Intelligenz – Teil 6: „The Bell Curve“ & das dunkelste Kapitel der Psychologie

1994 veröffentlichten die beiden US-Amerikaner Richard Herrnstein und Charles Murray ein Buch namens „The Bell Curve: Intelligence and Class Structure in American Life“, wobei es sich bei der „bell curve“ natürlich um eine Anspielung an die Gauß’sche Glockenkurve handelt, der die IQ-Werte in der Population zumindest annähernd folgen (siehe auch hier). Dieses Buch hat für eine breite Kontroverse und heftige Kritik gesorgt, die man heutzutage wahrscheinlich als shit storm bezeichnen würde. Und das nicht ohne Grund, ziehen die Autoren doch auf Basis wackliger Prämissen Schlussfolgerungen, die schon im Nationalsozialismus en vogue waren.

Ethnische Unterschiede bezüglich der allgemeinen Intelligenz

Der wohl am kritischsten zu betrachtende Aspekt in der Darstellung von Herrnstein und Murray ist die Art und Weise, wie sie auf ethnische Unterschiede hinsichtlich des allgemeinen Intelligenzquotienten verweisen. So gelangen sie auf Basis der gesichteten Studienlage zu dem Schluss, dass in den USA Menschen asiatischer Herkunft in klassischen Intelligenztests wie den Wechsler-Tests durchschnittlich fünf IQ-Punkte mehr erzielen als „weiße“ US-Amerikaner, während Menschen afroamerikanischer Abstammung im Schnitt 15-18 Punkte (d.h. eine ganze Standardabweichung) weniger als „weiße“ Amerikaner erlangen. Nun kann man sich vorstellen, dass diese Befunde vor dem Hintergrund der Art und Weise, wie Afroamerikaner in der Vergangenheit in den USA behandelt wurden, gewaltigen sozialpolitischen Sprengstoff lieferten. Zudem weisen die Autoren darauf hin, dass der IQ von Einwandern zum Zeitpunkt der Immigration im Durchschnitt bei 95 und somit unterhalb des Populationsmittelwerts von 100 liege.

Sozialpolitische Schlussfolgerungen: Afro-Amerikaner und Immigranten loswerden

Nun, diese gefundenen Unterschiede sind zunächst einmal nicht so einfach wegzudiskutieren (worauf sie wahrscheinlich zurückzuführen sind, werde ich später noch beschreiben!), aber das Skandalöse an dem Buch „The Bell Curve“ ist etwas anderes: die sozialpolitischen Schlussfolgerungen und Forderungen, die Herrnstein und Murray daraus ableiten. Insgesamt zielt ihre Argumentation darauf ab, deutlich zu machen, dass durch eine Reihe von Faktoren die mittlere Intelligenz der US-Bürger heruntergedrückt werde und die Gesellschaft somit quasi zugrunde gehe. Hierfür seien eine Reihe von Faktoren verantwortlich. Neben dem nicht geringer werdenden Strom von Einwanderern, die mit ihrer geringeren Intelligenz den Durchschnitt „drücken“ (ebenso wie die afroamerikanische Bevölkerung), liege eine weitere Ursache in der Tatsache, dass Mütter mit unterdurchschnittlichem IQ mehr Kinder bekämen als solche mit durchschnittlichem IQ (was ein korrekter Befund ist). Da Intelligenz größtenteils erblich sei, vermehre sich somit die „dumme“ Bevölkerung immer mehr, während die „schlaue“ immer weniger werde. Aufgrund der angeblich hohen Heritabilität von Intelligenz seien ferner sämtliche großangelegte Fördermaßnahmen mit dem Ziel, Intelligenzunterschiede auszugleichen, völlige Fehlinvestitionen. Und es geht noch weiter: Antidiskriminierungsmaßnahmen, die dazu dienen sollen, Chancengleichheit in der Bevölkerung herzustellen (indem gezielt traditionell benachteiligte Gruppen wie Afroamerikaner gefördert werden), seien nicht nur unnütz, sondern auch ungerecht, da so z.B. Angehörige dieser Gruppen Studienplätze oder Jobs erhielten, für die sie aufgrund ihrer geringen Intelligenz gar nicht qualifiziert seien. Dies wiederum führe nur zu sozialen Spannungen und wachsendem Hass der eigentlich benachteiligten, „weißen“ Bevölkerung auf die afroamerikanische. Außerdem trüge diese Art von Fördermaßnahmen zur Verdummung von Schulen und Universitäten bei. Man solle, so Herrnstein und Murray, lieber die Ungleichbehandlung fortführen, da diese schlichtweg der Realität entspreche. Geld solle man lieber in die Förderung der Begabten (= hoch Intelligenten) stecken, da diese ohnehin bald in der absoluten Minderheit seien. Falls Ihnen diese Argumentationslinie bekannt vorkommt, wird das sehr wahrscheinlich daran liegen, dass ein ehemaliger deutscher Politiker namens Thilo Sarrazin in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ vor einigen Jahren fast genau die gleichen Thesen aufgegriffen und auf die Einwanderungssituation in Deutschland angewendet hat.

Die Kritik

Die Kritik an „The Bell Curve“ ist allem voran eine Kritik an den von Herrnstein und Murray vorausgesetzten Prämissen. Denn ein Grundkonzept der Philosophie lautet nun einmal, dass ein Argument nur dann Gültigkeit besitzt, wenn die Wahrheit der Prämissen zwangsläufig zur Wahrheit der Schlussfolgerung (Konklusion) führt. Die wichtigsten nicht korrekten Prämissen sind, wie auch bereits von Stephen Jay Gould beschrieben, im Folgenden dargestellt.

Überschätzte Heritabilität

Einer der größten Schwachpunkte an der oben beschriebenen grotesken Argumentation ist in der Tat, dass Intelligenz auf Basis des heutigen Wissensstandes bei weitem nicht so stark erblich bedingt ist wie lange angenommen (was Sie hier nachlesen können). Und selbst wenn dies so wäre, wäre die Schlussfolgerung, die gemessenen IQ-Unterschiede zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen seien im unterschiedlichen genetischen Material der Gruppen begründet, immer noch falsch, denn: Die Gruppen unterscheiden sich ganz offenbar auch stark hinsichtlich ihrer Umweltbedingungen (sozioökonomischer Status etc.), sodass man selbst im Sinne der klassischen Verhaltensgenetik folgern muss, dass die Ursache für die Unterschiede unklar ist. Heutzutage gibt es viele Belege dafür, dass die gemessenen IQ-Unterschiede eher nicht auf genetische Unterschiede zurückzuführen sind, sondern sehr viel stärker durch Umweltfaktoren zu erklären sind, vor allem durch den z.B. in der afroamerikanischen Bevölkerung im Durchschnitt deutlich geringeren sozioökonomischen Status, den damit verbundenen schlechteren Zugang zu (in den USA meist sehr teuren) Bildungsangeboten sowie durch diverse psychologische Effekte wie die sich selbsterfüllende Prophezeiung und geringe Leistungserwartungen von Lehrern an afroamerikanische Kinder (die oft von Beginn an mit dem Vorurteil konfrontiert werden, dass sie weniger leistungsfähig sind als „weiße“ Kinder). Hinzu kommen wahrscheinlich Effekte durch schlechtere Englischkenntnisse, die zur Bearbeitung der Intelligenztests erforderlich sind, sowie möglicherweise kulturelle Unterschiede (siehe weiter unten).

Annahme eines für alle Menschen geltenden g-Faktors

Herrnstein und Murray gründen ihre Argumentation unter anderem auf die Prämisse, dass es einen für alle Menschen geltenden Generalfaktor der Intelligenz (g-Faktor) gibt, der im Wesentlichen auch von allen gängigen Intelligenztests gemessen wird. Beide Prämissen sind auf Basis des aktuellen Standes der Wissenschaft nur schwer haltbar, wie Sie auch hier nachlesen können.

Intelligenztests sind für alle ethnischen Gruppen gleich schwierig

Auch diese wichtige Prämisse wird zwar kontrovers diskutiert, ist aber durchaus als heikel einzustufen. Zum einen gibt es Hinweise darauf, dass Menschen in westlich geprägten Kulturen vertrauter sind mit typischen Intelligenztestaufgaben, sodass Menschen aus anderen Kulturen eine Benachteiligung bei der Aufgabenbearbeitung erfahren. Ein sehr pragmatisches Beispiel hierfür sind Untertests zur kristallinen Intelligenz, in denen allgemeines Wissen oder Wortschatz dadurch erfragt wird, dass den getesteten Personen Bilder der jeweiligen Objekte gezeigt werden (wie z.B. im WIE). Hier liegt es auf der Hand, dass die Bilder (z.B. Autos, Armbanduhren, Häuser) stark von derjenigen Kultur geprägt sind, in der der Test entwickelt wurde – und dass Menschen aus anderen Kulturkreisen hiermit weitaus weniger vertraut sein mögen. Verknüpft damit ist der zweite Aspekt, der beinhaltet, dass das Verständnis von Intelligenz, auf dem etablierte Intelligenztests beruhen, stark durch die westliche Kultur geprägt ist, die Intelligenz weitgehend als Ausmaß der Effizienz der Informationsverarbeitung sieht. Wie Sie hier nachlesen können, hängt die Definition von „Intelligenz“ jedoch stark vom kulturellen Umfeld ab, sodass eine Benachteiligung dadurch entsteht, dass eines von vielen verschiedenen Intelligenzkonzepten gleichsam auf alle Menschen angewendet wird. Ein ganz zentrales Element, das eine Benachteiligung nach sich zieht, sind zudem die ungleich guten Sprachkenntnisse der getesteten Menschen, also z.B. bei Einwanderern in die USA die Englischkenntnisse. Es erscheint relativ logisch, dass bei mangelndem sprachlichen Verständnis der Aufgaben (und das ist bei jedem Intelligenztest erforderlich) schlechtere Testergebnisse resultieren, weil die Voraussetzung dafür, dass Intelligenz überhaupt gemessen werden kann, gar nicht erfüllt ist.

Fehler in der Analyse der zugrunde gelegten Studien

Zusätzlich zu den bereits genannten Punkten muss man den Autoren von „The Bell Curve“ außerdem noch eine Reihe methodischer und statistischer Fehler bei der Analyse der herangezogenen Studien vorwerfen. Zum einen wäre da der wirklich sehr grobe Schnitzer, einen Korrelationszusammenhang, der grundsätzlich ungerichtet ist, auf kausale Weise zu interpretieren. Gemeint ist hier der Zusammenhang zwischen dem sozioökonomischen Status und Intelligenz, wobei Herrnstein und Murray verzweifelt versuchen, scheinbar zu beweisen, dass ein niedriger IQ die Ursache eines niedrigen sozioökonomischen Status ist und nicht umgekehrt. Was hierbei jedoch Ursache und was Wirkung ist, ist nicht eindeutig geklärt, und das Allerwahrscheinlichste und zugleich Logischste ist, dass beide Faktoren sich im Laufe eines Menschenlebens gegenseitig beeinflussen: Intelligenz ist förderlich dabei, einen hohen Bildungsstand zu erreichen und somit das Armutsrisiko zu reduzieren, aber ebenso beeinflussen der sozioökonomischen Status und die damit verbundenen Förderbedingungen in der Ursprungsfamilie maßgeblich, wie sich die Intelligenz eines Menschen entwickelt. Meiner Meinung nach muss man sogar sagen, dass es letztlich unmöglich ist, diese beiden Variablen zu trennen, weil sie derart stark verflochten und voneinander abhängig sind. Und da wir es hier sowohl auf Seiten der Intelligenz als auch auf Seiten des sozioökonomischen Status mit zahlreichen anderen Variablen zu tun haben, die mit beidem zusammenhängen, aber so gut wie nie in Studien berücksichtigt und kontrolliert wurden, werden vernünftige Schlussfolgerungen noch zusätzlich erschwert.

Zweitens kann man Herrnstein und Murray für die Auswahl der zugrunde gelegten Originalarbeiten kritisieren: So beziehen sie sich auf mehrere Studien, die methodisch mehr als zweifelhaft sind (z.B. weil lediglich IQ-Unterschiede zwischen Gruppen, aber keine Gruppenmittelwerte berichtet werden oder weil die gemessenen niedrigeren IQ-Werte von südafrikanischen Kindern offensichtlich auf kaum vorhandene Englischkenntnisse zurückgehen). Drittens muss man den beiden Autoren vorhalten, dass sie bei der Analyse der Studien selektiv solche aussortierten, die nicht ins Bild passten – z.B. Daten von südafrikanischen (schwarzen) Schülern, die in einem Intelligenztest im Durchschnitt besser abschnitten als weiße Schüler. Somit ist die Analyse von Herrnstein und Murray alles andere als ausgewogen.

Eugenik – künstliche Selektion zur Rettung der Menschheit

Die Eugenik ist zweifelsohne das dunkelste und grausamste Kapitel der Psychologie, das traurigerweise kaum Inhalt der akademischen Lehrpläne in diesem Fach ist. Gemeint ist mit diesem Begriff eine Form der künstlichen Selektion der Art, dass die Fortpflanzung dahingehend beeinflusst wird, dass Nachkommen mit gewünschten Eigenschaften (z.B. hoher Intelligenz) entstehen – entweder durch Förderung der Fortpflanzung „wertvoller“ Menschen (positive Eugenik) oder durch die Hinderung „minderwertiger“ Menschen daran, sich fortzupflanzen (negative Eugenik). Ein leidenschaftlicher Verfechter dieser Konzepte war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Sir Francis Galton, der, begeistert vom Werk „Die Entstehung der Arten“ seines Cousins Charles Darwin, die These aufstellte, dass die natürliche Selektion des Menschen dadurch behindert werde, dass die Gesellschaft ihre schwachen Mitglieder schütze. Daher, so Galton, sei eine künstliche Selektion im Sinne der Eugenik nötig, weil sich sonst die weniger intelligenten Menschen stärker vermehren und so zum Niedergang der menschlichen Rasse führen würden (man merkt: Sowohl die Ideen von Herrnstein und Murray als auch die Thilo Sarrazins sind schon recht alt). Niedrige Intelligenz war bereits damals mit der Einwanderungsgesellschaft und der afroamerikanischen Bevölkerung assoziiert, und Galton war fest davon überzeugt, dass Intelligenz erblich bedingt sei. Daher lag die Schlussfolgerung nahe, die Selektion (und so die „Rettung der Menschheit“) dadurch voranzutreiben, dass man jene „minderintelligenten“ Gruppen von der Fortpflanzung abhalten möge.

Konkret war die politisch bald durchgesetzte Folgerung hieraus die Sterilisation entsprechender Personengruppen. Diese bezog sich allerdings nicht auf alle oben genannten Bevölkerungsgruppen, sondern laut dem US-amerikanischen Model Eugenic Sterilization Law (1922) u.a. auf „Minderbegabte“, „Wahnsinnige“, Blinde, Behinderte, Kriminelle, Epileptiker, Obdachlose und Waisenkinder. Und man sollte nicht davon ausgehen, dass diese nicht durchgeführt wurde: So schätzte das Journal of the American Medical Association, dass allein in den USA zwischen 1941 und 1942 über 42000 Personen zwangssterilisiert wurden. Aber damit nicht genug: Neben den USA etablierte eine Fülle weiterer Länder in der Folge eigene Eugenik-Programme (sowohl positive als auch negative), darunter auch Schweden, Kanada, Australien, Norwegen, Finnland und die Schweiz. Trauriger Spitzenreiter war in der Zeit des Nationalsozialismus Deutschland, wo bis zum Ende des 2. Weltkriegs mehr als eine halbe Million Menschen wegen „Verdachts auf Erbdefekte“ oder „Gefahr der Rassenverunreinigung“ zwangssterilisiert wurden – worunter neben geistig und körperlich behinderten Menschen auch „Asoziale“ wie Sinti, Roma und Alkoholiker sowie Homosexuelle (hier entzieht sich mir selbst der vermeintliche Sinn), Prostituierte und Fremdrassige (v.a. Menschen afrikanischer und arabischer Abstammung) fielen. Dies gipfelte schließlich in den rund 100.000 Euthanasiemorden, die die Nazis im Rahmen der „Aktion T4“ an behinderten Menschen verübten. Ein Beispiel für positive Eugenik war zudem der vom NS-Regime ins Leben gerufene Lebensborn, der zum Ziel hatte, die Geburtenrate „reinrassig-arischer“ Kinder zu steigern.

Das einzig Gute an alldem war (wenn man in diesem Zusammenhang überhaupt das Wort „gut“ verwenden darf), dass nach Ende des 2. Weltkriegs das internationale Ansehen der Eugenik drastisch abnahm, weil kaum ein Land mit den Gräueltaten Deutschlands in Verbindung gebracht werden wollte. Die Eugenikprogramme der meisten Länder wurden eingestellt, und 1948 verabschiedeten die Vereinten Nationen eine Resolution, gemäß derer es allen Männern und Frauen unabhängig von ihrer Nationalität, Ethnie, etc. erlaubt sein sollte, zu heiraten und eine Familie zu gründen.

Eine Warnung: Damit Deutschland sich nicht abschafft

Es wäre falsch, zu sagen, dass das Buch von Herrnstein und Murray direkt zur Eugenik aufruft. Dennoch finden sich in der Argumentationslinie und den gezogenen Schlussfolgerungen ganz klar Parallelen zu den Konzepten und Praktiken der Eugenik (keine Förderung der Schwachen, Bewahrung der Menschheit vor der Überbevölkerung durch die „Minderintelligenten“), die von Thilo Sarrazin gleichermaßen für Deutschland übernommen wurden. Auch nicht gerade ein gutes Licht auf „The Bell Curve“ wirft die Tatsache, dass Herrnstein und Murray sich einer großen Zahl von Originalarbeiten Richard Lynns bedienen, der nicht nur als bekannter Intelligenzforscher, sondern auch als bekennender Verfechter der Eugenik bekannt ist und z.B. befürwortet, Embryonen bei der künstlichen Befruchtung auf genetische Eigenschaften hin zu untersuchen und nur die „besten“ zu verwenden.

Auffällig ist bei Lynn, dass er kein Demagoge ist, der die Gesellschaft aufhetzen will. Er ist Wissenschaftler und hat größtenteils die unbegrenzte Nutzung wissenschaftlich angesammelten Wissens als Ziel vor Augen. Diese mechanistische Denkweise ist allerdings eine, die meiner Ansicht nach niemals Macht erlangen sollte. Denn was Lynn völlig außer Acht lässt, sind all die ethischen Probleme und Menschenrechtskontroversen, die dies mit sich führen würde. Aber was ist die Alternative? Politiker wie Thilo Sarrazin, die mit menschenverachtendem Vokabular zur „Eugenik 2.0“ aufrufen? Bitte nicht. Was bleibt, ist die Hoffnung in die wirklich klugen Köpfe unserer Gesellschaft, die in der Lage sind, Weltanschauung und wissenschaftliche Befunde auf konstruktive Art und Weise miteinander zu verbinden, anstatt immer neue Katastrophen herbeizuschwören und noch katastrophalere Lösungen vorzuschlagen.

 

Intelligenz – Teil 5: Ist unser IQ ausschließlich genetisch bedingt?

Vielen Lesern mag diese Frage allein schon seltsam vorkommen, herrscht doch in vielen Bereichen unserer Gesellschaft doch die Meinung vor, dass Menschen hinsichtlich ihrer Fähigkeiten stark formbar sind. Schließlich schicken wir unsere Kinder in die Schule, regen sie bei schlechten Noten an, sich anzustrengen und besorgen ihnen eine nette Nachhilfelehrerin. Die in der Überschrift gestellte Frage ist jedoch berechtigt, herrschte (und herrscht oft heute noch) in der Psychologie doch die Ansicht vor, dass die allgemeine Intelligenz des Menschen ein Merkmal darstellt, das zu einem vergleichsweise großen Anteil vererbt wird, d.h. genetisch determiniert ist. Da man in der Psychologie ebenso wie in der gesamten Wissenschaft ziemlich sicher ist, dass kaum ein menschliches Merkmal (mit Ausnahme von Dingen wie Augenfarbe und Blutgruppe) zu 100% genetisch bestimmt ist, begann man vor einigen Jahrzehnten, sich der Frage nach dem Anteil zu widmen, der auf genetische einerseits und Umwelteinflüsse andererseits zurückzuführen ist. Der Wissenschaftszweig, der sich hieraus entwickelte, nennt sich Verhaltensgenetik.

Das Konzept der Heritabilität

Den Grad der Erblichkeit eines Merkmals wie Intelligenz vernünftig zu berechnen, ist alles andere als einfach. In der Regel wird als Anhaltspunkt die so genannte Heritabilität berechnet, welche zweifelsohne zu den Messgrößen gehört, die am häufigsten falsch und vor allem überinterpretiert werden. Meistens wird die Heritabilität auf Basis von Zwillingsstudien berechnet. Das sind Studien, in denen eineiige (die zu 100% dieselben Gene besitzen) oder aber zweieiige Zwillinge (die durchschnittlich, aber nicht immer genau, 50% der Gene teilen – genau wie „normale“ Geschwister) dahingehend untersucht werden, inwieweit jedes der untersuchten Zwillingspaare hinsichtlich eines bestimmten Merkmals übereinstimmt. In unserem Fall bedeutet das: Bei beiden Zwillingen wird der IQ gemessen, und dann wird über die gesamte Stichprobe von Zwillingspaaren die Korrelation berechnet, sodass man ein Maß dafür erhält, wie groß über alle Zwillingspaare hinweg die durchschnittliche Übereinstimmung zwischen Zwilling A und Zwilling B ist. Wenn ein Merkmal stark genetisch bedingt ist, würde man erwarten, dass die Korrelation bezüglich dieses Merkmals bei eineiigen Zwillingen sehr viel größer ausfällt als bei zweieiigen. Diese Korrelation wird nun für eineiige und zweieiige Zwillinge separat berechnet, und die Heritabilität stellt ein Maß dar, das diese beiden Korrelationen zueinander ins Verhältnis setzt. Daher variiert auch die Heritabilität zwischen 0% und 100%, wobei der errechnete Prozentsatz, genau gesagt, den Anteil an der Gesamtvarianz eines bestimmten messbaren Merkmals (wie Intelligenz) in einer Population wiedergibt, der auf genetische Unterschiede zurückgeführt werden kann. Mit anderen Worten: Eine Heritabilität von 50% würde z.B. bedeuten, dass 50% der Varianz (also der Streuung) der Intelligenzwerte in der gesamten Population (wofür die Stichprobe stellvertretend ist) auf genetische Unterschiede der Menschen zurückgeführt werden kann. Oder noch anders ausgedrückt: Es bedeutet, dass 50% der IQ-Unterschiede innerhalb der gemessenen Gruppe mit den genetischen Unterschiedenen der Gruppenmitglieder (linear) zusammenhängen. Für das Merkmal Intelligenz wurden so in der Vergangenheit meist Heritabilitätswerte zwischen 70 und 80% berichtet, was ziemlich hohe Werte sind.

Kritik am Konzept der Heritabilität

Keine Aussagen über einzelne Personen

Der wichtigste Aspekt ist hierbei, dass die Heritabilität sich immer nur auf die Population oder, genau genommen, auf die Stichprobe von Individuen bezieht, bei denen das Merkmal erhoben wurde. Die Prozentzahl kann somit nicht herangezogen werden, um Aussagen über eine einzelne Person zu treffen: Die Aussage „Bei jeder einzelnen Person ist die Intelligenz zu 80% genetisch bedingt“ ist daher nicht korrekt.

Mutmaßung statt Messung und irreführende Prozentzahlen

Außerdem ist es wichtig, anzumerken, dass bei alledem der Grad der genetischen Übereinstimmung einfach auf einen bestimmten Wert festgelegt wird. Das ist bei eineiigen Zwillingen (da sind die 100% unumstößlich) weit weniger problematisch als bei zweieiigen: Da nämlich ist der durchschnittliche Wert 50%, aber dieser kann erheblich variieren. Es würde also mehr Sinn machen, die tatsächliche Übereinstimmung zu messen anstatt sie zu schätzen – das allerdings würde den Aufwand einer solchen ohnehin komplexen Studie ins nahezu Unermessliche steigern. Übrigens: Die Zahl 50% ist hochgradig irreführend, weil alle Menschen (egal welcher ethnischer Abstammung) 100% aller Gene gemeinsam haben. Die Unterschiede liegen in den Genvarianten, den Allelen – und selbst diese sind bei allen Menschen zu 99,9% gleich. Die gesamte Varianz des menschlichen Erscheinungsbildes spielt sich also in diesen 0,1% ab – und wenn es heißt, zweieiige Zwillinge hätten 50% ihrer Gene gemeinsam, so bezieht sich das lediglich auf 50% dieser 0,1% der Allele. Korrekt wäre also eigentlich die Aussage: Zweieiige Zwillinge teilen 99,95% ihrer Allele, und eineiige 100%.

Aussagen sind zeitlich beschränkt

Der zweite Kritikpunkt betrifft die Tatsache, dass die Schätzung der Heritabilität immer nur eine Momentaufnahme darstellt, d.h. immer nur die Rolle des aktuell aktivierten genetischen Materials wiederspiegelt. Wie man aber inzwischen weiß, werden die unterschiedlichen Gene im Laufe eines menschlichen Lebens ziemlich häufig an- und wieder abgeschaltet, sodass die Heritabilität keine Schätzung über zum Zeitpunkt der Messung nicht aktiviertes genetisches Potenzial erlaubt.

Nicht mehr als ein Verhältnismaß

Das wohl wichtigste Argument gegen die Heritabilität, welches deren Interpretierbarkeit stark eingrenzt, ist die Tatsache, dass es sich hierbei, wenn man die Formel einmal übersetzt, um nicht mehr als ein Verhältnismaß handelt, das die genetische Varianz in einer Stichprobe ins Verhältnis setzt zur Umweltvarianz (also der Unterschiedlichkeit der Umweltbedingungen) in derselben Stichprobe. Das bedeutet, die berechnete Heritabilität ist von beidem abhängig. Das scheint trivial, ist aber von großer Bedeutung: Wenn nämlich aus Gründen der mangelnden Repräsentativität der Stichprobe z.B. die Umweltvarianz sehr gering ist (weil sich in der Stichprobe z.B. nur nordamerikanische Männer aus der Mittelschicht befinden, die alle unter ähnlichen Umweltbedingungen leben), dann wird die Heritabilität zwangsläufig hoch ausfallen, weil die genetische Varianz in der Regel größer ist. Und in der Tat ist es so, dass viele der Studien, die zur Berechnung der Heritabilität durchgeführt wurden, genau diesen Schwachpunkt haben, was den Schluss nahelegt, dass die Heritabilität durch diese deutlich überschätzt wird – weil in den Stichproben gar nicht genug Umweltvarianz vorliegt, um dieses Maß sinnvoll zu deuten. Tatsächlich führt dieser Umstand oft zu seltsamen Phänomen und mitunter auch zu bildungspolitischen Fehlentscheidungen. So kam es z.B. bereits vor, dass Regierungen durch diverse Maßnahmen die Chancengleichheit von Kindern verbesserten und somit quasi die Umweltvarianz reduzierten, weil sich die Bedingungen, unter denen die Kinder lebten, dadurch ähnlicher wurden. Wenn dann z.B. durch Schultests der Bildungserfolg (der nun als weiteres Merkmal analog zur Intelligenz zu sehen ist) der Kinder gemessen und damit die „Heritabilität des Bildungserfolgs“ berechnet wird, kommt natürlich ein hoher Wert dabei heraus – der dann von (dummen) Politikern dahingehend fehlgedeutet wird, dass das Schaffen von Chancengleichheit völliger Quatsch ist, da der Bildungserfolg ja offenbar doch nur von der genetischen Ausstattung der Kinder abhängt. Ein Beispiel für einen grandiosen Fehlschluss.

Weitere Kritik an der Verhaltensgenetik

Neben diesen eklatanten Nachteilen des Konstrukts „Heritabilität“ gibt es diverse weitere Kritikpunkte an der klassischen Verhaltensgenetik. Diese Punkte betreffen vor allem die eher steinzeitliche Auffassung von Genetik und die ziemlich stiefmütterliche Behandlung des Umweltfaktors.

Konzeption von „Genetik“

Wie schon beschrieben, wird in der klassischen Verhaltensgenetik der Grad der genetischen Übereinstimmung zwischen Menschen nicht gemessen bzw. erfasst, sondern aufgrund bestimmter Annahmen geschätzt (z.B. auf 50%). Das allein ist bereits wissenschaftlich ziemlich unbefriedigend. Hinzu kommt, dass man inzwischen (z.B. in der molekularen Verhaltensgenetik) sehr viel weiter ist und eine Fülle verschiedener Arten von „Genvarianz“ unterscheidet – unter anderem die Varianz, die dadurch entsteht, dass unterschiedliche Allele an weit voneinander entfernten Orten im Genom (d.h. der Gesamtheit aller Gene) miteinander interagieren. Im Rahmen von so genannten Kopplungs- und Assoziationsstudien wird zudem durch den Scan des menschlichen Genoms untersucht, welche bestimmten Allele in Zusammenhang mit bestimmten Merkmalen wie z.B. psychischen Störungen stehen.

Konzeption von „Umwelt“

Man muss wohl zugeben, dass der Begriff „Umwelt“ so ziemlich einer der schwammigsten in der gesamten Psychologie ist. Gemeint ist hiermit die Summe an externen Faktoren, die einen Menschen in seiner Entwicklung von Geburt an beeinflussen – d.h. ungefähr alles von Ernährung und Klimabedingungen über Einkommen und Bildungsniveau der Eltern (oft zusammengefasst zum sozioökonomischen Status) bis hin zum elterlichen Erziehungsstil, den zur Verfügung gestellten Förderbedingungen und der Art der Eltern-Kind-Bindung. Das Problem hieran: Die Gleichheit oder Unterschiedlichkeit der Umwelt wurde und wird in der klassischen Verhaltensgenetik nie ausreichend präzise erfasst. Stattdessen verlässt man sich auch hier viel zu oft auf Daumenregeln, wie z.B. in den auch sehr beliebten Adoptionsstudien. Diese wurden lange als die beste Art von Studien gesehen, um den Einfluss von Umwelt und Genetik auf ein bestimmtes Merkmal voneinander zu trennen. Untersucht wurden hierbei eineiige Zwillingspaare (die also genetisch identisch ausgestattet sind), die jedoch von jeweils unterschiedlichen Familien adoptiert wurden. Die Annahme, die man hierbei meist getroffen hat, ist, dass die Umwelt der beiden Zwillinge im Gegensatz zum genetischen Faktor somit unterschiedlich ist. Sehr viele Psychologen haben in der Vergangenheit immer wieder betont, dass später gefundene Übereinstimmungen der Zwillinge, z.B. bzgl. des IQs, somit auf die gemeinsamen Gene zurückgeführt werden können. Dieser Schluss ist jedoch falsch: In Wirklichkeit ist es umgekehrt, weil vielmehr die gefundenen Unterschiede interessant sind – denn diese müssen zwangsläufig auf die Umwelt zurückzuführen sein. Die Schlussfolgerung ist aber aus noch einem zweiten Grund nicht korrekt: Übereinstimmungen zwischen solchen getrennt aufgewachsenen Zwillingen können ebenso auch auf die Umweltbedingungen zurückzuführen sein, denn diese sind in der Tat bei weitem nicht so unterschiedlich wie oft vermutet. Dies geht unter anderem zurück auf die bei Adoptionen weit verbreitete Praktik der selektiven Platzierung, die beinhaltet, dass die zuständigen Behörden darauf achten, dass die Adoptivfamilie der biologischen Familie des Kindes möglichst ähnlich ist. Untermauert wird diese bedeutende Rolle der Umwelt ferner durch eine Studie von Bronfenbrenner (1975), die zeigen konnte, dass die Übereinstimmungsrate (zu verstehen wie eine Korrelation) zwischen den IQ-Werten eineiiger Zwillinge stolze 0,80 betrug, wenn die Umwelten der getrennt aufgewachsenen Zwillinge sich stark ähnelten. War diese Ähnlichkeit jedoch nicht gegeben, lag die Übereinstimmung bei dem sehr viel niedrigeren Wert von 0,28. Insgesamt lässt sich hiermit also festhalten, dass durch die in der klassischen Verhaltensgenetik etablierten Methoden die Unterschiedlichkeit der Umwelt (also die Umweltvarianz) systematisch und erheblich unterschätzt wurde. So liegen z.B. sehr robuste Befunde dafür vor, dass gute Ernährung und insbesondere das Stillen sich positiv auf die spätere Intelligenz auswirken (die Unterschiede liegen im Bereich von 2 – 4 IQ-Punkten), während der mütterliche Alkohol- und Tabakkonsum sich negativ auswirken und im Falle von Alkoholkonsum (bei dem die Menge übrigens keine Rolle spielt!) sogar ein fetales Alkoholsyndrom (FAS) resultieren kann.

Gen-Umwelt-Interaktion

Das stärkste Argument gegen die klassischen Verhaltensgenetik kommt zum Schluss. Nämlich die Tatsache, dass es unangemessen ist, von einem additiven Verhältnis von Genetik und Umwelt auszugehen – was die klassischen Verhaltensgenetik jedoch tut und was sich auch in Maßen wie der Heritabilität wiederspiegelt. Denn nur wenn man davon ausgeht, dass Umwelt und Genetik eine Summe bilden, macht es Sinn, ein Verhältnis zu bilden, das eine Aussage darüber trifft, wie viel Prozent eines Merkmals auf Gene und wie viel auf Umwelt zurückzuführen sind. Inzwischen weiß man allerdings, dass diese Ansicht grundlegend falsch ist, sodass die additive Sicht inzwischen durch das Konzept der Gen-Umwelt-Interaktion ersetzt wurde. Gemeint ist hiermit, dass Gen- und Umweltfaktoren nicht einfach immer mit dem gleichen Gewicht aufeinander treffen, sondern dass bestimmte Umweltfaktoren je nach genetischer Ausstattung unterschiedlich wirksam sein können – ebenso wie dass bestimmte genetische Anlagen einer „Aktivierung“ aus der Umwelt bedürfen, ohne die sie nicht wirksam werden können. Mit anderen Worten: Umwelt und Genetik sind voneinander abhängig und greifen wie Zahnräder ineinander. So gibt es z.B. aus dem Bereich der Intelligenzforschung sehr überzeugende Befunde, dass gute genetische Anlagen nur dann zu einer hohen Intelligenz in einem späteren Alter führen, wenn das Kind in einer Umwelt aufwächst, in der seine Fähigkeiten gefördert werden. Ebenso für die Bedeutung der Umwelt spricht, dass sich die Befunde mehren, dass vernünftig konzipierte Intelligenztrainings eine nachweisbare (wenn auch nicht exorbitant große) Wirkung zeigen. Was genau man sich unter einer Gen-Umwelt-Interaktion vorstellen kann, habe ich übrigens auch in einer meiner hochgeladenen Präsentationen erklärt – am Beispiel von Depressionen. Die Präsentation finden Sie hier.

Insgesamt legt all dies das Fazit nahe, dass durch unsere genetische Ausstattung offenbar zwar ein gewisser Rahmen abgesteckt wird, innerhalb dessen sich unsere letztliche Intelligenz später einmal bewegt – aber dass die Umwelt auf das endgültige „Ergebnis“ einen sehr viel größeren Einfluss hat als lange angenommen. Dass jedoch die Bedeutung der Umwelt lange unterschätzt, ignoriert und als unwissenschaftlich abgewertet wurde, hatte erhebliche soziale und politische Konsequenzen, was uns zu einem sehr dunklen Kapitel der klassischen Verhaltensgenetik – und somit der Psychologie – bringt. Dieses wird Teil des nächsten und letzten Artikels der Intelligenz-Reihe sein, der mir aufgrund seiner gesellschaftlichen Bedeutung so sehr am Herzen liegt wie nur wenige andere.

 © Christian Rupp 2014

Warum Psychologen im Studium nicht lernen, ihr Gegenüber zu analysieren

Es ist das Cliché schlechthin, das in der breiten Gesellschaft über Psychologen und Psychologiestudierende kursiert, und damit verbunden ist eines der größten Irrtümer überhaupt, mit dem dieses Fach zu kämpfen hat. In diesem und im nächsten Artikel soll es darum gehen, kurz und bündig darzustellen, was man im Studium der Psychologie wirklich lernt, was beispielhafte Inhalte psychologischer Forschung sind, was fertige Psychologen tatsächlich können und worüber sie Bescheid wissen – und womit sie auf der anderen Seite nichts zu tun haben.

Psychologie, eine empirische Naturwissenschaft

Psychologie hat in der Gesellschaft oft einerseits den Ruf eines Heilberufes wie die Medizin, manchmal auch den eines „Laber-Fachs“ ohne Substanz, weil Psychologen ja angeblich immer nur reden. Gleichzeitig haben Psychologen für viele Laien etwas Unheimliches an sich, geht doch das Gerücht um, sie würden ihr Gegenüber wie eine durchsichtige Figur analysieren und in jedem Wort etwas finden, was man doch eigentlich verbergen wollte. Nicht zuletzt hat Psychologie, ebenso wie Medizin, den Ruf eines Elite-Studienfachs, da man, um es zu studieren, aufgrund der wenigen Studienplätze und der hohen Nachfrage meist einen Abiturdurchschnitt von mindestens 1,5 aufweisen muss. Doch was erwartet einen nun wirklich im Studium?

Psychologie an sich ist weder ein Heilberuf wie die Medizin, noch eine Geisteswissenschaft wie Philosophie oder Pädagogik, noch beinhaltet es die Vermittlung von übernatürlichen Fähigkeiten. Psychologie ist eine Naturwissenschaft, die, grob gesagt, menschliches Verhalten und Erleben dahingehend untersucht, dass sie versucht, es vorherzusagen und zu erklären. Sie ist derweil eine empirische, keine theoretische Wissenschaft, d.h., sie sucht nach Erkenntnissen nicht durch die logische Herleitung von Theorien, sondern durch die systematische Untersuchung des menschlichen Verhaltens und Erlebens. Dies tut sie durch das Aufstellen und das darauf folgende Testen von Hypothesen. Basierend auf empirischen Befunden (also den Ergebnissen aus wissenschaftlichen Studien) werden dann wiederum Theorien formuliert, die diese Ergebnisse erklären können – und die dann durch darauf folgende Studien entweder bestätigt oder widerlegt werden. Die Psychologie folgt dabei weitgehend der Wissenschaftstheorie Carl Poppers, die besagt, dass man in der Wissenschaft nie etwas schlussendlich beweisen kann, sondern nur weitere Bestätigung für eine Theorie oder Hypothese sammeln kann. Das einzige, was endgültig möglich ist, ist, eine Theorie oder Hypothese zu widerlegen (d.h., zu falsifizieren). Mehr zum Thema Wissenschaftstheorie finden sie hier.

Da die Psychologie ein unglaublich weites Feld darstellt, kann dies sehr, sehr viele verschiedene Formen annehmen. Besonders gern wird mit Experimenten gearbeitet, bei denen typischerweise zwei Gruppen von Probanden (d.h. Versuchtsteilnehmern) miteinander verglichen werden, die sich nur dadurch unterscheiden, dass bei der einen eine experimentelle Manipulation stattgefunden hat und bei der anderen nicht. Unterscheiden sich die beiden Gruppen danach hinsichtlich eines bestimmten Merkmals (das abhängige Variable genannt wird), kann man sicher sein, dass dieser Unterschied nur auf die experimentelle Manipulation zurückzuführen ist. Zudem werden sehr oft Zusammenhänge zwischen Merkmalen (d.h. Variablen) untersucht, z.B. zwischen Intelligenz und späterem Berufserfolg. Dies erfolgt in der Regel durch die Berechnung von Korrelationen. Wenn die eine Variable zeitlich deutlich vor der anderen gemessen wird, kann man zudem Aussagen darüber treffen, wie gut die eine Variable (z.B. Verlustereignisse in der Kindheit) die andere (z.B. Entwicklung einer Depression im Erwachsenenalter) vorhersagen (oder prädizieren) kann. Um einen Eindruck von typischen Sorten von psychologischen Studien zu vermitteln und die ganzen kursiv gedruckten Begriffe ein wenig mit Leben zu füllen, seien im Folgenden vier Beispiele aus verschiedenen Bereichen der Psychologie genannt.

1. Arbeits- & Organisationspsychologie: Wie kann man Berufserfolg vorhersagen?

Dies ist ein Beispiel für eine Korrelationsstudie, bei der anhand der Intelligenz der Berufserfolg mehrere Jahre später vorhergesagt werden soll. Eine solche Erkenntnis ist von großem Wert für Psychologen, die in der freien Wirtschaft in der Personalauswahl tätig sind und die natürlich ein Interesse daran haben, solche Bewerber für einen Job auszuwählen, von denen erwartet werden kann, dass sie dem Unternehmen in Zukunft Geld in die Kasse spülen. Man geht hierbei so vor, dass man zu einem ersten Zeitpunkt die allgemeine Intelligenz einer Gruppe von Personen misst, die sich z.B. in dieser Gruppe zwischen 90 und 125 bewegt. Hierzu muss natürlich ein psychologischer Test gewählt werden, der präzise misst und gültige Aussagen über die Personen erlaubt. Zu einem späteren Zeitpunkt (z.B. 3 Jahre später) wird dann der Berufserfolg derselben Personen gemessen. Das kann man auf verschiedene Weise tun: Man kann das Einkommen oder die Berufszufriedenheit von den Probanden selbst erheben, oder man kann die jeweiligen Vorgesetzten bitten, die Leistung der Probanden zu bewerten. Die Übersetzung des recht allgemeinen Begriffs „berufliche Leistung“ in konkret messbare Variablen nennt man derweil die operationale Definition.

Wenn man dann beides gemessen hat, kann man den Zusammenhang der beiden Variablen (Intelligenz & Berufserfolg) berechnen, was mittels einer Korrelation erfolgt. D.h., man möchte wissen, ob im Mittel über alle Probanden hinweg höhere Intelligenzwerte mit höherem Berufserfolg einhergehen. Achtung: das bedeutet, dass diese Aussage nicht für jeden Probanden gelten muss: Es wird immer Ausnahmen geben, die dem generellen Trend widersprechen – aber dieser generelle Trend ist von Bedeutung. Wie stark dieser Trend ist, kann man am Korrelationskoeffizienten ablesen, der zwischen -1 und +1 variieren kann. -1 stünde für einen perfekten negativen Zusammenhang (je intelligenter, desto weniger erfolgreich im Beruf), +1 für einen perfekten positiven Zusammenhang (je intelligenter, desto erfolgreicher) und 0 für keinen Zusammenhang (Berufserfolg hat nichts mit Intelligenz zu tun).

Im Falle des Zusammenhangs zwischen Intelligenz und Berufserfolg wurde in Metaanalysen (das sind statistische Verfahren, mit denen die Ergebnisse vieler Studien zum gleichen Thema zusammengefasst werden) herausgefunden, dass Intelligenz späteren Berufserfolg mit durchschnittlich 0,5 vorhersagt. Das ist in der Psychologie ein verdammt hoher Wert – und es ist von allen Variablen, die man zur Vorhersage von Berufserfolg herangezogen hat (u.a. Leistung in Assessment Centern, Persönlichkeitsmerkmale, Arbeitsproben, Referenzen früherer Arbeitgeber…) diejenige, die am allerbesten Berufserfolg vorhersagt (man sagt auch, Intelligenz stellt den besten Prädiktor für Berufserfolg dar). Zum Vergleich: Die bei Unternehmen sehr beliebten Assessment-Center zur Bewerberauswahl, die das Unternehmen gerne mehrere zehntausend Euro kosten, haben mit späterem Berufserfolg nur einen Zusammenhang von ungefähr 0,3, sagen diesen also sehr viel weniger verlässlich vorher. Dass Unternehmen in der Bewerberauswahl dennoch die viel teureren Assessment-Center einsetzen, hat einerseits mit der mangelhaften Kenntnis wissenschaftlicher Befunde zu tun, andererseits aber auch mit den beiden Tatsachen, dass die Anbieter von Assessment Centern gut daran verdienen und Intelligenztests trotz ihrer erwiesenen Vorteile oft angstbesetzt und daher verschrien sind.

2. Kognitive Neurowissenschaft: Wie unser Gehirn sich Gedächtnisinhalte einprägt

Hierbei handelt es sich ein Experiment aus einem vergleichsweise jungen Teilgebiet der Psychologie, der kognitiven Neurowissenschaft, die sich mit der Frage befasst, welche Prozesse im Gehirn unseren kognitiven Funktionen (Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Denken, Problemlösen, Entscheiden etc.) sowie auch unseren Emotionen zugrunde liegen. Viele psychologische Studien haben sich damit beschäftigt, wie unser Gedächtnis funktioniert. Die Studienart, die ich vorstellen möchte, widmet sich der Frage, wie unser Gehirn es schafft, dass wir uns Gedächtnisinhalte einprägen (d.h. enkodieren) können. Hierbei handelt es sich um eine Leistung des so genannten Arbeitsgedächtnisses, das früher als Kurzzeitgedächtnis bezeichnet wurde und eine begrenzte Menge von Material für maximal wenige Minuten aufrechterhalten kann. Dies ist abzugrenzen von unserem Langzeitgedächtnis, in das Gedächtnisinhalte eingehen, die aufgrund häufiger Wiederholung so weit gefestigt (d.h., konsolidiert) sind, dass sie dauerhaft gespeichert sind. Für diese Konsolidierung ist eine evolutionär alte und innen liegende Gehirnstruktur, der Hippocampus notwendig. Für das Einprägen bzw. das Enkodieren von Gedächtnisinhalten (eine Funktion, die konzeptuell Arbeits- und Langzeitgedächtnis verbindet) sind wiederum andere Gehirnareale verantwortlich.
Um herauszufinden, welche, haben sich Psychologen eines sehr eleganten Designs (so wird generell der Aufbau eines Experiments bzw. einer Studie bezeichnet) bedient, das folgendermaßen aussah: Während Versuchspersonen in einer fMRT-Röhre lagen (mit dem fMRT kann recht präzise die Aktivität einzelner Gehirnareale untersucht werden), wurden sie gebeten, sich in vorgegebener Reihenfolge eine Liste mit Wörtern so gut wie möglich einzuprägen. Außerhalb der Röhre wurden sie dann einige Zeit später gebeten, so viele Wörter wie möglich zu erinnern. Typischerweise berichten Probanden dann zwischen 50 und 75% der Wörter. Was dann kommt, ist wirklich außerordentlich clever und elegant: Man vergleicht die im fMRT gemessene Gehirnaktivität während des Einprägens derjenigen Wörter, die anschließend erinnert wurden, mit der Gehirnaktivität während des Einprägens von Wörtern, die anschließend nicht erinnert werden konnten. Wenn sich dann eine bestimmte Gehirnregion findet, die in den beiden Fällen unterschiedliche Aktivität aufweist, ist sie offenbar an dem oben beschriebenen Einpräge-Prozess beteiligt: Hohe Aktivität führt zu einer höheren Erinnerungswahrscheinlichkeit für Wörter und spiegelt eine intensivere Enkodierung wieder. Genau das wurde für verbale Gedächtnisinhalte (Wörter) für ein kleines Areal im frontalen Cortex gefunden, den linken inferioren frontalen Gyrus – auch bekannt als Broca-Areal. Dieses Areal ist auch essentiell für unsere Fähigkeit, zu sprechen, was darauf hinweist, dass das Einprägen von Wörtern eine Art „innere Stimme“ nutzt, mit der die Wörter immer wieder wiederholt werden. Für visuelle Stimuli (z.B. Bilder) wurden währenddessen andere Gehirnareale gefunden, die für die Enkodierung wichtig sind.

3. Klinische Psychologie: Interaktion von Genetik und frühen Traumata bei Depression

In der klinischen Psychologie interessiert man sich neben der Untersuchung der Wirksamkeit von Psychotherapie im Rahmen kontrollierter Studien vor allem für die Frage nach der Ursache von psychischen Störungen. Bezüglich Depression weiß man, dass sowohl Stress in Form einschneidender und traumatischer Lebensereignisse (z.B. früher Verlust enger Bezugspersonen) als auch bestimmte Varianten eines Gens (des so genannten 5HTT-LPR-Polymorphismus) einen Risikofaktor für die Entwicklung einer späteren Depression darstellen. Was man hingehen lanfe Zeit nicht wusste, ist, wie genau diese Faktoren sich zueinander verhalten. Um dies zu untersuchen, führten die Wissenschaftler Caspi und Kollegen eine im Jahr 2003 veröffentlichte Längsschnittstudie durch. Das bedeutet, dass sie Probanden über mehrere Jahre begleiteten und im Zuge dessen einerseits durch Genanalysen die Ausprägung des oben genannten Gens und andererseits die im Laufe der Jahre aufgetretenen einschneidenden Lebensereignisse sowie die Zahl der Probanden, die eine Depression entwickelten, erfassten.

Das Ergebnis war verblüffend und schlug in der klinischen Psychologie wie eine Bombe ein: Sowohl die kritische Variante des Gens erhöte das Risiko für die Entwicklung einer Depression als auch die Anzahl der kritischen Lebensereignisse im Sinne einer „je mehr, desto höher“-Verbindung. Das ist an sich wenig überraschend, aber interessanterweise fanden die Autoren auch, dass der Einfluss der Zahl der Lebensereignisse sehr viel größer war, wenn die kritische Genausprägung (d.h. der unkritische Genotyp) im Gegensatz zur unkritischen vorlag. Und auch das Gegenteil war aus den Daten ersichtlich: Der Einfluss des Genotyps auf das Depressionsrisiko war erst von Bedeutung, wenn zwei oder mehr kritische Lebensereignisse vorlagen, vorher nicht. Man spricht in diesem Fall von einer Gen-Umwelt-Interaktion. Diese Ergebnisse haben eine sehr weitreichende Bedeutung für das Verständnis der Depression und die Art und Weise, wie sich genetische Ausstattung und Umweltfaktoren zueinander verhalten.

4. Sozialpsychologie: Saying-is-Believing – Ich glaube, was ich sage

Hierbei handelt es sich um ein klassische Sorte von Experimenten (ein so genanntes Paradigma) der Sozialpsychologie, die sich mit dem Verhalten von Menschen in sozialen Situationen beschäftigt. Der Saying-is-Believing-Effekt besagt, dass wir, wenn wir wissen, dass unser Gegenüber eine bestimmte Einstellung oder Meinung vertritt, ihm gegenüber auch hauptsächlich Dinge erwähnen, die mit dessen Meinung übereinstimmen – und in der Folge sich unsere eigene Einstellung der unseres Gegenübers angleicht. Dies weiß man aus Experimenten, in denen Versuchspersonen z.B. per Chat mit einer meist fiktiven (d.h. in die Studie eingeweihten) Person kommunizierten, über die sie entweder die Information erhielten, dass diese hinsichtlich eines bestimmten Themas ihrer Meinung oder anderer Meinung waren. Diese Information stellt hier die experimentelle Manipulation dar. So könnte die Information z.B. darin bestehen, dass das unbekannte Gegenüber ein Fan von Lady Gaga ist, während der Proband selbst zu Beginn die Information gegeben hat, dass er diese überhaupt nicht gut findet oder ihr neutral gegenüber steht. In der Kommunikation erwähnt der Proband dem fiktiven Gegenüber dann typischerweise tendenziell positive Dinge über Lady Gaga, was dazu führt, dass sich seine Einstellung dieser gegenüber ins Positive hin verändert – was man sehr gut nach der Kommunikationsphase anhand eines eigens dafür entwickelten Fragebogens erfassen kann.

Das war ein kleiner Einblick in verschiedene Forschungsthemen aus unterschiedlichen Fächern der Psychologie, mit dem ich hoffe, deutlich gemacht zu haben, wie facettenreich dieses Fach ist und wie wenig es mit dem zu tun hat, was die meisten Menschen generell im Kopf haben, wenn sie das Wort „Psychologie“ hören. In den folgenden Artikeln wird es darum gehen, warum das Psychologiestudium so voller Statistik und Mathematik ist, mit wie vielen verschiedenen Themen Psychologen sich tatsächlich auskennen und warum Sigmund Freud weder der Begründer der Psychologie ist noch in dieser eine bedeutende Rolle spielt.

Autismus & das Asperger-Syndrom – Teil 3: Was ist die Ursache? Von Genen, Kühlschrankmüttern und Veränderungen im Gehirn

Wird Autismus vererbt? Oder liegt es an der Erziehung?

Stellt man die Frage nach der Ursache einer Störung, kann man sich diese immer auf verschiedenen Ebenen anschauen. Man kann sich u.a. die Ebene der Gene anschauen, wenn man von einer genetischen Ursache ausgeht, oder man kann sich genau die Lebensumstände und die Biographie des Betroffenen anschauen, wenn man stark von einer durch äußere Einflüsse bedingten Störung ausgeht. Worin sich psychische Störungen grundsätzlich unterscheiden, ist der Anteil, den jeweils genetische und Umweltfaktoren ausmachen, wobei man generell davon ausgehen sollte, dass sich die beiden nicht unbedingt aufaddieren (eine bestimmte Menge genetische Einflüsse + ungünstige Umwelterfahrungen = Störung), sondern dass eine Interaktion besteht, was bedeutet, dass beide Faktoren ineinander greifen: So kann es beispielsweise sein, dass eine bestimmte genetische Veranlagung generell das Risiko für eine Störung erhöht, diese aber erst ausbricht, wenn gleichzeitig bestimmte Umwelteinflüsse wie einschneidende Lebensereignisse auftreten. Was ich hier nun in sehr vereinfachter Form dargestellt habe, ist ein Beispiel für ein so genanntes Vulnerabilitäts-Stress-Modell: Die Vulnerabilität (übersetzt „Verwundbarkeit“) ist in diesem Beispiel durch eine bestimmte Genausprägung gegeben, die durch das Zusammentreffen mit „Stress“ (hierunter fallen sämtliche Stress auslösenden und körperlich wie emotional belastenden Ereignisse) zum Ausbruch einer Störung führt.

Es gibt aber noch eine dritte Ebene, auf der man Ursachenforschung betreiben kann, und diese betrachtet im Wesentlichen veränderte Prozesse im Gehirn, die man entweder anhand direkter Messungen wie MRT, fMRT, EEG, etc. oder anhand der Leistung in psychologischen Testverfahren aufdecken kann und die die Folge sowohl von genetischen Veränderungen als auch von bestimmten Umwelteinflüsse bzw. Lernerfahrungen sein können. D.h., diese Ebene ist sozusagen neutral bezüglich der Frage, was die Veränderungen in den Gehirnprozessen hervorgerufen hat, und sie bietet interessante Erkenntnisse darüber, wie sich bestimmte Symptome auf der Ebene der Gehirnfunktionen erklären lassen. Auf diese drei verschiedenen Perspektiven werde ich nun im Hinblick auf den Autismus und das Asperger-Syndrom eingehen.

Genetik

In der Tat ist im Fall des frühkindlichen Autismus und des Asperger-Syndroms der Anteil, der auf die genetische Ausstattung des Betroffenen zurückzuführen ist, sehr viel höher als bei anderen psychischen Störungen und wahrscheinlich unter diesen sogar am höchsten. Hierfür spricht die Tatsache, dass, wenn ein Zwillingskind betroffen ist, sein eineiiges Geschwisterkind, welches die identische genetische Ausstattung besitzt, in 95% der Fälle ebenfalls betroffen ist, während diese Übereinstimmungsrate (auch Konkordanzrate genannt) bei zweieiigen Zwillingen, die nur ca. 50% der Gene teilen, mit 24% sehr viel geringer ausfällt. Dies lässt auf einen vergleichsweise hohen Erklärungsanteil der Genetik schließen, da diese Übereinstimmungsraten sehr viel unterschiedlicher wären, wenn eine vorwiegend umweltbedingte Verursachung der Störung vorläge. Ebenfalls für eine genetische (Mit)verursachung spricht, dass Jungen sehr viel häufiger betroffen sind als Mädchen (was eine Rolle der Geschlechtschromosomen nahelegt) und dass tiefgreifende Entwicklungsstörungen oft mit anderen neurologischen und psychologischen Auffälligkeiten wie Epilepsie und geistiger Behinderung einhergehen. Nun folgt aber leider die kleine Enttäuschung: Bisher hat man kein eindeutiges „Autismus“-Gen ausfindig machen können, sodass man derzeit davon ausgeht, dass es sich um einen „polygenen“ Erbgang handelt, d.h. um einen solchen, der von mehreren Genen bestimmt wird.

Der aufmerksame Leser wird an dieser anmerken: Moment, es kann aber ja nicht nur an genetischen Ursachen liegen, sonst wäre die Übereinstimmungsrate bei eineiigen Zwillingen doch 100%. Goldrichtiger Einwand! Es muss einen kleinen Anteil geben, der auf die Umwelt zurückzuführen ist. Dieser ist bisher aber noch unzureichend erforscht und auch mit einem gewissen Stigma belegt, da die ursprünglichen Theorien Autismus als reines Produkt emotional abweisender elterlicher Erziehung betrachteten („Kühlschrankmutter“), was heutzutage natürlich als widerlegt gilt. Dennoch ist nicht auszuschließen, dass sich in Zukunft bestimmte Erziehungsstile oder aber andere Faktoren wie Ernährung etc. als ursächliche Faktoren im Hinblick auf diese Störungsbilder erweisen werden.

Neurobiologische Ebene: Auffälligkeiten im Gehirn

Im Gehirn autistischer Menschen finden sich einige Auffälligkeiten, die sie von gesunden Menschen abheben. Diese betreffen eine mangelnde Vernetzung der Nervenzellen in verschiedenen essentiellen Teilen des Gehirns, z.B. im Frontalhirn (exekutive Funktionen, d.h. Dinge wie planerisches und vorausschauendes Denken, flexibles Denken und Selbstüberwachungsprozesse), in der gesamten linken Hirnhälfte (unabdingbar für unsere Sprachfähigkeit), sowie im limbischen System, im Hirnstamm und im Kleinhirn (Kontrolle über das eigene Verhalten und die eigenen Gefühlsäußerungen). Als Ursache für diese mangelnde Vernetzung der Nervenzellen ist u.a. in der Diskussion, dass diese durch ein zu schnelles Wachstums der weißen Gehirnsubstanz in den ersten zwei Lebensjahren bedingt ist. Diese weiße Substanz umfasst, im Gegensatz zu den Zellkörpern der Nervenzellen, die die graue Substanz bilden, die Axone der Nervenzellen, d.h. deren lange Fortsätze, die zur Weiterleitung der elektrischen Signale nötig sind. Ein solches Signal wird vom Ende des Axons der einen Nervenzelle auf eine andere Nervenzelle übertragen, und eine solche Verbindungsstelle nennt sich Synapse. Im „autistischen“ Gehirn, so die aktuell weit verbreitete Annahme, funktionieren diese Synapsen in Folge der abnormen Entwicklung in den ersten zwei Lebensjahre nicht so wie in einem gesunden Gehirn, wodurch sich die verschiedenen in Teil 1 beschriebenen Symptome ableiten.

Neuropsychologische Ebene: Theory of Mind

Unter der „Theory of Mind“ (kurz „ToM“) versteht man in der Entwicklungspsychologie keine wissenschaftliche Theorie, sondern eine Theorie, die das Kind von seinen Mitmenschen hat. Die ToM ist ein Aspekt sozialer und emotionaler Intelligenz und beschreibt im Kern die Fähigkeit, anderen Menschen mentale Zustände, d.h. Gefühle, Absichten und Gedanken zuzuschreiben. Es geht um die Frage, ob das Kind sich in sein Gegenüber hinein versetzen und dessen Perspektive übernehmen kann – sowohl hinsichtlich des Wissens als auch bezüglich der Gefühle der Person. Letztlich ist der Zweck all dessen, das Verhalten anderer Menschen zu verstehen und vorherzusagen. Erwachsene tun dies täglich: Wenn das Auto vor uns langsam fährt und an jeder Querstraße anhält, werden wir dem Fahrer wahrscheinlich entweder den mentalen Zustand zuschreiben, dass er fremd in der Stadt ist und eine Straße sucht oder aber, dass er ein mieses A****loch ist, das mich nur ärgern will (letzteres wäre die Zuschreibung einer Absicht). Ebenso lesen wir in den Gesichtern von Menschen deren Emotionen ab und reagieren entsprechend darauf, z.B. indem wir eine traurig wirkende Person fragen, ob alles in Ordnung ist oder ihr ein Taschentuch anbieten.

Diese Fähigkeit entwickelt sich bei Kindern normalerweise im Laufe der ersten fünf Lebensjahre, ohne sich diese bewusst anzueignen. Kinder mit Autismus sind hierzu nicht oder nur sehr eingeschränkt in der Lage bzw. müssen diese Fähigkeit mühsam erlernen. Die Defizite bezüglich der ToM werden z.B. in so genannten false-belief-Aufgaben deutlich, wo in abgestufter Schwierigkeit die Fähigkeit des Kindes überprüft wird, sich in den mentalen Zustand einer anderen Person hinein zu versetzen. Hierzu werden meist Bildergeschichten wie der „Sally-Anne Test“ (ein Beispiel für die leichteste Schwierigkeitsstufe) verwendet. Ein anschauliches Video von einer „Real-Life“-Durchführung des Tests mit einem Jungen, der den Test nicht besteht, finden Sie unter anderem hier. Die Frage hierbei ist: Kann sich das Kind in die Lage von Sally hineinversetzen, die nicht mitbekommen hat, dass Anne den Keks in den Karton gelegt hat, oder nicht?

Neuropsychologische Ebene: Zentrale Kohärenz

Dieser Aspekt beschreibt eine Besonderheit der Wahrnehmung bei Autisten, die dadurch gekennzeichnet ist, dass diese ihre Umwelt nicht als Gesamtheit (d.h. zentral kohärent) wahrnehmen, sondern vielmehr als eine große Menge von Einzelteilen. Dinge werden in der Regel nicht in Bezug zu anderen Objekten wahrgenommen, sondern lediglich als sie selbst, d.h. kontextfrei. Der Fokus auf isolierte Details erklärt dabei sowohl, dass sich autistische Kinder am liebsten nur mit einzelnen Teilen ihrer Spielsachen beschäftigen, als auch viele der typischen Inselbegabungen, die das Asperger-Syndrom und den high-functioning Autismus kennzeichnen. So lässt sich die Fähigkeit des in Teil 1 erwähntes Mannes, der nach nur einem Flug über New York die gesamte Skyline Manhattans detailgetreu nachzeichnen konnte, dadurch erklären, dass er jedes einzelne Gebäude isoliert wahrgenommen hatte, anstatt den Gesamteindruck als „Skyline von Manhattan“ ins Gedächtnis einzuspeichern. Diese veränderte Wahrnehmung spiegelt sich auch in psychologischen Tests wider, z.B. im Mosaik-Test des Hamburg Wechsler Intelligenztests für Kinder (HAWIK IV), in dem Kinder mit Autismus und dem Asperger-Syndrom stark überdurchschnittlich abschneiden.

Die Kehrseite der Medaille ist derweil, dass die betroffenen Kinder sich in Details verlieren und große Probleme mit dem Bilden von Oberbegriffen und Verallgemeinerungen haben, weil dies in ihrem Wahrnehmungssystem nicht „vorgesehen“ ist. Da diese Menschen nicht in der Lage sind, Informationen somit sinnvoll zu bündeln, haben sie enorme Schwierigkeiten damit, komplexe Informationen zu verarbeiten, was z.B. bei der Interpretation sozialer Situationen unabdingbar ist.

Wie man nun sehen kann, lassen sich also für die in Teil 1 dargestellten Probleme bereits teilweise auf neuropsychologischer und neurobiologischer Ebene Erklärungen finden. Diese wiederum sind sehr wahrscheinlich größtenteils auch bestimmte genetische Prozesse zurück zu führen, wobei genau diese Prozesse bisher jedoch noch nicht bekannt sind.

Im vierten und letzten Teil wird es um Therapiemöglichkeiten bei Autismus und dem Asperger-Syndrom gehen – ein Bereich, in dem sich, wenngleich keine vollständige Heilung möglich ist, viel getan hat.

© Christian Rupp 2013