psycholography

Motivation – Teil 6: Wenn wir wollen, was wir nicht mögen: Implizite und explizite Motive im Konflikt

Warum kommt es überhaupt zum Konflikt?

In den vergangenen Teilen ist es schon vermehrt angeklungen, und nun soll es in diesem Teil endlich darum gehen: um den Fall, dass implizite und explizite Motive sich widersprechen. Wie das sein kann? Nun, am einfachsten kann man dies beantworten, wenn sich einmal vor Augen führt, wie die beiden verschiedenen Formen von Motiven entstehen. Während implizite Motive in der sehr frühen Kindheit durch emotionale Lernerfahrungen entstehen (z. B. im Hinblick auf das implizite Leistungsmotiv die Erfahrung, dass das Überwinden von Herausforderungen sich „gut anfühlt“), bilden sich explizite Motive erst später zusammen mit dem Selbstbild aus. Und an dessen Entwicklung sind starke soziale und kognitive Faktoren beteiligt. Das Individuum lernt, welche Werte und Ziele von den Menschen in seiner Umgebung vertreten werden (sozialer Faktor), verarbeitet diese und versieht sie mit eigenen Wertungen (kognitiv) und formt schließlich daraus sein Selbstkonzept mit seinen persönlichen Wünschen und Zielen. So kann ein starkes explizites Leistungsmotiv z.B. entstehen, wenn ein Kind von vielen sehr erfolgreichen Menschen umgeben ist, die immer wieder direkt oder indirekt den Eindruck vermitteln, dass Erfolg einen Menschen wertvoll macht. Als Konsequenz hieraus formt das Kind ein Selbstkonzept der Sorte „Ich bin ein Leistungsträger“ bzw. „Ich muss mich anstrengen“, und folglich wird von dem Erreichen dieser selbst gesetzten Ziele der Selbstwert dieses Menschen abhängen. Erfolge steigern den Selbstwert, Misserfolge werden ihn mindern. Ich werde bei diesem Beispiel bleiben, um einmal zu verdeutlichen, was passiert, wenn ein solches explizites Motiv nicht zum jeweiligen impliziten Motiv passt. Denn ist dies nicht der Fall, kann das zu motivationalen Defiziten und starken emotionalen Beeinträchtigungen führen.

Der „verborgene Stressor“: Wollen, aber nicht mögen

Gut untersucht sind die Probleme, die auftreten, wenn ein stark ausgeprägtes explizites Leistungsmotiv („Ich will gut sein“) auf ein nur schwach ausgeprägtes implizites Leistungsmotiv trifft. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn das Selbstbild sagt: „Ich bin ein Topstudent“, man aber eigentlich gar keine Freude an Herausforderungen hat (implizites Motiv). Personen mit dieser Motivstruktur wollen Leistung zeigen, weil die daraus resultierenden Erfolge für sie belohnend sind, da sie ihren Selbstwert steigern. Sie mögen Herausforderungen (z.B. die Abschlussarbeit verfassen) selbst aber gar nicht, sodass diese als furchtbar anstrengend erlebt werden, weil die Tätigkeit selbst nicht zu ultimativen positiven Gefühlskonsequenzen führt. Nicht selten können sich solche Menschen dann über ein erreichtes Ziel auch nicht freuen, weil die Arbeit auf dem Weg dorthin als so erschöpfend erlebt wurde, dass man einfach nur froh ist, dass man’s hinter sich gebracht hat. Und hier kommt nun auch der Rückbezug zum Thema Volition: Wenn das implizite Motiv fehlt, fehlt aufgrund der fehlenden kurzfristigen Gefühlskonsequenzen auch die Motivation. Gesteuert werden diese Handlungen dann ausschließlich durch Volition, also durch die Kraft des Willens. Bei Menschen, die ein starkes explizites und ein schwaches Leistungsmotiv vereinen, spricht man daher auch von „volitionaler Erschöpfung“. Dies beschreibt einen Zustand der Antriebslosigkeit und Niedergeschlagenheit im Hinblick auf Tätigkeiten, für die aktuell keine Motivation aufgebracht werden kann und die daher rein willentlich gesteuert werden müssen. Diese Dinge machen keinen Spaß, gehen alles andere als leicht von der Hand und ziehen sich wie Gummi, angetrieben jedoch von dem fernen Ziel, das Selbstbild zu bestätigen und, im Falle einer Abschlussarbeit z.B., den Selbstwert durch eine sehr gute Note zu steigern. Dieser Zustand der „volitionalen Erschöpfung“ gilt in der klinischen Psychologie als so genannter „verborgener Stressor“ (Stressor = Stressauslöser) – „verborgen“ deshalb, weil die Ursache (das zu schwache implizite Motiv) den Betroffenen nicht bewusst und daher nicht zugänglich ist.

Weitere Beispiele: Anschluss & Macht

Ähnliche Probleme entstehen, wenn das implizite Anschlussmotiv nur gering ausgeprägt ist, aber das explizite sehr stark. Dies ist z. B. der Fall, wenn mein Selbstkonzept besagt: „Ich brauche viele Freunde, weil das zeigt, dass ich beliebt bin“ (Wie diese Annahme auch kulturell geprägt wird, kann man in jedem amerikanischen Teenie-Film betrachten), aber soziale Beziehungen eigentlich gar keinen Belohnungswert für mich haben, weil ich eher introvertiert bin und mich in Gesellschaft überhaupt nicht wohl fühle. Solche Menschen leiden auch an starkem Stress, der dadurch entsteht, dass sie sich dazu verpflichtet fühlen, bewusst darauf zu achten, dass sie all ihren sozialen Kontakten gerecht werden (durch regelmäßige Treffen, Telefonate, Geschenke, etc.). Denn schließlich haben sie im Kopf, dass sie gemocht werden müssen, weil sie sonst kein wertvoller Mensch sind (wieder Thema Selbstwert). Das Pflegen der sozialen Kontakte wird ebenso wie beim letzten Beispiel als furchtbar anstrengend empfunden, positive emotionale Konsequenzen kurzfristiger Art gibt es nicht.
Ähnliches gilt für ein schwaches implizites und ein starkes explizites Machtmotiv, z.B. beim Sohn eines Unternehmens, der von Kindesbeinen an eingetrichtert bekommt, dass er eines Tages das Familienunternehmens übernehmen soll. Es formt sich das Selbstbild „Ich bin ein Anführer“, das jedoch von keinem impliziten Machtmotiv unterstützt wird: Macht ausüben macht einfach keinen Spaß, sich durchsetzen ist dem Mann unangenehm, und Führungsverhalten wird als anstrengend empfunden. Es „liegt“ solchen Leuten einfach nicht, andere zu dominieren.

Und andersrum: Wenn wir mögen, aber nicht wollen

Der Fall, dass das implizite Motiv stark und das explizite schwach ausgeprägt ist, existiert allerdings auch. Es hat keine so belastenden Folgen wie das Gegenteil, kann aber dazu führen, dass Menschen nie zu dem gelangen, was ihnen wirklich Freude bereitet. Wenn z.B. ein großes implizites Leistungsmotiv vorhanden ist, eine Person also Freude beim Aufsuchen und Bewältigen von Herausforderung empfindet, aber das Selbstbild dieses nicht widerspiegelt, werden die entsprechenden Aktivitäten (z. B. ein Studium) nicht aufgesucht. Dies ist z.B. ein Problem in so genannten „Arbeiter-Familien“, in denen akademische Bildung nicht üblich ist. Wenn ein Kind in einer solchen Familie nicht lernt, dass Bildung wichtig ist (z. B. um ein selbstbestimmtes Leben zu führen), sondern dass es viel wichtiger ist, möglichst schnell (wenn auch nicht viel) Geld zu verdienen, wird das Selbstbild dieses Kindes nicht das explizite Motiv enthalten, Leistung zu demonstrieren, weil dieses nicht wichtig für den Selbstwert ist. Am Ende führt dies dann dazu, dass das jeweilige Kind sein implizites Leistungsmotiv nie ausleben wird – und ihm zahlreiche Erfahrungen, die es mit Freude erfüllen würden, verwehrt bleiben werden.

Klinische Folgen und psychotherapeutische Maßnahmen

Es leuchtet ein, dass solche Widersprüche in der Motivstruktur eines Menschen erhebliche Folgen für dessen psychische Gesundheit haben können. Klinisch betrachtet zeigt die Forschung, dass solche „chronische Inkonsistenzen“ das Risiko für Depression und somatoforme (d.h. psychosomatische) Störungen erhöhen. Typische Probleme von Patienten in psychotherapeutischer Behandlung bestehen zudem oft darin, dass sie unfähig sind, sich von expliziten Partnerschafts- und Berufszielen („Ich will mit ihr zusammenbleiben, weil ich nicht weiß, wo ich sonst hin soll“ / „Mein Job macht mir keinen Spaß, aber immerhin ist er sicher“) zu trennen, die ohne Freude verfolgt werden oder hohe psychische Kosten mit sich bringen. Dann ist es wichtig, Patienten auf ihre impliziten Motive aufmerksam zu machen und diese nach Möglichkeit mit ihren expliziten Motiven in Einklang zu bringen („Klärungsarbeit“). Ein weiterer Anwendungspunkt besteht im therapeutischen Prozess selbst: Zu Beginn einer Psychotherapie setzen sich Patienten üblicherweise Ziele, die sie im Verlauf der Therapie erreichen wollen. Hierbei ist es wichtig, zu beachten, dass diese Ziele mit den impliziten Motiven des Patienten deckungsgleich sind. Außerdem ist es wichtig, zu überwachen, ob ein zu Beginn der Therapie gesetztes Ziel vielleicht doch abgelegt oder geändert werden muss, weil es nicht mehr mit den inzwischen geklärten impliziten Motiven im Einklang steht.

Was sie sich jetzt vielleicht fragen, ist: „Toll, und wie komme ich nun an meine impliziten Motive?“ Einen Weg habe ich bereits in Teil 4 vorgestellt: den TAT bzw. dessen Neuentwicklung, die Picture Story Exercises. Ein paar einfachere Tipps finden Sie im finalen Teil Nr. 7, der sich ausschließlich mit dieser Frage auseinander setzt.

© Christian Rupp 2025

Motivation – Teil 5: Über den Ursprung unseres Bauchgefühls und die Theorie der somatischen Marker

Lange Zeit hielt man das so genannte „Bauchgefühl“ und seine Rolle beim Treffen von Entscheidungen für Humbug. Bis Antonio Damasio in der relativ jungen Vergangenheit (kurz nach der Jahrtausendwende) seine Theorie der somatischen Marker aufstellte und diese auch zunehmend von empirischen Befunden gestützt wurde.

Den Ursprung dieser Theorie bildeten Beobachtungen Damasios, die zeigten, dass Patienten mit einem Hirnschaden in einem ganz bestimmten Areal, nämlich dem ventromedialen präfrontalen Cortex (gelegen ca. hinter der Mitte unserer unteren Stirnhälfte), Schwierigkeiten dabei hatten, auch nur die einfachsten Entscheidungen zu treffen. Insbesondere Entscheidungen, die wir im Alltag extrem schnell ohne große Überlegungen fällen (z.B. Was esse ich heute zum Frühstück?), dauerten bei diesen Patienten fast ewig. Was bei diesen Patienten verloren gegangen war, war die Fähigkeit, Entscheidungen unbewusst zu treffen – auf Basis eines bestimmtenZustand ihres Körpers, der das widerspiegelt, was landläufig als „Bauchgefühl“ bekannt ist.

Beispielgeschichte

Wie im vorherigen Teil bereits beschrieben, ist unser Bewusstsein völlig überfordert damit, ständig bei jeder Entscheidung alle Vor- und Nachteile abzuwägen. Daher werden Entscheidungen oft unbewusst getroffen, auf Basis impliziter Motive. Doch wie sieht dies nun konkret aus? Als Beispiel soll folgende Situation herhalten: Einer Person, nennen wir sie Loredana, wird von einem internationalen Unternehmen eine Position im mittleren Management angeboten. Die Vergütung ist angemessen, aber nicht bombastisch, mit den Inhalten ihres Studiums hat die Stelle wenig zu tun, einen großen Zuwachs an Kompetenzen und Fähigkeiten kann sie nicht erwarten, sie soll ca. 60 Stunden die Woche arbeiten, und das Unternehmen ist dafür bekannt, gerade junge Mitarbeiter auszubeuten. Es gilt jedoch als große Errungenschaft, in diesem Unternehmen zu arbeiten. Loredana sitzt nun zu Hause und überlegt, ob sie das Angebot annehmen soll. Rational und clever, wie sie ist, macht sie eine Seite mit Pro- und Kontra-Argumenten und stellt verzweifelt fest: Es stehen zu viele Argumente auf der falschen Seite!

Was ist passiert? Gemäß der Theorie der somatischen Marker sind folgende Prozesse in Loredanas Körper abgelaufen:

1)

Der ventromediale präfrontale Cortex hat von den möglichen Handlungsalternativen und ihren Folgen Vorstellungsbilder erzeugt und sie auf Basis impliziter Motive emotional markiert. Das bedeutet, dieses Hirnareal assoziiert die beiden vorgestellten Handlungsalternativen (annehmen vs. ablehnen) jeweils mit einer Emotion – mit welcher, hängt vom aktivierten impliziten Motiv ab. Um welches könnte es sich hier wohl handeln? Nun, ganz klar um das implizite Machtmotiv (andere dominieren und kontrollieren, gegen andere gewinnen). Das heißt, die Alternative „annehmen“ wird mit einer positiven Emotion (Freude, Zufriedenheit, Stolz) belegt, die Alternative „ablehnen“ hingegen mit einer entsprechenden negativen Emotion. Aber: all diese Prozesse laufen unbewusst ab!

2)

Der ventromediale präfronale Cortex leitet nun die Entstehung des „Bauchgefühls“ ein. Dies geschieht über das autonome Nervensystem (Hirnstamm: Sympathikus / Parasympathikus), welches dann eine „peripher-physiologische Reaktion“ einleitet. Das bedeutet, es werden physiologische Reaktionen im gesamten Körper ausgelöst. Dies kann die Entstehung einer Gänsehaut, Schwitzen oder einen erhöhten Puls ebenso wie verschiedenste Reaktionen im Magen-Darm-Trakt auslösen. Hierher kommt auch der Begriff „somatische Marker“: Die „Marker“ sind, wie oben beschrieben, emotionaler Art, aber die Reaktion, die dadurch ausgelöst wird, betrifft den ganzen Körper (griech.: „Soma“). Dieses Konzert von physiologischen Reaktionen gleicht dann Emotionen wie Traurigkeit und Angst oder aber Lust und Freude – und kann als das „Bauchgefühl“ bewusst wahrgenommen werden. Dies muss aber nicht der Fall sein: Der Prozess kann auch unbewusst bleiben…

3)

Dies ist der Fall, wenn durch das Konzert physiologischer Reaktionen das „Belohnungssystem“ des Gehirns aktiviert wird (siehe Teil 2), welches als hauptsächlichen Neurotransmitter Dopamin nutzt. In diesem Fall würde das Belohnungssystem für die unbewusste Entstehung von Motivation sorgen, die bei Loredana dazu führt, das Jobangebot anzunehmen, weil sie hierdurch ihr angeregtes Machtmotiv ausleben kann.

Jetzt lässt sich erklären, warum Loredana zu viele Argumente auf der „falschen“ Seite der Liste findet: Aufgrund ihres stark ausgeprägten Machtmotivs wurde die Entscheidung schon viel früher auf unbewusstem Wege gefällt, sodass sich die durch bewusstes Abwägen gefundene Entscheidung (nämlich das Angebot abzulehnen) nicht richtig „anfühlt“. Loredana gehört zu den Fällen, bei denen das Bauchgefühl nicht bewusst wahrgenommen wurde. Die Forschung zeigt, dass es diesbezüglich tatsächlich Unterschiede zwischen Personen gibt: Interessanterweise haben Leute, die einen besseren Zugang zu ihren Körperempfindungen haben, eine bessere Übereinstimmung zwischen impliziten und expliziten Motiven, weil sie dadurch merken, was ihnen wirklich „gut tut“. Um Konflikte zwischen expliziten und impliziten Motiven wird es in Teil 6 noch ausführlicher gehen.

Machen unbewusst getroffene Entscheidungen glücklicher?

Das Binden an und Verfolgen von Zielen und Entscheidungen geschieht zu einem großen Teil unbewusst durch die Bildung „affektiver Präferenzen“, d.h. von Präferenzen für bestimmte emotionale Zustände. Durch bewusstes Abwägen getroffene Entscheidungen führen nachweislich zu geringerer langfristiger Zufriedenheit als unbewusst getroffene Entscheidungen (unbewusstes Abwägen im Sinne der Theorie Damasios). Dies weiß man aus Studien, in denen Probanden beispielsweise gebeten wurden, aus einer Reihe von Gemälden eines aussuchen. Entweder mussten sie dies sofort tun, nach einer Viertelstunde Bedenkzeit oder im Anschluss an eine „kognitive Distraktoraufgabe“, z.B. einen kurzen Aufsatz zu einem völlig anderen Thema zu schreiben. Diese Distraktoraufgabe sollte verhindern, dass bewusste Prozesse des Abwägens in Gang kommen, stand aber unbewussten Abwägungsprozessen (wie oben beschrieben) nicht im Wege. Nach einigen Wochen fragt man dieselben Probanden dann noch einmal, wie zufrieden sie mit ihrer Wahl von damals sind und erhält als typisches Ergebnis, dass die Probanden, die die Distraktoraufgabe bearbeitet haben und daher unbewusst abwägen mussten, am zufriedensten mit ihrer Entscheidung waren. Gefolgt von denen, die sofort entscheiden mussten und denen, die bewusst abwägen sollten. Dieses unbewusste Abwägen aufgrund nicht rationaler, sondern emotionaler, d.h. impliziter Motive gilt tatsächlich für viele langfristige Ziele wie Berufswahl, Partnerwahl, Familienplanung, etc. Es gilt aber auch für sämtliche alltägliche Entscheidungen, z.B….

Im Supermarkt: Marke oder No-Name?

Denken Sie einmal daran, wie Sie im Supermarkt entscheiden, was in den Einkaufswagen kommt. Sie glauben doch nicht, dass sie jede Entscheidung dabei durch bewusstes Abwägen treffen? Besonders zum Kauf von Marken-Artikeln vs. No-Name-Produkten gibt es sehr viel Forschung, die zeigt, dass der Kauf von Markenartikeln oft durch unbewusste Prozesse gesteuert wird. Legt man eine Person in ein MRT und zeigt ihr Bilder von großen Labels wie „Coca-Cola“, „Persil“, „BMW“ und Co., werden sämtliche Strukturen des Belohnungssystems, z.B. der nucleus accumbens, der den Belohnungswert eines Reizes anzeigt, am Bildschirm hell aufleuchten und dadurch die hohe Aktivität dieser Gehirnstrukturen verraten. Markenprodukte haben einen Belohnungscharakter, der entweder durch Erfahrungen in der Kindheit bewusst oder unbewusst gelernt wird („De Mutti hat auch immer dat jute Persil jekauft“) oder der mit impliziten Motiven zusammenhängt: So ist der Kauf von Markenprodukten z.B. durch ein starkes implizites Machtmotiv erklärbar, aufgrund dessen eine Person danach strebt, durch den Kauf solcher Produkte Status und Wohlstand zu demonstrieren („Isch kann et mir leisten!“).

Verblüffend

Wie stark die Macht von impliziten Motiven über unser Handeln ist, verdeutlichen die Befunde von Priming-Studien, die untersucht haben, wie Menschen sich unbewusst an ein Ziel binden. Demnach ist es sogar möglich, durch die subliminale (d.h. nicht bewusste, weil nur wenige Millisekunden andauernde) Darbietung von Anreiz-Worten (z.B. „Herausforderung“ zur Aktivierung des Leistungsmotivs) implizite Motive anzuregen und dafür zu sorgen, dass Leute sich an unbewusste Ziele binden, die sie nachher aber nicht verbalisieren können. Dass das Motiv dennoch aktiviert wurde, zeigt sich dadurch, dass die Leistung in einer darauf folgenden Aufgabe sichtlich gesteigert ist. Und nur nochmal zur Verdeutlichung: Die subliminale Präsenation ist so kurz, dass das Wort nicht bewusst verarbeitet werden und nicht verbal wiedergegeben kann!

Warum ist das so?

Doch warum sind unbewusste (d.h. emotional gesteuerte) Entscheidungen nun besser? Nun, weil das bewusstes Abwägen sich wegen der begrenzten Kapazität des Bewusstseins auf wenige Aspekte beschränken muss, während das unbewusste Abwägen viel mehr Informationen miteinander verrechnen kann. Die Wahrscheinlichkeit, dass beim bewussten Abwägen ein Aspekt vergessen wird, ist daher ungleich höher – ebenso wie das Risiko, mit der Entscheidung eines Tages nicht mehr zufrieden zu sein.

Im sechsten Teil widme ich mich der Frage, was passiert, wenn implizite und explizite Motive sich widersprechen – wenn wir wollen, was wir nicht mögen.

© Christian Rupp 2013

Motivation – Teil 4: Wie bewusst ist unser Handeln? Von expliziten und impliziten Motiven.

Bisher haben wir gesehen, wie Motivation grundsätzlich entsteht, wie sie mit Emotionen zusammenhängt und was benötigt wird, wenn es an Motivation fehlt. Nun soll es um das wohl spannendste Thema gehen, nämlich die Frage, inwiefern uns unsere Motive bewusst sind oder nicht. Wie bewusst treffen wir unsere Entscheidungen? Wie bewusst sind uns unsere Beweggründe, in einer bestimmten Situation so und nicht anders zu handeln? Warum lesen Sie gerade diesen Text?

In der Tat gibt es fast jedes Motiv in einer bewussten und einer unbewussten Form, und man spricht dementsprechend von expliziten (d.h. bewussten) und impliziten (d.h. unbewussten) Motiven. Aber was heißt „bewusst“ und was heißt „unbewusst“?

Was ist die Hauptstadt von Frankreich?

Nun, in Ihrem Kopf wird sich die Antwort „Paris“ breit machen. Dieser Teil ist daher bewusst, er ist Teil Ihres Bewusstseins. Die Such- und Abrufprozesse, die hierzu erst in Ihrem Gehirn stattfinden mussten, sind hingegen nicht Teil Ihres Bewusstseins, sie sind unbewusst. Genau so sind auch implizite Motive unbewusst, d.h. wenn man Menschen fragt: „Warum machst du das?“, können sie einem über ihre impliziten Motive im Normalfall keine Auskunft geben. Dass dies so ist, sollte man nicht meinen, denn Menschen sind oftmals in der Lage, einem durchaus eloquent die Beweggründe für ihr jeweiliges Handeln darzulegen. Zugriff haben sie dabei aber lediglich auf ihre expliziten Motive, was erklärt, dass wir oft aus anderen Gründen handeln als wir meinen.

Warum ist das so? Eine Frage der Kapazität.

Es ist dabei in der Tat zwingend nötig, dass viele motivationale Vorgänge unbewusst, d.h. implizit gesteuert werden – denn unser Bewusstsein hat eine sehr begrenzte Kapazität, die ca. das Lesen des Satzes „Paris ist die Hauptstadt von Frankreich“ umfasst. Unglaublich viele Entscheidungen werden von uns unbewusst getroffen, geleitet durch implizite Motive. Denn der unbewusste Teil der in unserem Gehirn ablaufenden Prozesse hat eine vergleichsweise gigantische Kapazität, die es ihm ermöglicht, in der gleichen Zeit viel mehr Informationen zu verrechnen und zu einem Entschluss zu gelangen als der bewusste Teil. Unser Gehirn wäre sonst schlichtweg überfordert.

Eine knackige Gegenüberstellung: explizite vs. implizite Motive

Explizite Motive sind Teil des Selbstbilds, das praktisch die eigene Definition einer Person darüber beinhaltet, wer sie ist. Das Selbstbild oder Selbstkonzept gibt u.a. Antworten auf die Fragen: „Wer bin ich?“, „Was ist mir wichtig?“ und „Was will ich erreichen?“. Es enthält also eigene Bedürfnisse, Wünsche und Ziele, die man auch als explizite Motive bezeichnen kann. Implizite Motive haben mit diesen expliziten Motiven kaum etwas zu tun – es handelt sich tatsächlich um zwei unabhängige Motionssysteme. Implizite Motive regulieren Verhalten, so wie in den vorherigen Teilen beschrieben, durch die Erwartung (meist kurzfristiger) positiver emotionaler Konsequenzen. Explizite Motive tun dies hingegen durch das Streben nach einem konsistenten Selbstbild und einem positiven Selbstwertgefühl. Das heißt, wenn es z.B. Teil meines Selbstbildes ist, gute Leistungen zu erbringen, werde ich mich deshalb besonders anstrengen, um mein Selbstbild zu bestätigen. Das wiederum tue ich, weil von solch einem konsistenten Selbstbild mein Selbstwert abhängt.
Auch das Verhältnis zum Verhalten ist bei den zwei Sorten von Motiven grundsätzlich unterschiedlich. Implizite Motive bedingen Verhalten direkt, explizite Motive ermöglichen es uns eher, zwischen verschiedenen Handlungsalternativen zu wählen und Ziele zu setzen. Interessant ist außerdem, dass implizite Motive so genannte „Tätigkeitsanreize“ haben, während explizite Motive eher „Ergebnisanreize“ haben. Das bedeutet, dass implizite Motive durch sehr kurzfristige emotionale Konsequenzen der Tätigkeit bedingt sind – die Tätigkeit selbst (z.B. Prüfungsliteratur lesen) „macht Spaß“, während das „Antreibende“ bei den expliziten Motiven die erwarteten Emotionen sind, die durch das Ergebnis der Tätigkeit eintreten (z.B. eine gute Note in der Klausur). Außerdem unterscheiden sich die beiden Motivarten noch hinsichtlich ihrer Entwicklung bzw. Entstehung: Implizite Motiv entwickeln sich bereits in der frühen Kindheit, bevor das Kind sich sprachlich ausdrücken kann, durch emotionale Lernerfahrungen (man lernt, was zu positiven Gefühlszuständen führt und was nicht). Explizite Motive hingegen entstehen später, parallel zum Selbstbild des Menschen, das sich generell erst entwickelt, wenn der Mensch über sprachlichen Ausdruck verfügt.

Ein Beispiel: implizites und explizites Leistungsmotiv

Wie oben bereits angedeutet, unterscheiden sich das implizite und das explizite Leistungsmotiv grundsätzlich. Von einem impliziten Leistungsmotiv spricht man, wenn es einer Person Freude (kurzfristige, positive emotionale Konsequenzen) bereitet, ihre eigenen Fähigkeiten zu steigern und auszubauen, den Lernstoff zu verstehen, sich selbst Herausforderungen zu setzen, etc. Das explizite Leistungsmotiv hingegen strebt vielmehr danach, eine Bestätigung für ein Selbstkonzept der Sorte „Ich will zur Spitze gehören“ zu bestätigen. Wie im letzten Absatz beschrieben, geht es hier um die Ergebnisse des Handelns, nicht um das Handeln selbst. Die erwarteten Gefühlskonsequenzen des Ergebnisses (z.B. eine bestimmte Prüfungsnote) sind hier die treibende Kraft, und die vorwiegend angestrebte Emotion ist Stolz, d.h. eine Erhöhung des Selbstwerts. Das explizite Leistungsmotiv führt zu einer bewussten Zielsetzung (z.B. „Ich will mein Abitur mit einer „1“ vor dem Komma machen), das implizite Leistungsmotiv entzieht sich gemäß seiner Definition jeder bewussten Verarbeitung. In einem späteren Teil werden wir das implizite und explizite Leistungsmotiv noch einmal wieder treffen und uns den Fall anschauen, dass die beiden sich nämlich völlig widersprechen.

Wie greifen implizite und explizite Motive nun ineinander?

Explizite Motive bestimmen maßgeblich, in welchen Bereichen implizite Motive angeregt werden. Wieder Beispiel Leistungsmotiv: Das implizite Leistungsmotiv richtet sich unspezifisch auf alle Tätigkeiten, die man, plakativ gesagt, gut oder schlecht machen kann. Je nach Selbstkonzept und damit verbundenem expliziten Motiv (z.B. „guter Sportler“ oder aber „guter Schüler“) kann sich das implizite Motiv dann eher im einen oder im anderen Bereich entfalten. Das bedeutet: Explizite Motive bleiben wirkungslos, wenn nicht gleichzeitig ein passendes implizites Motiv besteht, das die Tätigkeit emotional „auflädt“. Die Forschung zeigt: Ca. die Hälfte aller expliziten Motive haben keinen impliziten „Partner“ und damit eine schlechte Chance, tatsächlich umgesetzt zu werden. Da sich dazu aber noch vielmehr sagen lässt, verweise ich auch hier wieder auf die noch folgenden Teile, wo sich diesbezüglich noch sehr spannende Erkenntnisse ergeben werden.

Und zum Schluss: Wie kann man Motive überhaupt erfassen?

Die Forschung zur Messung von Motiven war es tatsächlich, die überhaupt erst zur Unterteilung zwischen impliziten und expliziten Motiven führte. Kurz zusammengefasst ist es so, dass man explizite Motive mit geeigneten Fragebögen oder Interviews erfragen kann, da diese bewusst zugänglich sind und sprachlich wiedergegeben werden können. Implizite Motive müssen hingegen mit indirekten Verfahren erfasst werden. Bewährt hat sich hierbei vor allem der TAT, der Thematische Apperzeptionstest. Hierbei handelt es sich um eines der wenigen projektiven psychologischen Testerfahren, das zufrieden stellende psychometrische Testeigenschaften aufweist und somit valide (d.h. tatsächlich) gültige Aussagen über eine Person erlaubt (Streng genommen gilt dies jedoch sehr viel mehr für die moderne Weiterentwicklung des TAT, die Picture Story Exercises, die dem gleichen Prinzip folgen, aber bessere psychometrische Gütekriterien aufweisen). Der Test ist so aufgebaut, dass Personen mehrdeutige Bilder präsentiert werden (z.B. eines, das einen Mann und eine Frau auf einer Parkbank zeigt) und die Personen dann eine Geschichte zu diesem Bild erzählen sollen. Die recht gut belegte Annahme dabei ist die, dass sich in den Geschichten die impliziten Motive der Erzählenden niedergeschlagen – oder mit anderen Worten: Die Erzählenden projizieren (deshalb „projektives“ Testverfahren) ihre unbewussten Motive auf die neutrale Situation. So würde in unserem Beispiel z.B. ein stark anschlussmotivierter Mensch eine Geschichte erzählen, in der das Knöpfen sozialer Beziehungen eine Rolle spielt, ein Mensch mit starkem Machtmotiv würde vielleicht eine Konkurrenzsituation in seine Geschichte einbauen. Die Antworten der Personen in diesem Test werden aufgezeichnet und hinterher entsprechenden Kategorien zugeordnet, was die Auswertung sehr aufwendig macht. Im letzten Teil dieser Themenreihe werde ich aber auch noch ein paar einfachere Tricks verraten, mit denen man seinen impliziten Motiven auf den Grund gehen kann.

In Teil 5 geht es um einen wichtigen Verdienst unserer impliziten Motive – die neurowissenschaftliche Ergründung unseres so genannten „Bauchgefühls“.

© Christian Rupp 2013

Motivation – Teil 3: Wenn die Motivation fehlt, zählt der Wille.

Bei Tieren ist Motivation, basierend auf der Erwartung von kurzfristig nach dem Verhalten eintretenden Emotionen, wahrscheinlich die einzige treibende Kraft für sämtliche Verhaltensweisen. Wenn das Motiv „Sexualität“ in der Paarungszeit durch potenzielle Sexualpartner und hormonelle Veränderungen aktiviert wird, folgt daraus grundsätzlich immer Paarungsverhalten (ergo: Sex).

Rauchen: Ein Beispiel für den Kampf von Motivation und Volition

Der Mensch aber besitzt aber die Fähigkeit, auch entgegen der aktuell bestehenden Motivation zu handeln. Dies geschieht durch die Kraft des Willens (Volition), weshalb solche Handlungen auch als „volitionales Verhalten“ bezeichnet werden. Dieser Wille muss sich gegen eine momentan bestehende Motivation durchsetzen, welche, wie in den ersten beiden Teilen beschrieben, bedingt ist durch die Erwartung von kurzfristigen emotionalen Konsequenzen. Das Paradebeispiel hierfür ist das Rauchen einer Zigarette, welches sofort zu einem positiven emotionalen Zustand führt, der über das meso-kortikolimbische System vermittelt wird. D.h., die Erwartung dieses Gefühls treibt das Verhalten an, sich die Zigarette anzustecken und sie genüsslich aufzurauchen. Trotzdem gelingt es ja immer wieder Menschen, mit dem Rauchen aufzuhören. Und das macht die Volition (= der Wille) möglich.

Das Rubikon-Modell

Wie solche willentlichen Prozesse aussehen, beschreibt das so genannte „Rubikon“-Modell. Der Rubikon ist ein Flüsschen nördlich von Rom, bis zu dessen Überquerung durch die Römer in der Gegend Frieden herrschte. Unmittelbar nach der Überquerung brach dann der Krieg aus. Das Modell hat seinen Namen von diesem Fluss, weil das Modell einen Punkt annimmt, ab dem eine geplante Handlung praktisch nicht mehr umkehrbar ist und durchgeführt werden muss.

Im Zentrum des Modells steht die Bildung einer Intention, also einer Absicht (z.B. mit dem Rauchen aufhören). Ihr geht die so genannte „Selektionsmotivation“ voraus, die es ermöglicht, zwischen verschiedenen Handlungsalternativen inklusive deren Konsequenzen abzuwägen und schließlich ein Ziel auszuwählen (z.B. weiter rauchen = keine anstrengende Herausforderung, aber Gesundheitseinbußen und hohe Kosten; mit dem Rauchen aufhören = zu Beginn anstrengend und entbehrungsreich, aber langfristig gut für Gesundheit & Portemonnaie). Wichtig ist: Dieser Prozess kann bewusst oder unbewusst ablaufen. Mit der Entscheidung für ein Ziel bildet sich die Absicht, die dem Modell zufolge unumstößlich ist, und es folgt die Realisationsmotivation, d.h. das Bestreben, das gesetzte Ziel auch umzusetzen. Aber die Realisationsmotivation ist „labil“: Auch wenn eine Absicht gebildet ist, können in Situationen Anreize auftauchen, die über die Antizipation kurzfristiger positiver Emotionen Motive aktivieren, die im Widerspruch zu der Absicht stehen. Wie z.B. wenn ein Raucher, der gerade aufgehört hat zu rauchen, in Mitten einer rauchenden Gesellschaft sitzt und eine Zigarette angeboten bekommt. In einem solchen Fall ist es wichtig, bestimmte volitionale Strategien zu verwenden. Einige hilfreiche Strategien sind im Folgenden dargestellt:

  • Aufmerksamkeitskontrolle: Die Aufmerksamkeit von verlockenden Anreizen weglenken, z.B. weg von all den verführerisch qualmenden Zigaretten und hin zu einem Gespräch oder zum Essen.
  • Emotionskontrolle: Verhindern, dass sich emotionale Zustände einstellen, die die Realisationsmotivation gefährden. Bei Rauchern, die einen starken Suchtdruck verspüren, hat sich z.B. Sport als sinnvolle Ablenkung erwiesen, weil er den Körper in einen anderen emotionalen Zustand versetzt.
  • Umweltkontrolle: Anreize, die die Realisationsmotivation gefährden könnten, aus der Umwelt selbst entfernen. Z.B. Aschenbecher und Feuerzeuge aus der Wohnung verbannen.
  • Motivationsaufschaukelung: An die langfristigen positiven Konsequenzen des Ziels denken, d.h. gegenwärtig nicht aktivierte Motive aktivieren. Bei Rauchern wären das z.B. die bessere Gesundheit, ein längeres Leben, und mehr Geld für andere Dinge, die man sich schon lange wünscht. Je bunter und intensiver man sich diese Konsequenzen vorstellt, desto besser.
  • Enkodierungskontrolle: Die Wahrnehmung und die Aufmerksamkeit kontrollieren, z.B. Gespräche über’s Rauchen überhören.
  • Sparsamkeit der Informationsverarbeitung: Für das langfristige Ziel kontraproduktive Gedanken („Eine kann ich mir ja noch gönnen, danach höre ich richtig auf“) durch die Methode des „Gedankenstopps“ einstellen: D.h., solche Gedanken sofort erkennen und unterbinden, dass sie verhaltenssteuernd werden.

Man kann also an dieser Stelle festhalten, dass es zwei Arten von Motivation gibt: einmal die von der Erwartung kurzfristig eintretender Emotionen bedingte Motivation, und die von einer willentlich geformten Absicht erzeugte Motivation, die außerdem von der Erwartung langfristiger positiver Konsequenzen „gespeist“ wird. Der Begriff „Motivation“ meint aber im ursprünglichen Sinne nur den ersten Typ, der von Emotionen getragen wird. Um Verwirrungen zu umgehen, bezeichnet man den zweiten Typ daher meist als „Volition“, obwohl man natürlich argumentieren kann, dass dabei ein Zustand entsteht, der dem der Motivation in etwa entspricht.

Insgesamt ist es aber hilfreich, davon auszugehen, dass volitionales Handeln eben dann nötig wird, wenn ein Motivationsdefizit vorliegt, das sich dadurch zeigt, dass diese willentlich ausgeführten Tätigkeiten keinen Spaß machen und anstrengend sind – im Gegensatz zu Tätigkeiten, die durch aktuell aktivierte Motive gestützt werden (intrinsisch motivierte Handlungen). Diese machen Spaß und erzeugen den so genannten „Flow“, der u.a. durch enorme Ausdauer und vermindertes Zeitempfinden gekennzeichnet ist. Dies bildet auch die Überleitung zu den nächsten drei Teilen, in dem es um den Unterschied zwischen bewussten und unbewussten Motiven gehen wird, wobei das Konzept der Volition erneut auftauchen wird.

© Christian Rupp 2013

Motivation – Teil 2: Der Motor – Emotionen in unserem Gehirn

In diesem Teil soll es darum gehen, wie Motivation in unserem Gehirn entsteht. Und wie Sie sehen werden, ist das Konzept der Motivation untrennbar mit dem der Emotion verbunden, was mit dem sogenannten Belohnungssystem zu tun hat. Wie in Teil 1 bereits dargestellt, entsteht Motivation, d.h. der Antrieb zu zielgerichtetem Verhalten, in Folge der Erwartung positiver Emotionen. Mit positiver Emotion ist hier vor allem „Lust“ bzw. „Befriedigung“ gemeint.

Das „Belohnungssystem“

Vermittelt werden Emotionen und speziell Belohnungs- und Befriedigungsempfinden maßgeblich durch evolutionär „alte“ und im Gehirn innenliegende Gehirnregionen, nämlich durch das so genannte limbische System, den nucleus accumbens und Teile des Mittelhirns (Mesencephalon), sowie durch ein sehr „junges“ Gehirnareal, den PFC (präfrontaler Cortex, gelegen hinter unserer Stirn). Das limbische System wiederum umfasst unter anderem den Hypothalamus (vegetative „Schaltzentrale“ und Schnittstelle zum Hormonsystem), den Hippocampus (unersetzlich für unser Gedächtnis) und die Amygdala (auch Mandelkern genannt, spielt die Hauptrolle bei Angst). All diese Gehirnstrukturen nutzen als Neurotransmitter Dopamin, weshalb man dieses Konglomerat zusammenfassend auch „meso-limbokortikal dopaminerges System“ nennt. Dieses System vermittelt das Lustempfinden bei allen Motiven, egal ob Hunger, Durst, Sex, Leistung, Macht oder Anschluss, weshalb es auch als „Belohnungssystem“ bezeichnet wird. So zeigen z.B. Menschen mit einem stark ausgeprägten Leistungsmotiv einen Anstieg in der Aktivität dieser Gehirnstrukturen, sobald das Leistungsmotiv durch einen Anreiz aktiviert wurde. Eine hervorstechende Funktion kommt dabei dem nucleus accumbens zu: Seine Aktivität nämlich zeigt an, wie attraktiv eine Belohnung ist, d.h. als wie erstrebenswert ein bestimmter Gefühlszustand bewertet wird. Gleichzeitig erhält ein bestimmter Reiz (z.B. das Gesicht einer Person) erst durch eine hohe Aktivität des nucleus accumbens einen Belohnungscharakter. Er spielt daher eine wichtige Rolle bei Suchtverhalten, da durch seine Aktivität z.B. ein Reiz (Drogen, Alkohol, Glücksspiel, etc.)  mit Belohnung assoziiert wird.

Wenn Dinge positive Emotionen erzeugen, folgt daraus also Motivation. Aber wie werden Emotionen überhaupt erzeugt, nachdem wir einen bisher noch neutralen, d.h. nicht mit einer Emotion assoziierten Reiz wahrgenommen haben? Für das Auslösen von Emotionen ist die Amygdala (Teil des limbischen Systems) ausschlaggebend. Allerdings gibt es drei verschiedene Arten, wie die Amygdala Emotionen, allen voran Angst, produzieren kann, und diese sind im Folgenden kurz beschrieben.

1. „Quick and dirty“

Diese Route ist die kürzeste Verbindung zwischen der Wahrnehmung eines Reizes und der entstehenden Emotion. Ein Reiz, egal ob visueller, akustischer oder sonstiger Art, findet durch die Sinnesorgane Eingang ins Gehirn und erreicht zunächst den Thalamus, eine Struktur im Zwischenhirn (d.h. evolutionär eher „alt“). Der Thalamus sendet das Signal dann weiter in die entsprechende Cortex-Region (z.B. primärer visueller Cortex oder auditorischer Cortex), wo der Reiz dann weiter verarbeitet wird. Der Thalamus wird auch „Tor zum Bewusstsein“ genannt, weil jeder Nervenimpuls erst ihn passieren muss, damit er unser Bewusstsein erreicht. Die „Quick and dirty“-Route aber ist eine direkte Verbindung zwischen Thalamus und Amygdala. Sie sorgt z.B. für das Empfinden von Angst, für die wir keinen bewussten Grund feststellen können (z.B. wenn wir das Gefühl haben, verfolgt zu werden), sowie für blitzschnelle Schreckreaktionen, wie sie im Falle einer Bedrohung auftreten. Eine bewusste Verarbeitung und Bewertung des Reizes würde hierfür viel zu lange dauern, denn eine schnelle Furcht- und damit ggf. auch Fluchtreaktion ist lebenswichtig. „Dirty“ ist diese Route deshalb, weil diese kognitive, also gedankliche Bewertung fehlt und die Analyse des Reizes somit „schlampig“ ausfällt – was dazu führt, dass die Angst oft unbegründet ist.

2. Bewusste Bewertung

Die zweite Route führt nicht direkt vom Thalamus zur Amygdala, sondern nimmt einen Umweg über den Cortex, der eine gründlichere und vor allem bewusste Verarbeitung des Reizes ermöglicht. D.h. es wird abgewogen, was der Reiz vor dem persönlichen Hintergrund der Person zu bedeuten hat, und der Reiz wird bewusst bewertet, z.B. als bedrohlich. In einem solchen Fall werden auf dieser Route außerdem noch die persönlichen Handlungs- und Bewältigungsmöglichkeiten in Betracht gezogen, d.h. wie gut man mit dem bewerteten Umstand umgehen kann. Besteht der Reiz z.B. darin, dass man erfährt, dass eine Klausur um eine Woche vorverlegt wurde, könnte die (im Cortex stattfindende) erste Bewertung lauten: „Ach du Scheiße“. Nach Berücksichtigung der eigenen Handlungskompetenz, die es ermöglicht, den Lernplan entsprechend umzustellen, könnte die zweite Bewertung dann lauten: „Ok, krieg’ ich hin“, und die Amygdala würde keinen Angstzustand, sondern relatives Wohlbefinden erzeugen. Fällt in einer anderen Situation die Bewertung negativ aus, können durch solche bewussten Verarbeitungsprozesse Emotionen wie Schuld und Scham entstehen. Auf der positiven Seite wiederum können angenehme Emotionen wie beispielsweise Stolz entstehen. Solche Emotionen, die durch kognitive Bewertung und somit „im Cortex“ entstehen, nennt man teilweise auch sekundäre Emotionen, während man die „Amygdala-Emotionen“ auch primäre Emotionen nennt.

3. Zuhilfenahme des Gedächtnisses

Route 3 zeichnet sich durch eine zusätzliche Beteiligung des Hippocampus aus, der den Sitz unseres deklarativen (d.h. bewusst zugänglichen) Gedächtnisses darstellt. D.h. er ist für die Speicherung unseres Weltwissens ebenso wie unserer persönlichen Erfahrungen verantwortlich (nicht aber für unser prozedurales Gedächtnis, welches z.B. automatische Bewegungsabläufe beinhaltet). Dadurch können aktuelle Ereignisse mit Erinnerungen abgeglichen werden und somit zu einer Bewertung des Reizes beitragen. Außerdem ermöglicht es dieser Schaltkreis, dass durch Erinnerungen Emotionen entstehen. Er ist somit daran beteiligt, wenn wir uns z.B. an ein tragisches Erlebnis in unserem Leben erinnern und dadurch Traurigkeit verspüren.

Die Amygdala, der präfrontale Cortex und kognitive Verhaltenstherapie

Die Amygdala weißt zwei weitere interessante Verbindungen zu anderen Hirnstrukturen auf. Ihre Verbindungen zu den sensorischen Arealen des Cortex ermöglichen es, die Aufmerksamkeit gemäß der Emotionslage auszurichten (z.B. auf Fotos aus dem letzten Urlaub, wenn es uns gerade gut geht). Die Verbindung der Amygdala zum PFC hingegen ist der Grund, weshalb kognitive Verhaltenstherapie wirkt. Diese Form von Psychotherapie wird erfolgreich z.B. bei Depression angewandt und besteht im Kern darin, dass Reize kognitiv neu (z.B. als weniger gefährlich) bewertet werden und in der Folge andere Emotionen erzeugen. Durch den PFC, wo solche kognitiven Prozesse geschehen, kann somit auf die Amygdala und die durch sie erzeugten Emotionen eingewirkt werden.

Der orbitofrontale Cortex und Expositionstherapie

Für konditionierte Angstreize (das sind Reize, die durch wiederholte Erfahrung mit Angst assoziiert sind, z.B. Spinnen) gilt dies im Falle der Amygdala aber nur eingeschränkt. Die Bezeichnung „Angstgedächtnis“ verrät bereits, dass die Amygdala der „Speicherort“ von konditionierten Ängsten ist. Und interessanterweise hat sich gezeigt, dass einmal in der Amygdala etablierte Reiz-Angst-Assoziationen außerordentlich resistent gegenüber Veränderung sind: Widersprüchliche Erfahrungen können diese Assoziationen kaum aufbrechen. Es gibt allerdings noch ein zweites wichtiges Angstzentrum, den orbitofrontalen Cortex (ganz vorderer Teil des Cortex, ungefähr hinter unseren Augen gelegen, Abkürzung OFC). Dieser ist deutlich „flexibler“ und kann durchaus auch „umlernen“, d.h. bestehende Assoziationen rückgängig machen und somit dafür sorgen, dass ein Reiz in Zukunft keine Angst mehr auslöst. Dieses System wiederum erklärt die große Wirksamkeit von Expositions- bzw. Konfrontationstherapie bei Angststörungen: Bei andauernder Konfrontation mit dem Angstreiz kommt es irgendwann zur Abnahme der Angstreaktion („Habituation“) – und die Assoziation zwischen Reiz und Angst wird aufgehoben („gelöscht“). Bezüglich dieses Prozesses liegen aber auch abweichende Ansichten in der Wissenschaft vor. So gehen viele Forscher auch davon aus, dass jene konditionierte Verbindungen nie wirklich gelöscht werden, sondern nur durch eine neue Lernerfahrung „überschrieben“ werden, sodass der neue Lerninhalt den alten hemmt. Dass die alte Verbindung zwischen Reiz und Furcht auch nach erfolgreicher Expositionstherapie noch besteht, weiß man z.B. dadurch, dass eigentlich gelöschte Verbindungen nach der Therapie manchmal wieder auftauchen. Für diesen Prozess werden vor allem die Verbindungen zwischen Amygdala und Hippocampus als wichtig angesehen. Was also letztendlich bei der Exposition passiert, ist noch nicht völlig geklärt.

Nach einem kleinen Schlenker hin zur Entstehung und Beeinflussung von Emotionen soll es nun zurück zum Kernthema gehen, der Motivation. Im dritten Teil gehe ich darauf ein, wie und warum es möglich ist, dass wir auch ohne jegliche Motivation handeln können.

© Christian Rupp 2013

Motivation – Teil 1: Wenn ein Motiv auf einen Anreiz trifft

Die Motivationsforschung ist ein Gebiet der Psychologie, das, obwohl es in meinem Studium fast gänzlich ausgelassen wurde, in besonderem Maße mein Interesse geweckt hat. Und zwar deshalb, weil sich anhand von Motiven so ziemlich am allerbesten menschliches Verhalten erklären lässt (besser z.B. als das Konzept der Persönlichkeitseigenschaften bzw. „traits“) – das wahrscheinlich älteste und für Laien interessanteste Ziel der Psychologie. Warum handeln wir so, wie wir handeln? Wie bewusst sind unsere Entscheidungen? Sind unsere Motive überhaupt bewusst zugänglich? Auf diese und noch mehr Fragen gehe ich in sieben Artikeln zum Thema „Motivation“ ein: Begeben Sie sich auf eine siebenteilige Reise durch die Welt der Motive, der Emotionen und des Willens.

Motive nehmen, wie gesagt, eine zentrale Rolle in der Erklärung von Verhalten ein. Ein „Motiv“ entspricht in etwa einem Bedürfnis eines Menschen. Die wissenschaftliche Definition sieht Motive als „überdauernde Affektpräferenzen für abgrenzbare Klassen von Anreizen und Zielzuständen“. Diese sperrige Formulierung soll bedeuten, dass es sich bei einem Motiv um ein Bedürfnis nach einer bestimmten Sache, einem bestimmten Zustand etc. handelt, weil diese Sache/dieser Zustand angenehme emotionale Konsequenzen („Affekte“) mit sich bringt.

Welche Motive gibt es? Für alle Menschen gelten dieselben Motive (auch wenn man sich nicht ganz einig ist, wie viele es nun gibt), aber nicht jeder bewertet jedes Motiv gleich hoch. Menschen unterscheiden sich also dadurch, wie wichtig Ihnen die verschiedenen Motive sind. Grundlegende Motive sind physiologischer Natur und sind sehr einfach durch evolutionäre Prozesse zu erklären. Es handelt sich um die drei Motive Hunger, Durst und Sexualität. Auf diese drei Motive passt am ehesten auch der psychoanalytische Begriff des „Triebs“, der in etwa das gleiche meint. Auch wenn die Psychoanalyse, d.h. Sigmund Freud und seine Schüler bzw. Nachfolger,  meiner Meinung viel Unsinn verzapft haben, so muss man anerkennen, dass das Konzept der (unbewussten) Triebe frappierende Ähnlichkeit hat mit dem Modell der Motivation, das in der heutigen Wissenschaft etabliert ist und welches ich im Verlauf dieser siebenteiligen Reihe versuchen werde darzustellen.

Welche Motive werden unterschieden?

Hunger, Durst und Sexualität werden im Gehirn maßgeblich durch den Hypothalamus (die „vegetative Schaltzentrale“) gesteuert, der letztendlich die Freisetzung von Hormonen bedingt, die mit dem Stoffwechsel interagieren und das Bedürfnis nach Nahrung, Flüssigkeit und Sex steuern. „Höhere“ Motive sind vor allem die drei Motive nach Leistung (das Bedürfnis, in Leistungssituationen das Beste zu geben, seine Fähigkeiten auszubauen und sich selbst zu verbessern), nach Anschluss (Bedürfnis nach Aufbau, Aufrechterhaltung und Wiederherstellung positiver zwischenmenschlicher Beziehungen) und nach Macht (Bedürfnis nach Kontrolle und Dominanz über andere Menschen und danach, gegen andere zu gewinnen). Daneben betrachten einige Forscher auch noch Aggression und Neugier als weitere Motive. In puncto Neugier spricht man, wenn dieses Motiv extrem stark ausgeprägt ist, z.B. von „sensation seeking“, was eine Vorliebe für risikoreiche, impulsive, gefährliche und potenziell für andere schädliche Verhaltensweisen meint. Hierzu ist gut belegt, dass dieses Motiv mit einem überaktiven Dopaminsystem einhergeht, auf das ich noch zurück kommen werde. Aggression hingegen werde ich an dieser Stelle ausklammern, da sich dieses Thema gut mit der Frage verbinden lässt, warum Menschen eigentlich Verbrechen begehen – womit ich mich in Zukunft noch auseinander setzen werde.

Was ist der Ursprung der Motive?

Gegenwärtig werden die meisten Motive evolutionspsychologisch erklärt, d.h. ihre Entstehung wird dadurch begründet, dass Individuen, die ein entsprechendes Motiv hatten, dadurch direkt ihre eigenen Überlebenschancen und/oder gleichzeitig ihre Fortpflanzungschancen steigern konnten. Bei Hunger und Durst ist der Überlebenszweck unübersehbar, das Motiv nach Sexualität diente in der Vergangenheit zweifelsohne der Fortpflanzung, einen Zweck, den es heutzutage größtenteils verloren hat. Aber auch die Motive Macht, Anschluss und Leistung haben sehr wahrscheinlich einen evolutiven Sinn. Macht und Dominanz machen attraktiv und steigern die Fortpflanzungschancen, ähnlich wie ein stark ausgeprägtes Leistungsmotiv, das erfolgreich macht. Das Anschlussmotiv fördert den Gruppenzusammenhalt und war daher in der frühen Menschheitsgeschichte ebenfalls überlebenswichtig – so postulieren es viele aktuelle Modelle.

Und was ist nun Motivation?

Motivation ist ein positiver Erregungszustand, der Verhalten anstoßen kann und immer dann entsteht, wenn ein Motiv angeregt wird. Dazu braucht es einen Anreiz, der z.B. in einer bestimmten Situation bestehen kann. So kann beispielsweise die Konfrontation mit einer Leistungssituation (z.B. ein Sportwettbewerb) das Leistungsmotiv aktivieren. Die treibende Kraft hierbei ist die „Affektantizipation“, d.h. die Erwartung von positiven emotionalen Konsequenzen (z.B. Freude oder Stolz). In anderen Worten: Eine Situation aktiviert ein Motiv (stellt also einen Anreiz dar); und weil man erwartet, dass man sich danach gut fühlt, führt man ein bestimmtes Verhalten aus. Vereinfacht wird Motivation oft als eine Funktion von Erwartung x Wert erklärt. „Erwartung“ meint das Ausmaß, zu dem man positive Konsequenzen des Verhaltens erwartet, und „Wert“ beschreibt den subjektiven Stellenwert der positiven Gefühlskonsequenzen. D.h., ob ich das Verhalten letztendlich durchführe, hängt sowohl vom Wert als auch von der Wahrscheinlichkeit des Eintretens positiver emotionaler Konsequenzen des Verhaltens ab. Davon, wie diese emotionalen Konsequenzen entstehen und vermittelt werden, handelt Teil 2.

© Christian Rupp 2013

„Aufmerksamkeit“: Was ist das eigentlich und wie funktioniert es?

„Aufmerksamkeit“ ist ein Beispiel für einen Begriff, von dem jeder Laie typischerweise meint, zu wissen, was sich dahinter verbirgt. Schaut man sich die psychologische und neurowissenschaftliche Forschung zu diesem Thema an, bemerkt man schnell, dass hierüber alles andere als Klarheit herrscht: Kaum ein Thema in der psychologischen Forschung ist derart kompliziert zu durchschauen und ebenso widersprüchlich.

Selektive Aufmerksamkeit: Wo war der Gorilla?

Zunächst ein Überblick über die Unterteilung, die häufig getroffen wird. Wenn man von „Aufmerksamkeit“ spricht, muss man zwischen einer ganzen Menge von Begriffen unterscheiden. Zunächst unterscheidet man „globale Zustände“, d.h. wach vs. schlafend. Innerhalb des Wachzustands kann man dann wirklich „wachsam“ sein (im Englischen gibt es hierfür den schönen Begriff „attentive“ oder auch „alert“), oder aber eher schläfrig und „duselig“. Nur in einem wachsamen Zustand tritt das zum Vorschein, was mit „selektive Aufmerksamkeit“ bezeichnet wird. Und diese Aufmerksamkeit ist in dem Sinne selektiv, als sie sich ausschließlich auf eine Sache richtet. Diese „Sache“ kann entweder eine Richtung im Raum sein (z.B. das Gespräch der Leute links neben mir), ein Objekt (z.B. eine Fliege), oder ein einziges Merkmal (der rote Punkt auf der Stirn der Frau vor mir). Dass es tatsächlich diese drei Arten von Aufmerksamkeit gibt, wurde bereits häufig nachgewiesen. Eine praktische Implikation hiervon ist übrigens, dass so genannten „Head-up Displays“, bei denen z.B. die gerade gefahrene Geschwindigkeit auf die Windschutzscheibe des Autos projiziert wird, nur eingeschränkt etwas bringen, da die Aufmerksamkeit beim Autofahren nicht einfach nur nach „vorne“ gerichtet ist, sondern auf die Straße – und eben nicht auf die Scheibe!

Ein bekanntes Experiment, das die Selektivität der Aufmerksamkeit verdeutlichst, ist dasjenige, wo einer Person ein Video mit Basketballspielern zweier Teams gezeigt wird. Die Person wird gebeten, alle Pässe zwischen Mitgliedern von Team A zu zählen, nicht aber die von Team B. Die Aufmerksamkeit ruht somit immer auf dem jeweils involvierten Spieler bzw. dem Ball, sodass kaum jemand nachher mitbekommen hat, dass mitten im Spiel ein sehr auffälliger Gorilla durchs Bild gelaufen ist. Eine gute Demonstration finden Sie hier.

Aufmerksamkeit, das heimliche Spotlight

Außerdem unterscheidet man noch zwischen willentlichen und automatischen Aufmerksamkeitsprozessen, die gemäß neurowissenschaftlicher Befunde auch durch unterschiedliche Teile des Gehirns gesteuert werden. Die willentliche Aufmerksamkeit wird aufgrund einer Absicht auf einen Reiz gelenkt (z.B. beim Lesen auf die Wörter im Buch), während die automatische Aufmerksamkeit von hervorstechenden Reizen in der Umwelt in Beschlag genommen wird. Das bringt mich zwingend zu einem wichtigen Thema: Aufmerksamkeitslenkung – d.h. wie bewegt sich unsere Aufmerksamkeit eigentlich? Nun könnte der Laie argumentieren: Na ist doch klar, mit den Augen. Aber das stimmt nicht. Wo unsere Aufmerksamkeit gerade ruht, ist unabhängig von unseren Augen. Zum einen, weil wir unsere Aufmerksamkeit natürlich auch auf akustische Reize lenken können. Zum anderen, weil selbst die visuelle Aufmerksamkeit an einem anderen Ort sein kann als an dem, den unsere Augen gerade fixieren. D.h., obwohl meine Augen den Fernseher anstarren, kann der Fokus meiner Aufmerksamkeit in meinem peripheren Sichtfeld sein, d.h. z.B. beim Ehegatten, der gerade auf dem Schrank neben dem Fernseher Staub wischt. Daher ist die Aufmerksamkeit ein „verdeckter“ („coverter“) Mechanismus – wir können von außen nicht sagen, wo die Aufmerksamkeit eines Menschen gerade liegt. Diese bemerkenswerte Eigenschaft der Aufmerksamkeit fand Hermann von Helmholtz bereits Ende des 19. Jahrhunderts heraus.

Die meisten Forscher gehen heute davon aus, dass sich die Aufmerksamkeit ähnlich einem „Spotlight“ bewegt: Dieses Spotlight fokussiert sich auf einen Punkt im Raum, ein Objekt oder ein Merkmal und verweilt dort, bis es z.B. von einem lauten Geräusch dazu verleitet wird, das Objekt (z.B. ein Buch) zu verlassen („disengage“), sich zu bewegen und erneut ein Objekt des Interesses (eine Fliege auf der Seite, die man gerade liest) zu fokussieren („engage“). Und da die Aufmerksamkeit „heimlich“ wandert, kann all das passieren, ohne dass sich Kopf oder Augen bewegen. Interessanterweise kann übrigens in einem solchen Moment die Aufmerksamkeit nicht sofort wieder zum Ursprungsort zurück wandern: Hemmende Prozesse im Gehirn verhindern, dass die Aufmerksamkeit sofort wieder zu den Buchstaben zurückwandern kann – selbst wenn der ablenkende Reiz völlig irrelevant und ungefährlich war (Dieses Phänomen nennt man „inhibition of return“). Übrigens ist der Gedanke, die Aufmerksamkeit wandere mit den Augen, gar nicht so weit hergeholt, da die Gehirnbereiche, die unsere Augenbewegungen steuern, viele Überlappungen mit denjenigen Bereichen haben, die für die Ausrichtung der Aufmerksamkeit als relevant angesehen werden.

Frühe Selektion und der Cocktailparty-Effekt

Eine lang währende Debatte drehte sich in der Vergangenheit um die Frage, an welcher Stelle im Informationsverarbeitungsprozess die selektive Aufmerksamkeit „eingreift“ und dafür sorgt, dass nicht relevante (d.h. aufmerksam beachtete) Informationen nicht weiterverarbeitet werden. Konkret ging es darum, ob dieser „Eingriff“ früh, d.h. kurz nachdem die Reize durch unsere Sinnesorgane das Gehirn erreicht haben, passiert, oder spät, d.h. erst nachdem sowohl relevante als auch irrelevante Reize bereits ziemlich weit verarbeitet wurden. Die momentane Befundlage sieht kurz zusammengefasst so aus: Neurowissenschaftliche (MEG, EEG- und fMRT-) Befunde und die Ergebnisse von Reaktionszeitexperimenten belegen vor allem die frühe Selektion, die schon kurz nach Eingang der Sinnesreize die unwichtigen herausfiltert, die dann nicht weiter verarbeitet werden und daher auch nicht unser Bewusstsein erreichen. Bildgebende Experimente konnten zeigen, dass das Gehirn bei der Verarbeitung aufmerksam betrachteter Reize in bestimmten Arealen tatsächlich aktiver ist als bei unaufmerksam betrachteten. Tatsächlich ist es so, dass durch die Ausrichtung der Aufmerksamkeit z.B. auf einen bestimmten Punkt im Raum die Aktivität in eben den Gehirnarealen ansteigt, die für die Verarbeitung von visuellen Reizen an genau dieser Stelle verantwortlich sind – und das, bevor überhaupt ein visueller Reiz erschienen ist. Ziemlich beeindruckend, wie ich finde!

Ein Beleg für die frühe Selektion ist auch der Cocktailparty-Effekt, d.h. das Phänomen, dass Menschen in einer von vielen verschiedenen Geräuschquellen charakterisierten Umgebung (wie einer Cocktailparty) trotzdem nur einer Quelle (z.B. einem Gespräch) folgen können, obwohl die Quelle in der Umgebung vielleicht sogar die leiseste ist. Die selektive Aufmerksamkeit kann aber durchaus auch „gestört“ werden. Bestimmte nicht mit Aufmerksamkeit bedachte Reize, die eine besondere Priorität haben, können die „Schranke“ der frühen Selektion offenbar passieren und gelangen in unser Bewusstsein. Das passiert z.B., wenn wir in einer solchen Cocktailparty-Situation einem Gespräch folgen und von irgendwoher plötzlich unseren Namen hören. Die frühe Selektion lässt also manche Informationen durch, die dann eine Verschiebung des „Spotlights“ bewirken. Dies ist ein Beleg dafür, dass nicht alle irrelevanten Informationen direkt zu Beginn ausgefiltert werden, denn: Es gibt auch noch einen späten Selektionsprozess, der eine etwas andere Art der Aufmerksamkeit darstellt und eine andere Funktion hat.

Späte Selektion & ereigniskorrelierte Potenziale

Dass es auch noch späte Selektionsprozesse gibt, weiß man unter anderem durch die Untersuchung ereigniskorrelierter Potenziale (kurz EKP oder englisch ERP). Dabei handelt es sich um eine Sonderform des EEG (Elektroenzephalographie – das, wo einem Elektroden auf die Kopfhaut geklebt werden). Dieses Verfahren misst die winzigen, im Mikrovolt-Bereich liegenden elektrischen Potenziale der Nervenzellen in unserem Gehirn, die noch an der Kopfhaut messbar sind (oft wird das als „Hirnströme“ bezeichnet, aber dieser Begriff ist ziemlicher Quatsch). Während das EEG an sich es z.B. ermöglicht, verschiedene Schlafstadien zu unterscheiden (weil die Wellenformen je nach Phase anders aussehen), hat die EKP-Methode ein anderes Ziel. Sie will elektrische Potenziale messen, die mit bestimmten „Ereignissen“ korrelieren, d.h. solche, die nach der Darbietung bestimmter Reize wie Tönen, Geräuschen oder Bildern auftreten. Dazu müssen die EEG-Wellen, die leider vielen Störeinflüssen unterworfen sind, erst einmal gemittelt werden. Erst dann werden solche ereigniskorrelierten Potenziale sichtbar. Von diesen EKPs kennt man nun verschiedene, die sich hinsichtlich ihrer Polarität (positive oder negative Spannung) und bezüglich der Zeit unterscheiden, die zwischen der Reizdarbietung und dem Auftreten des EKP liegt (als „Latenz“ bezeichnet). Ein sehr bekanntes und im Hinblick auf späte Selektion wichtiges EKP ist die „P300“. Die heißt so, weil sie ein positiver Ausschlag der Spannung ist, der ca. 300 Millisekunden nach der Darbietung des Reizes auftritt.

Die P300: „Irgendwas ist anders als vorher“

Die P300 tritt immer dann auf, wenn ein dargebotener Reiz von den zuvor dargebotenen abweicht. D.h., einer Person wird z.B. 50 Mal derselbe Ton dargeboten, und plötzlich kommt ein völlig anderer Ton. An dieser Stelle tritt die (sehr stark ausgeprägte und unübersehbare) P300 auf. Diese wird auf Basis bisheriger Forschungsergebnisse vor allem als Maß dafür gesehen, wie viele „Aufmerksamkeitsressourcen“ dem Reiz zugeteilt werden. Hier haben wir es mit einem etwas anderen Verständnis von Aufmerksamkeit zu tun. Der Begriff „Ressource“ soll heißen, dass Aufmerksamkeit ein limitiertes Gut ist. Oder in anderen Worten: Wir können einer Sache unterschiedlich viel Aufmerksamkeit schenken (d.h. Ressourcen zuteilen). Wenn wir bei der Metapher des Spotlights bleiben, könnte man sagen: Je nach zugeteilter Ressourcenmenge ist das Licht des Spotlights unterschiedlich hell.

Die P300 wiederum wird als Indikator für das Ausmaß dieser Ressourcenmenge angesehen. Wenn sich in Reaktion auf einen neuartigen Reiz eine große P300 ergibt, so lässt sich daraus schließen, dass diesem Reiz viele Aufmerksamkeitsressourcen zugeteilt wurden. In Experimenten wie dem, das ich für meine Bachelorarbeit durchgeführt habe, gibt es meist drei Arten von Reizen. Bei 100 akustischen Reizen sind das z.B. 70 „langweilige“ tiefe Töne (=Standardreize), 15 andersartige Töne, nach deren Darbietung der Proband eine Taste drücken soll (=Zielreize), und 15 andersartige Töne, auf die aber nicht reagiert werden soll (= Distraktoren). Nun kommt ein weiterer Begriff ins Spiel, nämlich die „Effizienz der Ressourcenzuteilung“. Das soll bedeuten: Wenn man mit seinen Ressourcen effizient umgeht, dann sollten Reize, die in dem Sinne „wichtig“ sind, weil man auf sie reagieren soll, mehr Ressourcen erhalten als die Distraktoren. So, und hier schließt sich der Bogen zu ADHS, denn: Bei ADHS-Patienten weißt vieles darauf hin, dass diese Ressourcenzuteilung ineffektiv ist. Die P300 in Reaktion auf Distraktoren ist genau so groß oder größer als die nach Zielreizen, und das Umgekehrte gilt für gesunde Menschen. Man könnte dies dahin gehend interpretieren, dass ADHS-Patienten eher von unwichtigen Reizen in der Umwelt abgelenkt werden. Im Gegensatz dazu ist die selektive Aufmerksamkeit, d.h. die frühe Selektion, bei ADHS tendenziell nicht beeinträchtigt, was ich hier noch einmal ganz klar hervorheben möchte!

Auf die Überraschung kommt’s an

Was ich in meiner Arbeit außerdem untersucht habe, ist, welchen Einfluss es hat, ob die Distraktoren den Zielreizen ähneln (d.h. auch Töne sind) oder einer anderen Reizkategorie angehören (Umweltgeräusche). Es zeigte sich, dass die Umweltgeräusche eine deutlich größere P300 erzeugten, woraus man schließen kann, dass diese neuartiger als die Töne waren und daher mehr Aufmerksamkeitsressourcen erhalten haben. Ich habe am Ende dieses Abschnitts eine Abbildung eingefügt, die die P300 in Reaktion auf Umweltgeräusche zeigt. Die drei verschiedenen Kurven stehen für drei verschiedene Elektroden am Kopf, an denen ich gemessen habe. Auf der y-Achse ist die Spannung in Mikrovolt abgetragen, auf der x-Achse die Zeit in Millisekunden, wobei die gestrichelte vertikale Linie den Zeitpunkt anzeigt, an dem dem Probanden das Geräusch vorgespielt wurde. Die Sternchen markieren den Punkt der maximalen Spannung, der als Index für die P300 verwendet wird. Achtung: Bei EEG-Abbildungen ist es üblich, dass positive Werte unten abgetragen werden und negative nach oben (niemand weiß, warum). Die Skala reicht von ca. -14 bis +14 Mikrovolt. Konkret ging es in meiner Arbeit allerdings auch noch um die Unterscheidung zweier verschiedener „Versionen“ der P300 (genannt P3a und P3b), was aber den Rahmen dieses Eintrags sprengen würde. Aber so habe ich euch zumindest eine gewisse Idee von dem vermittelt, womit ich mich ein halbes Jahr beschäftigt habe!

Doch warum fasse ich all das unter dem Punkt „späte Selektion“ zusammen? Ganz einfach: Es muss sich um späte Selektion handeln, da eine Aufmerksamkeitsreaktion auf einen abweichenden Reiz nur dann stattfinden kann, wenn der Reiz bereits soweit verarbeitet wurde, dass er kategorisiert wurde – und zwar als „neuartig“. Daher tritt die P300 auch erst nach rund 300 Millisekunden auf. Frühe Selektionsprozesse sind bereits ca. 50-100 Millisekunden nach der Reizdarbietung abgeschlossen.

Welche Gehirnregionen sind an der Aufmerksamkeit beteiligt?

Aufgrund von zahlreichen neurowissenschaftlichen Befunden unterscheidet man, entsprechend der oben vorgestellten Unterteilung, ein System der willentlichen („endogenen“) und eines der automatischen („exogenen“) Aufmerksamkeit. Die Gehirnbereiche, die für die willentliche Ausrichtung der Aufmersamkeit („Ich will mich jetzt auf diesen Film konzentieren“) zuständig sind, befinden sich, grob gesagt, im Parietallappen (d.h. recht an der oberen, hinteren Oberfläche des Gehirns, unterhalb des Scheitels) und werden aufgrund der Gehirn-spezifischen Lagebezeichnungen als „dorsales Aufmerksamkeitssystem“ zusammengefasst. Diejenigen Bereiche, die dafür sorgen, dass unsere Aufmerksamkeit durch auffällige Reize (z.B. einen orgasmatischen Schrei aus der Nachbarwohnung) automatisch wandert, liegen weiter vorne im Gehirn im Frontallappen (unterhalb der Stirn) und werden zusammenfassend als „ventrales Aufmerksamkeitssystem“ bezeichnet. Das dorsale Aufmerksamkeitssystem sorgt derweil genau für das, was ich oben bereits kurz beschrieben habe: Es sorgt durch Nervenverbindungen für eine „Vorab“-Aktivierung derjenigen Gehirnbereiche, die für die Verarbeitung von den dann aufmerksam beobachteten Reizen zuständig sind. Somit gibt es im Prinzip einerseits die Gehirnareale, die Aufmerksamkeit „auslösen“, und andererseits solche, die, beeinflusst durch diese, ihre Aktivität erhöhen. Ziemlich clever, oder?

Fazit

Ich hoffe, ich konnte hiermit ein wenig deutlich machen, wie komplex das Thema „Aufmerksamkeit“ ist – und wie unterschiedlich dieses Thema sogar in der Forschung behandelt wird. Zudem wäre es prima, wenn ich einen Eindruck von dem vermitteln konnte womit ich mich vergangenes Jahr über ein halbes Jahr beschäftigt habe 🙂

© Christian Rupp 2013

ADHS – Trenddiagnose oder ernste Krankheit?

Zu diesem Artikel existiert eine aktualisierte Fassung aus dem Jahr 2022, die Sie hier finden.

Ist das Lächeln echt oder nur gespielt? Der Ursprungsort im Gehirn verrät es.

Jeder kennt das wahrscheinlich: Der Gesprächspartner hat einen Witz erzählt und man findet ihn entweder überhaupt nicht witzig oder hat ihn nicht verstanden. Trotzdem lacht oder grinst man – aus Höflichkeit oder um eine peinliche Auseinandersetzung zu vermeiden, die entweder den einen oder den anderen als Vollidioten dastehen lassen würde. Dann wiederum gibt es die gegenteilige Situation, dass man in einem eigentlich ernsten Gespräch plötzlich auf eine schrecklich lustige Assoziation trifft und man am liebsten loslachen möchte. Je nachdem, was man als taktvoll erachtet und wie sehr man sich selbst kontrollieren kann, wird man sich dann bemühen, die eigene Mimik zu kontrollieren, doch niemand wird sich letztendlich dagegen wehren können, dass das eigene Gehirn den Mund und die Augen zu einem leichten Lächeln formen wird – einem echten Lächeln.

Was willkürliche Bewegungen mit Pyramiden zu tun haben

In der Tat hat ein „gespieltes“, d. h. bewusst und willkürlich erzeugtes Lächeln oder Lachen einen anderen Ursprungsort im Gehirn als ein echtes, das unwillkürlich, also ohne bewusste Bemühung, von den momentan erlebten Emotionen hervorgerufen wird. Diese Entdeckung wurde erstmalig im 19. Jahrhundert von dem Neurologen Guillaume-Benjamin Duchenne gemacht, der entdeckte, dass Menschen, je nachdem welche Gehirnareale bei ihnen beschädigt worden waren, entweder das eine oder das andere nicht mehr „konnten“. So fand Duchenne heraus, dass ein willkürliches Lachen seinen Ursprung am selben Ort im Gehirn hat wie alle anderen bewusst durchgeführten Bewegungen auch: Im primären motorischen Cortex, auch M1 genannt. Alle willkürlichen Bewegungen werden hier durch einen Nervenimpuls „gezündet“ und erreichen nach ihrem Weg durch den Hirnstamm und das Rückenmark als Nervenimpuls diejenigen Muskeln, die beteiligt werden müssen, um die Bewegung durchzuführen. Nervenimpulse, welche die Gesichtsmuskeln (besonders die, die Augen und den Mund beeinflussen) bewegen, verlaufen dabei natürlich nicht durchs Rückenmark, sondern laufen vom motorischen Cortex über den Hirnstamm direkt zu den betreffenden Muskeln. Dieser Pfad für die bewusste Steuerung der Gesichtsmuskulatur wird auch „pyramidaler Pfad“ genannt, weil er durch einen Teil des Hirnstamms (die kaudale medulla oblongata, d. h. den hinteren Teil des verlängerten Rückenmarks) läuft, der durch pyramidenartige Zellstrukturen gekennzeichnet ist. Diesen Pfad nehmen alle bewusst geplanten Bewegungen – im Gegensatz zu den unbewussten. Menschen, bei denen dieser Nervenpfad an irgendeiner Stelle unterbrochen ist, können noch herzhaft lachen, wenn sie etwas wirklich lustig finden, aber sie können nicht auf Kommando ihren Mund zu einem Lächeln formen.

Ganz ohne Willkür: Das Duchenne-Lächeln

Unbewusste Bewegungen werden hingegen von anderen, evolutionär älteren Gehirnstrukturen gesteuert, u. a. von den tief im Inneren des Gehirns liegenden Basalganglien, dem Kleinhirn (dem Dutt-artigen Anhängsel am hinteren Ende des Gehirns, auch Cerebellum genannt) und dem so genannten prämotorischen Cortex. Zusammen regeln diese Areale rhythmische Bewegungen wie z. B. beim Tanzen und sind an der Aufrechterhaltung unseres Gleichgewichts beteiligt. Der prämotorische Cortex liegt ganz in der Nähe des primären motorischen Cortex und ist zusammen mit den Basalganglien der Initiator des „echten“ Lächelns, das nach seinem Entdecker auch „Duchenne-Lächeln“ genannt wird. Ein solcher Nervenimpuls nimmt nicht denselben Weg wie der für das willkürliche Lächeln und verläuft beispielsweise nicht durch jene pyramidenartige Struktur im verlängerten Rückenmark, sondern erreicht die relevanten Muskeln durch eine andere Nervenbahn im Hirnstamm, die formatio reticularis. Daher wird er auch als „extrapyramidaler Pfad“ bezeichnet. Menschen mit einer Schädigungen auf diesem Pfad können auf Anweisung hin ihren Mund zu einem Lächeln formen, aber wenn sie etwas wirklich lustig finden, können sie nicht mehr „echt“ lachen, was für die Betroffenen sehr frustrierend ist.

Ohne Emotion keine Authentizität

Was ganz wichtig ist – es sind nicht dieselben Muskeln wie bei einem willkürlichen Lächeln, die bei solch einem „echten“ Lächeln bewegt werden. Es sind andere Muskeln an Augen und Mund, die hierbei angesteuert werden, weshalb ein geübter Beobachter auch erkennen kann, ob jemand seinen Witz wirklich witzig fand oder nicht. Und eben weil man sieht, wenn jemand es ernst meint mit seinem Lächeln, ist es beispielsweise für Schauspieler wichtig, sich in die passende Stimmung zu versetzen, um die entsprechende Emotion auch tatsächlich authentisch nach außen hin verkörpern zu können. Denn ebenso wie für ein Lächeln gilt diese Regel für einen traurigen oder einen wütenden Gesichtsausdruck. Das ist der Grund dafür, dass Schauspieler lernen müssen, gezielt die „richtigen“ Emotionen in sich selbst wachzurufen – um sich nicht am Ende anhören zu müssen, sie hätten in ihrer Rolle “keine Ausstrahlung“.

© Dr. Christian Rupp 2023

Ist unsere Psyche bloß ein Spielball unserer Hormone?

Die Rolle von Hormonen im Körper darf definitiv nicht unterschätzt werden, aber: Es ist alles andere als einfach. Und das muss klargestellt werden, besonders im Hinblick auf psychische Störungen. Man weiß einiges über die Rolle von Hormonen im Stoffwechsel, in der Entwicklung des Fötus, der Geschlechtsreifung. Aber man weiß vergleichsweise wenig über die Schnittstellen zwischen dem Nervensystem und dem Hormonsystem. Eine dieser Schnittstellen ist lange bekannt: Der Hypothalamus, ein Teil des Gehirns, also Teil des zentralen Nervensystems und wichtiger Vertreter des vegetativen bzw. autonomen Nervensystems.

Das subjektive Erleben bei psychischen Störungen entsteht im Gehirn, denn dort liegt die Quelle unserer Gefühle, unserer Gedanken, unseres Verhaltens. Da das Hormonsystem aber in engem Kontakt mit unserem Gehirn steht (auch wenn man über die genaue Art dieses Kontakts erschreckend wenig weiß), ist es denkbar, dass eine Störung des Hormonhaushalts indirekt auch eine psychische Störung hervorrufen kann. Wie ich in den folgenden zwei Abschnitten beschreiben werde, gibt es tatsächlich aber nur wenige gute Belege für einen Zusammenhang zwischen Hormonen und psychischen Störungen. Beide Beispiele beziehen sich auf eine der häufigsten psychischen Störungen: Die Depression.

Überschuss an Cortisol

Ein anerkanntes Modell der Depression geht z. B. davon aus, dass die oben beschriebene Schnittstelle (der Hypothalamus, also ein Teil des Gehirns, der aber auch Hormone produziert) und die nachgeschalteten Instanzen im Körper (die Hypophyse und Nebennierenrinde, das sind Hormondrüsen) durch Traumata in der Kindheit (z. B. in Form von Missbrauch) überempfindlich und überaktiv wird. Dies mündet in eine Überausschüttung von Cortisol (genannt “Hypercortisolismus”), einem wichtigen Stresshormon, welches sich seinerseits wiederum negativ auf den Serotonin- und Noradrenalinhaushalt (das sind beides Neurotransmitter) des Gehirns auswirkt. Dies wiederum bedingt, vermittelt durch Fehlfunktionen bestimmter Hirnareale (Präfrontaler Cortex und Hippocampus), die depressive Symptomatik. Wie gesagt: Es ist ein Modell (und Modelle sind per Definition eine Vereinfachung der Realität), aber es ist in der Wissenschaft gut akzeptiert und wird durch zahlreiche Belege gestützt. So ist z.B. der Hypercortisolismus (also die Überausschüttung von Cortisol) ein sehr trennscharfes Merkmal zur Unterscheidung von leichten bis mittelgradigen Depressionen (die diesen nicht aufweisen) und schweren Depressionen, für die dieser ein charakteristisches Merkmal ist.

Schilddrüsenfehlfunktion

Unverkennbar ist auch die Rolle der Schilddrüse, einer ganz wichtigen Hormondrüse. Eine Unterfunktion („Hypothyreose“) kann typische depressive Symptome auslösen, weshalb eine solche immer medizinisch ausgeschlossen werden sollte, bevor man die Diagnose einer depressiven Episode stellt. Aber: Bei Weitem nicht jede Depression ist deshalb durch eine Störung des Hormonhaushalts bedingt!

Was bei vielen Formen von Depression gefunden werden kann, ist ein Ungleichgewicht von Serotonin und Noradrenalin (das sind beides Neurotransmitter, keine Hormone). Daran setzen die so genannten SSRIs bzw. SNRIs (diese Abkürzungen bezeichnen Wirkstoffklassen moderner Antidepressiva) an: Sie sorgen dafür, dass wieder mehr Serotonin bzw. Noradrenalin im synaptischen Spalt zwischen zwei Nervenzellen zur Verfügung steht, sodass die Weiterleitung zwischen den Nervenzellen wieder besser funktioniert. Nur: Ob dieser Mangel ursächlich ist für das Symptom-, Denk- und Gefühlsmuster von Depressiven oder aber eine Folge oder einfach eine Begleiterscheinung dessen, ist unklar. Man weiß in diesem Fall nicht, was die Henne und was das Ei ist.

Warum man so wenig wirklich weiß

Das mangelnde Wissen über den Zusammenhang mit Hormonen gilt gleichwohl für alle psychischen Störungen: Obwohl dahingehend in der Neuroendokrinologie viel geforscht wird, wurde bisher für fast keine psychische Störung ein spezifischer hormoneller Zustand gefunden (d. h. einer, der nur bei Störung X auftritt). Dies ist als klarer Hinweis darauf zu werten, dass Hormone eher nicht ursächlich mit psychischen Störungen verbunden sind. Dasselbe gilt für Hormone und allgemeines psychisches Erleben: Kaum ein psychischer Zustand kann bisher eindeutig mit einem spezifischen Hormon in Verbindung gebracht werden.

Dass in diesem Bereich die Forschungslage so dünn und unbefriedigend ist, liegt nicht etwa an der Faulheit seiner Forschenden. Es liegt hier auch nicht an den Pharmaunternehmen, die an solcher Forschung evtl. nicht interessiert sind. Sondern daran, dass es methodisch extrem schwierig (wenn nicht gar unmöglich) ist, die komplexen Beziehungen im Hormon- und Nervensystem hinreichend zu erforschen. Eins von vielen Problemen sei hier kurz skizziert: Um die Wirkung von Hormonen auf den Körper zu untersuchen, muss man sie von außen zufügen, weil man im Körper gebildete Hormone leider nicht mit einer Kamera durch den Körper begleiten kann. Diese wirken sich im Körper aber grundsätzlich anders aus als körpereigene und tun dies zudem so diffus und unspezifisch, dass man keine brauchbaren Schlüsse über ihre Wirkung ziehen kann.

Allerdings gilt natürlich: Nur weil man bisher nichts gefunden hat, muss das nicht heißen, dass es keine Zusammenhänge gibt. Fazit daher: Es besteht dringender Forschungsbedarf.

© Dr. Christian Rupp 2023