Was Dankbarkeit mit Glück zu tun hat

In dieser besonderen Zeit, gekennzeichnet einerseits durch das herannahende Weihnachtsfest und eine erneut angespannte Corona-Lage möchte ich mich, auch in persönlicher Weise, gerne dem wichtigen Thema „Dankbarkeit“ widmen.

Ich möchte Dankbarkeit gerne als einen Wert betrachten, d. h. als etwas, das für sich genommen wertvoll und sinnstiftend ist. Aus psychotherapeutischer Sicht kann man Dankbarkeit als eine Facette von Akzeptanz auffassen – vielleicht erinnert sich noch jemand an meinen im März 2020 verfassten Artikel zu dem Thema, wie am Beispiel der Corona-Situation Akzeptanz und sinnvolles Handeln Hand in Hand gehen. Dankbarkeit beschreibt insofern eine Haltung, die dadurch geprägt ist, dass man die Dinge so annimmt, wie sie sind – und (das ist die Ergänzung zur rein akzeptierenden Haltung) in diesen Dingen diejenigen sucht und findet, die positiv und nicht selbstverständlich sind. Dies können ganz kleine Dinge sein (z. B. eine schöne zwischenmenschliche Begegnung), aber auch alltägliche Umstände (z. B. die Tatsache, dass wir in einem Land mit einem vergleichsweise guten Gesundheitssystem leben und uns die Pandemie weniger schwer getroffen hat als viele andere Staaten) ebenso wie Komplimente und Unterstützung, die wir von anderen erhalten. Das Wichtige dabei ist: Gelegenheit zur Dankbarkeit gibt es immer – nicht nur in Zeiten, in denen es „gut läuft“. Im Gegenteil: Dankbarkeit führt zu einer inneren Haltung, die gerade in schweren Zeiten den Fokus der Aufmerksamkeit wegführt von all dem, was schiefläuft und nicht so ist, wie wir es gerne hätten. Durch Dankbarkeit schafft man sich quasi ein Gegengewicht zu Unzufriedenheit, Frustration und Groll über Dinge und Menschen, die wir in der Regel ohnehin nicht ändern können. Und damit stellt Dankbarkeit eine wichtige Voraussetzung für das da, was wir in unserer Alltagssprache Zufriedenheit nennen – bzw. „Glück“. Das Schöne daran ist, dass Dankbarkeit in beide Richtungen funktioniert: Es kann, gerade in schweren Zeiten wie diesen, unser Herz sowohl dann erfüllen, wenn wir selbst Dankbarkeit verspüren und diese gegenüber der betreffenden Person äußern, als auch, wenn andere Menschen uns selbst gegenüber Dankbarkeit zeigen.

Ich z. B. bin u. a. deshalb so gerne in meinem Beruf als Psychotherapeut tätig, weil mir bei meiner Arbeit seitens der Patient*innen in einem Ausmaß Dankbarkeit zuteilwird, das den meisten anderen Berufsgruppen wahrscheinlich leider verwehrt bleibt. Natürlich verdiene ich durch meine Arbeit auch Geld, aber am Ende macht es den entscheidenden Unterschied, ob nur der Quartalsumsatz stimmt oder ob man die Praxis abends mit dem sinnstiftenden und herzerfüllenden Gefühl verlässt, Menschen geholfen zu haben. Tatsächlich würde ich die vielen besonderen Momente, in denen Menschen mir am Ende der Therapie mit Freudentränen in den Augen dafür danken, mit meiner Hilfe ihr Leben verändert zu haben, als die schönsten in meinem beruflichen Alltag beschreiben – ähnlich wie die oft sehr persönlichen, teils aufwendig selbst gebastelten Abschiedsgeschenke, die ich häufig erhalte. Solche Worte und Gesten berühren auch mich, und auch bei mir kann dann schon einmal eine Träne fließen.

Umgekehrt versuche ich mich selbst stets in Dankbarkeit zu üben – gerade in belastenden Zeiten wie denen, die meinem Praxisumzug nach Groß Rheide vorausgingen und in denen wirklich bemerkenswert viele Probleme auftraten, die mein Team und mich viele Nerven gekostet haben. Und ja, ich habe mich weiß Gott über viele Dinge wie die fehlende Serviceorientierung und Gleichgültigkeit gewisser Telefon“dienstleister“ geärgert und wurde von Menschen enttäuscht, die sich als ebenso wenig integre wie zuverlässige Kooperationspartner entpuppten. Umso dankbarer bin ich jedoch darüber, wie gut und beinahe reibungslos das Projekt „Praxisumzug“ letztlich geklappt hat, weshalb es mir sehr am Herzen lag, all den Helfer*innen, insbesondere den beteiligten Betrieben aus der Region, ein großes Dankeschön für die hervorragende Arbeit auszusprechen (zu finden in einem separaten Artikel hier). Wie manch ein Dienstleister aus der Umgebung vielleicht schon bemerkt hat, versuche ich, wann immer ich mit der getanen Arbeit zufrieden war, dies auch anschließend kundzutun und ein Lob auszusprechen – um dem im Dienstleistungsbereich leider häufig anzutreffenden Teufelskreis aus Beschwerde und Frustration auf beiden Seiten bewusst etwas entgegen zu setzen.

Aber auch in meiner Arbeit als Psychotherapeut empfinde ich häufig tiefe Dankbarkeit, z. B. darüber, dass Menschen mir oft nach nur kurzer Zeit Dinge anvertrauen, die sie nie zuvor jemand anderem erzählt haben. Ebenso empfinde ich Dankbarkeit für das, was wiederum ich von den Menschen, die meine Hilfe in Anspruch nehmen, lernen kann – ich denke da z. B. an zwei Patientinnen jenseits der 80, die mich mit all dem, was sie in ihrem Leben erlebt haben, immer wieder berühren und mich mit Bewunderung erfüllen.

In der Hoffnung, vielleicht einige Leser*innen mit diesem Artikel erreicht zu haben, wünsche ich Ihnen allen ein frohes und dankbares Weihnachtsfest.

© Dr. Christian Rupp 2020

Dieser Beitrag ist in leicht geänderter Fassung in der Dezember-/Januar-Ausgabe 2020 des Amtsblatts Kropp-Stapelholm erschienen.

Praxisumzug geschafft

Es neigt sich eine Woche dem Ende zu, die äußerst ereignisreich, stressig und in vielen verschiedenen Facetten emotional war. Es traten viele Probleme auf, aber dank guter Organisation und der Unterstützuung von vielen kompetenten und hilfsbereiten Menschen konnten fast alle binnen sieben Tagen gelöst werden. Ich bin, zusammen mit meinem Team, erleichtert und glücklich, dieses Projekt hinter uns und in nur sieben Tagen eine, wie ich finde, wunderschöne neue Praxis ins Leben gerufen zu haben. Hier geht es zur neuen Fotogalerie mit frischen Bildern aus der fertig eingerichteten Praxis.

Es ist mir sehr wichtig, an dieser Stelle all den Menschen zu danken, ohne die dieses Projekt nicht in so großer Zeit zum Erfolg geworden wäre. Hier möchte ich als allererstes meinem Mann sowie Herrn Block und Frau Geisler danken, die mir viel Arbeit abgenommen, wichtige Aufgaben übernommen, mich bei Bedarf vertreten und somit für viel Entlastung gesorgt haben. Ein großes Dankeschön und Lob für die hervorragende Arbeit geht außerdem an:

  • Die Elektriker und Netzwerktechniker von Elektro Hansen in Kropp
  • Die Firma Safecor aus Hamburg
  • Das Gärtner-Team von Max Bech aus Owschlag
  • Die Mitarbeiter*innen vom Teppich-Hof Knutzen in Büdelsdorf
  • Den Haus- und Montageservice Becker (Marcel Becker & Mitarbeiter) aus Groß Rheide
  • Die Möbelspedition Staats aus Flensburg

sowie an Herbert Plähn für die stets zuverlässige und entgegenkommende Zusammenarbeit, an Ute Plähn und Monika Sommer für die gründliche Endreinigung – und an Jörg Dell Missier für den gut durchdachten Bau des schönen neuen Praxishauses.

Ich freue mich darauf, meine Arbeit am neuen Standort wieder aufzunehmen und die zahlreichen Belastungen, die mit der alten Praxis in Kropp verknüpft sind, hinter mir lassen zu können.

Umzug meiner Praxis nach Groß Rheide im November 2020

Wie schon bereits im Amtsblatt Kropp-Stapelholm berichtet wurde, gibt es eine wichtige Neuigkeit zu verkünden: Zu Anfang November ziehen wir in neue Räumlichkeiten in Groß Rheide, was einen weiteren Hintergrund des neuen Praxis-Logos erklärt.

Aufgrund des Umzugs wird die Praxis in der ersten Novemberwoche geschlossen sein und am Montag, den 09.11.2020 neu eröffnen. E-Mail-Adresse, Fax- und Telefonnummer bleiben dabei komplett gleich, da Groß Rheide über dieselbe Vorwahl wie Kropp verfügt.

Die neue Adresse meiner Praxis ab November lautet: Hauptstraße 38b, 24872 Groß Rheide. Mein Team und ich freuen uns, alle unsere derzeitigen und künftigen Patient*innen am neuen Standort zu begrüßen, und hoffen auf einen möglichst reibungslosen Umzug.

Über das neue Praxis-Logo

Den ersten Tag meines Urlaubs habe ich als Anlass dafür genommen, das schon vor einigen Wochen entwickelte neue Praxis-Logo zu veröffentlichen, worüber ich mich sehr freue.

Das neue Logo bringt nicht nur Farbe ins Spiel, es hat auch direkt mehrere gut durchdachte Bedeutungsebenen, die letztlich alle etwas mit meiner Arbeit als Psychotherapeut, dem Design meiner Praxis – und damit zu tun haben, wie ich in den letzten 19 Monaten Schleswig-Holstein kennen und lieben gelernt habe.

Wer das neue Logo lieber selbst deuten möchte, sollte nun besser nicht weiterlesen, denn nun kommt das, was ich mir dabei gedacht habe…

  1. (Sonnen-)Gelb und (Petrol-)Blau sind nicht umsonst die leitenden Farben in der gesamten Praxis, denn sie sind 1) meine Lieblingsfarben, 2) die Farben der Wappen des Kreises Schleswig-Flensburg und des Amts Kropp-Stapelholm und stehen 3) symbolisch für Sonne und Meer – was mich vor knapp zwei Jahren nach Schleswig-Holstein gebracht hat.
  2. Das Logo zeigt zwei Eichenblätter. Eichen stehen für Stabilität, ihr Holz ist langlebig und robust. Als mein Lieblingsbaum und als Symbol für das, worum es in einer Psychotherapie fast immer geht (nämlich Stabilität) hat die Eiche nicht nur in Form von Möbeln Eingang in die Praxis gefunden, sondern auch in das neue Praxislogo. Und dann wäre da noch die Verbindung zu den Eichenblättern: Sie zieren nämlich auch das Wappen von Groß Rheide, meinem neuen Praxisstandort ab November 2020.
  3. Der Raum zwischen den Eichenblättern zeigt in stark verfremdeter Form die Silhouette Schleswig-Holsteins, eingerahmt von Nord- und Ostsee. Dies war mir nicht nur wichtig, weil ich das Bundesland zwischen den Meeren und seine Menschen so sehr in mein Herz geschlossen habe, sondern auch, weil die Praxis so ziemlich genau in der Mitte zwischen Nord- und Ostsee liegt.
  4. Die Form des Logos sollte bewusst ein Kreis sein, denn Kreise symbolisieren gleichzeitig Ganzheit und Dynamik – worin sich wiederum die Ziele und der Prozess einer Psychotherapie widerspiegeln.
  5. Wen das Logo an Yin & Yang erinnert, liegt auch nicht völlig falsch, denn Blau und Gelb sind Komplementärfarben und ergänzen sich ebenso, wie mitunter scheinbare Widersprüche innerhalb einer Person zusammenfinden und zu etwas Neuem (etwas Ganzem) werden.

Der Rest der Interpretation obliegt jedem persönlich – was war Ihre spontane Assoziation?

Über die Bedeutung eines Doktortitels

Dieser Artikel stellt die Fortsetzung meines vorherigen Artikels dar, in dem ich mich bemüht habe, Licht ins Dunkel der verschiedenen Psych-Berufe zu bringen (zu finden hier). In diesem Artikel soll es nun darum gehen, was es nun bei all den verschiedenen Berufsbezeichnungen mit dem „Dr.“ auf sich hat. In diesem Artikel erfahren Sie also, warum man Arzt sein kann, ohne Doktor zu sein, warum man Doktor sein kann, ohne Arzt zu sein, und was ein Doktortitel mit Wissenschaft zu tun hat.

Doktor ist nicht gleich Doktor

Ganz wichtig: Der Doktortitel, den man einer abgeschlossenen Promotion erlangt, sagt nichts über die berufliche Qualifikation einer Person in einem Heilberuf aus, sondern stellt eine wissenschaftliche Zusatzqualifikation dar, die man „oben drauf“ durch eine Extraleistung erwirbt. Die meisten Ärzte haben einen – aber das liegt nicht daran, dass man mit dem Doktortitel regulär das Medizinstudium abschließt. Nein; dass fast alle Ärzte über einen Doktortitel verfügen, liegt daran, dass, verglichen mit allen anderen akademischen Fächern, der Erwerb eines Doktortitels im Fach Medizin („Dr. med.“) relativ leicht ist und in aller Regel deutlich schneller geht. Eine Promotion im Fach Medizin dauert selten länger als ein Jahr, während beispielsweise eine Promotion in z. B. Psychologie, Physik oder Chemie mindestens drei und in der Realität eher vier bis sechs Jahre dauert. Das liegt daran, dass die wissenschaftlichen Anforderungen und Hürden in so gut wie allen Disziplinen deutlich höher sind als in der Medizin. Die Doktorarbeit im (an sich nicht grundsätzlich wissenschaftlich ausgelegten) Studium der Medizin entspricht meiner Erfahrung nach in etwa der Master- oder Diplomarbeit in anderen Studiengängen wie z. B. Psychologie. Dadurch bedingt wird ein „Dr. med.“ in wissenschaftlichen Kreisen oft belächelt. Damit möchte ich keineswegs Ärztinnen und Ärzte abwerten, denn für das enorm anspruchsvolle Medizinstudium verdienen sie ebenso Respekt wie für den verantwortungsvollen und anforderungsreichen Job, den sie machen. Aber: Das Ausmaß, in dem sich manche Ärzte mit einem „Dr. med“ schmücken und auf die Anrede mit diesem bestehen, steht in keinem Verhältnis zu der Qualität der eher geringen wissenschaftlichen Leistung, die im Vergleich zu anderen Disziplinen dahintersteckt.

Was steckt hinter einem Doktortitel?

Im Prinzip handelt es sich bei einem Doktortitel um den höchsten akademischen Grad („Professor“ ist nämlich kein akademischer Grad, sondern eine Berufsbezeichnung), den man durch das Verfassen einer Dissertation („Doktorarbeit“) erlangt. In den Naturwissenschaften, und so auch in der Psychologie, muss man hierzu eine eigenständige wissenschaftliche Untersuchung durchführen, und die Dissertation muss am Ende veröffentlicht werden, bevor einem der Titel verliehen wird. Oft müssen zudem einzelne Teile der Dissertation zusätzlich in Form einzelner wissenschaftlicher Artikel in Fachzeitschriften veröffentlicht werden. Diesen gesamten Prozess bezeichnet man als „Promotion“.

Welche Doktortitel können Psychologen erlangen?

Psychologen können, weil es sich eben um eine Naturwissenschaft handelt (mehr dazu hier), entweder einen „Dr. rer. nat.“ („Doktor der Naturwissenschaften“) erlangen – oder, was weniger verständlich ist, einen „Dr. phil.“ (Doktor der Philosophie). Das mit dem „Dr. phil“ liegt letztlich daran, dass Psychologie als Studienfach in Deutschland meist traditionell den philosophischen Fakultäten zugeordnet ist oder zumindest lange war. Und wenn man noch länger zurückschaut, dann liegt es daran, dass die Philosophie geschichtlich betrachtet die Mutter der Psychologie sowie aller Naturwissenschaften ist – was anhand des damals üblichen Begriffs „Naturphilosophie“ sehr schön deutlich wird.

In den letzten 10-20 Jahren wurde an Psychologen auch immer häufiger der „Dr. rer. medic.“ (Doktor der Medizinwissenschafen) vergeben, was möglich ist, wenn Psychologen an einer medizinischen Fakultät promovieren. Das bedeutet, das Thema der Dissertation ist grundsätzlich klinischer Natur; allerdings müssen die Kandidaten an mancher Universität, um überhaupt promovieren zu dürfen, ein vier- bis sechssemestriges medizinisches Zusatzstudium absolvieren. Also auch hier gilt: Nicht mal eben im Vorbeigehen erledigt! Die Anforderungen der Universitäten an den „Dr. rer. medic.“ sind allerdings äußerst unterschiedlich, sodass man kein einheitliches Gütesiegel vergeben kann. In der Wissenschaftswelt hoch anerkannt sind vor allem der „Dr. rer. nat“ und der „Dr. phil“, zudem in den Ingenieurswissenschaften der „Dr. ing.“ und im juristischen Bereich der „Dr. iur.“.

In Kombination mit meinem vorherigen Artikel über die verschiedenen Psych-Berufsbezeichnungen erklärt sich nun also, warum ein Psychotherapeut meist gleichzeitig ein Psychologe ist und damit erstens zudem ein Naturwissenschaftlicher und zweitens auch ein Doktor sein kann. Somit gilt: Auch einen Psychologen oder Psychotherapeuten kann man mit „Herr Doktor“ anreden, wenn er durch eine wissenschaftliche Promotion z. B. einen „Dr. phil.“ oder „Dr. rer. nat.“ erworben hat – und aus meiner Sicht verdient er diese Ansprache auch noch ein bisschen mehr als ein Arzt,  weil er deutlich mehr für diesen Titel leisten und über Jahre große Entbehrungen hinnehmen musste. Denn Promovieren in den Naturwissenschaften bedeutet kurz gesagt: Viel Durchhaltevermögen, viel Frustration, wenig Freizeit, wenig Geld.

Jetzt wird auch klar: Ein Doktortitel heißt nicht automatisch, dass jemand Arzt ist (eine Annahme, der man sehr häufig begegnet) – genau so wie es auch Ärzte ohne Doktortitel gibt, die denen mit Doktortitel fachlich in nichts nachstehen, weil es sich beim Doktortitel immer um eine wissenschaftliche Qualifikation „on top“ handelt. Und abschließend hoffe ich, dass ich mit diesem Artikel und dem letzten (siehe hier) erklären konnte, warum ein Psychotherapeut auch ein Naturwissenschaftler sein kann.

© Dr. Christian Rupp 2020

Wie mit der Corona-Krise umgehen? Vom Akzeptieren, Handeln und dem Käfer auf dem Rücken.

Aus aktuellem Anlass und weil diese Fragen bei vielen meiner Patient*innen gerade ganz weit vorne stehen, möchte ich das, was ich all meinen Patient*innen hierzu vermittle und nahelege, gerne mit allen Lesern meines Blogs teilen.

Mit Hilfe dieses Artikels möchte ich gerne meine Sichtweise dazu verdeutlichen, wie man am klügsten und gesündesten mit der Corona-Krise umgeht, die uns alle in eine Situation versetzt hat, die kaum jemand jemals zuvor erlebt hat. Ich greife dabei auf grundlegende Prinzipien der Akzeptanz- und Commitment-Therapie zurück, die ich für mein eigenes therapeutisches Arbeiten angepasst und ergänzt habe. Viele meiner Patient*innen werden das Schaubild, das Sie weiter unten finden, aus der einen oder anderen Therapiesitzung kennen. Da es sich hervorragend auf das Thema dieses Artikels anwenden lässt, habe ich es, speziell auf die Corona-Situation angepasst, in diesen Artikel mit aufgenommen. Wie Sie in diesem Schaubild sehen, geht es darum, sich drei grundlegende Wege anzuschauen, wie man mit einem Problem (also einem Umstand, der nicht so ist, wie man es gerne hätte) wie der Corona-Krise umgehen kann: Hadern, Akzeptieren und sinnvoll Handeln. Los geht’s.

Der ungünstigste Weg: „Wie ein Käfer auf dem Rücken“

Der mit Abstand unklügste und am wenigsten vorteilhafte Weg im Umgang mit einem Problem wie der Corona-Krise, das von außen bedingt und durch unser eigenes Handeln  nicht oder nur in geringem Maße zu ändern ist, besteht darin, zu hadern. Ich wähle dieses Wort mit Bedacht, um auf die Ineffektivität dieser Strategie hinzuweisen. Mit Hadern meine ich das, was in der Psychologie auch als maximale Lageorientierung bekannt ist: Man steht vor einem Problem, fühlt sich hilflos, kann dies aber nicht akzeptieren, weshalb man nach irrationalen und sinnlosen Kontrollversuchen strebt, mit denen man jedoch lediglich auf der Stelle tritt und sich im Kreis dreht. Mit anderen Worten: Man sieht das Problem, tut aber nichts, sondern verhält sich wie ein Käfer, der auf dem Rücken liegt: Man strampelt sich, überwiegend in Gedanken, ab, verliert dabei enorm viel Energie und erreicht – ganz genau – nichts. Man handelt nicht und löst nicht im Geringsten ein Problem – im Gegenteil: Man erschafft sich ein zusätzliches. Dieses Kernmerkmal ist neben der zugrundeliegenden Motivation, das Unkontrollierbare irgendwie kontrollierbar zu machen, der gemeinsame Nenner aller Dinge, die ich im unten stehenden Schaubild dem Hadern zugeordnet habe.

Es mag dem einen oder anderen widerstreben, dass dort neben Jammern und Klagen auch das Sich-Sorgen und Grübeln (was überwiegend dasselbe ist – Sorgen richten sich mehr auf die Zukunft, Grübeleien mehr auf die Vergangenheit) aufgeführt sind. Man könnte einwenden, dass man dadurch doch vielleicht auch auf Lösungen kommt. Dem entgegne ich ganz klar: Nein, denn wenn man durch Nachdenken nach nicht allzu langer Zeit zu einer Lösung gelangt und dann auch dementsprechend handelt (!), handelt es sich per definitionem eben nicht um Grübeln/Sich-Sorgen, sondern um lösungsorientiertes Denken. Sie sehen: Auch hier ist das ganz entscheidende Kriterium, das entscheidet, die Frage danach, ob das ganze zu einer produktiven Handlung führt, d. h. „etwas bringt“ – oder nicht. Grübeln und Sich-Sorgen ähneln eher einem Sich-im-Kreis-Drehen: Es kostet enorm viel Energie, der Stresshormonspiegel und die ängstliche Anspannung erhöhen sich dauerhaft, und je länger man es betreibt, desto mehr verliert man sich in Katastrophenszenarien, die immer weniger mit dem Hier und Jetzt zu tun haben.

Der Versuch, das Unkontrollierbare kontrollierbar zu machen (ja, auch Grübeln und Sich-Sorgen sind, psychologisch gesehen, ungünstige Kontrollversuche), ist auch das Bindeglied zu Verhaltensweisen wie dem Hamstern. Der aufmerksame Leser wird bemerken, dass es sich hierbei natürlich um eine Handlung und nicht nur um einen gedanklichen Prozess handelt. Das ist richtig, aber hier greift das Kriterium, dass die Handlung irrational und nicht sinnvoll ist – daher die Zuordnung zum Hadern. Sinnvoll wäre das Hamstern, wenn es in einem sinnvollen Bezug zur Realität stünde und ein probates Mittel wäre, um real etwas zu bewirken. Ich denke, es ist offensichtlich, dass dies auf das Horten von Klopapier z. B. nicht zutrifft. Hier greifen stattdessen mehrere Prozesse. Wie der Psychologe Jürgen Margraf neulich in einem Interview mit der Tagesschau sagte, kommt hier zum einen zum Tragen, dass wir à la „Herdentrieb“ dazu neigen, uns an anderen zu orientieren und im Zweifel dasselbe wie alle anderen tun. Ich finde das allerdings ein bisschen zu kurz gegriffen, blendet es doch wichtige innerpsychische Prozesse aus. Aus meiner Sicht kann man Verhaltensweisen wie das Klopapier-Hamstern zum einen als weiteren Versuch verstehen, Kontrolle in eine hochgradig unkontrollierbare Situation zu bringen. Durch Hamsterkäufe kann man sich zumindest vorgaukeln, „irgendwas getan“ zu haben, um sich „auf den Ernstfall“ vorzubereiten, den natürlich keiner kennt, weil niemand die Zukunft vorhersehen kann. Aber Hauptsache, man fühlt sich ein kleines bisschen weniger hilflos – auch wenn es im „Ernstfall“ sicher wichtiger wäre, Lebensmittel vorrätig zu haben, weil man das Klopapier-Problem wohl am ehesten auch anders lösen könnte und der Verzehr desselben zu Verdauungsproblemen führen dürfte. Zum anderen haben wir es mit einem Teufelskreis zu tun, der Dinge wie Klopapier in den Köpfen der Menschen zu einer begehrten Ressource macht: Allein die Tatsache, dass die Regale ständig leer sind, signalisiert: „Klopapier ist begehrt – Klopapier ist knapp – Sobald es wieder welches gibt, muss ich zuschlagen“. Das Ergebnis: Leere Regale, und der Teufelskreis beginnt von vorn.

Ich denke, es ist deutlich geworden, dass der Weg des Haderns derjenige ist, der, nicht nur in Zeiten der Corona-Krise, am sinnlosesten ist. Schauen wir uns nun also zwei alternative Wege an, die im Gegensatz zum Hadern erstens echte Lösungen darstellen und zweitens sehr viel besser für Ihre psychische Gesundheit sind. Diese beiden Wege – Akzeptieren und sinnvoll Handeln, kann man sich vorstellen wie zwei Seiten ein und derselben Medaille, weil sie nur miteinander funktionieren und das eine ohne das andere gar nicht denkbar ist.

Drei Wege im Umgang mit einem Problem – am Beispiel der Corona-Krise

Alternative 1: Akzeptieren & wertvolle Energie einsparen

Es klingt beinahe trivial, aber es ist unglaublich wichtig, sich folgendes klarzumachen: Wenn der Gegner nicht oder kaum unserer Kontrolle unterliegt, dann gibt es keinen gesünderen Weg, als ihn „radikal“ anzunehmen, d. h. zu akzeptieren, dass es ihn gibt. Akzeptieren in Zeiten der Corona-Krise meint, anzunehmen, dass es dieses Virus gibt, es sich ausbreitet und ca. bei 1-5% der Infizierten zum Tod führt, wir uns gesellschaftlich wie wirtschaftlich in einer zu den Lebzeiten der meisten von uns nie da gewesenen Ausnahmesituation befinden, die Politik so handelt, wie sie es tut – und keiner von uns sicher weiß, was in zwei Wochen, einem Monat und einem halben Jahr sein wird.

Wer jetzt denkt: „Das kann und will ich aber nicht akzeptieren“, der sei darauf verwiesen, dass er oder sie sich mit diesem Satz für das Hadern entschieden hat und ich ihm oder ihr diese Entscheidung nicht abnehmen kann. Vielleicht wäre es für diese Menschen ein erster Schritt, zunächst einmal die Gefühle zuzulassen, die hinter einer solchen Äußerung stecken: Wahrscheinlich eine Mischung aus Ärger und Frustration, denen wiederum Angst und Traurigkeit zugrunde liegen. Mein Tipp: Lassen Sie diese Gefühle zu, erleben Sie sie, sprechen Sie mit anderen Menschen (Angehörige, Freunde, Psychotherapeut*in…) darüber. Alternativ: Schreiben Sie sich die Gefühle von der Seele oder schreien Sie sie im Wald oder auf dem Feld heraus – aber grübeln Sie bitte nicht nur im Kopf darüber. Sie werden merken, es wird Ihnen dabei helfen, von diesen Gefühlen loszulassen. Und dann wird es mit dem Akzeptieren vielleicht auch eher klappen.

Allen anderen, die ich hiermit erreichen kann, möchte ich die Möglichkeit verdeutlichen, die sich dadurch eröffnet, dass man akzeptiert, was man nicht ändern kann, anstatt die Energie in das fruchtlose Hadern zu stecken: Denn plötzlich ist Energie da, die Sie in … na? … richtig, sinnvolles Handeln stecken können!

Alternative 2: Sinnvoll handeln – ändern, was man ändern kann

Sinnvoll zu handeln anstatt zu hadern, bedeutet, die eigene Energie für das zu verwenden, was man selbst bewirken kann, und stellt die andere Seite der Medaille dar, auf der vorne „Akzeptieren“ steht. Das heißt, das Kriterium, dem die jeweilige Handlung genügen muss, ist das der Effektivität: Es muss entweder Ihnen selbst oder anderen Menschen real etwas bringen, was Sie tun. In der Akzeptanz- und Commitment-Therapie wird dies ähnlich ausgedrückt: Hier geht es um die Frage, ob ihr Handeln Ihren eigenen Werten entspricht, was ich persönlich um den Aspekt der eigenen Ziele ergänzen möchte. Entspricht es Ihren Werten und Zielen, Klopapier zu horten, das dann anderen Menschen fehlt? Entspricht es Ihren Werten und Zielen, sich in gedanklichen Katastrophenszenarien zu verlieren und darüber zu vergessen, dass es eigentlich wichtig wäre, sich tatsächlich um sich selbst, andere Menschen oder anstehenden Aufgaben in Ihrem Leben zu kümmern? Die Antwort darauf können Sie sich nur selbst geben.

Was ich Ihnen sagen kann, ist, dass wenn Sie anfangen, sinnvoll zu handeln – das Schaubild enthält gleich eine Reihe von konkreten Vorschlägen – dies automatisch dazu führen wird, dass das Akzeptieren leichter fällt. Hier teile ich eine Grundauffassung der Akzeptanz- und Commitment-Therapie voll und ganz: Akzeptieren ist letztendlich Handeln. Egal ob Sie in diesen Zeiten die lange vernachlässigte Selbstfürsorge nachholen, ewig aufgeschobene Dinge erledigen oder sich um Ihre Mitmenschen kümmern: Handeln Sie anstatt mit dem zu hadern, was ohnehin nicht Ihrer Kontrolle unterliegt.

Mit einem Augenzwinkern möchte ich ergänzen, dass dieses Prinzip erst recht gilt, sollte unsere Welt wider Erwarten doch untergehen. Denn dann wäre es umso mehr zu bedauern, wenn man die Zeit vorher damit verbracht hätte, sich über Dinge zu sorgen, die noch gar nicht passiert sind. Zugespitzt bedeutet dies: Man kann sich aus Angst vor dem Tod auch prophylaktisch erschießen – oder man entscheidet sich, in der Gegenwart zu leben und zu handeln.

© Dr. Christian Rupp 2020

Nächster Artikel angenommen

Es ist bereits ein Grund zur Freude, dass tatsächlich noch dieses Jahr der vierte und vorerst letzte Artikel, der aus dem gemeinsamen Forschungsprojekt von Charlotte Falke und mir entstand, von der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Clinical Psychology and Psychotherapy angenommen wurde. Ein besonderer Grund zum Feiern besteht jedoch darüber hinaus deshalb, weil, anders als üblich, vom Journal nur minimale Änderungen gefordert wurden und (und das ist eine Rarität) der Artikel, wohlgemerkt an einem Sonntag (!) nur 25 Minuten nach der Neu-Einreichung vom Herausgeber der Zeitschrift akzeptiert wurde.

Die finale Literaturangabe (aktualisiert 02.04.2020) lautet:

Rupp, C., Gühne, D., Falke, C., Doebler, P., Andor, F., & Buhlmann, U. (2020). Comparing effects of detached mindfulness and cognitive restructuring in obsessive-compulsive disorder using ecological momentary assessment. Clinical Psychology and Psychotherapy, 27, 193-202. https://doi.org/10.1002/cpp.2418

Promotion erfolgreich abgeschlossen

Ich freue mich, mitteilen zu können, dass das Praxisschild nicht ohne Grund ausgetauscht wurde: Mit der Disputation und anschließenden Veröffentlichung meiner Doktorarbeit habe ich heute, am 30.08.2019, meine Promotion zum Doktor der Naturwissenschaften (Dr. rer. nat.) erfolgreich angeschlossen und trage somit fortan den Doktortitel. Gefeiert wurde mit der ganzen Familie, und anbei findet sich ein gemeinsames Foto mit meiner herzensguten Doktormutter Prof. Dr. Ulrike Buhlmann.

Weiterer Artikel veröffentlicht

Es freut mich, bekannt geben zu können, dass ein weiterer Artikel unter meiner Erstautorschaft zur Publikation angenommen wurde, diesmal von der Fachzeitschrift Clinical Psychology and Psychotherapy. Der Artikel trägt den Titel „A study on treatment sensitivity of ecological momentary assessment in obsessive-compulsive disorder“ und beschreibt die Anwendung einer elektronischen Tagebuchmethode, mit der wir vor und nach der Behandlung mit entweder kognitiver oder metakognitiver Therapie bei den Betroffenen die Symptome der Zwangsstörung sowie die Anwendung der neuen, hilfreichen Bewältigungsstrategien erfasst haben.

Die vollständige Literaturangabe lautet:

Rupp, C., Falke, C., Gühne, D., Doebler, P., Andor, F., & Buhlmann, U. (in press). A study on treatment sensitivity of ecological momentary assessment in obsessive-compulsive disorder. Clinical Psychology and Psychotherapy.