Warum sich die sexuelle Orientierung jeglichem Werturteil entzieht

Ich habe lange überlegt, wie ich mit der jüngst losgetretenen Hetzjagd gegen Homosexuelle und Homosexualität, die in der „Menschen bei Maischberger“-Ausgabe vom 11.02.2014 ihren bisherigen Höhepunkt fand, umgehen soll. Aufregen? Ignorieren? Wut in etwas Konstruktives hinein sublimieren? Ich habe mich mit diesem Artikel für letztere Alternative entschieden. Zentraler Punkt der Debatte ist, wenn man einen Moment länger über das Gesagte nachdenkt und auch zwischen den Zeilen mithört, dass die Mehrheitsgesellschaft – also die, die sich als heterosexuell definiert – sich von der Minderheitsgesellschaft – von jenen als homosexuell definiert – unterdrückt fühlt. Unterdrückt dahingehend, dass Schwule und Lesben derart starken öffentlichen Druck ausübten, dass es ihnen – den Heterosexuellen – nicht mehr erlaubt sei, öffentlich eine negative Meinung bzw. ein negatives Werturteil über Homosexualität zu äußern. Denn Homosexuelle, so jene Verfechter, übten normativen Druck aus und schränkten die Meinungsfreiheit der Mehrheitsgesellschaft ein. Wenn Homosexualität als der Heterosexualität ebenbürtige Form der Liebe zwischen Menschen im Unterricht gelehrt würde, drohe die „moralische Umerziehung“. Kurz und knapp gesagt: Man fühle sich seiner Meinungsfreiheit beraubt, weil man Homosexualität nicht mehr offiziell scheiße finden darf. Was folgte, waren dann (richtig mutige und anerkennenswerte!) Bekennerauftritte wie die von SPIEGEL-Journalist Matthias Matussek, der irgendwann vergangene Tage die WELT (im doppelten Sinn) wissen ließ: „Ich bin wohl homophob. Und das ist auch gut so“. So etwas ist durchaus bemerkenswert, bemerkenswert bedauernswert. Zeugt es doch von einer Reflexionsgabe, die sich stark in Grenzen hält.

Was bei dieser gesamten Diskussion darüber, ob man sich nun ein Werturteil über Homosexualität erlauben darf/sollte oder nicht, leider völlig übersehen wird, ist ein ganz trivialer Umstand. Homosexualität ist nichts, das man sich aussucht. Es steckt keine Absicht dahinter, und schon gar keine böse. Kein Mensch hat es sich ausgesucht, mit welcher sexuellen Präferenz er auf die Welt kommt. Und selbst wenn, was nach aktuellem psychologischen Forschungsstand nicht der Fall ist, Umweltfaktoren das Ausschlaggebendere wären, hätte sich das Kind diese relevanten Umweltfaktoren wohl kaum selbst ausgesucht. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass es irgendeinen homo- oder bisexuellen Menschen gibt, der nicht oft genug in seiner Jugend oder auch im Erwachsenenalter seine sexuelle Orientierung verflucht hätte. Glaubt irgendeiner von euch, die ihr das Recht auf freie Meinungs- und Werturteilbildung immer so hoch hängt, ernsthaft, man würde sich seine sexuelle Orientierung aussuchen? Schwul sein, weil es gerade „in“ ist? Weil man dadurch so viele Vorteile im Leben hat und sich so viele Freunde macht? Glaubt ihr das tatsächlich deshalb, weil Menschen wie Klaus Wowereit selbstbewusst vor die Presse treten und mutig bekennen: „Ich bin schwul, und das ist gut so“ (= „Ich sehe keinen Grund, mich zu schämen?“). Ja, ich glaube, das denkt ihr wirklich. Und nein, so ist es ganz sicherlich nicht.

Wie kann man sich bitte ein Werturteil bezüglich eines Personenmerkmals anmaßen, das eine Person sich nicht willentlich ausgesucht hat? Man kann sich meinetwegen ein Werturteil dazu erlauben, ob man es gut oder schlecht findet, wenn schwule Männer halbnackt über den CSD tanzen. Oder darüber, ob es unverantwortlich ist, wenn welche von ihnen (was übrigens auch auf heterosexuelle Menschen zutrifft) ungeschützten Geschlechtsverkehr mit vielen verschiedenen Partnern haben. Alles ok. Aber worin besteht bitte der Sinn darin, ein Werturteil über ein von der Person nicht wählbares und nicht beeinflussbares Merkmal zu fällen? Wie die sexuelle Orientierung, die so rein gar nicht intentional steuerbar ist? Dann kann ich ja genau so gut sagen: „Ich finde es moralisch verwerflich, wenn Frauen rote Haare haben“. Oder: „Also grüne Augen finde ich ja mal gar nicht akzeptabel“. Genauso könnte man dann auch sagen: „Menschen mit einem unterdurchschnittlichen IQ sind weniger wert“. Denn schon das Wort „Werturteil“ besagt: Es geht um den Wert der Person. Beurteilt anhand eines Merkmals, dass sie sich nicht ausgesucht hat. Kommt keiner auf die Idee, dass das hochgradig ungerecht ist? Und irgendwie mittelalterlich? Und es geht noch um viel mehr: Nämlich darum, dass man die Deutungshoheit darüber ergreift, was besser und was schlechter ist – darum, ein normatives Urteil bezüglich eines Ideals zu fällen, der Heterosexualität. Denn die ist zweifelsohne das einzig Wahre, und würde man Kindern in der Schule etwas anderes beibringen (um Himmels Willen!), würden diese sicher alle schwul und lesbisch werden, und die Menschheit wäre übermorgen ausgestorben. Katastrophe perfekt.

Den finalen Impetus zu diesem Artikel gab eine Facebook-Diskussion unter einem Artikel über Claudia Roth, die sich zur Homosexualitätsdebatte geäußert hatte. Eine Kommentatorin, die ansonsten recht vernünftige Ansichten vertrat, schoss dann mit dem folgenden Kommentar leider doch noch den Vogel ab: „Du darfst selbstverständlich eine Meinung dazu haben ob du das Konzept für dich persönlich magst. Übrigens lehne ich in diesem Sinne Homosexualität auch ab – für mich.“ So. Homosexualität, liebe Menschen, ist kein „Konzept“, zu dem man per se eine Meinung haben kann. Sie ist eine Tatsache. Es gibt sie und hat sie immer gegeben. Geschadet hat sie wohl noch niemandem – außer sicherlich den Betroffenen selbst. Man kann Homosexuelle als (natürlich zu Unrecht als homogen angenommene Gruppe) mögen oder nicht, aber das basiert dann im psychologischen Sinn sicherlich nicht auf einer Meinung, sondern auf projizierten und unterstellten Absichten und Bestrebungen bzw. einer wahrgenommenen (irrationalen) Bedrohung. Und noch unüberlegter ist die Aussage, Homosexualität für sich persönlich abzulehnen. Ja klar, wenn man es nicht ist, muss man sich damit auch nicht beschäftigen. Super Aussage! Auch hier versteckt wieder implizit die Annahme, es handle sich um etwas, das man sich aussucht – denn nur Dinge, die man sich aussuchen kann, kann man nach meinem Verständnis auch ablehnen. Religion, Kleidungsstil, Einrichtung: All das kann man sich aussuchen (und jetzt komme bitte keiner mit dem Argument, Religion könne man sich nicht aussuchen, weil man hineingeboren wird: Hineingeboren ist nicht angeboren, und jeder Mensch kann, wenngleich er mitunter große Opfer bringen muss, eine Religionsgemeinschaft auch wieder verlassen) – seine sexuelle Orientierung leider nicht.

Insgesamt impliziert dies auf der Seite des Bewerteten die Unterstellung einer Absicht, und das ist ein fataler Fehler. Zumindest solange wir in einer Gesellschaft wie der jetzigen leben, kann ich mir kaum vorstellen, dass irgendeine lesbische Frau oder irgendein schwuler Mann sich freiwillig noch einmal wünschen würde, homosexuell auf die Welt zu kommen. Und eben weil es nichts ist, wozu man eine Meinung haben kann, hat in Bezug auf die sexuelle Orientierung auch niemand das Recht auf eine Meinung oder gar auf ein Werturteil – denn sie entzieht sich diesem. Steckt hinter all der Debatte um das „Recht auf eine Meinung, Homosexualität schlecht zu finden“ letztendlich die Forderung, Schwule und Lesben sollten ihre sexuellen Präferenzen unterdrücken und sich „zusammenreißen“? Soll das ernsthaft der Vorwurf sein – dass sie das nicht tun? Darauf läuft es nämlich, wenn man das ganze mal zuende denkt, genau hinaus.

Nun werden entsprechende Leser mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einwenden, Homosexuelle seien doch stolz auf ihre sexuelle Orientierung, würden sie lauthals zur Schau stellen (CSD, „gay pride“, etc.) und – so ein weit verbreiteter Tenor in den letzten Wochen – würden die öffentliche Meinung diktieren und es gesellschaftlich unmöglich machen, gegen sie zu sein. Das, was man hier auf gesellschaftlicher Ebene beobachten kann, nennt sich in der Psychologie „Reaktanz“. Übersetzen kann man es am ehesten mit „Trotzverhalten“, und man kennt es eigentlich eher von Kindern zwischen 2 und 4. Kern des Reaktanz-Konzeptes ist es, dass Menschen sich in ihrer wahrgenommen persönlichen Freiheit (ob nun zurecht oder unzurecht, spielt keine Rolle) eingeschränkt und bedroht fühlen und hierauf mit Trotzverhalten reagieren. Ergo: Genau das, was wir in den letzten Wochen erleben. Eine Minderheit schwimmt sich nach jahrhundertelanger Unterdrückung endlich frei und besitzt die bodenlose Unverschämtheit, sich selbstbewusst zu ihrer „Andersartigkeit“ zu bekennen und obendrein die Dreistigkeit, das auch noch öffentlich zu zeigen und allen ernstes dieselben Rechte zu fordern wie die Mehrheitsgesellschaft. Das geht natürlich nicht.

Die entsprechenden Homosexualitätsgegner nennen gerne als Argument, sie sähen ihre „konservativen Werte bedroht“. Der gute Herr Matussek forderte in dem besagten WELT-Artikel sein Recht, an das gute, alte Mutter-Vater-Kind-Modell zu glauben. Nun, wenn Schwule und Lesben genauso heiraten und (Gott bewahre!) auch noch Kinder adoptieren dürfen, dann würde ganz sicher die abendländische Moral (was auch immer diese entsetzlich hohle Worthülse bedeuten mag) automatisch den Bach runter gehen. Auf jene ewig gestrige selbsternannte Moralfabrik mit Hang zum Verbrechen namens Kirche will ich an dieser Stelle lieber gar nicht erst eingehen. An dieser Stelle sei kurz darauf verwiesen, dass Menschen wie Herr Matussek gerne an dieses Modell glauben können, solange sie sich bewusst sind, dass es sich nicht um wissen handelt. Von der Tatsache mal abgesehen, dass, wenn man sich die Scheidungsraten unter heterosexuellen Paaren mal anschaut, jenes Modell irgendwie auch nicht ganz das Gelbe vom Ei zu sein scheint, liegen genügende (von der Politik stoisch-arrogant ignorierte) wissenschaftliche Befunde vor, die zeigen, dass Kinder keine Nachteile haben, wenn sie bei zwei Müttern oder zwei Vätern aufwachsen (was Sie hier nachlesen können).

Aber all das ist es nicht, das den Hass gegen anders liebende Menschen wirklich erklärt. Es ist zu oberflächlich. Es ist nicht das, was diese Menschen wirklich fürchten. Und deshalb ist auch der Begriff Homophobie, von mir nach Möglichkeit gemieden, nicht zutreffend. Es ist keine Angst vor Lesben und Schwulen, ebenso wenig wie eine Angst vor dem vermeintlichen Werteverlust (der, nebenbei gesagt, ohnehin ein nicht greifbares Konstrukt ist, zumal höchstens Werte ersetzt werden, aber nicht ausschließlich verloren gehen).

Die Sozialpsychologie gibt auf diesen Hass gegenüber Minderheiten meist die Antwort, dass Menschen generell andere Menschen dann weniger mögen, sobald sie sie auf irgendeine Weise als anders wahrnehmen. Dies ist sicherlich richtig und gilt auch als gut belegt; ich bin allerdings der Ansicht, dass auch diese Erklärung zu oberflächlich ist. Hass und Ablehnung sind, da sind sich die meisten Psychologen einig, fast immer sekundäre Reaktionen bzw. Emotionen. Sekundär deshalb, weil sie dazu dienen, eine primäre Emotion – so gut wie immer Angst – zu kompensieren. Die Frage ist also, wie schon oben angerissen: Wovor um alles in der Welt haben die Homosexualitätsgegner wirklich Angst? Nun, ich will nicht sagen, dass dieser Zusammenhang auf alle diese Leute zutrifft (weil man diesen Hass, wenn man selbst nicht zur Reflexion in der Lage ist, auch am Modell erlernen, d.h. „eingetrichtert“ bekommen kann), aber dennoch habe ich eine starke Vermutung bezüglich des ausschlaggebenden Prozesses.

Wenn man die Angst um das Überleben einmal außen vor lässt (da diese zwar essentiell wichtig ist, aber in der Realität kaum jemanden betrifft), dann beziehen sich die meisten Ängste des Menschen auf die Bedrohung seines Selbstwerts. Damit, diesen zu verteidigen (und natürlich möglichst zu erhöhen!), ist der Mensch fast unablässlich beschäftigt – und kaum ein Konstrukt ist hilfreicher dabei, menschliches Verhalten zu erklären. Eine sehr effektive Form der Selbstwertregulation – ebenfalls aus der Sozialpsychologie bekannt und dort sehr gut erforscht – ist der soziale Vergleich. Kurz und prägnant lautet das Prinzip: Vergleiche dich mit Leuten, die in der sozialen Hierarchie unter dir stehen, und dein Selbstwert wird es dir danken. Als Merkmale können hierbei die unterschiedlichsten Dinge herangezogen werden: Geld, Auto, Schmuck, Haus, Job, Aussehen, Gewicht, etc. – alles, was relative Werturteile der Form „besser/schlechter als“ erlaubt. Tja, und was eignet sich besser zum Abwärtsvergleich als stigmatisierte Minderheiten? Mit denen kann man sich auch dann noch vergleichen, wenn’s im Job gerade mal nicht so läuft. Blöd wird es eben dann, wenn die die Frechheit besitzen, Ebenbürtigkeit zu fordern. Gleichberechtigung für die, die man braucht, um sich gut zu fühlen? Niemals! Auf Augenhöhe ist kein Abwärtsvergleich mehr möglich. Und was ist der logische Schluss? Wieder drauftreten! Bis jene sich wieder erinnern, wo ihr gottgegebener Platz in der Gesellschaft wirklich ist.

© Christian Rupp 2014

Warum Psychologen im Studium nicht lernen, ihr Gegenüber zu analysieren

Es ist das Cliché schlechthin, das in der breiten Gesellschaft über Psychologen und Psychologiestudierende kursiert, und damit verbunden ist eines der größten Irrtümer überhaupt, mit dem dieses Fach zu kämpfen hat. In diesem und im nächsten Artikel soll es darum gehen, kurz und bündig darzustellen, was man im Studium der Psychologie wirklich lernt, was beispielhafte Inhalte psychologischer Forschung sind, was fertige Psychologen tatsächlich können und worüber sie Bescheid wissen – und womit sie auf der anderen Seite nichts zu tun haben.

Psychologie, eine empirische Naturwissenschaft

Psychologie hat in der Gesellschaft oft einerseits den Ruf eines Heilberufes wie die Medizin, manchmal auch den eines „Laber-Fachs“ ohne Substanz, weil Psychologen ja angeblich immer nur reden. Gleichzeitig haben Psychologen für viele Laien etwas Unheimliches an sich, geht doch das Gerücht um, sie würden ihr Gegenüber wie eine durchsichtige Figur analysieren und in jedem Wort etwas finden, was man doch eigentlich verbergen wollte. Nicht zuletzt hat Psychologie, ebenso wie Medizin, den Ruf eines Elite-Studienfachs, da man, um es zu studieren, aufgrund der wenigen Studienplätze und der hohen Nachfrage meist einen Abiturdurchschnitt von mindestens 1,5 aufweisen muss. Doch was erwartet einen nun wirklich im Studium?

Psychologie an sich ist weder ein Heilberuf wie die Medizin, noch eine Geisteswissenschaft wie Philosophie oder Pädagogik, noch beinhaltet es die Vermittlung von übernatürlichen Fähigkeiten. Psychologie ist eine Naturwissenschaft, die, grob gesagt, menschliches Verhalten und Erleben dahingehend untersucht, dass sie versucht, es vorherzusagen und zu erklären. Sie ist derweil eine empirische, keine theoretische Wissenschaft, d.h., sie sucht nach Erkenntnissen nicht durch die logische Herleitung von Theorien, sondern durch die systematische Untersuchung des menschlichen Verhaltens und Erlebens. Dies tut sie durch das Aufstellen und das darauf folgende Testen von Hypothesen. Basierend auf empirischen Befunden (also den Ergebnissen aus wissenschaftlichen Studien) werden dann wiederum Theorien formuliert, die diese Ergebnisse erklären können – und die dann durch darauf folgende Studien entweder bestätigt oder widerlegt werden. Die Psychologie folgt dabei weitgehend der Wissenschaftstheorie Carl Poppers, die besagt, dass man in der Wissenschaft nie etwas schlussendlich beweisen kann, sondern nur weitere Bestätigung für eine Theorie oder Hypothese sammeln kann. Das einzige, was endgültig möglich ist, ist, eine Theorie oder Hypothese zu widerlegen (d.h., zu falsifizieren). Mehr zum Thema Wissenschaftstheorie finden sie hier.

Da die Psychologie ein unglaublich weites Feld darstellt, kann dies sehr, sehr viele verschiedene Formen annehmen. Besonders gern wird mit Experimenten gearbeitet, bei denen typischerweise zwei Gruppen von Probanden (d.h. Versuchtsteilnehmern) miteinander verglichen werden, die sich nur dadurch unterscheiden, dass bei der einen eine experimentelle Manipulation stattgefunden hat und bei der anderen nicht. Unterscheiden sich die beiden Gruppen danach hinsichtlich eines bestimmten Merkmals (das abhängige Variable genannt wird), kann man sicher sein, dass dieser Unterschied nur auf die experimentelle Manipulation zurückzuführen ist. Zudem werden sehr oft Zusammenhänge zwischen Merkmalen (d.h. Variablen) untersucht, z.B. zwischen Intelligenz und späterem Berufserfolg. Dies erfolgt in der Regel durch die Berechnung von Korrelationen. Wenn die eine Variable zeitlich deutlich vor der anderen gemessen wird, kann man zudem Aussagen darüber treffen, wie gut die eine Variable (z.B. Verlustereignisse in der Kindheit) die andere (z.B. Entwicklung einer Depression im Erwachsenenalter) vorhersagen (oder prädizieren) kann. Um einen Eindruck von typischen Sorten von psychologischen Studien zu vermitteln und die ganzen kursiv gedruckten Begriffe ein wenig mit Leben zu füllen, seien im Folgenden vier Beispiele aus verschiedenen Bereichen der Psychologie genannt.

1. Arbeits- & Organisationspsychologie: Wie kann man Berufserfolg vorhersagen?

Dies ist ein Beispiel für eine Korrelationsstudie, bei der anhand der Intelligenz der Berufserfolg mehrere Jahre später vorhergesagt werden soll. Eine solche Erkenntnis ist von großem Wert für Psychologen, die in der freien Wirtschaft in der Personalauswahl tätig sind und die natürlich ein Interesse daran haben, solche Bewerber für einen Job auszuwählen, von denen erwartet werden kann, dass sie dem Unternehmen in Zukunft Geld in die Kasse spülen. Man geht hierbei so vor, dass man zu einem ersten Zeitpunkt die allgemeine Intelligenz einer Gruppe von Personen misst, die sich z.B. in dieser Gruppe zwischen 90 und 125 bewegt. Hierzu muss natürlich ein psychologischer Test gewählt werden, der präzise misst und gültige Aussagen über die Personen erlaubt. Zu einem späteren Zeitpunkt (z.B. 3 Jahre später) wird dann der Berufserfolg derselben Personen gemessen. Das kann man auf verschiedene Weise tun: Man kann das Einkommen oder die Berufszufriedenheit von den Probanden selbst erheben, oder man kann die jeweiligen Vorgesetzten bitten, die Leistung der Probanden zu bewerten. Die Übersetzung des recht allgemeinen Begriffs „berufliche Leistung“ in konkret messbare Variablen nennt man derweil die operationale Definition.

Wenn man dann beides gemessen hat, kann man den Zusammenhang der beiden Variablen (Intelligenz & Berufserfolg) berechnen, was mittels einer Korrelation erfolgt. D.h., man möchte wissen, ob im Mittel über alle Probanden hinweg höhere Intelligenzwerte mit höherem Berufserfolg einhergehen. Achtung: das bedeutet, dass diese Aussage nicht für jeden Probanden gelten muss: Es wird immer Ausnahmen geben, die dem generellen Trend widersprechen – aber dieser generelle Trend ist von Bedeutung. Wie stark dieser Trend ist, kann man am Korrelationskoeffizienten ablesen, der zwischen -1 und +1 variieren kann. -1 stünde für einen perfekten negativen Zusammenhang (je intelligenter, desto weniger erfolgreich im Beruf), +1 für einen perfekten positiven Zusammenhang (je intelligenter, desto erfolgreicher) und 0 für keinen Zusammenhang (Berufserfolg hat nichts mit Intelligenz zu tun).

Im Falle des Zusammenhangs zwischen Intelligenz und Berufserfolg wurde in Metaanalysen (das sind statistische Verfahren, mit denen die Ergebnisse vieler Studien zum gleichen Thema zusammengefasst werden) herausgefunden, dass Intelligenz späteren Berufserfolg mit durchschnittlich 0,5 vorhersagt. Das ist in der Psychologie ein verdammt hoher Wert – und es ist von allen Variablen, die man zur Vorhersage von Berufserfolg herangezogen hat (u.a. Leistung in Assessment Centern, Persönlichkeitsmerkmale, Arbeitsproben, Referenzen früherer Arbeitgeber…) diejenige, die am allerbesten Berufserfolg vorhersagt (man sagt auch, Intelligenz stellt den besten Prädiktor für Berufserfolg dar). Zum Vergleich: Die bei Unternehmen sehr beliebten Assessment-Center zur Bewerberauswahl, die das Unternehmen gerne mehrere zehntausend Euro kosten, haben mit späterem Berufserfolg nur einen Zusammenhang von ungefähr 0,3, sagen diesen also sehr viel weniger verlässlich vorher. Dass Unternehmen in der Bewerberauswahl dennoch die viel teureren Assessment-Center einsetzen, hat einerseits mit der mangelhaften Kenntnis wissenschaftlicher Befunde zu tun, andererseits aber auch mit den beiden Tatsachen, dass die Anbieter von Assessment Centern gut daran verdienen und Intelligenztests trotz ihrer erwiesenen Vorteile oft angstbesetzt und daher verschrien sind.

2. Kognitive Neurowissenschaft: Wie unser Gehirn sich Gedächtnisinhalte einprägt

Hierbei handelt es sich ein Experiment aus einem vergleichsweise jungen Teilgebiet der Psychologie, der kognitiven Neurowissenschaft, die sich mit der Frage befasst, welche Prozesse im Gehirn unseren kognitiven Funktionen (Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Denken, Problemlösen, Entscheiden etc.) sowie auch unseren Emotionen zugrunde liegen. Viele psychologische Studien haben sich damit beschäftigt, wie unser Gedächtnis funktioniert. Die Studienart, die ich vorstellen möchte, widmet sich der Frage, wie unser Gehirn es schafft, dass wir uns Gedächtnisinhalte einprägen (d.h. enkodieren) können. Hierbei handelt es sich um eine Leistung des so genannten Arbeitsgedächtnisses, das früher als Kurzzeitgedächtnis bezeichnet wurde und eine begrenzte Menge von Material für maximal wenige Minuten aufrechterhalten kann. Dies ist abzugrenzen von unserem Langzeitgedächtnis, in das Gedächtnisinhalte eingehen, die aufgrund häufiger Wiederholung so weit gefestigt (d.h., konsolidiert) sind, dass sie dauerhaft gespeichert sind. Für diese Konsolidierung ist eine evolutionär alte und innen liegende Gehirnstruktur, der Hippocampus notwendig. Für das Einprägen bzw. das Enkodieren von Gedächtnisinhalten (eine Funktion, die konzeptuell Arbeits- und Langzeitgedächtnis verbindet) sind wiederum andere Gehirnareale verantwortlich.
Um herauszufinden, welche, haben sich Psychologen eines sehr eleganten Designs (so wird generell der Aufbau eines Experiments bzw. einer Studie bezeichnet) bedient, das folgendermaßen aussah: Während Versuchspersonen in einer fMRT-Röhre lagen (mit dem fMRT kann recht präzise die Aktivität einzelner Gehirnareale untersucht werden), wurden sie gebeten, sich in vorgegebener Reihenfolge eine Liste mit Wörtern so gut wie möglich einzuprägen. Außerhalb der Röhre wurden sie dann einige Zeit später gebeten, so viele Wörter wie möglich zu erinnern. Typischerweise berichten Probanden dann zwischen 50 und 75% der Wörter. Was dann kommt, ist wirklich außerordentlich clever und elegant: Man vergleicht die im fMRT gemessene Gehirnaktivität während des Einprägens derjenigen Wörter, die anschließend erinnert wurden, mit der Gehirnaktivität während des Einprägens von Wörtern, die anschließend nicht erinnert werden konnten. Wenn sich dann eine bestimmte Gehirnregion findet, die in den beiden Fällen unterschiedliche Aktivität aufweist, ist sie offenbar an dem oben beschriebenen Einpräge-Prozess beteiligt: Hohe Aktivität führt zu einer höheren Erinnerungswahrscheinlichkeit für Wörter und spiegelt eine intensivere Enkodierung wieder. Genau das wurde für verbale Gedächtnisinhalte (Wörter) für ein kleines Areal im frontalen Cortex gefunden, den linken inferioren frontalen Gyrus – auch bekannt als Broca-Areal. Dieses Areal ist auch essentiell für unsere Fähigkeit, zu sprechen, was darauf hinweist, dass das Einprägen von Wörtern eine Art „innere Stimme“ nutzt, mit der die Wörter immer wieder wiederholt werden. Für visuelle Stimuli (z.B. Bilder) wurden währenddessen andere Gehirnareale gefunden, die für die Enkodierung wichtig sind.

3. Klinische Psychologie: Interaktion von Genetik und frühen Traumata bei Depression

In der klinischen Psychologie interessiert man sich neben der Untersuchung der Wirksamkeit von Psychotherapie im Rahmen kontrollierter Studien vor allem für die Frage nach der Ursache von psychischen Störungen. Bezüglich Depression weiß man, dass sowohl Stress in Form einschneidender und traumatischer Lebensereignisse (z.B. früher Verlust enger Bezugspersonen) als auch bestimmte Varianten eines Gens (des so genannten 5HTT-LPR-Polymorphismus) einen Risikofaktor für die Entwicklung einer späteren Depression darstellen. Was man hingehen lanfe Zeit nicht wusste, ist, wie genau diese Faktoren sich zueinander verhalten. Um dies zu untersuchen, führten die Wissenschaftler Caspi und Kollegen eine im Jahr 2003 veröffentlichte Längsschnittstudie durch. Das bedeutet, dass sie Probanden über mehrere Jahre begleiteten und im Zuge dessen einerseits durch Genanalysen die Ausprägung des oben genannten Gens und andererseits die im Laufe der Jahre aufgetretenen einschneidenden Lebensereignisse sowie die Zahl der Probanden, die eine Depression entwickelten, erfassten.

Das Ergebnis war verblüffend und schlug in der klinischen Psychologie wie eine Bombe ein: Sowohl die kritische Variante des Gens erhöte das Risiko für die Entwicklung einer Depression als auch die Anzahl der kritischen Lebensereignisse im Sinne einer „je mehr, desto höher“-Verbindung. Das ist an sich wenig überraschend, aber interessanterweise fanden die Autoren auch, dass der Einfluss der Zahl der Lebensereignisse sehr viel größer war, wenn die kritische Genausprägung (d.h. der unkritische Genotyp) im Gegensatz zur unkritischen vorlag. Und auch das Gegenteil war aus den Daten ersichtlich: Der Einfluss des Genotyps auf das Depressionsrisiko war erst von Bedeutung, wenn zwei oder mehr kritische Lebensereignisse vorlagen, vorher nicht. Man spricht in diesem Fall von einer Gen-Umwelt-Interaktion. Diese Ergebnisse haben eine sehr weitreichende Bedeutung für das Verständnis der Depression und die Art und Weise, wie sich genetische Ausstattung und Umweltfaktoren zueinander verhalten.

4. Sozialpsychologie: Saying-is-Believing – Ich glaube, was ich sage

Hierbei handelt es sich um ein klassische Sorte von Experimenten (ein so genanntes Paradigma) der Sozialpsychologie, die sich mit dem Verhalten von Menschen in sozialen Situationen beschäftigt. Der Saying-is-Believing-Effekt besagt, dass wir, wenn wir wissen, dass unser Gegenüber eine bestimmte Einstellung oder Meinung vertritt, ihm gegenüber auch hauptsächlich Dinge erwähnen, die mit dessen Meinung übereinstimmen – und in der Folge sich unsere eigene Einstellung der unseres Gegenübers angleicht. Dies weiß man aus Experimenten, in denen Versuchspersonen z.B. per Chat mit einer meist fiktiven (d.h. in die Studie eingeweihten) Person kommunizierten, über die sie entweder die Information erhielten, dass diese hinsichtlich eines bestimmten Themas ihrer Meinung oder anderer Meinung waren. Diese Information stellt hier die experimentelle Manipulation dar. So könnte die Information z.B. darin bestehen, dass das unbekannte Gegenüber ein Fan von Lady Gaga ist, während der Proband selbst zu Beginn die Information gegeben hat, dass er diese überhaupt nicht gut findet oder ihr neutral gegenüber steht. In der Kommunikation erwähnt der Proband dem fiktiven Gegenüber dann typischerweise tendenziell positive Dinge über Lady Gaga, was dazu führt, dass sich seine Einstellung dieser gegenüber ins Positive hin verändert – was man sehr gut nach der Kommunikationsphase anhand eines eigens dafür entwickelten Fragebogens erfassen kann.

Das war ein kleiner Einblick in verschiedene Forschungsthemen aus unterschiedlichen Fächern der Psychologie, mit dem ich hoffe, deutlich gemacht zu haben, wie facettenreich dieses Fach ist und wie wenig es mit dem zu tun hat, was die meisten Menschen generell im Kopf haben, wenn sie das Wort „Psychologie“ hören. In den folgenden Artikeln wird es darum gehen, warum das Psychologiestudium so voller Statistik und Mathematik ist, mit wie vielen verschiedenen Themen Psychologen sich tatsächlich auskennen und warum Sigmund Freud weder der Begründer der Psychologie ist noch in dieser eine bedeutende Rolle spielt.