Die Psychologie hinter Schmerz – Teil 3: Warum eine Psychotherapie bei Schmerzen helfen kann

Um zu verstehen, was neben dem Einfluss auf das Tor im Rückenmark (siehe Teil 1) und dem Schmerzgedächtnis (siehe Teil 2) noch Gründe sind, mit einem Schmerzproblem einen Psychotherapeuten aufzusuchen, muss man sich vor Augen führen, welche Faktoren alle einen Einfluss auf das Erleben von Schmerzen haben.

Nun, da wäre zunächst der Umstand ins Feld zu führen, dass einer der Schmerz verarbeitenden Bereiche im Gehirn das so genannte limbische System ist. Kurz und vereinfacht gesagt ist das limbische System vor allem dafür zuständig, Gefühle und Stress zu verarbeiten. Nun haben wissenschaftliche Untersuchungsmethoden wie die funktionelle Magnetresonanztomographie zeigen können, dass das Aktivitätsmuster des Gehirns beim Verarbeiten von Gefühlen kaum von dem Aktivitätsmuster des Gehirns beim Verarbeiten von Schmerz zu unterscheiden ist. Hierin liegt eine für die psychologische Behandlung von Schmerzen immens wichtige Erkenntnis, nämlich dass Stress und (vor allem negative sowie unterdrückte und nicht verarbeitete) Gefühle Schmerzen verstärken oder sogar verursachen können. Es ist also tatsächlich keineswegs esoterischer Unfug, dass Gefühle wie Trauer als Schmerzen erlebt werden, wobei es hierzu durchaus Befunde gibt, dass dieser Ausdruck von Gefühlen kulturell geprägt ist und häufiger in Gesellschaften vorkommt, in denen Gefühlsäußerungen als Schwäche, Schmerzen jedoch als akzeptiertes Symptom gelten.

Für die Psychotherapie von Schmerzen bedeutet dies konkret, am Ausdruck und der Verarbeitung von Gefühlen sowie an der Reduktion von Stress zu arbeiten – klassische Domänen jeder modernen Psychotherapie. Reduktion von Stress kann übrigens sowohl den Abbau äußerer Stressfaktoren (Wechsel des Arbeitsplatzes, Arbeitsstunden reduzieren, die nervige Schwiegermutter seltener einladen) bedeuten als auch eine Veränderung innerer Stressfaktoren wie überhöhter Ansprüche an sich selbst und damit einhergehender Muss-Gedanken („Die Wohnung muss tadellos aussehen, wenn Schwiegermutti kommt“). Zum Stressabbau können in einer Psychotherapie auch Entspannungsverfahren wie die Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen zum Einsatz kommen. Diese sind sogar doppelt hilfreich, weil sie erstens zur Stressreduktion beitragen und zweitens einen körperlichen schmerzverstärkenden Faktor beeinflussen, nämlich die bei Schmerzpatienten oft vorzufindende Muskelverspannung.

Dem limbische System kann, vereinfacht gesprochen, auch die Funktion der Aufmerksamkeitslenkung zugeordnet werden. Aufmerksamkeit ist ein weiterer psychologischer (also im Gehirn beheimateter) Mechanismus, den Sie sich wie ein Spotlight auf einer Theaterbühne vorstellen können und der dafür sorgt, dass jede Empfindung, auf die sie gerichtet wird, stärker wahrgenommen wird – was natürlich auch für Schmerzen gilt. Noch so ein das Erleben des Schmerzes sogar sehr stark beeinflussender psychologischer Faktor ist die Bewertung des Schmerzes. Hierfür ist vor allem die vordere Großhirnrinde, auch präfrontaler Cortex genannt, zuständig. Gemeint ist, was wir uns im Kopf ständig über den Schmerz sagen. Wer seine Schmerzen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verstärken möchte, der sollte sich Mühe geben, ordentlich mit den Schmerzen zu hadern, indem er Dinge denkt wie „Das muss doch mal aufhören“, „Das soll und darf so nicht weitergehen“, „Ich bin nur noch ein Wrack“ oder „Das wird nie besser werden“ und „Ich bin so hilflos und ausgeliefert“. Schmerzlindernd hingegen wirken sich akzeptanzorientierte Bewertungen wie z. B. „Es ist so, wie es ist, und ich mache das Beste draus“ aus. Mit den beiden Faktoren „Aufmerksamkeit“ und „Bewertung“ haben wir somit zwei weitere Dinge, über die man, indem man an ihrer Veränderung und bewussten Kontrolle arbeitet, Schmerzen ziemlich gut beeinflussen und lindern kann.

Und da wäre noch ein interessanter Mechanismus. Erinnern Sie sich bitte zurück an das „Tor“ im Rückenmark, das ich in Teil 1 beschrieben habe und das die Weiterleitung von Schmerzsignalen ans Gehirn unterbinden kann – und zwar u. a. dadurch, dass endogene Opioide freigesetzt werden. Diese sind synthetisch hergestellten Opiaten, d. h. starken Schmerzmitteln, chemisch sehr ähnlich und fungieren als Botenstoffe, die die Schmerzweiterleitung dämpfen. Dieser körpereigene Schmerzdämpfungsmechanismus erklärt z. B., dass schwer verletzte Menschen nach einem Unfall oft kaum Schmerzen verspüren und dadurch zu Dingen in der Lage sind, die sonst gar nicht möglich wären – wie z. B. sich aus einem verunglückten Auto zu befreien. Das Interessante ist nun, dass genau diese endogenen Opioide in hohem Ausmaß dafür verantwortlich sind, dass Schmerzen nach der Einnahme von Scheinmedikamenten, die gar keinen Wirkstoff enthalten (genannt „Placebos“), weniger werden. Auch hier kommt der Impuls wieder „von oben“, also aus dem Gehirn: Dort entsteht nämlich aufgrund der gelernten Assoziation „Tablette = Schmerzreduktion“ die Erwartung, dass die Schmerzen weniger werden, was weiter unten im Rückenmark zur Freisetzung der endogenen Opioide und somit zur Schmerzlinderung führt. Die endogenen Opioide sind somit einer der Mechanismen, durch die sich die Wirkung von Erwartungen auf körperliche Vorgänge, d. h. der so genannte Placeboeffekt, erklären lässt. Hier und hier können Sie noch mehr über den Placeboeffekt erfahren.

Nun ist also klar, dass an Schmerz nicht nur ein bisschen, sondern das allermeiste psychologisch ist, ohne dass Schmerz jemals eingebildet ist. Die psychologische, also von der Gewebeschädigung Abstand nehmende Perspektive auf Schmerz ist nicht nur enorm wichtig, um zu verstehen, wie sich nach einer ursprünglichen organischen Verletzung chronische Scherzen entwickeln können. Die Vielzahl an beteiligten Gehirnregionen und psychologischen Faktoren beim Erleben von Schmerz macht es viel verständlicher, dass emotionale Konflikte vorher vorhandene Schmerzen verstärken oder Schmerzen sogar kausal verursachen können. Und es wird klarer, warum beim Vorhandensein anderer psychischer Störungen wie beispielsweise einer Depression Schmerzen verstärkt wahrgenommen oder sogar durch die Depression hervorgerufen werden.

Ich habe in diesem Artikel bewusst nur einen Teil von dem dargestellt, was es in puncto Schmerz und seiner psychologischen Einflussmöglichkeiten zu erzählen gibt. Wenn ich hiermit Ihr Interesse geweckt habe, so kann ich Ihnen zum weiteren Lesen sehr die beiden Ratgeber zum Thema Schmerz empfehlen, die ich auf meiner Website unter der Rubrik „Selbsthilfe“ vorgestellt habe.

© Dr. Christian Rupp 2021

Was Dankbarkeit mit Glück zu tun hat

In dieser besonderen Zeit, gekennzeichnet einerseits durch das herannahende Weihnachtsfest und eine erneut angespannte Corona-Lage möchte ich mich, auch in persönlicher Weise, gerne dem wichtigen Thema „Dankbarkeit“ widmen.

Ich möchte Dankbarkeit gerne als einen Wert betrachten, d. h. als etwas, das für sich genommen wertvoll und sinnstiftend ist. Aus psychotherapeutischer Sicht kann man Dankbarkeit als eine Facette von Akzeptanz auffassen – vielleicht erinnert sich noch jemand an meinen im März 2020 verfassten Artikel zu dem Thema, wie am Beispiel der Corona-Situation Akzeptanz und sinnvolles Handeln Hand in Hand gehen. Dankbarkeit beschreibt insofern eine Haltung, die dadurch geprägt ist, dass man die Dinge so annimmt, wie sie sind – und (das ist die Ergänzung zur rein akzeptierenden Haltung) in diesen Dingen diejenigen sucht und findet, die positiv und nicht selbstverständlich sind. Dies können ganz kleine Dinge sein (z. B. eine schöne zwischenmenschliche Begegnung), aber auch alltägliche Umstände (z. B. die Tatsache, dass wir in einem Land mit einem vergleichsweise guten Gesundheitssystem leben und uns die Pandemie weniger schwer getroffen hat als viele andere Staaten) ebenso wie Komplimente und Unterstützung, die wir von anderen erhalten. Das Wichtige dabei ist: Gelegenheit zur Dankbarkeit gibt es immer – nicht nur in Zeiten, in denen es „gut läuft“. Im Gegenteil: Dankbarkeit führt zu einer inneren Haltung, die gerade in schweren Zeiten den Fokus der Aufmerksamkeit wegführt von all dem, was schiefläuft und nicht so ist, wie wir es gerne hätten. Durch Dankbarkeit schafft man sich quasi ein Gegengewicht zu Unzufriedenheit, Frustration und Groll über Dinge und Menschen, die wir in der Regel ohnehin nicht ändern können. Und damit stellt Dankbarkeit eine wichtige Voraussetzung für das da, was wir in unserer Alltagssprache Zufriedenheit nennen – bzw. „Glück“. Das Schöne daran ist, dass Dankbarkeit in beide Richtungen funktioniert: Es kann, gerade in schweren Zeiten wie diesen, unser Herz sowohl dann erfüllen, wenn wir selbst Dankbarkeit verspüren und diese gegenüber der betreffenden Person äußern, als auch, wenn andere Menschen uns selbst gegenüber Dankbarkeit zeigen.

Ich z. B. bin u. a. deshalb so gerne in meinem Beruf als Psychotherapeut tätig, weil mir bei meiner Arbeit seitens der Patient*innen in einem Ausmaß Dankbarkeit zuteilwird, das den meisten anderen Berufsgruppen wahrscheinlich leider verwehrt bleibt. Natürlich verdiene ich durch meine Arbeit auch Geld, aber am Ende macht es den entscheidenden Unterschied, ob nur der Quartalsumsatz stimmt oder ob man die Praxis abends mit dem sinnstiftenden und herzerfüllenden Gefühl verlässt, Menschen geholfen zu haben. Tatsächlich würde ich die vielen besonderen Momente, in denen Menschen mir am Ende der Therapie mit Freudentränen in den Augen dafür danken, mit meiner Hilfe ihr Leben verändert zu haben, als die schönsten in meinem beruflichen Alltag beschreiben – ähnlich wie die oft sehr persönlichen, teils aufwendig selbst gebastelten Abschiedsgeschenke, die ich häufig erhalte. Solche Worte und Gesten berühren auch mich, und auch bei mir kann dann schon einmal eine Träne fließen.

Umgekehrt versuche ich mich selbst stets in Dankbarkeit zu üben – gerade in belastenden Zeiten wie denen, die meinem Praxisumzug nach Groß Rheide vorausgingen und in denen wirklich bemerkenswert viele Probleme auftraten, die mein Team und mich viele Nerven gekostet haben. Und ja, ich habe mich weiß Gott über viele Dinge wie die fehlende Serviceorientierung und Gleichgültigkeit gewisser Telefon”dienstleister” geärgert und wurde von Menschen enttäuscht, die sich als ebenso wenig integre wie zuverlässige Kooperationspartner entpuppten. Umso dankbarer bin ich jedoch darüber, wie gut und beinahe reibungslos das Projekt „Praxisumzug“ letztlich geklappt hat, weshalb es mir sehr am Herzen lag, all den Helfer*innen, insbesondere den beteiligten Betrieben aus der Region, ein großes Dankeschön für die hervorragende Arbeit auszusprechen (zu finden in einem separaten Artikel hier). Wie manch ein Dienstleister aus der Umgebung vielleicht schon bemerkt hat, versuche ich, wann immer ich mit der getanen Arbeit zufrieden war, dies auch anschließend kundzutun und ein Lob auszusprechen – um dem im Dienstleistungsbereich leider häufig anzutreffenden Teufelskreis aus Beschwerde und Frustration auf beiden Seiten bewusst etwas entgegen zu setzen.

Aber auch in meiner Arbeit als Psychotherapeut empfinde ich häufig tiefe Dankbarkeit, z. B. darüber, dass Menschen mir oft nach nur kurzer Zeit Dinge anvertrauen, die sie nie zuvor jemand anderem erzählt haben. Ebenso empfinde ich Dankbarkeit für das, was wiederum ich von den Menschen, die meine Hilfe in Anspruch nehmen, lernen kann – ich denke da z. B. an zwei Patientinnen jenseits der 80, die mich mit all dem, was sie in ihrem Leben erlebt haben, immer wieder berühren und mich mit Bewunderung erfüllen.

In der Hoffnung, vielleicht einige Leser*innen mit diesem Artikel erreicht zu haben, wünsche ich Ihnen allen ein frohes und dankbares Weihnachtsfest.

© Dr. Christian Rupp 2020

Dieser Beitrag ist in leicht geänderter Fassung in der Dezember-/Januar-Ausgabe 2020 des Amtsblatts Kropp-Stapelholm erschienen.

Praxisumzug geschafft

Es neigt sich eine Woche dem Ende zu, die äußerst ereignisreich, stressig und in vielen verschiedenen Facetten emotional war. Es traten viele Probleme auf, aber dank guter Organisation und der Unterstützuung von vielen kompetenten und hilfsbereiten Menschen konnten fast alle binnen sieben Tagen gelöst werden. Ich bin, zusammen mit meinem Team, erleichtert und glücklich, dieses Projekt hinter uns und in nur sieben Tagen eine, wie ich finde, wunderschöne neue Praxis ins Leben gerufen zu haben. Hier geht es zur neuen Fotogalerie mit frischen Bildern aus der fertig eingerichteten Praxis.

Es ist mir sehr wichtig, an dieser Stelle all den Menschen zu danken, ohne die dieses Projekt nicht in so großer Zeit zum Erfolg geworden wäre. Hier möchte ich als allererstes meinem Mann sowie Herrn Block und Frau Geisler danken, die mir viel Arbeit abgenommen, wichtige Aufgaben übernommen, mich bei Bedarf vertreten und somit für viel Entlastung gesorgt haben. Ein großes Dankeschön und Lob für die hervorragende Arbeit geht außerdem an:

  • Die Elektriker und Netzwerktechniker von Elektro Hansen in Kropp
  • Die Firma Safecor aus Hamburg
  • Das Gärtner-Team von Max Bech aus Owschlag
  • Die Mitarbeiter*innen vom Teppich-Hof Knutzen in Büdelsdorf
  • Den Haus- und Montageservice Becker (Marcel Becker & Mitarbeiter) aus Groß Rheide
  • Die Möbelspedition Staats aus Flensburg

sowie an Herbert Plähn für die stets zuverlässige und entgegenkommende Zusammenarbeit, an Ute Plähn und Monika Sommer für die gründliche Endreinigung – und an Jörg Dell Missier für den gut durchdachten Bau des schönen neuen Praxishauses.

Ich freue mich darauf, meine Arbeit am neuen Standort wieder aufzunehmen und die zahlreichen Belastungen, die mit der alten Praxis in Kropp verknüpft sind, hinter mir lassen zu können.

Umzug meiner Praxis nach Groß Rheide im November 2020

Wie schon bereits im Amtsblatt Kropp-Stapelholm berichtet wurde, gibt es eine wichtige Neuigkeit zu verkünden: Zu Anfang November ziehen wir in neue Räumlichkeiten in Groß Rheide, was einen weiteren Hintergrund des neuen Praxis-Logos erklärt.

Aufgrund des Umzugs wird die Praxis in der ersten Novemberwoche geschlossen sein und am Montag, den 09.11.2020 neu eröffnen. E-Mail-Adresse, Fax- und Telefonnummer bleiben dabei komplett gleich, da Groß Rheide über dieselbe Vorwahl wie Kropp verfügt.

Die neue Adresse meiner Praxis ab November lautet: Hauptstraße 38b, 24872 Groß Rheide. Mein Team und ich freuen uns, alle unsere derzeitigen und künftigen Patient*innen am neuen Standort zu begrüßen, und hoffen auf einen möglichst reibungslosen Umzug.

Über das neue Praxis-Logo

Den ersten Tag meines Urlaubs habe ich als Anlass dafür genommen, das schon vor einigen Wochen entwickelte neue Praxis-Logo zu veröffentlichen, worüber ich mich sehr freue.

Das neue Logo bringt nicht nur Farbe ins Spiel, es hat auch direkt mehrere gut durchdachte Bedeutungsebenen, die letztlich alle etwas mit meiner Arbeit als Psychotherapeut, dem Design meiner Praxis – und damit zu tun haben, wie ich in den letzten 19 Monaten Schleswig-Holstein kennen und lieben gelernt habe.

Wer das neue Logo lieber selbst deuten möchte, sollte nun besser nicht weiterlesen, denn nun kommt das, was ich mir dabei gedacht habe…

  1. (Sonnen-)Gelb und (Petrol-)Blau sind nicht umsonst die leitenden Farben in der gesamten Praxis, denn sie sind 1) meine Lieblingsfarben, 2) die Farben der Wappen des Kreises Schleswig-Flensburg und des Amts Kropp-Stapelholm und stehen 3) symbolisch für Sonne und Meer – was mich vor knapp zwei Jahren nach Schleswig-Holstein gebracht hat.
  2. Das Logo zeigt zwei Eichenblätter. Eichen stehen für Stabilität, ihr Holz ist langlebig und robust. Als mein Lieblingsbaum und als Symbol für das, worum es in einer Psychotherapie fast immer geht (nämlich Stabilität) hat die Eiche nicht nur in Form von Möbeln Eingang in die Praxis gefunden, sondern auch in das neue Praxislogo. Und dann wäre da noch die Verbindung zu den Eichenblättern: Sie zieren nämlich auch das Wappen von Groß Rheide, meinem neuen Praxisstandort ab November 2020.
  3. Der Raum zwischen den Eichenblättern zeigt in stark verfremdeter Form die Silhouette Schleswig-Holsteins, eingerahmt von Nord- und Ostsee. Dies war mir nicht nur wichtig, weil ich das Bundesland zwischen den Meeren und seine Menschen so sehr in mein Herz geschlossen habe, sondern auch, weil die Praxis so ziemlich genau in der Mitte zwischen Nord- und Ostsee liegt.
  4. Die Form des Logos sollte bewusst ein Kreis sein, denn Kreise symbolisieren gleichzeitig Ganzheit und Dynamik – worin sich wiederum die Ziele und der Prozess einer Psychotherapie widerspiegeln.
  5. Wen das Logo an Yin & Yang erinnert, liegt auch nicht völlig falsch, denn Blau und Gelb sind Komplementärfarben und ergänzen sich ebenso, wie mitunter scheinbare Widersprüche innerhalb einer Person zusammenfinden und zu etwas Neuem (etwas Ganzem) werden.

Der Rest der Interpretation obliegt jedem persönlich – was war Ihre spontane Assoziation?

Über die Bedeutung eines Doktortitels

Dieser Artikel stellt die Fortsetzung meines vorherigen Artikels dar, in dem ich mich bemüht habe, Licht ins Dunkel der verschiedenen Psych-Berufe zu bringen (zu finden hier). In diesem Artikel soll es nun darum gehen, was es nun bei all den verschiedenen Berufsbezeichnungen mit dem “Dr.” auf sich hat. In diesem Artikel erfahren Sie also, warum man Arzt sein kann, ohne Doktor zu sein, warum man Doktor sein kann, ohne Arzt zu sein, und was ein Doktortitel mit Wissenschaft zu tun hat.

Doktor ist nicht gleich Doktor

Ganz wichtig: Der Doktortitel, den man einer abgeschlossenen Promotion erlangt, sagt nichts über die berufliche Qualifikation einer Person in einem Heilberuf aus, sondern stellt eine wissenschaftliche Zusatzqualifikation dar, die man “oben drauf” durch eine Extraleistung erwirbt. Die meisten Ärzte haben einen – aber das liegt nicht daran, dass man mit dem Doktortitel regulär das Medizinstudium abschließt. Nein; dass fast alle Ärzte über einen Doktortitel verfügen, liegt daran, dass, verglichen mit allen anderen akademischen Fächern, der Erwerb eines Doktortitels im Fach Medizin (“Dr. med.”) relativ leicht ist und in aller Regel deutlich schneller geht. Eine Promotion im Fach Medizin dauert selten länger als ein Jahr, während beispielsweise eine Promotion in z. B. Psychologie, Physik oder Chemie mindestens drei und in der Realität eher vier bis sechs Jahre dauert. Das liegt daran, dass die wissenschaftlichen Anforderungen und Hürden in so gut wie allen Disziplinen deutlich höher sind als in der Medizin. Die Doktorarbeit im (an sich nicht grundsätzlich wissenschaftlich ausgelegten) Studium der Medizin entspricht meiner Erfahrung nach in etwa der Master- oder Diplomarbeit in anderen Studiengängen wie z. B. Psychologie. Dadurch bedingt wird ein “Dr. med.” in wissenschaftlichen Kreisen oft belächelt. Damit möchte ich keineswegs Ärztinnen und Ärzte abwerten, denn für das enorm anspruchsvolle Medizinstudium verdienen sie ebenso Respekt wie für den verantwortungsvollen und anforderungsreichen Job, den sie machen. Aber: Das Ausmaß, in dem sich manche Ärzte mit einem “Dr. med” schmücken und auf die Anrede mit diesem bestehen, steht in keinem Verhältnis zu der Qualität der eher geringen wissenschaftlichen Leistung, die im Vergleich zu anderen Disziplinen dahintersteckt.

Was steckt hinter einem Doktortitel?

Im Prinzip handelt es sich bei einem Doktortitel um den höchsten akademischen Grad („Professor“ ist nämlich kein akademischer Grad, sondern eine Berufsbezeichnung), den man durch das Verfassen einer Dissertation („Doktorarbeit“) erlangt. In den Naturwissenschaften, und so auch in der Psychologie, muss man hierzu eine eigenständige wissenschaftliche Untersuchung durchführen, und die Dissertation muss am Ende veröffentlicht werden, bevor einem der Titel verliehen wird. Oft müssen zudem einzelne Teile der Dissertation zusätzlich in Form einzelner wissenschaftlicher Artikel in Fachzeitschriften veröffentlicht werden. Diesen gesamten Prozess bezeichnet man als „Promotion“.

Welche Doktortitel können Psychologen erlangen?

Psychologen können, weil es sich eben um eine Naturwissenschaft handelt (mehr dazu hier), entweder einen „Dr. rer. nat.“ („Doktor der Naturwissenschaften“) erlangen – oder, was weniger verständlich ist, einen „Dr. phil.“ (Doktor der Philosophie). Das mit dem “Dr. phil” liegt letztlich daran, dass Psychologie als Studienfach in Deutschland meist traditionell den philosophischen Fakultäten zugeordnet ist oder zumindest lange war. Und wenn man noch länger zurückschaut, dann liegt es daran, dass die Philosophie geschichtlich betrachtet die Mutter der Psychologie sowie aller Naturwissenschaften ist – was anhand des damals üblichen Begriffs “Naturphilosophie” sehr schön deutlich wird.

In den letzten 10-20 Jahren wurde an Psychologen auch immer häufiger der “Dr. rer. medic.” (Doktor der Medizinwissenschafen) vergeben, was möglich ist, wenn Psychologen an einer medizinischen Fakultät promovieren. Das bedeutet, das Thema der Dissertation ist grundsätzlich klinischer Natur; allerdings müssen die Kandidaten an mancher Universität, um überhaupt promovieren zu dürfen, ein vier- bis sechssemestriges medizinisches Zusatzstudium absolvieren. Also auch hier gilt: Nicht mal eben im Vorbeigehen erledigt! Die Anforderungen der Universitäten an den “Dr. rer. medic.” sind allerdings äußerst unterschiedlich, sodass man kein einheitliches Gütesiegel vergeben kann. In der Wissenschaftswelt hoch anerkannt sind vor allem der “Dr. rer. nat” und der “Dr. phil”, zudem in den Ingenieurswissenschaften der “Dr. ing.” und im juristischen Bereich der “Dr. iur.”.

In Kombination mit meinem vorherigen Artikel über die verschiedenen Psych-Berufsbezeichnungen erklärt sich nun also, warum ein Psychotherapeut meist gleichzeitig ein Psychologe ist und damit erstens zudem ein Naturwissenschaftlicher und zweitens auch ein Doktor sein kann. Somit gilt: Auch einen Psychologen oder Psychotherapeuten kann man mit “Herr Doktor” anreden, wenn er durch eine wissenschaftliche Promotion z. B. einen “Dr. phil.” oder “Dr. rer. nat.” erworben hat – und aus meiner Sicht verdient er diese Ansprache auch noch ein bisschen mehr als ein Arzt,  weil er deutlich mehr für diesen Titel leisten und über Jahre große Entbehrungen hinnehmen musste. Denn Promovieren in den Naturwissenschaften bedeutet kurz gesagt: Viel Durchhaltevermögen, viel Frustration, wenig Freizeit, wenig Geld.

Jetzt wird auch klar: Ein Doktortitel heißt nicht automatisch, dass jemand Arzt ist (eine Annahme, der man sehr häufig begegnet) – genau so wie es auch Ärzte ohne Doktortitel gibt, die denen mit Doktortitel fachlich in nichts nachstehen, weil es sich beim Doktortitel immer um eine wissenschaftliche Qualifikation “on top” handelt. Und abschließend hoffe ich, dass ich mit diesem Artikel und dem letzten (siehe hier) erklären konnte, warum ein Psychotherapeut auch ein Naturwissenschaftler sein kann.

© Dr. Christian Rupp 2020

Wie mit der Corona-Krise umgehen? Vom Akzeptieren, Handeln und dem Käfer auf dem Rücken.

Aus aktuellem Anlass und weil diese Fragen bei vielen meiner Patient*innen gerade ganz weit vorne stehen, möchte ich das, was ich all meinen Patient*innen hierzu vermittle und nahelege, gerne mit allen Lesern meines Blogs teilen.

Mit Hilfe dieses Artikels möchte ich gerne meine Sichtweise dazu verdeutlichen, wie man am klügsten und gesündesten mit der Corona-Krise umgeht, die uns alle in eine Situation versetzt hat, die kaum jemand jemals zuvor erlebt hat. Ich greife dabei auf grundlegende Prinzipien der Akzeptanz- und Commitment-Therapie zurück, die ich für mein eigenes therapeutisches Arbeiten angepasst und ergänzt habe. Viele meiner Patient*innen werden das Schaubild, das Sie weiter unten finden, aus der einen oder anderen Therapiesitzung kennen. Da es sich hervorragend auf das Thema dieses Artikels anwenden lässt, habe ich es, speziell auf die Corona-Situation angepasst, in diesen Artikel mit aufgenommen. Wie Sie in diesem Schaubild sehen, geht es darum, sich drei grundlegende Wege anzuschauen, wie man mit einem Problem (also einem Umstand, der nicht so ist, wie man es gerne hätte) wie der Corona-Krise umgehen kann: Hadern, Akzeptieren und sinnvoll Handeln. Los geht’s.

Der ungünstigste Weg: „Wie ein Käfer auf dem Rücken“

Der mit Abstand unklügste und am wenigsten vorteilhafte Weg im Umgang mit einem Problem wie der Corona-Krise, das von außen bedingt und durch unser eigenes Handeln  nicht oder nur in geringem Maße zu ändern ist, besteht darin, zu hadern. Ich wähle dieses Wort mit Bedacht, um auf die Ineffektivität dieser Strategie hinzuweisen. Mit Hadern meine ich das, was in der Psychologie auch als maximale Lageorientierung bekannt ist: Man steht vor einem Problem, fühlt sich hilflos, kann dies aber nicht akzeptieren, weshalb man nach irrationalen und sinnlosen Kontrollversuchen strebt, mit denen man jedoch lediglich auf der Stelle tritt und sich im Kreis dreht. Mit anderen Worten: Man sieht das Problem, tut aber nichts, sondern verhält sich wie ein Käfer, der auf dem Rücken liegt: Man strampelt sich, überwiegend in Gedanken, ab, verliert dabei enorm viel Energie und erreicht – ganz genau – nichts. Man handelt nicht und löst nicht im Geringsten ein Problem – im Gegenteil: Man erschafft sich ein zusätzliches. Dieses Kernmerkmal ist neben der zugrundeliegenden Motivation, das Unkontrollierbare irgendwie kontrollierbar zu machen, der gemeinsame Nenner aller Dinge, die ich im unten stehenden Schaubild dem Hadern zugeordnet habe.

Es mag dem einen oder anderen widerstreben, dass dort neben Jammern und Klagen auch das Sich-Sorgen und Grübeln (was überwiegend dasselbe ist – Sorgen richten sich mehr auf die Zukunft, Grübeleien mehr auf die Vergangenheit) aufgeführt sind. Man könnte einwenden, dass man dadurch doch vielleicht auch auf Lösungen kommt. Dem entgegne ich ganz klar: Nein, denn wenn man durch Nachdenken nach nicht allzu langer Zeit zu einer Lösung gelangt und dann auch dementsprechend handelt (!), handelt es sich per definitionem eben nicht um Grübeln/Sich-Sorgen, sondern um lösungsorientiertes Denken. Sie sehen: Auch hier ist das ganz entscheidende Kriterium, das entscheidet, die Frage danach, ob das ganze zu einer produktiven Handlung führt, d. h. „etwas bringt“ – oder nicht. Grübeln und Sich-Sorgen ähneln eher einem Sich-im-Kreis-Drehen: Es kostet enorm viel Energie, der Stresshormonspiegel und die ängstliche Anspannung erhöhen sich dauerhaft, und je länger man es betreibt, desto mehr verliert man sich in Katastrophenszenarien, die immer weniger mit dem Hier und Jetzt zu tun haben.

Der Versuch, das Unkontrollierbare kontrollierbar zu machen (ja, auch Grübeln und Sich-Sorgen sind, psychologisch gesehen, ungünstige Kontrollversuche), ist auch das Bindeglied zu Verhaltensweisen wie dem Hamstern. Der aufmerksame Leser wird bemerken, dass es sich hierbei natürlich um eine Handlung und nicht nur um einen gedanklichen Prozess handelt. Das ist richtig, aber hier greift das Kriterium, dass die Handlung irrational und nicht sinnvoll ist – daher die Zuordnung zum Hadern. Sinnvoll wäre das Hamstern, wenn es in einem sinnvollen Bezug zur Realität stünde und ein probates Mittel wäre, um real etwas zu bewirken. Ich denke, es ist offensichtlich, dass dies auf das Horten von Klopapier z. B. nicht zutrifft. Hier greifen stattdessen mehrere Prozesse. Wie der Psychologe Jürgen Margraf neulich in einem Interview mit der Tagesschau sagte, kommt hier zum einen zum Tragen, dass wir à la „Herdentrieb“ dazu neigen, uns an anderen zu orientieren und im Zweifel dasselbe wie alle anderen tun. Ich finde das allerdings ein bisschen zu kurz gegriffen, blendet es doch wichtige innerpsychische Prozesse aus. Aus meiner Sicht kann man Verhaltensweisen wie das Klopapier-Hamstern zum einen als weiteren Versuch verstehen, Kontrolle in eine hochgradig unkontrollierbare Situation zu bringen. Durch Hamsterkäufe kann man sich zumindest vorgaukeln, „irgendwas getan“ zu haben, um sich „auf den Ernstfall“ vorzubereiten, den natürlich keiner kennt, weil niemand die Zukunft vorhersehen kann. Aber Hauptsache, man fühlt sich ein kleines bisschen weniger hilflos – auch wenn es im „Ernstfall“ sicher wichtiger wäre, Lebensmittel vorrätig zu haben, weil man das Klopapier-Problem wohl am ehesten auch anders lösen könnte und der Verzehr desselben zu Verdauungsproblemen führen dürfte. Zum anderen haben wir es mit einem Teufelskreis zu tun, der Dinge wie Klopapier in den Köpfen der Menschen zu einer begehrten Ressource macht: Allein die Tatsache, dass die Regale ständig leer sind, signalisiert: „Klopapier ist begehrt – Klopapier ist knapp – Sobald es wieder welches gibt, muss ich zuschlagen“. Das Ergebnis: Leere Regale, und der Teufelskreis beginnt von vorn.

Ich denke, es ist deutlich geworden, dass der Weg des Haderns derjenige ist, der, nicht nur in Zeiten der Corona-Krise, am sinnlosesten ist. Schauen wir uns nun also zwei alternative Wege an, die im Gegensatz zum Hadern erstens echte Lösungen darstellen und zweitens sehr viel besser für Ihre psychische Gesundheit sind. Diese beiden Wege – Akzeptieren und sinnvoll Handeln, kann man sich vorstellen wie zwei Seiten ein und derselben Medaille, weil sie nur miteinander funktionieren und das eine ohne das andere gar nicht denkbar ist.

Drei Wege im Umgang mit einem Problem – am Beispiel der Corona-Krise

Alternative 1: Akzeptieren & wertvolle Energie einsparen

Es klingt beinahe trivial, aber es ist unglaublich wichtig, sich folgendes klarzumachen: Wenn der Gegner nicht oder kaum unserer Kontrolle unterliegt, dann gibt es keinen gesünderen Weg, als ihn „radikal“ anzunehmen, d. h. zu akzeptieren, dass es ihn gibt. Akzeptieren in Zeiten der Corona-Krise meint, anzunehmen, dass es dieses Virus gibt, es sich ausbreitet und ca. bei 1-5% der Infizierten zum Tod führt, wir uns gesellschaftlich wie wirtschaftlich in einer zu den Lebzeiten der meisten von uns nie da gewesenen Ausnahmesituation befinden, die Politik so handelt, wie sie es tut – und keiner von uns sicher weiß, was in zwei Wochen, einem Monat und einem halben Jahr sein wird.

Wer jetzt denkt: „Das kann und will ich aber nicht akzeptieren“, der sei darauf verwiesen, dass er oder sie sich mit diesem Satz für das Hadern entschieden hat und ich ihm oder ihr diese Entscheidung nicht abnehmen kann. Vielleicht wäre es für diese Menschen ein erster Schritt, zunächst einmal die Gefühle zuzulassen, die hinter einer solchen Äußerung stecken: Wahrscheinlich eine Mischung aus Ärger und Frustration, denen wiederum Angst und Traurigkeit zugrunde liegen. Mein Tipp: Lassen Sie diese Gefühle zu, erleben Sie sie, sprechen Sie mit anderen Menschen (Angehörige, Freunde, Psychotherapeut*in…) darüber. Alternativ: Schreiben Sie sich die Gefühle von der Seele oder schreien Sie sie im Wald oder auf dem Feld heraus – aber grübeln Sie bitte nicht nur im Kopf darüber. Sie werden merken, es wird Ihnen dabei helfen, von diesen Gefühlen loszulassen. Und dann wird es mit dem Akzeptieren vielleicht auch eher klappen.

Allen anderen, die ich hiermit erreichen kann, möchte ich die Möglichkeit verdeutlichen, die sich dadurch eröffnet, dass man akzeptiert, was man nicht ändern kann, anstatt die Energie in das fruchtlose Hadern zu stecken: Denn plötzlich ist Energie da, die Sie in … na? … richtig, sinnvolles Handeln stecken können!

Alternative 2: Sinnvoll handeln – ändern, was man ändern kann

Sinnvoll zu handeln anstatt zu hadern, bedeutet, die eigene Energie für das zu verwenden, was man selbst bewirken kann, und stellt die andere Seite der Medaille dar, auf der vorne „Akzeptieren” steht. Das heißt, das Kriterium, dem die jeweilige Handlung genügen muss, ist das der Effektivität: Es muss entweder Ihnen selbst oder anderen Menschen real etwas bringen, was Sie tun. In der Akzeptanz- und Commitment-Therapie wird dies ähnlich ausgedrückt: Hier geht es um die Frage, ob ihr Handeln Ihren eigenen Werten entspricht, was ich persönlich um den Aspekt der eigenen Ziele ergänzen möchte. Entspricht es Ihren Werten und Zielen, Klopapier zu horten, das dann anderen Menschen fehlt? Entspricht es Ihren Werten und Zielen, sich in gedanklichen Katastrophenszenarien zu verlieren und darüber zu vergessen, dass es eigentlich wichtig wäre, sich tatsächlich um sich selbst, andere Menschen oder anstehenden Aufgaben in Ihrem Leben zu kümmern? Die Antwort darauf können Sie sich nur selbst geben.

Was ich Ihnen sagen kann, ist, dass wenn Sie anfangen, sinnvoll zu handeln – das Schaubild enthält gleich eine Reihe von konkreten Vorschlägen – dies automatisch dazu führen wird, dass das Akzeptieren leichter fällt. Hier teile ich eine Grundauffassung der Akzeptanz- und Commitment-Therapie voll und ganz: Akzeptieren ist letztendlich Handeln. Egal ob Sie in diesen Zeiten die lange vernachlässigte Selbstfürsorge nachholen, ewig aufgeschobene Dinge erledigen oder sich um Ihre Mitmenschen kümmern: Handeln Sie anstatt mit dem zu hadern, was ohnehin nicht Ihrer Kontrolle unterliegt.

Mit einem Augenzwinkern möchte ich ergänzen, dass dieses Prinzip erst recht gilt, sollte unsere Welt wider Erwarten doch untergehen. Denn dann wäre es umso mehr zu bedauern, wenn man die Zeit vorher damit verbracht hätte, sich über Dinge zu sorgen, die noch gar nicht passiert sind. Zugespitzt bedeutet dies: Man kann sich aus Angst vor dem Tod auch prophylaktisch erschießen – oder man entscheidet sich, in der Gegenwart zu leben und zu handeln.

© Dr. Christian Rupp 2020

Warum schreibt er nicht zurück? – "Ghosting" aus Sicht eines Psychotherapeuten

Vor einiger Zeit habe ich auf Anfrage des Mannschaft Magazins ein Interview zum Thema “Ghosting” gegeben. Falls Ihnen dieser Begriff bislang noch unbekannt ist, so kann ich, denke ich, versprechen, dass in dem folgenden Artikel alle Unklarheiten beseitigt werden. Der von Martin Busse dazu verfasste Magazinartikel soll voraussichtlich im Mai in der Printausgabe des Magazins erscheinen. Da ich in psycholography schon lange keinen inhaltlichen Artikel mehr veröffentlicht habe, habe ich mich entschlossen, vorab schon einen eigenen Beitrag mit meinen Interview-Antworten zu verfassen. Vielleicht ist es ja für den einen oder anderen eine willkommene Abwechslung in dieser von Corona dominierten Zeit. Ich weise vorab darauf hin: Meine Antworten basieren auf einer Mischung aus psychotherapeutischem Wissens- und Erfahrungsschatz, gepaart mit dem von mir so hochgehaltenen gesunden Menschenverstand. Wer hierzu wissenschaftliche Fachartikel lesen möchte, möge bitte an anderer Stelle suchen.

Warum kommt es zu “Ghosting”?

Wenn wir uns darauf einigen, dass „Ghosting“ beschreibt, dass man, ohne dies zu kommunizieren, den Kontakt zu Menschen abbricht (früher hätte man es wahrscheinlich „eine Beziehung einschlafen lassen“ genannt), dann dürften die wesentlichen Beweggründe wohl folgende sein: Erstens möchte die ghostende Person offenbar nichts mehr mit der anderen Person zu tun haben, z. B. weil sie bemerkt, dass sie sie eigentlich nicht mag, oder sie findet diese nicht mehr interessant genug (für welchen Zweck auch immer). Zweitens möchte die ghostende Person wahrscheinlich entweder (aus Angst, die andere Person zu verletzen und im Gegenzug selbst verletzt zu werden) vermeiden, der anderen Person ihr Desinteresse oder ihre Antipathie ehrlich mitzuteilen – oder aber die andere Person ist ihr schlichtweg nicht wichtig genug, um es ihr mitzuteilen. In beiden Fällen ist das Ergebnis dasselbe: Der anderen Person wird nicht mehr geantwortet, der Kontakt wird über schwammige Floskeln („Wir schreiben dann noch mal…“) ausgeschlichen – die Person wird „geghosted“

Ghosting im zeitlichen und gesellschaftlichen Kontext

Ich halte “Ghosting” nicht per se für ein Phänomen der Neuzeit, denn wie schon oben beschrieben, hat es meiner Ansicht nach diese konfrontationsvermeidende Art, Beziehungen zu beenden, die einem unlieb geworden sind, schon früher gegeben. Sowohl meine eigene Erziehung als auch die Biographien vieler meiner Patient*innen sind voll mit expliziten und impliziten (d. h., am Modell gelernten) Erziehungsbotschaften der Art „So was kann man nicht einfach direkt sagen“, „Vermeide Auseinandersetzungen“ und „Pass auf, niemanden zu verletzen“. Letztere Botschaft hat aus meiner Sicht allerdings einen wichtigen Subtext, denn, wie oben schon angedeutet, hat diese Strategie auch zum Ziel, selbst nicht verletzt zu werden (weil das abgelehnte Gegenüber vielleicht aus seiner Kränkung heraus „zurückschießt“) und sich vor allem nicht mit der emotionalen Reaktion der abgelehnten Person auseinander setzen zu müssen – was wiederum Stress für einen selbst bedeutet. Aus der Perspektive der ghostenden Person könnte man somit „Ghosting“ durchaus als effiziente Gefühlsvermeidungsstrategie bezeichnen.

Ich wäre damit vorsichtig, mich so weit aus dem Fenster zu lehnen, dass Ghosting etwas über die Entwicklung unserer Gesellschaft aussagt, weil es eben ein altes Phänomen ist. Allerdings muss man einwenden, dass das Phänomen in unserer Zeit durch die sozialen Medien eine andere Qualität bekommen hat. Das liegt aus meiner Sicht daran, dass zwischenmenschliche Interaktionen in sozialen Medien, vor allem in Dating-Apps wie Grindr und Tinder erstens anonymer, zweitens oberflächlicher und drittens schnelllebiger geworden sind. Besonders gefährlich finde ich in diesem Kontext, dass durch die vermeintliche „Überauswahl“ an potenziellen Partner*innen (einmal wischen, und man kommt zum nächsten Kandidaten) erstens der Sinn für den Wert jedes einzelnen Menschen verloren geht und zweitens  sich der vor allem in der Generation Y omnipräsente Gedanke manifestiert: „Vielleicht findet sich ja doch noch was Besseres – also bloß keine Verbindlichkeiten eingehen“. Dies ist natürlich Wasser auf die Mühlen des o. g. Beweggrunds für Ghosting, der letztlich beinhaltet, dass die andere Person einem nicht wirklich wichtig ist. Warum sollte man sich also die Mühe machen, ihr zu sagen, dass und warum man sich gegen sie entscheidet.

Die Folgen von Ghosting für Betroffene

Während „Geghostet Werden“ für Menschen mit einem gefestigten Selbstwertgefühl und einer grundlegenden Selbstsicherheit aus meiner Sicht wenige bis keine Auswirkungen hat, kann es für Menschen, die hierüber eben nicht verfügen, durchaus drastische negative Effekte haben. Ich denke hierbei an Jugendliche und junge Erwachsene und noch einmal in besonderer Weise an junge Menschen aus der LGBTQI-Community, die aufgrund ihres Andersseins nicht selten in kritischen Entwicklungsphasen Ablehnungserfahrungen einer Qualität gemacht haben, die gender- und heteronormativ aufgewachsenen Menschen weitgehend fremd sein dürften. Diese Menschen verfügen überzufällig häufig eben nicht über ein stabiles Selbstwertgefühl und Selbstkonzept, sodass sie eine Ablehnung, wie sie beim Ghosten geschieht, schnell als Beleg dafür bewerten, dass sie selbst als Mensch nicht gut genug, inakzeptabel oder nicht liebenswert sind. Die Folgen können sozialer Rückzug und Depression oder die Entwicklung einer sozialen Angststörung sein – wobei ich betonen möchte, dass die Erfahrung des Ghostings dabei nicht die alleinige Ursache, sondern eher der Tropfen in einer langen Kette aus Ablehnungserfahrungen ist, der das Fass zum Überlaufen bringt. Insofern ist Ghosting sicherlich als problematisch einzustufen. Es bleibt die Frage, ob es für das Gegenüber besser ist, wenn es, anstatt geghostet zu werden, eine ehrliche Rückmeldung erhält. Ob sich diese schlimmer oder besser als Ghosting auswirkt, hängt wohl davon ab, wie diese formuliert ist: „Sorry, du bist nicht mein Typ“ ist sicher leichter zu verdauen als „Ich steh nicht auf Tunten“ oder „Du bist viel zu fett“. Ich persönlich tendiere dazu, dass jegliche Rückmeldung besser ist als keine. Denn so verletzend Aussagen die „Du bist mir zu fett“ sind – man weiß wenigstens, woran man ist. Die Erfahrung des Ghostings hingegen wirft viele Fragen, Unsicherheiten, Selbstzweifel auf, und eine Antwort auf diese bleibt aus.

Tipps für Geghostete

Menschen, die geghostet werden, würde ich dazu raten, ihre Bewertung dessen in eine bestimmte Richtung zu verändern. Anstatt das Geghostet Werden als Beleg dafür zu interpretieren, dass man selbst nicht okay ist, würde ich auf das altbewährte Kommunikationsmodell nach Schulz von Thun verweisen und in diesem Verhalten der anderen Person nicht die Beleidigung der eigenen, sondern die Selbstoffenbarung der anderen Person sehen. Man sollte sich fragen, was die Person über sich selbst aussagt, die jemanden ghostet, anstatt die ehrliche Konfrontation mit ihr zu suchen. Wahrscheinlich steckt dahinter entweder, wie oben beschrieben, eine große Selbstunsicherheit oder eine ausgeprägte Oberflächlichkeit. Insbesondere wenn letzteres zutrifft, könnte man sich ja auch denken, dass man eine solche Person nun wirklich nicht in seinem Leben braucht. Und dann hat man den Spieß auch schon umgedreht – frei nach dem Motto: Wer mich ghostet, den sortiere ich aus.

Appell an Ghostende

Der folgende Appell an alle Ghostenden ergibt sich aus dem, was ich bisher beschrieben habe: Man sollte sich bewusst machen, 1) wie sehr man die andere Person ggf. verletzt, 2) was man von sich selbst für ein Bild zeichnet und, (3) ob man nicht lieber ein anderes Bild von sich zeichnen möchte. Und dann sollte man vielleicht den Mut aufbringen, ihr so viel Respekt entgegen zu bringen, dass man ihr eine ehrliche Rückmeldung gibt – um unser Miteinander, auch auf gesellschaftlicher Ebene, wieder ein wenig freundlicher zu machen.

© Dr. Christian Rupp 2020

Nächster Artikel angenommen

Es ist bereits ein Grund zur Freude, dass tatsächlich noch dieses Jahr der vierte und vorerst letzte Artikel, der aus dem gemeinsamen Forschungsprojekt von Charlotte Falke und mir entstand, von der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Clinical Psychology and Psychotherapy angenommen wurde. Ein besonderer Grund zum Feiern besteht jedoch darüber hinaus deshalb, weil, anders als üblich, vom Journal nur minimale Änderungen gefordert wurden und (und das ist eine Rarität) der Artikel, wohlgemerkt an einem Sonntag (!) nur 25 Minuten nach der Neu-Einreichung vom Herausgeber der Zeitschrift akzeptiert wurde.

Die finale Literaturangabe (aktualisiert 02.04.2020) lautet:

Rupp, C., Gühne, D., Falke, C., Doebler, P., Andor, F., & Buhlmann, U. (2020). Comparing effects of detached mindfulness and cognitive restructuring in obsessive-compulsive disorder using ecological momentary assessment. Clinical Psychology and Psychotherapy, 27, 193-202. https://doi.org/10.1002/cpp.2418