Esoterik vs. Wissenschaft: Von Glauben, Wissen und der Fähigkeit, beides zu unterscheiden.

Ich habe zwar angekündigt, dass das nächste Thema „Intelligenz“ sein wird, jedoch befand ich mich vor wenigen Tagen plötzlich in Mitten einer Diskussion zum Thema „Wirksamkeit von alternativen Heilmethoden“ bzw. „Wissenschaft versus Esoterik“, die ich euch, weil mir dieses Thema so unglaublich am Herzen liegt, auf keinen Fall vorenthalten wollte. Daher gibt es jetzt einen Abstecher in ein Gebiet, dass ein großes Steckenpferd von mir geworden ist und einer der Hauptanlässe dafür war, vor fast einem Jahr diesen Blog zu starten. Falls euch der Text, den ich ungerne zerstückeln wollte, zu lang ist, um ihn direkt zu lesen – lest ihn entweder später oder scrollt ans Ende und lest die letzten fünf Abschnitte. Das Thema ist wichtig, und ich finde, es sollte jeden interessieren.

Dazu vorab schon der Hinweis, dass ich mich im Folgenden bei dem Begriff „Esoterik“ auf dessen Bedeutung im Alltag, d.h. auf das gesamte Spektrum spiritueller, mystischer und okkulter Lehren und Verfahren beziehe, die gegenwärtig existieren. Ich beziehe mich dabei nicht auf die ursprüngliche Bedeutung des aus dem Altgriechischen stammenden Wortes, das eine philosophische Lehre bezeichnet, die nur einem begrenzten Personenkreis zugängig war („eso“ = innen / nach außen begrenzt). Auf Vertreter dieser Lehren und Praktiken werde ich mit dem Begriff „Esoteriker“ verweisen, der, was ich betonen möchte, nicht abschätzig gemeint ist.

In der Diskussion, die online in einem bekannten sozialen Netzwerk (was könnte das wohl sein…?) stattfand, ging es ursprünglich um das Thema Reiki. Reiki ist eine dem esoterischen Bereich zuzuordnende, aus Japan stammende Heil- und Entspannungsmethode; die Lehre geht wahrscheinlich auf Mikao Usui zurück und bedeutet übersetzt so viel wie „geistige Lebensenergie“. Im Wesentlichen geht es darum, dass ein „Reikilehrer“ (d.h. jemand, der sich mit Usuis Lehren auskennt, eine gewisse Form der „Ausbildung“ hinter sich gebracht hat und sich oft für einen besonders feinfühligen und sensiblen Menschen hält), einem anderen Menschen die Hand auflegt (daher ist Reiki auch als „Handauflegen“ bekannt) und dadurch jene Lebensenergie überträgt (= „Reiki gibt“).

Die im Folgenden sinngemäß wiedergegebenen (nicht wörtlich zitierten) Diskussionspartner besitzen eine ausgeprägte Affiliation zum gesamten Feld der Esoterik; einer von beiden beschäftigt sich seit einigen Wochen mit Reiki und wendet es immer häufiger bei anderen an, bisher vor allem bei Familienmitgliedern. Die zweite Person wiederum kennt die erste gut und ist von deren Arbeit begeistert.

Also, los ging es (nachdem eine hier irrelevante dritte Person geschrieben hatte, wie gut sie nach einer „Reiki-Anwendung“ geschlafen habe) nach einem kurzen Kommentar meinerseits, dass ich Reiki aufgrund meines Wissens über seine wissenschaftlich erforschte Wirksamkeit ablehne. Ich werde nun versuchen, alles so objektiv wie möglich darzustellen. Mein Ziel ist es nicht, meine Diskussionspartner in den Dreck zu ziehen oder mich über sie lustig zu machen. Ich möchte anhand dieser Diskussion anschaulich deutlich machen, warum ich eine so kritische Einstellung gegenüber Esoterik & Co. habe und außerdem aufzeigen, auf welchen typischen gedanklichen Fehlern esoterische Weltanschauungen oft beruhen. Dazu möchte ich darauf hinweisen, dass ich meine Beiträge in der Hinsicht überarbeitet und ergänzt habe, dass ich persönliche Ansprachen herausgenommen, einiges umformuliert und ergänzt habe. Die beiden Diskussionspartner nenne ich der Einfachheit halber A und B.

Thesen des Diskussionspartners A:

  • Es gehe bei Reiki nicht darum, den Verstand zu benutzen, sondern darum, sich seinen Gefühlen hinzugeben (Ziehen einer Grenze zwischen Emotion und Kognition).
  • Zu viel Wissenschaft tue der Welt nicht gut, weil sie in der Vergangenheit unzähligen Menschen das Leben gekostet habe (Hexen, Heiler, etc.).
  • Es gebe Dinge zwischen Himmel und Erde, die mit dem Verstand nicht zu erklären seien.
  • Andere Beispiele: Yoga, autogenes Training, Meditation: Hier lerne man, seine Gedanken fließen zu lassen und loszulassen. Das täten sehr viele Menschen jeden Tag.

Daraufhin meine Antwort:

Ja, das ist ja auch alles nicht falsch, aber man muss dennoch differenzieren. Natürlich gab es (in der Vergangenheit!) dunkle Kapitel der Wissenschaft (Tier- und Menschenversuche – scheußlich), aber das ist kein Grund, die Befunde der modernen Wissenschaft anzuzweifeln, denn deren Aussagekraft ist eine Frage der Methodik. Zumal der weitaus größere Feind von Heilern, Hexen und Co. sicherlich die Kirche war, die ebenfalls die Wissenschaft bekämpft hat (siehe z.B. Leonardo Da Vinci, Nikolaus Kopernikus, etc.), aber das ist eine andere Geschichte.

Die moderne Wissenschaft hat auf vielen Gebieten eine Menge Licht ins Dunkel gebracht und auch Meditation, Yoga & Co. untersucht – es gibt da sehr viele spannende Studien, vor allem aus dem neurowissenschaftlichen Bereich, z.B. mit buddhistischen Mönchen als Probanden. Nur die alltägliche Unterscheidung zwischen „Verstand“ und „Gefühlen“ ist in Wahrheit kaum zu vertreten, weil die beiden untrennbar miteinander vernetzt sind, was Sie auch hier nachlesen können. Und in der Tat wurde und wird die Wirksamkeit von alternativen Heilmethoden (von Akupunktur und „Chakrenarbeit“ über Reiki und Bioenergetik bis hin zu „Geistheilung“ und „Energiearbeit“) intensiv untersucht. Und zwar geschah und geschieht dies in Doppelblindstudien, die die stärksten kausalen Schlüsse zulassen, die in der Wissenschaft möglich sind und die den Teilnehmern ganz bestimmt nicht schaden – eine entsprechende Erklärung findet sich hier.

Das allerhäufigste Ergebnis in Studien, die die Wirksamkeit jener Verfahren untersucht haben, ist, dass die Wirkung nicht von dem Heilverfahren an sich ausgeht, sondern entweder davon, dass die Betroffenen an die Wirkung glauben (= Placebo-Effekt) oder davon, dass die Wirkung auf irgendwelche anderen, meist trivialen Faktoren zurückzuführen ist. Dies ist knallharte wissenschaftliche Realität.

So, nun bin ich der folgenden Meinung: Ich finde einerseits, dass es im Prinzip egal ist, warum etwas wirkt, weil es für den Betroffenen entscheidend ist, dass es wirkt. Ebenfalls wissenschaftlich untersucht wurden nämlich auch die Selbstheilungskräfte des Menschen, die durch den Glauben an die Wirkung eines Verfahrens erheblich gestärkt werden können.

Weshalb ich diesen Verfahren jedoch trotzdem skeptisch gegenüber stehe, liegt daran, dass es unter den Vertretern dieser Verfahren (und allgemein unter Menschen mit starker Neigung zur Esoterik) zwei Typen gibt, die mich stören. Die einen sind die Quacksalber und Halsabschneider, die ihr Geld damit verdienen, dass sie verzweifelten Patienten Heilung versprechen (was ein seriöser Vertreter eines Heilberufs nie tun würde) und beispielsweise Krebspatienten von einer dringend nötigen Chemotherapie abraten und somit deren Tod besiegeln. (Alternative Therapien und/oder psychotherapeutische Begleitung bei Krebs sind zusätzlich sinnvoll, aber die alleinige Anwendung ist verantwortungslos). Genauso finde ich es einfach nur unverantwortlich, wenn mancher selbsternannter „Heiler“ völlig unzulässige und nachweislich unvalide diagnostische Methoden (d.h. solche, die keine korrekten Aussagen erlauben und deshalb ziemlicher Quatsch sind: Hierzu wird es bald einen eigenen Blogeintrag geben), wie z.B. den „kinesiologischen Muskeltest“ anwenden und ihren Patienten schreckliche Angst mit der Aussage einflößen, sie seien von „Erdstrahlen“, Quecksilber oder Ähnlichem belastet. In diesem Sektor wird unglaublich viel Unfug getrieben, und ich habe mehrere Freunde und Bekannte, die auf solche Menschen reingefallen sind und es bitter bereuen.

Der andere Typ sind diejenigen, die zwar kein Kapital aus ihrer Überzeugung schlagen, aber sich zu Missionaren erklärt haben. Die ihre Überzeugung als einzige Wahrheit betrachten und Gegenmeinungen oder abweichende Standpunkte mit der Äußerung abtun: „Du bist nicht offen dafür“. Was solche Leute gut können, ist, alles, was andere machen, zu kritisieren, nur nicht die eigene Überzeugung. Das Problem, dass bei diesen Menschen oft vorliegt, ist, dass sie ihr vermeintliches „Wissen“ nicht hinterfragen: Was ist die Quelle von dem, was ich weiß (Buch, Vortrag, Zeitung, Reportage auf Fernsehsender XY…)? Noch viel wichtiger ist aber die Frage: Woher hat der Buchautor, der Journalist oder der Vortragende sein Wissen? Und ist diese Quelle von Wissen glaubwürdig? Und wenn ja, warum? Meistens stammt „Wissen“ im esoterischen Bereich letztendlich von irgendwem ab, der sich das irgendwann einmal ausgedacht hat, oder aber von uralten mystisch-spirituellen Schriften, die in ihrer Bedeutung oft reichlich verdreht wurden. Jedenfalls liegt so gut wie nie eine empirische (Erklärung folgt sofort) Fundierung dieses vermeintlichen Wissens vor, oder wenn, dann nur in Form von methodisch so schlechten Studien, dass gültige Aussagen hieraus nicht abgeleitet werden können.

In der Wissenschaft, die sich deratigen Themen beschäftigt, stammt das Wissen aus kontrollierten Studien (das bedeutet „empirisch“), die idealerweise mit verschiedenen Methoden und an verschiedenen Probanden dasselbe herausfinden (was natürlich bedeutet, dass es Wissensarten verschiedener Güte gibt). Jenen „Missionaren“ fehlt aber oft die Bildung, um ihr Wissen kritisch zu hinterfragen, was jeder gute Wissenschaftler, der sich der Wissenschaftstheorie Carl Poppers bewusst ist, hingegen tut. Ich betrachte die Fähigkeit, Wissen und dessen Quellen kritisch hinterfragen und deren Glaubwürdigkeit einschätzen zu können, als eine der wichtigsten Kompetenzen, die mir mein Studium vermittelt hat.

D.h., um den Bogen zu schließen, könnte ich jemandem, der mir vorwirft, nicht „offen“ für Reiki, „Energiearbeit“, den kinesiologischen Muskeltest usw. zu sein, genau so gut entgegnen, dass er bzw. sie nicht offen ist für wissenschaftliche Erklärungen, und diese Behauptung wäre wesentlich fundierter. Natürlich wäre es vermessen, zu behaupten, dass die Wissenschaft alles auf der Welt erklären kann, und diesen Eindruck will ich auch gar nicht vermitteln. Kein seriöser Wissenschaftler würde dies jemals behaupten. Aber: Die moderne Wissenschaft kann eine gewaltige Menge von Dingen erklären und sehr viele (esoterische) Behauptungen als haltlos entlarven. Und eben, weil ich die Eigenschaften moderner und seriöser Wissenschaft so sehr schätze, sehe ich einen immensen Anlass dazu, ihr mehr zu trauen als Theorien und Erklärungen, denen jede empirische Fundierung fehlt. Wozu brauche ich aus der Luft gegriffene Theorien, wenn es auch wissenschaftlich fundierte, d.h. solche mit „Substanz“, gibt?

Darauf die Thesen desselben Diskussionspartners (A):

  • Argumentation, dass Handauflegen hilft, da jeder dies intuitiv bei sich selbst und anderen tue (Hand auf Bauch bei Bauchschmerzen, kühle Hand an Kopf bei Kopfschmerzen, Mutter legt Hand auf Kind, um es zu beruhigen).
  • Reiki sei eine Form des Energieaustauschs.
  • Besonders sensible Menschen seien in der Lage, Blockaden in Menschen zu spüren und diese durch Handauflegen zu lösen.
  • Reiki schade nicht und diene nur der Entspannung.

Meine erneute Antwort:

Das ist das, was ich meine. Intuitiv ist das alles nachvollziehbar, aber es setzt zwingend voraus, dass man daran glaubt. Natürlich verspüren wir positive Emotionen, wenn uns nahestehende Menschen uns berühren. Das liegt daran, dass angenehme Berührungen einen (größtenteils durch die Evolution bedingten und daher angeborenen) Belohnungswert für uns haben, der im Gehirn über das limbische System und verwandte Strukturen vermittelt wird. Die Folge dessen kann ein tiefer Entspannungszustand sein. Das ist die wissenschaftliche, auf intensiver Forschung basierende Erklärung für unser Empfinden.

Dafür, dass dabei irgendwelche „Energien fließen“, gibt es hingegen keine Hinweise – mit Ausnahme von Infrarotstrahlung (oder mit anderen Worten: Wärmeenergie), wenn die Hand warm ist. Das heißt, es handelt sich um zwei verschiedene Sichtweisen derselben Sache. Nur während die eine auf wissenschaftlichen Befunden basiert, setzt die andere einen Glauben voraus, weil sie ansonsten durch nichts gestützt wird. Natürlich kann das, was bei Reiki gemacht wird, Entspannung erzeugen und z.B. dadurch, dass angespannte Muskeln sich entspannen, Schmerzen reduzieren. Aber dazu braucht es keine „schillernde Story“ von irgendwelchen fließenden Energien und einem scheinbar besonders feinfühligen Menschen. „Innere Blockaden“ sind wieder ein Teil dieser „Story“ bzw. „Legende“, die aufgrund der Schwammigkeit des Begriffs natürlich nie gefunden werden konnten. Esoteriker, denen nicht selten eine entsprechende Bildung fehlt, können einem auch selten sagen, wie diese Blockaden aussehen und wo im Körper sie angesiedelt sein sollen. Wenn eine Person z.B. berichtet, durch Reiki in einem Entscheidungsprozess unterstützt worden zu sein, so wird das sehr wahrscheinlich schlichtweg am allgemeinen Entspannungszustand gelegen haben. Aber der Punkt, um den es mir geht, ist: Um einen solchen herzustellen, braucht es keinen Hokuspokus und keine esoterische „Story“: Andere Entspannungsverfahren wie z.B. progressive Muskelrelaxation nach Jacobsen, Meditation oder autogenes Training erzeugen dies auch. Das heißt, Reiki wirkt entspannend – ja, ganz bestimmt. Aber nicht, weil irgendwelche Energien fließen.

Viele (oft selbst ernannte) „Reiki-Experten“ behaupten aber noch viel mehr – und verkaufen das Verfahren als das Rundum-Allheilmittel schlechthin. Egal, ob Erkältung, Rückenschmerzen, Krebs, Allergien –  Reiki löst das Problem. Und das ist nun wirklich völliger Unsinn, wie in mehreren Doppelblindstudien eindrucksvoll nachgewiesen haben (ein Übersichtsartikel liegt z.B. von Lee, Pittler und Ernst aus dem Jahr 2008 vor). Die Erkenntnis ist schlichtweg diejenige, dass Reiki, wenn überhaupt, entweder über unspezifische Faktoren (z.B. einen allgemeinen Entspannungszustand) oder nur dann Effekte auf die Gesundheit ausübt, wenn die behandelte Person daran glaubt, dass es wirkt. Der Glaube ist der Motor des Placeboeffekts. Und im Prinzip hat der Diskussionspartner genau dies ja schon in seinem letzten Kommentar selbst gesagt: Es ist egal, ob die Mutter, der Vater, man selbst oder ein „Reiki-Lehrer“ einem die Hand auflegt: Die Wirkung ist die gleiche. Oft werden dann (wie weiter unten noch als Beispiel aufgeführt) als vermeintlicher Beweis persönliche Erfahrungen als Beleg für die Wirksamkeit herangeführt („Ich habe mich nach dem Reiki soooo gut gefühlt“). Nur ist diese Äußerung all den Störeinflüssen unterworfen, die wissenschaftliche Studien eben ausschließen (subjektives Empfinden von lediglich einer Person, mögliche andere Wirkfaktoren wie Umgebung, Atmosphäre, Glaube an das Verfahren, etc., etc. –  für mehr siehe das Beispiel weiter unten).

Ich finde es extrem wichtig, zwischen wissenschaftlichen Erklärungen und solchen, die auf Glauben basieren, zu unterscheiden. Und ich bin sehr dankbar dafür, aufgrund meines Studiums diese beiden Formen unterscheiden und bewerten zu können. Denn die Quellen seines Wissens zu kennen und ihre Glaubwürdigkeit einschätzen zu können, ist meiner Meinung eine Voraussetzung für ein Leben als mündiger Mensch. Und weil ich genau weiß, dass vielen anderen Menschen diese Voraussetzung fehlt (was überhaupt nicht abwertend gemeint ist!), habe ich vor knapp einem Jahr mit dem Schreiben dieses Blogs begonnen, mit dem ich das Ziel verfolge, den Menschen verschiedene Theorien vorzustellen und diese Theorien auch zu bewerten. Natürlich gibt es, wie gesagt, Bereiche, die schlicht kaum oder gar nicht wissenschaftlich erforschbar sind – keine Frage. Bei Phänomenen, für die jedoch schlüssige wissenschaftliche Erklärungen vorliegen (wie z.B. dem Effekt von Handauflegen), sehe ich persönlich jedoch keinen Anlass bzw. keine Notwendigkeit alternativer Theorien, die einen Glauben voraussetzen und aufgrund der wissenschaftlichen Erklärbarkeit im Wesentlichen überflüssig sind. Natürlich setzt das voraus, dass man sich mit diesen Theorien beschäftigt und offen für sie ist. Doch leider zeigt meine Erfahrung, dass die meisten Esoteriker dies nicht sind und wissenschaftliche Erklärungen abwehren. Warum? Wahrscheinlich, weil für sie dann ihre Welt und ihr Weltbild, dem sie sich leidenschaftlich verschrieben haben, zusammenbrechen würde.

Thesen des Diskussionspartners B:

  • Für Reiki bedürfe es keines Glaubens, die Person müsse lediglich zustimmen.
  • Es liege kein Placeboeffekt vor.
  • Begründung dessen: Der Diskussionspartner habe, als dessen kleine Tochter vor Kurzem Verdauungsprobleme gehabt hätte, ihr „Reiki gegeben“, nachdem das Medikament vom Arzt angeblich keine Wirkung gezeigt habe. Die Tochter sei eine Stunde liegen geblieben, und anschließend habe sich die Verstopfung durch Stuhlgang gelöst. Seitdem habe sie keine Verstopfung mehr gehabt.
  • Kinder seien bis zum dritten Lebensjahr sehr eng mit der geistigen Welt verbunden.
  • Es gebe mehr zwischen Himmel und Erde, als die Wissenschaft erklären könne.

Nun, auf diesen Kommentar hin habe ich nur noch auf meine vorherigen Texte verwiesen, weil hieraus ganz klar hervorgeht, dass dieser Diskussionspartner deren Inhalt entweder nicht vernünftig gelesen oder nicht verstanden hat – oder es nicht verstehen möchte. Weshalb ich an dieser Stelle dennoch erneut auf diesen Kommentar eingehen möchte, liegt daran, dass man an ihm so wunderbar anschaulich die gedanklichen Fehler aufzeigen kann, die Esoteriker typischerweise machen.

Widerspruch in nur einem Satz

Ein Glaube an Reiki sei nicht nötig, nur das „Ja“ der behandelten Person sei erforderlich. Mit anderen Worten: Wenn die Person nicht offen für Reiki ist, geht es nicht (denn sonst sagt man nicht ja, oder?). Ich gebe zu, streng genommen gibt es noch einen Unterschied zwischen dem Glauben an und der Zustimmung zu etwas, aber hier scheint der mir nicht entscheidend zu sein.

„Beweis“ der Wirksamkeit anhand eines Beispiels der eigenen Erfahrung

Der Diskussionspartner führt als Beleg für die Wirksamkeit ein Beispiel aus der eigenen Erfahrung an. Erstens hat Erfahrungswissen eine niedrigere Güte als wissenschaftliches Wissen, weil ersteres etlichen subjektiven Einflüssen unterliegt, während letzteres objektiv ist (bzw. sein sollte, wir wollen ja ehrlich bleiben). Zweitens werden andere Ursachen der verschwundenen Verstopfung völlig außer Acht gelassen (was einem wissenschaftlich denkenden Menschen nicht passieren würde). Dass der Placeboeffekt bei einem drei Jahre alten Kind nicht richtig greifen kann, ist nicht korrekt. Allerdings würde man hierbei eher von einem „Versuchsleitereffekt“ sprechen, wobei die Eltern hier die „Versuchsleiter“ darstellen. Dieser Effekt besagt, dass die Kinder massiv durch den Glauben und die Zuversicht der Eltern beeinflusst werden, die sie nämlich durchaus mitbekommen (und wodurch nämlich dann die eigene Zuversicht beeinflusst wird) – hiermit hätten wir also eine 1. Erklärung dafür, dass im oben genannten Beispiel die Verstopfung verschwindet. Darüber hinaus gäbe es mindestens noch vier andere Erklärungen dafür, dass die Verstopfung verschwunden ist: (1), dass das Medikament schlichtweg mit Verzögerung gewirkt hat, (2), dass der allgemeine Entspannungszustand die Verdauung reguliert hat, (3), dass die Verstopfung sich mit der Zeit einfach von selbst gelöst hat, (4), dass die Faktoren 1 bis 3 zusammengewirkt haben. Eine 6. Erklärung besteht zudem aus dem so genannten „Kontingenzlernen“, dessen Basis das klassische Konditionieren ist (die Assoziation zweier Reize, Dinge, Ereignisse). Ein Kind lernt sehr schnell, dass mit bestimmten Maßnahmen (z.B. Handauflegen) Linderung verbunden ist – ungeachtet dessen, warum diese Linderung nun genau eintritt.Was all dies zeigen soll: Die Hinzunahme einer schillernden „Story“ (fließende Energien…) ist völlig überflüssig, um den scheinbaren Effekt zu erklären – tatsächlich ist das ganze viel nüchterner zu betrachten.

Verwechslung von Glaube und Wissen & fehlendes Hinterfragen der Quelle des vermeintlichen „Wissens“

Die Aussage, dass Kinder in ihren ersten drei Lebensjahren besonders eng mit der „geistigen Welt“ verbunden seien, wird einfach als scheinbar feststehende Wahrheit in den Raum gestellt. Dabei wird weder hinterfragt, woher dieses vermeintliche Wissen stammt, noch wie glaubwürdig dieses ist – es wird nicht einmal eine Quelle angegeben. Meiner Vermutung nach handelt es sich um eine Aussage, die der Diskussionspartner irgendwann einmal von anderen Esoterikern oder aus einem entsprechenden Buch aufgeschnappt und dann unreflektiert und unkritisch aufgesaugt hat, weil es mit seinem Weltbild übereinstimmt und weil er es glauben will. Korrekt und für mich völlig akzeptabel wäre es, wenn der Diskussionspartner diese Aussage beginnen würde mit: „Ich glaube, dass…“. Dies aber als feststehende Wahrheit darzustellen, ist hingegen grober und dreister Unfug. Daher: Verwechslung von Glaube und Wissen. Oft argumentieren Esoteriker auch damit, man solle doch mal den „Verstand abschalten“ und „auf seine Gefühle hören“ – denn diese würden einem offenbaren, was wahr ist. Leute, die an esoterische Theorien nicht glauben, werden dann schnell als „emotional inkompetent“ abgetan. Nun, zunächst einmal ist die Unterscheidung zwischen Verstand (Kognition) und Gefühl (Emotion) nicht haltbar, weil sie so stark ineinander verwoben sind, dass keiner ohne den anderen existieren kann (siehe oben). Deshalb kann man seinen Verstand auch nicht „abschalten“. Außerdem sprechen wir hier über eine hochgradig subjektive Quelle von Wissen – und glaubwürdige Quellen von Wissen müssen objektiv, d.h. von Außenstehenden überprüfbar sein.

Beurteilung von dem, was Wissenschaft leisten kann, ohne sich auch nur ansatzweise damit auszukennen

Der pauschale Satz „Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als man mit dem Verstand/als die Wissenschaft erklären kann“ (der an und für sich völlig richtig ist) wird von Esoterikern sehr gerne verwendet, um ihren Glauben zu rechtfertigen. In der Mehrzahl der Fälle haben diese Leute jedoch gar keine Ahnung davon, was Wissenschaft überhaupt ist, welche Methoden sie anwendet, warum sie objektiv ist, warum sie die Quelle von Wissen höchster Güte ist ? und was sie überhaupt zu bieten hat. Sie wird meiner Ansicht nach als Quelle von Wissen abgelehnt, weil jene Menschen sie entweder nicht verstehen oder sie nicht in das schillernd-geheimnisvolle „esoterische Weltbild“ passt, das mit logischen, schlüssigen Erklärungen und Befunden viel zu langweilig und unspektakulär wäre (Ich bitte um Verzeihung für das bisschen Polemik). Aber eine Aussage darüber zu treffen, was Wissenschaft leisten kann und was nicht, ist schlichtweg nicht möglich, wenn man sich mit Wissenschaft überhaupt nicht auskennt – es sei denn, man möchte sich unbedingt lächerlich machen.

To put everything into a nutshell – mein Standpunkt zu Esoterik & Co. in maximaler Kürze

Ich habe überhaupt gar nichts dagegen, wenn Menschen an Dinge glauben, an die ich nicht glaube. Jeder soll glauben, woran sie oder er möchte. Es ist mir völlig egal, ob Menschen an Erdstrahlen, Reiki, Energiearbeit, Kinesiologie, Graphologie, Physiognomie, Astrologie, Kartenlegen, Gott, frühere Leben, Aliens, UFOs, Engel, Spaghettimonster, das jüngste Gericht oder eine gigantische Teekanne in den Tiefen des Weltalls glauben. Solange sie sich dessen bewusst sind, dass sie daran glauben. Vier Dinge kritisiere ich hingegen sehr scharf:

  • Wenn Menschen eben meinen, Dinge zu wissen, obwohl für ihre Überzeugungen keinerlei Belege existieren – und sie sich eben nicht darüber im Klaren sind, dass sie glauben und nicht wissen.
  • Wenn Menschen die Quelle ihres vermeintlichen Wissens nicht hinterfragen und kritisch reflektieren, sondern es als die einzig richtige Wahrheit betrachten und pausenlos versuchen, andere zu dieser „Wahrheit“ zu bekehren.
  • Wenn Menschen das Potenzial der Wissenschaft leugnen, ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben, wie Wissenschaft überhaupt funktioniert.
  • Wenn solche Menschen in Heilberufen arbeiten und Verantwortung für Patienten übernehmen, denen sie völlig haltlose Diagnosen stellen und Therapien anbieten, die entweder wirkungslos oder sogar schädlich sind, bzw. ihren Patienten von dringend nötigen traditionellen Therapien abraten.

Ich will die Wissenschaft nicht glorifizieren. Ich kenne die wissenschaftstheoretischen Beiträge von Popper, Hume, Platon, Sokrates, etc. Kein Wissen ist jemals 100% sicher, wenngleich es immer sicherer wird, je häufiger verschiedene Forscher anhand verschiedener Stichproben mit verschiedenen Methoden dasselbe herausfinden (Das nennt man Replikation). Und auch wenn keine Quelle von Wissen zu 100% sicher ist, so ist die Wissenschaft dennoch mit gewaltigem Abstand die Quelle von Wissen mit der höchsten Güte und der meisten Substanz dahinter, weil dieses Wissen auf Befunden, also auf von Forschern gemachten objektiven Entdeckungen beruht – und eben nicht nur auf Glaubensüberzeugungen.

Ich bin zweifelsohne auch der Auffassung, dass es Dinge gibt, die die Wissenschaft nie endgültig erklären können wird, z.B. die Frage nach der Entstehung des Universums, die Frage nach dem Leben nach dem Tod bzw. einer unsterblichen Seele – oder die Frage danach, wie aus der neuronalen Aktivität in unserem Gehirn etwas wie „Bewusstsein“ entsteht. Aber die Wissenschaft kann eine unglaubliche Vielzahl von Dingen bereits schlüssig erklären, weshalb zusätzliche, unfundierte, „schillernde esoterische Theorien“ (in meinen Augen) an dieser Stelle vollkommen überflüssig sind. Der Glauben sollte meiner Meinung nach an den Stellen einsetzen, an denen die Wissenschaft an ihre Grenzen kommt. An allen anderen Stellen hat er – meinem Standpunkt nach – nichts zu suchen. Und wenn man an diesen anderen Stellen trotzdem etwas anderes glauben will, weil man die Wissenschaft (aus welchen Gründen auch immer) ablehnt, dann soll man das von mir aus tun, solange man dabei einräumt, dass man glaubt – und nicht weiß.

© Christian Rupp 2013

Psychologische Tests – Teil 3: Von diesen „Tests“ sollten Sie lieber die Finger lassen

Nach den „echten“ psychologischen Tests folgen nun die „unechten“ – in dem Sinne, dass diese keine validen Aussagen über Sie als Person treffen können. Auch in diesem Teil habe ich die vielen verschiedenen Vertreter wieder zu möglichst übersichtlichen Kategorien zusammengefasst. Beginnen wir also.

„Tests“ aus Klatschzeitschriften

Wer kennt das nicht? Auf der Titelseite der „Woman“, „Tina“, „Frau im Spiegel“, und wie sie sonst noch alle heißen, locken Schlagzeilen wie „So finden Sie heraus, welcher Persönlichkeitstyp Sie sind!“ oder „Wie eifersüchtig sind Sie?“. Wie deutlich erkennbar ist, handelt es sich hierbei um vermeintliche „Tests“ aus dem Bereich der Persönlichkeitsdiagnostik. Aber auch „Intelligenztests“ werden von Zeit zu Zeit angeboten („Testen Sie, wie schlau sie sind!“ / „Wie hoch ist Ihr IQ?“).

Fallen Sie hierauf nicht herein. Diese Tests wurden zwar manchmal tatsächlich von Psychologen entwickelt und sind somit teilweise nicht völlig ohne Substanz, aber sämtliche Gütekriterien, die einen psychologischen Tests ausmachen, sind meistens nicht gegeben. Die objektive Anwendung ist nicht gewährleistet, die Normierung fehlt, die Reliabilität und die Validität sind nicht untersucht. Wie auch? Ein solcher Fragebogen muss in wenigen Tagen oder sogar Stunden entstehen – bis ein echter psychologischer Test veröffentlicht wird, muss er viele aufwendige Entwicklungsstadien durchlaufen – Studien zur Reliabilität, Validität und Normierung.
Manchmal sind Tests in solchen Zeitschriften aber auch „echten“ Tests entnommen – das muss aber dann vermerkt werden. Weil dabei aber Lizenzgebühren fällig werden, ist es oft billiger, sich „schnell mal selbst“ etwas aus den Fingern zu saugen.

Projektive Testverfahren

Projektiven Tests (die in der Psychologie tatsächlich angewendet wurden und teilweise noch werden) ist gemeinsam, dass der Teilnehmer mit unstrukturiertem, d.h. mehrdeutigem Material konfrontiert wird. Im TAT (siehe Reihe zu „Motivation“) erzählt der Teilnehmer eine Geschichte zu einem mehrdeutigen Bild, und im relativ bekannten Rorschach-Test werden die Teilnehmer aufgefordert, zu sagen, was ein bestimmter Tintenklecks darstellt (Der Rorschach-Test wurde übrigens ursprünglich nur dazu entwickelt, die Wahrnehmung von Schizophreniepatienten zu untersuchen).

Das Problem, das bei all diesen Verfahren besteht, ist die Annahme, dass der Teilnehmer etwas auf das mehrdeutige Material projiziert, was ihm nicht bewusst ist. Gemäß Sigmund Freuds Theorie wären das vor allem verdrängte Triebe und Wünsche (meistens: Sex). Wenn jemand nun sagt, er erkenne in einem Tintenklecks ein männliches Geschlechtsorgan, wird das als eine Projektion der unterdrückten Libido angesehen. Wie welche Antwort zu deuten ist, hängt größtenteils von der Erfahrung des Testleiters ab und ist deshalb wenig objektiv.

Zudem konnte die Theorie Freuds nie wirklich bestätigt werden, weshalb er übrigens auch in der modernen wissenschaftlichen Psychologie keine bedeutende Rolle spielt (obwohl man ihm zugute halten muss, dass er durch seine kontroversen Theorien viele fruchtbare Diskussionen angeregt und viel Forschung angestoßen hat). Es ist unklar, was da projiziert wird: verdrängte Wünsche und Bedürfnisse oder vielleicht doch einfach Ideen, die einem durch den Kopf gehen, weil man sich gerade zuvor damit beschäftigt hat? Oder projiziert der Teilnehmer vielleicht eigene Eigenschaften auf das Material? Oder einfach nur seinen aktuellen Gefühlszustand, z.B. Angst?

Was ich damit sagen will, ist, dass das größte Problem dieser Verfahren die fehlende Validität ist, wobei der TAT (oder vielmehr dessen Weiterentwicklung – die Picture Story Exercises von McClelland) hierbei eine Ausnahme darstellt, da dort die Objektivität, die Realiabilität und die Validität im Hinblick auf implizite Motive zumindest teilweise gesichert sind. Da sie keine quantitativen Daten (=Zahlen) liefern, ist auch keine Normierung möglich (siehe auch Teil 1). Von Objektivität bei der Deutung und Interpretation kann keine Rede sein, und die Untersuchung der Reliabilität ist kaum möglich, da man sonst Teilnehmer bitten müsste,  zweimal hintereinander dieselbe Geschichte zu erzählen oder denselben Klecks zu deuten.

Anbei gibt es noch ein wunderschönes Beispiel für einen völlig unsinnigen Test, der sogar von Hogrefe (dem Verlag, der die meisten psychologischen Tests veröffentlicht) verkauft wird, obwohl sämtliche Gütekriterien nicht erfüllt sind: der Baum-Test. Hier soll angeblich die Art und Weise, wie der Teilnehmer einen Baum zeichnet (z.B. vereinfacht-schematisch oder realistisch mit Blättern und Ästen) Aufschluss geben darüber, wie erwachsen bzw. reif ein Mensch ist.

Die unten stehenden Bilder zeigen zwei entsprechende Baum-Bilder (links die Zeichnung, die als „infantil gelten würde, rechts die „erwachsene“ Version) sowie einen (von mir selbst gezeichneten, keinen originalen) Rorschach-Klecks (Was meinen Sie, was der Klecks darstellt: einen Fisch, eine Wolke, ein Raumschiff,…?).

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Der kinesiologische Muskeltest

Dieser Test gehört zu den diagnostischen Methoden der spirituell-alternativer Heilmethoden. Der Begriff „Kinesiologie“ bezeichnet sowohl diese der Chiropraktik und Körpertherapie entstammenden Methoden als auch die seriöse Wissenschaft der motorischen Abläufe im Körper. Der oben genannte Test ist ein wunderbares Beispiel für einen unvaliden Test, der, obwohl er keinerlei gültige Aussagen über eine Person zulässt, trotzdem immer mehr Anhänger (darunter auch wissenschaftlich ausgebildete Personen wie Psychologen und Ärzte) findet.

Dieser Test wird für nahezu alle Fragestellungen angewendet, die den Menschen betreffen, was für sich alleine genommen schon sehr zweifelhaft ist. Vereinfacht gesagt, läuft es so ab: Der Patient hält seinen Arm so hoch, dass er parallel zum Boden verläuft, und der Kinesiologe (oft sind das Heilpraktiker mit einer Affinität zu esoterischen und spirituellen Methoden) stellt eine Frage. So gut wie immer handelt es sich um binäre Fragestellungen, d.h. solche, die nur mit ja oder nein beantwortet werden können (auch sehr sinnvoll im diagnostischen Prozess – vorsicht Sarkasmus). Diese können seriös-biologischer Natur sein („Ist das Immunsystem intakt?“, „Ist der Körper mit Schwermetallen belastet?“), oder aber spirituell-esoterischer Qualität („Ist der Körper mit Erdstrahlen belastet?“, „Liegen innere Blockaden vor?“, „Ist die Aura durch den Geist eines Verstorbenen angegriffen?“, oder auch „Ist die Entscheidung des Patienten für X die falsche“). Dann versucht der Kinesiologe, den Arm des Patienten herunterzudrücken. Wenn er dies schafft, ist die Antwort auf all die Beispielfragen „ja“, wenn er es nicht schafft, „nein“.

Die Idee dahinter ist, dass sämtliche negative Ereignisse und Zustände im Körper (Erdstrahlen, Schwermetalle, innere Blockaden, falsche Entscheidungen…) den Muskeltonus mindern und somit dafür sorgen, dass im Moment nach der Fragestellung die Muskelanspannung verschwindet und der Arm gegen den Willen des Patienten heruntergedrückt werden kann.

Der Test wurde natürlich wissenschaftlich untersucht und erwies sich bezüglich all der Dinge, die man tatsächlich erfassen kann (Erdstrahlen & Co. fallen hier natürlich raus ) als völlig unvalide, was bedeutet, dass er keinerlei korrekte Aussagen über den Zustand einer Person zulässt. Zudem muss angemerkt werden, dass es für das Erschlaffen der Muskeln in einem solchen Moment zahlreiche andere Erklärungen gibt, z.B. dass durch die Fokussierung der Aufmerksamkeit auf ein unangenehmes Thema die Spannung im Arm nachlässt. Die meisten Kinesiologen lehnen diese Befunde sowie die naturwissenschaftliche Denkweise schlichtweg ab, ohne dabei triftige Gründe nennen zu können.

 „Lügendetektortests“: Kann man tatsächlich überprüfen, ob das Gegenüber flunkert?

Wenn ich vom klassischen „Lügendetektor“ spreche, meine ich das Gerät, welches in Fachkreisen als Polygraph bekannt ist. Dieses Gerät zeichnet verschiedene physiologische Parameter auf, darunter z.B. die Herzrate (= Herzschläge pro Minute bzw. Puls) und die Hautleitfähigkeit (= wie stark schwitzt die Haut?). Diese Maße spiegeln den Erregungszustand des Körpers wieder und sind ein Anzeichen für Angst. Die Logik hinter dem Test ist die, dass ein Mensch, wenn er verhört / befragt wird und dabei lügt, ein erhöhtes Erregungsniveu aufweist, weil er fürchtet, dass seine Lügen auffliegen.

Das Problem an diesem Test ist die nur sehr eingeschränkte Validität und die Ermangelung eines klaren Testwerts, ab dem man davon ausgehen soll, dass derjenige lügt. Der Test liefert immer wieder viele falsch-positive (Der Test sagt „Lüge“, der Verhörte lügt aber gar nicht) und falsch-negative Ergebnisse (Der Test sagt „Wahrheit“, der Verhörte lügt aber), weshalb er als Beweismittel vor Gericht (inzwischen!) nicht mehr zugelassen ist, nachdem es lange Zeit Gang und Gäbe war. Warum jemand in einer solchen Situation aufgeregt ist und Angst empfindet, kann etliche Ursache haben: z.B. die Angst davor, Angst zu zeigen, weil einem genau dies negativ ausgelegt wird, die Angst, allgemein ins Gefängnis zu kommen, die Angst, dass niemand einem glaubt, etc.

Da jedoch viele Menschen glauben, der Lügendetektortest liefere korrekte Aussagen, machte sich der US-amerikanische Psychologe Harold Sigall dies zunutze und entwickelte das so genannte Bogus-Pipeline-Paradigma. Hierbei handelt es sich um eine Methode zur wissenschaftlichen Erforschung von z.B. Einstellungen. Gerade wenn es um die Einstellung zu Randgruppen wie Migranten, Homosexuellen und Angehörige bestimmter Religionen geht, sagen viele Menschen nicht ehrlich, welche Einstellung sie dazu haben, weil sie wissen, dass ihre Meinung sozial nicht konform ist und daher verurteilt werden würde. Um an die wahren Einstellungen dieser Menschen heranzukommen, schloss Sigall sie an einen angeblichen Lügendetektor an und forderte sie auf, die Wahrheit zu sagen, da das Gerät eine Lüge ohnehin entdecken würde. Der Plan ging auf – und Sigall konnte zeigen, wie ehrlich Menschen sind, wenn sie glauben, dass sie nicht unentdeckt lügen können. Inzwischen ist das Bogus-Pipeline-Paradigma aber aufgrund der ethischen Einwände (Versuchspersonen werden aufgrund eines Tricks/Betrugs sensible Informationen entlockt) verboten.

Andere Verfahren zur Entdeckung von Lügen richten sich auf Verhaltensbeobachtungen und postulieren, dass Lügen z.B. mit nicht vorhandenem Blickkontakt, bestimmten miminalen und nicht bewusst steuerbaren Mimiken (also Gesichtsausdrücken) oder bestimmten Bewegungen (wie dem Kratzen an der Nase) einhergehe. Die Erforschung der Validität solcher Hinweise ist aber zum momentanen Augenblick noch sehr unausgereift. Im Vergleich zum Forschungszustand werden diese Methoden aber schon sehr häufig angewendet – vor allem im Kriminalbereich.

Noch neuer sind neurowissenschaftliche Verfahren zur Aufdeckung von Lügen. Mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (umgangssprachlich auch als “ funktionaler Kernspin“ bekannt, kurz fMRT) konnten bestimmte Gehirnareale identifiziert werden, die während des Lügens ihre Aktivität steigern. Hierin steckt natürlich ein großes Potenzial, und Justiz & Co. werden sicherlich bald Interesse anmelden. Es ist hierbei aber aus zwei Gründen Vorsicht geboten: Erstens, weil die fMRT-Technik fehleranfällig ist und falsch-positive wie falsch-negative Ergebnisse somit vorprogrammiert sind – denn zwischen den ursprünglichen Daten und den Gehirnbildern mit den hell aufleuchtenden Punkten, die gesteigerte Aktivität anzeigen, liegen unglaublich viele statistische Umrechnungs- und Mittelungsprozesse, bei denen eine Menge schief gehen kann. Zweitens, weil ein solches Vorgehen gegen ethische Richtlinien verstoßen kann: Darf es zulässig sein, einen Menschen zum Verhör einer vergleichbar unangenehmen Prozedur wie der MRT zu unterziehen? Insgesamt gibt es also nicht wirklich einen Grund zur Euphorie.

Graphologie – die Persönlichkeit aus der Handschrift lesen

Die Graphologie beschreibt die vermeintliche Wissenschaft, die sich damit beschäftigt, aus der Handschrift einer Person deren Persönlichkeit „herauszulesen“. Zurecht hat die Graphologie inzwischen den Status einer Pseudowissenschaft, weil sich dieses Verfahren als absolut nicht valide herausgestellt hat. Daher ist auch der häufig synonym verwendete Begriff „Schriftpsychologie“ hierbei nicht korrekt.

Wie viele andere nachweislich unvalide Verfahren wird es aber tatsächlich in manch einem Unternehmen noch angewendet, wenn es um die Auswahl geeigneter Bewerber geht. Und das, obwohl die Wissenschaftler Schmidt und Hunter in einer Metaanalyse (die sehr viele Einzelstudien zusammenfasst) zeigen konnten, dass die mittlere Validität von Graphologie genau 0,02 (!) beträgt – was bedeutet, dass dieses Verfahren praktisch keinerlei Zusammenhang mit späterem Berufserfolg hat. Warum sich diese Methode so hartnäckig hält, liegt zum Großteil daran, dass ihre Verfechter unzählige Anekdoten von ehemaligen Bewerbern auf Lager haben, die die angebliche Validität belegen (anekdotische Evidenz). Diese ist aber, weil durch die eigene subjektive Wahrnehmung, das Ausblenden von Gegenbeispielen und die eigene Einstellung verzerrt, nicht einmal ansatzweise mit objektiven wissenschaftlichen Befunden zu vergleichen. Wenn also einmal ein Unternehmen einen handgeschriebenen Lebenslauf von Ihnen verlangt, würde ich Ihnen raten: Finger weg von dem Laden!

Warum diese Methode totaler Unsinn ist, wird schon deutlich, wenn man überlegt, wie leicht man seine eigene Schrift ändern und verstellen kann. Ich habe in meiner Schulzeit bestimmt zehn Mal die Handschrift einfach von einem auf den anderen Tag geändert, weil ich wiedermal was Neues ausprobieren wollte. Aber ok, ich war vielleicht auch extrem.

Physiognomie –  die Persönlichkeit aus dem Gesicht lesen

Die Physiognomie bezeichnet eigentlich die Lehre vom menschlichen Körperbau und ist Teil der Anatomie. An dieser Stelle meint es aber die ebenfalls pseudowissenschaftliche Methode, mit der bestimmte Menschen versuchen, aufgrund des Körperbaus Rückschlüsse über die Persönlichkeit einer Person zu ziehen. Insbesondere das Gesicht wird hierbei sehr häufig als Quelle herangezogen. Ausgeprägte Wangenknochen werden dann z.B. zum Indiz für Durchsetzungsvermögen, kleine Ohren gelten als Zeichen für Geiz und eine große Nase enthüllt, dass deren Besitzer sehr nachdenklich ist. Es existieren hierüber hunderte Bücher, meist geschrieben von selbst ernannten Experten, die einem sagen, welches Merkmal für welche Persönlichkeitseigenschaft steht. Genau so gibt es auch solche „Experten“, die man dann eines Tages bei Markus Lanz oder Johannes B. Kerner (ich weiß, der ist abgeschafft) sitzen sieht und die dort fröhlich ihre Pseudo-Weisheiten verbreiten. Natürlich wird dann im Gesicht des Moderators gelesen, wie es um dessen Persönlichkeit bestellt ist, und – oh Wunder – es stimmt! Natürlich nicht, weil man aus den äußeren Eigenschaften eines Gesichts die Persönlichkeit ablesen kann, sondern weil 1) grundsätzlich nur positive Eigenschaften genannt werden, die dem Betreffenden schmeicheln, der dann kaum widersprechen wird, 2) die „Gesichtsleserin“ aus Vorinformationen und auf Basis des Verhaltens des Moderator schon viel über dessen Persönlichkeit weiß, was ihre Deutung maßgeblich beeinflusst, und 3) sie die gleiche Technik anwendet wie (gute) Kartenleger, Kristallkugelinterpreten und sonstige Menschen mit der vermeintlichen Gabe, in die Zukunft zu sehen: Sie nennt allgemeine Eigenschaften, die sowieso auf fast jeden zutreffen und denen somit kaum widersprochen wird, und sie tastet sich vorsichtig an ihre Deutungen heran, indem sie immer nur eine Behauptung aufstellt und dann auf die Rückmeldung des Betreffenden wartet. So vermeidet sie es, sich in eine völlig falsche Richtung zu bewegen. Das Ergebnis des ganzen ist natürlich das Staunen der gesamten Talkrunde, verblüffte Anerkennung – und ein typisches Stück anekdotische Evidenz (oben erklärt) für eine eigentlich komplett unvalide Methode.

Natürlich treffen manche Sachen tatsächlich zu, z.B. wenn über einen großen Mann mit breiten Schultern gesagt wird: „Er ist durchsetzungsfähig und selbstbewusst“. Es ist gut möglich, dass das stimmt. Aber die Kausalität ist eine andere: Er ist nicht groß und hat breite Schultern, weil er selbstbewusst und durchsetzungsstark ist (Das wäre die Deutung von Physiognomie-Experten). Er hat diese Eigenschaften sehr wahrscheinlich, weil sein Körperbau entsprechend ist! Genauso, wie es gut sein kann, dass jemand mit einem eher weniger hübschen Gesicht garstig im Umgang mit anderen ist: Die Eigenschaft ist vielmehr Folge der Beschaffenheit des  Gesichts und den damit hervorgerufen Reaktionen anderer als die Ursache dessen!

Während diese Art des Persönlichkeits-Lesens völliger Quatsch ist, weil unsere körperlichen Merkmale durch ganz andere Gene und Umwelteinflüsse bestimmt werden als unsere Persönlichkeit, sind die Schlussfolgerungen aufgrund von Mimik und Gestik kein Unsinn. Zwar lassen unsere Gesichtsausdrücke und unsere Gesten vielmehr Rückschlüsse auf momentane Emotionen zu als auf unsere Persönlichkeit, allerdings haben viele Studien gezeigt, dass Menschen das Gesicht als Quelle für sehr viele Informationen über eine Person benutzen (jetzt mal unabhängig davon, ob diese Informationen zutreffen). So ist z.B. gut untersucht, dass Menschen in Bruchteilen einer Sekunde (!) einen ersten Eindruck eines unbekannten Gesichts formen und entscheiden, ob sie dieses mögen oder nicht. Das heißt, es ist in der Tat so, dass wir aufgrund der unbewussten Verrechnung von zahlreichen Informationen sehr schnell ein Urteil über eine Person bilden. Dies hat aber nichts mit den Behauptungen von Physiognomie-Verfechtern zu tun, die oft viele Gesichtsmerkmale heranziehen, die Menschen bei der Fällung dieses Urteils gar nicht berücksichtigen, und die sehr spezifische Eigenschaften benennen, die unser Gehirn in so kurzer Zeit gar nicht bedenken kann. Insgesamt gilt also auch hier: Vorsicht vor Unsinn!

Damit wäre ein weiteres großes Anliegen von mir abgehakt – darüber aufzuklären, was echte psychologische Tests sind und was nicht. Und wenn ich auch nur ein bisschen dazu beigetragen habe, dass Sie als Leser nun ein bisschen besser bewerten können, was seriös und was Unsinn ist, habe ich mein Ziel schon voll erreicht.

© Christian Rupp 2013