Wie mit der Corona-Krise umgehen? Vom Akzeptieren, Handeln und dem Käfer auf dem Rücken.

Aus aktuellem Anlass und weil diese Fragen bei vielen meiner Patient*innen gerade ganz weit vorne stehen, möchte ich das, was ich all meinen Patient*innen hierzu vermittle und nahelege, gerne mit allen Lesern meines Blogs teilen.

Mit Hilfe dieses Artikels möchte ich gerne meine Sichtweise dazu verdeutlichen, wie man am klügsten und gesündesten mit der Corona-Krise umgeht, die uns alle in eine Situation versetzt hat, die kaum jemand jemals zuvor erlebt hat. Ich greife dabei auf grundlegende Prinzipien der Akzeptanz- und Commitment-Therapie zurück, die ich für mein eigenes therapeutisches Arbeiten angepasst und ergänzt habe. Viele meiner Patient*innen werden das Schaubild, das Sie weiter unten finden, aus der einen oder anderen Therapiesitzung kennen. Da es sich hervorragend auf das Thema dieses Artikels anwenden lässt, habe ich es, speziell auf die Corona-Situation angepasst, in diesen Artikel mit aufgenommen. Wie Sie in diesem Schaubild sehen, geht es darum, sich drei grundlegende Wege anzuschauen, wie man mit einem Problem (also einem Umstand, der nicht so ist, wie man es gerne hätte) wie der Corona-Krise umgehen kann: Hadern, Akzeptieren und sinnvoll Handeln. Los geht’s.

Der ungünstigste Weg: „Wie ein Käfer auf dem Rücken“

Der mit Abstand unklügste und am wenigsten vorteilhafte Weg im Umgang mit einem Problem wie der Corona-Krise, das von außen bedingt und durch unser eigenes Handeln  nicht oder nur in geringem Maße zu ändern ist, besteht darin, zu hadern. Ich wähle dieses Wort mit Bedacht, um auf die Ineffektivität dieser Strategie hinzuweisen. Mit Hadern meine ich das, was in der Psychologie auch als maximale Lageorientierung bekannt ist: Man steht vor einem Problem, fühlt sich hilflos, kann dies aber nicht akzeptieren, weshalb man nach irrationalen und sinnlosen Kontrollversuchen strebt, mit denen man jedoch lediglich auf der Stelle tritt und sich im Kreis dreht. Mit anderen Worten: Man sieht das Problem, tut aber nichts, sondern verhält sich wie ein Käfer, der auf dem Rücken liegt: Man strampelt sich, überwiegend in Gedanken, ab, verliert dabei enorm viel Energie und erreicht – ganz genau – nichts. Man handelt nicht und löst nicht im Geringsten ein Problem – im Gegenteil: Man erschafft sich ein zusätzliches. Dieses Kernmerkmal ist neben der zugrundeliegenden Motivation, das Unkontrollierbare irgendwie kontrollierbar zu machen, der gemeinsame Nenner aller Dinge, die ich im unten stehenden Schaubild dem Hadern zugeordnet habe.

Es mag dem einen oder anderen widerstreben, dass dort neben Jammern und Klagen auch das Sich-Sorgen und Grübeln (was überwiegend dasselbe ist – Sorgen richten sich mehr auf die Zukunft, Grübeleien mehr auf die Vergangenheit) aufgeführt sind. Man könnte einwenden, dass man dadurch doch vielleicht auch auf Lösungen kommt. Dem entgegne ich ganz klar: Nein, denn wenn man durch Nachdenken nach nicht allzu langer Zeit zu einer Lösung gelangt und dann auch dementsprechend handelt (!), handelt es sich per definitionem eben nicht um Grübeln/Sich-Sorgen, sondern um lösungsorientiertes Denken. Sie sehen: Auch hier ist das ganz entscheidende Kriterium, das entscheidet, die Frage danach, ob das ganze zu einer produktiven Handlung führt, d. h. „etwas bringt“ – oder nicht. Grübeln und Sich-Sorgen ähneln eher einem Sich-im-Kreis-Drehen: Es kostet enorm viel Energie, der Stresshormonspiegel und die ängstliche Anspannung erhöhen sich dauerhaft, und je länger man es betreibt, desto mehr verliert man sich in Katastrophenszenarien, die immer weniger mit dem Hier und Jetzt zu tun haben.

Der Versuch, das Unkontrollierbare kontrollierbar zu machen (ja, auch Grübeln und Sich-Sorgen sind, psychologisch gesehen, ungünstige Kontrollversuche), ist auch das Bindeglied zu Verhaltensweisen wie dem Hamstern. Der aufmerksame Leser wird bemerken, dass es sich hierbei natürlich um eine Handlung und nicht nur um einen gedanklichen Prozess handelt. Das ist richtig, aber hier greift das Kriterium, dass die Handlung irrational und nicht sinnvoll ist – daher die Zuordnung zum Hadern. Sinnvoll wäre das Hamstern, wenn es in einem sinnvollen Bezug zur Realität stünde und ein probates Mittel wäre, um real etwas zu bewirken. Ich denke, es ist offensichtlich, dass dies auf das Horten von Klopapier z. B. nicht zutrifft. Hier greifen stattdessen mehrere Prozesse. Wie der Psychologe Jürgen Margraf neulich in einem Interview mit der Tagesschau sagte, kommt hier zum einen zum Tragen, dass wir à la „Herdentrieb“ dazu neigen, uns an anderen zu orientieren und im Zweifel dasselbe wie alle anderen tun. Ich finde das allerdings ein bisschen zu kurz gegriffen, blendet es doch wichtige innerpsychische Prozesse aus. Aus meiner Sicht kann man Verhaltensweisen wie das Klopapier-Hamstern zum einen als weiteren Versuch verstehen, Kontrolle in eine hochgradig unkontrollierbare Situation zu bringen. Durch Hamsterkäufe kann man sich zumindest vorgaukeln, „irgendwas getan“ zu haben, um sich „auf den Ernstfall“ vorzubereiten, den natürlich keiner kennt, weil niemand die Zukunft vorhersehen kann. Aber Hauptsache, man fühlt sich ein kleines bisschen weniger hilflos – auch wenn es im „Ernstfall“ sicher wichtiger wäre, Lebensmittel vorrätig zu haben, weil man das Klopapier-Problem wohl am ehesten auch anders lösen könnte und der Verzehr desselben zu Verdauungsproblemen führen dürfte. Zum anderen haben wir es mit einem Teufelskreis zu tun, der Dinge wie Klopapier in den Köpfen der Menschen zu einer begehrten Ressource macht: Allein die Tatsache, dass die Regale ständig leer sind, signalisiert: „Klopapier ist begehrt – Klopapier ist knapp – Sobald es wieder welches gibt, muss ich zuschlagen“. Das Ergebnis: Leere Regale, und der Teufelskreis beginnt von vorn.

Ich denke, es ist deutlich geworden, dass der Weg des Haderns derjenige ist, der, nicht nur in Zeiten der Corona-Krise, am sinnlosesten ist. Schauen wir uns nun also zwei alternative Wege an, die im Gegensatz zum Hadern erstens echte Lösungen darstellen und zweitens sehr viel besser für Ihre psychische Gesundheit sind. Diese beiden Wege – Akzeptieren und sinnvoll Handeln, kann man sich vorstellen wie zwei Seiten ein und derselben Medaille, weil sie nur miteinander funktionieren und das eine ohne das andere gar nicht denkbar ist.

Drei Wege im Umgang mit einem Problem – am Beispiel der Corona-Krise

Alternative 1: Akzeptieren & wertvolle Energie einsparen

Es klingt beinahe trivial, aber es ist unglaublich wichtig, sich folgendes klarzumachen: Wenn der Gegner nicht oder kaum unserer Kontrolle unterliegt, dann gibt es keinen gesünderen Weg, als ihn „radikal“ anzunehmen, d. h. zu akzeptieren, dass es ihn gibt. Akzeptieren in Zeiten der Corona-Krise meint, anzunehmen, dass es dieses Virus gibt, es sich ausbreitet und ca. bei 1-5% der Infizierten zum Tod führt, wir uns gesellschaftlich wie wirtschaftlich in einer zu den Lebzeiten der meisten von uns nie da gewesenen Ausnahmesituation befinden, die Politik so handelt, wie sie es tut – und keiner von uns sicher weiß, was in zwei Wochen, einem Monat und einem halben Jahr sein wird.

Wer jetzt denkt: „Das kann und will ich aber nicht akzeptieren“, der sei darauf verwiesen, dass er oder sie sich mit diesem Satz für das Hadern entschieden hat und ich ihm oder ihr diese Entscheidung nicht abnehmen kann. Vielleicht wäre es für diese Menschen ein erster Schritt, zunächst einmal die Gefühle zuzulassen, die hinter einer solchen Äußerung stecken: Wahrscheinlich eine Mischung aus Ärger und Frustration, denen wiederum Angst und Traurigkeit zugrunde liegen. Mein Tipp: Lassen Sie diese Gefühle zu, erleben Sie sie, sprechen Sie mit anderen Menschen (Angehörige, Freunde, Psychotherapeut*in…) darüber. Alternativ: Schreiben Sie sich die Gefühle von der Seele oder schreien Sie sie im Wald oder auf dem Feld heraus – aber grübeln Sie bitte nicht nur im Kopf darüber. Sie werden merken, es wird Ihnen dabei helfen, von diesen Gefühlen loszulassen. Und dann wird es mit dem Akzeptieren vielleicht auch eher klappen.

Allen anderen, die ich hiermit erreichen kann, möchte ich die Möglichkeit verdeutlichen, die sich dadurch eröffnet, dass man akzeptiert, was man nicht ändern kann, anstatt die Energie in das fruchtlose Hadern zu stecken: Denn plötzlich ist Energie da, die Sie in … na? … richtig, sinnvolles Handeln stecken können!

Alternative 2: Sinnvoll handeln – ändern, was man ändern kann

Sinnvoll zu handeln anstatt zu hadern, bedeutet, die eigene Energie für das zu verwenden, was man selbst bewirken kann, und stellt die andere Seite der Medaille dar, auf der vorne „Akzeptieren“ steht. Das heißt, das Kriterium, dem die jeweilige Handlung genügen muss, ist das der Effektivität: Es muss entweder Ihnen selbst oder anderen Menschen real etwas bringen, was Sie tun. In der Akzeptanz- und Commitment-Therapie wird dies ähnlich ausgedrückt: Hier geht es um die Frage, ob ihr Handeln Ihren eigenen Werten entspricht, was ich persönlich um den Aspekt der eigenen Ziele ergänzen möchte. Entspricht es Ihren Werten und Zielen, Klopapier zu horten, das dann anderen Menschen fehlt? Entspricht es Ihren Werten und Zielen, sich in gedanklichen Katastrophenszenarien zu verlieren und darüber zu vergessen, dass es eigentlich wichtig wäre, sich tatsächlich um sich selbst, andere Menschen oder anstehenden Aufgaben in Ihrem Leben zu kümmern? Die Antwort darauf können Sie sich nur selbst geben.

Was ich Ihnen sagen kann, ist, dass wenn Sie anfangen, sinnvoll zu handeln – das Schaubild enthält gleich eine Reihe von konkreten Vorschlägen – dies automatisch dazu führen wird, dass das Akzeptieren leichter fällt. Hier teile ich eine Grundauffassung der Akzeptanz- und Commitment-Therapie voll und ganz: Akzeptieren ist letztendlich Handeln. Egal ob Sie in diesen Zeiten die lange vernachlässigte Selbstfürsorge nachholen, ewig aufgeschobene Dinge erledigen oder sich um Ihre Mitmenschen kümmern: Handeln Sie anstatt mit dem zu hadern, was ohnehin nicht Ihrer Kontrolle unterliegt.

Mit einem Augenzwinkern möchte ich ergänzen, dass dieses Prinzip erst recht gilt, sollte unsere Welt wider Erwarten doch untergehen. Denn dann wäre es umso mehr zu bedauern, wenn man die Zeit vorher damit verbracht hätte, sich über Dinge zu sorgen, die noch gar nicht passiert sind. Zugespitzt bedeutet dies: Man kann sich aus Angst vor dem Tod auch prophylaktisch erschießen – oder man entscheidet sich, in der Gegenwart zu leben und zu handeln.

© Dr. Christian Rupp 2020

Warum schreibt er nicht zurück? – "Ghosting" aus Sicht eines Psychotherapeuten

Vor einiger Zeit habe ich auf Anfrage des Mannschaft Magazins ein Interview zum Thema „Ghosting“ gegeben. Falls Ihnen dieser Begriff bislang noch unbekannt ist, so kann ich, denke ich, versprechen, dass in dem folgenden Artikel alle Unklarheiten beseitigt werden. Der von Martin Busse dazu verfasste Magazinartikel soll voraussichtlich im Mai in der Printausgabe des Magazins erscheinen. Da ich in psycholography schon lange keinen inhaltlichen Artikel mehr veröffentlicht habe, habe ich mich entschlossen, vorab schon einen eigenen Beitrag mit meinen Interview-Antworten zu verfassen. Vielleicht ist es ja für den einen oder anderen eine willkommene Abwechslung in dieser von Corona dominierten Zeit. Ich weise vorab darauf hin: Meine Antworten basieren auf einer Mischung aus psychotherapeutischem Wissens- und Erfahrungsschatz, gepaart mit dem von mir so hochgehaltenen gesunden Menschenverstand. Wer hierzu wissenschaftliche Fachartikel lesen möchte, möge bitte an anderer Stelle suchen.

Warum kommt es zu „Ghosting“?

Wenn wir uns darauf einigen, dass „Ghosting“ beschreibt, dass man, ohne dies zu kommunizieren, den Kontakt zu Menschen abbricht (früher hätte man es wahrscheinlich „eine Beziehung einschlafen lassen“ genannt), dann dürften die wesentlichen Beweggründe wohl folgende sein: Erstens möchte die ghostende Person offenbar nichts mehr mit der anderen Person zu tun haben, z. B. weil sie bemerkt, dass sie sie eigentlich nicht mag, oder sie findet diese nicht mehr interessant genug (für welchen Zweck auch immer). Zweitens möchte die ghostende Person wahrscheinlich entweder (aus Angst, die andere Person zu verletzen und im Gegenzug selbst verletzt zu werden) vermeiden, der anderen Person ihr Desinteresse oder ihre Antipathie ehrlich mitzuteilen – oder aber die andere Person ist ihr schlichtweg nicht wichtig genug, um es ihr mitzuteilen. In beiden Fällen ist das Ergebnis dasselbe: Der anderen Person wird nicht mehr geantwortet, der Kontakt wird über schwammige Floskeln („Wir schreiben dann noch mal…“) ausgeschlichen – die Person wird „geghosted“

Ghosting im zeitlichen und gesellschaftlichen Kontext

Ich halte „Ghosting“ nicht per se für ein Phänomen der Neuzeit, denn wie schon oben beschrieben, hat es meiner Ansicht nach diese konfrontationsvermeidende Art, Beziehungen zu beenden, die einem unlieb geworden sind, schon früher gegeben. Sowohl meine eigene Erziehung als auch die Biographien vieler meiner Patient*innen sind voll mit expliziten und impliziten (d. h., am Modell gelernten) Erziehungsbotschaften der Art „So was kann man nicht einfach direkt sagen“, „Vermeide Auseinandersetzungen“ und „Pass auf, niemanden zu verletzen“. Letztere Botschaft hat aus meiner Sicht allerdings einen wichtigen Subtext, denn, wie oben schon angedeutet, hat diese Strategie auch zum Ziel, selbst nicht verletzt zu werden (weil das abgelehnte Gegenüber vielleicht aus seiner Kränkung heraus „zurückschießt“) und sich vor allem nicht mit der emotionalen Reaktion der abgelehnten Person auseinander setzen zu müssen – was wiederum Stress für einen selbst bedeutet. Aus der Perspektive der ghostenden Person könnte man somit „Ghosting“ durchaus als effiziente Gefühlsvermeidungsstrategie bezeichnen.

Ich wäre damit vorsichtig, mich so weit aus dem Fenster zu lehnen, dass Ghosting etwas über die Entwicklung unserer Gesellschaft aussagt, weil es eben ein altes Phänomen ist. Allerdings muss man einwenden, dass das Phänomen in unserer Zeit durch die sozialen Medien eine andere Qualität bekommen hat. Das liegt aus meiner Sicht daran, dass zwischenmenschliche Interaktionen in sozialen Medien, vor allem in Dating-Apps wie Grindr und Tinder erstens anonymer, zweitens oberflächlicher und drittens schnelllebiger geworden sind. Besonders gefährlich finde ich in diesem Kontext, dass durch die vermeintliche „Überauswahl“ an potenziellen Partner*innen (einmal wischen, und man kommt zum nächsten Kandidaten) erstens der Sinn für den Wert jedes einzelnen Menschen verloren geht und zweitens  sich der vor allem in der Generation Y omnipräsente Gedanke manifestiert: „Vielleicht findet sich ja doch noch was Besseres – also bloß keine Verbindlichkeiten eingehen“. Dies ist natürlich Wasser auf die Mühlen des o. g. Beweggrunds für Ghosting, der letztlich beinhaltet, dass die andere Person einem nicht wirklich wichtig ist. Warum sollte man sich also die Mühe machen, ihr zu sagen, dass und warum man sich gegen sie entscheidet.

Die Folgen von Ghosting für Betroffene

Während „Geghostet Werden“ für Menschen mit einem gefestigten Selbstwertgefühl und einer grundlegenden Selbstsicherheit aus meiner Sicht wenige bis keine Auswirkungen hat, kann es für Menschen, die hierüber eben nicht verfügen, durchaus drastische negative Effekte haben. Ich denke hierbei an Jugendliche und junge Erwachsene und noch einmal in besonderer Weise an junge Menschen aus der LGBTQI-Community, die aufgrund ihres Andersseins nicht selten in kritischen Entwicklungsphasen Ablehnungserfahrungen einer Qualität gemacht haben, die gender- und heteronormativ aufgewachsenen Menschen weitgehend fremd sein dürften. Diese Menschen verfügen überzufällig häufig eben nicht über ein stabiles Selbstwertgefühl und Selbstkonzept, sodass sie eine Ablehnung, wie sie beim Ghosten geschieht, schnell als Beleg dafür bewerten, dass sie selbst als Mensch nicht gut genug, inakzeptabel oder nicht liebenswert sind. Die Folgen können sozialer Rückzug und Depression oder die Entwicklung einer sozialen Angststörung sein – wobei ich betonen möchte, dass die Erfahrung des Ghostings dabei nicht die alleinige Ursache, sondern eher der Tropfen in einer langen Kette aus Ablehnungserfahrungen ist, der das Fass zum Überlaufen bringt. Insofern ist Ghosting sicherlich als problematisch einzustufen. Es bleibt die Frage, ob es für das Gegenüber besser ist, wenn es, anstatt geghostet zu werden, eine ehrliche Rückmeldung erhält. Ob sich diese schlimmer oder besser als Ghosting auswirkt, hängt wohl davon ab, wie diese formuliert ist: „Sorry, du bist nicht mein Typ“ ist sicher leichter zu verdauen als „Ich steh nicht auf Tunten“ oder „Du bist viel zu fett“. Ich persönlich tendiere dazu, dass jegliche Rückmeldung besser ist als keine. Denn so verletzend Aussagen die „Du bist mir zu fett“ sind – man weiß wenigstens, woran man ist. Die Erfahrung des Ghostings hingegen wirft viele Fragen, Unsicherheiten, Selbstzweifel auf, und eine Antwort auf diese bleibt aus.

Tipps für Geghostete

Menschen, die geghostet werden, würde ich dazu raten, ihre Bewertung dessen in eine bestimmte Richtung zu verändern. Anstatt das Geghostet Werden als Beleg dafür zu interpretieren, dass man selbst nicht okay ist, würde ich auf das altbewährte Kommunikationsmodell nach Schulz von Thun verweisen und in diesem Verhalten der anderen Person nicht die Beleidigung der eigenen, sondern die Selbstoffenbarung der anderen Person sehen. Man sollte sich fragen, was die Person über sich selbst aussagt, die jemanden ghostet, anstatt die ehrliche Konfrontation mit ihr zu suchen. Wahrscheinlich steckt dahinter entweder, wie oben beschrieben, eine große Selbstunsicherheit oder eine ausgeprägte Oberflächlichkeit. Insbesondere wenn letzteres zutrifft, könnte man sich ja auch denken, dass man eine solche Person nun wirklich nicht in seinem Leben braucht. Und dann hat man den Spieß auch schon umgedreht – frei nach dem Motto: Wer mich ghostet, denn sortiere ich aus.

Appell an Ghostende

Der folgende Appell an alle Ghostenden ergibt sich aus dem, was ich bisher beschrieben habe: Man sollte sich bewusst machen, 1) wie sehr man die andere Person ggf. verletzt, 2) was man von sich selbst für ein Bild zeichnet und, (3) ob man nicht lieber ein anderes Bild von sich zeichnen möchte. Und dann sollte man vielleicht den Mut aufbringen, ihr so viel Respekt entgegen zu bringen, dass man ihr eine ehrliche Rückmeldung gibt – um unser Miteinander, auch auf gesellschaftlicher Ebene, wieder ein wenig freundlicher zu machen.

© Dr. Christian Rupp 2020

Nächster Artikel angenommen

Es ist bereits ein Grund zur Freude, dass tatsächlich noch dieses Jahr der vierte und vorerst letzte Artikel, der aus dem gemeinsamen Forschungsprojekt von Charlotte Falke und mir entstand, von der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Clinical Psychology and Psychotherapy angenommen wurde. Ein besonderer Grund zum Feiern besteht jedoch darüber hinaus deshalb, weil, anders als üblich, vom Journal nur minimale Änderungen gefordert wurden und (und das ist eine Rarität) der Artikel, wohlgemerkt an einem Sonntag (!) nur 25 Minuten nach der Neu-Einreichung vom Herausgeber der Zeitschrift akzeptiert wurde.

Die vorläufige vollständige Literaturangabe lautet:

Rupp, C., Gühne, D., Falke, C., Doebler, P., Andor, F., & Buhlmann, U. (2020). Comparing effects of detached mindfulness and cognitive restructuring in obsessive-compulsive disorder using ecological momentary assessment. Clinical Psychology and Psychotherapy, 1-10. https://doi.org/10.1002/cpp.2418

Promotion erfolgreich abgeschlossen

Ich freue mich, mitteilen zu können, dass das Praxisschild nicht ohne Grund ausgetauscht wurde: Mit der Disputation und anschließenden Veröffentlichung meiner Doktorarbeit habe ich heute, am 30.08.2019, meine Promotion zum Doktor der Naturwissenschaften (Dr. rer. nat.) erfolgreich angeschlossen und trage somit fortan den Doktortitel. Gefeiert wurde mit der ganzen Familie, und anbei findet sich ein gemeinsames Foto mit meiner herzensguten Doktormutter Prof. Dr. Ulrike Buhlmann.

Weiterer Artikel veröffentlicht

Es freut mich, bekannt geben zu können, dass ein weiterer Artikel unter meiner Erstautorschaft zur Publikation angenommen wurde, diesmal von der Fachzeitschrift Clinical Psychology and Psychotherapy. Der Artikel trägt den Titel „A study on treatment sensitivity of ecological momentary assessment in obsessive-compulsive disorder“ und beschreibt die Anwendung einer elektronischen Tagebuchmethode, mit der wir vor und nach der Behandlung mit entweder kognitiver oder metakognitiver Therapie bei den Betroffenen die Symptome der Zwangsstörung sowie die Anwendung der neuen, hilfreichen Bewältigungsstrategien erfasst haben.

Die vollständige Literaturangabe lautet:

Rupp, C., Falke, C., Gühne, D., Doebler, P., Andor, F., & Buhlmann, U. (in press). A study on treatment sensitivity of ecological momentary assessment in obsessive-compulsive disorder. Clinical Psychology and Psychotherapy.

Neuer Artikel in Fachzeitschrift veröffentlicht

Gestern, also am 20.03.19, war es nach über einem halben Jahr mühevoller Arbeit (neben der Praxiseröffnung) soweit: Der Artikel „A randomized waitlist-controlled trial comparing detached mindfulness and cognitive restructuring in obsessive-compulsive disorder“, den ich zusammen mit meiner Kollegin Charlotte Jürgens und drei weiteren Forschern verfasst habe, ist in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift „PLOS ONE“ erschienen.

Der Artikel präsentiert die Ergebnisse unserer Therapiestudie, in der wir von 2017 bis 2018 zwei verschiedene innovative Behandlungsansätze für Personen mit Zwangsstörungen erprobt haben. Mit der Veröffentlichung dieses Artikels sind nun endlich, nach langem Warten und sehr viel Arbeit, die Voraussetzungen dafür erfüllt, dass ich meine Dissertation fertig schreiben und somit im kommenden Sommer meine Promotion abschließen kann. Die Freude über diese gelungene Veröffentlichung könnte daher kaum größer sein!

Den Artikel können Sie hier herunterladen. Da er in einem so genannten Open Science-Journal erschienen ist, ist er der gesamten Öffentlichkeit ohne Einschränkung zugänglich.