Jenseits psychischer Störungen: Wo Psychologen sich sonst noch überall auskennen

Im vorherigen Artikel habe ich dargestellt, warum Psychologen ebenso wie Physiker, Chemiker, Biologen oder Soziologen Ahnung davon haben, wie man (Natur-)Wissenschaft betreibt und daraus abgeleitetes Wissen dahingehend beurteilen kann, ob es vertrauenswürdig ist oder nicht. In diesem Artikel soll es nun darum gehen, wovon Psychologen neben ihrer wissenschaftlichen Kompetenz sonst noch so Ahnung haben und in welche beruflichen Bereiche verschiedene Schwerpunktsetzungen und Spezialisierungen führen können. Dabei nutze ich diesen Artikel ganz bewusst, um all die Bereiche vorzustellen, die nichts direkt mit psychischen Störungen zu tun haben (was ja leider die verbreitete Auffassung über den Inhalt des Psychologiestudiums ist). Die Klinische Psychologie werde ich daher gesondert im nächsten Artikel vorstellen und diese Gelegenheit nutzen, um endlich das größte Irrtum überhaupt aufzuklären. Aber nun zurück zu den vielen anderen Unterbereichen der Psychologie, bei deren Darstellung ich mich in etwa an die Reihenfolge im Studium halten und mich von den Grundlagen- zu den Anwendungsfächern bewegen werde.

Allgemeine Psychologie & Kognitive Neurowissenschaft

Dieses Grundlagenfach mit dem Doppelnamen, unter das ich die Fächer „Biologische Psychologie“ und „Physiologie“ einmal subsumieren möchte, betrachtet den Menschen als Wesen, das Informationen aus seiner Umwelt verarbeitet und interessiert sich im Groben für die Art und Weise, wie diese Informationsverarbeitungsprozesse im Gehirn ablaufen. Daher gehört hierzu als Thema zu allererst die Wahrnehmung – von unseren Sinnesorganen bis zu den höchsten Verarbeitungsstufen im Gehirn. Dabei stößt man dann z.B. auf Gehirnareale, die auf die Verarbeitung von Gesichtern oder Schachmustern spezialisiert sind oder erfährt etwas über spezielle, auf Hirnschäden zurückgehende Störungen der Wahrnehmung, wie z.B. die Prosopagnosie – die Unfähigkeit, Gesichter wahrzunehmen und zu unterscheiden (wobei die visuelle Verarbeitung ansonsten völlig intakt ist). Eine weitere wichtige Sparte in diesem Fach ist das Gedächtnis. So lernt man im Studium beispielsweise Modelle über den Aufbau und die Funktionsweisen der verschiedenen Teile unseres Gedächtnisses (u.a. Arbeitsgedächtnis & Langzeitgedächtnis) kennen, ebenso wie natürlich die dazu gehörigen Forschungsmethoden und Störungen des Gedächtnisses (Amnesien und Demenzen). Eine Studie, die sich mit den dem Gedächtnis zugrunde liegenden Prozessen im Gehirn beschäftigt, habe ich im vorletzten Artikel beschrieben. Des Weiteren gehören zu diesem Fach die Themen Aufmerksamkeit, Denken & Problemlösen, Emotion & Motivation und Sprache. Ja, Psychologen beschäftigen sich auch intensiv mit der menschlichen Sprache, was kaum jemand weiß. Dabei sind die Fragen danach, wie wir im Gehirn Sprache verarbeiten (sowohl verstehen als auch selbst produzieren) ein ziemlich altes und sehr etabliertes Forschungsgebiet der Psychologie. Und auch hierzu gehört natürlich die Kenntnis über Störungen der Sprache (genannt Aphasien), die z.B. nach Schlaganfällen auftreten können.

Insgesamt erklärt sich aus der Existenz dieses Faches, warum alle Psychologen in ihrem Studium eine Menge von Dingen lernen müssen, die z.B. Medizinstudierenden auch begegnen. So kommt keiner durchs Psychologiestudium, ohne ziemlich genau den Aufbau des Gehirns und die Funktion verschiedener Gehirnareale, den Aufbau des gesamten Nervensystems, die Funktionsweise seiner Nervenzellen, die Eigenschaften von Hormonen und Neurotransmittern und die Funktionsweise von Untersuchungsverfahren für das Gehirn (EEG, MEG, PET, fMRT, etc.) zu kennen. Da man die Wege der Wahrnehmung kennen muss, gehört auch die Kenntnis des Aufbaus unserer Sinnesorgane (Augen, Ohren inkl. Gleichgewichtsorgan, Nase, Zunge, Berührungs- und Schmerzwahrnehmung) dazu. Wenn man sich auf diesem Gebiet spezialisiert, landet man als Psychologe entweder in der Wissenschaft und forscht zu einem der beschriebenen Themen, oder aber man ergreift das praktische Berufsfeld des Neuropsychologen, dessen Tätigkeit die präzise Diagnostik und darauf folgende Therapie von neurologisch bedingten Störungen in den oben beschriebenen Bereichen ist, wie sie z.B. nach einem Schlaganfall auftreten.

Entwicklungspsychologie

In diesem Fach lernt man im Wesentlichen, wie die normale psychische Entwicklung bei Kindern ablaufen sollte und ab wann etwas als nicht mehr normal anzusehen ist. Hierzu gehören z.B. die sprachliche Entwicklung, die kognitive und Intelligenzentwicklung, die emotionale Entwicklung und auch die Entwicklung motorischer Fähigkeiten. Ein zentraler, für die Praxis relevanter Punkt ist hierbei das Erkennen von Entwicklungsverzögerungen, die beispielsweise auf eine geistige Behinderung oder eine tiefgreifende Entwicklungsstörung hinweisen können. Die Entwicklungspsychologie hat aber auch sehr interessante Experimente zu bieten, die uns eine Einsicht darin gewähren, wie kleine Menschen die Welt um sich herum so wahrnehmen. Bekannt geworden ist vor allem der „Spiegeltest“, bei dem man schaut, wie ein Kind auf sein Spiegelbild reagiert, d.h. ob es erkennt, dass es sich selbst betrachtet. Dieses Erkennen setzt das Vorhandenensein eines Selbstkonzeptes voraus, d.h. eines „Ich-Bewusstseins“. Dieses weisen Kinder in der Regel im Verlauf des zweiten Lebensjahres auf, was man im Spiegeltest z.B. damit nachweisen kann, dass das Kind sich einen roten Punkt, den man ihm auf die Stirn geklebt hat, selbst wieder abnimmt. Das Fehlen dieses Selbstkonzeptes wird übrigens auch als eine Ursache für das Phänomen diskutiert, dass wir uns an unsere ersten 2 Lebensjahre in der Regel nicht erinnern können – weil vorher Erinnerungen nicht in Bezug auf das Selbst abgespeichert werden können (was wiederum nötig ist, um sie später im Leben noch abrufen zu können).

Zeitlich nach dem Selbstkonzept entwickelt sich derweil erst die Theory of Mind, die, kurz gesagt, die Fähigkeit beschreibt, anderen Menschen Gedanken, Absichten, etc. zuzuschreiben und hierauf zu reagieren (eine Fähigkeit, die bei z.B. bei Autismus eingeschränkt ist). Der bekannteste wissenschaftliche Vertreter der Entwicklungspsychologie ist sicherlich bis heute Jean Piaget, dessen Befunde zur kognitiven Entwicklung von Kindern großen Einfluss auf die Pädagogik genommen haben. Allerdings deutet inzwischen eine Vielzahl von neueren Forschungsergebnissen darauf hin, dass Piaget, ganz grob gesagt, die kognitiven Fähigkeiten von Kleinkindern stark unterschätzt hat. Psychologen, die sich heutzutage in der Entwicklungspsychologie spezialisieren, sind entweder auch in der Forschung tätig oder üben ähnliche diagnostische Tätigkeiten wie Neuropsychologen aus, nur eben mit Kindern. Das Fach ist zudem mit der Pädagogischen Psychologie verwandt (siehe weiter unten).

Sozialpsychologie

Wie schon im vorletzten Artikel vorgestellt, beschäftigt sich die Sozialpsychologie damit, wie das menschliche Verhalten und Erleben durch das Verhalten anderer Menschen, oder, allgemeiner gesagt, durch soziale Situationen beeinflusst wird. Aus der Sozialpsychologie stammt z.B. viel Forschung dazu, wie sich Menschen in Gruppen verhalten und wie insbesondere immenser sozialer Druck (z.B. durch Befehle in einem autoritären System) das Verhalten von Menschen auch gegen deren eigene Überzeugungen oder Persönlichkeitseigenschaften steuern können. So waren nach dem zweiten Weltkrieg viele Studien davon geprägt, dass man verstehen wollte, wie es in Deutschland zu einer so verheerenden Kastastrophe wie dem Emporkommen der Nazis und der Shoa kommen konnte. Viele dieser Experimente haben auch in der Laiengesellschaft große Berühmtheit erlangt, darunter z.B. das Stanford-Gefängnisexperiment von Zimbardo aus dem Jahr 1971.

Zimbardo untersuchte unter realistischen Bedingungen, wie Probanden, denen zufällig entweder die Rolle eines Insassen oder eines Gefängniswärters zugewiesen wurde, sich über die Zeit hinweg verhielten, wenn sie selbst während des gesamten Experiments anonym handelten. Das Experiment lieferte jedoch so massive Einblicke in die Grausamkeiten menschlichen Verhaltens (Gewaltexzesse, Folter…), dass es vorzeitig abgebrochen wurde. Es hat jedoch gezeigt, wie groß der Einfluss von Regeln und Vorschriften sowie von Anonymität (bzw. Deindividuierung) und der Übernahme einer Rolle (Insasse vs. Gefängniswärter) auf zwischenmenschliches Verhalten ist. Die gewaltsamen Exkalation des Experiments hat nicht zuletzt auch dazu beigetragen, dass die Ethikrichtlinien für psychologische Forschung sehr viel strenger geworden sind. Heutzutage ist es selbstverständlich, dass die Teilnehmer an einem psychologischen Experiment vor ihrer Zustimmung zur Teilnahme über das informiert werden, was passieren wird (informed consent), dass ihnen kein Schaden zukommt und dass sie jederzeit aus dem Experiment aussteigen können. Sozialpsychologen sind typischerweise Wissenschaftler, eine praktische Berufsrichtung gibt es nicht direkt. Allerdings werden sehr viele sozialpsychologische Ergebnisse in der Organisationspsychologie, einem primär anwendungsorienerten Fach, das ich gleich noch vorstellen werde, verwendet.

Differentielle Psychologie bzw. Persönlichkeitspsychologie

Im Gegensatz zur Sozialpsychologie versucht dieses Fach, das Verhalten von Personen nicht durch die soziale Situation zu erklären, sondern durch relativ stabile, der Person innewohnende Persönlichkeits- oder Charaktereigenschaften (auf Englisch traits). Sie untersucht daher zum einen, in welchen Eigenschaften sich Personen unterscheiden (das meint differentielle Psychologie), und zum anderen, welcher Art der Zusammenhang zwischen Persönlichkeitseigenschaften und tatsächlichem Verhalten ist. Zum ersten Thema ist der wohl bekannteste, auf Faktorenanalysen beruhende Befund der „Big 5“ zu nennen  –  fünf globaler Eigenschaften, unter denen sich sämtliche Charaktereigenschaften, die wir im Alltag zur Beschreibung einer Person verwenden, zusammenfassen lassen. Eine Beschreibung der Big 5 finden Sie hier. Zum zweiten Thema lässt sich sagen, dass Persönlichkeitseigenschaften zwar nicht irrelevant in der Vorhersage von Verhalten sind (dass ein introvertierter Mensch freitags abends eher nicht in die Disco gehen wird, leuchtet ein), jedoch keine so guten Vorhersagen liefern wie persönliche Motive, die manche ebenfalls zur Persönlichkeitspsychologie rechnen und andere eher zur Allgemeinen Psychologie. Eine weitere ganz zentrale Domäne der Differentiellen Psychologie (und wahrscheinlich die am besten erforschte) ist außerdem die Intelligenz, inklusive ihrer Unterformen und Facetten. Die Erkenntnisse der Persönlichkeitspsychologie werden sowohl in der Arbeits- und Organisationspsychologie (z.B. als Variablen zur Beurteilung der Passung zwischen Bewerber und Arbeitsplatz) als auch in der klinischen Psychologie und Psychotherapie (z.B. als relevanter Faktor in Bezug auf die Entstehung einer psychischen Störung) sowie in der forensischen Psychologie (Warum werden Menschen kriminell?) genutzt.

Psychologische Diagnostik

In diesem Fach lernt man nicht primär, psychische Störungen zu diagnostizieren, sondern es geht darum, wie sich verschiedene Merkmale einer Person durch Tests, Fragebögen, Verhaltensbeobachtung, zielorientierte Gesprächsführung etc. erfassen bzw. möglichst verlässlich und präzise messen lassen. Die wichtigsten Mermale hierbei sind die allgemeine Intelligenz (auch bezeichnet als kognitive Leistungsfähigkeit) sowie ihre verschiedenenen Unterfacetten und die Persönlichkeitsstruktur einer Person (Charaktereigenschaften, Einstellungen, Motive, etc.). Darüber hinaus gibt es natürlich Tests, die weitere kognitive Leistungen wie Aufmerksamkeit und Konzentration messen, und klinische Fragebögen, die Symptome verschiedener psychischer Störungen erfassen. Zum Fach „Psychologische Diagnostik“ gehört auch die Testtheorie, die sich damit beschäftigt, wie man solche psychologische Tests konstruiert, die gültige Aussagen über eine Person liefern. Was man unter psychometrischen Gütekriterien versteht, die solche Tests erfüllen müssen, können sie hier nachlesen; was Beispiele für gute und schlechte Tests sind, finden Sie zudem hier bzw. hier erklärt. Die Kenntnis darüber, wie man solche Tests und Fragebögen konstruiert (was alles andere als trivial ist), erachte ich neben den grundlegenden wissenschaftlichen und statistischen Kenntnissen als eine der wertvollsten, die man sich im Psychologiestudium aneignet.

Im Rahmen der psychologischen Diagnostik gibt es eine Menge von beruflichen Anwendungsfeldern. So kommen diagnostische Verfahren z.B. in der Auswahl von Bewerbern zum Einsatz, oft im Rahmen von Assessment Centern. Ebenso ist psychologische Diagnostik z.B. bei der Agentur für Arbeit oder bei Berufsförderungswerken gefragt, um zu entscheiden, ob z.B. jemand für eine bestimmte Umschulung geeignet ist. Ebenso ergänzen standardisierte klinisch-diagnostische Verfahren die Diagnostik in der Psychotherapie. Ein wichtiges Anwendungsfeld der psychologischen Diagnostik ist zudem die Verkehrspsychologie: Im Rahmen der medizinisch-psychologischen Untersuchung (kurz MPU, auch bekannt als „Idiotentest“) spielen die diagnostischen Kompetenzen von Psychologen eine entscheidende Rolle dabei, z.B. zu beurteilen, ob auffällig gewordenen Verkehrsteilnehmern die Fahrerlaubnis wieder erteilt werden sollte oder nicht. Viele Psychologen sind zudem auch als Gutachter vor Gericht tätig, wobei die Themen sehr verschieden sein und von Sorgerechtsentscheidungen („Was entspricht dem Wohl des Kindes?“) über verkehrspsychologische Fragestellungen bis hin zur Glaubhaftigkeitseinschätzung von Zeugenaussagen reichen können. Bei solchen Fragenstellungen werden, um die diagnostischen Fragen zu beantworten, dann eher bestimmte diagnostische Gesprächsführungstechniken als Tests und Fragebögen zum Einsatz kommen, die ebenfalls Teil der Ausbildung in psychologischer Diagnostik sind und welche daher auch zum absoluten Standardrepertoire eines jeden Psychologen gehören.

Arbeits- & Organisationspsychologie

Dieses, neben der Klinischen Psychologie zweite große Anwendungsfach der Psychologie wendet psychologische Erkenntnisse in der Arbeitswelt an. Die Arbeitspsychologie fußt dabei eher auf der Allgemeinen Psychologie und ist konzeptuell mit den Ingenieurwissenschaften verwandt. So kümmern sich Arbeitspsychologen z.B. darum, Arbeitsabläufe in einer Fertigungshalle zu optimieren, Maschinen ergonomisch zu gestalten (also so, dass die Bedienbarkeit möglichst an den Menschen angepasst wird) oder Arbeitsabläufe durch Veränderungen an Menschen und Maschinen sicherer zu machen. Die Organisationspsychologie beschäftigt sich derweil hauptsächlich mit dem Personal (genannt human resources) in einer Organisation (meist einem Unternehmen) und basiert stark auf der Sozialpsychologie. Wichtige Felder innerhalb der Organisationspsychologie sind die Personalauswahl (wofür diagnostisch-psychologische Kenntnisse besonders wichtig sind, siehe oben) und die Personalentwicklung, die darauf abzielt, die Kompetenzen vorhandener Mitarbeiter durch Trainings- und Coachingmaßnahmen auszubauen, damit diese z.B. überzeugender auftreten oder besser mit Kunden interagieren können – ergo, um dem Unternehmen mehr Profit zu bringen. Zentral ist auch die Anwendung der sozialpsychologischen Befunde zur Gruppeninteraktion, da Teamarbeit in der freien Wirtschaft gerade absolut en vogue ist. Angegliedert an dieses Fach ist auch die Wirtschaftspsychologie, die sich z.B. mit Werbetechniken und den psychologischen Prozessen beschäftigt, die Phänome wie der Finanzkrise erklären können.

Pädagogische Psychologie

Auch wenn ich (Achtung Sarkasmus) im Studium nicht so richtig die Daseinsberechtigung dieses weiteren Anwendungsfaches verstanden habe, was ich größtenteils auf seine allumfassende Schwammigkeit zurückführe, möchte ich hier kurz beschreiben, worum es so in etwa geht. Die Pädagogische Psychologie (kurz PP) könnte man am ehesten als die empirische Mutter der Pädagogik bezeichnen – d.h., das, was angehende Lehrer in ihrem Studium lernen, basiert zu einem Großteil auf Befunden der PP. So werden z.B. die optimale Interaktion zwischen Lehrern und Lernenden oder die effektivste Art der Wissensvermittlung untersucht (ironischerweise genau das, was ich hier gerade tue). Daraus abgeleitet ist auch die Forschung zu den Merkmalen, die eine effektive Beratung kennzeichnen. Zudem ist ein weiterer Zweig der PP die Hochbegabungsforschung, die sich vor allem mit der Vorhersage und der Förderung von Hochbegabung beschäftigt. Die Anwendungsbereiche der PP sind vielfältig. Psychologen mit dieser Orientierung arbeiten z.B. in Erziehungs- oder Paarberatungsstellen, in der Hochbegabtenförderung oder in Schulen als Schulpsychologen, die meistens aber eine hoch undankbare Stellung zwischen Lehrern und Schülern einnehmen.

Soft-Skills: Gesprächsführung, soziale Kompetenzen & Co.

Wie in fast jedem Studium auch nimmt man aus dem Psychologiestudium eine Menge so genannter soft skills mit, also Fertigkeiten und Kompetenzen, die man mehr oder weniger automatisch mit auf den Weg bekommt. Dazu gehören bei Psychologen vor allem soziale Kompetenzen, sowohl eine effektive Teamarbeit betreffend als auch z.B. das selbstsichere Auftreten und Sprechen beim Halten einer Referatspräsentation vor anderen. Gesprächsführung ist, wie oben ja schon mehrfach angeklungen ist, wohl im Psychologiestudium die kennzeichnendste dieser Fertigkeiten, die je nach Uni unterschiedlich ausführlich vermittelt wird. Gemeint ist damit zum einen die diagnostische Gesprächsführung, mit der man möglichst viel über einen Menschen erfahren will, und zum anderen die therapeutische Gesprächsführung, die darauf abzielt, Veränderungsmotivation aufzubauen („Motivational Interviewing“), Dinge zu hinterfragen und Veränderungen einzuleiten. Diese Grundlagen schon im Studium zu erlernen, ist sinnvoll, da man, wenn man z.B. anschließend noch die Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten machen will, auch schon zu Beginn der Ausbildung relativ selbstständig Therapien durchführen muss. Und auch in anderen Bereichen wie der Beratung oder der Personalentwicklung ist Gesprächsführung das Werkzeug Nr 1. Letztlich ist diese, neben der wissenschaftlichen Kompetenz und dem breiten Fachwissen, diejenige Kompetenz, für an Psychologen in der Arbeitswelt am meisten geschätzt wird. Und auch wenn es sich trivial anhört („Gespräche führen kann doch jeder“), so ist es alles andere als das – was jeder schnell merkt, der es sich zu einfach vorstellt und dann vollends gegen die Wand fährt.

Und um zum Cliché des Analysierens zurückzukehren, ist zumindest mein Eindruck, dass man nach dem Studium einen anderen Blick auf Menschen hat. Man hinterfragt viel mehr, warum Menschen sich so verhalten, wie sie es tun, macht sich Gedanken über die bewussten oder unbewussten Ziele, die jene damit verfolgen, und fragt sich vielleicht auch, welche Erfahrungen in der Vergangenheit die Person zu dem gemacht haben, was sie heute ist. So kommt man z.B. eher als andere Menschen auf die Idee, dass ein angeberisches, egoistisches A*schloch vielleicht über eine narzisstische Persönlichkeitsstörung verfügt, die eigentlich auf einem furchtbar niedrigen Selbstwert fußt. Ob man denjenigen danach weniger hasst, ist die andere Frage. Als Psychologe muss man dann meiner Erfahrung nach in zweierlei Hinsicht aufpassen. Erstens muss man in der Lage sein, den „analytischen Blick“ ausschalten zu können, weil sich Freunde oder Familie sonst zurecht in die Ecke gedrängt fühlen werden. Zweitens muss man aufpassen, sich selbst nicht zu stark zu „analysieren“, da man unglaublich schnell auf Dinge stößt, die man vielleicht aufgrund seines Fachwissens als gefährlich einstuft. Meine Erfahrung ist, dass man darüber sehr schnell ins Grübeln kommt und man sich in der Folge schlecht fühlt, weshalb es wichtig ist, sich von solchen Gedanken auch wieder distanzieren zu können. Was ich hier mit „analysieren“ meine, ist übrigens nicht dasselbe, was Sigmund Freud hierunter verstanden hat. Darüber erfahren Sie mehr im nächsten Artikel.

Eine weitere wichtige Sache, die man im Psychologiestudium lernt, ist, mit der Situation umzugehen, dass man permanentem Leistungsdruck ausgesetzt ist, der einerseits aufgrund der extrem hohen Anforderungen und des massiven Lernaufwands (der meistens leider ein Auswendiglern-Aufwand ist) objektiv besteht, aber andererseits durch die Charakteristika der Menschen, die Psychologie studieren, noch verschlimmert wird. Stellen Sie sich vor, Sie sind in der Mehrzahl von Leuten umgeben, die ihr Abitur mit ca. 1,3 oder besser gemacht haben (oder im Masterstudium ihren Bachelor, was nochmal eine ganz andere Hausnummer ist). Im Normalfall sind das nicht die sympathischsten Menschen: Viele sind von ihrem Ehrgeiz leider so besessen, dass das inhaltliche Interesse am Fach in den Hintergrund rückt. Hauptsache top-Noten und Hauptsache besser als die anderen. Sie können sich vorstellen, was für Themen Sie in der Cafeteria erwarten, wenn man es nicht schafft, sich ein paar normale Freunde zu suchen. In der Folge und zum Abschluss ein kleiner typischer, von mir mit Sarkasmus und Zynismus gespickter Dialog, der einem dort begegnen könnte:

„Und, was hattest du für eine Note in Physiologie? Ich hatte ja eine 1,3.“ (Gedanklich: „Wehe, die blöde Kuh hat was Besseres!“)

„Ich hatte eine 1,0, dabei war ich mir totaaal sicher, dass ich durchgefallen bin, hihi!“ (Gedanklich: „Chakka!“)

„Hey cool, herzlichen Glückwunsch! Vielleicht sollte ich mal zur Klausureinsicht gehen, um zu gucken, ob die vielleicht was übersehen haben“ (Gedanklich: „Dass diese dumme Pute besser ist als ich, geht einfach mal GAR nicht. Ich hasse sie!“)

„Ja, mach das doch. Hast du denn eigentlich schon angefangen, für Entwicklungspsychologie zu lernen?“ (Gedanklich: „Hoffentlich bin ich ihr schon um Meilen voraus!“)

„Ja klar, bin schon längst fertig und muss nur nochmal wiederholen; jetzt erst anzufangen mit dem Auswendiglernen, wäre ja wohl von vornherein zum Scheitern verurteilt“ (Gedanklich: „Als ob ich der jetzt auch noch den Trumpf erlauben würde! Warum sollte ich ihr sagen, dass ich erst vorgestern angefangen habe?“)

„Achso, ja cool. Ich komme auch super voran“ (Gedanklich: „Mist, ich muss mich echt beeilen – Wie soll ich das bloß schaffen? Ich verkacke bestimmt und schreibe eine 2,0 oder so. Ich bin einfach zu dumm!“)

Ergebnis: Beide fühlen sich beschissen.

Wie Sie sehen: In dieser widrigen Umwelt muss man sich erst einmal zurechtfinden. Daher ist vielleicht das Wichtigste, das man im Psychologiestudium lernt, an sich selbst zu glauben. Aber der Fairness halber muss ich doch sagen, dass zum Glück nicht alle so drauf sind und ich in meinem Studium bisher auf viele sehr nette Leute gestoßen bin:-).

© Christian Rupp 2013

„Aufmerksamkeit“: Was ist das eigentlich und wie funktioniert es?

„Aufmerksamkeit“ ist ein Beispiel für einen Begriff, von dem jeder Laie typischerweise meint, zu wissen, was sich dahinter verbirgt. Schaut man sich die psychologische und neurowissenschaftliche Forschung zu diesem Thema an, bemerkt man schnell, dass hierüber alles andere als Klarheit herrscht: Kaum ein Thema in der psychologischen Forschung ist derart kompliziert zu durchschauen und ebenso widersprüchlich.

Selektive Aufmerksamkeit: Wo war der Gorilla?

Zunächst ein Überblick über die Unterteilung, die häufig getroffen wird. Wenn man von „Aufmerksamkeit“ spricht, muss man zwischen einer ganzen Menge von Begriffen unterscheiden. Zunächst unterscheidet man „globale Zustände“, d.h. wach vs. schlafend. Innerhalb des Wachzustands kann man dann wirklich „wachsam“ sein (im Englischen gibt es hierfür den schönen Begriff „attentive“ oder auch „alert“), oder aber eher schläfrig und „duselig“. Nur in einem wachsamen Zustand tritt das zum Vorschein, was mit „selektive Aufmerksamkeit“ bezeichnet wird. Und diese Aufmerksamkeit ist in dem Sinne selektiv, als sie sich ausschließlich auf eine Sache richtet. Diese „Sache“ kann entweder eine Richtung im Raum sein (z.B. das Gespräch der Leute links neben mir), ein Objekt (z.B. eine Fliege), oder ein einziges Merkmal (der rote Punkt auf der Stirn der Frau vor mir). Dass es tatsächlich diese drei Arten von Aufmerksamkeit gibt, wurde bereits häufig nachgewiesen. Eine praktische Implikation hiervon ist übrigens, dass so genannten „Head-up Displays“, bei denen z.B. die gerade gefahrene Geschwindigkeit auf die Windschutzscheibe des Autos projiziert wird, nur eingeschränkt etwas bringen, da die Aufmerksamkeit beim Autofahren nicht einfach nur nach „vorne“ gerichtet ist, sondern auf die Straße – und eben nicht auf die Scheibe!

Ein bekanntes Experiment, das die Selektivität der Aufmerksamkeit verdeutlichst, ist dasjenige, wo einer Person ein Video mit Basketballspielern zweier Teams gezeigt wird. Die Person wird gebeten, alle Pässe zwischen Mitgliedern von Team A zu zählen, nicht aber die von Team B. Die Aufmerksamkeit ruht somit immer auf dem jeweils involvierten Spieler bzw. dem Ball, sodass kaum jemand nachher mitbekommen hat, dass mitten im Spiel ein sehr auffälliger Gorilla durchs Bild gelaufen ist. Eine gute Demonstration finden Sie hier.

Aufmerksamkeit, das heimliche Spotlight

Außerdem unterscheidet man noch zwischen willentlichen und automatischen Aufmerksamkeitsprozessen, die gemäß neurowissenschaftlicher Befunde auch durch unterschiedliche Teile des Gehirns gesteuert werden. Die willentliche Aufmerksamkeit wird aufgrund einer Absicht auf einen Reiz gelenkt (z.B. beim Lesen auf die Wörter im Buch), während die automatische Aufmerksamkeit von hervorstechenden Reizen in der Umwelt in Beschlag genommen wird. Das bringt mich zwingend zu einem wichtigen Thema: Aufmerksamkeitslenkung – d.h. wie bewegt sich unsere Aufmerksamkeit eigentlich? Nun könnte der Laie argumentieren: Na ist doch klar, mit den Augen. Aber das stimmt nicht. Wo unsere Aufmerksamkeit gerade ruht, ist unabhängig von unseren Augen. Zum einen, weil wir unsere Aufmerksamkeit natürlich auch auf akustische Reize lenken können. Zum anderen, weil selbst die visuelle Aufmerksamkeit an einem anderen Ort sein kann als an dem, den unsere Augen gerade fixieren. D.h., obwohl meine Augen den Fernseher anstarren, kann der Fokus meiner Aufmerksamkeit in meinem peripheren Sichtfeld sein, d.h. z.B. beim Ehegatten, der gerade auf dem Schrank neben dem Fernseher Staub wischt. Daher ist die Aufmerksamkeit ein „verdeckter“ („coverter“) Mechanismus – wir können von außen nicht sagen, wo die Aufmerksamkeit eines Menschen gerade liegt. Diese bemerkenswerte Eigenschaft der Aufmerksamkeit fand Hermann von Helmholtz bereits Ende des 19. Jahrhunderts heraus.

Die meisten Forscher gehen heute davon aus, dass sich die Aufmerksamkeit ähnlich einem „Spotlight“ bewegt: Dieses Spotlight fokussiert sich auf einen Punkt im Raum, ein Objekt oder ein Merkmal und verweilt dort, bis es z.B. von einem lauten Geräusch dazu verleitet wird, das Objekt (z.B. ein Buch) zu verlassen („disengage“), sich zu bewegen und erneut ein Objekt des Interesses (eine Fliege auf der Seite, die man gerade liest) zu fokussieren („engage“). Und da die Aufmerksamkeit „heimlich“ wandert, kann all das passieren, ohne dass sich Kopf oder Augen bewegen. Interessanterweise kann übrigens in einem solchen Moment die Aufmerksamkeit nicht sofort wieder zum Ursprungsort zurück wandern: Hemmende Prozesse im Gehirn verhindern, dass die Aufmerksamkeit sofort wieder zu den Buchstaben zurückwandern kann – selbst wenn der ablenkende Reiz völlig irrelevant und ungefährlich war (Dieses Phänomen nennt man „inhibition of return“). Übrigens ist der Gedanke, die Aufmerksamkeit wandere mit den Augen, gar nicht so weit hergeholt, da die Gehirnbereiche, die unsere Augenbewegungen steuern, viele Überlappungen mit denjenigen Bereichen haben, die für die Ausrichtung der Aufmerksamkeit als relevant angesehen werden.

Frühe Selektion und der Cocktailparty-Effekt

Eine lang währende Debatte drehte sich in der Vergangenheit um die Frage, an welcher Stelle im Informationsverarbeitungsprozess die selektive Aufmerksamkeit „eingreift“ und dafür sorgt, dass nicht relevante (d.h. aufmerksam beachtete) Informationen nicht weiterverarbeitet werden. Konkret ging es darum, ob dieser „Eingriff“ früh, d.h. kurz nachdem die Reize durch unsere Sinnesorgane das Gehirn erreicht haben, passiert, oder spät, d.h. erst nachdem sowohl relevante als auch irrelevante Reize bereits ziemlich weit verarbeitet wurden. Die momentane Befundlage sieht kurz zusammengefasst so aus: Neurowissenschaftliche (MEG, EEG- und fMRT-) Befunde und die Ergebnisse von Reaktionszeitexperimenten belegen vor allem die frühe Selektion, die schon kurz nach Eingang der Sinnesreize die unwichtigen herausfiltert, die dann nicht weiter verarbeitet werden und daher auch nicht unser Bewusstsein erreichen. Bildgebende Experimente konnten zeigen, dass das Gehirn bei der Verarbeitung aufmerksam betrachteter Reize in bestimmten Arealen tatsächlich aktiver ist als bei unaufmerksam betrachteten. Tatsächlich ist es so, dass durch die Ausrichtung der Aufmerksamkeit z.B. auf einen bestimmten Punkt im Raum die Aktivität in eben den Gehirnarealen ansteigt, die für die Verarbeitung von visuellen Reizen an genau dieser Stelle verantwortlich sind – und das, bevor überhaupt ein visueller Reiz erschienen ist. Ziemlich beeindruckend, wie ich finde!

Ein Beleg für die frühe Selektion ist auch der Cocktailparty-Effekt, d.h. das Phänomen, dass Menschen in einer von vielen verschiedenen Geräuschquellen charakterisierten Umgebung (wie einer Cocktailparty) trotzdem nur einer Quelle (z.B. einem Gespräch) folgen können, obwohl die Quelle in der Umgebung vielleicht sogar die leiseste ist. Die selektive Aufmerksamkeit kann aber durchaus auch „gestört“ werden. Bestimmte nicht mit Aufmerksamkeit bedachte Reize, die eine besondere Priorität haben, können die „Schranke“ der frühen Selektion offenbar passieren und gelangen in unser Bewusstsein. Das passiert z.B., wenn wir in einer solchen Cocktailparty-Situation einem Gespräch folgen und von irgendwoher plötzlich unseren Namen hören. Die frühe Selektion lässt also manche Informationen durch, die dann eine Verschiebung des „Spotlights“ bewirken. Dies ist ein Beleg dafür, dass nicht alle irrelevanten Informationen direkt zu Beginn ausgefiltert werden, denn: Es gibt auch noch einen späten Selektionsprozess, der eine etwas andere Art der Aufmerksamkeit darstellt und eine andere Funktion hat.

Späte Selektion & ereigniskorrelierte Potenziale

Dass es auch noch späte Selektionsprozesse gibt, weiß man unter anderem durch die Untersuchung ereigniskorrelierter Potenziale (kurz EKP oder englisch ERP). Dabei handelt es sich um eine Sonderform des EEG (Elektroenzephalographie – das, wo einem Elektroden auf die Kopfhaut geklebt werden). Dieses Verfahren misst die winzigen, im Mikrovolt-Bereich liegenden elektrischen Potenziale der Nervenzellen in unserem Gehirn, die noch an der Kopfhaut messbar sind (oft wird das als „Hirnströme“ bezeichnet, aber dieser Begriff ist ziemlicher Quatsch). Während das EEG an sich es z.B. ermöglicht, verschiedene Schlafstadien zu unterscheiden (weil die Wellenformen je nach Phase anders aussehen), hat die EKP-Methode ein anderes Ziel. Sie will elektrische Potenziale messen, die mit bestimmten „Ereignissen“ korrelieren, d.h. solche, die nach der Darbietung bestimmter Reize wie Tönen, Geräuschen oder Bildern auftreten. Dazu müssen die EEG-Wellen, die leider vielen Störeinflüssen unterworfen sind, erst einmal gemittelt werden. Erst dann werden solche ereigniskorrelierten Potenziale sichtbar. Von diesen EKPs kennt man nun verschiedene, die sich hinsichtlich ihrer Polarität (positive oder negative Spannung) und bezüglich der Zeit unterscheiden, die zwischen der Reizdarbietung und dem Auftreten des EKP liegt (als „Latenz“ bezeichnet). Ein sehr bekanntes und im Hinblick auf späte Selektion wichtiges EKP ist die „P300“. Die heißt so, weil sie ein positiver Ausschlag der Spannung ist, der ca. 300 Millisekunden nach der Darbietung des Reizes auftritt.

Die P300: „Irgendwas ist anders als vorher“

Die P300 tritt immer dann auf, wenn ein dargebotener Reiz von den zuvor dargebotenen abweicht. D.h., einer Person wird z.B. 50 Mal derselbe Ton dargeboten, und plötzlich kommt ein völlig anderer Ton. An dieser Stelle tritt die (sehr stark ausgeprägte und unübersehbare) P300 auf. Diese wird auf Basis bisheriger Forschungsergebnisse vor allem als Maß dafür gesehen, wie viele „Aufmerksamkeitsressourcen“ dem Reiz zugeteilt werden. Hier haben wir es mit einem etwas anderen Verständnis von Aufmerksamkeit zu tun. Der Begriff „Ressource“ soll heißen, dass Aufmerksamkeit ein limitiertes Gut ist. Oder in anderen Worten: Wir können einer Sache unterschiedlich viel Aufmerksamkeit schenken (d.h. Ressourcen zuteilen). Wenn wir bei der Metapher des Spotlights bleiben, könnte man sagen: Je nach zugeteilter Ressourcenmenge ist das Licht des Spotlights unterschiedlich hell.

Die P300 wiederum wird als Indikator für das Ausmaß dieser Ressourcenmenge angesehen. Wenn sich in Reaktion auf einen neuartigen Reiz eine große P300 ergibt, so lässt sich daraus schließen, dass diesem Reiz viele Aufmerksamkeitsressourcen zugeteilt wurden. In Experimenten wie dem, das ich für meine Bachelorarbeit durchgeführt habe, gibt es meist drei Arten von Reizen. Bei 100 akustischen Reizen sind das z.B. 70 „langweilige“ tiefe Töne (=Standardreize), 15 andersartige Töne, nach deren Darbietung der Proband eine Taste drücken soll (=Zielreize), und 15 andersartige Töne, auf die aber nicht reagiert werden soll (= Distraktoren). Nun kommt ein weiterer Begriff ins Spiel, nämlich die „Effizienz der Ressourcenzuteilung“. Das soll bedeuten: Wenn man mit seinen Ressourcen effizient umgeht, dann sollten Reize, die in dem Sinne „wichtig“ sind, weil man auf sie reagieren soll, mehr Ressourcen erhalten als die Distraktoren. So, und hier schließt sich der Bogen zu ADHS, denn: Bei ADHS-Patienten weißt vieles darauf hin, dass diese Ressourcenzuteilung ineffektiv ist. Die P300 in Reaktion auf Distraktoren ist genau so groß oder größer als die nach Zielreizen, und das Umgekehrte gilt für gesunde Menschen. Man könnte dies dahin gehend interpretieren, dass ADHS-Patienten eher von unwichtigen Reizen in der Umwelt abgelenkt werden. Im Gegensatz dazu ist die selektive Aufmerksamkeit, d.h. die frühe Selektion, bei ADHS tendenziell nicht beeinträchtigt, was ich hier noch einmal ganz klar hervorheben möchte!

Auf die Überraschung kommt’s an

Was ich in meiner Arbeit außerdem untersucht habe, ist, welchen Einfluss es hat, ob die Distraktoren den Zielreizen ähneln (d.h. auch Töne sind) oder einer anderen Reizkategorie angehören (Umweltgeräusche). Es zeigte sich, dass die Umweltgeräusche eine deutlich größere P300 erzeugten, woraus man schließen kann, dass diese neuartiger als die Töne waren und daher mehr Aufmerksamkeitsressourcen erhalten haben. Ich habe am Ende dieses Abschnitts eine Abbildung eingefügt, die die P300 in Reaktion auf Umweltgeräusche zeigt. Die drei verschiedenen Kurven stehen für drei verschiedene Elektroden am Kopf, an denen ich gemessen habe. Auf der y-Achse ist die Spannung in Mikrovolt abgetragen, auf der x-Achse die Zeit in Millisekunden, wobei die gestrichelte vertikale Linie den Zeitpunkt anzeigt, an dem dem Probanden das Geräusch vorgespielt wurde. Die Sternchen markieren den Punkt der maximalen Spannung, der als Index für die P300 verwendet wird. Achtung: Bei EEG-Abbildungen ist es üblich, dass positive Werte unten abgetragen werden und negative nach oben (niemand weiß, warum). Die Skala reicht von ca. -14 bis +14 Mikrovolt. Konkret ging es in meiner Arbeit allerdings auch noch um die Unterscheidung zweier verschiedener „Versionen“ der P300 (genannt P3a und P3b), was aber den Rahmen dieses Eintrags sprengen würde. Aber so habe ich euch zumindest eine gewisse Idee von dem vermittelt, womit ich mich ein halbes Jahr beschäftigt habe!

Doch warum fasse ich all das unter dem Punkt „späte Selektion“ zusammen? Ganz einfach: Es muss sich um späte Selektion handeln, da eine Aufmerksamkeitsreaktion auf einen abweichenden Reiz nur dann stattfinden kann, wenn der Reiz bereits soweit verarbeitet wurde, dass er kategorisiert wurde – und zwar als „neuartig“. Daher tritt die P300 auch erst nach rund 300 Millisekunden auf. Frühe Selektionsprozesse sind bereits ca. 50-100 Millisekunden nach der Reizdarbietung abgeschlossen.

Welche Gehirnregionen sind an der Aufmerksamkeit beteiligt?

Aufgrund von zahlreichen neurowissenschaftlichen Befunden unterscheidet man, entsprechend der oben vorgestellten Unterteilung, ein System der willentlichen („endogenen“) und eines der automatischen („exogenen“) Aufmerksamkeit. Die Gehirnbereiche, die für die willentliche Ausrichtung der Aufmersamkeit („Ich will mich jetzt auf diesen Film konzentieren“) zuständig sind, befinden sich, grob gesagt, im Parietallappen (d.h. recht an der oberen, hinteren Oberfläche des Gehirns, unterhalb des Scheitels) und werden aufgrund der Gehirn-spezifischen Lagebezeichnungen als „dorsales Aufmerksamkeitssystem“ zusammengefasst. Diejenigen Bereiche, die dafür sorgen, dass unsere Aufmerksamkeit durch auffällige Reize (z.B. einen orgasmatischen Schrei aus der Nachbarwohnung) automatisch wandert, liegen weiter vorne im Gehirn im Frontallappen (unterhalb der Stirn) und werden zusammenfassend als „ventrales Aufmerksamkeitssystem“ bezeichnet. Das dorsale Aufmerksamkeitssystem sorgt derweil genau für das, was ich oben bereits kurz beschrieben habe: Es sorgt durch Nervenverbindungen für eine „Vorab“-Aktivierung derjenigen Gehirnbereiche, die für die Verarbeitung von den dann aufmerksam beobachteten Reizen zuständig sind. Somit gibt es im Prinzip einerseits die Gehirnareale, die Aufmerksamkeit „auslösen“, und andererseits solche, die, beeinflusst durch diese, ihre Aktivität erhöhen. Ziemlich clever, oder?

Fazit

Ich hoffe, ich konnte hiermit ein wenig deutlich machen, wie komplex das Thema „Aufmerksamkeit“ ist – und wie unterschiedlich dieses Thema sogar in der Forschung behandelt wird. Zudem wäre es prima, wenn ich einen Eindruck von dem vermitteln konnte womit ich mich vergangenes Jahr über ein halbes Jahr beschäftigt habe 🙂

© Christian Rupp 2013