Jenseits psychischer Störungen: Wo Psychologen sich sonst noch überall auskennen

Im vorherigen Artikel habe ich dargestellt, warum Psychologen ebenso wie Physiker, Chemiker, Biologen oder Soziologen Ahnung davon haben, wie man (Natur-)Wissenschaft betreibt und daraus abgeleitetes Wissen dahingehend beurteilen kann, ob es vertrauenswürdig ist oder nicht. In diesem Artikel soll es nun darum gehen, wovon Psychologen neben ihrer wissenschaftlichen Kompetenz sonst noch so Ahnung haben und in welche beruflichen Bereiche verschiedene Schwerpunktsetzungen und Spezialisierungen führen können. Dabei nutze ich diesen Artikel ganz bewusst, um all die Bereiche vorzustellen, die nichts direkt mit psychischen Störungen zu tun haben (was ja leider die verbreitete Auffassung über den Inhalt des Psychologiestudiums ist). Die Klinische Psychologie werde ich daher gesondert im nächsten Artikel vorstellen und diese Gelegenheit nutzen, um endlich das größte Irrtum überhaupt aufzuklären. Aber nun zurück zu den vielen anderen Unterbereichen der Psychologie, bei deren Darstellung ich mich in etwa an die Reihenfolge im Studium halten und mich von den Grundlagen- zu den Anwendungsfächern bewegen werde.

Allgemeine Psychologie & Kognitive Neurowissenschaft

Dieses Grundlagenfach mit dem Doppelnamen, unter das ich die Fächer „Biologische Psychologie“ und „Physiologie“ einmal subsumieren möchte, betrachtet den Menschen als Wesen, das Informationen aus seiner Umwelt verarbeitet und interessiert sich im Groben für die Art und Weise, wie diese Informationsverarbeitungsprozesse im Gehirn ablaufen. Daher gehört hierzu als Thema zu allererst die Wahrnehmung – von unseren Sinnesorganen bis zu den höchsten Verarbeitungsstufen im Gehirn. Dabei stößt man dann z.B. auf Gehirnareale, die auf die Verarbeitung von Gesichtern oder Schachmustern spezialisiert sind oder erfährt etwas über spezielle, auf Hirnschäden zurückgehende Störungen der Wahrnehmung, wie z.B. die Prosopagnosie – die Unfähigkeit, Gesichter wahrzunehmen und zu unterscheiden (wobei die visuelle Verarbeitung ansonsten völlig intakt ist). Eine weitere wichtige Sparte in diesem Fach ist das Gedächtnis. So lernt man im Studium beispielsweise Modelle über den Aufbau und die Funktionsweisen der verschiedenen Teile unseres Gedächtnisses (u.a. Arbeitsgedächtnis & Langzeitgedächtnis) kennen, ebenso wie natürlich die dazu gehörigen Forschungsmethoden und Störungen des Gedächtnisses (Amnesien und Demenzen). Eine Studie, die sich mit den dem Gedächtnis zugrunde liegenden Prozessen im Gehirn beschäftigt, habe ich im vorletzten Artikel beschrieben. Des Weiteren gehören zu diesem Fach die Themen Aufmerksamkeit, Denken & Problemlösen, Emotion & Motivation und Sprache. Ja, Psychologen beschäftigen sich auch intensiv mit der menschlichen Sprache, was kaum jemand weiß. Dabei sind die Fragen danach, wie wir im Gehirn Sprache verarbeiten (sowohl verstehen als auch selbst produzieren) ein ziemlich altes und sehr etabliertes Forschungsgebiet der Psychologie. Und auch hierzu gehört natürlich die Kenntnis über Störungen der Sprache (genannt Aphasien), die z.B. nach Schlaganfällen auftreten können.

Insgesamt erklärt sich aus der Existenz dieses Faches, warum alle Psychologen in ihrem Studium eine Menge von Dingen lernen müssen, die z.B. Medizinstudierenden auch begegnen. So kommt keiner durchs Psychologiestudium, ohne ziemlich genau den Aufbau des Gehirns und die Funktion verschiedener Gehirnareale, den Aufbau des gesamten Nervensystems, die Funktionsweise seiner Nervenzellen, die Eigenschaften von Hormonen und Neurotransmittern und die Funktionsweise von Untersuchungsverfahren für das Gehirn (EEG, MEG, PET, fMRT, etc.) zu kennen. Da man die Wege der Wahrnehmung kennen muss, gehört auch die Kenntnis des Aufbaus unserer Sinnesorgane (Augen, Ohren inkl. Gleichgewichtsorgan, Nase, Zunge, Berührungs- und Schmerzwahrnehmung) dazu. Wenn man sich auf diesem Gebiet spezialisiert, landet man als Psychologe entweder in der Wissenschaft und forscht zu einem der beschriebenen Themen, oder aber man ergreift das praktische Berufsfeld des Neuropsychologen, dessen Tätigkeit die präzise Diagnostik und darauf folgende Therapie von neurologisch bedingten Störungen in den oben beschriebenen Bereichen ist, wie sie z.B. nach einem Schlaganfall auftreten.

Entwicklungspsychologie

In diesem Fach lernt man im Wesentlichen, wie die normale psychische Entwicklung bei Kindern ablaufen sollte und ab wann etwas als nicht mehr normal anzusehen ist. Hierzu gehören z.B. die sprachliche Entwicklung, die kognitive und Intelligenzentwicklung, die emotionale Entwicklung und auch die Entwicklung motorischer Fähigkeiten. Ein zentraler, für die Praxis relevanter Punkt ist hierbei das Erkennen von Entwicklungsverzögerungen, die beispielsweise auf eine geistige Behinderung oder eine tiefgreifende Entwicklungsstörung hinweisen können. Die Entwicklungspsychologie hat aber auch sehr interessante Experimente zu bieten, die uns eine Einsicht darin gewähren, wie kleine Menschen die Welt um sich herum so wahrnehmen. Bekannt geworden ist vor allem der „Spiegeltest“, bei dem man schaut, wie ein Kind auf sein Spiegelbild reagiert, d.h. ob es erkennt, dass es sich selbst betrachtet. Dieses Erkennen setzt das Vorhandenensein eines Selbstkonzeptes voraus, d.h. eines „Ich-Bewusstseins“. Dieses weisen Kinder in der Regel im Verlauf des zweiten Lebensjahres auf, was man im Spiegeltest z.B. damit nachweisen kann, dass das Kind sich einen roten Punkt, den man ihm auf die Stirn geklebt hat, selbst wieder abnimmt. Das Fehlen dieses Selbstkonzeptes wird übrigens auch als eine Ursache für das Phänomen diskutiert, dass wir uns an unsere ersten 2 Lebensjahre in der Regel nicht erinnern können – weil vorher Erinnerungen nicht in Bezug auf das Selbst abgespeichert werden können (was wiederum nötig ist, um sie später im Leben noch abrufen zu können).

Zeitlich nach dem Selbstkonzept entwickelt sich derweil erst die Theory of Mind, die, kurz gesagt, die Fähigkeit beschreibt, anderen Menschen Gedanken, Absichten, etc. zuzuschreiben und hierauf zu reagieren (eine Fähigkeit, die bei z.B. bei Autismus eingeschränkt ist). Der bekannteste wissenschaftliche Vertreter der Entwicklungspsychologie ist sicherlich bis heute Jean Piaget, dessen Befunde zur kognitiven Entwicklung von Kindern großen Einfluss auf die Pädagogik genommen haben. Allerdings deutet inzwischen eine Vielzahl von neueren Forschungsergebnissen darauf hin, dass Piaget, ganz grob gesagt, die kognitiven Fähigkeiten von Kleinkindern stark unterschätzt hat. Psychologen, die sich heutzutage in der Entwicklungspsychologie spezialisieren, sind entweder auch in der Forschung tätig oder üben ähnliche diagnostische Tätigkeiten wie Neuropsychologen aus, nur eben mit Kindern. Das Fach ist zudem mit der Pädagogischen Psychologie verwandt (siehe weiter unten).

Sozialpsychologie

Wie schon im vorletzten Artikel vorgestellt, beschäftigt sich die Sozialpsychologie damit, wie das menschliche Verhalten und Erleben durch das Verhalten anderer Menschen, oder, allgemeiner gesagt, durch soziale Situationen beeinflusst wird. Aus der Sozialpsychologie stammt z.B. viel Forschung dazu, wie sich Menschen in Gruppen verhalten und wie insbesondere immenser sozialer Druck (z.B. durch Befehle in einem autoritären System) das Verhalten von Menschen auch gegen deren eigene Überzeugungen oder Persönlichkeitseigenschaften steuern können. So waren nach dem zweiten Weltkrieg viele Studien davon geprägt, dass man verstehen wollte, wie es in Deutschland zu einer so verheerenden Kastastrophe wie dem Emporkommen der Nazis und der Shoa kommen konnte. Viele dieser Experimente haben auch in der Laiengesellschaft große Berühmtheit erlangt, darunter z.B. das Stanford-Gefängnisexperiment von Zimbardo aus dem Jahr 1971.

Zimbardo untersuchte unter realistischen Bedingungen, wie Probanden, denen zufällig entweder die Rolle eines Insassen oder eines Gefängniswärters zugewiesen wurde, sich über die Zeit hinweg verhielten, wenn sie selbst während des gesamten Experiments anonym handelten. Das Experiment lieferte jedoch so massive Einblicke in die Grausamkeiten menschlichen Verhaltens (Gewaltexzesse, Folter…), dass es vorzeitig abgebrochen wurde. Es hat jedoch gezeigt, wie groß der Einfluss von Regeln und Vorschriften sowie von Anonymität (bzw. Deindividuierung) und der Übernahme einer Rolle (Insasse vs. Gefängniswärter) auf zwischenmenschliches Verhalten ist. Die gewaltsamen Exkalation des Experiments hat nicht zuletzt auch dazu beigetragen, dass die Ethikrichtlinien für psychologische Forschung sehr viel strenger geworden sind. Heutzutage ist es selbstverständlich, dass die Teilnehmer an einem psychologischen Experiment vor ihrer Zustimmung zur Teilnahme über das informiert werden, was passieren wird (informed consent), dass ihnen kein Schaden zukommt und dass sie jederzeit aus dem Experiment aussteigen können. Sozialpsychologen sind typischerweise Wissenschaftler, eine praktische Berufsrichtung gibt es nicht direkt. Allerdings werden sehr viele sozialpsychologische Ergebnisse in der Organisationspsychologie, einem primär anwendungsorienerten Fach, das ich gleich noch vorstellen werde, verwendet.

Differentielle Psychologie bzw. Persönlichkeitspsychologie

Im Gegensatz zur Sozialpsychologie versucht dieses Fach, das Verhalten von Personen nicht durch die soziale Situation zu erklären, sondern durch relativ stabile, der Person innewohnende Persönlichkeits- oder Charaktereigenschaften (auf Englisch traits). Sie untersucht daher zum einen, in welchen Eigenschaften sich Personen unterscheiden (das meint differentielle Psychologie), und zum anderen, welcher Art der Zusammenhang zwischen Persönlichkeitseigenschaften und tatsächlichem Verhalten ist. Zum ersten Thema ist der wohl bekannteste, auf Faktorenanalysen beruhende Befund der „Big 5“ zu nennen  –  fünf globaler Eigenschaften, unter denen sich sämtliche Charaktereigenschaften, die wir im Alltag zur Beschreibung einer Person verwenden, zusammenfassen lassen. Eine Beschreibung der Big 5 finden Sie hier. Zum zweiten Thema lässt sich sagen, dass Persönlichkeitseigenschaften zwar nicht irrelevant in der Vorhersage von Verhalten sind (dass ein introvertierter Mensch freitags abends eher nicht in die Disco gehen wird, leuchtet ein), jedoch keine so guten Vorhersagen liefern wie persönliche Motive, die manche ebenfalls zur Persönlichkeitspsychologie rechnen und andere eher zur Allgemeinen Psychologie. Eine weitere ganz zentrale Domäne der Differentiellen Psychologie (und wahrscheinlich die am besten erforschte) ist außerdem die Intelligenz, inklusive ihrer Unterformen und Facetten. Die Erkenntnisse der Persönlichkeitspsychologie werden sowohl in der Arbeits- und Organisationspsychologie (z.B. als Variablen zur Beurteilung der Passung zwischen Bewerber und Arbeitsplatz) als auch in der klinischen Psychologie und Psychotherapie (z.B. als relevanter Faktor in Bezug auf die Entstehung einer psychischen Störung) sowie in der forensischen Psychologie (Warum werden Menschen kriminell?) genutzt.

Psychologische Diagnostik

In diesem Fach lernt man nicht primär, psychische Störungen zu diagnostizieren, sondern es geht darum, wie sich verschiedene Merkmale einer Person durch Tests, Fragebögen, Verhaltensbeobachtung, zielorientierte Gesprächsführung etc. erfassen bzw. möglichst verlässlich und präzise messen lassen. Die wichtigsten Mermale hierbei sind die allgemeine Intelligenz (auch bezeichnet als kognitive Leistungsfähigkeit) sowie ihre verschiedenenen Unterfacetten und die Persönlichkeitsstruktur einer Person (Charaktereigenschaften, Einstellungen, Motive, etc.). Darüber hinaus gibt es natürlich Tests, die weitere kognitive Leistungen wie Aufmerksamkeit und Konzentration messen, und klinische Fragebögen, die Symptome verschiedener psychischer Störungen erfassen. Zum Fach „Psychologische Diagnostik“ gehört auch die Testtheorie, die sich damit beschäftigt, wie man solche psychologische Tests konstruiert, die gültige Aussagen über eine Person liefern. Was man unter psychometrischen Gütekriterien versteht, die solche Tests erfüllen müssen, können sie hier nachlesen; was Beispiele für gute und schlechte Tests sind, finden Sie zudem hier bzw. hier erklärt. Die Kenntnis darüber, wie man solche Tests und Fragebögen konstruiert (was alles andere als trivial ist), erachte ich neben den grundlegenden wissenschaftlichen und statistischen Kenntnissen als eine der wertvollsten, die man sich im Psychologiestudium aneignet.

Im Rahmen der psychologischen Diagnostik gibt es eine Menge von beruflichen Anwendungsfeldern. So kommen diagnostische Verfahren z.B. in der Auswahl von Bewerbern zum Einsatz, oft im Rahmen von Assessment Centern. Ebenso ist psychologische Diagnostik z.B. bei der Agentur für Arbeit oder bei Berufsförderungswerken gefragt, um zu entscheiden, ob z.B. jemand für eine bestimmte Umschulung geeignet ist. Ebenso ergänzen standardisierte klinisch-diagnostische Verfahren die Diagnostik in der Psychotherapie. Ein wichtiges Anwendungsfeld der psychologischen Diagnostik ist zudem die Verkehrspsychologie: Im Rahmen der medizinisch-psychologischen Untersuchung (kurz MPU, auch bekannt als „Idiotentest“) spielen die diagnostischen Kompetenzen von Psychologen eine entscheidende Rolle dabei, z.B. zu beurteilen, ob auffällig gewordenen Verkehrsteilnehmern die Fahrerlaubnis wieder erteilt werden sollte oder nicht. Viele Psychologen sind zudem auch als Gutachter vor Gericht tätig, wobei die Themen sehr verschieden sein und von Sorgerechtsentscheidungen („Was entspricht dem Wohl des Kindes?“) über verkehrspsychologische Fragestellungen bis hin zur Glaubhaftigkeitseinschätzung von Zeugenaussagen reichen können. Bei solchen Fragenstellungen werden, um die diagnostischen Fragen zu beantworten, dann eher bestimmte diagnostische Gesprächsführungstechniken als Tests und Fragebögen zum Einsatz kommen, die ebenfalls Teil der Ausbildung in psychologischer Diagnostik sind und welche daher auch zum absoluten Standardrepertoire eines jeden Psychologen gehören.

Arbeits- & Organisationspsychologie

Dieses, neben der Klinischen Psychologie zweite große Anwendungsfach der Psychologie wendet psychologische Erkenntnisse in der Arbeitswelt an. Die Arbeitspsychologie fußt dabei eher auf der Allgemeinen Psychologie und ist konzeptuell mit den Ingenieurwissenschaften verwandt. So kümmern sich Arbeitspsychologen z.B. darum, Arbeitsabläufe in einer Fertigungshalle zu optimieren, Maschinen ergonomisch zu gestalten (also so, dass die Bedienbarkeit möglichst an den Menschen angepasst wird) oder Arbeitsabläufe durch Veränderungen an Menschen und Maschinen sicherer zu machen. Die Organisationspsychologie beschäftigt sich derweil hauptsächlich mit dem Personal (genannt human resources) in einer Organisation (meist einem Unternehmen) und basiert stark auf der Sozialpsychologie. Wichtige Felder innerhalb der Organisationspsychologie sind die Personalauswahl (wofür diagnostisch-psychologische Kenntnisse besonders wichtig sind, siehe oben) und die Personalentwicklung, die darauf abzielt, die Kompetenzen vorhandener Mitarbeiter durch Trainings- und Coachingmaßnahmen auszubauen, damit diese z.B. überzeugender auftreten oder besser mit Kunden interagieren können – ergo, um dem Unternehmen mehr Profit zu bringen. Zentral ist auch die Anwendung der sozialpsychologischen Befunde zur Gruppeninteraktion, da Teamarbeit in der freien Wirtschaft gerade absolut en vogue ist. Angegliedert an dieses Fach ist auch die Wirtschaftspsychologie, die sich z.B. mit Werbetechniken und den psychologischen Prozessen beschäftigt, die Phänome wie der Finanzkrise erklären können.

Pädagogische Psychologie

Auch wenn ich (Achtung Sarkasmus) im Studium nicht so richtig die Daseinsberechtigung dieses weiteren Anwendungsfaches verstanden habe, was ich größtenteils auf seine allumfassende Schwammigkeit zurückführe, möchte ich hier kurz beschreiben, worum es so in etwa geht. Die Pädagogische Psychologie (kurz PP) könnte man am ehesten als die empirische Mutter der Pädagogik bezeichnen – d.h., das, was angehende Lehrer in ihrem Studium lernen, basiert zu einem Großteil auf Befunden der PP. So werden z.B. die optimale Interaktion zwischen Lehrern und Lernenden oder die effektivste Art der Wissensvermittlung untersucht (ironischerweise genau das, was ich hier gerade tue). Daraus abgeleitet ist auch die Forschung zu den Merkmalen, die eine effektive Beratung kennzeichnen. Zudem ist ein weiterer Zweig der PP die Hochbegabungsforschung, die sich vor allem mit der Vorhersage und der Förderung von Hochbegabung beschäftigt. Die Anwendungsbereiche der PP sind vielfältig. Psychologen mit dieser Orientierung arbeiten z.B. in Erziehungs- oder Paarberatungsstellen, in der Hochbegabtenförderung oder in Schulen als Schulpsychologen, die meistens aber eine hoch undankbare Stellung zwischen Lehrern und Schülern einnehmen.

Soft-Skills: Gesprächsführung, soziale Kompetenzen & Co.

Wie in fast jedem Studium auch nimmt man aus dem Psychologiestudium eine Menge so genannter soft skills mit, also Fertigkeiten und Kompetenzen, die man mehr oder weniger automatisch mit auf den Weg bekommt. Dazu gehören bei Psychologen vor allem soziale Kompetenzen, sowohl eine effektive Teamarbeit betreffend als auch z.B. das selbstsichere Auftreten und Sprechen beim Halten einer Referatspräsentation vor anderen. Gesprächsführung ist, wie oben ja schon mehrfach angeklungen ist, wohl im Psychologiestudium die kennzeichnendste dieser Fertigkeiten, die je nach Uni unterschiedlich ausführlich vermittelt wird. Gemeint ist damit zum einen die diagnostische Gesprächsführung, mit der man möglichst viel über einen Menschen erfahren will, und zum anderen die therapeutische Gesprächsführung, die darauf abzielt, Veränderungsmotivation aufzubauen („Motivational Interviewing“), Dinge zu hinterfragen und Veränderungen einzuleiten. Diese Grundlagen schon im Studium zu erlernen, ist sinnvoll, da man, wenn man z.B. anschließend noch die Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten machen will, auch schon zu Beginn der Ausbildung relativ selbstständig Therapien durchführen muss. Und auch in anderen Bereichen wie der Beratung oder der Personalentwicklung ist Gesprächsführung das Werkzeug Nr 1. Letztlich ist diese, neben der wissenschaftlichen Kompetenz und dem breiten Fachwissen, diejenige Kompetenz, für an Psychologen in der Arbeitswelt am meisten geschätzt wird. Und auch wenn es sich trivial anhört („Gespräche führen kann doch jeder“), so ist es alles andere als das – was jeder schnell merkt, der es sich zu einfach vorstellt und dann vollends gegen die Wand fährt.

Und um zum Cliché des Analysierens zurückzukehren, ist zumindest mein Eindruck, dass man nach dem Studium einen anderen Blick auf Menschen hat. Man hinterfragt viel mehr, warum Menschen sich so verhalten, wie sie es tun, macht sich Gedanken über die bewussten oder unbewussten Ziele, die jene damit verfolgen, und fragt sich vielleicht auch, welche Erfahrungen in der Vergangenheit die Person zu dem gemacht haben, was sie heute ist. So kommt man z.B. eher als andere Menschen auf die Idee, dass ein angeberisches, egoistisches A*schloch vielleicht über eine narzisstische Persönlichkeitsstörung verfügt, die eigentlich auf einem furchtbar niedrigen Selbstwert fußt. Ob man denjenigen danach weniger hasst, ist die andere Frage. Als Psychologe muss man dann meiner Erfahrung nach in zweierlei Hinsicht aufpassen. Erstens muss man in der Lage sein, den „analytischen Blick“ ausschalten zu können, weil sich Freunde oder Familie sonst zurecht in die Ecke gedrängt fühlen werden. Zweitens muss man aufpassen, sich selbst nicht zu stark zu „analysieren“, da man unglaublich schnell auf Dinge stößt, die man vielleicht aufgrund seines Fachwissens als gefährlich einstuft. Meine Erfahrung ist, dass man darüber sehr schnell ins Grübeln kommt und man sich in der Folge schlecht fühlt, weshalb es wichtig ist, sich von solchen Gedanken auch wieder distanzieren zu können. Was ich hier mit „analysieren“ meine, ist übrigens nicht dasselbe, was Sigmund Freud hierunter verstanden hat. Darüber erfahren Sie mehr im nächsten Artikel.

Eine weitere wichtige Sache, die man im Psychologiestudium lernt, ist, mit der Situation umzugehen, dass man permanentem Leistungsdruck ausgesetzt ist, der einerseits aufgrund der extrem hohen Anforderungen und des massiven Lernaufwands (der meistens leider ein Auswendiglern-Aufwand ist) objektiv besteht, aber andererseits durch die Charakteristika der Menschen, die Psychologie studieren, noch verschlimmert wird. Stellen Sie sich vor, Sie sind in der Mehrzahl von Leuten umgeben, die ihr Abitur mit ca. 1,3 oder besser gemacht haben (oder im Masterstudium ihren Bachelor, was nochmal eine ganz andere Hausnummer ist). Im Normalfall sind das nicht die sympathischsten Menschen: Viele sind von ihrem Ehrgeiz leider so besessen, dass das inhaltliche Interesse am Fach in den Hintergrund rückt. Hauptsache top-Noten und Hauptsache besser als die anderen. Sie können sich vorstellen, was für Themen Sie in der Cafeteria erwarten, wenn man es nicht schafft, sich ein paar normale Freunde zu suchen. In der Folge und zum Abschluss ein kleiner typischer, von mir mit Sarkasmus und Zynismus gespickter Dialog, der einem dort begegnen könnte:

„Und, was hattest du für eine Note in Physiologie? Ich hatte ja eine 1,3.“ (Gedanklich: „Wehe, die blöde Kuh hat was Besseres!“)

„Ich hatte eine 1,0, dabei war ich mir totaaal sicher, dass ich durchgefallen bin, hihi!“ (Gedanklich: „Chakka!“)

„Hey cool, herzlichen Glückwunsch! Vielleicht sollte ich mal zur Klausureinsicht gehen, um zu gucken, ob die vielleicht was übersehen haben“ (Gedanklich: „Dass diese dumme Pute besser ist als ich, geht einfach mal GAR nicht. Ich hasse sie!“)

„Ja, mach das doch. Hast du denn eigentlich schon angefangen, für Entwicklungspsychologie zu lernen?“ (Gedanklich: „Hoffentlich bin ich ihr schon um Meilen voraus!“)

„Ja klar, bin schon längst fertig und muss nur nochmal wiederholen; jetzt erst anzufangen mit dem Auswendiglernen, wäre ja wohl von vornherein zum Scheitern verurteilt“ (Gedanklich: „Als ob ich der jetzt auch noch den Trumpf erlauben würde! Warum sollte ich ihr sagen, dass ich erst vorgestern angefangen habe?“)

„Achso, ja cool. Ich komme auch super voran“ (Gedanklich: „Mist, ich muss mich echt beeilen – Wie soll ich das bloß schaffen? Ich verkacke bestimmt und schreibe eine 2,0 oder so. Ich bin einfach zu dumm!“)

Ergebnis: Beide fühlen sich beschissen.

Wie Sie sehen: In dieser widrigen Umwelt muss man sich erst einmal zurechtfinden. Daher ist vielleicht das Wichtigste, das man im Psychologiestudium lernt, an sich selbst zu glauben. Aber der Fairness halber muss ich doch sagen, dass zum Glück nicht alle so drauf sind und ich in meinem Studium bisher auf viele sehr nette Leute gestoßen bin:-).

© Christian Rupp 2013

Psychologische Tests – Teil 3: Von diesen „Tests“ sollten Sie lieber die Finger lassen

Nach den „echten“ psychologischen Tests folgen nun die „unechten“ – in dem Sinne, dass diese keine validen Aussagen über Sie als Person treffen können. Auch in diesem Teil habe ich die vielen verschiedenen Vertreter wieder zu möglichst übersichtlichen Kategorien zusammengefasst. Beginnen wir also.

„Tests“ aus Klatschzeitschriften

Wer kennt das nicht? Auf der Titelseite der „Woman“, „Tina“, „Frau im Spiegel“, und wie sie sonst noch alle heißen, locken Schlagzeilen wie „So finden Sie heraus, welcher Persönlichkeitstyp Sie sind!“ oder „Wie eifersüchtig sind Sie?“. Wie deutlich erkennbar ist, handelt es sich hierbei um vermeintliche „Tests“ aus dem Bereich der Persönlichkeitsdiagnostik. Aber auch „Intelligenztests“ werden von Zeit zu Zeit angeboten („Testen Sie, wie schlau sie sind!“ / „Wie hoch ist Ihr IQ?“).

Fallen Sie hierauf nicht herein. Diese Tests wurden zwar manchmal tatsächlich von Psychologen entwickelt und sind somit teilweise nicht völlig ohne Substanz, aber sämtliche Gütekriterien, die einen psychologischen Tests ausmachen, sind meistens nicht gegeben. Die objektive Anwendung ist nicht gewährleistet, die Normierung fehlt, die Reliabilität und die Validität sind nicht untersucht. Wie auch? Ein solcher Fragebogen muss in wenigen Tagen oder sogar Stunden entstehen – bis ein echter psychologischer Test veröffentlicht wird, muss er viele aufwendige Entwicklungsstadien durchlaufen – Studien zur Reliabilität, Validität und Normierung.
Manchmal sind Tests in solchen Zeitschriften aber auch „echten“ Tests entnommen – das muss aber dann vermerkt werden. Weil dabei aber Lizenzgebühren fällig werden, ist es oft billiger, sich „schnell mal selbst“ etwas aus den Fingern zu saugen.

Projektive Testverfahren

Projektiven Tests (die in der Psychologie tatsächlich angewendet wurden und teilweise noch werden) ist gemeinsam, dass der Teilnehmer mit unstrukturiertem, d.h. mehrdeutigem Material konfrontiert wird. Im TAT (siehe Reihe zu „Motivation“) erzählt der Teilnehmer eine Geschichte zu einem mehrdeutigen Bild, und im relativ bekannten Rorschach-Test werden die Teilnehmer aufgefordert, zu sagen, was ein bestimmter Tintenklecks darstellt (Der Rorschach-Test wurde übrigens ursprünglich nur dazu entwickelt, die Wahrnehmung von Schizophreniepatienten zu untersuchen).

Das Problem, das bei all diesen Verfahren besteht, ist die Annahme, dass der Teilnehmer etwas auf das mehrdeutige Material projiziert, was ihm nicht bewusst ist. Gemäß Sigmund Freuds Theorie wären das vor allem verdrängte Triebe und Wünsche (meistens: Sex). Wenn jemand nun sagt, er erkenne in einem Tintenklecks ein männliches Geschlechtsorgan, wird das als eine Projektion der unterdrückten Libido angesehen. Wie welche Antwort zu deuten ist, hängt größtenteils von der Erfahrung des Testleiters ab und ist deshalb wenig objektiv.

Zudem konnte die Theorie Freuds nie wirklich bestätigt werden, weshalb er übrigens auch in der modernen wissenschaftlichen Psychologie keine bedeutende Rolle spielt (obwohl man ihm zugute halten muss, dass er durch seine kontroversen Theorien viele fruchtbare Diskussionen angeregt und viel Forschung angestoßen hat). Es ist unklar, was da projiziert wird: verdrängte Wünsche und Bedürfnisse oder vielleicht doch einfach Ideen, die einem durch den Kopf gehen, weil man sich gerade zuvor damit beschäftigt hat? Oder projiziert der Teilnehmer vielleicht eigene Eigenschaften auf das Material? Oder einfach nur seinen aktuellen Gefühlszustand, z.B. Angst?

Was ich damit sagen will, ist, dass das größte Problem dieser Verfahren die fehlende Validität ist, wobei der TAT (oder vielmehr dessen Weiterentwicklung – die Picture Story Exercises von McClelland) hierbei eine Ausnahme darstellt, da dort die Objektivität, die Realiabilität und die Validität im Hinblick auf implizite Motive zumindest teilweise gesichert sind. Da sie keine quantitativen Daten (=Zahlen) liefern, ist auch keine Normierung möglich (siehe auch Teil 1). Von Objektivität bei der Deutung und Interpretation kann keine Rede sein, und die Untersuchung der Reliabilität ist kaum möglich, da man sonst Teilnehmer bitten müsste,  zweimal hintereinander dieselbe Geschichte zu erzählen oder denselben Klecks zu deuten.

Anbei gibt es noch ein wunderschönes Beispiel für einen völlig unsinnigen Test, der sogar von Hogrefe (dem Verlag, der die meisten psychologischen Tests veröffentlicht) verkauft wird, obwohl sämtliche Gütekriterien nicht erfüllt sind: der Baum-Test. Hier soll angeblich die Art und Weise, wie der Teilnehmer einen Baum zeichnet (z.B. vereinfacht-schematisch oder realistisch mit Blättern und Ästen) Aufschluss geben darüber, wie erwachsen bzw. reif ein Mensch ist.

Die unten stehenden Bilder zeigen zwei entsprechende Baum-Bilder (links die Zeichnung, die als „infantil gelten würde, rechts die „erwachsene“ Version) sowie einen (von mir selbst gezeichneten, keinen originalen) Rorschach-Klecks (Was meinen Sie, was der Klecks darstellt: einen Fisch, eine Wolke, ein Raumschiff,…?).

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Der kinesiologische Muskeltest

Dieser Test gehört zu den diagnostischen Methoden der spirituell-alternativer Heilmethoden. Der Begriff „Kinesiologie“ bezeichnet sowohl diese der Chiropraktik und Körpertherapie entstammenden Methoden als auch die seriöse Wissenschaft der motorischen Abläufe im Körper. Der oben genannte Test ist ein wunderbares Beispiel für einen unvaliden Test, der, obwohl er keinerlei gültige Aussagen über eine Person zulässt, trotzdem immer mehr Anhänger (darunter auch wissenschaftlich ausgebildete Personen wie Psychologen und Ärzte) findet.

Dieser Test wird für nahezu alle Fragestellungen angewendet, die den Menschen betreffen, was für sich alleine genommen schon sehr zweifelhaft ist. Vereinfacht gesagt, läuft es so ab: Der Patient hält seinen Arm so hoch, dass er parallel zum Boden verläuft, und der Kinesiologe (oft sind das Heilpraktiker mit einer Affinität zu esoterischen und spirituellen Methoden) stellt eine Frage. So gut wie immer handelt es sich um binäre Fragestellungen, d.h. solche, die nur mit ja oder nein beantwortet werden können (auch sehr sinnvoll im diagnostischen Prozess – vorsicht Sarkasmus). Diese können seriös-biologischer Natur sein („Ist das Immunsystem intakt?“, „Ist der Körper mit Schwermetallen belastet?“), oder aber spirituell-esoterischer Qualität („Ist der Körper mit Erdstrahlen belastet?“, „Liegen innere Blockaden vor?“, „Ist die Aura durch den Geist eines Verstorbenen angegriffen?“, oder auch „Ist die Entscheidung des Patienten für X die falsche“). Dann versucht der Kinesiologe, den Arm des Patienten herunterzudrücken. Wenn er dies schafft, ist die Antwort auf all die Beispielfragen „ja“, wenn er es nicht schafft, „nein“.

Die Idee dahinter ist, dass sämtliche negative Ereignisse und Zustände im Körper (Erdstrahlen, Schwermetalle, innere Blockaden, falsche Entscheidungen…) den Muskeltonus mindern und somit dafür sorgen, dass im Moment nach der Fragestellung die Muskelanspannung verschwindet und der Arm gegen den Willen des Patienten heruntergedrückt werden kann.

Der Test wurde natürlich wissenschaftlich untersucht und erwies sich bezüglich all der Dinge, die man tatsächlich erfassen kann (Erdstrahlen & Co. fallen hier natürlich raus ) als völlig unvalide, was bedeutet, dass er keinerlei korrekte Aussagen über den Zustand einer Person zulässt. Zudem muss angemerkt werden, dass es für das Erschlaffen der Muskeln in einem solchen Moment zahlreiche andere Erklärungen gibt, z.B. dass durch die Fokussierung der Aufmerksamkeit auf ein unangenehmes Thema die Spannung im Arm nachlässt. Die meisten Kinesiologen lehnen diese Befunde sowie die naturwissenschaftliche Denkweise schlichtweg ab, ohne dabei triftige Gründe nennen zu können.

 „Lügendetektortests“: Kann man tatsächlich überprüfen, ob das Gegenüber flunkert?

Wenn ich vom klassischen „Lügendetektor“ spreche, meine ich das Gerät, welches in Fachkreisen als Polygraph bekannt ist. Dieses Gerät zeichnet verschiedene physiologische Parameter auf, darunter z.B. die Herzrate (= Herzschläge pro Minute bzw. Puls) und die Hautleitfähigkeit (= wie stark schwitzt die Haut?). Diese Maße spiegeln den Erregungszustand des Körpers wieder und sind ein Anzeichen für Angst. Die Logik hinter dem Test ist die, dass ein Mensch, wenn er verhört / befragt wird und dabei lügt, ein erhöhtes Erregungsniveu aufweist, weil er fürchtet, dass seine Lügen auffliegen.

Das Problem an diesem Test ist die nur sehr eingeschränkte Validität und die Ermangelung eines klaren Testwerts, ab dem man davon ausgehen soll, dass derjenige lügt. Der Test liefert immer wieder viele falsch-positive (Der Test sagt „Lüge“, der Verhörte lügt aber gar nicht) und falsch-negative Ergebnisse (Der Test sagt „Wahrheit“, der Verhörte lügt aber), weshalb er als Beweismittel vor Gericht (inzwischen!) nicht mehr zugelassen ist, nachdem es lange Zeit Gang und Gäbe war. Warum jemand in einer solchen Situation aufgeregt ist und Angst empfindet, kann etliche Ursache haben: z.B. die Angst davor, Angst zu zeigen, weil einem genau dies negativ ausgelegt wird, die Angst, allgemein ins Gefängnis zu kommen, die Angst, dass niemand einem glaubt, etc.

Da jedoch viele Menschen glauben, der Lügendetektortest liefere korrekte Aussagen, machte sich der US-amerikanische Psychologe Harold Sigall dies zunutze und entwickelte das so genannte Bogus-Pipeline-Paradigma. Hierbei handelt es sich um eine Methode zur wissenschaftlichen Erforschung von z.B. Einstellungen. Gerade wenn es um die Einstellung zu Randgruppen wie Migranten, Homosexuellen und Angehörige bestimmter Religionen geht, sagen viele Menschen nicht ehrlich, welche Einstellung sie dazu haben, weil sie wissen, dass ihre Meinung sozial nicht konform ist und daher verurteilt werden würde. Um an die wahren Einstellungen dieser Menschen heranzukommen, schloss Sigall sie an einen angeblichen Lügendetektor an und forderte sie auf, die Wahrheit zu sagen, da das Gerät eine Lüge ohnehin entdecken würde. Der Plan ging auf – und Sigall konnte zeigen, wie ehrlich Menschen sind, wenn sie glauben, dass sie nicht unentdeckt lügen können. Inzwischen ist das Bogus-Pipeline-Paradigma aber aufgrund der ethischen Einwände (Versuchspersonen werden aufgrund eines Tricks/Betrugs sensible Informationen entlockt) verboten.

Andere Verfahren zur Entdeckung von Lügen richten sich auf Verhaltensbeobachtungen und postulieren, dass Lügen z.B. mit nicht vorhandenem Blickkontakt, bestimmten miminalen und nicht bewusst steuerbaren Mimiken (also Gesichtsausdrücken) oder bestimmten Bewegungen (wie dem Kratzen an der Nase) einhergehe. Die Erforschung der Validität solcher Hinweise ist aber zum momentanen Augenblick noch sehr unausgereift. Im Vergleich zum Forschungszustand werden diese Methoden aber schon sehr häufig angewendet – vor allem im Kriminalbereich.

Noch neuer sind neurowissenschaftliche Verfahren zur Aufdeckung von Lügen. Mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (umgangssprachlich auch als “ funktionaler Kernspin“ bekannt, kurz fMRT) konnten bestimmte Gehirnareale identifiziert werden, die während des Lügens ihre Aktivität steigern. Hierin steckt natürlich ein großes Potenzial, und Justiz & Co. werden sicherlich bald Interesse anmelden. Es ist hierbei aber aus zwei Gründen Vorsicht geboten: Erstens, weil die fMRT-Technik fehleranfällig ist und falsch-positive wie falsch-negative Ergebnisse somit vorprogrammiert sind – denn zwischen den ursprünglichen Daten und den Gehirnbildern mit den hell aufleuchtenden Punkten, die gesteigerte Aktivität anzeigen, liegen unglaublich viele statistische Umrechnungs- und Mittelungsprozesse, bei denen eine Menge schief gehen kann. Zweitens, weil ein solches Vorgehen gegen ethische Richtlinien verstoßen kann: Darf es zulässig sein, einen Menschen zum Verhör einer vergleichbar unangenehmen Prozedur wie der MRT zu unterziehen? Insgesamt gibt es also nicht wirklich einen Grund zur Euphorie.

Graphologie – die Persönlichkeit aus der Handschrift lesen

Die Graphologie beschreibt die vermeintliche Wissenschaft, die sich damit beschäftigt, aus der Handschrift einer Person deren Persönlichkeit „herauszulesen“. Zurecht hat die Graphologie inzwischen den Status einer Pseudowissenschaft, weil sich dieses Verfahren als absolut nicht valide herausgestellt hat. Daher ist auch der häufig synonym verwendete Begriff „Schriftpsychologie“ hierbei nicht korrekt.

Wie viele andere nachweislich unvalide Verfahren wird es aber tatsächlich in manch einem Unternehmen noch angewendet, wenn es um die Auswahl geeigneter Bewerber geht. Und das, obwohl die Wissenschaftler Schmidt und Hunter in einer Metaanalyse (die sehr viele Einzelstudien zusammenfasst) zeigen konnten, dass die mittlere Validität von Graphologie genau 0,02 (!) beträgt – was bedeutet, dass dieses Verfahren praktisch keinerlei Zusammenhang mit späterem Berufserfolg hat. Warum sich diese Methode so hartnäckig hält, liegt zum Großteil daran, dass ihre Verfechter unzählige Anekdoten von ehemaligen Bewerbern auf Lager haben, die die angebliche Validität belegen (anekdotische Evidenz). Diese ist aber, weil durch die eigene subjektive Wahrnehmung, das Ausblenden von Gegenbeispielen und die eigene Einstellung verzerrt, nicht einmal ansatzweise mit objektiven wissenschaftlichen Befunden zu vergleichen. Wenn also einmal ein Unternehmen einen handgeschriebenen Lebenslauf von Ihnen verlangt, würde ich Ihnen raten: Finger weg von dem Laden!

Warum diese Methode totaler Unsinn ist, wird schon deutlich, wenn man überlegt, wie leicht man seine eigene Schrift ändern und verstellen kann. Ich habe in meiner Schulzeit bestimmt zehn Mal die Handschrift einfach von einem auf den anderen Tag geändert, weil ich wiedermal was Neues ausprobieren wollte. Aber ok, ich war vielleicht auch extrem.

Physiognomie –  die Persönlichkeit aus dem Gesicht lesen

Die Physiognomie bezeichnet eigentlich die Lehre vom menschlichen Körperbau und ist Teil der Anatomie. An dieser Stelle meint es aber die ebenfalls pseudowissenschaftliche Methode, mit der bestimmte Menschen versuchen, aufgrund des Körperbaus Rückschlüsse über die Persönlichkeit einer Person zu ziehen. Insbesondere das Gesicht wird hierbei sehr häufig als Quelle herangezogen. Ausgeprägte Wangenknochen werden dann z.B. zum Indiz für Durchsetzungsvermögen, kleine Ohren gelten als Zeichen für Geiz und eine große Nase enthüllt, dass deren Besitzer sehr nachdenklich ist. Es existieren hierüber hunderte Bücher, meist geschrieben von selbst ernannten Experten, die einem sagen, welches Merkmal für welche Persönlichkeitseigenschaft steht. Genau so gibt es auch solche „Experten“, die man dann eines Tages bei Markus Lanz oder Johannes B. Kerner (ich weiß, der ist abgeschafft) sitzen sieht und die dort fröhlich ihre Pseudo-Weisheiten verbreiten. Natürlich wird dann im Gesicht des Moderators gelesen, wie es um dessen Persönlichkeit bestellt ist, und – oh Wunder – es stimmt! Natürlich nicht, weil man aus den äußeren Eigenschaften eines Gesichts die Persönlichkeit ablesen kann, sondern weil 1) grundsätzlich nur positive Eigenschaften genannt werden, die dem Betreffenden schmeicheln, der dann kaum widersprechen wird, 2) die „Gesichtsleserin“ aus Vorinformationen und auf Basis des Verhaltens des Moderator schon viel über dessen Persönlichkeit weiß, was ihre Deutung maßgeblich beeinflusst, und 3) sie die gleiche Technik anwendet wie (gute) Kartenleger, Kristallkugelinterpreten und sonstige Menschen mit der vermeintlichen Gabe, in die Zukunft zu sehen: Sie nennt allgemeine Eigenschaften, die sowieso auf fast jeden zutreffen und denen somit kaum widersprochen wird, und sie tastet sich vorsichtig an ihre Deutungen heran, indem sie immer nur eine Behauptung aufstellt und dann auf die Rückmeldung des Betreffenden wartet. So vermeidet sie es, sich in eine völlig falsche Richtung zu bewegen. Das Ergebnis des ganzen ist natürlich das Staunen der gesamten Talkrunde, verblüffte Anerkennung – und ein typisches Stück anekdotische Evidenz (oben erklärt) für eine eigentlich komplett unvalide Methode.

Natürlich treffen manche Sachen tatsächlich zu, z.B. wenn über einen großen Mann mit breiten Schultern gesagt wird: „Er ist durchsetzungsfähig und selbstbewusst“. Es ist gut möglich, dass das stimmt. Aber die Kausalität ist eine andere: Er ist nicht groß und hat breite Schultern, weil er selbstbewusst und durchsetzungsstark ist (Das wäre die Deutung von Physiognomie-Experten). Er hat diese Eigenschaften sehr wahrscheinlich, weil sein Körperbau entsprechend ist! Genauso, wie es gut sein kann, dass jemand mit einem eher weniger hübschen Gesicht garstig im Umgang mit anderen ist: Die Eigenschaft ist vielmehr Folge der Beschaffenheit des  Gesichts und den damit hervorgerufen Reaktionen anderer als die Ursache dessen!

Während diese Art des Persönlichkeits-Lesens völliger Quatsch ist, weil unsere körperlichen Merkmale durch ganz andere Gene und Umwelteinflüsse bestimmt werden als unsere Persönlichkeit, sind die Schlussfolgerungen aufgrund von Mimik und Gestik kein Unsinn. Zwar lassen unsere Gesichtsausdrücke und unsere Gesten vielmehr Rückschlüsse auf momentane Emotionen zu als auf unsere Persönlichkeit, allerdings haben viele Studien gezeigt, dass Menschen das Gesicht als Quelle für sehr viele Informationen über eine Person benutzen (jetzt mal unabhängig davon, ob diese Informationen zutreffen). So ist z.B. gut untersucht, dass Menschen in Bruchteilen einer Sekunde (!) einen ersten Eindruck eines unbekannten Gesichts formen und entscheiden, ob sie dieses mögen oder nicht. Das heißt, es ist in der Tat so, dass wir aufgrund der unbewussten Verrechnung von zahlreichen Informationen sehr schnell ein Urteil über eine Person bilden. Dies hat aber nichts mit den Behauptungen von Physiognomie-Verfechtern zu tun, die oft viele Gesichtsmerkmale heranziehen, die Menschen bei der Fällung dieses Urteils gar nicht berücksichtigen, und die sehr spezifische Eigenschaften benennen, die unser Gehirn in so kurzer Zeit gar nicht bedenken kann. Insgesamt gilt also auch hier: Vorsicht vor Unsinn!

Damit wäre ein weiteres großes Anliegen von mir abgehakt – darüber aufzuklären, was echte psychologische Tests sind und was nicht. Und wenn ich auch nur ein bisschen dazu beigetragen habe, dass Sie als Leser nun ein bisschen besser bewerten können, was seriös und was Unsinn ist, habe ich mein Ziel schon voll erreicht.

© Christian Rupp 2013

Psychologische Tests – Teil 2: Diesen Tests können Sie trauen

Nachdem ich in Teil 1 beschrieben habe, welche Merkmale einen „echten“ psychologischen Test ausmachen, stelle ich in diesem Teil verschiedene Gruppen „gängiger“ psychologischer Testverfahren inklusive einiger prototypischer Vertreter vor.

Intelligenztests

Intelligenztests sind das Flaggschiff der Psychologie. Kein Thema wurde in der modernen Psychologie der letzten 100 Jahre intensiver beforscht als Intelligenz und ihre Messung, sodass heute eine Vielzahl sehr guter und auch präzise messender Intelligenztests vorliegen, die entweder Aussagen über die generelle Intelligenz liefern oder aber über spezifische Intelligenzfacetten (z.B. logisches Schlussfolgern und mentales Rotieren). Da ich das Thema „Intelligenz“ noch ausführlich behandeln werde, wobei ich auch einige Intelligenztests vorstellen werde, belasse ich es an dieser Stelle dabei.

Persönlichkeitstests

Seriöse Persönlichkeitstests basieren auf Mehr-Faktoren-Modellen der Persönlichkeit, die durch das statistische Verfahren der Faktorenanalyse (siehe Exkurs unten) entstanden sind. Dasjenige Modell, über das in der Wissenschaft am meisten Einigkeit besteht, ist das Modell der „Big Five“. Es basiert auf etlichen faktorenanalytischen Studien und besteht aus fünf Kerneigenschaften, anhand derer Menschen sich hauptsächlich unterscheiden:

Extraversion

Ja, es heißt nicht Extroversion – das Gegenteil ist aber die Introversion; Beispielaussagen für Extraversion wäre z.B. „Ich bin gerne unter Menschen“ und „Ich bringe Leben in eine Gesprächsrunde“.

Neurotizismus

Dies bedeutet emotionale Stabilität; ein sehr neurotischer Mensch ist eher emotional instabil.

Verträglichkeit

Kommt jemand gut mit anderen klar oder zieht er eher Konflikte an?

Offenheit für Erfahrungen

Ist jemand offen für Neues oder bleibt er lieber bei Altbekanntem?

Gewissenhaftigkeit

Habe ich im unten stehenden Exkurs erklärt.

Alle anderen Eigenschaften lassen sich gemäß diesem Modell den „Big Five“ unterordnen. Gute Persönlichkeitstests (Achtung: Die Namen von psychologischen Persönlichkeitstests sind fast immer Abkürzungen!) sind z.B. der „NEO-PI-R“, der „NEO-FFI“, der „TIPI“, der „BFI“ und der „FPI-R“. Der „BIP“ erfasst, weil für die berufliche Bewerberauswahl entwickelt, berufsrelevante Persönlichkeitseigenschaften, und der „PSSI“ erfasst das Kontinuum zwischen Persönlichkeitseigenschaft und Persönlichkeitsstörung.

Eine Sonderform der Persönlichkeitstests stellen die so genannten „Integrity“-Tests dar (z.B. der „IBES“). Diese erfassen, wie integer (= ehrlich, aufrichtig) ein Mensch ist – und tatsächlich können sie sehr gut unlauteres Verhalten am Arbeitsplatz (z.B. Diebstahl) vorhersagen, was verblüffend ist.

Persönlichkeitstests liegen meist in Fragebogenform vor, d.h. die Teilnehmer kreuzen an, wie sehr sie entsprechenden Aussagen (siehe oben) zustimmen. Es gibt aber auch Fremdbeurteilungsverfahren, d.h. Persönlichkeitstests, bei denen das Verhalten von Psychologen beobachtet und Rückschlüsse auf die Persönlichkeit desjenigen gezogen werden (was größte Sorgfalt und Vorsicht erfordert). Ebenso gibt es so genannte objektive Persönlichkeitstests wie den „OLMT“, die die Persönlichkeit indirekt erfassen, d.h. ohne dass der Teilnehmer weiß, dass es um seine Persönlichkeit geht. Beim OLMT wird z.B. die Leistungsmotivation des Probanden erfasst, in dem man ihn eine recht simple, aber auf Dauer anstrengende Aufgabe an einem Computerbildschirm lösen lässt, die inhaltlich nichts dem zu tun hat, was erfasst wird: Je länger der Proband „durchhält“, desto höher laut diesem Test die Leistungsmotivation. Auch hierbei wird also aus dem Verhalten auf die Persönlichkeit geschlossen. Fremdbeurteilungsverfahren und objektive Persönlichkeitstests bieten den Vorteil, dass sie nicht willentlich durch die Teilnehmer verfälscht werden können, was bei den Fragebögen natürlich möglich ist. Ihre Validität ist meist vorhanden, stellt jedoch teilweise ein Problem dar.

Auch unter diese Rubrik einzuordnen sind übrigens Tests zur Erfassung der Motive eines Menschen (wie der TAT, in der Reihe zu Motivation vorgestellt) sowie dessen Einstellungen gegenüber bestimmten Themen, Phänomenen und Menschengruppen (z.B. Migranten, Homosexualität, Esoterik, Übernatürliches…). Bei Letzterem wäre ich allerdings vorsichtig, den Begriff „Test“ zu verwenden und würde eher für die Bezeichnung „spezifischer Fragebogen“ plädieren, weil es sich ja immer um ein bestimmtes Thema dreht. Es gibt aber auch die Möglichkeit, Einstellungen, ebenso wie Motive, indirekt zu erfassen, d.h. ohne dass der Teilnehmer das Ergebnis verfälschen kann und ohne dass er weiß, dass es um seine Einstellungen geht. Ein bekanntes und recht valides Verfahren hierfür ist z.B. der IAT, der implizite Assoziationstest.

Die Validität von Persönlichkeitstests wird z.B. durch den Zusammenhang mit anderen Persönlichkeitstests oder mit bestimmten Verhaltensweisen, die zu der jeweiligen Eigenschaft passen, gesichert.

Exkurs „Faktorenanalyse“

Grob gesagt passiert bei der Faktorenanalyse Folgendes: Nachdem Probanden einen Fragebogen mit sehr vielen Aussagen (z.B. „Ich mag es, unter Leuten zu sein“ / „Ich erledige alle meine Arbeiten gründlich“) beantwortet haben, indem sie mit Hilfe einer Skala (die z.B. von 1-7 reicht) angaben, wie sehr diese Aussage auf sie zutrifft, werden statistische Analysen angewendet, die ausspüren, welche Aussagen des Fragebogens stark zusammenhängen (korrelieren). Zwei Aussagen sind dann korreliert, wenn Personen dazu tendieren, sie gleich oder ähnlich zu beantworten. Meistens hängen mehr als zwei Fragen zusammen, und diese werden dann zu einem „Faktor“ zusammengefasst. So gehören z.B. die Aussagen „Ich erledige alle meine Arbeiten gründlich“ und „Ich hasse es, wenn Unordnung entsteht“ zum Faktor „Gewissenhaftigkeit“ – einem der fünf großen Persönlichkeitsfaktoren, in dem sich Personen unterscheiden. Die Faktorenanalyse ist aber auch die Basis der Intelligenzforschung: Hier bearbeiten Probanden verschiedenste Aufgaben anstelle von Aussagen, und es werden diejenigen Aufgaben zusammengefasst, die häufig zusammen gelöst werden. Da Menschen z.B. sehr häufig sowohl in Wortschatz- als auch in Analogieaufgaben gute Leistungen bringen, werden beide Aufgabenarten, vereinfacht gesagt, oft zu dem Faktor „sprachliche Intelligenz“ zusammengefasst. Dass Leute, die gut in Wortschatzaufgaben sind, auch gute Leistungen in Rechenaufgaben bringen, ist derweil weniger häufig der Fall – sodass man hier von zwei verschiedenen Faktoren (z.B. „sprachliche Intelligenz“ vs. „mathematische Intelligenz“) ausgeht. Mehr dazu in den Artikeln zum Thema „Intelligenz“.

Tests zur Erfassung von Aufmerksamkeit, Konzentration & Gedächtnis

Hierunter fallen sämtliche Tests, die kognitive Funktionen wie Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Konzentration erfassen. Der „VLMT“ z.B. erfasst verbale Lern- und Merkfähigkeiten und ist in der Alzheimer – und Demenzdiagnostik wichtig. Die „TAP“ ist eine Testbatterie, mit der die selektive Aufmerksamkeit, das Arbeitsgedächtnis und die Konzentrationsleistung überprüft werden. Auch der „d2“ und der „FAIR“ erfassen die Konzentrationsleistung, in dem sie den Teilnehmer vor die Aufgabe stellen, eine vergleichsweise einfache Aufgabe, die aber viel Konzentration erfordert, unter Zeitdruck zu bearbeiten, ohne Fehler zu machen. Ebenso gibt es Tests, die die Belastbarkeit einer Person unter Stress und die motorischen Fähigkeiten erfassen. In diese Gruppe von Tests fallen all die Tests, die Teil der Aufnahmeprüfung in Berufen sind, in denen mangelnde Konzentration etc. fatal sein können – bei Piloten, Fluglotsen, Zugführer, LKW-Fahrer, etc. Auch bei der MPU, der medizinisch-psychologischen Untersuchung, die z.B. auf Verkehrsteilnehmer wartet, die zu viele Punkte in Flensburg haben, kommen viele von diesen Tests zum Einsatz.

Fragebögen zu klinischen Symptomen

Auch hier sollte man mit dem Begriff „Test“ vorsichtig sein und die Bezeichnung „Fragebogen“ wählen. Klinische Fragebögen erfassen Symptome psychischer Störungen und liegen entweder als Selbstbeurteilungsvariante (der Patient kreuzt selbst an) oder als Fremdbeurteilungsvariante (ein_e Psychologe_in beurteilt das Verhalten und die Schilderungen des Teilnehmers und kreuzt an) vor. Es gibt Fragebögen, die Symptome mehrerer Störungsbilder gleichzeitig abfragen (z.B. die „SCL-90-R“) und Fragebögen, die Symptome nur jeweils einer Störung erfassen – hier ein paar Beispiele von qualitativ hochwertigen diagnostischen Fragebögen:

Depression

  • Selbstbeurteilung: „BDI“, „ADS“ (hat nichts mit AD(H)S zu tun, sondern steht für „allgemeine Depressionsskala“)
  • Fremdbeurteilung: „MADRS“, „HAMD“

Angststörungen/Ängstlichkeit

  • Selbstbeurteilung: „STAI“ und „ACQ“
  • Fremdbeurteilung: „HAMA“

Zwangsstörungen

  • Selbstbeurteilung: „HZI“

AD(H)S bei Erwachsenen

  • Selbstbeurteilung: „WURS-K“ (für Symptome in der Kindheit), „ADHS-SB“ (für Symptome im Erwachsenenalter)
  • Für AD(H)S bei Kindern stehen zahlreiche Fremdbeurteilungsverfahren vor, die auch von Eltern und Lehrern ausgefüllt werden können.

und viele mehr…

Der wichtige Grundsatz bei den klinischen Fragebögen lautet: Sie sind als zusätzliche Quelle von diagnostischen Informationen sinnvoll, aber eine Störungsdiagnose sollte niemals alleine auf dieser Basis vergeben werden! Deshalb sollte hier auch nicht von Tests die Rede sein – denn die liefern sehr viel eindeutigere und vor allem unumstößliche Ergebnisse.

Im dritten Teil stelle ich dann abschließend eine Reihe von Tests vor, die die in Teil 1 dargestellten Gütekriterien von psychologischen Tests kaum oder gar nicht erfüllen. Sie glauben gar nicht, auf wie viele so genannte „Tests“ dies zutrifft…

© Christian Rupp 2013