Sendung mit der Maus & Co.: Was ist und tut Wissenschaft wirklich?

In diesem und in den folgenden Artikeln werde ich auf verschiedene Themen eingehen, mit denen ich mich im Rahmen einer Vorlesung zum Thema „Wissenschaft & Öffentlichkeit“ beschäftigt habe, die ich in meinem – sich nun dem Ende zuneigenden – letzten Studiensemester besucht habe. Es ist daher das erste Mal, dass ich Texte, die auch Teil meiner Studienleistung waren (einem so genannten „Lerntagebuch“) quasi für dieses Blog recycle. Aber da die Vorlesung sich thematisch einfach genau mit den Themen beschäftigte, um die sich auch psycholography dreht, drängte sich diese Option förmlich auf.

In diesem ersten Eintrag soll es darum gehen, was unter dem Begriff der Wissenschaftskommunikation zu verstehen ist und in welchen Fällen es sich im Grunde nicht um Wissenschaftskommunikation per se, sondern vielmehr lediglich um eine Art der Reflexion über die Natur als solches handelt. Als Beispiel für letzteres können z.B. kindgerechte Fernsehformate wie die „Sendung mit der Maus“ und „Wissen macht Ah“ gelten, ebenso wie sich an Erwachsene richtende Formate wie „Quarks & Co.“ oder die Zeitschrift „Geo Wissen“. Was ich an dieser Unterscheidung zwischen „Kommunikation über Wissenschaft“ und „Kommunikation über die Natur“ für so wichtig erachte, ist die Tatsache, dass hiermit unmittelbar die Frage nach dem Bild der Wissenschaft in der Öffentlichkeit bzw. nach der Laien-Definition von „Wissenschaft“ verbunden ist.

Um zu verstehen, warum diese Unterscheidung keineswegs belanglos ist, sollte man sich vor Augen führen, welches Bild die meisten populärwissenschaftlichen Fernseh- und Zeitschriftenformate von der Wissenschaft zeichnen: nämlich das einer Fabrik fertigen Wissens. „Wissenschaftlich belegt“, „wissenschaftlich überprüft“ oder gar „wissenschaftlich bewiesen“ gelten als Aushängeschilder in den Medien ebenso wie in der Produktvermarktung und stellen in den Köpfen der meisten Laien das höchste Qualitätssiegel dar. Im Grunde kann man sich als Wissenschaftler natürlich über ein derartiges Kompliment freuen – werden einem so doch die Rolle der verlässlichsten Quelle von Wissen und nahezu grenzenlose Kompetenz zugeschrieben. Und in einem Punkt trifft diese (implizite) Definition ja auch durchaus zu: In der Tat kann man mit Recht behaupten, dass die empirischen Wissenschaften wohl mit Abstand die verlässlichsten Quellen von Wissen in unserer Welt darstellen – vergleicht man sie z.B. mit esoterischen Lehren oder den verschiedenen Religionen, bei denen das vermeintliche „Wissen“ immer ideologisch determiniert und somit nie objektiv ist. Aber – und das ist der springende Punkt: Auch die Wissenschaft liefert keine fertigen und unumstößlichen Aussagen über die Welt, sie ist keine Produzentin ultimativer Wahrheiten. Noch kann sie (zumindest der Wissenschaftstheorie Carl Poppers folgend) jemals irgendetwas beweisen – ein Punkt, der wohl einen der größten Irrtümer im öffentlichen Bild der Wissenschaft darstellt und dem gleichzeitig das größte Frustrationspotenzial zu Beginn eines naturwissenschaftlichen Studiums innewohnt.

Doch wie erklärt sich eben dieses Frustrationspotenzial? Wenn ich an meinen nun schon viereinhalb Jahre zurückliegenden Studienbeginn zurückdenke, erinnere ich mich gut an eben dieses Gefühl der Frustration und die omnipräsente Frage: „Wozu das ganze?“. In der Tat ist dieses Gefühl der enttäuschten Erwartung und der Verwirrung noch sehr gegenwärtig, wenn ich an die Lektüre von Zeitschriftenartikeln und Lehrbüchern in den ersten Semestern meines Bachelorstudiums zurückdenke. Darüber lesen, was Wissenschaftler X in Studie Y herausgefunden hat, wonach dann aber Forscher A in Studie B das Gegenteil zeigte, sodass die einzige Quintessenz lautet: „Es könnte so sein, es könnte aber auch anders sein – man weiß es nicht“.

In der Schule aber wurde einem durch Lehrer und Schulbücher nun einmal leider vorgegaukelt, dass Wissen über die Natur sich lediglich aufkumuliert, sich aber nicht verändert oder gar widerspricht – eine, wie ich finde, grandiose Veranschaulichung des Unterschieds zwischen „Kommunikation über die Welt“ und „Kommunikation über Wissenschaft“. Eine gelungene Wissenschaftskommunikation besteht meiner Ansicht nach nämlich gerade darin, der Öffentlichkeit – in der Schule beginnend – zu vermitteln, dass Wissenschaft nicht zaubern kann und sich vielmehr als dynamischer Prozess der Wissensgenerierung und Wissensveränderung beschreiben lässt – und dass vermeintlich etabliertes, „festes“ Wissen auch in der Regel nur einen momentan geltenden Konsens unter Wissenschaftlern darstellt. Ein Konsens, der sicherlich fundiert ist, aber keineswegs unantastbar.

Eine weitere Folge des schulischen Lehrplans ist zudem das unvollständige Bild naturwissenschaftlicher Disziplinen, das dadurch vermittelt wird, dass man als Schüler in seiner Laufbahn maximal mit der Mathematik, der Physik, der Chemie, der Biologie – und eventuell noch mit der Informatik konfrontiert wird. Und sollte man mit der Psychologie in Kontakt kommen, dann in der Regel meist doch nicht wirklich, da sich diese leider i.d.R. auf die Freud’schen Lehren beschränkt, die einem im Pädagogik-Leistungskurs präsentiert werden – traurigerweise meistens, ohne die dringend notwendige Kritik an diesen Theorien zu beleuchten. Diese Form von „Bias“ führt unweigerlich zu einer verzerrten Sicht von „Wissenschaft“ in den Köpfen derjenigen Menschen, die nicht gerade ein naturwissenschaftliches Studium hinter sich bringen. Und sie ist gleichsam die Ursache dafür, warum so viele Studienanfänger von der Psychologie zu Beginn (und manchmal noch weit darüber hinaus) so fürchterlich enttäuscht sind: Woher sollen sie denn auch wissen, dass es gar nicht um verdrängte Triebe und Traumdeutung, sondern vielmehr um Regressionsmodelle und Signifikanztests geht?

Das verzerrte Bild von „Wissenschaft“ zu korrigieren, hat in meinem Fall sicherlich mehr als zwei Semester in Anspruch genommen. Und auch, wenn ich bis heute die Meinung vertrete, dass gute Wissenschaft nur eine solche sein kann, die nicht nur sich selbst, sondern allen Menschen in einer gewissen Weise nützt und die sich nicht (wie es in der Psychologie vielerorts der Fall ist) in Belanglosigkeiten verliert, habe ich die Wissenschaft und ihre Möglichkeiten inzwischen definitiv schätzen gelernt. Mein Psychologiestudium hat mir daher nicht nur eine ganz neue Perspektive auf die Erklärung von menschlichem Erleben und Verhalten eröffnet (inklusive der sehr zufriedenstellenden Fähigkeit, besser zu verstehen, warum Menschen so handeln, wie sie handeln), sondern es hat mich noch etwas anderes sehr Wichtiges und Fächerübergreifendes gelehrt: nämlich, woher unser Wissen kommt, wie ich Quellen von Wissen beurteile – und was der Unterschied ist zwischen Glauben und Wissen.

© Christian Rupp 2014

Psychologe, Psychiater, Psychotherapeut & Co. – Was ist der Unterschied?

Im Volksmund werden die „Psych“-Berufe ganz häufig synonym, oft völlig falsch und selten sachgemäß verwendet. Dabei lohnt es sich, einmal die Unterschiede genauer zu betrachten. Fangen wir also mit den Definitionen an. Ich bitte um Nachsehen dafür, dass ich der besseren Lesbarkeit wegen an allen Stellen nur die männliche Form verwende.

Psychologe

Psychologe ist ein geschützter Titel, den man nach einem abgeschlossenen Hochschulstudium der Psychologie erwirbt. In der Vergangenheit lautete der Titel (und auch die Berufsbezeichnung) nach dem Abschluss dann „Diplom-Psychologe“ (kurz: „Dipl.-Psych.“). Das Diplom war bis vor einigen Jahren der Regelabschluss im Fach Psychologie, den man nach ca. 9-10 Semestern erreichte. Im Zuge der Bologna-Reform der Studienabschlüsse wurde das Diplom als Abschluss abgeschafft und durch einen Bachelor- und einen Masterabschluss ersetzt. Den Bachelorabschluss hat man, wenn man in der Tretmühle dieses anstrengenden Studiums nicht auf der Strecke bleibt, nach 6 Semestern geschafft und darf sich dann „Bachelor of Science“ (kurz „B. Sc.“ oder „BSc“) nennen. Der Zusatz des Faches, in dem der Abschluss erworben wurde (Psychologie) ist hierbei (dämlicherweise) nicht vorgesehen, sodass keiner erkennen kann, ob man den Abschluss in Psychologie, Physik, Chemie, Biologie oder vielleicht auch in BWL gemacht hat. Der BDP (Der Berufsverband für Psychologen in Deutschland) möchte derweil nicht, dass Bachelor-Absolventen sich schon „Psychologen“ nennen, und auch die meisten Jobs erfordern einen Masterabschluss. Das Masterstudium kann jeder beginnen, der einen guten bis sehr guten Bachelorabschluss hingelegt hat (der Rest hat mehr oder weniger Pech), und es dauert weitere 4 Semester. Das Masterstudium ist meist sehr schwerpunktspezifisch, häufig angebotene Schwerpunkte sind z.B. Klinische Psychologie, Personal- und Wirtschaftspsychologie und Neurowissenschaften. Nach dem Masterabschluss lautet der Titel „Master of Science“ (kurz: „M. Sc.“ oder „MSc“), und man darf sich laut BDP nun auch Psychologe nennen, da der Masterabschluss dem alten Diplom in Psychologie gleichgesetzt wird. Um den damit erlangten Beruf deutlich zu machen, wird dann häufig die Bezeichnung „Psychologe M. Sc.“ oder „Psychologe (M. Sc.)“ gewählt. Analog zum „Dipl.-Psych“ findet sich in der letzten Zeit aber immer häufiger auch die Bezeichnung „M.Sc. Psych.“.

Der Zusatz „of Science“ zeigt übrigens an, dass es sich bei Psychologie um ein (natur)wissenschaftliches Fach handelt, nicht um eine Geisteswissenschaft. Das gesamte Psychologiestudium ist sehr reich an Wissenschaftsmethodik und –praxis, Statistik und viel auswendig zu lernendem Wissen. Für beide Abschlussarbeiten (Bachelor- und Masterarbeit) muss man in der Regel auch eine eigene empirische Studie durchführen und auswerten.

Psychologen sind übrigens nicht automatisch klinische Psychologen (was ich hier mal, auch wegen des klinischen Schwerpunkts dieses Blogs, mal hervorheben muss), auch wenn diese die größte Gruppe darstellen. Viele Psychologen sind an Universitäten und Forschungsinstituten als Wissenschaftler tätig (in allen Bereichen, die die Psychologie bietet, z.B. Sozialpsychologie, Neurowissenschaften, Entwicklungspsychologie, Persönlichkeitspsychologie…), andere arbeiten in der Wirtschaft, vor allem Personalabteilungen (Personalauswahl und –entwicklung sind ganz große Bereiche für Psychologen) oder freiberuflich in allen möglichen Funktionen.

Psychologischer Psychotherapeut (kurz: PP)

Als Psychologe kann man in der Regel nicht therapeutisch tätig sein, zumindest nicht, wenn man mit den gesetzlichen Krankenkassen und den privaten Krankenversicherungen und der Beihilfe abrechnen möchte. Hierzu muss man eine zwischen drei und fünf Jahren dauernde und 10.000 € bis 25.000 € teure Zusatzausbildung in Psychologischer Psychotherapie absolvieren, die man mit der Facharztausbildung vergleichen kann, die Ärzte nach dem Abschluss ihres Medizinstudiums absolvieren. Diese Ausbildung ist derzeit in fünf anerkannten Verfahren möglich: der (Kognitiven) Verhaltenstherapie (KVT oder VT), der analytischen Psychotherapie (AP), der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie (TP), der Gesprächspsychotherapie und der systemischen Therapie. In allen fünf Verfahren kann man als Psychologe eine Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten absolvieren, allerdings werden aufgrund der Beschlüsse des Gemeinsamen Bundesausschusses, der den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen festlegt, nur für die VT, die TP und die AP die Kosten von den Krankenversicherungen in Deutschland übernommen. Da die Wirksamkeit der TP und besonders der AP weitaus schlechter wissenschaftlich belegt (und wegen der größeren Sitzungskontingente die Kosten für das Gesundheitssystem deutlich höher) sind als die Gesprächspsychotherapie und die systemische Therapie, macht das zwar wenig Sinn im Sinne des Wirtschaftlichkeitsprinzips der Krankenkassen, aber leider ist es so.

Nach einer solchen postgraualen Ausbildung erhält man als Psychologe die Approbation, d.h. die Zulassung zum Heilberuf des Psychotherapeuten bzw. die Befugnis zur Ausübung der psychotherapeutischen Heilkunde (hier findet sich ein Unterschied zu den Ärzten: Sie erhalten ihre Approbation bereits nach Abschluss des Studiums und nicht erst nach abgeschlossener Facharztausbildung). Man erhält mit der Approbation den Titel „Psychologischer Psychotherapeut“ und ist dann befugt, in Kliniken oder in eigener Praxis eigenverantwortlich Patienten behandeln. Für die Behandlung von Privatpatienten genügen in der Regel die Approbation und ein Eintrag in das Arztregister der jeweiligen Kassenärztlichen Vereinigung; um hingegen gesetzlich Versicherte zu behandeln, benötigt man zusätzlich eine Kassenzulassung, die in den meisten Regionen nur von einem in den Ruhestand gehenden Psychotherapeuten erworben werden kann und meist mit 20.000 € bis 100.000 € bezahlt wird. Anders als Ärzte, die eine Praxis von ihrem Vorgänger übernehmen, erhält man dafür keinerlei Ausstattung oder einen Patientenstamm – man zahlt lediglich für die Erlaubnis, mit den Krankenkassen abrechnen zu dürfen (!).

Der Begriff „Psychologischer Psychotherapeut“ impliziert bereits, dass es auch noch andere gibt. Nämlich die „Ärztlichen Psychotherapeuten“, die aber weitaus seltener sind. Das sind Ärzte mit psychotherapeutischer Zusatzausbildung, die aber bei Weitem nicht so umfangreich ist wie die, die Psychologen absolvieren. Daher würde ich mit einem psychotherapeutischen Anliegen (Achtung: meine, allerdings durch zahlreiche eigene Erfahrungen untermauerte Meinung) immer zu einem Psychologischen Psychotherapeuten gehen, da ich die Qualität der psychotherapeutischen Behandlung dort als gesicherter ansehe und Psychologische Psychotherapeuten auf diesem Gebiet im Allgemeinen kompeteter und eher auf dem neusten Stand sind – allein schon deshalb, weil sie mit dem Psychologiestudium eine ganz andere Grundlage haben und die psychotherapeutische Ausbildung viel umfangreicher ist als bei Ärzten.

Psychologische und Ärztliche Psychotherapeuten besitzen eine Approbation (also die Befugnis zur Ausübung der Heilkunde), die altersunabhängig ist, dürfen sozialrechtlich (d.h. im System der gesetzlichen Krankenkassen) aber nur Erwachsene über 18 Jahren behandeln. Das bedeutet im Klartext: Ist der Jugendliche oder das Kind privatversichert (wofür nur die Approbation wichtig ist), kann es/er durch einen Psychologischen Psychotherapeuten behandelt werden – bei gesetzlicher Krankenversicherung muss die Behandlung durch einen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (siehe nächster Abschnitt) erfolgen. Allerdings sollte man meiner Ansicht nach gerade bei Kindern immer eher einen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten aufsuchen, da Psychologische Psychotherapeuten meist über wenig bis keine Erfahrung in der Psychotherapie mit Kindern verfügen.

Psychologische Psychotherapeuten sind formal-rechtlich einem Facharzt gleichgestellt. Wenn Sie in NRW wohnen und einen Psychotherapeuten suchen, können Sie eine gezielte Suche z.B. auf den Seiten der Psychotherapeutenkammer NRW durchführen;  diese finden Sie hier. Diese Suchfunktion wird meines Wissens nach von jeder der 16 Psychotherapeutenkammern (pro Bundesland eine) angeboten – für das jeweilige Bundesland dann einfach googeln.

Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut (kurz: KJP)

Diese Bandwurmberufsbezeichnung steht für die Gruppe von Psychotherapeuten, die Kinder und Jugendliche unter 21 Jahren behandeln darf, aber keine Erwachsenen. Anders als bei psychologischen Psychotherapeuten, bei denen die Approbation altersungebunden ist, ist die von KJP wirklich auf Personen unter 21 Jahren beschränkt. Ansonsten ist alles identisch mit den Erwachsenen-Psychotherapeuten, außer dass neben Psychologie und Medizin auch ein Studium der Pädagogik, Sozialpädagogik oder der Heilpädagogik als Zugangsvoraussetzung für die Ausbildung anerkannt wird. In einigen Bundesländern genügt für diese Ausbildung übrigens ein Bachelorabschluss, was im Hinblick auf die Qualitätssicherung und den Facharztstandard als sehr kritisch zu betrachten ist und bei einer Überarbeitung des Psychotherapeutengesetzes unbedingt berücksichtigt werden sollte.

Von Heilpraktikern und  & „Psychologischen Beratern“

Der Begriff „Psychotherapeut“ ist als akademischer Heilberuf (genau wie „Arzt“ und „Apotheker“) geschützt, d.h. er darf nur mit der entsprechenden Ausbildung und einem vorher absolvierten wissenschaftlichen Hochschulstudium (Psychologie oder Medizin) getragen werden, ansonsten macht man sich strafbar. Dies soll im Grunde dabei helfen, die Menschen vor unseriösen Behandlern mit geringfügiger bis fehlender Ausbildung zu schützen. Leider jedoch ist es nicht verboten, auf sein Praxisschild „Psychotherapie“ zu schreiben. Heilpraktiker (die ich an dieser Stelle natürlich weder diffamieren noch als grundsätzlich unseriös bezeichnen möchte) können aufgrund des fehlenden Studiums nicht den Titel des Psychotherapeuten (und eben auch keine Approbation) erlangen, sondern nur den Zusatz „Psychotherapie HGP“, wobei HPG für das Heilpraktikergesetzt steht. Auch hier ist aus meiner Sicht häufig die Qualität gegenüber der Behandlung bei Psychologischen oder Ärztlichen Psychotherapeuten als fraglich einzustufen, und allzu häufig finden sich äußerst esoterische und selten verantwortungsvoll angebotene „Heilbehandlungen“.  Oft finden sich in diesem Kontext die Bezeichnungen „Heilpraktiker Psychotherapie“ oder „Psychotherapeutischer Heilpraktiker“. Was viele Patienten nicht wissen, ist, dass der Beruf des Heilpraktikers an sich nur recht wenigen gesetzlichen Regularien unterliegt (es gibt, anders bei als bei Psychotherapeuten und Ärzten, zum Beispiel keine Berufsordnung) – und Heilpraktiker, im Gegensatz zu Psychotherapeuten und Ärzten, über keine Approbation, sondern lediglich über eine Erlaubnis zur Ausübung der Heilkunde verfügen. Es gibt zwar eine relativ umfangreiche und nicht leicht zu bestehende Prüfung, die man bestehen muss, um sich Heilpraktiker nennen zu dürfen, aber es gibt keine staatlich geregelte und somit keine einheitliche Ausbildung zum Heilpraktiker, so dass jedem selbst überlassen ist, wie er sich den Prüfungsstoff aneignet.

Bevor 1999 das Psychotherapeutengesetzt in Kraft trat und all das regelte, was ich hier beschreibe, war eine solche Erlaubnis als Heilpraktiker (traurigerweise) die einzige Möglichkeit für Psychologen, psychotherapeutisch tätig zu werden. Aber auch heute noch nutzen manche Psychologen dieses „Schlupfloch“, um die lange und teure Ausbildung zum Psychotherapeuten zu umgehen und Patienten (dann i. d. R. auf Selbstzahlerbasis) behandeln zu können.

Vorsicht ist auch bei der Berufsbezeichnung „Psychologischer Berater“ geboten, da es sich auch hier nicht um echte Psychologen handelt. Eine solche Qualifikation kann man bei diversen Heilpraktikerschulen in einigen Monaten erwerben und ist nicht im Entferntesten mit einem Studium in Psychologie zu vergleichen, wenngleich man hierdurch sicherlich besser auf eine beratende Tätigkeit vorbereitet wird, als wenn man einfach so loslegt. Dennoch würde ich, wenn man nach psychologischer Beratung sucht (die im Gegensatz zur Psychotherapie leider keine Leistung der Krankenkassen ist), immer darauf achten, dass die betreffende Person, an die ich mich wende, auch tatsächlich einen Universitätsabschluss in Psychologie (Master oder Diplom oder zumindest einen Bachelor) vorweisen kann.

Psychiater & Facharzt für psychosomatische Medizin

Psychiater sind Fachärzte, d.h. sie haben Medizin studiert und dann eine Facharztausbildung absolviert, die auch ungefähr drei Jahre dauert. Der offizielle Titel lautet daher auch „Facharzt für Psychiatrie“ bzw. für Patienten unter 18 „Facharzt für Kinder- und Jugendlichenpsychiatrie“. Oft findet sich auch die Facharztbezeichnung „Neurologie und Psychiatrie“ sowie „Psychiatrie und Psychotherapie“. Psychiater behandeln, weil sie oft keine oder nur eine oberflächliche psychotherapeutische Ausbildung haben, psychische Störungen vorrangig mit anderen Mitteln, z.B. Medikamenten, Tiefenhirnstimulation, Elektrokrampftherapie, transkranieller Magnetstimulation etc. Im Gegensatz zu Psychologischen Psychotherapeuten dürfen sie diese Heilmittel auch verschreiben. Sie arbeiten in Kliniken (Psychiatrien) oder in eigenen Praxen. Psychiater können zu ihrer Berufsbezeichnung auch den Zusatz „Psychotherapie“ erwerben, wenn sie sich entsprechend fortbilden. In psychiatrischer Behandlung befinden sich meist Patienten mit eher schweren psychischen Erkrankungen oder solchen, die rein psychotherapeutisch gar nicht oder nur schlecht zu behandeln sind (z.B. schwere Depressionen mit vorrangig biologischer Ursache oder Psychosen wie die Schizophrenie).

Der Vollständigkeit halber sei an dieser Stelle auch noch der „Facharzt für psychosomatische Medizin“ genannt, der für einige Jahre auch „Facharzt für psychotherapeutische Medizin“ hieß. Diese Sorte von Facharzt ist noch mehr als der Facharzt für Psychiatrie mit dem Psychologischen Psychotherapeuten zu vergleichen, da die Behandlungform der Wahl vorrangig tatsächlich die Psychotherapie ist.

Die Sache mit dem „Dr.“

Ganz wichtig: Der Doktortitel sagt nichts über die berufliche Qualifikation einer Person in einem Heilberuf aus, sondern stellt eine wissenschaftliche Zusatzqualifikation dar. Die meisten Ärzte haben einen, aber das hauptsächlich deshalb, weil der Erwerb eines Doktortitels im Fach Medizin („Dr. med.“) im Vergleich zu anderen Fächern relativ leicht ist und in aller Regel deutlich schneller geht. Die Doktorarbeit im (an sich nicht wissenschaftlich ausgelegten) Studium der Medizin entspricht meiner Erfahrung nach in etwa der Master- oder Diplomarbeit in anderen Studiengängen wie z.B. Psychologie.

Im Prinzip handelt es sich aber um den höchsten akademischen Grad („Professor“ ist kein akademischer Grad, sondern eine Berufsbezeichnung), den man durch das Verfassen einer Dissertation („Doktorarbeit“) erlangt. In den Naturwissenschaften, und so auch in der Psychologie, muss man hierzu eine eigenständige wissenschaftliche Untersuchung durchführen, und die Dissertation muss am Ende veröffentlicht werden, bevor einem der Titel verliehen wird. Diesen gesamten Prozess bezeichnet man als „Promotion“. Während im Fach Medizin eine Promotion selten länger als ein Jahr dauert und oft nicht ganz so hohe wissenschaftliche Standards gelten, dauert es im Fach Psychologie, das sich hohen methodischen Standards verschrieben hat, meistens mindestens drei und in der Regel eher fünf Jahre, bis einem der Doktortitel verliehen wird. Um was für einen Doktortitel es sich handelt, erkennt man am Zusatz hinter dem „Dr.“: „Dr. med.“ ist der für Ärzte relativ einfach zu erlangende, in wissenschaftlichen Kreisen aber oftmals eher belächelte „Doktor der Medizin“. Für Psychologen gibt es entweder den „Dr. phil.“ (Doktor der Philosophie, der dann irrsinniger Weise für eine naturwissenschaftliche Dissertation vergeben wird, aber einen sehr guten Ruf hat) oder den ebenso hoch anerkannten „Dr. rer. nat.“ („Doktor der Naturwissenschaften“). In den letzten 10-20 Jahren wurde an Psychologen auch immer häufiger der „Dr. rer. medic.“ (Doktor der Medizinwissenschafen) vergeben, was möglich ist, wenn Psychologen an einer medizinischen Fakultät promovieren. Das bedeutet, das Thema der Dissertation ist grundsätzlich klinischer Natur, und die Kandidaten müssen je nach Universität, um überhaupt promovieren zu dürfen, ein vier- bis sechssemestriges medizinisches Zusatzstudium absolvieren. Also: auch nicht mal eben im Vorbeigehen erledigt! Dies gilt allerdings erst seit einigen Jahren; vorher war dieser Doktortitel vergleichsweise einfach zu erwerben und hatte daher keinen so hohen Wert wie ein „Dr. phil.“ oder ein „Dr. rer. nat“.

Insgesamt heißt das also:  Auch einen Psychologen oder Psychotherapeuten kann man mit „Herrn Doktor“ anreden, wenn er einen „Dr. phil.“ oder „Dr. rer. nat.“ hat, und er verdient diese Ehre meines Erachtens auch noch einmal mehr als ein Arzt,  weil er deutlich mehr für diesen Titel tun musste. Das bedeutet auch: Ein Doktortitel heißt nicht automatisch, dass jemand Arzt ist (eine Annahme, der man sehr häufig begegnet) – genau so wie es auch Ärzte ohne Doktortitel gibt, die denen mit Doktortitel fachlich in nichts nachstehen. Mein Tipp: immer auf den Zusatz nach dem „Dr.“ achten!

Man sieht also – es gibt da einige Unterschiede und, wie ich finde, hilfreiche Dinge, die man wissen sollte, wenn man in dem Bereich einen Behandler sucht. Bezüglich der Stellen, wo der Text ein bisschen kritisch wird, möchte ich nochmal betonen, dass es sich dort um meine persönliche Meinung handelt und sich niemand angegriffen fühlen muss.

© Christian Rupp 2018