In meiner Rolle als Psychotherapeut habe ich regelmäßig mit beiden Seiten eines Konflikts zwischen einem erwachsenen Kind und einem Elternteil zu tun. Das bedeutet, ich kenne die Menschen in der Elternrolle, die massiv dadurch belastet sind, dass ihr erwachsenes oder jugendliches Kind sie scheinbar aus dem nichts mit Vorwürfen konfrontiert, in ihrer Kindheit Fehler in der Erziehung gemacht, sie schlecht behandelt oder gar „traumatisiert“ zu haben. Und ich kenne ebenso die Menschen in der Kinderrolle, die bei mir in Behandlung sind und mit denen ich im Rahmen der Entwicklung eines Störungsmodells natürlich auch nach den biographischen Erfahrungen suche, die zu relevanten Prägungen und bis heute wirksamen Denk- und Verhaltensmustern geführt haben – was schlichtweg nicht geht, ohne das Verhalten der zentralen Bezugspersonen, in der Regel der Eltern, zu beleuchten.
Und weil das so ist, muss ich direkt zu Beginn einräumen, dass dem Klischee „Das hat dein Therapeut dir eingeredet“ natürlich durchaus ein Stück Wahrheit innewohnt – und zwar insofern, als es vermutlich ohne Psychotherapie nicht dazugekommen wäre, dass dem betreffenden Menschen in der Kind-Rolle bestimmte Zusammenhänge bewusst geworden wären. Inzwischen muss man hierbei allerdings einräumen, dass erwachsene Kinder heutzutage auch komplett ohne Psychotherapie zu solchen (scheinbaren) Erkenntnissen kommen können, und zwar über Plattformen wie Instagram und TokTok, auf denen selbst ernannte „Mental Health Influencer“, selten mit entsprechender Qualifikation, jede Menge vermeintliche „Informationen“ verbreiten, von denen ein erschreckend großer Anteil völliger Unsinn ist.
Stammen jene Erkenntnisse tatsächlich aus dem therapeutischen Prozess, haben wir es derweil wahrhaftig mit einer der vielen Nebenwirkungen von Psychotherapie zu tun, über die wir Psychotherapeuten aufklären müssen (was nur leider meiner Wahrnehmung nach kaum geschieht) – und zwar bevor wir mit der Therapie beginnen und diese Zusammenhänge ans Licht kommen. Denn je nachdem, welche Zusammenhänge deutlich werden, kann sich natürlich auch die Sichtweise auf ein Elternteil ändern – und damit auch die Beziehung. Und eben weil immer die Gefahr besteht, dass Beziehungen zu Elternteilen durch eine Therapie Schaden nehmen, ist es so wichtig, den Prozess als Psychotherapeut gut zu moderieren und der Patientin deutlich zu machen, dass das Ziel nicht darin besteht, das Elternteil zu dämonisieren, es für all ihre Probleme verantwortlich zu machen und anzuklagen. Daher verfolge ich hierbei stets einen konsequenten Kurs des dialektischen „Sowohl als auch“-Denkens, was letztlich bedeutet: Wie der Patient die Welt, in dem Fall seine Kindheit, betrachtet, ist subjektiv genauso legitim, wichtig und zulässig wie die Sichtweise des Elternteils auf die Kindheit des Patienten – was objektiv geschah, ist dabei in den meisten Fällen gar nicht ausschlaggebend.
Das Problem des stark erweiterten Gewaltbegriffs
Zu wissen, was objektiv geschah, ist derweil selbstverständlich wichtig bei handfesten Gewalt- und Missbrauchserfahrungen, die z. B. tatsächlich die Definition eines Traumas gemäß unserer Diagnosesysteme erfüllen oder so massiv waren, dass Einigkeit darüber besteht, dass ein solches Elternverhalten zu verurteilen und ggf. zu bestrafen ist – worunter z. B. jegliche Form von sexuellem Missbrauch oder auch extreme, überdauernde (und nicht etwa die Ausnahme darstellende) Formen von körperlicher Gewalt und Vernachlässigung fallen. Das ist enorm wichtig zu betonen, weil es auf gesamtgesellschaftlicher Ebene in den letzten Jahrzehnten zu einer enormen Ausweitung des Begriffs „Gewalt“ gekommen ist, die, ohne dieses (tendenziell bodenlose) Fass hier aufmachen zu wollen, aus meiner Sicht mindestens so viele Nachteile wie Vorteile mit sich bringt. Einer der großen Nachteile ist folgender: Wenn Menschen, denen als Kind Dinge widerfahren sind, die heute geächtet sind, aber damals völlig normal waren (die viel zitierte Ohrfeige z. B.), 30 Jahre später darauf stoßen, dass „man“ das heutzutage als Ausübung von „Gewalt“ bezeichnet, passiert es schnell, dass sie – ohne jeden Nutzen für die psychische Gesundheit – nachträglich ein Opfer-Selbstkonzept von „Mir wurde Gewalt angetan, ich bin traumatisiert“ entwickeln. Denn dieses Selbstkonzept lässt sie fortan denken, sie müssten nun „unbedingt irgendetwas tun“ – es in einer Therapie aufarbeiten, den Kontakt zu den Eltern abbrechen, etc. Ein weiterer Nachteil davon, auf alles, was nicht zu 100 % frei von Aggression ist, das Etikett „Gewalt“ zu kleben und eben nicht mehr zu differenzieren, besteht natürlich darin, dass die Opfer tatsächlicher Gewalt gemäß der o. g. Definition Gefahr laufen, weniger ernst genommen zu werden, weil der Begriff sich mehr und mehr abnutzt – ganz analog zu dem, was ich vor einiger Zeit hinsichtlich der inflationären Verwendung des Begriffs „Trauma“ beschrieben habe.
Die Lösungsstrategien, die ich im Folgenden darlege, beziehen sich daher ganz klar nicht auf Fälle, in denen Elternteile ihren Kindern tatsächlich handfeste Gewalt im engeren Sinne angetan haben, denn dabei wurden Grenzen überschritten, die so massiv waren, dass die Strategien, die ich vorstellen werde, nicht ausreichen. Ebenso greifen die Strategien natürlich nicht für den Fall, dass einer der beiden Akteure (Kind oder Elternteil) verstorben ist und man nachträglich „auf unausgesprochenen Dingen herumkaut“ – auch dafür gibt es andere Methoden, die nicht Teil dieser Artikelserie sind. Worauf ich mich beziehe, ist der klassische, hundertfach stattgefundene Fall, dass ein erwachsenes Kind, z. B. im Rahmen einer Therapie oder leider vermittelt durch soziale Medien, die Sichtweise entwickelt, dass in seiner Kindheit irgendetwas schiefgelaufen sei und den Eltern daraufhin Vorwürfe zu Fehlern in ihrer Erziehung macht. Im nächsten Teil werde ich daher das Prinzip der wohlwollenden Perspektivübernahme einführen und dabei zunächst die Seite der erwachsenen Kinder ansprechen, bevor ich mich im dritten Teil der Perspektive der Elternteile widmen werde.
© Dr. Christian Rupp 2026
