Nutzlos, aber doch so schön: Über unser Kaufverhalten in der Weihnachtszeit.

Warum neigen wir gerade in der Vorweihnachtszeit dazu, so viele nutzlose Dinge zu kaufen? Blinkende Weihnachtsmützen, einen Plüschelch mit Aufschrift „Merry Christmas“ oder einen singenden Weihnachtsmann-Gartenzwerg braucht niemand, und doch gehen diese Artikel in den Adventswochen über den Ladentisch wie warme Semmeln. Warum ist das so? Diese Presseanfrage erreichte mich am vergangenen Montag von einer Journalistin der Westfälischen Nachrichten (Tageszeitung). Hier im Folgenden meine Antwort, die in Auszügen heute (06.12.2013) in der Weihnachts-Sonderzugabe „Westfälische Weihnacht“ (Seite 8) erschienen ist.

Allgemein muss man sich bei dieser Fragestellung aus psychologischer Sicht vor Augen führen, wie Menschen generell Entscheidungen treffen. Vereinfacht gesagt stimmen die meisten psychologischen Theorien zu diesem Thema darin überein, dass wir Entscheidungen entweder rational über das nüchterne Abwägen der Pro- und Contra-Seiten fällen oder aber emotional. Letztere Variante (beschrieben z.B. durch Antonio Damasio in seiner „Theorie der somatischen Marker“), die übrigens den deutlich größeren Anteil unserer Entscheidungen steuert, meint die Entscheidung für eine Alternative in der Erwartung, in der Folge eine bestimmte positive Emotion (Freude, Zufriedenheit, etc.) zu erfahren, und zwar weil ein bestimmtes Motiv bzw. ein bestimmtes Bedürfnis durch diese Entscheidungsalternative angeregt wird. Solche „emotional“ getroffenen Entscheidungen setzen sich letztendlich fast immer gegen die rationalen durch – mit anderen Worten: Gefühle wiegen deutlich mehr als Argumente. Und je mehr diese emotionalen Entscheidungen überwiegen, desto häufiger kommt es zu den berühmten Fehlkäufen, bei denen wir uns am Ende fragen: „Wozu brauchte ich das noch mal?“. Und da gerade zur Weihnachtszeit bestimmte Kernmotive des Menschen (z.B. Anschluss, Geborgenheit und Harmonie sowie generelles Wohlbefinden bzw. im deutschen Sprachraum „Gemütlichkeit“) ganz besonders angeregt werden und stark in den Menschen aufkommen, sind Entscheidungen in dieser Zeit auch besonders starken emotionalen Einflüssen unterworfen. Weil es sich bei jenen Motiven vor allem um implizite Motive handelt, sind uns zudem die Prozesse, die zu diesen Entscheidungen führen, weitgehend gar nicht bewusst.

Nun kann man sich fragen, warum diese Motive besonders in der Weihnachtszeit den Menschen wichtig werden. Hier erscheint mir eine Kombination verschiedener Faktoren am plausibelsten. Zum einen werden in unserer christlich geprägten Kultur zur Weihnachtszeit Dinge wie Harmonie, Zweisamkeit und Nächstenliebe ganz besonders betont, was auf der Ebene des individuellen Menschen jene Motive anregt. Zusätzlich werden diese Werte natürlich in Form von Traditionen von Generation zu Generation weitergegeben. Ein weiterer meiner Meinung nach sehr wichtiger Grund sind zudem die Botschaften der vorweihnachtlichen Werbung, die den Menschen in ihren emotional gefärbten Kampagnen und auf entsprechenden Plakaten suggeriert, dass genau jene eigentlich überflüssigen Artikel notwendig sind, um – wie die freudestrahlenden Menschen in der Werbung – am Weihnachtsabend glücklich und zufrieden im Kreis seiner Lieben zu sitzen. Ein Paradebeispiel für eine in diesem Sinne perfekte Werbestrategie ist übrigens die weihnachtliche Coca-Cola Werbung, die die Art und Weise, wie Werbung jenes Bedürfnis nach positiven Emotionen forciert, hervorragend plakatiert. Letztendlich kommen natürlich auch noch die Vorbildwirkung der anderen Konsumenten und der dadurch entstehende normative Druck hinzu, getreu dem Motto: „Wenn die anderen so einen Krimskrams kaufen, dann wird das schon richtig sein – und dann brauche ich das auch“.

Leider ist es übrigens so, dass diese Erwartung der (vor)weihnachtlichen Glückseligkeit, wie ich sie einmal salopp nennen möchte, allzu oft enttäuscht wird, und zwar bedingt dadurch, dass viele Menschen sich die durch Medien, Werbung und Mitmenschen gesetzten Maßstäbe für „richtige“ Weihnachtsgeschenke zu sehr zu eigen machen, was wiederum jenen normativen Druck erzeugt und dazu führt, dass das Ergebnis am Ende nicht Zufriedenheit, sondern Stress heißt – der dann dazu führt, dass die Adventszeit als alles andere als angenehm erlebt wird.

© Christian Rupp 2013

Jenseits psychischer Störungen: Wo Psychologen sich sonst noch überall auskennen

Im vorherigen Artikel habe ich dargestellt, warum Psychologen ebenso wie Physiker, Chemiker, Biologen oder Soziologen Ahnung davon haben, wie man (Natur-)Wissenschaft betreibt und daraus abgeleitetes Wissen dahingehend beurteilen kann, ob es vertrauenswürdig ist oder nicht. In diesem Artikel soll es nun darum gehen, wovon Psychologen neben ihrer wissenschaftlichen Kompetenz sonst noch so Ahnung haben und in welche beruflichen Bereiche verschiedene Schwerpunktsetzungen und Spezialisierungen führen können. Dabei nutze ich diesen Artikel ganz bewusst, um all die Bereiche vorzustellen, die nichts direkt mit psychischen Störungen zu tun haben (was ja leider die verbreitete Auffassung über den Inhalt des Psychologiestudiums ist). Die Klinische Psychologie werde ich daher gesondert im nächsten Artikel vorstellen und diese Gelegenheit nutzen, um endlich das größte Irrtum überhaupt aufzuklären. Aber nun zurück zu den vielen anderen Unterbereichen der Psychologie, bei deren Darstellung ich mich in etwa an die Reihenfolge im Studium halten und mich von den Grundlagen- zu den Anwendungsfächern bewegen werde.

Allgemeine Psychologie & Kognitive Neurowissenschaft

Dieses Grundlagenfach mit dem Doppelnamen, unter das ich die Fächer „Biologische Psychologie“ und „Physiologie“ einmal subsumieren möchte, betrachtet den Menschen als Wesen, das Informationen aus seiner Umwelt verarbeitet und interessiert sich im Groben für die Art und Weise, wie diese Informationsverarbeitungsprozesse im Gehirn ablaufen. Daher gehört hierzu als Thema zu allererst die Wahrnehmung – von unseren Sinnesorganen bis zu den höchsten Verarbeitungsstufen im Gehirn. Dabei stößt man dann z.B. auf Gehirnareale, die auf die Verarbeitung von Gesichtern oder Schachmustern spezialisiert sind oder erfährt etwas über spezielle, auf Hirnschäden zurückgehende Störungen der Wahrnehmung, wie z.B. die Prosopagnosie – die Unfähigkeit, Gesichter wahrzunehmen und zu unterscheiden (wobei die visuelle Verarbeitung ansonsten völlig intakt ist). Eine weitere wichtige Sparte in diesem Fach ist das Gedächtnis. So lernt man im Studium beispielsweise Modelle über den Aufbau und die Funktionsweisen der verschiedenen Teile unseres Gedächtnisses (u.a. Arbeitsgedächtnis & Langzeitgedächtnis) kennen, ebenso wie natürlich die dazu gehörigen Forschungsmethoden und Störungen des Gedächtnisses (Amnesien und Demenzen). Eine Studie, die sich mit den dem Gedächtnis zugrunde liegenden Prozessen im Gehirn beschäftigt, habe ich im vorletzten Artikel beschrieben. Des Weiteren gehören zu diesem Fach die Themen Aufmerksamkeit, Denken & Problemlösen, Emotion & Motivation und Sprache. Ja, Psychologen beschäftigen sich auch intensiv mit der menschlichen Sprache, was kaum jemand weiß. Dabei sind die Fragen danach, wie wir im Gehirn Sprache verarbeiten (sowohl verstehen als auch selbst produzieren) ein ziemlich altes und sehr etabliertes Forschungsgebiet der Psychologie. Und auch hierzu gehört natürlich die Kenntnis über Störungen der Sprache (genannt Aphasien), die z.B. nach Schlaganfällen auftreten können.

Insgesamt erklärt sich aus der Existenz dieses Faches, warum alle Psychologen in ihrem Studium eine Menge von Dingen lernen müssen, die z.B. Medizinstudierenden auch begegnen. So kommt keiner durchs Psychologiestudium, ohne ziemlich genau den Aufbau des Gehirns und die Funktion verschiedener Gehirnareale, den Aufbau des gesamten Nervensystems, die Funktionsweise seiner Nervenzellen, die Eigenschaften von Hormonen und Neurotransmittern und die Funktionsweise von Untersuchungsverfahren für das Gehirn (EEG, MEG, PET, fMRT, etc.) zu kennen. Da man die Wege der Wahrnehmung kennen muss, gehört auch die Kenntnis des Aufbaus unserer Sinnesorgane (Augen, Ohren inkl. Gleichgewichtsorgan, Nase, Zunge, Berührungs- und Schmerzwahrnehmung) dazu. Wenn man sich auf diesem Gebiet spezialisiert, landet man als Psychologe entweder in der Wissenschaft und forscht zu einem der beschriebenen Themen, oder aber man ergreift das praktische Berufsfeld des Neuropsychologen, dessen Tätigkeit die präzise Diagnostik und darauf folgende Therapie von neurologisch bedingten Störungen in den oben beschriebenen Bereichen ist, wie sie z.B. nach einem Schlaganfall auftreten.

Entwicklungspsychologie

In diesem Fach lernt man im Wesentlichen, wie die normale psychische Entwicklung bei Kindern ablaufen sollte und ab wann etwas als nicht mehr normal anzusehen ist. Hierzu gehören z.B. die sprachliche Entwicklung, die kognitive und Intelligenzentwicklung, die emotionale Entwicklung und auch die Entwicklung motorischer Fähigkeiten. Ein zentraler, für die Praxis relevanter Punkt ist hierbei das Erkennen von Entwicklungsverzögerungen, die beispielsweise auf eine geistige Behinderung oder eine tiefgreifende Entwicklungsstörung hinweisen können. Die Entwicklungspsychologie hat aber auch sehr interessante Experimente zu bieten, die uns eine Einsicht darin gewähren, wie kleine Menschen die Welt um sich herum so wahrnehmen. Bekannt geworden ist vor allem der „Spiegeltest“, bei dem man schaut, wie ein Kind auf sein Spiegelbild reagiert, d.h. ob es erkennt, dass es sich selbst betrachtet. Dieses Erkennen setzt das Vorhandenensein eines Selbstkonzeptes voraus, d.h. eines „Ich-Bewusstseins“. Dieses weisen Kinder in der Regel im Verlauf des zweiten Lebensjahres auf, was man im Spiegeltest z.B. damit nachweisen kann, dass das Kind sich einen roten Punkt, den man ihm auf die Stirn geklebt hat, selbst wieder abnimmt. Das Fehlen dieses Selbstkonzeptes wird übrigens auch als eine Ursache für das Phänomen diskutiert, dass wir uns an unsere ersten 2 Lebensjahre in der Regel nicht erinnern können – weil vorher Erinnerungen nicht in Bezug auf das Selbst abgespeichert werden können (was wiederum nötig ist, um sie später im Leben noch abrufen zu können).

Zeitlich nach dem Selbstkonzept entwickelt sich derweil erst die Theory of Mind, die, kurz gesagt, die Fähigkeit beschreibt, anderen Menschen Gedanken, Absichten, etc. zuzuschreiben und hierauf zu reagieren (eine Fähigkeit, die bei z.B. bei Autismus eingeschränkt ist). Der bekannteste wissenschaftliche Vertreter der Entwicklungspsychologie ist sicherlich bis heute Jean Piaget, dessen Befunde zur kognitiven Entwicklung von Kindern großen Einfluss auf die Pädagogik genommen haben. Allerdings deutet inzwischen eine Vielzahl von neueren Forschungsergebnissen darauf hin, dass Piaget, ganz grob gesagt, die kognitiven Fähigkeiten von Kleinkindern stark unterschätzt hat. Psychologen, die sich heutzutage in der Entwicklungspsychologie spezialisieren, sind entweder auch in der Forschung tätig oder üben ähnliche diagnostische Tätigkeiten wie Neuropsychologen aus, nur eben mit Kindern. Das Fach ist zudem mit der Pädagogischen Psychologie verwandt (siehe weiter unten).

Sozialpsychologie

Wie schon im vorletzten Artikel vorgestellt, beschäftigt sich die Sozialpsychologie damit, wie das menschliche Verhalten und Erleben durch das Verhalten anderer Menschen, oder, allgemeiner gesagt, durch soziale Situationen beeinflusst wird. Aus der Sozialpsychologie stammt z.B. viel Forschung dazu, wie sich Menschen in Gruppen verhalten und wie insbesondere immenser sozialer Druck (z.B. durch Befehle in einem autoritären System) das Verhalten von Menschen auch gegen deren eigene Überzeugungen oder Persönlichkeitseigenschaften steuern können. So waren nach dem zweiten Weltkrieg viele Studien davon geprägt, dass man verstehen wollte, wie es in Deutschland zu einer so verheerenden Kastastrophe wie dem Emporkommen der Nazis und der Shoa kommen konnte. Viele dieser Experimente haben auch in der Laiengesellschaft große Berühmtheit erlangt, darunter z.B. das Stanford-Gefängnisexperiment von Zimbardo aus dem Jahr 1971.

Zimbardo untersuchte unter realistischen Bedingungen, wie Probanden, denen zufällig entweder die Rolle eines Insassen oder eines Gefängniswärters zugewiesen wurde, sich über die Zeit hinweg verhielten, wenn sie selbst während des gesamten Experiments anonym handelten. Das Experiment lieferte jedoch so massive Einblicke in die Grausamkeiten menschlichen Verhaltens (Gewaltexzesse, Folter…), dass es vorzeitig abgebrochen wurde. Es hat jedoch gezeigt, wie groß der Einfluss von Regeln und Vorschriften sowie von Anonymität (bzw. Deindividuierung) und der Übernahme einer Rolle (Insasse vs. Gefängniswärter) auf zwischenmenschliches Verhalten ist. Die gewaltsamen Exkalation des Experiments hat nicht zuletzt auch dazu beigetragen, dass die Ethikrichtlinien für psychologische Forschung sehr viel strenger geworden sind. Heutzutage ist es selbstverständlich, dass die Teilnehmer an einem psychologischen Experiment vor ihrer Zustimmung zur Teilnahme über das informiert werden, was passieren wird (informed consent), dass ihnen kein Schaden zukommt und dass sie jederzeit aus dem Experiment aussteigen können. Sozialpsychologen sind typischerweise Wissenschaftler, eine praktische Berufsrichtung gibt es nicht direkt. Allerdings werden sehr viele sozialpsychologische Ergebnisse in der Organisationspsychologie, einem primär anwendungsorienerten Fach, das ich gleich noch vorstellen werde, verwendet.

Differentielle Psychologie bzw. Persönlichkeitspsychologie

Im Gegensatz zur Sozialpsychologie versucht dieses Fach, das Verhalten von Personen nicht durch die soziale Situation zu erklären, sondern durch relativ stabile, der Person innewohnende Persönlichkeits- oder Charaktereigenschaften (auf Englisch traits). Sie untersucht daher zum einen, in welchen Eigenschaften sich Personen unterscheiden (das meint differentielle Psychologie), und zum anderen, welcher Art der Zusammenhang zwischen Persönlichkeitseigenschaften und tatsächlichem Verhalten ist. Zum ersten Thema ist der wohl bekannteste, auf Faktorenanalysen beruhende Befund der „Big 5“ zu nennen  –  fünf globaler Eigenschaften, unter denen sich sämtliche Charaktereigenschaften, die wir im Alltag zur Beschreibung einer Person verwenden, zusammenfassen lassen. Eine Beschreibung der Big 5 finden Sie hier. Zum zweiten Thema lässt sich sagen, dass Persönlichkeitseigenschaften zwar nicht irrelevant in der Vorhersage von Verhalten sind (dass ein introvertierter Mensch freitags abends eher nicht in die Disco gehen wird, leuchtet ein), jedoch keine so guten Vorhersagen liefern wie persönliche Motive, die manche ebenfalls zur Persönlichkeitspsychologie rechnen und andere eher zur Allgemeinen Psychologie. Eine weitere ganz zentrale Domäne der Differentiellen Psychologie (und wahrscheinlich die am besten erforschte) ist außerdem die Intelligenz, inklusive ihrer Unterformen und Facetten. Die Erkenntnisse der Persönlichkeitspsychologie werden sowohl in der Arbeits- und Organisationspsychologie (z.B. als Variablen zur Beurteilung der Passung zwischen Bewerber und Arbeitsplatz) als auch in der klinischen Psychologie und Psychotherapie (z.B. als relevanter Faktor in Bezug auf die Entstehung einer psychischen Störung) sowie in der forensischen Psychologie (Warum werden Menschen kriminell?) genutzt.

Psychologische Diagnostik

In diesem Fach lernt man nicht primär, psychische Störungen zu diagnostizieren, sondern es geht darum, wie sich verschiedene Merkmale einer Person durch Tests, Fragebögen, Verhaltensbeobachtung, zielorientierte Gesprächsführung etc. erfassen bzw. möglichst verlässlich und präzise messen lassen. Die wichtigsten Mermale hierbei sind die allgemeine Intelligenz (auch bezeichnet als kognitive Leistungsfähigkeit) sowie ihre verschiedenenen Unterfacetten und die Persönlichkeitsstruktur einer Person (Charaktereigenschaften, Einstellungen, Motive, etc.). Darüber hinaus gibt es natürlich Tests, die weitere kognitive Leistungen wie Aufmerksamkeit und Konzentration messen, und klinische Fragebögen, die Symptome verschiedener psychischer Störungen erfassen. Zum Fach „Psychologische Diagnostik“ gehört auch die Testtheorie, die sich damit beschäftigt, wie man solche psychologische Tests konstruiert, die gültige Aussagen über eine Person liefern. Was man unter psychometrischen Gütekriterien versteht, die solche Tests erfüllen müssen, können sie hier nachlesen; was Beispiele für gute und schlechte Tests sind, finden Sie zudem hier bzw. hier erklärt. Die Kenntnis darüber, wie man solche Tests und Fragebögen konstruiert (was alles andere als trivial ist), erachte ich neben den grundlegenden wissenschaftlichen und statistischen Kenntnissen als eine der wertvollsten, die man sich im Psychologiestudium aneignet.

Im Rahmen der psychologischen Diagnostik gibt es eine Menge von beruflichen Anwendungsfeldern. So kommen diagnostische Verfahren z.B. in der Auswahl von Bewerbern zum Einsatz, oft im Rahmen von Assessment Centern. Ebenso ist psychologische Diagnostik z.B. bei der Agentur für Arbeit oder bei Berufsförderungswerken gefragt, um zu entscheiden, ob z.B. jemand für eine bestimmte Umschulung geeignet ist. Ebenso ergänzen standardisierte klinisch-diagnostische Verfahren die Diagnostik in der Psychotherapie. Ein wichtiges Anwendungsfeld der psychologischen Diagnostik ist zudem die Verkehrspsychologie: Im Rahmen der medizinisch-psychologischen Untersuchung (kurz MPU, auch bekannt als „Idiotentest“) spielen die diagnostischen Kompetenzen von Psychologen eine entscheidende Rolle dabei, z.B. zu beurteilen, ob auffällig gewordenen Verkehrsteilnehmern die Fahrerlaubnis wieder erteilt werden sollte oder nicht. Viele Psychologen sind zudem auch als Gutachter vor Gericht tätig, wobei die Themen sehr verschieden sein und von Sorgerechtsentscheidungen („Was entspricht dem Wohl des Kindes?“) über verkehrspsychologische Fragestellungen bis hin zur Glaubhaftigkeitseinschätzung von Zeugenaussagen reichen können. Bei solchen Fragenstellungen werden, um die diagnostischen Fragen zu beantworten, dann eher bestimmte diagnostische Gesprächsführungstechniken als Tests und Fragebögen zum Einsatz kommen, die ebenfalls Teil der Ausbildung in psychologischer Diagnostik sind und welche daher auch zum absoluten Standardrepertoire eines jeden Psychologen gehören.

Arbeits- & Organisationspsychologie

Dieses, neben der Klinischen Psychologie zweite große Anwendungsfach der Psychologie wendet psychologische Erkenntnisse in der Arbeitswelt an. Die Arbeitspsychologie fußt dabei eher auf der Allgemeinen Psychologie und ist konzeptuell mit den Ingenieurwissenschaften verwandt. So kümmern sich Arbeitspsychologen z.B. darum, Arbeitsabläufe in einer Fertigungshalle zu optimieren, Maschinen ergonomisch zu gestalten (also so, dass die Bedienbarkeit möglichst an den Menschen angepasst wird) oder Arbeitsabläufe durch Veränderungen an Menschen und Maschinen sicherer zu machen. Die Organisationspsychologie beschäftigt sich derweil hauptsächlich mit dem Personal (genannt human resources) in einer Organisation (meist einem Unternehmen) und basiert stark auf der Sozialpsychologie. Wichtige Felder innerhalb der Organisationspsychologie sind die Personalauswahl (wofür diagnostisch-psychologische Kenntnisse besonders wichtig sind, siehe oben) und die Personalentwicklung, die darauf abzielt, die Kompetenzen vorhandener Mitarbeiter durch Trainings- und Coachingmaßnahmen auszubauen, damit diese z.B. überzeugender auftreten oder besser mit Kunden interagieren können – ergo, um dem Unternehmen mehr Profit zu bringen. Zentral ist auch die Anwendung der sozialpsychologischen Befunde zur Gruppeninteraktion, da Teamarbeit in der freien Wirtschaft gerade absolut en vogue ist. Angegliedert an dieses Fach ist auch die Wirtschaftspsychologie, die sich z.B. mit Werbetechniken und den psychologischen Prozessen beschäftigt, die Phänome wie der Finanzkrise erklären können.

Pädagogische Psychologie

Auch wenn ich (Achtung Sarkasmus) im Studium nicht so richtig die Daseinsberechtigung dieses weiteren Anwendungsfaches verstanden habe, was ich größtenteils auf seine allumfassende Schwammigkeit zurückführe, möchte ich hier kurz beschreiben, worum es so in etwa geht. Die Pädagogische Psychologie (kurz PP) könnte man am ehesten als die empirische Mutter der Pädagogik bezeichnen – d.h., das, was angehende Lehrer in ihrem Studium lernen, basiert zu einem Großteil auf Befunden der PP. So werden z.B. die optimale Interaktion zwischen Lehrern und Lernenden oder die effektivste Art der Wissensvermittlung untersucht (ironischerweise genau das, was ich hier gerade tue). Daraus abgeleitet ist auch die Forschung zu den Merkmalen, die eine effektive Beratung kennzeichnen. Zudem ist ein weiterer Zweig der PP die Hochbegabungsforschung, die sich vor allem mit der Vorhersage und der Förderung von Hochbegabung beschäftigt. Die Anwendungsbereiche der PP sind vielfältig. Psychologen mit dieser Orientierung arbeiten z.B. in Erziehungs- oder Paarberatungsstellen, in der Hochbegabtenförderung oder in Schulen als Schulpsychologen, die meistens aber eine hoch undankbare Stellung zwischen Lehrern und Schülern einnehmen.

Soft-Skills: Gesprächsführung, soziale Kompetenzen & Co.

Wie in fast jedem Studium auch nimmt man aus dem Psychologiestudium eine Menge so genannter soft skills mit, also Fertigkeiten und Kompetenzen, die man mehr oder weniger automatisch mit auf den Weg bekommt. Dazu gehören bei Psychologen vor allem soziale Kompetenzen, sowohl eine effektive Teamarbeit betreffend als auch z.B. das selbstsichere Auftreten und Sprechen beim Halten einer Referatspräsentation vor anderen. Gesprächsführung ist, wie oben ja schon mehrfach angeklungen ist, wohl im Psychologiestudium die kennzeichnendste dieser Fertigkeiten, die je nach Uni unterschiedlich ausführlich vermittelt wird. Gemeint ist damit zum einen die diagnostische Gesprächsführung, mit der man möglichst viel über einen Menschen erfahren will, und zum anderen die therapeutische Gesprächsführung, die darauf abzielt, Veränderungsmotivation aufzubauen („Motivational Interviewing“), Dinge zu hinterfragen und Veränderungen einzuleiten. Diese Grundlagen schon im Studium zu erlernen, ist sinnvoll, da man, wenn man z.B. anschließend noch die Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten machen will, auch schon zu Beginn der Ausbildung relativ selbstständig Therapien durchführen muss. Und auch in anderen Bereichen wie der Beratung oder der Personalentwicklung ist Gesprächsführung das Werkzeug Nr 1. Letztlich ist diese, neben der wissenschaftlichen Kompetenz und dem breiten Fachwissen, diejenige Kompetenz, für an Psychologen in der Arbeitswelt am meisten geschätzt wird. Und auch wenn es sich trivial anhört („Gespräche führen kann doch jeder“), so ist es alles andere als das – was jeder schnell merkt, der es sich zu einfach vorstellt und dann vollends gegen die Wand fährt.

Und um zum Cliché des Analysierens zurückzukehren, ist zumindest mein Eindruck, dass man nach dem Studium einen anderen Blick auf Menschen hat. Man hinterfragt viel mehr, warum Menschen sich so verhalten, wie sie es tun, macht sich Gedanken über die bewussten oder unbewussten Ziele, die jene damit verfolgen, und fragt sich vielleicht auch, welche Erfahrungen in der Vergangenheit die Person zu dem gemacht haben, was sie heute ist. So kommt man z.B. eher als andere Menschen auf die Idee, dass ein angeberisches, egoistisches A*schloch vielleicht über eine narzisstische Persönlichkeitsstörung verfügt, die eigentlich auf einem furchtbar niedrigen Selbstwert fußt. Ob man denjenigen danach weniger hasst, ist die andere Frage. Als Psychologe muss man dann meiner Erfahrung nach in zweierlei Hinsicht aufpassen. Erstens muss man in der Lage sein, den „analytischen Blick“ ausschalten zu können, weil sich Freunde oder Familie sonst zurecht in die Ecke gedrängt fühlen werden. Zweitens muss man aufpassen, sich selbst nicht zu stark zu „analysieren“, da man unglaublich schnell auf Dinge stößt, die man vielleicht aufgrund seines Fachwissens als gefährlich einstuft. Meine Erfahrung ist, dass man darüber sehr schnell ins Grübeln kommt und man sich in der Folge schlecht fühlt, weshalb es wichtig ist, sich von solchen Gedanken auch wieder distanzieren zu können. Was ich hier mit „analysieren“ meine, ist übrigens nicht dasselbe, was Sigmund Freud hierunter verstanden hat. Darüber erfahren Sie mehr im nächsten Artikel.

Eine weitere wichtige Sache, die man im Psychologiestudium lernt, ist, mit der Situation umzugehen, dass man permanentem Leistungsdruck ausgesetzt ist, der einerseits aufgrund der extrem hohen Anforderungen und des massiven Lernaufwands (der meistens leider ein Auswendiglern-Aufwand ist) objektiv besteht, aber andererseits durch die Charakteristika der Menschen, die Psychologie studieren, noch verschlimmert wird. Stellen Sie sich vor, Sie sind in der Mehrzahl von Leuten umgeben, die ihr Abitur mit ca. 1,3 oder besser gemacht haben (oder im Masterstudium ihren Bachelor, was nochmal eine ganz andere Hausnummer ist). Im Normalfall sind das nicht die sympathischsten Menschen: Viele sind von ihrem Ehrgeiz leider so besessen, dass das inhaltliche Interesse am Fach in den Hintergrund rückt. Hauptsache top-Noten und Hauptsache besser als die anderen. Sie können sich vorstellen, was für Themen Sie in der Cafeteria erwarten, wenn man es nicht schafft, sich ein paar normale Freunde zu suchen. In der Folge und zum Abschluss ein kleiner typischer, von mir mit Sarkasmus und Zynismus gespickter Dialog, der einem dort begegnen könnte:

„Und, was hattest du für eine Note in Physiologie? Ich hatte ja eine 1,3.“ (Gedanklich: „Wehe, die blöde Kuh hat was Besseres!“)

„Ich hatte eine 1,0, dabei war ich mir totaaal sicher, dass ich durchgefallen bin, hihi!“ (Gedanklich: „Chakka!“)

„Hey cool, herzlichen Glückwunsch! Vielleicht sollte ich mal zur Klausureinsicht gehen, um zu gucken, ob die vielleicht was übersehen haben“ (Gedanklich: „Dass diese dumme Pute besser ist als ich, geht einfach mal GAR nicht. Ich hasse sie!“)

„Ja, mach das doch. Hast du denn eigentlich schon angefangen, für Entwicklungspsychologie zu lernen?“ (Gedanklich: „Hoffentlich bin ich ihr schon um Meilen voraus!“)

„Ja klar, bin schon längst fertig und muss nur nochmal wiederholen; jetzt erst anzufangen mit dem Auswendiglernen, wäre ja wohl von vornherein zum Scheitern verurteilt“ (Gedanklich: „Als ob ich der jetzt auch noch den Trumpf erlauben würde! Warum sollte ich ihr sagen, dass ich erst vorgestern angefangen habe?“)

„Achso, ja cool. Ich komme auch super voran“ (Gedanklich: „Mist, ich muss mich echt beeilen – Wie soll ich das bloß schaffen? Ich verkacke bestimmt und schreibe eine 2,0 oder so. Ich bin einfach zu dumm!“)

Ergebnis: Beide fühlen sich beschissen.

Wie Sie sehen: In dieser widrigen Umwelt muss man sich erst einmal zurechtfinden. Daher ist vielleicht das Wichtigste, das man im Psychologiestudium lernt, an sich selbst zu glauben. Aber der Fairness halber muss ich doch sagen, dass zum Glück nicht alle so drauf sind und ich in meinem Studium bisher auf viele sehr nette Leute gestoßen bin:-).

© Christian Rupp 2013

Motivation – Teil 7: Was treibt uns wirklich an? Wie Sie Zugang zu Ihren unbewussten Motiven erhalten.

Dieser letzte Teil der Themenreihe zu Motivation ist zugleich der kürzeste, vielleicht aber auch der interessanteste. Nachdem ich nun in den vergangenen sechs Teilen jede Menge darüber erzählt habe, welche Macht unsere impliziten Motive über uns haben, wäre es gemein, Ihnen vorzuenthalten, wie man nun einen Zugang zu seinen unbewussten Motiven erlangt. Nun könnte ein gewiefter Leser einwenden, dass Motive, wenn man sich einen Zugang zu ihnen verschaffen kann, wohl kaum unbewusst sein können. Das ist auch weitgehend richtig. Aber ebenso wie ein projektiver psychologischer Test wie der TAT einen Einblick in unsere impliziten Motive und Wünsche liefern kann, kann man sich auch auf anderem Wege „Zugang“ zu diesen verschaffen, wenn man einmal über die folgenden drei Fragen nachdenkt:

Was machen Sie, auch wenn Sie dafür keine Belohnung erhalten, immer wieder, empfinden Freunde dabei, und vernachlässigen dafür sogar andere Dinge, weil ihnen die Sache so mühelos von der Hand geht?

Sehr wahrscheinlich handelt es sich hierbei um Handlungen, die von impliziten Motiven angetrieben werden. Diese erleben wir als mühelos und angenehm – sie machen uns Spaß. Oft sind dies Hobbies, sofern uns diese nicht durch unser Selbstkonzept vorgeschrieben wurden („Du musst ein erfolgreicher Sportler sein“). Wenn es ihnen Freude bereitet, sich z.B. sportlichen Herausforderungen zu stellen und leidenschaftlich einen Schritt nach dem anderen in Richtung eines Ziels (z.B. ein neuer eigener Rekord beim Sprinten) zu machen, dann verfügen sie wahrscheinlich über ein stark ausgeprägtes implizites Leistungsmotiv. Wenn Sie richtig darin aufgehen, z.B. als Vorsitzender des örtlichen Kleingärtnervereins Dinge zu entscheiden, Ansprechpartner für alle anderen zu sein und an diese Aufgaben zu delegieren, zeugt das von einem starken impliziten Machtmotiv. Und wenn Sie jemand sind, der am liebsten stundenlang mit Freunden oder Freundinnen telefoniert und dabei total die Zeit vergisst, dann weist das auf ein deutliches implizites Anschlussmotiv hin. Zum Vergleich: Rein explizit motivierte Menschen würden diese Telefonate auf das Nötigste beschränken und hätten ständig die Uhr im Blick („Wie lange muss ich noch mit ihr reden, damit sie nicht denkt, ich sei eine schlechte Freundin?“).

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie gerade etwas Langweiliges tun, z.B. in der Schlange stehen, Aufzug fahren, Wäsche aufhängen, bügeln, in der Kirche sitzen oder bei einer Hotline in der Warteschleife hängen und „Keine Panik auf der Titanic“ von Jürgen Drews hören?

Hier gilt das gleiche: In langweiligen Situationen rufen wir gerne innere Bilder und Gedanken herbei, die sich um Handlungen drehen, die mit unseren impliziten Motiven im Einklang sind („Tagträume“). So könnte ein unbewusst machtmotivierter Mensch sich z.B. Situationen ausmalen, wo er andere Menschen dominiert, ein implizit anschlussmotivierter Mensch könnte sich vorstellen, wie er von all seinen Freunden umgeben ist und in deren Gesellschaft förmlich aufblüht. Warum füllen wir die Langeweile mit diesen Tagträumen? Nun, weil sie natürlich, da von impliziten Motiven gesteuert, unmittelbar positive Emotionen erzeugen! Und wer möchte sich nicht gut fühlen?

Welches Ziel haben Sie schon einmal über lange Zeit verfolgt, dort hinein viel Energie und Arbeit investiert, die Tätigkeit selbst aber als schrecklich anstrengend erlebt und dann am Ende festgestellt, dass sie sich über die Verwirklichung nicht wirklich freuen konnten?

Wenn Ihnen hierzu etwas einfällt, kann Ihnen das Aufschluss darüber geben, welchem Ziel, dass Sie einmal verfolgt haben, die wahre Motivation durch implizite Motive fehlte: Die Abschlussarbeit zu einem Thema, mit dem man selbst eigentlich nichts anfangen kann? Aufgaben, zu denen Sie sich haben drängen lassen? Ihr Job, den Sie letztendlich gekündigt haben? In all diesen Fällen fehlte die „emotionale Energie“, die Handlungen antreibt, die von impliziten Motiven ausgehen. In der Folge kommt die „volitionale Steuerung“ zum Einsatz, was dann wiederum in die „volitionale Erschöpfung“ (siehe Teil 6) führen kann.

Sie haben etwas gefunden?

Wenn Sie beim Beantworten dieser Fragen bemerkt haben sollten, dass zentrale Dinge in Ihrem Leben, z.B. Ihre berufliche Tätigkeit, nicht von impliziten Motiven getragen werden, sollten Sie deshalb aber nicht gleich in Panik verfallen und die Tätigkeit sofort aufgeben. Es ist zwar so, dass Menschen, deren Arbeit mit ihren impliziten Motiven übereinstimmt, zufriedener sind und bessere Leistung erbringen als solche, wo diese im Widerspruch zueinander stehen – und zwar unabhängig von der Bezahlung, die übrigens fehlende Motivation durch implizite Motive nicht völlig ausgleichen kann. Dennoch muss man auch realistisch bleiben und zugeben, dass viele Menschen sich ihren Job nicht aussuchen können und es daher für sie am wichtigsten ist, überhaupt Arbeit zu haben. Nicht zuletzt kann ein nicht implizit motivierter Job auch durch ein implizit motiviertes Hobby oder Ähnliches ausgeglichen werden, führt also nicht zwangsläufig in eine Katastrophe. Und oftmals muss die Konsequenz einer unpassenden impliziten Motivstruktur auch nicht zwangsläufig bedeuten, dass man seinen Job sofort kündigt. Häufig ist es möglich, sich innerhalb eines Arbeitsverhältnisses andere Tätigkeiten zu suchen, die besser „zu einem passen“ – und da der (durchaus kausale) Zusammenhang zwischen der Arbeitszufriedenheit und der Leistung hundertfach wissenschaftlich nachgewiesen wurde, sollte ein guter Arbeitgeber solche Veränderungen auch unterstützen.

Das war es also mit der Motivation. Aber nur thematisch, denn meine Motivation, Sie darüber aufzuklären, was die Psychologie noch so alles weiß und kann, ist weiterhin ungebrochen. Und keine Sorge: Ich denke, hier stimmen implizites und explizites Motiv überein ;-).

© Christian Rupp 2013

Motivation – Teil 6: Wenn wir wollen, was wir nicht mögen: Implizite und explizite Motive im Konflikt

Warum kommt es überhaupt zum Konflikt?

In den vergangenen Teilen ist es schon vermehrt angeklungen, und nun soll es in diesem Teil endlich darum gehen: um den Fall, dass implizite und explizite Motive sich widersprechen. Wie das sein kann? Nun, am einfachsten kann man dies beantworten, wenn sich einmal vor Augen führt, wie die beiden verschiedenen Formen von Motiven entstehen. Während implizite Motive in der sehr frühen Kindheit durch emotionale Lernerfahrungen entstehen (z.B. im Hinblick auf das implizite Leistungsmotiv die Erfahrung, dass das Überwinden von Herausforderungen sich „gut anfühlt“), bilden sich explizite Motive erst später zusammen mit dem Selbstbild aus. Und an dessen Entwicklung sind starke soziale und kognitive Faktoren beteiligt. Das Individuum lernt, welche Werte und Ziele von den Menschen in seiner Umgebung vertreten werden (sozialer Faktor), verarbeitet diese und versieht sie mit eigenen Wertungen (kognitiv) und formt schließlich daraus sein Selbstkonzept mit seinen persönlichen Wünschen und Zielen. So kann ein starkes explizites Leistungsmotiv z.B. entstehen, wenn ein Kind von vielen sehr erfolgreichen Menschen umgeben ist, die immer wieder direkt oder indirekt den Eindruck vermitteln, dass Erfolg einen Menschen wertvoll macht. Als Konsequenz hieraus formt das Kind ein Selbstkonzept der Sorte „Ich bin ein Leistungsträger“ bzw. „Ich muss mich anstrengen“, und folglich wird von dem Erreichen dieser selbst gesetzten Ziele der Selbstwert dieses Menschen abhängen. Erfolge steigern den Selbstwert, Misserfolge werden ihn mindern. Ich werde bei diesem Beispiel bleiben, um einmal zu verdeutlichen, was passiert, wenn ein solches explizites Motiv nicht zum jeweiligen impliziten Motiv passt. Denn ist dies nicht der Fall, kann das zu motivationalen Defiziten und starken emotionalen Beeinträchtigungen führen.

Der „verborgene Stressor“: Wollen, aber nicht mögen

Gut untersucht sind die Probleme, die auftreten, wenn ein stark ausgeprägtes explizites Leistungsmotiv („Ich will gut sein“) auf ein nur schwach ausgeprägtes implizites Leistungsmotiv trifft. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn das Selbstbild sagt: „Ich bin ein Topstudent“, man aber eigentlich gar keine Freude an Herausforderungen hat (implizites Motiv). Personen mit dieser Motivstruktur wollen Leistung zeigen, weil die daraus resultierenden Erfolge für sie belohnend sind, da sie ihren Selbstwert steigern. Sie mögen Herausforderungen (z.B. die Abschlussarbeit verfassen) selbst aber gar nicht, sodass diese als furchtbar anstrengend erlebt werden, weil die Tätigkeit selbst nicht zu ultimativen positiven Gefühlskonsequenzen führt. Nicht selten können sich solche Menschen dann über ein erreichtes Ziel auch nicht freuen, weil die Arbeit auf dem Weg dorthin als so erschöpfend erlebt wurde, dass man einfach nur froh ist, dass man’s hinter sich gebracht hat. Und hier kommt nun auch der Rückbezug zum Thema Volition: Wenn das implizite Motiv fehlt, fehlt aufgrund der fehlenden kurzfristigen Gefühlskonsequenzen auch die Motivation. Gesteuert werden diese Handlungen dann ausschließlich durch Volition, also durch die Kraft des Willens. Bei Menschen, die ein starkes explizites und ein schwaches Leistungsmotiv vereinen, spricht man daher auch von „volitionaler Erschöpfung“. Dies beschreibt einen Zustand der Antriebslosigkeit und Niedergeschlagenheit im Hinblick auf Tätigkeiten, für die aktuell keine Motivation aufgebracht werden kann und die daher rein willentlich gesteuert werden müssen. Diese Dinge machen keinen Spaß, gehen alles andere als leicht von der Hand und ziehen sich wie Gummi, angetrieben jedoch von dem fernen Ziel, das Selbstbild zu bestätigen und, im Falle einer Abschlussarbeit z.B., den Selbstwert durch eine sehr gute Note zu steigern. Dieser Zustand der „volitionalen Erschöpfung“ gilt in der klinischen Psychologie als so genannter „verborgener Stressor“ (Stressor = Stressauslöser) – „verborgen“ deshalb, weil die Ursache (das zu schwache implizite Motiv) den Betroffenen nicht bewusst und daher nicht zugänglich ist.

Weitere Beispiele: Anschluss & Macht

Ähnliche Probleme entstehen, wenn das implizite Anschlussmotiv nur gering ausgeprägt ist, aber das explizite sehr stark. Dies ist z.B. der Fall, wenn mein Selbstkonzept besagt: „Ich brauche viele Freunde, weil das zeigt, dass ich beliebt bin“ (Wie diese Annahme auch kulturell geprägt wird, kann man in jedem amerikanischen Teenie-Film betrachten), aber soziale Beziehungen eigentlich gar keinen Belohnungswert für mich haben, weil ich mich in Gesellschaft überhaupt nicht wohl fühle. Solche Menschen leiden auch an starkem Stress, der dadurch entsteht, dass sie sich dazu verpflichtet fühlen, bewusst darauf zu achten, dass sie all ihren sozialen Kontakten gerecht werden (durch regelmäßige Treffen, Telefonate, Geschenke, etc.). Denn schließlich haben sie im Kopf, dass sie gemocht werden müssen, weil sie sonst kein wertvoller Mensch sind (wieder Thema Selbstwert). Das Pflegen der sozialen Kontakte wird ebenso wie beim letzten Beispiel als furchtbar anstrengend empfunden, positive emotionale Konsequenzen kurzfristiger Art gibt es nicht.
Ähnliches gilt für ein schwaches implizites und ein starkes explizites Machtmotiv, z.B. beim Sohn eines Unternehmens, der von Kindesbeinen an eingetrichtert bekommt, dass er eines Tages das Familienunternehmens übernehmen soll. Es formt sich das Selbstbild „Ich bin ein Anführer“, das jedoch von keinem impliziten Machtmotiv unterstützt wird: Macht ausüben macht einfach keinen Spaß, sich durchsetzen ist dem Mann unangenehm, und Führungsverhalten wird als anstrengend empfunden. Es „liegt“ solchen Leuten einfach nicht, andere zu dominieren.

Und andersrum: Wenn wir mögen, aber nicht wollen

Der Fall, dass das implizite Motiv stark und das explizite schwach ausgeprägt ist, existiert allerdings auch. Es hat keine so belastenden Folgen wie das Gegenteil, kann aber dazu führen, dass Menschen nie zu dem gelangen, was ihnen wirklich Freude bereitet. Wenn z.B. ein großes implizites Leistungsmotiv vorhanden ist, eine Person also Freude beim Aufsuchen und Bewältigen von Herausforderung empfindet, aber das Selbstbild dieses nicht widerspiegelt, werden die entsprechenden Aktivitäten (z.B. ein Studium) nicht aufgesucht. Dies ist z.B. ein Problem in so genannten „Arbeiter-Familien“, in denen akademische Bildung nicht üblich ist. Wenn ein Kind in einer solchen Familie nicht lernt, dass Bildung wichtig ist (z.B. um ein selbstbestimmtes Leben zu führen), sondern dass es viel wichtiger ist, möglichst schnell (wenn auch nicht viel) Geld zu verdienen, wird das Selbstbild dieses Kindes nicht das explizite Motiv enthalten, Leistung zu demonstrieren, weil dieses nicht wichtig für den Selbstwert ist. Am Ende führt dies dann dazu, dass das jeweilige Kind sein implizites Leistungsmotiv nie ausleben wird – und ihm zahlreiche Erfahrungen, die es mit Freude erfüllen würden, verwehrt bleiben werden.

Klinische Folgen und psychotherapeutische Maßnahmen

Es leuchtet ein, dass solche Widersprüche in der Motivstruktur eines Menschen erhebliche Folgen für dessen psychische Gesundheit haben können. Klinisch betrachtet zeigt die Forschung, dass solche „chronische Inkonsistenzen“ das Risiko für Depression und somatoforme (d.h. psychosomatische) Störungen erhöhen. Typische Probleme von Patienten in psychotherapeutischer Behandlung bestehen zudem oft darin, dass sie unfähig sind, sich von expliziten Partnerschafts- und Berufszielen („Ich will mit ihr zusammenbleiben, weil ich nicht weiß, wo ich sonst hin soll“ / „Mein Job macht mir keinen Spaß, aber immerhin ist er sicher) zu trennen, die ohne Freude verfolgt werden oder hohe psychische Kosten mit sich bringen. Dann ist es wichtig, Patienten auf ihre impliziten Motive aufmerksam zu machen und diese nach Möglichkeit mit ihren expliziten Motiven in Einklang zu bringen („Klärungsarbeit“). Ein weiterer Anwendungspunkt besteht im therapeutischen Prozess selbst: Zu Beginn einer Psychotherapie setzen sich Patienten üblicherweise Ziele, die sie im Verlauf der Therapie erreichen wollen. Hierbei ist es wichtig, zu beachten, dass diese Ziele mit den impliziten Motiven des Patienten deckungsgleich sind. Außerdem ist es wichtig, zu überwachen, ob ein zu Beginn der Therapie gesetztes Ziel vielleicht doch abgelegt oder geändert werden muss, weil es nicht mehr mit den inzwischen geklärten impliziten Motiven im Einklang steht.

Was sie sich jetzt vielleicht fragen, ist: „Toll, und wie komme ich nun an meine impliziten Motive?“ Einen Weg habe ich bereits in Teil 4 vorgestellt: den TAT bzw. dessen Neuentwicklung, die Picture Story Exercises. Ein paar einfachere Tipps finden Sie im finalen Teil Nr. 7, der sich ausschließlich mit dieser Frage auseinander setzt.

© Christian Rupp 2013

Motivation – Teil 4: Wie bewusst ist unser Handeln? Von expliziten und impliziten Motiven.

Bisher haben wir gesehen, wie Motivation grundsätzlich entsteht, wie sie mit Emotionen zusammenhängt und was benötigt wird, wenn es an Motivation fehlt. Nun soll es um das wohl spannendste Thema gehen, nämlich die Frage, inwiefern uns unsere Motive bewusst sind oder nicht. Wie bewusst treffen wir unsere Entscheidungen? Wie bewusst sind uns unsere Beweggründe, in einer bestimmten Situation so und nicht anders zu handeln? Warum lesen Sie gerade diesen Text?

In der Tat gibt es fast jedes Motiv in einer bewussten und einer unbewussten Form, und man spricht dementsprechend von expliziten (d.h. bewussten) und impliziten (d.h. unbewussten) Motiven. Aber was heißt „bewusst“ und was heißt „unbewusst“?

Was ist die Hauptstadt von Frankreich?

Nun, in Ihrem Kopf wird sich die Antwort „Paris“ breit machen. Dieser Teil ist daher bewusst, er ist Teil Ihres Bewusstseins. Die Such- und Abrufprozesse, die hierzu erst in Ihrem Gehirn stattfinden mussten, sind hingegen nicht Teil Ihres Bewusstseins, sie sind unbewusst. Genau so sind auch implizite Motive unbewusst, d.h. wenn man Menschen fragt: „Warum machst du das?“, können Sie einem über ihre impliziten Motive im Normalfall keine Auskunft geben. Dass dies so ist, sollte man nicht meinen, denn Menschen sind oftmals in der Lage, einem durchaus eloquent die Beweggründe für ihr jeweiliges Handeln darzulegen. Zugriff haben sie dabei aber lediglich auf ihre expliziten Motive, was erklärt, dass wir oft aus anderen Gründen handeln als wir meinen.

Warum ist das so? Eine Frage der Kapazität.

Es ist dabei in der Tat zwingend nötig, dass viele motivationale Vorgänge unbewusst, d.h. implizit gesteuert werden – denn unser Bewusstsein hat eine sehr begrenzte Kapazität, die ca. das Lesen des Satzes „Paris ist die Hauptstadt von Frankreich“ umfasst. Unglaublich viele Entscheidungen werden von uns unbewusst getroffen, geleitet durch implizite Motive. Denn der unbewusste Teil der in unserem Gehirn ablaufenden Prozesse hat eine vergleichsweise gigantische Kapazität, die es ihm ermöglicht, in der gleichen Zeit viel mehr Informationen zu verrechnen und zu einem Entschluss zu gelangen als der bewusste Teil. Unser Gehirn wäre sonst schlichtweg überfordert.

Eine knackige Gegenüberstellung: explizite vs. implizite Motive

Explizite Motive sind Teil des Selbstbilds, das praktisch die eigene Definition einer Person darüber beinhaltet, wer sie ist. Das Selbstbild oder Selbstkonzept gibt u.a. Antworten auf die Fragen: „Wer bin ich?“, „Was ist mir wichtig?“ und „Was will ich erreichen?“. Es enthält also eigene Bedürfnisse, Wünsche und Ziele, die man auch als explizite Motive bezeichnen kann. Implizite Motive haben mit diesen expliziten Motiven kaum etwas zu tun – es handelt sich tatsächlich um zwei unabhängige Motionssysteme. Implizite Motive regulieren Verhalten, so wie in den vorherigen Teilen beschrieben, durch die Erwartung (meist kurzfristiger) positiver emotionaler Konsequenzen. Explizite Motive tun dies hingegen durch das Streben nach einem konsistenten Selbstbild und einem positiven Selbstwertgefühl. Das heißt, wenn es z.B. Teil meines Selbstbildes ist, gute Leistungen zu erbringen, werde ich mich deshalb besonders anstrengen, um mein Selbstbild zu bestätigen. Das wiederum tue ich, weil von solch einem konsistenten Selbstbild mein Selbstwert abhängt.
Auch das Verhältnis zum Verhalten ist bei den zwei Sorten von Motiven grundsätzlich unterschiedlich. Implizite Motive bedingen Verhalten direkt, explizite Motive ermöglichen es uns eher, zwischen verschiedenen Handlungsalternativen zu wählen und Ziele zu setzen. Interessant ist außerdem, dass implizite Motive so genannte „Tätigkeitsanreize“ haben, während explizite Motive eher „Ergebnisanreize“ haben. Das bedeutet, dass implizite Motive durch sehr kurzfristige emotionale Konsequenzen der Tätigkeit bedingt sind – die Tätigkeit selbst (z.B. Prüfungsliteratur lesen) „macht Spaß“, während das „Antreibende“ bei den expliziten Motiven die erwarteten Emotionen sind, die durch das Ergebnis der Tätigkeit eintreten (z.B. eine gute Note in der Klausur). Außerdem unterscheiden sich die beiden Motivarten noch hinsichtlich ihrer Entwicklung bzw. Entstehung: Implizite Motiv entwickeln sich bereits in der frühen Kindheit, bevor das Kind sich sprachlich ausdrücken kann, durch emotionale Lernerfahrungen (man lernt, was zu positiven Gefühlszuständen führt und was nicht). Explizite Motive hingegen entstehen später, parallel zum Selbstbild des Menschen, das sich generell erst entwickelt, wenn der Mensch über sprachlichen Ausdruck verfügt.

Ein Beispiel: implizites und explizites Leistungsmotiv

Wie oben bereits angedeutet, unterscheiden sich das implizite und das explizite Leistungsmotiv grundsätzlich. Von einem impliziten Leistungsmotiv spricht man, wenn es einer Person Freude (kurzfristige, positive emotionale Konsequenzen) bereitet, ihre eigenen Fähigkeiten zu steigern und auszubauen, den Lernstoff zu verstehen, sich selbst Herausforderungen zu setzen, etc. Das explizite Leistungsmotiv hingegen strebt vielmehr danach, eine Bestätigung für ein Selbstkonzept der Sorte „Ich will zur Spitze gehören“ zu bestätigen. Wie im letzten Absatz beschrieben, geht es hier um die Ergebnisse des Handelns, nicht um das Handeln selbst. Die erwarteten Gefühlskonsequenzen des Ergebnisses (z.B. eine bestimmte Prüfungsnote) sind hier die treibende Kraft, und die vorwiegend angestrebte Emotion ist Stolz, d.h. eine Erhöhung des Selbstwerts. Das explizite Leistungsmotiv führt zu einer bewussten Zielsetzung (z.B. „Ich will mein Abitur mit einer „1“ vor dem Komma machen), das implizite Leistungsmotiv entzieht sich gemäß seiner Definition jeder bewussten Verarbeitung. In einem späteren Teil werden wir das implizite und explizite Leistungsmotiv noch einmal wieder treffen und uns den Fall anschauen, dass die beiden sich nämlich völlig widersprechen.

Wie greifen implizite und explizite Motive nun ineinander?

Explizite Motive bestimmen maßgeblich, in welchen Bereichen implizite Motive angeregt werden. Wieder Beispiel Leistungsmotiv: Das implizite Leistungsmotiv richtet sich unspezifisch auf alle Tätigkeiten, die man, plakativ gesagt, gut oder schlecht machen kann. Je nach Selbstkonzept und damit verbundenem expliziten Motiv (z.B. „guter Sportler“ oder aber „guter Schüler“) kann sich das implizite Motiv dann eher im einen oder im anderen Bereich entfalten. Das bedeutet: Explizite Motive bleiben wirkungslos, wenn nicht gleichzeitig ein passendes implizites Motiv besteht, das die Tätigkeit emotional „auflädt“. Die Forschung zeigt: Ca. die Hälfte aller expliziten Motive haben keinen impliziten „Partner“ und damit eine schlechte Chance, tatsächlich umgesetzt zu werden. Da sich dazu aber noch vielmehr sagen lässt, verweise ich auch hier wieder auf die noch folgenden Teile, wo sich diesbezüglich noch sehr spannende Erkenntnisse ergeben werden.

Und zum Schluss: Wie kann man Motive überhaupt erfassen?

Die Forschung zur Messung von Motiven war es tatsächlich, die überhaupt erst zur Unterteilung zwischen impliziten und expliziten Motiven führte. Kurz zusammengefasst ist es so, dass man explizite Motive mit geeigneten Fragebögen oder Interviews erfragen kann, da diese bewusst zugänglich sind und sprachlich wiedergegeben werden können. Implizite Motive müssen hingegen mit indirekten Verfahren erfasst werden. Bewährt hat sich hierbei vor allem der TAT, der Thematische Apperzeptionstest. Hierbei handelt es sich um eines der wenigen projektiven psychologischen Testerfahren, das zufrieden stellende psychometrische Testeigenschaften aufweist und somit valide (d.h. tatsächlich) gültige Aussagen über eine Person erlaubt (Streng genommen gilt dies jedoch sehr viel mehr für die moderne Weiterentwicklung des TAT, die Picture Story Exercises, die dem gleichen Prinzip folgen, aber bessere psychometrische Gütekriterien aufweisen). Der Test ist so aufgebaut, dass Personen mehrdeutige Bilder präsentiert werden (z.B. eines, das einen Mann und eine Frau auf einer Parkbank zeigt) und die Personen dann eine Geschichte zu diesem Bild erzählen sollen. Die recht gut belegte Annahme dabei ist die, dass sich in den Geschichten die impliziten Motive der Erzählenden niedergeschlagen – oder mit anderen Worten: Die Erzählenden projizieren (deshalb „projektives“ Testverfahren) ihre unbewussten Motive auf die neutrale Situation. So würde in unserem Beispiel z.B. ein stark anschlussmotivierter Mensch eine Geschichte erzählen, in der das Knöpfen sozialer Beziehungen eine Rolle spielt, ein Mensch mit starkem Machtmotiv würde vielleicht eine Konkurrenzsituation in seine Geschichte einbauen. Die Antworten der Personen in diesem Test werden aufgezeichnet und hinterher entsprechenden Kategorien zugeordnet, was die Auswertung sehr aufwendig macht. Im letzten Teil dieser Themenreihe werde ich aber auch noch ein paar einfachere Tricks verraten, mit denen man seinen impliziten Motiven auf den Grund gehen kann.

In Teil 5 geht es um einen wichtigen Verdienst unserer impliziten Motive – die neurowissenschaftliche Ergründung unseres so genannten „Bauchgefühls“.

© Christian Rupp 2013

Motivation – Teil 1: Wenn ein Motiv auf einen Anreiz trifft

Die Motivationsforschung ist ein Gebiet der Psychologie, das, obwohl es in meinem Studium fast gänzlich ausgelassen wurde, in besonderem Maße mein Interesse geweckt hat. Und zwar deshalb, weil sich anhand von Motiven so ziemlich am allerbesten menschliches Verhalten erklären lässt (besser z.B. als das Konzept der Persönlichkeitseigenschaften bzw. „traits“) – das wahrscheinlich älteste und für Laien interessanteste Ziel der Psychologie. Warum handeln wir so, wie wir handeln? Wie bewusst sind unsere Entscheidungen? Sind unsere Motive überhaupt bewusst zugänglich? Auf diese und noch mehr Fragen gehe ich in sieben Artikeln zum Thema „Motivation“ ein: Begeben Sie sich auf eine siebenteilige Reise durch die Welt der Motive, der Emotionen und des Willens.

Motive nehmen, wie gesagt, eine zentrale Rolle in der Erklärung von Verhalten ein. Ein „Motiv“ entspricht in etwa einem Bedürfnis eines Menschen. Die wissenschaftliche Definition sieht Motive als „überdauernde Affektpräferenzen für abgrenzbare Klassen von Anreizen und Zielzuständen“. Diese sperrige Formulierung soll bedeuten, dass es sich bei einem Motiv um ein Bedürfnis nach einer bestimmten Sache, einem bestimmten Zustand etc. handelt, weil diese Sache/dieser Zustand angenehme emotionale Konsequenzen („Affekte“) mit sich bringt.

Welche Motive gibt es? Für alle Menschen gelten dieselben Motive (auch wenn man sich nicht ganz einig ist, wie viele es nun gibt), aber nicht jeder bewertet jedes Motiv gleich hoch. Menschen unterscheiden sich also dadurch, wie wichtig Ihnen die verschiedenen Motive sind. Grundlegende Motive sind physiologischer Natur und sind sehr einfach durch evolutionäre Prozesse zu erklären. Es handelt sich um die drei Motive Hunger, Durst und Sexualität. Auf diese drei Motive passt am ehesten auch der psychoanalytische Begriff des „Triebs“, der in etwa das gleiche meint. Auch wenn die Psychoanalyse, d.h. Sigmund Freud und seine Schüler bzw. Nachfolger,  meiner Meinung viel Unsinn verzapft haben, so muss man anerkennen, dass das Konzept der (unbewussten) Triebe frappierende Ähnlichkeit hat mit dem Modell der Motivation, das in der heutigen Wissenschaft etabliert ist und welches ich im Verlauf dieser siebenteiligen Reihe versuchen werde darzustellen.

Welche Motive werden unterschieden?

Hunger, Durst und Sexualität werden im Gehirn maßgeblich durch den Hypothalamus (die „vegetative Schaltzentrale“) gesteuert, der letztendlich die Freisetzung von Hormonen bedingt, die mit dem Stoffwechsel interagieren und das Bedürfnis nach Nahrung, Flüssigkeit und Sex steuern. „Höhere“ Motive sind vor allem die drei Motive nach Leistung (das Bedürfnis, in Leistungssituationen das Beste zu geben, seine Fähigkeiten auszubauen und sich selbst zu verbessern), nach Anschluss (Bedürfnis nach Aufbau, Aufrechterhaltung und Wiederherstellung positiver zwischenmenschlicher Beziehungen) und nach Macht (Bedürfnis nach Kontrolle und Dominanz über andere Menschen und danach, gegen andere zu gewinnen). Daneben betrachten einige Forscher auch noch Aggression und Neugier als weitere Motive. In puncto Neugier spricht man, wenn dieses Motiv extrem stark ausgeprägt ist, z.B. von „sensation seeking“, was eine Vorliebe für risikoreiche, impulsive, gefährliche und potenziell für andere schädliche Verhaltensweisen meint. Hierzu ist gut belegt, dass dieses Motiv mit einem überaktiven Dopaminsystem einhergeht, auf das ich noch zurück kommen werde. Aggression hingegen werde ich an dieser Stelle ausklammern, da sich dieses Thema gut mit der Frage verbinden lässt, warum Menschen eigentlich Verbrechen begehen – womit ich mich in Zukunft noch auseinander setzen werde.

Was ist der Ursprung der Motive?

Gegenwärtig werden die meisten Motive evolutionspsychologisch erklärt, d.h. ihre Entstehung wird dadurch begründet, dass Individuen, die ein entsprechendes Motiv hatten, dadurch direkt ihre eigenen Überlebenschancen und/oder gleichzeitig ihre Fortpflanzungschancen steigern konnten. Bei Hunger und Durst ist der Überlebenszweck unübersehbar, das Motiv nach Sexualität diente in der Vergangenheit zweifelsohne der Fortpflanzung, einen Zweck, den es heutzutage größtenteils verloren hat. Aber auch die Motive Macht, Anschluss und Leistung haben sehr wahrscheinlich einen evolutiven Sinn. Macht und Dominanz machen attraktiv und steigern die Fortpflanzungschancen, ähnlich wie ein stark ausgeprägtes Leistungsmotiv, das erfolgreich macht. Das Anschlussmotiv fördert den Gruppenzusammenhalt und war daher in der frühen Menschheitsgeschichte ebenfalls überlebenswichtig – so postulieren es viele aktuelle Modelle.

Und was ist nun Motivation?

Motivation ist ein positiver Erregungszustand, der Verhalten anstoßen kann und immer dann entsteht, wenn ein Motiv angeregt wird. Dazu braucht es einen Anreiz, der z.B. in einer bestimmten Situation bestehen kann. So kann beispielsweise die Konfrontation mit einer Leistungssituation (z.B. ein Sportwettbewerb) das Leistungsmotiv aktivieren. Die treibende Kraft hierbei ist die „Affektantizipation“, d.h. die Erwartung von positiven emotionalen Konsequenzen (z.B. Freude oder Stolz). In anderen Worten: Eine Situation aktiviert ein Motiv (stellt also einen Anreiz dar); und weil man erwartet, dass man sich danach gut fühlt, führt man ein bestimmtes Verhalten aus. Vereinfacht wird Motivation oft als eine Funktion von Erwartung x Wert erklärt. „Erwartung“ meint das Ausmaß, zu dem man positive Konsequenzen des Verhaltens erwartet, und „Wert“ beschreibt den subjektiven Stellenwert der positiven Gefühlskonsequenzen. D.h., ob ich das Verhalten letztendlich durchführe, hängt sowohl vom Wert als auch von der Wahrscheinlichkeit des Eintretens positiver emotionaler Konsequenzen des Verhaltens ab. Davon, wie diese emotionalen Konsequenzen entstehen und vermittelt werden, handelt Teil 2.

© Christian Rupp 2013