Typische Missverständnisse rund um die Psychotherapie – Teil 1: „Ich hab‘ ne Überweisung zum Psychologen“.

Auch wenn die Aufklärung über sich hartnäckig haltende Missverständnisse, Mythen und Fehlannahmen bezüglich Psychologie und Psychotherapie der ureigene Kern meines Blogs „Psycholography“ ist und ich viele der folgenden Themen schon in diversen anderen Artikeln gestreift habe, so habe ich mich nach drei Jahren als Psychotherapeut in eigener Praxis entschieden, eine ganze dreiteilige Reihe über typische Missverständnisse rund um meinen Beruf zu schreiben. Inspiriert hierzu haben mich natürlich mein Berufsalltag, aber auch der Austausch mit Kolleginnen und wiederum Menschen in meinem Umfeld, die erfrischender Weise gar nichts mit der ganzen „Psycho-Welt“ zu tun haben.

Dieser erste Teil widmet sich all den Missverständnissen rund um die verschiedenen Berufsbezeichnungen, die (das muss man zugeben) in meinem Fachgebiet stets für viel Verwirrung sorgen. Als Aufhänger für diesen Teil habe ich im Titel bereits den mir beinahe täglich begegnenden Satz von Patientinnen gewählt, die sich mit der Aussage in meiner Praxis melden, sie hätten, in der Regel von der Hausärztin oder dem Hausarzt, eine „Überweisung zum Psychologen“ bekommen. Da mir tatsächlich schon von Ärzten ausgefüllte Überweisungen überreicht wurden, auf denen im Feld für die Fachrichtung „Psychologe“ oder sogar „Psychologie“ stand, ist es mir wichtig zu beschreiben, warum das falsch ist. Zum einen benötigen Patienten, um einen Psychotherapeuten aufzusuchen, gar keine Überweisung (das war einmal so, wurde aber vor rund 10 Jahren abgeschafft). Doch der wichtige Punkt ist ein anderer: „Psychologe“ ist kein Heilberuf, d. h. Psychologen verfügen über keine Approbation, sondern vor allem über eine naturwissenschaftliche Qualifikation (in der Regel einen Master of Science oder ein Diplom, so wie auch Physikerinnen oder Biologen) nach abgeschlossenem Universitätsstudium. Die Forschungs- und Anwendungsgebiete der Psychologie sind sehr viel breiter gefächert, als den meisten Menschen bewusst ist, und reichen von der Arbeits- und Organisations- bzw. Wirtschaftspsychologie bis hin zu den Neurowissenschaften und der Intelligenzforschung (einen breiteren Überblick finden Sie hier). Allen Psychologinnen und Psychologen gemeinsam ist jedoch (und das weiß kaum jemand) eine ausgeprägte naturwissenschaftliche Kompetenz, die, weil die wissenschaftlichen Methoden und Prinzipien in den verschiedenen Disziplinen (z. B. Biologie, Chemie, Physik) sehr ähnlich sind, sie in die Lage versetzt, auch fachfremde Forschungsrichtungen wie (aus aktuellem Anlass) die virologische Forschung zum Coronavirus und den Impfungen nachzuvollziehen und besser zu verstehen als die meisten anderen Menschen – von denen leider manche meinen, lautstark die Wissenschaft verunglimpfen zu können, ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben, wie Wissenschaft funktioniert. Wenn Sie sich dafür interessieren, wie Wissenschaft funktioniert, finden Sie hier, hier und hier interessante Artikel dazu.

EXKURS: „Bitte um 5 probatorische Sitzungen“

Noch ein kurzer Nachtrag zu falschen Textbausteinen in Überweisungen zum Psychotherapeuten: Oft lese ich unter „Auftrag“ Dinge wie „Bitte um 5 probatorische Sitzungen“. Dies ist gut gemeint, aber seit Frühjahr 2017 nicht mehr korrekt. Durch die damalige Reform der Psychotherapie-Richtlinie ist die „Eintrittskarte“ in jede Psychotherapie ein erster Termin in der so genannten Psychotherapeutischen Sprechstunde, bei der der Behandlungsbedarf und die Indikation für Psychotherapie durch die Psychotherapeutin überprüft werden. Erst wenn dies geschehen ist und der Patient generell für eine Psychotherapie bei der jeweiligen Psychotherapeutin infrage kommt, finden (meist nach einigen Monaten Wartezeit) vor Beantragung der eigentlichen Psychotherapie so genannte probatorische Sitzungen statt, die der genaueren Diagnostik und Aufklärung sowie der Erarbeitung von Problemstellung und Therapiezielen dienen. Anders als vor 2017 beträgt die maximal mögliche Zahl von probatorischen Sitzungen nicht mehr fünf , sondern vier, jedoch müssen es mindestens zwei sein. In der Praxis macht man in der Regel genau diese zwei, weil aufgrund der vorgeschalteten „Psychotherapeutischen Sprechstunden“-Termine mehr nicht nötig ist, um die o. g. Punkte zu erarbeiten. Was also sinnvoller Weise auf einer Überweisung zum Psychotherapeuten stehen könnte, wäre: „Mit Bitte um Abklärung in der Psychotherapeutischen Sprechstunde“ oder „Mit Bitte um einen Termin in der Psychotherapeutischen Sprechstunde“.

Was korrekterweise auf der eingangs erwähnten Überweisung stehen müsste, wäre „Psychotherapeut“ oder „Psychologischer Psychotherapeut“, denn das sind (anders als z. B. „Heilpraktiker für Psychotherapie“) rechtlich geschützte Begriffe, die echte Heilberufe bezeichnen. Psychotherapeut wird man in der Regel, nachdem man ein Psychologiestudium mit dem Master of Science (oder früher dem Diplom) abgeschlossen und anschließend eine drei bis fünf Jahre dauernde und sehr umfangreiche Ausbildung zum (Psychologischen) Psychotherapeuten absolviert und mit einem Staatsexamen abgeschlossen hat – wobei man zwischen verschiedenen Verfahren wählen und sich z. B. wie ich für die Verhaltenstherapie entscheiden kann. Am Ende dieser Ausbildung, die mit der Facharztausbildung in der Medizin vergleichbar ist, erhält man als Psychotherapeut dann auch eine Approbation, also eine Befugnis zur Ausübung der Heilkunde, wie sie ansonsten nur Ärzten, Apothekern und Zahnärzten vorbehalten ist. Diese Approbation unterscheidet Psychotherapeuten nicht nur von Psychologen, sondern auch von Heilpraktikern (mehr hierzu hier) und sog. Heilhilfsberufen wie Ergotherapeutinnen und Soziotherapeuten.

Was den Begriffsdschungel nicht einfacher macht: Psychotherapeuten, deren Approbation auf Menschen unter 21 J. begrenzt ist und die somit auf die Behandlung von Kindern und Jugendlichen spezialisiert sind, heißen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Der Ausbildungsweg ist dem der Psychologischen Psychotherapeuten ähnlich, jedoch können diese Ausbildung auch Menschen beginnen, die zuvor z. B. Sozialpädagogik studiert haben. Der Vollständigkeit halber sei zudem noch erwähnt, dass es auch sog. Ärztliche Psychotherapeuten gibt. Hierbei handelt es sich um Ärzte mit psychotherapeutischer Zusatzausbildung, die in der Regel sehr viel weniger umfangreich ist als die von Psychologischen Psychotherapeuten.

Und was sind nun Psychiater? Das ist vergleichsweise einfach. Psychiater sind Ärzte, die nach Abschluss des Medizinstudiums eine Facharztausbildung in Psychiatrie absolviert haben (oft in Kombination mit Neurologie). Manchmal verfügen Sie auch über eine psychotherapeutische Zusatzausbildung, hauptsächlich behandeln sie psychische Störungen jedoch mittels Medikamenten, v. a. den sog. Psychopharmaka. Ahnung von Psychopharmaka (darunter fallen z. B. Antidepressiva) haben allerdings auch Psychologische Psychotherapeuten, da dies Teil des Staatsexamens ist. Anders als Psychiater dürfen sie sie jedoch nicht selbst verschreiben, sondern nur empfehlen (was ich häufig tue). Verordnet werden muss jedes Medikament durch eine Ärztin oder einen Arzt, was auch Sinn ergibt, da eine Medikamentenverordnung mit einschließt, dass man die medizinischen Vorerkrankungen der Patientin und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten berücksichtigt und beurteilt.

Was mir in meinem Berufsalltag auch häufig begegnet, ist die Annahme, ich sei ein Arzt, weil ich einen Doktortitel habe. Hierzu muss man mehrere Dinge kurz erklären (die ausführliche Erklärung finden Sie hier). Viele Ärzte haben einen medizinischen Doktortitel (Dr. med.), was jedoch nichts über ihre medizinische Kompetenz aussagt. Ein Doktortitel ist immer eine wissenschaftliche Zusatzqualifikation. Wenn man als Psychotherapeut promovieren (also einen Doktortitel erlangen) möchte, tut man dies in der Regel in der Psychologie, in der generell höhere wissenschaftliche Standards als in der Medizin gelten, wodurch eine Promotion drei bis fünf Jahre dauert, d. h. rund dreimal so lang wie in der Medizin. Weil es sich bei einer Promotion in der Psychologie somit im Vergleich zur Medizin um ein ziemliches Mammutprojekt handelt, haben vergleichsweise wenige Psychotherapeuten einen Doktortitel (man denke allein an die Dauer der Zusatzausbildung, s. o.). Wenn sie einen haben, dann lautet er heutzutage meist, wie bei mir auch, „Dr. rer. nat.“ (Doktor der Naturwissenschaften). Früher wurde, da an vielen Universitäten die Psychologie lange der philosophischen Fakultät zugerechnet wurde, derweil oft der „Dr. phil.“ vergeben. Aber auch hier gilt: Mit der psychotherapeutischen Kompetenz hat diese wissenschaftliche Zusatzqualifikation in der Regel wenig zu tun. Sie ist eher ein Grund mehr, ihre Psychotherapeutin einmal danach zu fragen, wie die Wirksamkeit eines Impfstoffs erforscht wird oder was ein Placeboeffekt mit Homöopathie zu tun hat.

Übrigens wird das Ganze noch einmal dadurch verwirrender, dass Psychologische Psychotherapeuten zwar keine Ärzte sind, aber im System der Krankenversicherungen dennoch als Fachärzte gelten, weil die Ausbildung zum Psychotherapeuten einer Facharztausbildung entspricht (s. o.). Spätestens hier, bei Fachärzten, die keine Ärzte sind, kann ich es allerdings niemandem mehr verübeln, wenn er aufhört durchzusteigen. Einen Vorteil hat diese Regelung aber: Da Termine beim Psychotherapeuten als Facharzttermin gelten (und auch die entsprechende Wartezeit aufweisen), können Arbeitnehmerinnen diese Termine oft während der Arbeitszeit wahrnehmen, da sie hierfür freigestellt werden können.

Im nächsten Teil werde ich der ebenso verbreiteten Fehlannahme widmen, Psychotherapie zu machen bedeute, „einfach mal zu reden“, und werde beschreiben, was in einer Psychotherapie tatsächlich passiert (oder passieren sollte).

© Dr. Christian Rupp 2021

Über die Bedeutung eines Doktortitels

Dieser Artikel stellt die Fortsetzung meines vorherigen Artikels dar, in dem ich mich bemüht habe, Licht ins Dunkel der verschiedenen Psych-Berufe zu bringen (zu finden hier). In diesem Artikel soll es nun darum gehen, was es nun bei all den verschiedenen Berufsbezeichnungen mit dem „Dr.“ auf sich hat. In diesem Artikel erfahren Sie also, warum man Arzt sein kann, ohne Doktor zu sein, warum man Doktor sein kann, ohne Arzt zu sein, und was ein Doktortitel mit Wissenschaft zu tun hat.

Doktor ist nicht gleich Doktor

Ganz wichtig: Der Doktortitel, den man einer abgeschlossenen Promotion erlangt, sagt nichts über die berufliche Qualifikation einer Person in einem Heilberuf aus, sondern stellt eine wissenschaftliche Zusatzqualifikation dar, die man „oben drauf“ durch eine Extraleistung erwirbt. Die meisten Ärzte haben einen – aber das liegt nicht daran, dass man mit dem Doktortitel regulär das Medizinstudium abschließt. Nein; dass fast alle Ärzte über einen Doktortitel verfügen, liegt daran, dass, verglichen mit allen anderen akademischen Fächern, der Erwerb eines Doktortitels im Fach Medizin („Dr. med.“) relativ leicht ist und in aller Regel deutlich schneller geht. Eine Promotion im Fach Medizin dauert selten länger als ein Jahr, während beispielsweise eine Promotion in z. B. Psychologie, Physik oder Chemie mindestens drei und in der Realität eher vier bis sechs Jahre dauert. Das liegt daran, dass die wissenschaftlichen Anforderungen und Hürden in so gut wie allen Disziplinen deutlich höher sind als in der Medizin. Die Doktorarbeit im (an sich nicht grundsätzlich wissenschaftlich ausgelegten) Studium der Medizin entspricht meiner Erfahrung nach in etwa der Master- oder Diplomarbeit in anderen Studiengängen wie z. B. Psychologie. Dadurch bedingt wird ein „Dr. med.“ in wissenschaftlichen Kreisen oft belächelt. Damit möchte ich keineswegs Ärztinnen und Ärzte abwerten, denn für das enorm anspruchsvolle Medizinstudium verdienen sie ebenso Respekt wie für den verantwortungsvollen und anforderungsreichen Job, den sie machen. Aber: Das Ausmaß, in dem sich manche Ärzte mit einem „Dr. med“ schmücken und auf die Anrede mit diesem bestehen, steht in keinem Verhältnis zu der Qualität der eher geringen wissenschaftlichen Leistung, die im Vergleich zu anderen Disziplinen dahintersteckt.

Was steckt hinter einem Doktortitel?

Im Prinzip handelt es sich bei einem Doktortitel um den höchsten akademischen Grad („Professor“ ist nämlich kein akademischer Grad, sondern eine Berufsbezeichnung), den man durch das Verfassen einer Dissertation („Doktorarbeit“) erlangt. In den Naturwissenschaften, und so auch in der Psychologie, muss man hierzu eine eigenständige wissenschaftliche Untersuchung durchführen, und die Dissertation muss am Ende veröffentlicht werden, bevor einem der Titel verliehen wird. Oft müssen zudem einzelne Teile der Dissertation zusätzlich in Form einzelner wissenschaftlicher Artikel in Fachzeitschriften veröffentlicht werden. Diesen gesamten Prozess bezeichnet man als „Promotion“.

Welche Doktortitel können Psychologen erlangen?

Psychologen können, weil es sich eben um eine Naturwissenschaft handelt (mehr dazu hier), entweder einen „Dr. rer. nat.“ („Doktor der Naturwissenschaften“) erlangen – oder, was weniger verständlich ist, einen „Dr. phil.“ (Doktor der Philosophie). Das mit dem „Dr. phil“ liegt letztlich daran, dass Psychologie als Studienfach in Deutschland meist traditionell den philosophischen Fakultäten zugeordnet ist oder zumindest lange war. Und wenn man noch länger zurückschaut, dann liegt es daran, dass die Philosophie geschichtlich betrachtet die Mutter der Psychologie sowie aller Naturwissenschaften ist – was anhand des damals üblichen Begriffs „Naturphilosophie“ sehr schön deutlich wird.

In den letzten 10-20 Jahren wurde an Psychologen auch immer häufiger der „Dr. rer. medic.“ (Doktor der Medizinwissenschafen) vergeben, was möglich ist, wenn Psychologen an einer medizinischen Fakultät promovieren. Das bedeutet, das Thema der Dissertation ist grundsätzlich klinischer Natur; allerdings müssen die Kandidaten an mancher Universität, um überhaupt promovieren zu dürfen, ein vier- bis sechssemestriges medizinisches Zusatzstudium absolvieren. Also auch hier gilt: Nicht mal eben im Vorbeigehen erledigt! Die Anforderungen der Universitäten an den „Dr. rer. medic.“ sind allerdings äußerst unterschiedlich, sodass man kein einheitliches Gütesiegel vergeben kann. In der Wissenschaftswelt hoch anerkannt sind vor allem der „Dr. rer. nat“ und der „Dr. phil“, zudem in den Ingenieurswissenschaften der „Dr. ing.“ und im juristischen Bereich der „Dr. iur.“.

In Kombination mit meinem vorherigen Artikel über die verschiedenen Psych-Berufsbezeichnungen erklärt sich nun also, warum ein Psychotherapeut meist gleichzeitig ein Psychologe ist und damit erstens zudem ein Naturwissenschaftlicher und zweitens auch ein Doktor sein kann. Somit gilt: Auch einen Psychologen oder Psychotherapeuten kann man mit „Herr Doktor“ anreden, wenn er durch eine wissenschaftliche Promotion z. B. einen „Dr. phil.“ oder „Dr. rer. nat.“ erworben hat – und aus meiner Sicht verdient er diese Ansprache auch noch ein bisschen mehr als ein Arzt,  weil er deutlich mehr für diesen Titel leisten und über Jahre große Entbehrungen hinnehmen musste. Denn Promovieren in den Naturwissenschaften bedeutet kurz gesagt: Viel Durchhaltevermögen, viel Frustration, wenig Freizeit, wenig Geld.

Jetzt wird auch klar: Ein Doktortitel heißt nicht automatisch, dass jemand Arzt ist (eine Annahme, der man sehr häufig begegnet) – genau so wie es auch Ärzte ohne Doktortitel gibt, die denen mit Doktortitel fachlich in nichts nachstehen, weil es sich beim Doktortitel immer um eine wissenschaftliche Qualifikation „on top“ handelt. Und abschließend hoffe ich, dass ich mit diesem Artikel und dem letzten (siehe hier) erklären konnte, warum ein Psychotherapeut auch ein Naturwissenschaftler sein kann.

© Dr. Christian Rupp 2020