Couch & Klemmbrett: Wie Film & Fernsehen die Psychologie zu einem Heilberuf mach(t)en

Anders als bei den drei zurückliegenden Einträgen bilden die Grundlage von diesem mehrere Diskussionsrunden, an denen ich im Rahmen einer mit dem schrecklichen Namen „World Café“ titulierten Lehrveranstaltung teilgenommen habe. Es ging weder um die Welt, noch gab es Kaffee, aber trotzdem kamen wir gut ins Gespräch, und es war interessant, Erfahrungen und Sichtweisen auszutauschen. Die erste dieser Diskussionsrunden beschäftigte sich mit der Frage, wie man als Psychologe auf Vorurteile bzgl. dieses Berufsbilds reagiert und welches öffentliche Bild der Psychologie wir uns wünschen bzw. erzeugen möchten. Neben den Punkten, auf die ich in vorherigen Einträgen bereits eingegangen bin (Aufklärung in der Schule über Psychologie als Naturwissenschaft) gab es hierbei einige weitere, meiner Meinung nach interessante Denkanstöße. Zum einen haben wir uns – mit Bezug auf den sehr häufigen Kommentar: „Oh, du studierst Psychologie, dann muss ich ja jetzt aufpassen, was ich sage“ – längere Zeit darüber unterhalten, ob dieses „Analysieren-Couch-Image“ und die damit verbundene Angst der Menschen, von ihrem Gegenüber „durchschaut“ zu werden, eventuell typisch für Deutschland sind, da hier (anders z.B. als in den USA, wo immer schon Lerntheorien dominierten) der Einfluss der Psychoanalyse sensu Freud überproportional groß war.

Direkt damit einher geht natürlich das Missverständnis, das sich in der Gleichsetzung von Psychologie und klinischer Psychologie wiederfindet und somit gleichermaßen die Verwechslung dieser Wissenschaft mit einem Heilberuf erklärt. Im Zuge dessen erschien uns aber hinsichtlich der Ursache des verzerrten öffentlichen Bildes vor allem die Rolle von Film, Fernsehen und Nachrichtenmedien als zentral. Zum einen, da Psychologen in Filmen und Fernsehserien typischerweise mit immer wiederkehrenden äußerlichen (Brille, Klemmbrett, obligatorisches Couch-Mobiliar), charakterlichen (weitgehende Skurrilität bis hin zum selbst stark ausgeprägten Neurotizismus) und Verhaltensmerkmalen (analytischer Blick, analytische Interpretationen, Rolle des Ratgebers, dem man seine Probleme schildert) ausgestattet werden. An dieser Stelle sei übrigens angemerkt, dass in der Regel hierbei keine Unterscheidung vorgenommen wird zwischen Psychologen, Psychiatern und Psychotherapeuten, was der beschriebenen Verzerrung noch überdies zuträglich ist. In Nachrichtenformaten hingegen findet sich ein anderes Phänomen: Wann immer (mehr oder weniger seriös und angemessen) von (an den jeweiligen Themen deutlich als solchen erkennbaren) psychologischen Forschungsergebnissen berichtet wird, wird grundsätzlich unterschlagen, dass es wissenschaftlich tätige Psychologen waren, die diese Studie durchgeführt haben. Stattdessen, so fast immer der Wortlaut, heißt es: „Forscher der Universität XY haben herausgefunden, dass…“ (wenn nicht sogar noch das Wort „bewiesen“ anstelle von „herausgefunden“ Verwendung findet). Woher sollen Laien also wissen, dass diese Wissenschaftler Psychologen sind und dass Psychologen nicht nur analytisch ausgerichtete Psychotherapeuten sind? Man kann ihnen im Grunde keinerlei Vorwurf machen.

In Bezug auf die Frage, wie man bei Konfrontation mit diesen enorm hartnäckigen Fehlvorstellungen reagieren kann/sollte/möchte, reichte die Spannbreite der diskutierten Möglichkeiten von der geduldigen, gebetsmühlenartigen Erläuterung der Unangemessenheit dieser Vorstellungen über die (je nach Sympathie zum Gegenüber) Nutzung der beschriebenen Angst vor dem Analysiertwerden – bis hin zum einfachen Umdrehen und Gehen. Ich selbst muss sagen, dass ich es mittlerweile mehr als leid bin, meinen Freunden und Verwandten (nicht meinen engeren Familienangehörigen, die durch meine ältere Schwester und mich bereits genügend „Psychoedukation“ erfahren haben) immer und immer wieder zu erklären, dass mein Studium nicht das Erlernen von Gedankenlesen beinhaltet und sich in unserem Institutsgebäude kaum eine einzige Couch befindet. Noch mehr stören mich aber tatsächlich zwei weitere Dinge, und zwar zu allererst die Tendenz eben solcher Mitmenschen, mein gesamtes Verhalten (von der Art der Fragen bis hin zur Sitzhaltung auf einem handelsüblichen Stuhl) im Lichte meines (angestrebten) Berufes zu deuten – oder sollte ich lieber sagen: im Lichte des Berufsbilds, das auf mich projiziert bzw. mir unterstellt wird?

Der zweite Aspekt ist derweil noch direkter mit jenen verzerrten Vorstellungen verbunden und schließt im Grunde nahtlos an die Gleichsetzung von Psychologie und klinischer Psychologie an. Was ich hiermit meine, ist die radikale Unterschätzung der Vielfalt dieses Fachs und die damit verbundene Nicht-Zuschreibung von Kompetenzen und Wissen, die Psychologen in Wirklichkeit aber gerade auszeichnen und sie von anderen Disziplinen wie z.B. der Pädagogik, aber auch der Medizin, abgrenzen. Oft habe ich bei mir persönlich sogar den Eindruck, dass mich diese Nicht-Zuschreibung noch mehr stört als die geschilderten (falschen) Zuschreibungen. Die Bereiche, auf die ich mich hier explizit beziehe, umfassen einerseits methodische Kenntnisse (insbesondere statistisch-mathematischer Art und solche bzgl. des Designs von Untersuchungen im Allgemeinen) und zum anderen eine Reihe von Wissensbereichen, die genuine Domänen der Psychologie darstellen, z.B. das Thema Intelligenz. Am Beispiel der Intelligenzforschung wird ganz besonders anschaulich, wie groß die Diskrepanz zwischen dem Experten- und dem Laienbild der Psychologie tatsächlich ist – ist es doch so, dass die Intelligenzforschung von Expertenseite als eines der größten Flaggschiffe der Psychologie angesehen wird, während der durchschnittliche Laie einen Intelligenztest (aber auch allgemein das Thema Testkonstruktion) in der Regel nicht mit der Psychologie in Verbindung bringen würde. Ähnliches gilt für den großen Bereich der Neurowissenschaften bzw. der Biologischen/Allgemeinen Psychologie, der, obgleich er ein interdisziplinäres Forschungsfeld darstellt, einen bedeutenden Teil des Psychologiestudiums ausmacht, was kaum ein Laie für gewöhnlich bedenkt.

Doch, wie im vorherigen Eintrag bereits im Fazit formuliert: Da sich die Situation mittelfristig eher wenig ändern wird, sind Gelassenheit und vielleicht auch ein Stück Gleichgültigkeit gefragt. Bis dahin werde zumindest ich, sollte mir nicht irgendwann doch der Geduldsfaden reißen, weiter versuchen, meine Freunde sowie (über diesen eigens zu diesem Zweck eingerichteten Blog) die Öffentlichkeit zumindest ein Stück weit darüber aufzuklären, was Psychologie ist – und was nicht.

© Christian Rupp 2014

 

Sendung mit der Maus & Co.: Was ist und tut Wissenschaft wirklich?

In diesem und in den folgenden Artikeln werde ich auf verschiedene Themen eingehen, mit denen ich mich im Rahmen einer Vorlesung zum Thema „Wissenschaft & Öffentlichkeit“ beschäftigt habe, die ich in meinem – sich nun dem Ende zuneigenden – letzten Studiensemester besucht habe. Es ist daher das erste Mal, dass ich Texte, die auch Teil meiner Studienleistung waren (einem so genannten „Lerntagebuch“) quasi für dieses Blog recycle. Aber da die Vorlesung sich thematisch einfach genau mit den Themen beschäftigte, um die sich auch psycholography dreht, drängte sich diese Option förmlich auf.

In diesem ersten Eintrag soll es darum gehen, was unter dem Begriff der Wissenschaftskommunikation zu verstehen ist und in welchen Fällen es sich im Grunde nicht um Wissenschaftskommunikation per se, sondern vielmehr lediglich um eine Art der Reflexion über die Natur als solches handelt. Als Beispiel für letzteres können z.B. kindgerechte Fernsehformate wie die „Sendung mit der Maus“ und „Wissen macht Ah“ gelten, ebenso wie sich an Erwachsene richtende Formate wie „Quarks & Co.“ oder die Zeitschrift „Geo Wissen“. Was ich an dieser Unterscheidung zwischen „Kommunikation über Wissenschaft“ und „Kommunikation über die Natur“ für so wichtig erachte, ist die Tatsache, dass hiermit unmittelbar die Frage nach dem Bild der Wissenschaft in der Öffentlichkeit bzw. nach der Laien-Definition von „Wissenschaft“ verbunden ist.

Um zu verstehen, warum diese Unterscheidung keineswegs belanglos ist, sollte man sich vor Augen führen, welches Bild die meisten populärwissenschaftlichen Fernseh- und Zeitschriftenformate von der Wissenschaft zeichnen: nämlich das einer Fabrik fertigen Wissens. „Wissenschaftlich belegt“, „wissenschaftlich überprüft“ oder gar „wissenschaftlich bewiesen“ gelten als Aushängeschilder in den Medien ebenso wie in der Produktvermarktung und stellen in den Köpfen der meisten Laien das höchste Qualitätssiegel dar. Im Grunde kann man sich als Wissenschaftler natürlich über ein derartiges Kompliment freuen – werden einem so doch die Rolle der verlässlichsten Quelle von Wissen und nahezu grenzenlose Kompetenz zugeschrieben. Und in einem Punkt trifft diese (implizite) Definition ja auch durchaus zu: In der Tat kann man mit Recht behaupten, dass die empirischen Wissenschaften wohl mit Abstand die verlässlichsten Quellen von Wissen in unserer Welt darstellen – vergleicht man sie z.B. mit esoterischen Lehren oder den verschiedenen Religionen, bei denen das vermeintliche „Wissen“ immer ideologisch determiniert und somit nie objektiv ist. Aber – und das ist der springende Punkt: Auch die Wissenschaft liefert keine fertigen und unumstößlichen Aussagen über die Welt, sie ist keine Produzentin ultimativer Wahrheiten. Noch kann sie (zumindest der Wissenschaftstheorie Carl Poppers folgend) jemals irgendetwas beweisen – ein Punkt, der wohl einen der größten Irrtümer im öffentlichen Bild der Wissenschaft darstellt und dem gleichzeitig das größte Frustrationspotenzial zu Beginn eines naturwissenschaftlichen Studiums innewohnt.

Doch wie erklärt sich eben dieses Frustrationspotenzial? Wenn ich an meinen nun schon viereinhalb Jahre zurückliegenden Studienbeginn zurückdenke, erinnere ich mich gut an eben dieses Gefühl der Frustration und die omnipräsente Frage: „Wozu das ganze?“. In der Tat ist dieses Gefühl der enttäuschten Erwartung und der Verwirrung noch sehr gegenwärtig, wenn ich an die Lektüre von Zeitschriftenartikeln und Lehrbüchern in den ersten Semestern meines Bachelorstudiums zurückdenke. Darüber lesen, was Wissenschaftler X in Studie Y herausgefunden hat, wonach dann aber Forscher A in Studie B das Gegenteil zeigte, sodass die einzige Quintessenz lautet: „Es könnte so sein, es könnte aber auch anders sein – man weiß es nicht“.

In der Schule aber wurde einem durch Lehrer und Schulbücher nun einmal leider vorgegaukelt, dass Wissen über die Natur sich lediglich aufkumuliert, sich aber nicht verändert oder gar widerspricht – eine, wie ich finde, grandiose Veranschaulichung des Unterschieds zwischen „Kommunikation über die Welt“ und „Kommunikation über Wissenschaft“. Eine gelungene Wissenschaftskommunikation besteht meiner Ansicht nach nämlich gerade darin, der Öffentlichkeit – in der Schule beginnend – zu vermitteln, dass Wissenschaft nicht zaubern kann und sich vielmehr als dynamischer Prozess der Wissensgenerierung und Wissensveränderung beschreiben lässt – und dass vermeintlich etabliertes, „festes“ Wissen auch in der Regel nur einen momentan geltenden Konsens unter Wissenschaftlern darstellt. Ein Konsens, der sicherlich fundiert ist, aber keineswegs unantastbar.

Eine weitere Folge des schulischen Lehrplans ist zudem das unvollständige Bild naturwissenschaftlicher Disziplinen, das dadurch vermittelt wird, dass man als Schüler in seiner Laufbahn maximal mit der Mathematik, der Physik, der Chemie, der Biologie – und eventuell noch mit der Informatik konfrontiert wird. Und sollte man mit der Psychologie in Kontakt kommen, dann in der Regel meist doch nicht wirklich, da sich diese leider i.d.R. auf die Freud’schen Lehren beschränkt, die einem im Pädagogik-Leistungskurs präsentiert werden – traurigerweise meistens, ohne die dringend notwendige Kritik an diesen Theorien zu beleuchten. Diese Form von „Bias“ führt unweigerlich zu einer verzerrten Sicht von „Wissenschaft“ in den Köpfen derjenigen Menschen, die nicht gerade ein naturwissenschaftliches Studium hinter sich bringen. Und sie ist gleichsam die Ursache dafür, warum so viele Studienanfänger von der Psychologie zu Beginn (und manchmal noch weit darüber hinaus) so fürchterlich enttäuscht sind: Woher sollen sie denn auch wissen, dass es gar nicht um verdrängte Triebe und Traumdeutung, sondern vielmehr um Regressionsmodelle und Signifikanztests geht?

Das verzerrte Bild von „Wissenschaft“ zu korrigieren, hat in meinem Fall sicherlich mehr als zwei Semester in Anspruch genommen. Und auch, wenn ich bis heute die Meinung vertrete, dass gute Wissenschaft nur eine solche sein kann, die nicht nur sich selbst, sondern allen Menschen in einer gewissen Weise nützt und die sich nicht (wie es in der Psychologie vielerorts der Fall ist) in Belanglosigkeiten verliert, habe ich die Wissenschaft und ihre Möglichkeiten inzwischen definitiv schätzen gelernt. Mein Psychologiestudium hat mir daher nicht nur eine ganz neue Perspektive auf die Erklärung von menschlichem Erleben und Verhalten eröffnet (inklusive der sehr zufriedenstellenden Fähigkeit, besser zu verstehen, warum Menschen so handeln, wie sie handeln), sondern es hat mich noch etwas anderes sehr Wichtiges und Fächerübergreifendes gelehrt: nämlich, woher unser Wissen kommt, wie ich Quellen von Wissen beurteile – und was der Unterschied ist zwischen Glauben und Wissen.

© Christian Rupp 2014