selten sagen, wie diese Blockaden aussehen und wo im Körper sie angesiedelt sein sollen. Wenn eine Person z.B. berichtet, durch Reiki in einem Entscheidungsprozess unterstützt worden zu sein, so wird das sehr wahrscheinlich schlichtweg am allgemeinen Entspannungszustand gelegen haben. Aber der Punkt, um den es mir geht, ist: Um einen solchen herzustellen, braucht es keinen Hokuspokus und keine esoterische „Story“: Andere Entspannungsverfahren wie z.B. progressive Muskelrelaxation nach Jacobsen, Meditation oder autogenes Training erzeugen dies auch. Das heißt, Reiki wirkt entspannend – ja, ganz bestimmt. Aber nicht, weil irgendwelche Energien fließen.

Viele (oft selbst ernannte) „Reiki-Experten“ behaupten aber noch viel mehr – und verkaufen das Verfahren als das Rundum-Allheilmittel schlechthin. Egal, ob Erkältung, Rückenschmerzen, Krebs, Allergien –  Reiki löst das Problem. Und das ist nun wirklich völliger Unsinn, wie in mehreren Doppelblindstudien eindrucksvoll nachgewiesen haben (ein Übersichtsartikel liegt z.B. von Lee, Pittler und Ernst aus dem Jahr 2008 vor). Die Erkenntnis ist schlichtweg diejenige, dass Reiki, wenn überhaupt, entweder über unspezifische Faktoren (z.B. einen allgemeinen Entspannungszustand) oder nur dann Effekte auf die Gesundheit ausübt, wenn die behandelte Person daran glaubt, dass es wirkt. Der Glaube ist der Motor des Placeboeffekts. Und im Prinzip hat der Diskussionspartner genau dies ja schon in seinem letzten Kommentar selbst gesagt: Es ist egal, ob die Mutter, der Vater, man selbst oder ein „Reiki-Lehrer“ einem die Hand auflegt: Die Wirkung ist die gleiche. Oft werden dann (wie weiter unten noch als Beispiel aufgeführt) als vermeintlicher Beweis persönliche Erfahrungen als Beleg für die Wirksamkeit herangeführt („Ich habe mich nach dem Reiki soooo gut gefühlt“). Nur ist diese Äußerung all den Störeinflüssen unterworfen, die wissenschaftliche Studien eben ausschließen (subjektives Empfinden von lediglich einer Person, mögliche andere Wirkfaktoren wie Umgebung, Atmosphäre, Glaube an das Verfahren, etc., etc. –  für mehr siehe das Beispiel weiter unten).

Ich finde es extrem wichtig, zwischen wissenschaftlichen Erklärungen und solchen, die auf Glauben basieren, zu unterscheiden. Und ich bin sehr dankbar dafür, aufgrund meines Studiums diese beiden Formen unterscheiden und bewerten zu können. Denn die Quellen seines Wissens zu kennen und ihre Glaubwürdigkeit einschätzen zu können, ist meiner Meinung eine Voraussetzung für ein Leben als mündiger Mensch. Und weil ich genau weiß, dass vielen anderen Menschen diese Voraussetzung fehlt (was überhaupt nicht abwertend gemeint ist!), habe ich vor knapp einem Jahr mit dem Schreiben dieses Blogs begonnen, mit dem ich das Ziel verfolge, den Menschen verschiedene Theorien vorzustellen und diese Theorien auch zu bewerten. Natürlich gibt es, wie gesagt, Bereiche, die schlicht kaum oder gar nicht wissenschaftlich erforschbar sind – keine Frage. Bei Phänomenen, für die jedoch schlüssige wissenschaftliche Erklärungen vorliegen (wie z.B. dem Effekt von Handauflegen), sehe ich persönlich jedoch keinen Anlass bzw. keine Notwendigkeit alternativer Theorien, die einen Glauben voraussetzen und aufgrund der wissenschaftlichen Erklärbarkeit im Wesentlichen überflüssig sind. Natürlich setzt das voraus, dass man sich mit diesen Theorien beschäftigt und offen für sie ist. Doch leider zeigt meine Erfahrung, dass die meisten Esoteriker dies nicht sind und wissenschaftliche Erklärungen abwehren. Warum? Wahrscheinlich, weil für sie dann ihre Welt und ihr Weltbild, dem sie sich leidenschaftlich verschrieben haben, zusammenbrechen würde.

Thesen des Diskussionspartners B:

  • Für Reiki bedürfe es keines Glaubens, die Person müsse lediglich zustimmen.
  • Es liege kein Placeboeffekt vor.
  • Begründung dessen: Der Diskussionspartner habe, als dessen kleine Tochter vor Kurzem Verdauungsprobleme gehabt hätte, ihr „Reiki gegeben“, nachdem das Medikament vom Arzt angeblich keine Wirkung gezeigt habe. Die Tochter sei eine Stunde liegen geblieben, und anschließend habe sich die Verstopfung durch Stuhlgang gelöst. Seitdem habe sie keine Verstopfung mehr gehabt.
  • Kinder seien bis zum dritten Lebensjahr sehr eng mit der geistigen Welt verbunden.
  • Es gebe mehr zwischen Himmel und Erde, als die Wissenschaft erklären könne.

Nun, auf diesen Kommentar hin habe ich nur noch auf meine vorherigen Texte verwiesen, weil hieraus ganz klar hervorgeht, dass dieser Diskussionspartner deren Inhalt entweder nicht vernünftig gelesen oder nicht verstanden hat – oder es nicht verstehen möchte. Weshalb ich an dieser Stelle dennoch erneut auf diesen Kommentar eingehen möchte, liegt daran, dass man an ihm so wunderbar anschaulich die gedanklichen Fehler aufzeigen kann, die Esoteriker typischerweise machen.

Widerspruch in nur einem Satz

Ein Glaube an Reiki sei nicht nötig, nur das „Ja“ der behandelten Person sei erforderlich. Mit anderen Worten: Wenn die Person nicht offen für Reiki ist, geht es nicht (denn sonst sagt man nicht ja, oder?). Ich gebe zu, streng genommen gibt es noch einen Unterschied zwischen dem Glauben an und der Zustimmung zu etwas, aber hier scheint der mir nicht entscheidend zu sein.

„Beweis“ der Wirksamkeit anhand eines Beispiels der eigenen Erfahrung

Der Diskussionspartner führt als Beleg für die Wirksamkeit ein Beispiel aus der eigenen Erfahrung an. Erstens hat Erfahrungswissen eine niedrigere Güte als wissenschaftliches Wissen, weil ersteres etlichen subjektiven Einflüssen unterliegt, während letzteres objektiv ist (bzw. sein sollte, wir wollen ja ehrlich bleiben). Zweitens werden andere Ursachen der verschwundenen Verstopfung völlig außer Acht gelassen (was einem wissenschaftlich denkenden Menschen nicht passieren würde). Dass der Placeboeffekt bei einem drei Jahre alten Kind nicht richtig greifen kann, ist nicht korrekt. Allerdings würde man hierbei eher von einem „Versuchsleitereffekt“ sprechen, wobei die Eltern hier die „Versuchsleiter“ darstellen. Dieser Effekt besagt, dass die Kinder massiv durch den Glauben und die Zuversicht der Eltern beeinflusst werden, die sie nämlich durchaus mitbekommen (und wodurch nämlich dann die eigene Zuversicht beeinflusst wird) – hiermit hätten wir also eine 1. Erklärung dafür, dass im oben genannten Beispiel die Verstopfung verschwindet. Darüber hinaus gäbe es mindestens noch vier andere Erklärungen dafür, dass die Verstopfung verschwunden ist: (1), dass das Medikament schlichtweg mit Verzögerung gewirkt hat, (2), dass der allgemeine Entspannungszustand die Verdauung reguliert hat, (3), dass die Verstopfung sich mit der Zeit einfach von selbst gelöst hat, (4), dass die Faktoren 1 bis 3 zusammengewirkt haben. Eine 6. Erklärung besteht zudem aus dem so genannten „Kontingenzlernen“, dessen Basis das klassische Konditionieren ist (die Assoziation zweier Reize, Dinge, Ereignisse). Ein Kind lernt sehr schnell, dass mit bestimmten Maßnahmen (z.B. Handauflegen) Linderung verbunden ist – ungeachtet dessen, warum diese Linderung nun genau eintritt.Was all dies zeigen soll: Die Hinzunahme einer schillernden „Story“ (fließende Energien…) ist völlig überflüssig, um den scheinbaren Effekt zu erklären – tatsächlich ist das ganze viel nüchterner zu betrachten.

Verwechslung von Glaube und Wissen & fehlendes Hinterfragen der Quelle des vermeintlichen „Wissens“

Die Aussage, dass Kinder in ihren ersten drei Lebensjahren besonders eng mit der „geistigen Welt“ verbunden seien, wird einfach als scheinbar feststehende Wahrheit in den Raum gestellt. Dabei wird weder hinterfragt, woher dieses vermeintliche Wissen stammt, noch wie glaubwürdig dieses ist – es wird nicht einmal eine Quelle angegeben. Meiner Vermutung nach handelt es sich um eine Aussage, die der Diskussionspartner irgendwann einmal von anderen Esoterikern oder aus einem entsprechenden Buch aufgeschnappt und dann unreflektiert und unkritisch aufgesaugt hat, weil es mit seinem Weltbild übereinstimmt und weil er es glauben will. Korrekt und für mich völlig akzeptabel wäre es, wenn der Diskussionspartner diese Aussage beginnen würde mit: „Ich glaube, dass…“. Dies aber als feststehende Wahrheit darzustellen, ist hingegen grober und dreister Unfug. Daher: Verwechslung von Glaube und Wissen. Oft argumentieren Esoteriker auch damit, man solle doch mal den „Verstand abschalten“ und „auf seine Gefühle hören“ – denn diese würden einem offenbaren, was wahr ist. Leute, die an esoterische Theorien nicht glauben, werden dann schnell als „emotional inkompetent“ abgetan. Nun, zunächst einmal ist die Unterscheidung zwischen Verstand (Kognition) und Gefühl (Emotion) nicht haltbar, weil sie so stark ineinander verwoben sind, dass keiner ohne den anderen existieren kann (siehe oben). Deshalb kann man seinen Verstand auch nicht „abschalten“. Außerdem sprechen wir hier über eine hochgradig subjektive Quelle von Wissen – und glaubwürdige Quellen von Wissen müssen objektiv, d.h. von Außenstehenden überprüfbar sein.

Beurteilung von dem, was Wissenschaft leisten kann, ohne sich auch nur ansatzweise damit auszukennen

Der pauschale Satz „Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als man mit dem Verstand/als die Wissenschaft erklären kann“ (der an und für sich völlig richtig ist) wird von Esoterikern sehr gerne verwendet, um ihren Glauben zu rechtfertigen. In der Mehrzahl der Fälle haben diese Leute jedoch gar keine Ahnung davon, was Wissenschaft überhaupt ist, welche Methoden sie anwendet, warum sie objektiv ist, warum sie die Quelle von Wissen höchster Güte ist ? und was sie überhaupt zu bieten hat. Sie wird meiner Ansicht nach als Quelle von Wissen abgelehnt, weil jene Menschen sie entweder nicht verstehen oder sie nicht in das schillernd-geheimnisvolle „esoterische Weltbild“ passt, das mit logischen, schlüssigen Erklärungen und Befunden viel zu langweilig und unspektakulär wäre (Ich bitte um Verzeihung für das bisschen Polemik). Aber eine Aussage darüber zu treffen, was Wissenschaft leisten kann und was nicht, ist schlichtweg nicht möglich, wenn man sich mit Wissenschaft überhaupt nicht auskennt – es sei denn, man möchte sich unbedingt lächerlich machen.

To put everything into a nutshell – mein Standpunkt zu Esoterik & Co. in maximaler Kürze

Ich habe überhaupt gar nichts dagegen, wenn Menschen an Dinge glauben, an die ich nicht glaube. Jeder soll glauben, woran sie oder er möchte. Es ist mir völlig egal, ob Menschen an Erdstrahlen, Reiki, Energiearbeit, Kinesiologie, Graphologie, Physiognomie, Astrologie, Kartenlegen, Gott, frühere Leben, Aliens, UFOs, Engel, Spaghettimonster, das jüngste Gericht oder eine gigantische Teekanne in den Tiefen des Weltalls glauben. Solange sie sich dessen bewusst sind, dass sie daran glauben. Vier Dinge kritisiere ich hingegen sehr scharf:

  • Wenn Menschen eben meinen, Dinge zu wissen, obwohl für ihre Überzeugungen keinerlei Belege existieren – und sie sich eben nicht darüber im Klaren sind, dass sie glauben und nicht wissen.
  • Wenn Menschen die Quelle ihres vermeintlichen Wissens nicht hinterfragen und kritisch reflektieren, sondern es als die einzig richtige Wahrheit betrachten und pausenlos versuchen, andere zu dieser „Wahrheit“ zu bekehren.
  • Wenn Menschen das Potenzial der Wissenschaft leugnen, ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben, wie Wissenschaft überhaupt funktioniert.
  • Wenn solche Menschen in Heilberufen arbeiten und Verantwortung für Patienten übernehmen, denen sie völlig haltlose Diagnosen stellen und Therapien anbieten, die entweder wirkungslos oder sogar schädlich sind, bzw. ihren Patienten von dringend nötigen traditionellen Therapien abraten.

Ich will die Wissenschaft nicht glorifizieren. Ich kenne die wissenschaftstheoretischen Beiträge von Popper, Hume, Platon, Sokrates, etc. Kein Wissen ist jemals 100% sicher, wenngleich es immer sicherer wird, je häufiger verschiedene Forscher anhand verschiedener Stichproben mit verschiedenen Methoden dasselbe herausfinden (Das nennt man Replikation). Und auch wenn keine Quelle von Wissen zu 100% sicher ist, so ist die Wissenschaft dennoch mit gewaltigem Abstand die Quelle von Wissen mit der höchsten Güte und der meisten Substanz dahinter, weil dieses Wissen auf Befunden, also auf von Forschern gemachten objektiven Entdeckungen beruht – und eben nicht nur auf Glaubensüberzeugungen.

Ich bin zweifelsohne auch der Auffassung, dass es Dinge gibt, die die Wissenschaft nie endgültig erklären können wird, z.B. die Frage nach der Entstehung des Universums, die Frage nach dem Leben nach dem Tod bzw. einer unsterblichen Seele – oder die Frage danach, wie aus der neuronalen Aktivität in unserem Gehirn etwas wie „Bewusstsein“ entsteht. Aber die Wissenschaft kann eine unglaubliche Vielzahl von Dingen bereits schlüssig erklären, weshalb zusätzliche, unfundierte, „schillernde esoterische Theorien“ (in meinen Augen) an dieser Stelle vollkommen überflüssig sind. Der Glauben sollte meiner Meinung nach an den Stellen einsetzen, an denen die Wissenschaft an ihre Grenzen kommt. An allen anderen Stellen hat er – meinem Standpunkt nach – nichts zu suchen. Und wenn man an diesen anderen Stellen trotzdem etwas anderes glauben will, weil man die Wissenschaft (aus welchen Gründen auch immer) ablehnt, dann soll man das von mir aus tun, solange man dabei einräumt, dass man glaubt – und nicht weiß.

© Christian Rupp 2013

Psychologische Tests – Teil 2: Diesen Tests können Sie trauen

Nachdem ich in Teil 1 beschrieben habe, welche Merkmale einen „echten“ psychologischen Test ausmachen, stelle ich in diesem Teil verschiedene Gruppen „gängiger“ psychologischer Testverfahren inklusive einiger prototypischer Vertreter vor.

Intelligenztests

Intelligenztests sind das Flaggschiff der Psychologie. Kein Thema wurde in der modernen Psychologie der letzten 100 Jahre intensiver beforscht als Intelligenz und ihre Messung, sodass heute eine Vielzahl sehr guter und auch präzise messender Intelligenztests vorliegen, die entweder Aussagen über die generelle Intelligenz liefern oder aber über spezifische Intelligenzfacetten (z.B. logisches Schlussfolgern und mentales Rotieren). Da ich das Thema „Intelligenz“ noch ausführlich behandeln werde, wobei ich auch einige Intelligenztests vorstellen werde, belasse ich es an dieser Stelle dabei.

Persönlichkeitstests

Seriöse Persönlichkeitstests basieren auf Mehr-Faktoren-Modellen der Persönlichkeit, die durch das statistische Verfahren der Faktorenanalyse (siehe Exkurs unten) entstanden sind. Dasjenige Modell, über das in der Wissenschaft am meisten Einigkeit besteht, ist das Modell der „Big Five“. Es basiert auf etlichen faktorenanalytischen Studien und besteht aus fünf Kerneigenschaften, anhand derer Menschen sich hauptsächlich unterscheiden:

Extraversion

Ja, es heißt nicht Extroversion – das Gegenteil ist aber die Introversion; Beispielaussagen für Extraversion wäre z.B. „Ich bin gerne unter Menschen“ und „Ich bringe Leben in eine Gesprächsrunde“.

Neurotizismus

Dies bedeutet emotionale Stabilität; ein sehr neurotischer Mensch ist eher emotional instabil.

Verträglichkeit

Kommt jemand gut mit anderen klar oder zieht er eher Konflikte an?

Offenheit für Erfahrungen

Ist jemand offen für Neues oder bleibt er lieber bei Altbekanntem?

Gewissenhaftigkeit

Habe ich im unten stehenden Exkurs erklärt.

Alle anderen Eigenschaften lassen sich gemäß diesem Modell den „Big Five“ unterordnen. Gute Persönlichkeitstests (Achtung: Die Namen von psychologischen Persönlichkeitstests sind fast immer Abkürzungen!) sind z.B. der „NEO-PI-R“, der „NEO-FFI“, der „TIPI“, der „BFI“ und der „FPI-R“. Der „BIP“ erfasst, weil für die berufliche Bewerberauswahl entwickelt, berufsrelevante Persönlichkeitseigenschaften, und der „PSSI“ erfasst das Kontinuum zwischen Persönlichkeitseigenschaft und Persönlichkeitsstörung.

Eine Sonderform der Persönlichkeitstests stellen die so genannten „Integrity“-Tests dar (z.B. der „IBES“). Diese erfassen, wie integer (= ehrlich, aufrichtig) ein Mensch ist – und tatsächlich können sie sehr gut unlauteres Verhalten am Arbeitsplatz (z.B. Diebstahl) vorhersagen, was verblüffend ist.

Persönlichkeitstests liegen meist in Fragebogenform vor, d.h. die Teilnehmer kreuzen an, wie sehr sie entsprechenden Aussagen (siehe oben) zustimmen. Es gibt aber auch Fremdbeurteilungsverfahren, d.h. Persönlichkeitstests, bei denen das Verhalten von Psychologen beobachtet und Rückschlüsse auf die Persönlichkeit desjenigen gezogen werden (was größte Sorgfalt und Vorsicht erfordert). Ebenso gibt es so genannte objektive Persönlichkeitstests wie den „OLMT“, die die Persönlichkeit indirekt erfassen, d.h. ohne dass der Teilnehmer weiß, dass es um seine Persönlichkeit geht. Beim OLMT wird z.B. die Leistungsmotivation des Probanden erfasst, in dem man ihn eine recht simple, aber auf Dauer anstrengende Aufgabe an einem Computerbildschirm lösen lässt, die inhaltlich nichts dem zu tun hat, was erfasst wird: Je länger der Proband „durchhält“, desto höher laut diesem Test die Leistungsmotivation. Auch hierbei wird also aus dem Verhalten auf die Persönlichkeit geschlossen. Fremdbeurteilungsverfahren und objektive Persönlichkeitstests bieten den Vorteil, dass sie nicht willentlich durch die Teilnehmer verfälscht werden können, was bei den Fragebögen natürlich möglich ist. Ihre Validität ist meist vorhanden, stellt jedoch teilweise ein Problem dar.

Auch unter diese Rubrik einzuordnen sind übrigens Tests zur Erfassung der Motive eines Menschen (wie der TAT, in der Reihe zu Motivation vorgestellt) sowie dessen Einstellungen gegenüber bestimmten Themen, Phänomenen und Menschengruppen (z.B. Migranten, Homosexualität, Esoterik, Übernatürliches…). Bei Letzterem wäre ich allerdings vorsichtig, den Begriff „Test“ zu verwenden und würde eher für die Bezeichnung „spezifischer Fragebogen“ plädieren, weil es sich ja immer um ein bestimmtes Thema dreht. Es gibt aber auch die Möglichkeit, Einstellungen, ebenso wie Motive, indirekt zu erfassen, d.h. ohne dass der Teilnehmer das Ergebnis verfälschen kann und ohne dass er weiß, dass es um seine Einstellungen geht. Ein bekanntes und recht valides Verfahren hierfür ist z.B. der IAT, der implizite Assoziationstest.

Die Validität von Persönlichkeitstests wird z.B. durch den Zusammenhang mit anderen Persönlichkeitstests oder mit bestimmten Verhaltensweisen, die zu der jeweiligen Eigenschaft passen, gesichert.

Exkurs „Faktorenanalyse“

Grob gesagt passiert bei der Faktorenanalyse Folgendes: Nachdem Probanden einen Fragebogen mit sehr vielen Aussagen (z.B. „Ich mag es, unter Leuten zu sein“ / „Ich erledige alle meine Arbeiten gründlich“) beantwortet haben, indem sie mit Hilfe einer Skala (die z.B. von 1-7 reicht) angaben, wie sehr diese Aussage auf sie zutrifft, werden statistische Analysen angewendet, die ausspüren, welche Aussagen des Fragebogens stark zusammenhängen (korrelieren). Zwei Aussagen sind dann korreliert, wenn Personen dazu tendieren, sie gleich oder ähnlich zu beantworten. Meistens hängen mehr als zwei Fragen zusammen, und diese werden dann zu einem „Faktor“ zusammengefasst. So gehören z.B. die Aussagen „Ich erledige alle meine Arbeiten gründlich“ und „Ich hasse es, wenn Unordnung entsteht“ zum Faktor „Gewissenhaftigkeit“ – einem der fünf großen Persönlichkeitsfaktoren, in dem sich Personen unterscheiden. Die Faktorenanalyse ist aber auch die Basis der Intelligenzforschung: Hier bearbeiten Probanden verschiedenste Aufgaben anstelle von Aussagen, und es werden diejenigen Aufgaben zusammengefasst, die häufig zusammen gelöst werden. Da Menschen z.B. sehr häufig sowohl in Wortschatz- als auch in Analogieaufgaben gute Leistungen bringen, werden beide Aufgabenarten, vereinfacht gesagt, oft zu dem Faktor „sprachliche Intelligenz“ zusammengefasst. Dass Leute, die gut in Wortschatzaufgaben sind, auch gute Leistungen in Rechenaufgaben bringen, ist derweil weniger häufig der Fall – sodass man hier von zwei verschiedenen Faktoren (z.B. „sprachliche Intelligenz“ vs. „mathematische Intelligenz“) ausgeht. Mehr dazu in den Artikeln zum Thema „Intelligenz“.

Tests zur Erfassung von Aufmerksamkeit, Konzentration & Gedächtnis

Hierunter fallen sämtliche Tests, die kognitive Funktionen wie Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Konzentration erfassen. Der „VLMT“ z.B. erfasst verbale Lern- und Merkfähigkeiten und ist in der Alzheimer – und Demenzdiagnostik wichtig. Die „TAP“ ist eine Testbatterie, mit der die selektive Aufmerksamkeit, das Arbeitsgedächtnis und die Konzentrationsleistung überprüft werden. Auch der „d2“ und der „FAIR“ erfassen die Konzentrationsleistung, in dem sie den Teilnehmer vor die Aufgabe stellen, eine vergleichsweise einfache Aufgabe, die aber viel Konzentration erfordert, unter Zeitdruck zu bearbeiten, ohne Fehler zu machen. Ebenso gibt es Tests, die die Belastbarkeit einer Person unter Stress und die motorischen Fähigkeiten erfassen. In diese Gruppe von Tests fallen all die Tests, die Teil der Aufnahmeprüfung in Berufen sind, in denen mangelnde Konzentration etc. fatal sein können – bei Piloten, Fluglotsen, Zugführer, LKW-Fahrer, etc. Auch bei der MPU, der medizinisch-psychologischen Untersuchung, die z.B. auf Verkehrsteilnehmer wartet, die zu viele Punkte in Flensburg haben, kommen viele von diesen Tests zum Einsatz.

Fragebögen zu klinischen Symptomen

Auch hier sollte man mit dem Begriff „Test“ vorsichtig sein und die Bezeichnung „Fragebogen“ wählen. Klinische Fragebögen erfassen Symptome psychischer Störungen und liegen entweder als Selbstbeurteilungsvariante (der Patient kreuzt selbst an) oder als Fremdbeurteilungsvariante (ein_e Psychologe_in beurteilt das Verhalten und die Schilderungen des Teilnehmers und kreuzt an) vor. Es gibt Fragebögen, die Symptome mehrerer Störungsbilder gleichzeitig abfragen (z.B. die „SCL-90-R“) und Fragebögen, die Symptome nur jeweils einer Störung erfassen – hier ein paar Beispiele von qualitativ hochwertigen diagnostischen Fragebögen:

Depression

  • Selbstbeurteilung: „BDI“, „ADS“ (hat nichts mit AD(H)S zu tun, sondern steht für „allgemeine Depressionsskala“)
  • Fremdbeurteilung: „MADRS“, „HAMD“

Angststörungen/Ängstlichkeit

  • Selbstbeurteilung: „STAI“ und „ACQ“
  • Fremdbeurteilung: „HAMA“

Zwangsstörungen

  • Selbstbeurteilung: „HZI“

AD(H)S bei Erwachsenen

  • Selbstbeurteilung: „WURS-K“ (für Symptome in der Kindheit), „ADHS-SB“ (für Symptome im Erwachsenenalter)
  • Für AD(H)S bei Kindern stehen zahlreiche Fremdbeurteilungsverfahren vor, die auch von Eltern und Lehrern ausgefüllt werden können.

und viele mehr…

Der wichtige Grundsatz bei den klinischen Fragebögen lautet: Sie sind als zusätzliche Quelle von diagnostischen Informationen sinnvoll, aber eine Störungsdiagnose sollte niemals alleine auf dieser Basis vergeben werden! Deshalb sollte hier auch nicht von Tests die Rede sein – denn die liefern sehr viel eindeutigere und vor allem unumstößliche Ergebnisse.

Im dritten Teil stelle ich dann abschließend eine Reihe von Tests vor, die die in Teil 1 dargestellten Gütekriterien von psychologischen Tests kaum oder gar nicht erfüllen. Sie glauben gar nicht, auf wie viele so genannte „Tests“ dies zutrifft…

© Christian Rupp 2013

Wahre Wirksamkeit oder nur Placeboeffekt? Wie die Wissenschaft dieser Frage auf den Grund geht.

Wie wird eigentlich untersucht, ob eine Heilmethode, sei es ein Medikament, Psychotherapie oder Akupunktur, wirksam ist? Im Idealfall werden hierzu so genannte so genannte randomisierte kontrollierte Studien durchgeführt.

Dabei handelt es sich um ein klassisches und wissenschaftlich sehr hochwertiges Design (so bezeichnet man im Allgemeinen den Aufbau solcher Studien) von klinischen Studien in der Medizin und Psychologie, welches ziemlich eindeutige Schlussfolgerungen bezüglich der Wirksamkeit von Heilmethoden erlaubt, wenn es denn wirklich objektiv durchgeführt wird (was unter Umständen nicht gegeben ist, wenn z.B. ein Pharmaunternehmen den Auftrag gibt und die erwünschten Ergebnisse schon vorher feststehen).

Sie ist idealerweise folgendermaßen aufgebaut: Eine Gruppe von Patienten, die die zu testende Behandlung (Medikament oder genau vom Ablauf und Inhalt her festgelegte Psychotherapie) erhält, wird vor und nach der Behandlung mit einer zweiten Gruppe von Patienten verglichen, die mit der ersten Gruppe hinsichtich wichtiger Variablen (wie vor allem der Diagnose, z.B. Depression) übereinstimmt, aber die betreffende Behandlung nicht erhält. Um aber am Ende wirklich den Schluss ziehen zu können, dass eine etwaige Verbesserung in der ersten Gruppe wirklich auf die Behandlung zurückzuführen ist, müssen einige wichtige Aspekte bei der Durchführung beachtet (bzw. kontrolliert) werden, welche im Folgenden vorgestellt werden sollen:

Randomisierung

Die (natürlich freiwillig) teilnehmenden Patienten werden per Zufall einer der Gruppen jeweils gleicher Größe zugewiesen, damit vorab bestehende systematische Unterschiede zwischen den Gruppen, die die Ergebnisse beeinflussen könnten, ausgeschlossen werden können. So ist es z.B. wichtig, dass die Patienten sich nicht aussuchen dürfen, in welche Gruppe sie lieber möchten (z.B. wenn medikamentöse mit Psychotherapie verglichen wird), da man aus wissenschaftlichen Studien weiß, dass alleine die Überzeugung, durch das jeweilige Mittel geheilt zu werden, zu eben dieser beitragen kann. Das ist natürlich schön für den Patienten – wissenschaftlich gesehen ist es aber ein Hinderniss, weil man am Ende nicht wüsste, ob die Wirkung von Medikament XY nur auf eben diese positive Wirkungsüberzeugung zurückzuführen ist. Idealerweise vergleicht man nicht nur zwei Gruppen miteinander, sondern drei, und zwar die folgenden:

Experimentalgruppe

Diese Gruppe von Patienten erhält die Behandlung, deren Wirksamkeit überprüft werden soll.

Kontrollgruppe ohne Behandlung

Diese Gruppe erhält keine Behandlung. Ihre Funktion besteht darin, ausschließen, dass die vermeintliche Wirkung nicht daher rührt, dass die Beschwerden über die Zeit auch von selbst verschwinden. Ihr Nachteil ist der, dass eine Placebowirkung der Behandlung nicht ausgeschlossen werden kann. Daher gibt es noch (entweder alternativ hierzu oder zusätzlich) die:

Placebo-Kontrollgruppe

Diese Gruppe erhält eine Placebo-Behandlung, bei Medikamenten z.B. eine Traubenzuckertablette, die natürlich genau so aussieht wie das echte Präparat. Bei Psychotherapie ist das natürlich schwieriger umzusetzen, aber nicht unmöglich. So bestünde, wenn eine neue spezifische Therapietechnik (z.B. eine bestimmte Form von Exposition bei Angststörungen) getestet werden soll, z.B. die Placebo-Behandlung in einer unspezifischen Therapieform (empathischer, verständnisvoller Therapeut, der aber ansonsten nichts tut). An dieser Stelle sei angemerkt, dass man, wie immer beim Placebo-Effekt, hierbei natürlich eine Wirkung (im Sinne einer Symptomverbesserung) erwartet, aber eben keine so große wie in der Experimentalbedingung. Die Funktion der Placebo-Kontrollgruppe ist es also, ausschließen, dass die vermeintliche Wirkung einer Behandlung darauf zurückzuführen ist, dass der Patient an die Wirkung glaubt bzw. eine Wirkung erwartet. Denn dass dieser Effekt in nicht unbedeutendem Ausmaß besteht, weiß man schon seit Langem. Ganz ausschließen kann man diesen Effekt jedoch nicht, da der Patient meistens mitbekommt, in welcher Bedingung er sich befindet. Lösen kann man dies nur durch eine „doppelte Verblindung“, die weiter unten erklärt wird.

Vortest und Nachtest

Das Ausmaß der Beschwerden wird vor und nach der Behandlung mit dafür geeigneten, standardisierten (Diagnose-)instrumenten gemessen. Idealerweise geschieht dies durch Personen, die den Patienten nicht kennen und auch nicht wissen, in welcher der zwei (oder drei) verschiedenen Gruppen er sich befindet. Man sagt auch, diese Person sei diesbezüglich „blind“ oder „verblindet“. Dies hat den Sinn, dass die bewertende Person somit bei der Einschätzung der Symptomatik nicht voreingenommen sein kann (in dem Sinne: „Der ist in der Experimentalgruppe, dem sollte es besser gehen“).

„Doppelblindheit“

…meint die „Blindheit“ der Versuchsleiter und der Patienten. Das bedeutet, dass weder Patient noch Versuchsleiter weiß, in welcher der drei Gruppen der Patient sich befindet. Der Patient nicht, damit Verbesserungen der Beschwerden nicht auf seine Erwartungen zurückzuführen sind, der Versuchsleiter nicht, weil er sonst voreingenommen beim Bewerten der Verbesserung im Nachtest sein kann oder durch sein voreingenommenes Verhalten falsche Antworten des Patienten auslösen kann (der so genannte Rosenthal-Effekt). Eine Verblindung des Versuchsleiters (der dann aber nicht mit dem durchführenden Therapeuten übereinstimmen darf) ist bei solchen Studien meistens gegeben, eine Verblindung des Patienten ist bei Psychotherapiestudien im Gegensatz zu Medikamentenstudien meist nicht durchführbar, weil der Patient schnell erkennen kann, ob er sich in der Experimental- oder der Kontrollgruppe befindet (insbesondere, wenn die Kontrollgruppe gar keine Behandlung erhält).

Wenn all diese Kriterien erfüllt sind und nur in der Experimentalgruppe eine signifikante (d.h. statistisch nicht durch Zufall erklärende) Verbesserung auftritt, kann die Wirkung mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auf die eingesetzte Behandlung zurückgeführt werden, und eben nicht auf Placeboeffekte oder eine Von-selbst-Verbesserung (auf Fachchinesisch: „Spontanremission“).

„Randomised Controlled Trials“

Diese Form von Studie wird nicht nur einmal durchgeführt, sondern direkt an mehreren Stichproben (d.h. Patientengruppen), daher die Bezeichnung „Randomised Controlled Trials“, kurz „RCT“, bzw. auf Deutsch „Randomisierte Kontrollierte Studie“. Auf je mehr Personen sich eine solche Wirksamkeitsstudie bezieht, umso höher die Aussagekraft. Weil es ethisch natürlich heikel ist, dass dieses Studiendesign Patienten in der Kontrollgruppe benachteiligt, wird dieses Problem übrigens so gehandhabt, dass jene Patienten im Anschluss an die Studienphase das Angebot erhalten, dieselbe (wahrscheinlich wirksamere) Behandlung wie die Experimentalgruppenpatienten zu in Anspruch zu nehmen.

Was ist gegen den Placeboeffekt einzuwenden?

Mit der beschriebenen Sorte von Studien konnte z.B. vielfach gezeigt werden, dass manche alternativen Heilmethoden wie Akupunktur oder „Geistheilung“ (wenn überhaupt) nur einen Placeboeffekt hervorrufen. Studien, die scheinbar deren Wirksamkeit belegen, erfüllen nicht die oben genannten Kriterien und sind somit aus wissenschaftlicher Sicht nicht zu Wirksamkeitsschlussfolgerungen geeignet, weil sie keine Vorkehrungen zum Ausschluss alternativer Erklärungen für eine etwaige Verbesserung der Beschwerden getroffen haben. Dem gegenüber sehen zahlreiche Formen der Psychotherapie (vor allem die kognitive Verhaltenstherapie, weniger die klassische Psychoanalyse), die eine „echte“, über den Placeboeffekt hinausgehende Wirkung aufweisen und hinsichtlich des Verbesserungseffektes absolut mit medizinischen Eingriffen mithalten können oder diese sogar übertrumpfen.

Auch wenn ich diese Form von Forschung als sehr wichtig erachte, um die Qualität in unserem Gesundheitswesen zu gewährleisten, bleibt am Ende die Frage, ob es nicht eigentlich egal ist, ob eine Methode durch sich selbst oder durch den Glauben an sie (Placeboeffekt) wirkt. Denn was die Psychologie auch seit Langem weiß: Glauben kann Berge versetzen. So konnte sogar  z.B. in Studien mit bildgebenden Verfahren (fMRT) gezeigt werden, dass eine Placebopille im Gehirn die gleichen schmerzreduzierenden Prozesse auslöst wie eine echte Schmerztablette. Und dass manch eine Kopfschmerztablette viel schneller wirkt als es rein physiologisch möglich ist, kennen wahrscheinlich die meisten. Die Gefahr des Placeboeffekts liegt meiner Meinung nach woanders: Er öffnet auch den Weg für Betrüger und Quaksalber jeglicher Art, die mit der Gutgläubigkeit der Menschen ihr Geld verdienen. Und deshalb ist es in meinen Augen wirklich ein Segen, dass man derartige Behandlungen auf diese Weise ganz genau unter die Lupe nehmen kann.

© Christian Rupp 2013