Nutzlos, aber doch so schön: Über unser Kaufverhalten in der Weihnachtszeit.

Warum neigen wir gerade in der Vorweihnachtszeit dazu, so viele nutzlose Dinge zu kaufen? Blinkende Weihnachtsmützen, einen Plüschelch mit Aufschrift „Merry Christmas“ oder einen singenden Weihnachtsmann-Gartenzwerg braucht niemand, und doch gehen diese Artikel in den Adventswochen über den Ladentisch wie warme Semmeln. Warum ist das so? Diese Presseanfrage erreichte mich am vergangenen Montag von einer Journalistin der Westfälischen Nachrichten (Tageszeitung). Hier im Folgenden meine Antwort, die in Auszügen heute (06.12.2013) in der Weihnachts-Sonderzugabe „Westfälische Weihnacht“ (Seite 8) erschienen ist.

Allgemein muss man sich bei dieser Fragestellung aus psychologischer Sicht vor Augen führen, wie Menschen generell Entscheidungen treffen. Vereinfacht gesagt stimmen die meisten psychologischen Theorien zu diesem Thema darin überein, dass wir Entscheidungen entweder rational über das nüchterne Abwägen der Pro- und Contra-Seiten fällen oder aber emotional. Letztere Variante (beschrieben z.B. durch Antonio Damasio in seiner „Theorie der somatischen Marker“), die übrigens den deutlich größeren Anteil unserer Entscheidungen steuert, meint die Entscheidung für eine Alternative in der Erwartung, in der Folge eine bestimmte positive Emotion (Freude, Zufriedenheit, etc.) zu erfahren, und zwar weil ein bestimmtes Motiv bzw. ein bestimmtes Bedürfnis durch diese Entscheidungsalternative angeregt wird. Solche „emotional“ getroffenen Entscheidungen setzen sich letztendlich fast immer gegen die rationalen durch – mit anderen Worten: Gefühle wiegen deutlich mehr als Argumente. Und je mehr diese emotionalen Entscheidungen überwiegen, desto häufiger kommt es zu den berühmten Fehlkäufen, bei denen wir uns am Ende fragen: „Wozu brauchte ich das noch mal?“. Und da gerade zur Weihnachtszeit bestimmte Kernmotive des Menschen (z.B. Anschluss, Geborgenheit und Harmonie sowie generelles Wohlbefinden bzw. im deutschen Sprachraum „Gemütlichkeit“) ganz besonders angeregt werden und stark in den Menschen aufkommen, sind Entscheidungen in dieser Zeit auch besonders starken emotionalen Einflüssen unterworfen. Weil es sich bei jenen Motiven vor allem um implizite Motive handelt, sind uns zudem die Prozesse, die zu diesen Entscheidungen führen, weitgehend gar nicht bewusst.

Nun kann man sich fragen, warum diese Motive besonders in der Weihnachtszeit den Menschen wichtig werden. Hier erscheint mir eine Kombination verschiedener Faktoren am plausibelsten. Zum einen werden in unserer christlich geprägten Kultur zur Weihnachtszeit Dinge wie Harmonie, Zweisamkeit und Nächstenliebe ganz besonders betont, was auf der Ebene des individuellen Menschen jene Motive anregt. Zusätzlich werden diese Werte natürlich in Form von Traditionen von Generation zu Generation weitergegeben. Ein weiterer meiner Meinung nach sehr wichtiger Grund sind zudem die Botschaften der vorweihnachtlichen Werbung, die den Menschen in ihren emotional gefärbten Kampagnen und auf entsprechenden Plakaten suggeriert, dass genau jene eigentlich überflüssigen Artikel notwendig sind, um – wie die freudestrahlenden Menschen in der Werbung – am Weihnachtsabend glücklich und zufrieden im Kreis seiner Lieben zu sitzen. Ein Paradebeispiel für eine in diesem Sinne perfekte Werbestrategie ist übrigens die weihnachtliche Coca-Cola Werbung, die die Art und Weise, wie Werbung jenes Bedürfnis nach positiven Emotionen forciert, hervorragend plakatiert. Letztendlich kommen natürlich auch noch die Vorbildwirkung der anderen Konsumenten und der dadurch entstehende normative Druck hinzu, getreu dem Motto: „Wenn die anderen so einen Krimskrams kaufen, dann wird das schon richtig sein – und dann brauche ich das auch“.

Leider ist es übrigens so, dass diese Erwartung der (vor)weihnachtlichen Glückseligkeit, wie ich sie einmal salopp nennen möchte, allzu oft enttäuscht wird, und zwar bedingt dadurch, dass viele Menschen sich die durch Medien, Werbung und Mitmenschen gesetzten Maßstäbe für „richtige“ Weihnachtsgeschenke zu sehr zu eigen machen, was wiederum jenen normativen Druck erzeugt und dazu führt, dass das Ergebnis am Ende nicht Zufriedenheit, sondern Stress heißt – der dann dazu führt, dass die Adventszeit als alles andere als angenehm erlebt wird.

© Christian Rupp 2013

Klinische Psychologie, Psychotherapie, Psychoanalyse: Wo gehört Freud nun hin?

Klinische Psychologie

Die Klinische Psychologie als Teilgebiet der Psychologie befasst sich (ebenso wie ihr medizinisches Pendant, die Psychiatrie) mit psychischen Störungen, aber auch mit den psychischen Einflüssen bei auf den ersten Blick rein körperlich bedingten Krankheiten, wie z.B. Kopf- und Rückenschmerzen oder dem Reizdarmsyndrom (wo psychischen und Verhaltensfaktoren eine große Bedeutung zukommt). Diese Richtung ist ganz eng verwandt mit dem medizinischen Fach der Psychosomatik, das sich ebenfalls dem Einfluss psychischer Faktoren auf körperliche Symptome widmet und Körper und Psyche schon lange nicht mehr als getrennte Einheiten, sondern als Bestandteile eines untrennbar miteinander verwobenen Systems betrachtet.

Die Klinische Psychologie ist somit eines der großen Anwendungsfächer im Psychologiestudium. Dass es nur eines von mehreren ist, möchte ich an dieser Stelle noch einmal ganz deutlich machen, denn in der Laiengesellschaft wird „Psychologie“ oftmals mit „Klinischer Psychologie“ gleichgesetzt bzw. auf diese reduziert. Konkret werden in der Klinischen Psychologie vor allem die Ursachen von psychischen Störungen erforscht und in Bezug auf die verschiedenen Störungen spezifische Modelle für deren Entstehung entwickelt. So werden z.B. in Längsschnittstudien (die die Versuchsteilnehmer über Jahre begleiten) Risikofaktoren (z.B. bestimmte Erlebnisse in der Kindheit, der Erziehungsstil der Eltern, kindliche Verhaltensstörungen, etc.) und Auslösefaktoren (z.B. stressreiche Lebensereignisse) für psychische Störungen erforscht. Ferner wird auch an großen Bevölkerungsstichproben die Häufigkeit psychischer Störungen und deren Verlauf (z.B. episodenweise oder chronisch) untersucht –  zusammengefasst wird dieser Bereich unter dem Begriff „Epidemiologie“. Ein weiteres Gebiet ist außerdem die Experimentelle Psychopathologie, die systematisch mit Hilfe typischer experimenteller Manipulationen Begleiterscheinungen (Korrelate) psychischer Störungen untersucht. Hierzu gehören z.B. die Befunde, dass schizophrene Patienten Beeinträchtigungen bei unbewussten, motorischen Lernprozessen (implizitem Sequenzlernen) aufweisen und ADHS-Patienten sich hinsichtlich bestimmter ereigniskorrelierter Potenziale wie der „P300“ von gesunden Menschen unterscheiden. Befunde der experimentellen Psychopathologie tragen so auch dazu bei, die Ursachen psychischer Störungen besser zu verstehen, da sie Einsicht in Fehlfunktionen der Informationsverarbeitung und somit in „schief laufende“ Gehirnprozesse ermöglichen.

Psychotherapie

Kognitive Verhaltenstherapie

Das für die Praxis relevanteste und wahrscheinlich inzwischen größte Teilgebiet der Klinischen Psychologie ist das der Psychotherapie. Hier werden einerseits, aus den Störungsmodellen abgeleitet, Psychotherapieverfahren (auch Interventionen genannt) entwickelt und andererseits diese im Rahmen kontrollierter Studien auf ihre Wirksamkeit überprüft (daher der Name Psychotherapieforschung). Die Formen von Psychotherapie, die sich aus der wissenschaftlichen Psychologie entwickelt haben und deren Wirksamkeit intensiv erforscht und belegt ist, werden heutzutage unter dem Sammelbegriff „Kognitive Verhaltenstherapie“ (kurz KVT) zusammengefasst, die im deutschen Gesundheitssystem derweil nur als „Verhaltenstherapie“ bezeichnet wird. Hierbei handelt es sich um eine sehr vielfältige Gruppe von erfolgreichen Verfahren, die darauf abzielen, psychische Störungen sowohl durch die Veränderung des Verhaltens, als auch durch die Veränderung kognitiver Strukturen (z.B. festgefahrener Gedankenmuster) zu behandeln. Die KVT ist dabei ein Therapieverfahren, das sich als Methode sowohl des therapeutischen Gesprächs als auch vieler Aktivitäten und Trainings zum Aufbau von Verhaltensweisen bedient, z.B. des Trainings sozialer Kompetenzen. Emotionen, wie z.B. die Traurigkeit oder Niedergeschlagenheit, die die Depression kennzeichnen, werden hierbei entweder als Konsequenz von Verhalten und Gedanken angesehen und indirekt beeinflusst oder aber in neueren Ansätzen auch direkt angegangen. So basiert die Emotionsfokussierte Therapie nach Greenberg z.B. unter anderem darauf, dass Emotionen intensiv durchlebt werden müssen, um sie zu bewältigen – ein Ansatz, den die Kognitive Verhaltenstherapie zuvor nur aus der Expositions- bzw. Konfrontationstherapie für Angststörungen kannte.

Gesprächspsychotherapie & Gestalttherapie

Neben der kognitiven Verhaltenstherapie gibt es eine zweite Richtung von Psychotherapie, die tatsächlich aus der Psychologie stammt, und das ist die humanistische Psychotherapie (auch klientenzentrierte oder Gesprächspsychotherapie genannt), die sich ausschließlich des Gesprächs bedient und dabei die Leitung des Gesprächs meist dem Patienten überlässt. Begründer dieser Therapierichtung war Carl Rogers, der als die drei Hauptwirkungsmechnismen der Therapie die empathische Grundhaltung und die bedingungslose Wertschätzung des Therapeuten dem Patienten (Rogers nennt ihn Klienten) gegenüber sowie die Echtheit des Therapeuten selbst beschreibt. Letzteres meint, dass der Therapeut sich dem Patienten gegenüber nicht verstellen, sondern authentisch verhalten soll. Ziel des Therapeuten ist es hierbei, dem Patienten keine Ratschläge zu geben, sondern die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass der Patient sein Problem selbst lösen kann. Eine Weiterentwicklung der Gesprächspsychotherapie nach Rogers ist übrigens die Gestalttherapie nach Perls, die sich allerdings in vielen Punkten von Rogers‘ Vorgehen unterscheidet, z.B. darin, dass der Therapeut sehr viel mehr das Gespräch lenkt und auch konfrontativer vorgeht.

Obwohl die von Rogers vorgeschlagene Art der Psychotherapie nachgewiesenermaßen bereits beträchtliche Verbesserungen bewirken kann, ist sie insgesamt nicht so wirksam wie die Kognitive Verhaltenstherapie, in der aber grundsätzlich die Prinzipien der Gesprächsführung nach Rogers nach wie vor eine bedeutende Rolle spielen. An der Uni Münster z.B., wo ich studiere, gehört das praktische Erlernen dieser Gesprächsführungskompetenzen auch fest zum Psychologiestudium dazu, weshalb das Führen konstruktiver Gespräche und auch der Umgang mit schwierigen Gesprächssituationen im Prinzip auch eine Fähigkeit ist, die nahezu jeden Psychologen auszeichnen dürfte.

Psychoanalyse

Wie Sie vielleicht gemerkt haben, ist der Name „Freud“ bisher nicht gefallen. Das liegt daran, dass ich bisher bewusst nur Psychotherapieformen beschrieben habe, die aus der Psychologie heraus entstanden sind. Freud derweil war Arzt, kein Psychologe, und daher auch keinesfalls der Begründer oder Vater der Psychologie. Er war dafür aber der Begründer der Psychoanalyse, der allerersten Form von Psychotherapie, die er vor über 100 Jahren entwickelte. Während man in der Gesprächspsychotherapie oder der Kognitiven Verhaltenstherapie als Patient dem Therapeuten gegenüber sitzt, legte Freud (und hier kehren wir zu dem Cliché schlechthin zurück) seine Patienten tatsächlich auf die Couch. Das hatte vor allem den Grund, dass Freud sich stark an der Hypnose orientierte, die damals schon bekannt und verbreitet war. Die klassische Psychoanalyse dauert sehr lange (mehrere Jahre bei mehreren Sitzungen pro Woche) und spült dem Therapeuten daher viel Geld in die Kasse. Während der Therapiesitzung liegt der Patient, während der Therapeut außerhalb des Sichtfeldes des Patienten sitzt und eine neutrale Person darstellt, die (ganz im Gegensatz zu Rogers Idee der Echtheit) nichts von sich selbst preisgibt. Während Patient und Therapeut sich in der KVT oder der Gesprächspsychotherapie auf Augenhöhe begegnen, steht der Psychoanalytiker hierarchisch über dem Patienten und hat die absolute Deutungshoheit über das, was der Patient sagt. Es handelt sich insgesamt um eine höchst unnatürliche Gesprächssituation, bei der der Therapeut das tut, was Psychologiestudierenden immer fälschlicherweise vorgeworfen wird: Er analysiert den Patienten bis in die tiefsten Tiefen und stellt dann irgendwann fest, was für ein Konflikt vorliegt.

Intrapsychische Konflikte und ganz viel Sex

Denn die Psychoanalyse erklärt psychische Störungen (ganz grob gesagt) durch intrapsychische Konflikte mit Ursache in der Kindheit, die dadurch geprägt sind, dass ein Bedürfnis oder Trieb (meist sexueller oder aggressiver Art), gesteuert vom so genannten Es, mit einer gesellschaftlichen Norm, repräsentiert durch das Über-ich, nicht vereinbar war oder ist. In der Gegenwart muss die aus diesem Konflikt resultierende Spannung durch irgendwelche ungünstigen Methoden abgewehrt werden, wodurch dann die Störung entsteht, die Freud als Neurose bezeichnet. Als Beispiel soll die Geschichte des „kleinen Hans“ dienen, einer Fallbeschreibung Freuds vom einem kleinen Jungen mit der Angst vor Pferden. Laut Freud hatte der Junge den so genannten Ödipus-Konflikt nicht gelöst, der darin besteht, dass angeblich alle Jungen zwischen 4 und 6 Jahren sexuelles Verlangen (Es) nach ihrer Mutter verspüren, woraufhin sie aber, weil sie wissen, dass ihr Vater als Konkurrent stärker ist und das ganze auch irgendwie nicht so sein sollte (Über-Ich), Angst davor entwickeln, dass der Vater sie kastrieren wird (Kastrationsangst; hier erscheint mir die kleine Anmerkung nützlich, dass sich bei Freud eigentlich grundsätzlich alles um Sex dreht). Laut Freud entsteht das Symptom (die Angst vor Pferden) nun durch eine Verschiebung (einen von vielen verschiedenen Abwehrmechanismen) der Angst, die eigentlich auf den Vater gerichtet ist, auf Pferde. In der Fallbeschreibung wird übrigens auch kurz erwähnt, dass der kleine Hans kurz zuvor von einem Pferd getreten worden war. Aber warum sollte das schon relevant sein? Wäre ja eine viel zu naheliegende Erklärung.

Besserung ist nicht das Ziel

Sie können meinem Sarkasmus entnehmen, dass ich von dieser Therapieform nicht viel bis gar nichts halte, da sie sehr weitreichende und oft abstruse Annahmen macht, die durch keinerlei Befunde der Psychologie gestützt werden. Denn der Psychoanalyse mangelt es im Gegensatz zur Psychologie stark an Wissenschaftlichkeit: Ihr fehlt vor allem das Kriterium der Falsifizierbarkeit, was bedeutet, dass sie keine eindeutigen Aussagen liefert, die man derart überprüfen könnte, dass man je nach Ergebnis die Theorie entweder bestätigen oder verwerfen könnte. Mit anderen Worten. Zudem besitzt die Psychoanalyse die Fähigkeit, psychische Störungen zu verschlimmern, anstatt sie zu heilen. Wie schon der Psychologe Eysenck im Jahr 1952 in einer auf Krankenversicherungsdaten basierenden, zusammenfassenden Studie eindrucksvoll darlegt, liegt der Heilingserfolg der Psychoanalyse nahe 0 bzw. übersteigt nicht das, was durch Zufall zu erwarten wäre. Dies gab die Initialzündung dafür, dass vor ca. 60 Jahren immer mehr Psychotherapien tatsächlich innerhalb der wissenschaftlichen Psychologie entwickelt wurden und der Psychoanalyse zunehmend Konkurrenz machten. Der riesige Vorteil dieser neuen Verfahren war der, dass diese stets auf wissenschaftlichen Theorien basierten und die Wirksamkeitsüberprüfung im Selbstverständnis der Psychologen bereits fest verankert war. Seit damals hat sich die Psychoanalyse ziemlich stark gegen weitere Wirksamkeitsforschung gewehrt (wen wundert’s?), was aber auch auf einen wichtigen konzeptuellen Unterschied zu anderen Psychotherapieformen zurückzuführen ist: Anders als die Kognitive Verhaltenstherapie oder die Gesprächspsychotherapie verfolgt die Psychoanalyse auch gar nicht das Ziel, dass es dem Patienten am Ende besser geht, also sich die Symotome reduzieren. Das Ziel besteht darin, dem Patienten Einsicht in seine (vermeintlichen) intrapsychischen Konflikte zu geben, damit dieser sich selbst „besser verstehen“ kann. Die Annahme ist, dass dies hinreichend zur Verbesserung ist. Die Realität sieht so aus, dass Patienten meist nach mehreren Jahren Analyse keinen Schritt weiter, sondern eher noch mehr belastet sind durch die Kenntnis über all die (angeblichen) ungelösten Konflikte, die sie mit sich herumtragen. An dieser Stelle sei der Unterschied zur KVT und zur Gesprächspsychotherapie noch einmal ganz deutlich gemacht: Diese Verfahren analysieren das Verhalten und Erleben des Patienten auch, aber auf andere Weise, als die Psychoanalyse es tut. Zum einen wird auf so bizarre Elemente wie den Ödipuskomplex, Kastrationsangst und intrapsychische Konflikte verzichtet, zum anderen orientiert sich die Analyse (von typischen, eingefahrenen Verhaltens- sowie Denkmustern) immer daran, was man in der Folge auch therapeutisch verändern kann, um eben nicht ewig auf der meist lange zurückliegenden Ursache der Störung herumzureiten, sondern nach vorne zu blicken und die Aufrechterhaltung der Störung zu durchbrechen.

Weiterentwicklung: Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie

Dass die Psychoanalyse, unter dem Label „Analytische Psychotherapie“, in Deutschland zu den Psychotherapieverfahren gehört, die von den Krankenkassen übernommen werden, liegt übrigens nicht etwa an ihrer wissenschaftlichen Basiertheit, sondern vor allem an der großen Lobby, die diese Richtung in Deutschland lange Zeit hatte. Die klassische Psychoanalyse ist heute nur noch sehr selten anzutreffen und ist hauptsächlich unter Ärzten (also hauptsächlich Psychiatern) noch relativ weit verbreitet, eben weil Freud selbst auch Arzt war. „Psychoanalyse“ muss allerdings nicht zwangsweise bedeuten, dass die Lehre von Freud angewandt wird. Freud hatte viele Schüler, die im Laufe ihres Lebens ihre eigenen psychoanalytischen Theorien entwickelt und sich dabei größtenteils deutlich von Freuds Lehre distanziert haben – hierzu zählen z.B. Alfred Adler und Carl Gustav Jung. Abgesehen hiervon gibt es aber auch sehr moderne Weiterentwicklungen der Psychoanalyse, die unter dem Sammelbegriff der „Psychodynamischen Psychotherapie“ oder der „Tiefenpsychologisch fundierten Therapie“ (das ist der offizielle Name der Therapieform im deutschen Gesundheitssystem, die neben der Verhaltenstherapie und der Analytischen Psychotherapie von den Krankenkassen übernommen wird) zusammengefasst werden. Diese haben oft nur noch sehr rudimentäre Ähnlichkeit mit Freuds Ideen und sehen auch eine ganz andere, von mehr Empathie und Gleichberechtigung geprägte Interaktion zwischen Therapeut und Patient vor (unter anderem sitzt der Patient dem Therapeuten gegenüber und liegt nicht). Die Gemeinsamkeit beschränkt sich meist auf die Annahme von ungelösten Konflikten, die ihren Ursprung in der Kindheit haben. Im Gegensatz zur Psychoanalyse begnügt man sich aber nicht nur mit der Einsicht des Patienten, sondern strebt auch eine Veränderung an. In diesem Sinne sind viele moderne psychodynamische Therapieformen der KVT oder der Gesprächspsychotherapie zumindest oberflächlich gesehen recht ähnlich. Eine weitere Errungenschaft dieser weiterentwickelten Therapieform ist die Psychotherapieforschung, die die Wirksamkeit zumindest einiger dieser neuen Verfahren inzwischen belegt hat, was tvor allem auf einige manualisierte, psychodynamische Kurzzeittherapien zutrifft.

Die Begriffe noch einmal im Überblick

Um noch einmal die Begrifflichkeiten zusammenzufassen: Klinische Psychologen sind solche, die sich im Studium und in der darauf folgenden Berufstätigkeit auf psychische Störungen spezialisiert haben. Sie sind in der Regel Experten für das Erscheinungsbild und die Diagnostik psychischer Störungen und kennen sich mit den Ursachen aus. Auch von Psychotherapie haben sie normalerweise eine Menge Ahnung, dürfen diese aber nur im Rahmen einer postgradualen (d.h. nach dem Master- oder Diplomabschluss ansetzenden) Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten oder eben nach deren erfolgreichem Abschluss ausüben, d.h. nach Erteilung der Heilbefugnis (Approbation). Die meisten Klinischen Psychologen sind auch Psychotherapeuten, sodass sich eine große Überlappung ergibt. Psychotherapeuten können derweil entweder kognitiv-verhaltenstherapeutisch, psychoanalytisch, humanistisch oder systemisch (eine weitere, vor allem in der Kinder- und Familientherapie anzutreffende Richtung, auf deren Darstellung ich hier aus Sparsamkeitsgründen verzichtet habe) orientiert sein. Psychiater, die psychotherapeutisch tätig sind, haben derweil meist eine psychodynamische Orientierung.

Übrigens

Als Begründer der Psychologie als experimentell orientierte, empirische Wissenschaft wird Wilhelm Wundt (1832-1920) angesehen, der 1879 das erste „Institut für Experimentelle Psychologie“ gründete, was oftmals als Geburtsstunde der Psychologie betrachtet wird. Wundt war sowohl durch die Physiologie als auch durch die Philosophie geprägt – was erklärt, dass die Psychologie bis heute mit beidem verwandt ist. Sigmund Freuds Verdienste habe ich derweil oben in Auszügen beschrieben. Was viele über ihn allerdings nicht wissen, ist, dass Freud stark kokainabhängig und ein extremer Kettenraucher war. Während er es zu Lebzeiten schaffte, vom Kokain loszukommen, blieb er bis zu seinem Tod stark nikotinabhängig und erkrankte vermutlich infolge dessen schwer an Kieferkrebs. Von dieser extrem qualvollen Erkrankung gezeichnet, setzte er 1939 im Londoner Exil (Freud war, obwohl atheistischer Religionskritiker, jüdischer Abstammung) seinem Leben ein Ende. So kann es eben leider auch enden. Und so endet auch die vierteilige Reihe von Artikeln darüber, was Psychologie ist und was nicht.

Motivation – Teil 4: Wie bewusst ist unser Handeln? Von expliziten und impliziten Motiven.

Bisher haben wir gesehen, wie Motivation grundsätzlich entsteht, wie sie mit Emotionen zusammenhängt und was benötigt wird, wenn es an Motivation fehlt. Nun soll es um das wohl spannendste Thema gehen, nämlich die Frage, inwiefern uns unsere Motive bewusst sind oder nicht. Wie bewusst treffen wir unsere Entscheidungen? Wie bewusst sind uns unsere Beweggründe, in einer bestimmten Situation so und nicht anders zu handeln? Warum lesen Sie gerade diesen Text?

In der Tat gibt es fast jedes Motiv in einer bewussten und einer unbewussten Form, und man spricht dementsprechend von expliziten (d.h. bewussten) und impliziten (d.h. unbewussten) Motiven. Aber was heißt „bewusst“ und was heißt „unbewusst“?

Was ist die Hauptstadt von Frankreich?

Nun, in Ihrem Kopf wird sich die Antwort „Paris“ breit machen. Dieser Teil ist daher bewusst, er ist Teil Ihres Bewusstseins. Die Such- und Abrufprozesse, die hierzu erst in Ihrem Gehirn stattfinden mussten, sind hingegen nicht Teil Ihres Bewusstseins, sie sind unbewusst. Genau so sind auch implizite Motive unbewusst, d.h. wenn man Menschen fragt: „Warum machst du das?“, können Sie einem über ihre impliziten Motive im Normalfall keine Auskunft geben. Dass dies so ist, sollte man nicht meinen, denn Menschen sind oftmals in der Lage, einem durchaus eloquent die Beweggründe für ihr jeweiliges Handeln darzulegen. Zugriff haben sie dabei aber lediglich auf ihre expliziten Motive, was erklärt, dass wir oft aus anderen Gründen handeln als wir meinen.

Warum ist das so? Eine Frage der Kapazität.

Es ist dabei in der Tat zwingend nötig, dass viele motivationale Vorgänge unbewusst, d.h. implizit gesteuert werden – denn unser Bewusstsein hat eine sehr begrenzte Kapazität, die ca. das Lesen des Satzes „Paris ist die Hauptstadt von Frankreich“ umfasst. Unglaublich viele Entscheidungen werden von uns unbewusst getroffen, geleitet durch implizite Motive. Denn der unbewusste Teil der in unserem Gehirn ablaufenden Prozesse hat eine vergleichsweise gigantische Kapazität, die es ihm ermöglicht, in der gleichen Zeit viel mehr Informationen zu verrechnen und zu einem Entschluss zu gelangen als der bewusste Teil. Unser Gehirn wäre sonst schlichtweg überfordert.

Eine knackige Gegenüberstellung: explizite vs. implizite Motive

Explizite Motive sind Teil des Selbstbilds, das praktisch die eigene Definition einer Person darüber beinhaltet, wer sie ist. Das Selbstbild oder Selbstkonzept gibt u.a. Antworten auf die Fragen: „Wer bin ich?“, „Was ist mir wichtig?“ und „Was will ich erreichen?“. Es enthält also eigene Bedürfnisse, Wünsche und Ziele, die man auch als explizite Motive bezeichnen kann. Implizite Motive haben mit diesen expliziten Motiven kaum etwas zu tun – es handelt sich tatsächlich um zwei unabhängige Motionssysteme. Implizite Motive regulieren Verhalten, so wie in den vorherigen Teilen beschrieben, durch die Erwartung (meist kurzfristiger) positiver emotionaler Konsequenzen. Explizite Motive tun dies hingegen durch das Streben nach einem konsistenten Selbstbild und einem positiven Selbstwertgefühl. Das heißt, wenn es z.B. Teil meines Selbstbildes ist, gute Leistungen zu erbringen, werde ich mich deshalb besonders anstrengen, um mein Selbstbild zu bestätigen. Das wiederum tue ich, weil von solch einem konsistenten Selbstbild mein Selbstwert abhängt.
Auch das Verhältnis zum Verhalten ist bei den zwei Sorten von Motiven grundsätzlich unterschiedlich. Implizite Motive bedingen Verhalten direkt, explizite Motive ermöglichen es uns eher, zwischen verschiedenen Handlungsalternativen zu wählen und Ziele zu setzen. Interessant ist außerdem, dass implizite Motive so genannte „Tätigkeitsanreize“ haben, während explizite Motive eher „Ergebnisanreize“ haben. Das bedeutet, dass implizite Motive durch sehr kurzfristige emotionale Konsequenzen der Tätigkeit bedingt sind – die Tätigkeit selbst (z.B. Prüfungsliteratur lesen) „macht Spaß“, während das „Antreibende“ bei den expliziten Motiven die erwarteten Emotionen sind, die durch das Ergebnis der Tätigkeit eintreten (z.B. eine gute Note in der Klausur). Außerdem unterscheiden sich die beiden Motivarten noch hinsichtlich ihrer Entwicklung bzw. Entstehung: Implizite Motiv entwickeln sich bereits in der frühen Kindheit, bevor das Kind sich sprachlich ausdrücken kann, durch emotionale Lernerfahrungen (man lernt, was zu positiven Gefühlszuständen führt und was nicht). Explizite Motive hingegen entstehen später, parallel zum Selbstbild des Menschen, das sich generell erst entwickelt, wenn der Mensch über sprachlichen Ausdruck verfügt.

Ein Beispiel: implizites und explizites Leistungsmotiv

Wie oben bereits angedeutet, unterscheiden sich das implizite und das explizite Leistungsmotiv grundsätzlich. Von einem impliziten Leistungsmotiv spricht man, wenn es einer Person Freude (kurzfristige, positive emotionale Konsequenzen) bereitet, ihre eigenen Fähigkeiten zu steigern und auszubauen, den Lernstoff zu verstehen, sich selbst Herausforderungen zu setzen, etc. Das explizite Leistungsmotiv hingegen strebt vielmehr danach, eine Bestätigung für ein Selbstkonzept der Sorte „Ich will zur Spitze gehören“ zu bestätigen. Wie im letzten Absatz beschrieben, geht es hier um die Ergebnisse des Handelns, nicht um das Handeln selbst. Die erwarteten Gefühlskonsequenzen des Ergebnisses (z.B. eine bestimmte Prüfungsnote) sind hier die treibende Kraft, und die vorwiegend angestrebte Emotion ist Stolz, d.h. eine Erhöhung des Selbstwerts. Das explizite Leistungsmotiv führt zu einer bewussten Zielsetzung (z.B. „Ich will mein Abitur mit einer „1“ vor dem Komma machen), das implizite Leistungsmotiv entzieht sich gemäß seiner Definition jeder bewussten Verarbeitung. In einem späteren Teil werden wir das implizite und explizite Leistungsmotiv noch einmal wieder treffen und uns den Fall anschauen, dass die beiden sich nämlich völlig widersprechen.

Wie greifen implizite und explizite Motive nun ineinander?

Explizite Motive bestimmen maßgeblich, in welchen Bereichen implizite Motive angeregt werden. Wieder Beispiel Leistungsmotiv: Das implizite Leistungsmotiv richtet sich unspezifisch auf alle Tätigkeiten, die man, plakativ gesagt, gut oder schlecht machen kann. Je nach Selbstkonzept und damit verbundenem expliziten Motiv (z.B. „guter Sportler“ oder aber „guter Schüler“) kann sich das implizite Motiv dann eher im einen oder im anderen Bereich entfalten. Das bedeutet: Explizite Motive bleiben wirkungslos, wenn nicht gleichzeitig ein passendes implizites Motiv besteht, das die Tätigkeit emotional „auflädt“. Die Forschung zeigt: Ca. die Hälfte aller expliziten Motive haben keinen impliziten „Partner“ und damit eine schlechte Chance, tatsächlich umgesetzt zu werden. Da sich dazu aber noch vielmehr sagen lässt, verweise ich auch hier wieder auf die noch folgenden Teile, wo sich diesbezüglich noch sehr spannende Erkenntnisse ergeben werden.

Und zum Schluss: Wie kann man Motive überhaupt erfassen?

Die Forschung zur Messung von Motiven war es tatsächlich, die überhaupt erst zur Unterteilung zwischen impliziten und expliziten Motiven führte. Kurz zusammengefasst ist es so, dass man explizite Motive mit geeigneten Fragebögen oder Interviews erfragen kann, da diese bewusst zugänglich sind und sprachlich wiedergegeben werden können. Implizite Motive müssen hingegen mit indirekten Verfahren erfasst werden. Bewährt hat sich hierbei vor allem der TAT, der Thematische Apperzeptionstest. Hierbei handelt es sich um eines der wenigen projektiven psychologischen Testerfahren, das zufrieden stellende psychometrische Testeigenschaften aufweist und somit valide (d.h. tatsächlich) gültige Aussagen über eine Person erlaubt (Streng genommen gilt dies jedoch sehr viel mehr für die moderne Weiterentwicklung des TAT, die Picture Story Exercises, die dem gleichen Prinzip folgen, aber bessere psychometrische Gütekriterien aufweisen). Der Test ist so aufgebaut, dass Personen mehrdeutige Bilder präsentiert werden (z.B. eines, das einen Mann und eine Frau auf einer Parkbank zeigt) und die Personen dann eine Geschichte zu diesem Bild erzählen sollen. Die recht gut belegte Annahme dabei ist die, dass sich in den Geschichten die impliziten Motive der Erzählenden niedergeschlagen – oder mit anderen Worten: Die Erzählenden projizieren (deshalb „projektives“ Testverfahren) ihre unbewussten Motive auf die neutrale Situation. So würde in unserem Beispiel z.B. ein stark anschlussmotivierter Mensch eine Geschichte erzählen, in der das Knöpfen sozialer Beziehungen eine Rolle spielt, ein Mensch mit starkem Machtmotiv würde vielleicht eine Konkurrenzsituation in seine Geschichte einbauen. Die Antworten der Personen in diesem Test werden aufgezeichnet und hinterher entsprechenden Kategorien zugeordnet, was die Auswertung sehr aufwendig macht. Im letzten Teil dieser Themenreihe werde ich aber auch noch ein paar einfachere Tricks verraten, mit denen man seinen impliziten Motiven auf den Grund gehen kann.

In Teil 5 geht es um einen wichtigen Verdienst unserer impliziten Motive – die neurowissenschaftliche Ergründung unseres so genannten „Bauchgefühls“.

© Christian Rupp 2013