Nachdem ich mich im letzten Teil überwiegend an die erwachsenen Kinder gerichtet habe, wende ich mich nun an all jene in der Rolle eines Elternteils, die von einem erwachsenen (oder jugendlichen) Kind damit konfrontiert werden, dass sie in dessen Kindheit Fehler begangen hätten – insofern, als das betreffende Kind laut eigener Aussage hierdurch negativ geprägt wurde und bis heute emotionale Probleme hierdurch verspürt. Der Einfachheit halber spreche ich Sie als Elternteil ab jetzt direkt an.
Natürlich ist es nicht schön (für kein Elternteil), sich nach Jahrzehnten solche Vorwürfe der eigenen Kinder anzuhören, was man angeblich falsch gemacht habe. Die Verteidigungsmechanismen (Abstreiten, Herunterspielen, Gegenvorwürfe, etc.) springen schnell an, und das ist sehr nachvollziehbar, denn keiner möchte sich gerne mit dem Schuldgefühl auseinandersetzen, das durch diese Vorwürfe ausgelöst wird – schließlich kann man 30 Jahre später die „Fehler“ ja nicht mehr ungeschehen machen. Und wie ich im letzten Teil bereits beschrieben habe, fällt zu Ihren Gunsten aus, dass Sie damals vermutlich nach bestem Wissen und Gewissen auf Basis des damaligen „common sense“ und nicht mit böser Absicht handelten. Da ich mich im vorherigen Teil aber bereits stark dafür eingesetzt habe, dass erwachsene Kinder genau deswegen gegenüber Ihren Eltern Wohlwollen walten lassen, werde ich die Elternteile in diesem Teil nicht weiter in Schutz, sondern eher etwas in die Mangel nehmen. Wenn Sie davon nichts hören wollen, lesen Sie bitte nicht weiter. Wenn doch, dann möchte Ihnen zwei Grundprinzipien dafür nahelegen, wie Sie auf Ihr Kind reagieren können.
Prinzip 1: Hören Sie zu, und zwar wohlwollend.
Das Wichtigste überhaupt: Bitte unterdrücken Sie in den ersten Momenten, nachdem Ihr Kind gesprochen hat (und erst recht währenddessen, d. h. unterbrechen Sie bitte nicht!), sämtliche Impulse, sich zu verteidigen – egal wie schwer es fallen mag. Denn wenn Sie dies tun, wird Ihr Kind sich ziemlich sicher zurückgewiesen, nicht ernst genommen und abgewertet fühlen. Oder wie wir Psychotherapeuten sagen: Ihr Kind erlebt eine Invalidierung, d. h. die Botschaft, dass seine Gefühle falsch, übertrieben, irrelevant, lächerlich usw. sind. Und da die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass Ihr Kind Ihnen genau diesen Vorwurf (den der Invalidierung) auch hinsichtlich Ihres Verhaltens in seiner Kindheit macht, wäre es fatal, so zu reagieren, denn Ihr Kind würde es (zurecht) als Bestätigung dessen ansehen, was es Ihnen gerade mitgeteilt hat – und es ist gut möglich, dass es Sie danach dann nur vielsagend anblickt und auf dem Absatz kehrt macht.
Stattdessen, liebe Elternteile: Hören Sie Ihrem Kind zu, und zwar vollständig. Und nehmen Sie dazu bitte die wohlwollende (ja, gilt auch für Sie!) innere Haltung ein, dass Ihr Kind Sie nicht primär verletzten will (ja, das gibt es in seltenen Fällen auch, aber es ist die Ausnahme), sondern es ein emotionales Bedürfnis nach Wiedergutmachung hat, die es benötigt, um weiter ein gutes Verhältnis zu Ihnen zu haben. Wenn Sie das also auch wollen, dann hören Sie um Himmels Willen zu und nehmen Ihr Kind erst einmal ernst. Es geht hierbei nicht primär darum, wer von Ihnen beiden „recht hat“, sondern darum, dass es aus der Perspektive Ihres Kindes (um Ihre wird es auch noch gehen, aber später) etwas gibt, was rückblickend nicht in Ordnung war. Sprich: Auch für Sie gilt der Grundsatz mit der Perspektivübernahme. Denn wenn Sie die Sichtweise Ihres Kindes nicht anerkennen, gehen Sie ein hohes Risiko ein, Ihr Kind zu verlieren – egal ob Ihr Kind aus Ihrer Sicht „recht hat“ oder nicht. Was Sie sich außerdem bewusst machen sollten, ist, dass Sie es durchaus wertschätzen können, dass Ihr Kind überhaupt den Mut aufbringt, Ihnen gegenüber so etwas Heikles anzusprechen, denn vermutlich hat es enorme Angst davor, dass Sie mit Invalidierung reagieren. Dass es sich trotzdem traut, das Gespräch zu führen, können Sie als Zeichen dafür werten, dass Ihr Kind offenbar den Draht zu Ihnen nicht verlieren, sondern verbessern will – sonst hätte es sich einfach wortlos abgewendet. Wenn Ihr Kind fertig gesprochen hat, wäre es hilfreich, in Ihren eigenen Worten zusammenzufassen, was Sie verstanden haben (und zwar, liebe Eltern, bitte ohne polemische, passiv-aggressive Zuspitzungen wie „Ah ja, ich war also immer schon eine schlechte Mutter, verstehe“) und dabei mit Ihrem Gesichtsausdruck und Ihrer Körperhaltung Offenheit und Zugewandtheit auszustrahlen. Natürlich dürfen Sie auch sagen, wie Sie sich fühlen (z. B. „Oh, das überrollt mich gerade etwas“), oder um etwas Bedenkzeit bitten, bevor Sie weiter miteinander sprechen. Sehr gut ist es auch, weitere Fragen zu stellen, wenn Sie noch nicht ganz verstanden haben, was Ihr Kind meint. Und wenn Sie in der Königsklasse spielen wollen, dann fragen Sie Ihr Kind direkt: „Was brauchst du jetzt von mir?“ oder „Was könnte ich tun, damit es dir damit besser geht?“.
Prinzip 2: Übernehmen Sie angemessen Verantwortung.
Nun geht es um Ihre eigentliche Reaktion. Natürlich kommt es dabei ein bisschen darauf an, was Ihr Kind auf die o. g. Frage geantwortet hat. Generell geht es aber darum, validierend und nicht invalidierend zu reagieren. Übersetzt heißt das: Machen Sie deutlich, dass Sie die Sichtweise Ihres Kindes anerkennen, und machen Sie sie auf gar keinen Fall lächerlich, denn damit machen Sie ganz schnell ganz viel kaputt. Die höchste Form der Validierung ist in diesem Fall eine Entschuldigung und/oder Wiedergutmachung – d. h. die Übernahme von Verantwortung. Das, was erwachsene Kinder in solchen Fällen meistens für Ihr Seelenheil benötigen (und das ist eigentlich nicht viel, wenn wir mal ehrlich sind), ist vor allem ein Eingeständnis des Fehlers, den sie Ihrem Elternteil vorwerfen. Sprich, schon ein (ernst gemeinter und entsprechend rübergebrachter) Satz wie „Du hast recht, das war falsch/nicht gut von mir“ kann bereits helfen oder sogar ausreichen. Danach (besser nicht davor) können Sie natürlich hinzufügen, dass (wie ich einmal wohlwollend unterstelle) Sie nichts davon mit böser Absicht getan haben und Ihnen damals nicht klar war, dass Ihr Verhalten ungünstig ist – oder Sie einfach überfordert waren. Damit es aber nicht wie eine Rechtfertigung rüberkommt, sollten Sie abschließend noch einmal wiederholen: „Trotzdem weiß ich jetzt, dass dir das nicht gutgetan hat, und übernehme die Verantwortung dafür“. Dann, so würde ich sagen, haben auch Sie als Elternteil Ihr Bestes gegeben, und die Chancen auf eine Versöhnung sollten recht gut stehen.
Und noch eine positive Botschaft für Sie als Elternteil: Wenn Sie es schaffen, so zu reagieren, dann haben Sie den besten Beweis erbracht, dass Sie eben keine „schlechte“ Mutter oder kein „schlechter“ Vater sind – denn seien wir ehrlich, genau um diesen Gedanken im Kopf geht es doch, wenn Sie solch einen Vorwurf Ihres Kindes hören. Das sind Sie aber auch ziemlich sicher ganz grundsätzlich nicht, denn: Kein Elternteil egal welcher Epoche war jemals perfekt oder hat „alles richtig“ gemacht (zugegeben: Eltern früherer Epochen haben allerdings auch sehr viel weniger darüber nachgedacht, was vielleicht nicht ausschließlich schlecht war). Fehler gehören dazu und belegen, dass Sie ein Mensch sind. Und das mit der Fehlerfreiheit geht ja bereits rein logisch nicht, wenn sich das, was als „richtig“ gilt, alle paar Jahre ändert. Ein nicht unkluger Umgang hiermit ist sicherlich, dass man sich stattdessen etwas mehr auf die eigene Intuition und den eigenen gesunden Menschenverstand verlässt.
Zoomen wir also noch einmal heraus und blicken auf das Gesamtkonzept: Um Eltern-Kind-Konflikte der Art, wie ich sie beschrieben habe, zu lösen, braucht es von beiden Seiten den Willen zur Perspektivübernahme und die Bereitschaft zu einer wohlwollenden Haltung dem anderen gegenüber. Erwachsene Kinder sollten aufpassen, nicht den Fehler zu machen, das Handeln ihrer Eltern in der Vergangenheit nach moralischen Standards der Gegenwart zu verurteilen, und Eltern sind gut beraten, ihren Kindern zuzuhören, allen Impulsen des sich-Verteidigens zu widerstehen und für das, was ihnen vorgeworfen wird, Verantwortung zu übernehmen. Wenn somit beide Seiten Zugeständnisse machen und aufeinander zugehen, kann die Beziehung danach sogar besser und inniger sein als vor dem Konflikt.
Ich hoffe, damit dazu beigetragen zu haben, dass der eine oder andere Eltern-Kind-Konflikt somit vielleicht auch ohne professionelle Hilfe gelöst werden kann.
© Dr. Christian Rupp 2026
