Warum Psychologie mehr mit Mathematik als mit einer Couch zu tun hat

Die landläufige Ansicht ist die, dass man, wenn man Psychologie studiert, vor allem lernt, andere Menschen zu analysieren und dass man in beruflicher Hinsicht grundsätzlich nur mit psychisch Kranken („Verrückten“) zu tun hat. Nun, liebe Leserin bzw. lieber Leser – dies könnte nicht weiter an der Realität vorbei gehen. Was jedoch zutrifft, ist, dass auch ein sehr großer Teil derjenigen, die sich nach dem Abitur für ein Psychologiestudium entscheiden, diese Entscheidung auf Basis eines ähnlich falschen Bildes trifft und sich dann im ersten Semester wundert, warum irgendwie niemand ihnen etwas von Traumdeutung von verdrängten Bedürfnissen erzählt.

Wenn man sich die Inhalte des Psychologiestudiums ansieht, stellt man fest: Knapp die Hälfte der Lehrinhalte besteht aus Methodenlehre, Statistik, experimentellen Forschungspraktika und Dingen wie Testtheorie, Fragebogenkonstruktion und wissenschaftlicher Datenanalyse – mit anderen Worten: aus jeder Menge Mathematik und Computerarbeit. Zudem muss man das Studium mit einer eigenen wissenschaftlichen Arbeit (der Bachelor- und Masterarbeit oder im alten Diplomstudiengang der Diplomarbeit) abschließen, für die jeweils eine eigene empirische Untersuchung durchgeführt und ausgewertet werden muss. Wozu nun das ganze? Nun, wie schon im vorausgehenden Artikel beschrieben, ist die Psychologie eine empirische Naturwissenschaft, und ein wesentliches Hauptziel des Studiums besteht darin, die Studierenden zu Naturwissenschaftlern auszubilden – mit allem, was dazu gehört. Konkret bedeutet dies zweierlei: die Kenntnis wissenschaftlicher Methoden und Kenntnisse in der statistischen Datenanalyse.

Erstens gilt es (grob gesagt), sich Expertise darüber anzueignen, wie man welchen Forschungsfragen auf den Grund gehen kann. Hierzu gehört die komplette Gestaltung einer solchen Studie bzw. eines solchen Experiments, aus dem man dann am Ende auch tatsächlich aussagekräftige Schlussfolgerungen ziehen kann. Und das tatsächlich hinzubekommen, ist alles andere als leicht und rechtfertigt durchaus, dass nicht nur in den Methodenfächern selbst (die dann so schöne Namen haben wie „Forschungsmethoden der Psychologie“, „Versuchsplanung“ oder „experimentelles Forschungspraktikum“), sondern in allen Fächern Wert darauf gelegt wird, die Prinzipien guter psychologischer Forschung deutlich zu machen. Im Hinblick auf das, was man bei der Planung eines psychologischen Experiments alles falsch machen kann, sind vor allem die interne und externe Validität zu nennen. Nehmen wir als Beispiel ein Experiment, in dem der Einfluss der Arbeitsbelastung auf das Stressempfinden von Probanden untersucht werden soll (eine ganz typische psychologische Fragestellung: Was ist der Einfluss von X auf Y?).

Interne Validität: Welchen Einfluss untersuche ich?

Die interne Validität ist gegeben, wenn Veränderungen in der abhängigen Variablen (Stressempfinden) ausschließlich auf die experimentelle Manipulation (also vom Versuchsleiter gesteuerte Veränderung) der unabhängigen Variablen (Arbeitsbelastung) zurückzuführen sind. Wenn aber in der Situation des Experiments noch andere Einflüsse vorhanden sind (so genannte Störvariablen), z.B. zusätzlicher Druck durch andere Probanden im selben Raum, dann weiß man ganz schnell schon nicht mehr, worauf etwaige Veränderungen der abhängigen Variablen (Stressempfinden) zurückzuführen sind: auf die experimentell kontrollierte Arbeitsbelastung oder auf die Anwesenheit der anderen Probanden? In diesem Fall ist die Lösung einfach: Jeder Proband muss einzeln getestet werden. Danach wären jedoch immer noch Einflüsse von anderen Störvariablen möglich: So könnte es z.B. eine Rolle spielen, ob der Versuchsleiter sich den Probanden gegenüber eher kühl-reserviert oder freundlich-motivierend verhält (ein so genannter Versuchsleiter-Effekt). Die Lösung hierfür wären standardisierte Instruktionen für jeden Probanden. Was ich hier beschreibe, sind, an einem sehr einfachen Beispiel dargestellt, typische Vorüberlegungen, die man vor der Durchführung einer psychologischen Studie unbedingt durchgehen sollte, um nicht am Ende ein Ergebnis ohne Aussagekraft zu haben. Wie ihr euch sicher vorstellen könnt, wird das ganze umso komplizierter, je schwieriger und spezifischer die Forschungsfrage ist. Besonders in der kognitiven Neurowissenschaft, wo es um die Untersuchung von Prozessen im Gehirn geht, kann dies schnell extreme Komplexitätsgrade annehmen. Was man daher unbedingt braucht, ist das Wissen aus der Methodenlehre, kombiniert mit spezifischem Wissen über dasjenige Fachgebiet, in dem man gerne forschen möchte.

Externe Validität: Gilt das Ergebnis für alle Menschen?

Die externe Validität ist derweil gegeben, wenn (die interne Validität vorausgesetzt), das Ergebnis der Studie verallgemeinerbar ist, d.h. repräsentativ. Dies ist vor allem eine Frage der Merkmale der Stichprobe (die Gruppe von Probanden, die man untersucht). Vor allem interessiert dabei deren Größe (bzw. Umfang), die insbesondere aus statistischer Sicht zentral ist, sowie deren Zusammensetzung. So leuchtet einem ziemlich gut ein, dass das Ergebnis einer Studie nur dann Aussagen über alle Menschen ermöglicht, wenn die Stichprobe auch repräsentativ für die Gesamtbevölkerung ist – also z.B. nicht nur weibliche Studierende einer bestimmten Altersklasse und einer bestimmten sozialen Schicht enthält. Tatsächlich konnte allerdings für sehr viele psychologische Merkmale gefunden werden, dass sie überraschend unabhängig von solchen Unterschieden sind, sodass die externe Validität häufig eine untergeordnete Rolle spielt (was allerdings auch mit daran liegt, dass es sehr aufwändig und teuer ist, repräsentative Stichproben zusammenzusetzen – Psychologiestudierende sind aufgrund der guten Verfügbarkeit einfach dankbare Versuchspersonen:-)).

Die operationale Definition: Messe ich, was ich messen will?

Neben interner und externer Validität ist auch die operationale Definition ein Punkt, an der sich gute Forschung von schlechter trennt. Gemeint ist hiermit die Übersetzung der abstrakten Variablen (unabhändige und abhängige) in konkrete, messbare Größen. Um zu meinem Beispiel von oben (Einfluss von Arbeitsbelastung auf Stressempfinden) zurückzukehren, müsste man sich also überlegen, wie man die Arbeitsbelastung und das Stressempfinden misst. Dies ist ein Punkt, der auf den ersten Blick vielleicht trivial erscheint und der einem Laien, wenn er über die Logik der Studie nachdenkt, wahrscheinlich auch nicht auffallen wird, der aber ebenfalls von zentraler Bedeutung für die Aussagekraft der Studie ist. Ebenso wie die Stichprobe repräsentativ für die Bevölkerung sein sollte, sollten die gemessene Größe (abhängige Variable) und die manipulierte Größe (unabhängige Variable) repräsentativ für das Konstrukt (Arbeitsbelastung, Stress) sein, das sich dahinter verbirgt. Die Arbeitsbelastung lässt sich noch recht einfach operational definieren – als Menge an Arbeitsaufträgen pro Stunde zum Beispiel. Aber wie sichert man, dass alle Aufträge auch wirklich gleich aufwändig sind und den Probanden gleich viel Zeit kosten? Dies ist eine Herausforderung für die Versuchsplaner. Das Stressempfinden stellt eine noch größere Herausforderung dar. Man könnte natürlich eine Blutprobe nehmen und die Konzentration des Cortisols (eines unter Stress ausgeschütteten Hormons) bestimmen. Das gibt aber nicht unbedingt den subjektiv empfundenen Stress wieder. Man könnte eben diesen mit einem eigens dafür konstruierten Fragebogen messen, der natürlich auf seine psychometrischen Gütekriterien hin überprüft werden muss (mit wie viel Aufwand und wie viel Rechnerei das verbunden ist, können sie hier nachlesen). Oder aber man lässt Fremdbeobachter den Stress der Probanden anhand deren Verhaltens einschätzen. Hierfür muss wiederum gesichert werden, dass die verschiedenen Beobachter ihre Bewertungen anhand desselben, auf beobachtbaren Verhaltensweisen basierenden Systems vornehmen und nicht irgendwelche subjektiven Einschätzungen vornehmen (das Kriterium der Objektivität). Was ich hoffe, hieran veranschaulicht zu haben, ist, dass psychologische Forschung weder trivial noch einfach ist, denn der Teufel liegt im Detail. Und von diesen kleinen Teufeln gibt es jede Menge, die man nur mit der nötigen wissenschaftlichen Expertise umgehen kann.

Statistik: Zufall oder nicht?

Die Statistik als Teilgebiet der Mathematik verdient sehr viel mehr, mit „Psychologie“ in einem Atemzug genannt zu werden, als das Wort „Couch“. So komplex das Thema ist, mit dem Psychologiestudierende sich eine ganze Reihe von Semestern herumschlagen müssen, so kurz und verständlich lässt sich der Zweck erklären. Denken Sie zurück an die typischen Forschungsfragen, die die Psychologie bearbeitet. Meistens geht es darum, den Zusammenhang zwischen zwei Variablen (z.B. Intelligenz & Arbeitserfolg, siehe vorheriger Artikel) zu berechnen, eine Variable durch eine andere vorherzusagen oder im Rahmen eines Experiments systematisch den Einfluss einer unabhängigen auf eine abhängige Variable zu untersuchen. Auch hier hinterfragt der Laie typischerweise nicht, wie das geschieht – wie Forscher z.B. darauf kommen, zu behaupten, „Killer“-Spiele würden die Aggression des Spielers erhöhen. Nun, dies ist einerseits eine Frage der wissenschaftlichen Methode, wie ich oben ausführlich beschrieben habe. Doch nach dem Durchführen der Studie hat man einen Haufen Daten gesammelt – und der muss ausgewertet und analysiert werden. Zum Analysieren werden die Daten derweil nicht auf die Couch gelegt, sondern in den Computer eingegeben, konkret in typischerweise eines der beiden Programme „SPSS“ oder „R“. Diese Programme ermöglichen es, für alle möglichen Formen, in denen Daten vorliegen können (und das sind sehr viele), statistische Maße zu berechnen, die den Zusammenhang zweier Variablen oder den Einfluss von einer Variablen auf die andere abbilden. Zum Fachjargon gehören bei Psychologen unter anderem (um einfach mal ein paar Begriffe ungeordnet in den Raum zu werfen) die Korrelation (von allen noch das nachvollziehbarste Maß), die multiple, logistische, hierarchische oder Poisson-Regression, das odds ratio, Kendall’s Tau-b, die Varianzanalyse oder ANOVA, das allgemeine und generalisierte lineare Modell, Faktorenanalysen, Strukturgleichungsmodelle, Survivalanalysen und viele, viele mehr.

Die Berechnung all dieser Maße ist der eine Zweck der Statistik. Der andere ist die Überprüfung der statistischen Signifikanz, die auf der Wahrscheinlichkeitstheorie und der Kenntnis ganz bestimmter Wahrscheinlichkeitsverteilungen beruht. Platt übersetzt ist ein Ergebnis einer Studie dann statistisch signifikant, wenn es nicht durch den Zufall zu erklären ist. Hierzu stellen wir uns einmal die allereinfachste Form eines psychologischen Experiments vor: den Vergleich von zwei Gruppen A und B, die sich nur anhand eines einzigen Merkmals unterscheiden – der experimentellen Manipulation der unabhängigen Variablen (z.B. Therapie ja oder nein), deren Einfluss auf eine abhängige Variable (z.B. Angst vor Spinnen) untersucht werden soll. Nach der Therapie vergleicht man A und B hinsichtlich ihrer Angst vor Spinnen und stellt fest, dass Gruppe A, die die Therapie erhalten hat, weniger Angst hat als Gruppe B, die keine Therapie erhalten hat (einen ausführlichen Artikel über die Art und Weise, wie die Wirksamkeit von Psychotherapie untersucht wird, finden Sie hier). Ein Laie würde jetzt wahrscheinlich sagen, dass die Therapie wirksam ist, vielleicht in Abhängigkeit davon, wie groß der Unterschied zwischen A und B ist. Das Tolle, das uns die Statistik ermöglicht, ist nun, zu überprüfen, ob der gefundene Unterschied zwischen den Gruppen signifikant ist, d.h. nicht durch den Zufall erklärt werden kann, der ja mitunter so einiges erklären kann. So berechnet man die konkrete Wahrscheinlichkeit dafür, dass das gefundene Ergebnis (z.B. der Gruppenunterschied zwischen A & B) durch reinen Zufall zustande gekommen ist, ohne das ein wahrer Unterschied (bzw. Effekt) vorliegt. Beträgt diese Warscheinlichkeit unter 5% (manchmal auch unter 1%), schließt man den Zufall als Erklärung aus. Achtung: Diese Festlegung der 5% oder 1%-Grenze (des so genannten Signifikanzniveaus) ist eine Konvention, keine naturgegebene Regel. Wenn der Stichprobenumfang groß genug ist (ein wichtiger Faktor bei der Überprüfung der Signifikanz), können übrigens auch schon kleine Effekte (z.B. Gruppenunterschiede) statistisch signifikant sein. Ob ein solcher kleiner Unterschied dann jedoch wirklich von Bedeutung ist, ist eine andere (inhaltliche) Frage. Wie ihr seht, erweist die Statistik uns sehr wertvolle Dienste – und auch, wenn ich sie in meinem Studium sehr häufig verflucht habe, bin ich rückblickend doch sehr froh, mit ihr jetzt vertraut zu sein.

Warum Ahnung von Wissenschaft Gold wert ist

Das allgemeine Wissen über die Prinzipien wissenschaftlicher Forschung (die nämlich in jeder Naturwissenschaft nahezu gleich sind) erachte ich als extrem wertvoll, weil es einem etwas unglaublich Wichtiges ermöglicht: zu beurteilen, welchen Quellen von Wissen man trauen kann und welchen nicht. Mit den Merkmalen von „guter“, d.h. aussagekräftiger Forschung im Kopf, ist es einem wissenschaftlich ausgebildeten Menschen möglich, zu beurteilen, ob er einer beliebigen Studie (egal, ob veröffentlicht in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift oder erwähnt in der Brigitte) Glauben schenken möchte. Ein solcher Mensch kann die angewandte Methode der Studie genau daraufhin überprüfen, ob die Voraussetzungen dafür geschaffen sind, dass man hieraus tatsächlich gültige Schlussfolgerungen ziehen kann (z.B. interne Validität gegeben, vernünftige operantionale Definition…). Man fällt nicht so schnell darauf rein, wenn es bei RTL in den Nachrichten heißt, Forscher von der Universität XV hätten „herausgefunden, dass…“ (oder noch schlimmer: „bewiesen, dass…“), sondern fragt sich erstmal, wie die Forscher das überhaupt untersucht haben könnten und ob eine solche Aussage auf Basis der verwendeten Forschungsmethode überhaupt zulässig ist. Nicht zuletzt lernt man hierdurch, vermeintliches „Wissen“, das einem im Alltag so begegnet, dahingehend zu hinterfragen, woher es stammt bzw. worauf es basiert – eine Kenntnis von meiner Meinung nach unschätzbarem Wert, ermöglicht es einem doch z.B., der ein oder anderen bunt-schillernden esoterischen Weltanschauung etwas Handfestes entgegen zu setzen und diese als substanzlos zu entlarven. Und eben diese grundsätzliche naturwissenschaftliche Expertise ist das, was Psychologen den Vertretern anderer Fächer (Medizin und Pädagogik eingeschlossen) voraushaben, was sie wiederum aber mit der ebenfalls empirisch orientierten Soziologie verbindet. Darüber, wovon Psychologen darüber hinaus noch so Ahnung haben, wird es im nächsten Artikel gehen.

© Christian Rupp 2013

Esoterik vs. Wissenschaft: Von Glauben, Wissen und der Fähigkeit, beides zu unterscheiden.

Ich habe zwar angekündigt, dass das nächste Thema „Intelligenz“ sein wird, jedoch befand ich mich vor wenigen Tagen plötzlich in Mitten einer Diskussion zum Thema „Wirksamkeit von alternativen Heilmethoden“ bzw. „Wissenschaft versus Esoterik“, die ich euch, weil mir dieses Thema so unglaublich am Herzen liegt, auf keinen Fall vorenthalten wollte. Daher gibt es jetzt einen Abstecher in ein Gebiet, dass ein großes Steckenpferd von mir geworden ist und einer der Hauptanlässe dafür war, vor fast einem Jahr diesen Blog zu starten. Falls euch der Text, den ich ungerne zerstückeln wollte, zu lang ist, um ihn direkt zu lesen – lest ihn entweder später oder scrollt ans Ende und lest die letzten fünf Abschnitte. Das Thema ist wichtig, und ich finde, es sollte jeden interessieren.

Dazu vorab schon der Hinweis, dass ich mich im Folgenden bei dem Begriff „Esoterik“ auf dessen Bedeutung im Alltag, d.h. auf das gesamte Spektrum spiritueller, mystischer und okkulter Lehren und Verfahren beziehe, die gegenwärtig existieren. Ich beziehe mich dabei nicht auf die ursprüngliche Bedeutung des aus dem Altgriechischen stammenden Wortes, das eine philosophische Lehre bezeichnet, die nur einem begrenzten Personenkreis zugängig war („eso“ = innen / nach außen begrenzt). Auf Vertreter dieser Lehren und Praktiken werde ich mit dem Begriff „Esoteriker“ verweisen, der, was ich betonen möchte, nicht abschätzig gemeint ist.

In der Diskussion, die online in einem bekannten sozialen Netzwerk (was könnte das wohl sein…?) stattfand, ging es ursprünglich um das Thema Reiki. Reiki ist eine dem esoterischen Bereich zuzuordnende, aus Japan stammende Heil- und Entspannungsmethode; die Lehre geht wahrscheinlich auf Mikao Usui zurück und bedeutet übersetzt so viel wie „geistige Lebensenergie“. Im Wesentlichen geht es darum, dass ein „Reikilehrer“ (d.h. jemand, der sich mit Usuis Lehren auskennt, eine gewisse Form der „Ausbildung“ hinter sich gebracht hat und sich oft für einen besonders feinfühligen und sensiblen Menschen hält), einem anderen Menschen die Hand auflegt (daher ist Reiki auch als „Handauflegen“ bekannt) und dadurch jene Lebensenergie überträgt (= „Reiki gibt“).

Die im Folgenden sinngemäß wiedergegebenen (nicht wörtlich zitierten) Diskussionspartner besitzen eine ausgeprägte Affiliation zum gesamten Feld der Esoterik; einer von beiden beschäftigt sich seit einigen Wochen mit Reiki und wendet es immer häufiger bei anderen an, bisher vor allem bei Familienmitgliedern. Die zweite Person wiederum kennt die erste gut und ist von deren Arbeit begeistert.

Also, los ging es (nachdem eine hier irrelevante dritte Person geschrieben hatte, wie gut sie nach einer „Reiki-Anwendung“ geschlafen habe) nach einem kurzen Kommentar meinerseits, dass ich Reiki aufgrund meines Wissens über seine wissenschaftlich erforschte Wirksamkeit ablehne. Ich werde nun versuchen, alles so objektiv wie möglich darzustellen. Mein Ziel ist es nicht, meine Diskussionspartner in den Dreck zu ziehen oder mich über sie lustig zu machen. Ich möchte anhand dieser Diskussion anschaulich deutlich machen, warum ich eine so kritische Einstellung gegenüber Esoterik & Co. habe und außerdem aufzeigen, auf welchen typischen gedanklichen Fehlern esoterische Weltanschauungen oft beruhen. Dazu möchte ich darauf hinweisen, dass ich meine Beiträge in der Hinsicht überarbeitet und ergänzt habe, dass ich persönliche Ansprachen herausgenommen, einiges umformuliert und ergänzt habe. Die beiden Diskussionspartner nenne ich der Einfachheit halber A und B.

Thesen des Diskussionspartners A:

  • Es gehe bei Reiki nicht darum, den Verstand zu benutzen, sondern darum, sich seinen Gefühlen hinzugeben (Ziehen einer Grenze zwischen Emotion und Kognition).
  • Zu viel Wissenschaft tue der Welt nicht gut, weil sie in der Vergangenheit unzähligen Menschen das Leben gekostet habe (Hexen, Heiler, etc.).
  • Es gebe Dinge zwischen Himmel und Erde, die mit dem Verstand nicht zu erklären seien.
  • Andere Beispiele: Yoga, autogenes Training, Meditation: Hier lerne man, seine Gedanken fließen zu lassen und loszulassen. Das täten sehr viele Menschen jeden Tag.

Daraufhin meine Antwort:

Ja, das ist ja auch alles nicht falsch, aber man muss dennoch differenzieren. Natürlich gab es (in der Vergangenheit!) dunkle Kapitel der Wissenschaft (Tier- und Menschenversuche – scheußlich), aber das ist kein Grund, die Befunde der modernen Wissenschaft anzuzweifeln, denn deren Aussagekraft ist eine Frage der Methodik. Zumal der weitaus größere Feind von Heilern, Hexen und Co. sicherlich die Kirche war, die ebenfalls die Wissenschaft bekämpft hat (siehe z.B. Leonardo Da Vinci, Nikolaus Kopernikus, etc.), aber das ist eine andere Geschichte.

Die moderne Wissenschaft hat auf vielen Gebieten eine Menge Licht ins Dunkel gebracht und auch Meditation, Yoga & Co. untersucht – es gibt da sehr viele spannende Studien, vor allem aus dem neurowissenschaftlichen Bereich, z.B. mit buddhistischen Mönchen als Probanden. Nur die alltägliche Unterscheidung zwischen „Verstand“ und „Gefühlen“ ist in Wahrheit kaum zu vertreten, weil die beiden untrennbar miteinander vernetzt sind, was Sie auch hier nachlesen können. Und in der Tat wurde und wird die Wirksamkeit von alternativen Heilmethoden (von Akupunktur und „Chakrenarbeit“ über Reiki und Bioenergetik bis hin zu „Geistheilung“ und „Energiearbeit“) intensiv untersucht. Und zwar geschah und geschieht dies in Doppelblindstudien, die die stärksten kausalen Schlüsse zulassen, die in der Wissenschaft möglich sind und die den Teilnehmern ganz bestimmt nicht schaden – eine entsprechende Erklärung findet sich hier.

Das allerhäufigste Ergebnis in Studien, die die Wirksamkeit jener Verfahren untersucht haben, ist, dass die Wirkung nicht von dem Heilverfahren an sich ausgeht, sondern entweder davon, dass die Betroffenen an die Wirkung glauben (= Placebo-Effekt) oder davon, dass die Wirkung auf irgendwelche anderen, meist trivialen Faktoren zurückzuführen ist. Dies ist knallharte wissenschaftliche Realität.

So, nun bin ich der folgenden Meinung: Ich finde einerseits, dass es im Prinzip egal ist, warum etwas wirkt, weil es für den Betroffenen entscheidend ist, dass es wirkt. Ebenfalls wissenschaftlich untersucht wurden nämlich auch die Selbstheilungskräfte des Menschen, die durch den Glauben an die Wirkung eines Verfahrens erheblich gestärkt werden können.

Weshalb ich diesen Verfahren jedoch trotzdem skeptisch gegenüber stehe, liegt daran, dass es unter den Vertretern dieser Verfahren (und allgemein unter Menschen mit starker Neigung zur Esoterik) zwei Typen gibt, die mich stören. Die einen sind die Quacksalber und Halsabschneider, die ihr Geld damit verdienen, dass sie verzweifelten Patienten Heilung versprechen (was ein seriöser Vertreter eines Heilberufs nie tun würde) und beispielsweise Krebspatienten von einer dringend nötigen Chemotherapie abraten und somit deren Tod besiegeln. (Alternative Therapien und/oder psychotherapeutische Begleitung bei Krebs sind zusätzlich sinnvoll, aber die alleinige Anwendung ist verantwortungslos). Genauso finde ich es einfach nur unverantwortlich, wenn mancher selbsternannter „Heiler“ völlig unzulässige und nachweislich unvalide diagnostische Methoden (d.h. solche, die keine korrekten Aussagen erlauben und deshalb ziemlicher Quatsch sind: Hierzu wird es bald einen eigenen Blogeintrag geben), wie z.B. den „kinesiologischen Muskeltest“ anwenden und ihren Patienten schreckliche Angst mit der Aussage einflößen, sie seien von „Erdstrahlen“, Quecksilber oder Ähnlichem belastet. In diesem Sektor wird unglaublich viel Unfug getrieben, und ich habe mehrere Freunde und Bekannte, die auf solche Menschen reingefallen sind und es bitter bereuen.

Der andere Typ sind diejenigen, die zwar kein Kapital aus ihrer Überzeugung schlagen, aber sich zu Missionaren erklärt haben. Die ihre Überzeugung als einzige Wahrheit betrachten und Gegenmeinungen oder abweichende Standpunkte mit der Äußerung abtun: „Du bist nicht offen dafür“. Was solche Leute gut können, ist, alles, was andere machen, zu kritisieren, nur nicht die eigene Überzeugung. Das Problem, dass bei diesen Menschen oft vorliegt, ist, dass sie ihr vermeintliches „Wissen“ nicht hinterfragen: Was ist die Quelle von dem, was ich weiß (Buch, Vortrag, Zeitung, Reportage auf Fernsehsender XY…)? Noch viel wichtiger ist aber die Frage: Woher hat der Buchautor, der Journalist oder der Vortragende sein Wissen? Und ist diese Quelle von Wissen glaubwürdig? Und wenn ja, warum? Meistens stammt „Wissen“ im esoterischen Bereich letztendlich von irgendwem ab, der sich das irgendwann einmal ausgedacht hat, oder aber von uralten mystisch-spirituellen Schriften, die in ihrer Bedeutung oft reichlich verdreht wurden. Jedenfalls liegt so gut wie nie eine empirische (Erklärung folgt sofort) Fundierung dieses vermeintlichen Wissens vor, oder wenn, dann nur in Form von methodisch so schlechten Studien, dass gültige Aussagen hieraus nicht abgeleitet werden können.

In der Wissenschaft, die sich deratigen Themen beschäftigt, stammt das Wissen aus kontrollierten Studien (das bedeutet „empirisch“), die idealerweise mit verschiedenen Methoden und an verschiedenen Probanden dasselbe herausfinden (was natürlich bedeutet, dass es Wissensarten verschiedener Güte gibt). Jenen „Missionaren“ fehlt aber oft die Bildung, um ihr Wissen kritisch zu hinterfragen, was jeder gute Wissenschaftler, der sich der Wissenschaftstheorie Carl Poppers bewusst ist, hingegen tut. Ich betrachte die Fähigkeit, Wissen und dessen Quellen kritisch hinterfragen und deren Glaubwürdigkeit einschätzen zu können, als eine der wichtigsten Kompetenzen, die mir mein Studium vermittelt hat.

D.h., um den Bogen zu schließen, könnte ich jemandem, der mir vorwirft, nicht „offen“ für Reiki, „Energiearbeit“, den kinesiologischen Muskeltest usw. zu sein, genau so gut entgegnen, dass er bzw. sie nicht offen ist für wissenschaftliche Erklärungen, und diese Behauptung wäre wesentlich fundierter. Natürlich wäre es vermessen, zu behaupten, dass die Wissenschaft alles auf der Welt erklären kann, und diesen Eindruck will ich auch gar nicht vermitteln. Kein seriöser Wissenschaftler würde dies jemals behaupten. Aber: Die moderne Wissenschaft kann eine gewaltige Menge von Dingen erklären und sehr viele (esoterische) Behauptungen als haltlos entlarven. Und eben, weil ich die Eigenschaften moderner und seriöser Wissenschaft so sehr schätze, sehe ich einen immensen Anlass dazu, ihr mehr zu trauen als Theorien und Erklärungen, denen jede empirische Fundierung fehlt. Wozu brauche ich aus der Luft gegriffene Theorien, wenn es auch wissenschaftlich fundierte, d.h. solche mit „Substanz“, gibt?

Darauf die Thesen desselben Diskussionspartners (A):

  • Argumentation, dass Handauflegen hilft, da jeder dies intuitiv bei sich selbst und anderen tue (Hand auf Bauch bei Bauchschmerzen, kühle Hand an Kopf bei Kopfschmerzen, Mutter legt Hand auf Kind, um es zu beruhigen).
  • Reiki sei eine Form des Energieaustauschs.
  • Besonders sensible Menschen seien in der Lage, Blockaden in Menschen zu spüren und diese durch Handauflegen zu lösen.
  • Reiki schade nicht und diene nur der Entspannung.

Meine erneute Antwort:

Das ist das, was ich meine. Intuitiv ist das alles nachvollziehbar, aber es setzt zwingend voraus, dass man daran glaubt. Natürlich verspüren wir positive Emotionen, wenn uns nahestehende Menschen uns berühren. Das liegt daran, dass angenehme Berührungen einen (größtenteils durch die Evolution bedingten und daher angeborenen) Belohnungswert für uns haben, der im Gehirn über das limbische System und verwandte Strukturen vermittelt wird. Die Folge dessen kann ein tiefer Entspannungszustand sein. Das ist die wissenschaftliche, auf intensiver Forschung basierende Erklärung für unser Empfinden.

Dafür, dass dabei irgendwelche „Energien fließen“, gibt es hingegen keine Hinweise – mit Ausnahme von Infrarotstrahlung (oder mit anderen Worten: Wärmeenergie), wenn die Hand warm ist. Das heißt, es handelt sich um zwei verschiedene Sichtweisen derselben Sache. Nur während die eine auf wissenschaftlichen Befunden basiert, setzt die andere einen Glauben voraus, weil sie ansonsten durch nichts gestützt wird. Natürlich kann das, was bei Reiki gemacht wird, Entspannung erzeugen und z.B. dadurch, dass angespannte Muskeln sich entspannen, Schmerzen reduzieren. Aber dazu braucht es keine „schillernde Story“ von irgendwelchen fließenden Energien und einem scheinbar besonders feinfühligen Menschen. „Innere Blockaden“ sind wieder ein Teil dieser „Story“ bzw. „Legende“, die aufgrund der Schwammigkeit des Begriffs natürlich nie gefunden werden konnten. Esoteriker, denen nicht selten eine entsprechende Bildung fehlt, können einem auch selten sagen, wie diese Blockaden aussehen und wo im Körper sie angesiedelt sein sollen. Wenn eine Person z.B. berichtet, durch Reiki in einem Entscheidungsprozess unterstützt worden zu sein, so wird das sehr wahrscheinlich schlichtweg am allgemeinen Entspannungszustand gelegen haben. Aber der Punkt, um den es mir geht, ist: Um einen solchen herzustellen, braucht es keinen Hokuspokus und keine esoterische „Story“: Andere Entspannungsverfahren wie z.B. progressive Muskelrelaxation nach Jacobsen, Meditation oder autogenes Training erzeugen dies auch. Das heißt, Reiki wirkt entspannend – ja, ganz bestimmt. Aber nicht, weil irgendwelche Energien fließen.

Viele (oft selbst ernannte) „Reiki-Experten“ behaupten aber noch viel mehr – und verkaufen das Verfahren als das Rundum-Allheilmittel schlechthin. Egal, ob Erkältung, Rückenschmerzen, Krebs, Allergien –  Reiki löst das Problem. Und das ist nun wirklich völliger Unsinn, wie in mehreren Doppelblindstudien eindrucksvoll nachgewiesen haben (ein Übersichtsartikel liegt z.B. von Lee, Pittler und Ernst aus dem Jahr 2008 vor). Die Erkenntnis ist schlichtweg diejenige, dass Reiki, wenn überhaupt, entweder über unspezifische Faktoren (z.B. einen allgemeinen Entspannungszustand) oder nur dann Effekte auf die Gesundheit ausübt, wenn die behandelte Person daran glaubt, dass es wirkt. Der Glaube ist der Motor des Placeboeffekts. Und im Prinzip hat der Diskussionspartner genau dies ja schon in seinem letzten Kommentar selbst gesagt: Es ist egal, ob die Mutter, der Vater, man selbst oder ein „Reiki-Lehrer“ einem die Hand auflegt: Die Wirkung ist die gleiche. Oft werden dann (wie weiter unten noch als Beispiel aufgeführt) als vermeintlicher Beweis persönliche Erfahrungen als Beleg für die Wirksamkeit herangeführt („Ich habe mich nach dem Reiki soooo gut gefühlt“). Nur ist diese Äußerung all den Störeinflüssen unterworfen, die wissenschaftliche Studien eben ausschließen (subjektives Empfinden von lediglich einer Person, mögliche andere Wirkfaktoren wie Umgebung, Atmosphäre, Glaube an das Verfahren, etc., etc. –  für mehr siehe das Beispiel weiter unten).

Ich finde es extrem wichtig, zwischen wissenschaftlichen Erklärungen und solchen, die auf Glauben basieren, zu unterscheiden. Und ich bin sehr dankbar dafür, aufgrund meines Studiums diese beiden Formen unterscheiden und bewerten zu können. Denn die Quellen seines Wissens zu kennen und ihre Glaubwürdigkeit einschätzen zu können, ist meiner Meinung eine Voraussetzung für ein Leben als mündiger Mensch. Und weil ich genau weiß, dass vielen anderen Menschen diese Voraussetzung fehlt (was überhaupt nicht abwertend gemeint ist!), habe ich vor knapp einem Jahr mit dem Schreiben dieses Blogs begonnen, mit dem ich das Ziel verfolge, den Menschen verschiedene Theorien vorzustellen und diese Theorien auch zu bewerten. Natürlich gibt es, wie gesagt, Bereiche, die schlicht kaum oder gar nicht wissenschaftlich erforschbar sind – keine Frage. Bei Phänomenen, für die jedoch schlüssige wissenschaftliche Erklärungen vorliegen (wie z.B. dem Effekt von Handauflegen), sehe ich persönlich jedoch keinen Anlass bzw. keine Notwendigkeit alternativer Theorien, die einen Glauben voraussetzen und aufgrund der wissenschaftlichen Erklärbarkeit im Wesentlichen überflüssig sind. Natürlich setzt das voraus, dass man sich mit diesen Theorien beschäftigt und offen für sie ist. Doch leider zeigt meine Erfahrung, dass die meisten Esoteriker dies nicht sind und wissenschaftliche Erklärungen abwehren. Warum? Wahrscheinlich, weil für sie dann ihre Welt und ihr Weltbild, dem sie sich leidenschaftlich verschrieben haben, zusammenbrechen würde.

Thesen des Diskussionspartners B:

  • Für Reiki bedürfe es keines Glaubens, die Person müsse lediglich zustimmen.
  • Es liege kein Placeboeffekt vor.
  • Begründung dessen: Der Diskussionspartner habe, als dessen kleine Tochter vor Kurzem Verdauungsprobleme gehabt hätte, ihr „Reiki gegeben“, nachdem das Medikament vom Arzt angeblich keine Wirkung gezeigt habe. Die Tochter sei eine Stunde liegen geblieben, und anschließend habe sich die Verstopfung durch Stuhlgang gelöst. Seitdem habe sie keine Verstopfung mehr gehabt.
  • Kinder seien bis zum dritten Lebensjahr sehr eng mit der geistigen Welt verbunden.
  • Es gebe mehr zwischen Himmel und Erde, als die Wissenschaft erklären könne.

Nun, auf diesen Kommentar hin habe ich nur noch auf meine vorherigen Texte verwiesen, weil hieraus ganz klar hervorgeht, dass dieser Diskussionspartner deren Inhalt entweder nicht vernünftig gelesen oder nicht verstanden hat – oder es nicht verstehen möchte. Weshalb ich an dieser Stelle dennoch erneut auf diesen Kommentar eingehen möchte, liegt daran, dass man an ihm so wunderbar anschaulich die gedanklichen Fehler aufzeigen kann, die Esoteriker typischerweise machen.

Widerspruch in nur einem Satz

Ein Glaube an Reiki sei nicht nötig, nur das „Ja“ der behandelten Person sei erforderlich. Mit anderen Worten: Wenn die Person nicht offen für Reiki ist, geht es nicht (denn sonst sagt man nicht ja, oder?). Ich gebe zu, streng genommen gibt es noch einen Unterschied zwischen dem Glauben an und der Zustimmung zu etwas, aber hier scheint der mir nicht entscheidend zu sein.

„Beweis“ der Wirksamkeit anhand eines Beispiels der eigenen Erfahrung

Der Diskussionspartner führt als Beleg für die Wirksamkeit ein Beispiel aus der eigenen Erfahrung an. Erstens hat Erfahrungswissen eine niedrigere Güte als wissenschaftliches Wissen, weil ersteres etlichen subjektiven Einflüssen unterliegt, während letzteres objektiv ist (bzw. sein sollte, wir wollen ja ehrlich bleiben). Zweitens werden andere Ursachen der verschwundenen Verstopfung völlig außer Acht gelassen (was einem wissenschaftlich denkenden Menschen nicht passieren würde). Dass der Placeboeffekt bei einem drei Jahre alten Kind nicht richtig greifen kann, ist nicht korrekt. Allerdings würde man hierbei eher von einem „Versuchsleitereffekt“ sprechen, wobei die Eltern hier die „Versuchsleiter“ darstellen. Dieser Effekt besagt, dass die Kinder massiv durch den Glauben und die Zuversicht der Eltern beeinflusst werden, die sie nämlich durchaus mitbekommen (und wodurch nämlich dann die eigene Zuversicht beeinflusst wird) – hiermit hätten wir also eine 1. Erklärung dafür, dass im oben genannten Beispiel die Verstopfung verschwindet. Darüber hinaus gäbe es mindestens noch vier andere Erklärungen dafür, dass die Verstopfung verschwunden ist: (1), dass das Medikament schlichtweg mit Verzögerung gewirkt hat, (2), dass der allgemeine Entspannungszustand die Verdauung reguliert hat, (3), dass die Verstopfung sich mit der Zeit einfach von selbst gelöst hat, (4), dass die Faktoren 1 bis 3 zusammengewirkt haben. Eine 6. Erklärung besteht zudem aus dem so genannten „Kontingenzlernen“, dessen Basis das klassische Konditionieren ist (die Assoziation zweier Reize, Dinge, Ereignisse). Ein Kind lernt sehr schnell, dass mit bestimmten Maßnahmen (z.B. Handauflegen) Linderung verbunden ist – ungeachtet dessen, warum diese Linderung nun genau eintritt.Was all dies zeigen soll: Die Hinzunahme einer schillernden „Story“ (fließende Energien…) ist völlig überflüssig, um den scheinbaren Effekt zu erklären – tatsächlich ist das ganze viel nüchterner zu betrachten.

Verwechslung von Glaube und Wissen & fehlendes Hinterfragen der Quelle des vermeintlichen „Wissens“

Die Aussage, dass Kinder in ihren ersten drei Lebensjahren besonders eng mit der „geistigen Welt“ verbunden seien, wird einfach als scheinbar feststehende Wahrheit in den Raum gestellt. Dabei wird weder hinterfragt, woher dieses vermeintliche Wissen stammt, noch wie glaubwürdig dieses ist – es wird nicht einmal eine Quelle angegeben. Meiner Vermutung nach handelt es sich um eine Aussage, die der Diskussionspartner irgendwann einmal von anderen Esoterikern oder aus einem entsprechenden Buch aufgeschnappt und dann unreflektiert und unkritisch aufgesaugt hat, weil es mit seinem Weltbild übereinstimmt und weil er es glauben will. Korrekt und für mich völlig akzeptabel wäre es, wenn der Diskussionspartner diese Aussage beginnen würde mit: „Ich glaube, dass…“. Dies aber als feststehende Wahrheit darzustellen, ist hingegen grober und dreister Unfug. Daher: Verwechslung von Glaube und Wissen. Oft argumentieren Esoteriker auch damit, man solle doch mal den „Verstand abschalten“ und „auf seine Gefühle hören“ – denn diese würden einem offenbaren, was wahr ist. Leute, die an esoterische Theorien nicht glauben, werden dann schnell als „emotional inkompetent“ abgetan. Nun, zunächst einmal ist die Unterscheidung zwischen Verstand (Kognition) und Gefühl (Emotion) nicht haltbar, weil sie so stark ineinander verwoben sind, dass keiner ohne den anderen existieren kann (siehe oben). Deshalb kann man seinen Verstand auch nicht „abschalten“. Außerdem sprechen wir hier über eine hochgradig subjektive Quelle von Wissen – und glaubwürdige Quellen von Wissen müssen objektiv, d.h. von Außenstehenden überprüfbar sein.

Beurteilung von dem, was Wissenschaft leisten kann, ohne sich auch nur ansatzweise damit auszukennen

Der pauschale Satz „Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als man mit dem Verstand/als die Wissenschaft erklären kann“ (der an und für sich völlig richtig ist) wird von Esoterikern sehr gerne verwendet, um ihren Glauben zu rechtfertigen. In der Mehrzahl der Fälle haben diese Leute jedoch gar keine Ahnung davon, was Wissenschaft überhaupt ist, welche Methoden sie anwendet, warum sie objektiv ist, warum sie die Quelle von Wissen höchster Güte ist ? und was sie überhaupt zu bieten hat. Sie wird meiner Ansicht nach als Quelle von Wissen abgelehnt, weil jene Menschen sie entweder nicht verstehen oder sie nicht in das schillernd-geheimnisvolle „esoterische Weltbild“ passt, das mit logischen, schlüssigen Erklärungen und Befunden viel zu langweilig und unspektakulär wäre (Ich bitte um Verzeihung für das bisschen Polemik). Aber eine Aussage darüber zu treffen, was Wissenschaft leisten kann und was nicht, ist schlichtweg nicht möglich, wenn man sich mit Wissenschaft überhaupt nicht auskennt – es sei denn, man möchte sich unbedingt lächerlich machen.

To put everything into a nutshell – mein Standpunkt zu Esoterik & Co. in maximaler Kürze

Ich habe überhaupt gar nichts dagegen, wenn Menschen an Dinge glauben, an die ich nicht glaube. Jeder soll glauben, woran sie oder er möchte. Es ist mir völlig egal, ob Menschen an Erdstrahlen, Reiki, Energiearbeit, Kinesiologie, Graphologie, Physiognomie, Astrologie, Kartenlegen, Gott, frühere Leben, Aliens, UFOs, Engel, Spaghettimonster, das jüngste Gericht oder eine gigantische Teekanne in den Tiefen des Weltalls glauben. Solange sie sich dessen bewusst sind, dass sie daran glauben. Vier Dinge kritisiere ich hingegen sehr scharf:

  • Wenn Menschen eben meinen, Dinge zu wissen, obwohl für ihre Überzeugungen keinerlei Belege existieren – und sie sich eben nicht darüber im Klaren sind, dass sie glauben und nicht wissen.
  • Wenn Menschen die Quelle ihres vermeintlichen Wissens nicht hinterfragen und kritisch reflektieren, sondern es als die einzig richtige Wahrheit betrachten und pausenlos versuchen, andere zu dieser „Wahrheit“ zu bekehren.
  • Wenn Menschen das Potenzial der Wissenschaft leugnen, ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben, wie Wissenschaft überhaupt funktioniert.
  • Wenn solche Menschen in Heilberufen arbeiten und Verantwortung für Patienten übernehmen, denen sie völlig haltlose Diagnosen stellen und Therapien anbieten, die entweder wirkungslos oder sogar schädlich sind, bzw. ihren Patienten von dringend nötigen traditionellen Therapien abraten.

Ich will die Wissenschaft nicht glorifizieren. Ich kenne die wissenschaftstheoretischen Beiträge von Popper, Hume, Platon, Sokrates, etc. Kein Wissen ist jemals 100% sicher, wenngleich es immer sicherer wird, je häufiger verschiedene Forscher anhand verschiedener Stichproben mit verschiedenen Methoden dasselbe herausfinden (Das nennt man Replikation). Und auch wenn keine Quelle von Wissen zu 100% sicher ist, so ist die Wissenschaft dennoch mit gewaltigem Abstand die Quelle von Wissen mit der höchsten Güte und der meisten Substanz dahinter, weil dieses Wissen auf Befunden, also auf von Forschern gemachten objektiven Entdeckungen beruht – und eben nicht nur auf Glaubensüberzeugungen.

Ich bin zweifelsohne auch der Auffassung, dass es Dinge gibt, die die Wissenschaft nie endgültig erklären können wird, z.B. die Frage nach der Entstehung des Universums, die Frage nach dem Leben nach dem Tod bzw. einer unsterblichen Seele – oder die Frage danach, wie aus der neuronalen Aktivität in unserem Gehirn etwas wie „Bewusstsein“ entsteht. Aber die Wissenschaft kann eine unglaubliche Vielzahl von Dingen bereits schlüssig erklären, weshalb zusätzliche, unfundierte, „schillernde esoterische Theorien“ (in meinen Augen) an dieser Stelle vollkommen überflüssig sind. Der Glauben sollte meiner Meinung nach an den Stellen einsetzen, an denen die Wissenschaft an ihre Grenzen kommt. An allen anderen Stellen hat er – meinem Standpunkt nach – nichts zu suchen. Und wenn man an diesen anderen Stellen trotzdem etwas anderes glauben will, weil man die Wissenschaft (aus welchen Gründen auch immer) ablehnt, dann soll man das von mir aus tun, solange man dabei einräumt, dass man glaubt – und nicht weiß.

© Christian Rupp 2013