ADHS im Erwachsenenalter – Teil 4: Von Desorganisation, Impulsivität sowie der Abgrenzung von Borderline & Co.

In diesem Artikel erfahren Sie, wie sich die Problembereiche Desorganisation und Impulsivität in die Symptomatik der adulten ADHS einfügen und wie man ADHS im Erwachsenenalter von den beiden Subtypen der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung unterscheiden kann.

In diesem Teil der Artikelreihe widme ich mich den beiden noch fehlenden Wender-Utah-Kriterien, nämlich Desorganisation und Impulsivität. Während letztere als Phänomen in ähnlicher Weise bei der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung sowohl vom Borderline-Typ (kurz „Borderline-Störung“, F60.31) als auch vom impulsiven Typ (F60.30) auftritt, gilt dies nicht in gleichem Maße für das Thema Desorganisiertheit, das eher typisch für die ADHS ist. Beiden Wender-Utah-Kriterien ist gemeinsam, dass sie im Grunde keinen eigenständigen, primären Symptombereiche darstellen, sondern vielmehr aus anderen, primären Symptomen resultieren – vor allem den Aufmerksamkeitsstörungen und der Überaktivität/Rastlosigkeit (siehe Teil 2) sowie der affektiven Labilität (siehe Teil 3) – oder aber als Bewältigungsversuche der Primärsymptome aufgefasst werden können.

Desorganisation

Dieser Symptombereich resultiert einerseits direkt aus den Aufmerksamkeitsstörungen (Ablenkbarkeit, schnelles Wechseln des Fokus, etc.) und aus der affektiven Labilität (Instabilität der Gefühls- und der Motivationslage) – und stellt andererseits eigentlich Bewältigungsstrategien für eben diese dar. Mit „Desorganisation“ ist gemeint, dass Betroffene typischerweise große Schwierigkeiten haben, sich zu organisieren, den Tag zu strukturieren und realistisch einzuschätzen, wie viele Aufgaben Sie an einem Tag schaffen – was dann nicht selten vor allem in der zweiten Tageshälfte zu Stress aufgrund von Zeitdruck und dann (wir erinnern uns an das Symptom der Stressintoleranz) gerne mal in eine emotionale Krise führen kann, wenn Dinge nicht funktionieren. Neuerer Forschung zufolge scheint es zudem so zu sein, dass ADHS-Betroffene tatsächlich über eine andere Zeitwahrnehmung als Nichtbetroffene verfügen, was dazu führt, dass sie zu falschen Einschätzungen darüber gelangen, wie lange bestimmte Dinge dauern, wie viel Zeit sie noch haben und wofür sie vielleicht (meistens aber eher nicht) noch Zeit haben – mit dem Ergebnis, dass Betroffene nicht selten dauerhaft unter Zeitdruck stehen, vieles „auf den letzten Drücker“ erledigen und dadurch noch mehr Stress erzeugen, als sie ohnehin schon haben. Eine direkte Folge der Aufmerksamkeitsstörungen ist außerdem die Vergesslichkeit, die sowohl Termine als auch Gegenstände (Handy, Schlüssel, etc. verlegen und sie laufend suchen, etc.) betreffen kann und natürlich ebenfalls das Stresserleben steigert.

Prototypisch ist, dass Betroffene, zumindest für Außenstehende (aber interessanterweise nicht aus der Eigenperspektive heraus) ihre Aufgaben in scheinbar erratischer Weise erledigen, d. h. mehrere Dinge gleichzeitig erledigen und halb erledigte Dinge stehen lassen, um etwas anderes anzufangen. Macht man sich das Symptom der Aufmerksamkeitsstörungen bewusst, ist das allerdings sofort nachvollziehbar, denn: Im Kopf der Betroffenen ploppen ja ständig neue Ideen der Sorte „Ach ja, ich muss ja auch noch die Wäsche abhängen“ auf – und da sie selbst wissen, dass sie sonst Gefahr laufen, diese genauso so schnell wieder zu vergessen, machen sie es direkt und lassen das liegen, was sie gerade tun – sprich: Es handelt sich eigentlich um eine Bewältigungsstrategie. Passiert jedoch dasselbe beim Abhängen der Wäsche („Ach ja, ich muss noch die Polster reinholen, weil Regen angesagt ist“), kann es sein, dass auch die Wäsche liegengelassen wird, um dann nach draußen zu gehen, wo man dann wiederum die Polster vergisst, weil man feststellt, dass die Lieblingspflanze gerade wieder von Nacktschnecken heimgesucht wird, die man erst mal entfernen muss. Und kommt man dann als Betroffener wieder rein, sucht man auch noch sein Handy, das man halbbewusst mit in den Garten genommen und dort irgendwo abgelegt hat, weil man ja eigentlich beim Reinholen der Polster noch die Sprachnachricht der Freundin abhören wollte, aber dann das Handy auf der Buchsbaumhecke abgelegt hat, um eine Hand für Nacktschnecken frei zu haben. Sprich: Aus der Sicht der Betroffenen ist dieses scheinbar erratische Vorgehen durchaus logisch, aber für Außenstehende sieht es nach purem Chaos auf. Man erkennt also ganz gut, wie sich die Desorganisation einerseits aus den Aufmerksamkeitsproblemen, d. h. den ständig neu aufploppenden Gedanken und der (sich aus diesem Gedankenchaos ergebenden) Vergesslichkeit ergibt.

Die „andere Hälfte“ der Desorganisation ergibt sich relativ geradlinig aus der affektiven Labilität, d. h. aus der schnell wechselnden Stimmungs- und Motivationslage. Das bedeutet, dass das „Liegenlassen“ von Arbeit, mit der man gerade beschäftigt ist (also dasselbe nach außen sichtbare Symptom wie oben beschrieben), auch zur Ursache haben kann, dass diese Arbeit einem zu langweilig wird und man zu etwas anderem übergeht, weil es interessanter ist. Mit anderen Worten: Zur Desorganisation gehören auch Probleme, Begonnenes konsequent zu Ende zu führen und beharrlich „dran zu bleiben“ – ebenso wie Schwierigkeiten damit, überhaupt erst „in die Gänge zu kommen“ und eine wenig Spaß machende Arbeit anzufangen. Letzterer Punkt beschreibt im Wesentlichen das Thema Prokrastination, d. h. übermäßiges Aufschiebeverhalten, das bei ADHS-Betroffenen häufig anzutreffen ist und sich aus jenen motivationalen Besonderheiten ergibt. Es ist nicht zuletzt vor allem dieses Symptom, das dafür sorgt, dass Betroffene oft schulische Leistungen erbringen, die weit unter ihren intellektuellen Fähigkeiten liegen (denn: ADHS hat absolut nichts mit Intelligenz zu tun!), Ausbildungen abbrechen, im Studium scheitern und im Leben nichts so richtig „auf die Kette kriegen“.

Bei jenen in Teil 2 beschriebenen Menschen mit „high performance ADHD“ ist es hingegen so, dass sie vordergründig kein Organisationsproblem haben, weil sie, z. B. dank hoher Intelligenz oder einem Elternhaus, in dem ihnen beigebracht wurde, sich zu disziplinieren (ja, Disziplin ist nicht nur schlecht), gelernt haben, ihr „inneres Chaos zu zähmen“, sich zusammenzureißen und trotz der ganzen inneren Hürden gute Leistungen zu erbringen. Die Nachteile dessen sind, wie Sie aus Teil 2 vielleicht erinnern, einerseits der Verschleiß, der sich aus der fortlaufenden Erschöpfung ergibt, den diese Kompensationsstrategien mit sich bringen, und andererseits häufig eine chronische Angst davor, zu versagen. Es ist übrigens nicht selten so, dass Menschen mit „high performance ADHD“ ganz besonders organisierte Menschen sind, denen man in Sachen ToDo-Listen, Zeitmanagement und Tagesstruktur nichts vormachen kann. Schaut man bei diesen Menschen hinter die Kulissen und fragt genau nach, erfährt man mitunter auch, dass hinter dieser bisweilen zwanghaft anmutenden Art eine Angst steht – und zwar davor, zurück in das innere Chaos (inkl. Lethargie und Prokrastination) zu rutschen, von dem man genau weiß, dass es als Grundveranlagung „tief unten“ in einem schlummert und von dem man immer nur eine Haaresbreite entfernt ist. Diese Angst vor dem Abrutschen ins innere Chaos bleibt auch diesen Betroffenen meist erhalten, egal wie gut sie sich organisieren.

Impulsivität

Auch dieses Symptom ist letztlich ein Ergebnis anderer Primärsymptome: Der Affektlabilität, der Überaktivität/Rastlosigkeit und der Aufmerksamkeitsstörungen bzw., auf ganz grundlegender Ebene, ein Effekt des der ADHS insgesamt zugrundeliegenden Inhibitionsdefizits per se. Dieses führt nämlich auch dazu, dass Handlungsimpulse weniger gut unterdrückt und somit eher umgesetzt werden. Die hier gemeinte Impulsivität äußert sich zum einen in der Art zu sprechen: ADHS-Betroffene „platzen“ schon mal in Gesprächen mit ihren Äußerungen heraus (manchmal passt es zudem thematisch nicht, weil sie im Kopf schon ganz woanders sind als das Gespräch), unterbrechen ihr Gegenüber oder beenden dessen Sätze – nicht aus Unhöflichkeit oder Desinteresse, sondern weil der Impuls, dies zu tun, nicht unterdrückt wird und weil außerdem (wenn man genau nachfragt) die Betroffenen implizit wissen, dass sie die Idee, die sie äußern wollen, gleich wieder vergessen haben werden (das betrifft den Symptombereich „Aufmerksamkeitsstörungen“). Ebenfalls eine Folge der Aufmerksamkeitsstörungen ist, dass Betroffene (wenn sie zur Kompensation dessen nicht extra gewissenhaft arbeiten und sich dahingehend kontrollieren) Ihre Arbeit häufig etwas zu schnell und somit oberflächlich erledigen und wichtige Details vergessen, was zu Fehlern und daraus folgenden Problemen führen kann. Und wie man es sich denken kann: Menschen mit „high performance ADHD“ erkennt man derweil eher daran, dass sie übermäßig perfektionistisch ihre Arbeit erledigen und viel Zeit, Mühe und somit Stress für deren Kontrolle aufwenden.

Eine weitere Facette von Impulsivität ist das für ADHS sehr typische Symptom der massiven Ungeduld, was wiederum auf den in Teil 3 beschriebenen Umstand zurückzuführen ist, dass Betroffene unangenehme emotionale Zustände (auf eine Belohnung zu warten, ist per se emotional unangenehm, und mit den ADHS-typischen Besonderheiten des Belohnungssystems noch viel unangenehmer) schlechter aushalten können. Darüber hinaus umfasst das Symptom der Impulsivität auch das vorschnelle Treffen von Entscheidungen, was im schlimmsten Fall auch unüberlegtes und voreiliges Kaufverhalten betrifft, das zu finanziellen Problemen, Schulden, etc. führen kann. Daneben äußert sich Impulsivität bei ADHS- Betroffenen auch gerne mal darin, dass Betroffene sich spontan umentscheiden und eine „Rolle rückwärts“ machen, weil sich der innere emotionale Zustand oder das Bedürfnis geändert hat. Und natürlich gehören sie auch im Straßenverkehr eher zu den impulsiveren Autofahrern, was kaum jemanden überraschen dürfte.

Sichere Unterscheidung von Borderline & Co.

Wie schon in Teil 3 beschrieben, gleichen die meisten Symptome der adulten ADHS denen einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung, die allerdings in zwei Subtypen untergliedert wird – den impulsiven Subtyp (ICD-10 F60.30) und den sehr viel bekannteren und leider stark stigmatisierten (obwohl gut behandelbaren) Borderline-Subtyp (ICD-10 F60.31). Den impulsiven Subtyp von adulter ADHS zu unterscheiden, ist etwas schwieriger, weil die Symptome zu 80-90% überlappen. Wenn man sich aber klarmacht, dass die Aufmerksamkeitsstörungen (ganz klar) und auch die Desorganisation (relativ klar) spezifisch für die ADHS sind, ist die Unterscheidung nicht allzu schwer. Die Differenzierung zwischen dem Borderline-Subtyp und adulter ADHS ist derweil vergleichsweise einfach. Natürlich finden sich auch beim Borderline-Subtyp affektive Instabilität, Neigung zu emotionalen Explosionen und Impulsivität, aber auch beim Borderline-Subtyp gehören Aufmerksamkeitsprobleme nicht zu den Diagnosekriterien, was sie von der adulten ADHS eindeutig abgrenzt. Die Unterscheidung wird dadurch noch einfacher, dass beim Borderline-Subtyp diverse weitere Symptome zu den Diagnosekriterien gehören, die bei der adulten ADHS kaum auftreten. Dazu gehören das Empfinden von innerer Leere, die meist stark ausgeprägte Angst vor dem Verlassenwerden und das daraus resultierende ungesunde Verhalten in zwischenmenschlichen Beziehungen, in denen Borderline-Betroffene gerne mal zwischen Idealisierung („Ich liebe dich, bleib bei mir!“) und Entwertung („Ich hasse dich, verschwinde!“) pendeln. Und auch „exotischere“ Symptome wie Dissoziation (Entkopplung vom Hier und Jetzt), paranoide Ideen und Selbstverletzung, die bei der Borderline-Störung sehr typisch sind, wird man bei der adulten ADHS eher selten bzw. sehr viel schwächer antreffen.

So, damit kennen Sie nun alle sieben Wender-Utah-Kriterien für ADHS im Erwachsenenalter und wissen sowohl, wie man die Störung von den Subtypen der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung und bipolaren Störungen unterscheidet, als auch, wie und warum aus der adulten ADHS so oft Folgeprobleme wie depressive Episoden sowie Angst- und Zwangsstörungen resultieren. Im nächsten Teil möchte ich mich noch der Frage widmen, warum die ADHS heutzutage nicht nur einfach, sondern gleich doppelt stigmatisiert ist – und wie TikTok und Instagram dazu beigetragen haben.

© Dr. Christian Rupp 2025

ADHS im Erwachsenenalter – Teil 3: Von Atombomben, Kernschmelzen und Achterbahnen – sowie dem Zusammenhang mit Angst- und Zwangsstörungen.

Dieser Teil der Artikelreihe behandelt die drei Wender-Utah-Kriterien für adulte ADHS, bei denen emotionale Besonderheiten im Fokus stehen. Betroffene zeigen ein von übermäßig heftigen Gefühlsreaktionen geprägtes Temperament, eine von Hilflosigkeit dominierte Stressreaktion und eine stark schwankende Stimmungslage. Diese Symptome führen nicht nur zu Konflikten und Missverständnissen mit anderen Menschen, sondern bedeuten auch eine erhöhte Anfälligkeit für Angst- und Zwangsstörungen, weil intensive Emotionen als unaushaltbar erlebt werden.

Nachdem ich in Teil 2 die notwendigen Symptome einer adulten ADHS-Diagnose beschrieben habe, soll es nun um drei der fünf weiteren Wender-Utah-Kriterien gehen. Gerade weil die ADHS oft so sehr mit dem Thema Aufmerksamkeit verknüpft wird, fällt im öffentlichen Diskurs oft hinten über, dass ein wesentlicher Teil der Symptomatik sich im emotionalen Bereich abspielt – was eine große Überlappung mit der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung sowohl vom Borderline-Typ (kurz „Borderline-Störung“, F60.31) als auch vom impulsiven Typ (F60.30) bedeutet. Das heißt auch: Die in diesem Teil beschriebenen Symptome eignen sich nicht dazu, die adulte ADHS von diesen anderen Störungsbildern sicher abzugrenzen. Gemeinsamer Nenner der im Folgenden beschriebenen Symptombereiche ist, grob gesprochen, dass Betroffene im emotionalen Bereich nicht qualitativ anders reagieren (nehmen sie eine Beleidigung wahr, empfinden sie Kränkung; sind sie in einer subjektiv gefährlichen Situation, erleben sie Angst; klappt etwas nicht, verspüren sie Frustration, etc.), sondern quantitativ, also hinsichtlich der Intensität des Gefühls, um ein Vielfaches heftiger reagieren. D. h., wo ein Mensch ohne ADHS eine Gefühlswelle erlebt, erleben Menschen mit ADHS schnell mal einen Gefühlstsunami, und das führt zu vielen Folgeproblemen, vor allem Konflikten mit Mitmenschen – und nicht selten auch zu deren Ablehnung ggü. den ADHS-Betroffenen. Die Wender-Utah-Kriterien unterscheiden dahingehend drei Symptombereiche, die jedoch aus meiner Perspektive sehr stark zusammenhängen und überlappen.

(Hitziges) Temperament

Die sinngemäße Übersetzung dieses Diagnosekriteriums ist, dass Betroffene vor allem im Bereich Ärger/Wut deutlich heftigere Reaktionen als Nichtbetroffene aufweisen. Mit anderen Worten: Sie haben eine „kurze Zündschnur“, fahren schnell hoch, gehen binnen Sekunden an die Decke, rasten aus der Perspektive Außenstehender plötzlich aus, explodieren gerne mal. Typisch ist, dass Betroffene sich durch (für Außenstehende „klein“ wirkende) Dinge extrem angegriffen, verletzt, gekränkt oder abgelehnt fühlen – was die Primärgefühle unterhalb der sich daraufsetzenden Wut sind, die dem Gegenüber dann gerne mal ungefiltert entgegen geschleudert werden. Es ist ein bisschen so, als wenn der ADHS-Betroffene, wenn sein Gegenüber ihn mit einem Papierkügelchen abwirft, dies als Kriegserklärung interpretiert und vorsichtshalber (man muss ja seine Grenzen schützen) einen Gegenangriff mit einer Atombombe startet. Das ist anstrengend für Betroffene und ihre Angehörigen gleichermaßen. Nicht selten hören erstere verständlicherweise von letzteren, sie sollen doch bitte mal „nicht so schnell hochfahren“ und sich nicht so aufregen. So verständlich diese Reaktion von Angehörigen ist – ich kenne niemanden, egal ob mit oder ohne ADHS, dem das jemals beim „Runterfahren“ geholfen hat. Dieses Symptom ist vor dem Hintergrund des der ADHS zugrundeliegenden Inhibitionsdefizits ziemlich direkt erklärbar: Es fehlt im Gehirn, vereinfacht gesagt, an Botenstoffen, die diese emotionale Reaktion „bremsen“, die außerdem ihrerseits um ein paar Größenordnungen heftiger ausfällt als bei Nichtbetroffenen. Die Perspektive des Inhibitionsdefizits macht zudem nachvollziehbar, warum Betroffene umso reizbarer und dünnhäutiger sind, je mehr Reizen sie ausgesetzt sind: Gehen die Ressourcen dafür drauf, mit der Reizüberflutung in einer Menschenmenge oder im Straßenverkehr klarzukommen, ist nicht mehr viel übrig, um sich dann auch noch bei einem gefühlten Angriff im Griff zu haben (selbst, wenn es kein tatsächlicher Angriff war).

Emotionale Hyperreagibilität (Stressintoleranz)

Dieses Symptom ist quasi ein „Ableger“ des schnell hochfahrenden Temperaments. Im Kern beschreibt es eine bei Betroffenen veränderte Stressreaktion. Wissenschaftliche Befunde zeigen, dass bei ADHS-Betroffenen die biologische Stressreaktion, die u. a. über das Hormon Cortisol vermittelt wird, sowohl verzögert einsetzt als auch länger braucht, um abzuklingen. Das ist, neben den energieraubenden Kompensationsmechanismen, ein weiterer Grund, warum ADHS-Betroffene (vor allem die „high performer“) sich oft dauerhaft gestresst (und nicht selten als Folge davon permanent erschöpft und müde) fühlen. Aber dieses Diagnosekriterium meint nicht nur das, sondern auch eine besondere emotionale Art, auf Anforderungen zu reagieren, die einem im Alltag begegnen. Oft ist es so, dass Betroffene bis zu einem gewissen Level an gleichzeitigen Anforderungen noch recht gut „funktionieren“ – kommt dann aber nur eine, vielleicht kleine, Sache obendrauf oder funktioniert eine von 10 Sachen, die man gerade gleichzeitig versucht zu bewältigen, nicht, kann das quasi den „Kippschalter umlegen“. Das bedeutet, dass Betroffene scheinbar von jetzt auf gleich (oft hat es sich eigentlich schon länger aufgebaut und angekündigt) in einen Modus von extremer Frustration und Hilflosigkeit verfallen, in dem sie handlungsunfähig sind und „gar nichts mehr geht“. Nicht selten geht diese spezielle Stressreaktion auch mit Angst und einem Gefühl einher, in die Ecke gedrängt zu sein. Betroffene vergleichen dieses „Knock-out“-Erleben, das gewisse Überlappungen mit einer so genannten Freezing-Reaktion hat, nicht selten mit einem „meltdown“ – bzw., auf Deutsch, einer Kernschmelze – weil sich die Welt in diesem Moment einfach nur noch wie eine einzige Katastrophe anfühlt. Als sehr eindrucksvolles Beispiel sei das eines Betroffenen genannt, der sich ohne viel Vorkenntnis vornahm, selbst eine Silikonfuge zu ziehen und der sich besser mit dem Ergebnis des ersten Versuchs (der zu 90 % perfekt war) zufrieden erklärt hätte, sich aber dann Schritt für Schritt in eine hilflose „Kernschmelze“ manövrierte, weil er sich damit natürlich nicht zufriedengab und jeder weitere Versuch schlechter endete als der jeweils vorherige, was zu einem Tsunami an Frustration führte.

Affektive Labilität

Dieses Diagnosekriterium beschreibt im Wesentlichen die Neigung zu schnell und stark schwankenden Stimmungen („wie auf einer Achterbahn“) bis hin zum Auftreten von kurzen, aber heftigen Stimmungstiefs, die symptomatisch depressiven Episoden entsprechen, aber nicht das für depressive Episoden geltende Zeitkriterium von mindestens zwei Wochen Dauer erfüllen. Stattdessen dauern diese Stimmungstiefs im Rahmen der ADHS eher Stunden bis maximal wenige Tage – und treten typischerweise nicht „aus heiterem Himmel“, sondern in der Regel in Reaktion auf einen emotionalen Auslöser (z. B. eine wahrgenommene Ablehnung, Kränkung oder Enttäuschung) auf. Konträr dazu gibt es bei der adulten ADHS ebenso kurzweilige „Stimmungshochs“, in denen die Betroffenen äußerst gut drauf sind, viel reden und förmlich aufgedreht sind. Wie sich ein informierter Leser zusammenreimen kann, führt dieses Symptom nicht selten dazu, dass ADHS-Betroffene mit einer Bipolaren Störung fehldiagnostiziert werden – was, wenn man die sehr unterschiedlichen und nicht gerade harmlosen medikamentösen Konsequenzen bedenkt, die dies bedeutet, alles andere als trivial ist. Zwar sind jene ADHS-typischen „Hochs und Tiefs“ meistens sowohl kürzer als auch weniger „krass“ im Vergleich zu manischen bzw. hypomanen Phasen im Rahmen einer Bipolaren Störung – jedoch kann die sichere Unterscheidung der beiden Diagnosen nur in der Gesamtschau aller Symptome vorgenommen werden.

Ebenfalls in diesen Symptombereich gehört übrigens, dass ADHS-Betroffene ebenso schnell von etwas hellauf begeistert sein können, wie sie das Interesse an etwas auch wieder verlieren. Mit anderen Worten: Ihnen wird schnell langweilig. Als Hintergrund dessen wird erneut ein motivationales Problem (Aufrechterhaltung von Motivation über längere Zeit bzw. „Durchhaltevermögen“) diskutiert. Wenn dieses Symptom nicht kompensiert wird, führt das leider oft in den unschönen Zustand, dass Betroffene viele angefangene und nie zu Ende gebrachte Projekte „rumliegen“ haben, was sich in Extremfällen auch auf den Ausbildungsweg auswirken und dazu führen kann, dass Betroffene mit Mitte 30 ohne abgeschlossene Berufsausbildung dastehen.

Erlebnisvermeidung: Der Zusammenhang mit Angst- und Zwangsstörungen

Der in diesem Teil beschriebene Symptomkomplex ist nach meiner Analyse und beruflichen Erfahrung dafür verantwortlich, dass ADHS-Betroffene ein deutlich erhöhtes Risiko aufweisen, im Verlauf des Lebens Angst- oder Zwangsstörungen zu entwickeln. In meiner Erfahrung mit am typischsten ist es, dass Betroffene überzufällig häufig auf überfordernde Lebenssituationen mit Panikattacken reagieren. Das ist wenig verwunderlich, wenn man sich die oben beschriebenen Eigenarten der Stressreaktion bewusst macht: Vereinfacht gesagt, passiert es bei ADHS-Betroffenen, die aufgrund der unzureichenden Inhibition mit deutlich stärkeren Emotionen und Körperempfindungen auf An- und Überforderungen reagieren, vergleichsweise schnell, dass der Teil des autonomen Nervensystems, der für Erregung (und somit für die Verhaltensprogramme „Flucht oder Angriff“) zuständig ist, „abdreht“. Das Ergebnis ist dann eine Panikattacke, d. h. eine mehrminütige Episode akuter, von starken körperlichen Symptomen begleiteter Angst.

Und selbst wenn es nicht zu solchen voll ausgeprägten Panikattacken kommt, so erklärt sich der Zusammenhang zwischen ADHS und Angst- sowie Zwangsstörungen dennoch nach meiner Erfahrung dadurch, dass alle Emotionen, um die es geht (sei es, oberflächlich betrachtet, Angst, oder, hinter die Kulissen blickend, Scham, Schuldgefühl, Ekel oder Trauer) von den Betroffenen deutlich intensiver – und somit in der Regel unangenehmer – wahrgenommen werden. Im Endeffekt ist das für Betroffene nicht selten gleichbedeutend mit „unaushaltbar“. Und es ist angesichts dessen wohl der natürlichste menschliche Impuls, alles dafür zu tun, diese starken Gefühle gar nicht erst erleben zu müssen – sprich, sie zu vermeiden. Da es in diesem Kontext also um das Vermeiden von unangenehmem emotionalem Erleben geht, spricht man im psychotherapeutischen Fachjargon von Erlebnisvermeidung. Und leider haben wir genau an dieser Stelle den Salat, denn wenn die Vermeidung anfängt, das Leben zu bestimmen und Menschen sich immer mehr einschränken, um allen Gefühlsauslösern aus dem Weg zu gehen, ist eine Angststörung geboren. Wie eine simple Angststörung „funktioniert“, können Sie hier nachlesen. Bei komplexeren Störungen wie der Generalisierten Angststörung (GAS) oder der Zwangsstörung sieht dies auf den ersten Blick anders aus, aber davon sollte man sich nicht ablenken lassen, denn: Letztlich erfüllen sowohl exzessive Sorgen (Kernmerkmal der GAS) als auch Zwangshandlungen (z. B. wiederholtes Kontrollieren) ebenso die Funktion, unangenehmes emotionales Erleben zu vermeiden.

Der für die Behandlung von solchen Störungen bei ADHS-Betroffenen, zumindest im Rahmen der Verhaltenstherapie, sehr wichtige Punkt ist der Folgende: Natürlich sollte man das Ziel verfolgen, den Betroffenen durch Exposition die Erfahrung zu ermöglichen, dass sie diese Emotionen doch aushalten können. Aber man sollte, zumindest als selbst nicht von ADHS betroffener Behandler, nie vergessen, dass der Hintergrund des Vermeidens keine fehlende Motivation ist, es anders zu machen – sondern meist eine reale Überforderung mit jenem Gefühlstsunami, der herbeirollt, wenn man sich dem Vermiedenen stellt. Eine Medikation mit Stimulanzien wie Methylphenidat führt bei ADHS-Betroffenen oft dazu, dass sie die im Raum stehenden Emotionen ähnlich gut wie Nichtbetroffene aushalten können, sodass meiner Erfahrung nach ein klassisches Expositionsvorgehen möglich wird. Ohne entsprechende medikamentöse Unterstützung würde ich als Verhaltenstherapeut derweil empfehlen, auf aktive Gefühlsbewältigung anstatt auf Exposition nach dem Prinzip „Das Gefühl lässt von selbst nach, wenn wir nichts dagegen tun“ zu setzen, denn das „Nachlassen von selbst“ kann bei ADHS-Betroffenen so lange dauern, dass Betroffene es nicht mehr als Erfolg erleben.

Im vierten Teil wird es schließlich um die noch fehlenden beiden Wender-Utah-Kriterien gehen: Impulsivität und Desorganisation. Zudem werde ich dort der Frage auf den Grund gehen, wie man ADHS im Erwachsenenalter sicher von den beiden Unterformen der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung unterscheiden kann.

© Dr. Christian Rupp 2025