„Mama, du hast mich traumatisiert“: Wie sich Konflikte zwischen Eltern und ihren erwachsenen Kindern lösen lassen (Teil 2)

In diesem zweiten Teil der Artikelserie wende ich mich an die erwachsenen Kinder, die vorhaben, ein Elternteil mit Fehlern in der Vergangenheit zu konfrontieren. Dazu beschreibe ich mein Konzept der wohlwollenden Perspektivübernahme und lege dar, welchen Denkfehlern man bei diesem Unterfangen besser nicht erliegen sollte.

Wie in Teil 1 angekündigt, soll es nun darum gehen, wie man derartige Eltern-Kind-Konflikte lösen kann, und zwar mittels wohlwollender Perspektivübernahme. Denn der Schlüssel dazu, das Problem zu lösen, liegt meiner Erfahrung nach darin, zwei Dinge miteinander zu kombinieren: Erstens, sich in die Perspektive des jeweils anderen hineinzuversetzen (d. h. je nach Rolle in die des Elternteils oder des Kindes), und zweitens, dabei eine wohlwollende Haltung einzunehmen. Was meine ich damit? Gehen wir das einmal nacheinander für die beiden möglichen Konstellationen durch und beginnen mit der Perspektive des erwachsenen Kindes.

„Perspektivübernahme“ bedeutet hier zuallererst, sich in die Lage des Elternteils hineinzuversetzen – und zwar zu der Zeit, als die „Fehler“ passiert sind, die man dem Elternteil vorwirft – und nicht in der Gegenwart. In der Rolle des erwachsenen Kindes sollte man sich durchaus bewusst machen, welche Lebensumstände (z. B. finanzielle Knappheit, Status als alleinerziehendes Elternteil, Überforderung, somit chronischer Dauerstress, etc.) oder auch elterlichen Defizite (z. B. in der Gefühlsregulation oder hinsichtlich sozialer Fertigkeiten dahingehend, auf Bedürfnisse und Gefühle des Kindes einzugehen – die sich wiederum aus dessen eigener Lerngeschichte ergeben) das Verhalten des Elternteils bedingt haben könnten. Insbesondere, wenn das erwachsene Kind heute selbst eigene Kinder hat, kann es vielleicht ganz gut nachvollziehen, wie menschlich es ist, unter Stress auch mal die Nerven zu verlieren und unfair gegenüber den eigenen Kindern zu sein – was mich zu dem Aspekt des Wohlwollens bringt.

Sicherlich gibt es – in sehr seltenen Fällen – Elternteile, die z. B. reale psychopathische Persönlichkeitszüge haben, über keinerlei Empathie verfügen und ihren Kindern gegenüber tatsächlich und bewusst bösartige Absichten verfolgen. Das ist aber, wie gesagt, die absolute Ausnahme, und bei dem, was ich im Folgenden beschreibe, beziehe ich mich ganz explizit nicht auf solche Fälle. Abseits dieser seltenen Fälle ist es meistens eher so, dass Elternteile sich nicht aus bösartiger Absicht ungünstig gegenüber ihren Kindern verhalten haben, sondern weil sie aufgrund der oben beschrieben Umstände nicht anders konnten oder es nicht besser wussten. Mit anderen Worten: Weil sie selbst als Eltern Menschen – und somit nicht perfekt sind. Und das führt zu einer fundamental anderen Grundlage, auf der ein erwachsenes Kind sein Elternteil (moralisch) beurteilen kann. Denn wenn es sich mit Hilfe der wohlwollenden Perspektivübernahme in das Elternteil hineinversetzt, bedeutet das, nicht von der schlimmstmöglichen, sondern von der wahrscheinlichsten Absicht des Elternteils auszugehen – zumindest bis das Gegenteil bewiesen ist (auch bekannt als „im Zweifel für den Angeklagten“). Das ist insbesondere dann von hoher Relevanz, wenn eine Aussöhnung mit dem jeweiligen Elternteil angestrebt wird und wenn das erwachsene Kind z. B. durch mangelnde elterliche Fürsorge und Aufmerksamkeit eine Grundannahme der Art „Ich bin nicht wichtig“ oder „Ich bin nicht wertvoll“ entwickelt hat. Denn durch die wohlwollende Perspektivübernahme wird sowohl eine Korrektur dieser wenig hilfreichen Grundannahme möglich (Neue Sichtweise: „Ich war und bin wichtig und wertvoll, aber Mama war damals nicht in der Lage, mir das ausreichend zu zeigen“) als auch ein Verzeihen leichter, sodass ein Loslassen des frustrierten Grolls auf das Elternteil in greifbare Nähe rückt. Denn dieser Groll, glauben Sie mir bitte, macht Sie auf Dauer psychisch weitaus mehr krank als die biographische Erfahrung per se. Mit anderen Worten: Ein mögliches Verzeihen erfolgt auch – oder sogar vor allem – im Interesse Ihrer eigenen psychischen Gesundheit.

Vorsicht bei der Wahl der moralischen Maßstäbe

Ein in der aktuellen Gegenwart wichtiger zusätzlicher Appell, den ich an die erwachsenen Kinder richten möchte, ist folgender: Bitte machen Sie nicht den Fehler, das damalige Handeln Ihrer Eltern vor dem Hintergrund dessen zu moralisch zu bewerten, was heutzutage in Sachen Kindererziehung als „richtig“ und gut gilt. Wenn Sie das tun, können Ihre Eltern natürlich nur verlieren, aber die Beziehung zu Ihren Eltern verliert dabei gleichermaßen. Meine Überzeugung dazu ist, dass ein solcher Vergleich ebenso unfair wie sinnlos ist. Stellen Sie sich vergleichsweise vor, es würde, nachdem im Jahr 2024 das Benutzen von Rasensprengern per Gesetz unter Strafe gestellt wurde, im Jahr 2026 jemand dafür verurteilt, dass er im Jahr 1990 regelmäßig im Sommer seinen Rasensprenger benutzt hat – in der zum damaligen Zeitpunkt berechtigten Annahme, das sei völlig in Ordnung. Fänden Sie das fair? Wenn ja, bringt es nichts, wenn Sie weiterlesen.

Wenn nein, dann machen Sie sich bitte klar, dass Sie dasselbe tun, wenn Sie Ihre Eltern nach heutigen Maßstäben dafür verurteilen, dass Sie Ihnen 1990 mehrmals eine Ohrfeige verpasst, Sie angeschrien oder als Strafe ignoriert haben. Nein, das war nicht schön und hat möglicherweise zu negativen Prägungen von Wertlosigkeit etc. beigetragen – gar keine Frage. Aber: Erstens nützt es Ihnen rein gar nichts, wenn Sie nun angesichts der heutigen Maßstäbe eine Erzählung von sich selbst entwickeln, in der als zentrales Element vorkommt, dass Ihnen (Achtung, ich spitze zu) „schreckliche Gewalt widerfahren“ ist. Im Gegenteil: Ein solches Selbstkonzept wird Ihrer psychischen Gesundheit nicht guttun. Und zweitens: Ihre Eltern haben das, wenn sie keine Psychopathen sind, höchstwahrscheinlich nicht gemacht, damit Sie sich wertlos fühlen(!), sondern erstens, weil sie überfordert waren, und zweitens, weil es damals gesellschaftlich völlig normal und nicht geächtet war, sich seinen Kindern ggü. so zu verhalten. Man könnte auch sagen: „Sie konnten es nicht besser wissen“, wobei das so klingt, als wäre man heutzutage am Gipfel der Erkenntnis dessen angelangt, was in Sachen Kindererziehung „richtig“ ist. Von dieser Überheblichkeit würde ich jedoch ganz klar abraten, denn: Zum einen basiert kein geringer Teil dessen, was heute als „pädagogisch richtig“ angesehen wird, nicht auf empirischer Forschung, sondern letztlich auf weltanschaulichen Trends (die sich seit jeher wandeln), und zum anderen ist der Teil, der auf empirischer Forschung basiert (welcher jedoch im Bereich von „Welche Erziehungsmethoden sind wie gut“ aus methodischen Gründen mit größter Vorsicht zu genießen ist!), natürlich, weil dies das Wesen von Wissenschaft ist, nicht statisch – was bedeutet: Alles andere als in Stein gemeißelt und ständiger Veränderung unterzogen.

Eine Erweiterung der Perspektive hilft hier enorm: Genau wie 1990er-Eltern sicher empört auf die grausamen Strafen geblickt haben, die Kinder in den 1940er-Jahren zuteilwurden, und genau wie heutige Eltern empört auf eine 1990er-Ohrfeige blicken und sie als ebenso schlimme Gewalt brandmarken, so werden natürlich auch im Jahr 2050 Menschen zurückblicken und sich vielleicht angesichts von dann 30jährigen Menschen, die über keinerlei Resilienz oder Frustrationstoleranz verfügen und nicht damit umgehen können, wenn ihnen etwas abverlangt wird, kritisch fragen, ob es eine kluge Idee war, den Gewaltbegriff so weit auszudehnen, Kinder vor allen widrigen Erfahrungen abzuschirmen und sie alles selbst entscheiden zu lassen. Und vielleicht bereut man dann rückblickend auch die Entscheidung, sein Kind, weil der Erziehungsratgeber dies als Gewaltausübung klassifiziert hat, im Auto nicht angeschnallt zu haben, weil das Kind nicht angeschnallt werden wollte. Wie so oft gilt hier das Prinzip: Hinterher ist man immer schlauer – und das gilt für Ihre Eltern ebenso wie für Sie selbst.

Schritt-für-Schritt-Anleitung: How to confront a parent

Und wie genau sollte man, wenn man sich dazu entschieden hat, ein Elternteil nun konfrontieren? Nun, von der Formulierung hängt durchaus ein Stück weit ab, ob Ihr Elternteil zugewandt reagiert oder ablehnend-abstreitend. Wovon ich, zumindest wenn Ihr Ziel Klärung und Versöhnung ist (und es nicht um wirklich harte Erfahrungen von Missbrauch und Gewalt geht), abraten würde, wären globale, moralisch verurteilende Formulierungen wie „Du hast mir als Kind Gewalt angetan“ oder „Du hast mich traumatisiert“. Es ist unwahrscheinlich, dass ein Elternteil darauf zugewandt reagiert, weil Eltern Menschen sind, Menschen nicht gerne solche Dinge hören und sie hierauf schnell im Verteidigungsmodus reagieren werden, d. h. mit Abstreiten, Lächerlich Machen oder auch Gegenvorwürfen („Du hast es uns als Kind auch nicht leicht gemacht“). Was ich immer empfehle, um die Chancen auf eine zugewandte Reaktion des Elternteils zu erhöhen, ist, eine differenzierte Aussage zu machen, die das Verhalten des Elternteils möglichst objektiv beschreibt und nicht mit der subjektiven emotionalen Wirkung dieses Verhaltens auf das (heute erwachsene) Kind vermischt. Übersetzt wäre das folgende Formel: „Als ich Kind war, hast du oft [A, B, C] gemacht, das hat mir das Gefühl gegeben, dass […] und hat mich bis heute dahingehend geprägt, dass […]“. Oder an einem Beispiel: „Als ich Kind war, hast du mich öfters geohrfeigt, das hat mir das Gefühl gegeben, dass du mich verachtest, und hat mich bis heute dahingehend geprägt, dass ich mich häufig wertlos fühle“. Damit Ihrem Gegenüber zudem direkt klar wird, was nun von ihm verlangt wird, könnten Sie außerdem noch hinzufügen, was Sie sich von Ihrem Elternteil wünschen bzw. was Sie von ihm brauchen – sei es eine Entschuldigung oder eher ein Eingeständnis der Verantwortung bzw. des Fehlers. Machen Sie sich hierzu am besten vorher Gedanken, was es für Sie an Wiedergutmachung braucht, damit die Beziehung zum Elternteil wieder „geheilt“ werden kann. Wenn Sie die Sache so angehen, dann haben Sie als erwachsenes Kind Ihr Bestes gegeben. Denken Sie aber bitte daran: Garantiert werden kann eine positive Reaktion Ihres Elternteils durch nichts, das in Ihrer Macht steht, denn wie das Elternteil Ihre Aussage verarbeitet, liegt immer noch letztlich bei ihm.

Pluspunkt Gruppentherapie

Ein spezieller Joker, den ich bei solchen Eltern-Kind-Konflikten übrigens in meinen Gruppentherapien ziehen kann, ist, dass dort in der Regel beide Generationen bzw. beide Rollen vertreten sind und die Bereicherung um die Gegenperspektive somit oft in grandioser Weise gelingt. Manchmal stelle ich, wenn die gesamte Gruppe sich einseitig auf die Perspektive des Betroffenen einschießt, auch die etwas piksende, aber hilfreiche Frage, wie der Meinung der Teilnehmer nach der Konfliktpartner (z. B. die nicht anwesende Mutter) die Situation schildern würde, wenn nicht ihre Tochter, sondern sie selbst Teil der Gruppe wäre und den Konflikt dort bearbeiten würde. Dann hört man meistens eine Weile lang die Gehirne in der Stille rattern, wonach es dann in der Regel konstruktiv weitergeht – was eine sehr gute Überleitung zum nächsten Teil ist, in dem ich mich voll und ganz der Elternperspektive widmen werde.

© Dr. Christian Rupp 2026

„Mama, du hast mich traumatisiert“: Wie sich Konflikte zwischen Eltern und ihren erwachsenen Kindern lösen lassen (Teil 1)

In diesem ersten Teil einer dreiteiligen Artikelreihe beleuchte ich typische Konflikte zwischen erwachsenen Kindern und ihren Eltern und gehe speziell auf eine Ursache für vermehrte „Anklagen“ erwachsener Kinder gegenüber ihren Eltern ein: Den stark erweiterten Gewaltbegriff und dessen ungünstige Folgen.

In meiner Rolle als Psychotherapeut habe ich regelmäßig mit beiden Seiten eines Konflikts zwischen einem erwachsenen Kind und einem Elternteil zu tun. Das bedeutet, ich kenne die Menschen in der Elternrolle, die massiv dadurch belastet sind, dass ihr erwachsenes oder jugendliches Kind sie scheinbar aus dem nichts mit Vorwürfen konfrontiert, in ihrer Kindheit Fehler in der Erziehung gemacht, sie schlecht behandelt oder gar „traumatisiert“ zu haben. Und ich kenne ebenso die Menschen in der Kinderrolle, die bei mir in Behandlung sind und mit denen ich im Rahmen der Entwicklung eines Störungsmodells natürlich auch nach den biographischen Erfahrungen suche, die zu relevanten Prägungen und bis heute wirksamen Denk- und Verhaltensmustern geführt haben – was schlichtweg nicht geht, ohne das Verhalten der zentralen Bezugspersonen, in der Regel der Eltern, zu beleuchten.

Und weil das so ist, muss ich direkt zu Beginn einräumen, dass dem Klischee „Das hat dein Therapeut dir eingeredet“ natürlich durchaus ein Stück Wahrheit innewohnt – und zwar insofern, als es vermutlich ohne Psychotherapie nicht dazugekommen wäre, dass dem betreffenden Menschen in der Kind-Rolle bestimmte Zusammenhänge bewusst geworden wären. Inzwischen muss man hierbei allerdings einräumen, dass erwachsene Kinder heutzutage auch komplett ohne Psychotherapie zu solchen (scheinbaren) Erkenntnissen kommen können, und zwar über Plattformen wie Instagram und TokTok, auf denen selbst ernannte „Mental Health Influencer“, selten mit entsprechender Qualifikation, jede Menge vermeintliche „Informationen“ verbreiten, von denen ein erschreckend großer Anteil völliger Unsinn ist.

Stammen jene Erkenntnisse tatsächlich aus dem therapeutischen Prozess, haben wir es derweil wahrhaftig mit einer der vielen Nebenwirkungen von Psychotherapie zu tun, über die wir Psychotherapeuten aufklären müssen (was nur leider meiner Wahrnehmung nach kaum geschieht) – und zwar bevor wir mit der Therapie beginnen und diese Zusammenhänge ans Licht kommen. Denn je nachdem, welche Zusammenhänge deutlich werden, kann sich natürlich auch die Sichtweise auf ein Elternteil ändern – und damit auch die Beziehung. Und eben weil immer die Gefahr besteht, dass Beziehungen zu Elternteilen durch eine Therapie Schaden nehmen, ist es so wichtig, den Prozess als Psychotherapeut gut zu moderieren und der Patientin deutlich zu machen, dass das Ziel nicht darin besteht, das Elternteil zu dämonisieren, es für all ihre Probleme verantwortlich zu machen und anzuklagen. Daher verfolge ich hierbei stets einen konsequenten Kurs des dialektischen „Sowohl als auch“-Denkens, was letztlich bedeutet: Wie der Patient die Welt, in dem Fall seine Kindheit, betrachtet, ist subjektiv genauso legitim, wichtig und zulässig wie die Sichtweise des Elternteils auf die Kindheit des Patienten – was objektiv geschah, ist dabei in den meisten Fällen gar nicht ausschlaggebend.

Das Problem des stark erweiterten Gewaltbegriffs

Zu wissen, was objektiv geschah, ist derweil selbstverständlich wichtig bei handfesten Gewalt- und Missbrauchserfahrungen, die z. B. tatsächlich die Definition eines Traumas gemäß unserer Diagnosesysteme erfüllen oder so massiv waren, dass Einigkeit darüber besteht, dass ein solches Elternverhalten zu verurteilen und ggf. zu bestrafen ist – worunter z. B. jegliche Form von sexuellem Missbrauch oder auch extreme, überdauernde (und nicht etwa die Ausnahme darstellende) Formen von körperlicher Gewalt und Vernachlässigung fallen. Das ist enorm wichtig zu betonen, weil es auf gesamtgesellschaftlicher Ebene in den letzten Jahrzehnten zu einer enormen Ausweitung des Begriffs „Gewalt“ gekommen ist, die, ohne dieses (tendenziell bodenlose) Fass hier aufmachen zu wollen, aus meiner Sicht mindestens so viele Nachteile wie Vorteile mit sich bringt. Einer der großen Nachteile ist folgender: Wenn Menschen, denen als Kind Dinge widerfahren sind, die heute geächtet sind, aber damals völlig normal waren (die viel zitierte Ohrfeige z. B.), 30 Jahre später darauf stoßen, dass „man“ das heutzutage als Ausübung von „Gewalt“ bezeichnet, passiert es schnell, dass sie – ohne jeden Nutzen für die psychische Gesundheit – nachträglich ein Opfer-Selbstkonzept von „Mir wurde Gewalt angetan, ich bin traumatisiert“ entwickeln. Denn dieses Selbstkonzept lässt sie fortan denken, sie müssten nun „unbedingt irgendetwas tun“ – es in einer Therapie aufarbeiten, den Kontakt zu den Eltern abbrechen, etc. Ein weiterer Nachteil davon, auf alles, was nicht zu 100 % frei von Aggression ist, das Etikett „Gewalt“ zu kleben und eben nicht mehr zu differenzieren, besteht natürlich darin, dass die Opfer tatsächlicher Gewalt gemäß der o. g. Definition Gefahr laufen, weniger ernst genommen zu werden, weil der Begriff sich mehr und mehr abnutzt – ganz analog zu dem, was ich vor einiger Zeit hinsichtlich der inflationären Verwendung des Begriffs „Trauma“ beschrieben habe.

Die Lösungsstrategien, die ich im Folgenden darlege, beziehen sich daher ganz klar nicht auf Fälle, in denen Elternteile ihren Kindern tatsächlich handfeste Gewalt im engeren Sinne angetan haben, denn dabei wurden Grenzen überschritten, die so massiv waren, dass die Strategien, die ich vorstellen werde, nicht ausreichen. Ebenso greifen die Strategien natürlich nicht für den Fall, dass einer der beiden Akteure (Kind oder Elternteil) verstorben ist und man nachträglich „auf unausgesprochenen Dingen herumkaut“ – auch dafür gibt es andere Methoden, die nicht Teil dieser Artikelserie sind. Worauf ich mich beziehe, ist der klassische, hundertfach stattgefundene Fall, dass ein erwachsenes Kind, z. B. im Rahmen einer Therapie oder leider vermittelt durch soziale Medien, die Sichtweise entwickelt, dass in seiner Kindheit irgendetwas schiefgelaufen sei und den Eltern daraufhin Vorwürfe zu Fehlern in ihrer Erziehung macht. Im nächsten Teil werde ich daher das Prinzip der wohlwollenden Perspektivübernahme einführen und dabei zunächst die Seite der erwachsenen Kinder ansprechen, bevor ich mich im dritten Teil der Perspektive der Elternteile widmen werde.

© Dr. Christian Rupp 2026